An unsere Leserinnen
i richten Wir d i e freundliche Bitte, beiihren Einkäufen in erster j Linie den Anzeigenteil unseres Blattes zu Rate zu ziehen. i
Draußen in den Arkaden rieselt eine Fontäne und da sind Steinterraflen mit Blumen. Die Luft ist förmlich parfümiert mit Veilchenduft, hier sind auch lange, tiefe Gänge, die in Finsternis münden, leere Räume ohne Fenster — ganz gefängnisartig. Die Arkaden haben große Steinsliesen, und am Haufe wachsen Schlingpflanzen mit Ranken, die von den Balkons herunterhängen. Die Bäcker führen mich durch alle Winkel, das Wirtshaus ist groß, es ist nicht alles in Gebrauch genommen; die Gebäude sind alt, verfallen.
Und fortwährend in der Nacht kommen und gehen hier geheimnisvolle Menschen. Stundenlang stehen einige draußen und plaudern, bis ich gezwungen bin, die Tür zu öffnen und um Ruhe ,u bitten; da verbeugen sie sich, machen einen Kratzfuß und verschwinden sofort. — Hier ist es herrlich, man ist verschont von springenden Kellnern, die man auf Reisen so satt bekommt — wundervoll, in einem Palast mit dik- ken Mauern und weißen Wänden zu wohnen, ein behaglicher Gegensatz zu den südamerikanische prätentiösen Hotelzimmern mit Plüschmöbeln, Konsolen, Spiegeln und geschmacklosen Tapeten.
Der Kaffee hat uns sehr munter gemacht und Zigaretten haben wir genug. Also gehen wir zusammen durch die Stadt. Unten auf einem anderen Platz steht die Statue eines Indianers. „Der letzte Inka," sagt einer von den Bäckern. — „Ich bin in Euzco," singt es in mir — „in der uralten Jnkastadt mit den antiken Mauern."
Ebbe Kornerup.
Aus aflti Welt.
Eine GchMertragödie.
In Pasing bei München hat der 17jährige Sohn eines Prosesiors auf die 16jährige Tochter eines Rechtsanwalts einen Schuß abgegeben, der das Mädchen schwer verletzte. Der Gymnasiast schoß dann auf sich selbst und verletzte sich schwer. Schon vor Wochen war es auf einem Schulaus- flng zwischen der Tochter des Rechtsanwalts und dem beinahe gleichaltrigen Professor-Sohn zu Neckereien gekommen, die schließlich zu einem Streit führten. Dabei versetzte das Mädchen dem jungen Mann einen Schlag, wodurch sich dieser, ein leicht beleidigter Mensch, in seiner Ehre schwer gekränkt fühlte. Er sah keinen anderen Ausweg mehr ans derNot und beschloß daher, zunächst das Mädchen und dann sich selbst zu crichießen. DieTat erfolgte vor dem Schulgebäude. Tie Verletzungen sind lebensgefährlich
*
Das Seid liegt auf der Straße.
Eine geradezu märchenhaftes Glück ist dem Nachtwächter der englischen Stadt Leicester wieder fahr en. Der Mann, namens Sad- dington, führte ein überaus ärmliches Leben und wohnte im dunkelsten Viertel der Stadt Abend für Abend ging er seinem Berus nach und niemals hatte er wohl daran gedacht, daß er einmal seine Hütte mit einer Villa im besten Viertel der Stadt vertauschen werde. Aber das kam so: Eines Morgens saß er, müde von der anstrengenden Arbeit aus einer Dank von Leicester und vertiefte sich in eine lie- genaelaffene Londoner Zeitung. Bei ihrem Stud-um entdeckte er ein Inserat, durch das Erben eines in Australien verstorbenen Engländers namens Saddington gesucht wurden. Der Nachtwächter erinnerte siel, dunkel, daß einmal ein Onkel von ihm als Arbeiter nachAusstralien ous- gewandert war. Er meldete den Vorgang sei
nem Vorgesetzten, der die Angelegenheit Weiter verfolgte. Balo stellte -s sich auch tatsächlich, heraus, daß der arme Nachtwächter der alleinige Erbe des Vermögens des Verstorbenen war, das sich aus über 50000 Pfund belief. Der Onkel war bereits vor zwanzig Jahren gestorben und die Behölden hatten durch alle möglichen Ausschreibungen vergeblich nach den Erben gesucht. Die Ankündigung in der Londoner Zeitung sollte die letzte fein, die zwecks Auffindung der Erben erlaßen wurde, und ein seltsamer Zufall wollte es, daß gerade diese Nummer auf jener Bank im Park von Leicester in die Hände des armen Nachtwächters fiel.
* Leipzig die viertgrößte deutsche Stadt. Die Einwohnerzahl Leipzigs beträgt nach der neuen Zählung 660140. Im Jahre 1910 wies Leipzig insgesamt 613940 Einwohner auf. Dresden hat mit 608 025 abgeschlossen. Das Gesamtergebnis für den Freistaat Sachsen beträgt 4 970 301. Das Ergebnis stellt Leipzig mit 11000 Einwohnern unter die Münchener Bevölkerungszifser, so daß Leipzig unter den deutschen Großstädten nach Berlin, Hamburg und München den vierten Platz einnimmt.
* Kein Tag ohne Autounfälle. Ein mit vier Personen besetztes Auto fuhr in Karlsbad gegen einen Telegraphenmast. Ter Wagen wurde zertrümmert und die Insassen hinausgeschleudert. Zwei Personen wurden getötet, die beiden anderen leicht verletzt.
* Eifersuchtsdrama. In Berthelsdorf bei Freiberg drang ein Arbeiter in das Schlafzimmer seiner Braut ein und gab zwei Schüsse auf sie ab, durch die das Mädchen schwer Verletzt wurde. Der zu Hilfe eilenden Mutter des Mädchens brachte der rasende Mensch einen tödlichen Lungenschuß bei. Hierauf erschoß er sich selbst. Der Tat liegt offenbar Eifersucht zugrunde.
* Ueberschwemmungen im Oderqebtct. We- oen des Steigens der Oder, das durch die Regenfälle der letzten Tage hervorgerusen wurde, hat die Schiffahrt bei Opveln vollständig eingestellt werden müssen. In den Oder-Niederungen ist das Wasser über die Ufer getreten und hat durch Ueberschwemmung eines großen Teiles der Wiesen und Wälder großen Schaden angerichtet.
* Sieben Touristen erfroren. Sieben Touristen aus Graz, Linz und Wien gerieten bei einer Bergtour ans den Oedstein in einen furchtbaren Wettersturm. Sie brachen erschöpft zusammen und erfroren Weiteren sechs Touristen gelang es mit dem Aufgebot ihrer letzten Kräfte ins Tal zurückzukehren.
* Falsche Gerüchte All? Gerüchte über Fälle von spinaler Kinderlähmung in den Ostseebädern sind tmbegründet. Amtliche Auskünfte von Flensburg bis Memel haben ergeben, daß in keinem deutsch"» Ostseebad in diesem Jahr auch nur ein einziger Fall von spinaler Kinderlähmung vorqekommen ist.
»Neues Erdbeben in Santa Barbara. Der kalisoinische Badeort Santa Barbara wurde wie- derum von einem heftigen Erdstoß heimgesucht. 10 Personen wurden verletzt, der Sachschaden ist noch nicht bekannt. Es brach Feuer aus, zu dessen Bekämpfung die Wehren der benachbarten Städte alarmiert wurden. In der Bevölkerung herrscht ungeheure Panik.
* Ein neuer Verteidiger für Grans. Rechtsanwalt Lotze, der Verteidiger des im Haarmann. Prozeß zum Tode verurteilten Grans, hat die Verteidigung niedergelegt, nachdem es ihm gelungen war, die Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Der Grund für diesen Schritt ist darin zu sehen, daß der Vater des Grans ver
langte, daß nunmehr außer dem Rechtsanwalt Lotze auch noch der Rechtsanwalt Dr. Teich zur Verteidigung hinzugezogen würde.
* Tie Gemeinde als Wucherer. Vom großen Schöffengericht Stuttgart wurde die gesamte Gemeindeverwaltung Döffingen wegen Leistungs- Wilchers zu Geldstrafen von 140 bis 200 Mark verurteilt. Die Gemeindeverwaltung hatte eine Schafweide, die früher eine Pacht von 1200 Mark im Jahr embrachte, für 7000 Mark verpachtet.
2Ingerftein vor Gericht.
Prozcßbeginn am Montag.
Wie wir bereits mitteilten, beginnt am Montag in L i m b u r g an der Lahn der Prozeß gegen den Massenmörder Fritz Angerstein aus Haiger. In dem kleinen Städtchen Haiger im Siegerland bewohnte der Prokurist Fritz Angerstein, der das Zweigwerk der Stahlwerke Van der Zypen verwaltete, mit seiner Familie eine Villa. In einer der ersten Dezembernächte des vorigen Jahres hörten die Bewohner der umliegende Häuser Hilferufe, und als sie hinzueilten, stand die Villa Angerstein in Flammen. Angerstein selbst wurde mit schweren Stichwunden an Garten der Villa aufgefunden. In der Villa fand man dann die Angehörigen und Angestellten Angersteins, insgesamt acht Personen fr grauenhaftem Zustand ermordet auf. Die sofort angestellten Ermittlungen ergaben, daß Anger- stein selbst der Mörder war.
Auf dem Krankenbett erzählte der Mörder seinem Bruder, seine Frau habe in Köln einen Straßenbahnunfall erlitten und sich eine schwere Verletzung des Rückgrats zugezogen, die ein lebenslängliches Siechtum zur Folge hatte. Angerstein behauptet, in der Mordnacht wieder zum deutlichen Bewußtsein ihres Leidens gekommen zu sein. Er habe seine Frau von ihren Schmerzen befreien wollen und mit einem Dolchmesser besinnungslos auf sie eingestochen, bis sie tot war. Der Anblick der toten Frau habe ihn dann derartig wahnsinnig gemacht, daß er den Beschluß faßte, alles aus dem Wege zu räumen. Am Morgen sei die Schwiegermutter in das Zimmer der Tochter gekommen und habe beim Anblick der Leiche furchtbar zu fchreien begonnen. Darauf fei er auf sie zugestüzt und habe sie mit einem Beilhieb niedergemacht. Auch das Dienstmädchen, das herzueilte, wurde auf diese Weise getötet. Die Schwester seiner Frau, die morgens von einem Vergnügen heimkehrte, wurde gleichfalls mit dem Beil empfangen und erschlagen. In gleicher Weise endeten die beiden Gärtnergehilfen und zwei Angestellte der Firma. Nach der Tat übergoß Angerstein die Räume mit Benzol und ging dann nachmittags in die Stadt, um einige Einkäufe zu machen. Spät abends kehrte er wieder zurück und steckte das Haus in Brand. Vor dem Hause hat er sich dann selbst die Stichwunden beigebracht, um einen Uebersall vorzutäuschen. Die Polizei wurde zuerst stutzig, als sich zeigte, daß nirgends et- ioas geraubt war, daß ferner nicht die geringsten Fußspuren gefunden wurden. Schließlich wurde ein Beweis der Täterschaft Angersteins dadurch erbracht, daß die Photographie des Augapfels eines der erschlagenen Opfer im Spiegel das Gesicht des Mörders zeigte, der mit erhobenem Beil vor dem Opfer stand. Die wirklichen Ursachen der Tat blieben zunächst ein Rätsel. Es stellte sich allerdings noch heraus, daß Angerstein in schwerer finanzieller Bedrängnis gewesen sein mußte, und seiner Firma be- teils mehrere tausend Mark veruntreut hatte, daß ferner auch seine Entlassung bereits ausgesprochen war. Es schien aber durchaus zweifelhaft, daß hierin der Grund für einen derartig rohen Massenmord liegen konnte. Man mußte vielmehr eine geistige Umnachtung, einen Blutrausch annehmen. Zur Beobachtung seines Geisteszustandes hat Angerstein in den letzten Monaten in verschiedenen Kliniken geweilt. Angerstein ist jetzt im Landgerichtsgefängnis Limburg unter« aebracht. Der am Montag beginnende Prozeß wird eine endgültige Klarstellung dieser furchtbaren Mordtat bringen. Der Prozeß wird mindestens eine ganze Woche in Anspruch nehmen.
Nr. 154.
Fünfzehnter Jahrgang.
Äm Land der Znkas.
Leben in einer peruanischen Landstadt. Eine Gafthof-Rünberböble. I Mau riecht den schmutz auch in Peru. / Drei Sa-rbuuderi« und die elekiriicke Birne. I Entdeckungsreisen tm Hof. / Bäckerei in den Tropen. / Unter den Arkaden. I Der toste Inka.
Eines der geheimnisvollsten Länder des süd- amerikanischen Kontinents ist P e r u, das Land der alten Inkas, und hier wieder ist C u z e o die Stadt, in der noch die meisten Reste der alten Inka-Kultur vorhanden sind. Ebbe Kornerup, der bekannte dänische Weltreisende, hat in einem im Kosmos-Verlag, Stuttgart, erschienenen Buche über Peru einen Besuch in dieser Stadt aus das Anschaulichste geschildert. „In einem kurzen niedrigen Straßenbahnwagen," so schreibt er, „bespannt mit sechs hundsmageren Maultieren, jagen wir nachts in voller Fahrt mit einem stattlichen Kutscher und vielem Gerassel von eisenbeschlagenen Zügeln in Cuz- cos schmale, aber hell erleuchtete Straßen hinein.
Wir sind um zwei Jahrhunderte zurückversetzt trotz den strahlenden elektrischen Birnen. Die Häuser haben Steinportale mit Säulen und vorspringenden Balkons, aber sehr wenige Fenster, und die Mauern gehen bis dicht an die schmalen Geleise. Wir sehen vom Straßenbahnwagen in Tore mit Menschen, die dem gepfercht vollen Wagen nachschauen. Ich wohne in einer Räuberhöhle. Schon hier zu wohnen ist ein Erlebnis. Es ist das interessanteste Gasthaus in Cuzco. Durch ein großes Tor kam ich auf einen viereckigen Hof mit Altanen an allen vier Seiten und einer steilen Treppe zum ersten Stock. Alle Zimmer unten liegen nach dem Hof, im ersten Stock gehen die Zimmer auf die Altane, und da sind keine Fenster, nur Türen. Eine fette Madame mit süßlichem, lächelndem Wesen empfängt mich auf der Treppe.
Ich trete in das Speisezimmer. An einem Tisch sitzt ein großer, magerer, gelber Mann mit stechenden Augen, fortwährend blickt er nach der Tür, die unaufhörlich auf und zu geht, während ein dreizehnjähriger Junge die Gerichte von der Küche hereinbringt. Der Junge ist so schmutzig, daß man ihn riechen kann, ehe er hereinkommt und das Essen ist ebenso unappetitlich wie der Bengel, infolgedessen esse ich nur Brot und Obst und halte mich an den Wein, der gut ist. Und doch bleibe ich wohnen, diese Kneipe hat etwas Anziehendes — allein schon das Zimmer. Es liegt unten im Hause mit einer Tür nach dem Hof, eine Mönchszelle, eine große Zelle mit Kuppel und Gurtbogen. Das Zimmer ist rein und weißgetüncht, hat neue Strohmatten und ein breites, sauberes Bett mit schönen handgewebten, roten und blauen indianischen Decken, mitten in der Kuppel eine elektrische Birne — unsere Zeit — sonst ist das Gemach dreihundert Jahre alt. Die Mauern sind anderthalb Meter dick, die Tür ist zugleich Fenster und hat kein Schloß.
Es ist mitten in der Nacht, ich bin auf Entdeckungsreisen und finde einen uralten Hof mit einem Säulengang mit stilvollen Arkaden und komme in eine Bäckerei mit Feuer, einem heißen Ofen und braunen, halbnackten Indianern, die Brot wenden. Ein großer Bursche steht in einem Trog auf dem Kops und knetet Teig, daß man nur seine Beine sieht, die in löcherigen, strammen kurzen Hosen stecken. Und Bäcker und Bursche zeigen weiße Zähne und lachen und ziehen das heiße Brot heraus ober öffnen das Feuerloch, daß das Licht in den weiß getünchten Raum strahlt, die Bäcker laufen mit großen, kräftigen Schatten umher, das Licht blinkt in Spinngewebe und auf runden Broten. Als die Bäcker fertig sind, heben sie den Teig von Armen und Fäusten, werfen die paar Lumpen ob, die sie anhaben, und waschen sich am ganzen Körper mit Seife und dampfendem Wasser. Die Tür zum Feuerloch steht offen, so daß die Hitze in den Raum hereinstrahlt. Dann sitzen wir zusammen um das Feuer, trinken Kaffee, essen Brot und rauchen Zigaretten, hier drinnen ist es warm, Kleider brauchen sie nicht, sie tanzen lustig umher wie Affen.
Kasseler Neueste Nachrichten
1. Beilage.
Sonntag, 5. Juli 1925»
Die Andere.
1) Roman von Erich Ebenstein.
Lore von Rntland wirft noch einen Blick auf die lange Tafel, die nun schon feit drei Stunden der Weidmänner harrt, die unter Herrn von Rutlands Führung seit früh im Hinterwald- graben jagen.
.Die Tannenzweige mit den Zapfen daran kennen gottlob nicht verderben." denkt sie ärgerlich. „aber die hübschen weißen Schneero- sen sehen schon ganz welk aus. Wo sie auch nur so lange bleiben?"
Tann schreitet sie langsam die Zimmerflucht entlang bis zu einem kleinen traulichen Salon, wo mehrere junge Damen plaudernd sitzen.
.Immer noch nichts?" fragte ihre Freundin. SSrau Rittmeister Hubl, den hübsch frisierten Kops hebend und Lore mit ihren blanken leeren Kin- derauqen ansehend
„Immer noch nichts i*
Es waren lauter junge Frauen. Gattinnen von Gutsbesitzern aus der Nachbarschaft, deren Männer an der Jagd teilnahmen.
Sie hatten bereits alle Themen von Interesse reichlich durchgefprochen, langweilten sich ein bißchen und waren zudem hungrig.
Ab «nd zu unterdrückte eine mühsam das Gähnen Dann erwägt man wieder alle Möglich feiten, welche die Jagd so unglaublich in die Länge ziehen konnten.
Lore allein empfindet etwas wie dumpfe Besorgnis. Sie ist ans Fenster getreten und starrt hinaus in die bereits von Dämmerhauch umwehte Landschaft.
Tie Stimme ihrer Cousine Gerda reißt sie aus ihren Gedanken.
Gerda erzählt von ihrer Abficht, sich für die Oper auszubilden Alle Bekannte in Schloh- fiädt hätten ihr dazu geraten. Ihre Stimme sei so kräftig, daß ihr Gesangsmeister gesagt habe, sie würde glänzend Karriere machen.
Ma« juchlt, sie will mit jedem Wort auH-
t rüden: Wenn ihr hier auch reich und aornehm tut, ich bin euch doch tausendmal überlegen als Künstlerin.
Dieser Ton hatte Lore gleich geärgert, als die bekannte Eonsine voraestern abend mit ihrem Vater, Onkel Bergmeister, gleichsam aus der Versenkung einer bisher ignorierten Provinz- Verwandtschaft emporstieg.
Papa hatte es gewollt. Ganz plötzlich hatte er sich seiner Eoustne Amalie erinnert, die einst eine Kindergespielin von ihm war und nachher einen Bürgerschullehrer in Schlohstädt heiratete.
Er wußte kaum, wieviel Kinder Bergmeisters hatten, und gar nichts über ihre Lebensgewochn- heiten. Aber es war, als habe er jäh eine unbändige Sehnsucht nach diesen Verwandten seiner Heimatstadt. So lud er sie in letzter Stunde noch zu der bevorstehenden Jagd.
Tante Amalie war irgendwie verhindert, zu kommen. Aber Onkel Bergmeister und seine Aeltcste kamen.
Sie paßten in den glänzenden, säst fürstliche.r Zuschnitt des Hauses Rntland wie Krähen in einen goldenen Käsig.
Lore war heimlich entsetzt, als sie beide begrüßte.
Dieser fahriae, abgearbettete, schleckst angezo- aene Mann sollte ein Onkel sein? Und die Eoustne er ft! Ein kaltes, selbstbewußtes Gesicht, von strchblonden Haaren umrahmt, in hausgemachter Talmielegan; vom Kopf bis zu den Füßen, dazu ein albernes, geziertes Wesen, das Sore direkt aus die Nerven ging.
Als sic durch die prächtigen, lururiös singe- rkbteten Bitner schritten, blinzelte sie in einem Gemisch von Neid und komischer Ueberlegenheit herum.
Lore fühlte aus jedem Wort, jedem Blick den Neid der Eonsine, obwohl sie alles tat. um dieses Gefühl nicht aufkommen zu lassen.
Als Gerda ihre gefchmacklofen Toiletten auskramte — holte Lore eine Anzahl ihrer eigenen Kleider und bat sie, dieselben als kleines Ge- fcheuk anzunehmen.
„Ich bin dir wohl zu schofel," fragte Gerda ärgerlich
„Wo denkst du hin! Aber ich habe ja fo viele! Es macht mir Freude .... Dies waflerblaue Seidenkleid müßte dir gut stehen zu deinem blonden Haar!"
„Hm — ja Es ist zwar sehr einfach, aber wenn du willst könnte ich es morgen zu eurem Jagddiner probieren."
Gerda, die nie im Leben ein Seidenkleid besessen, sagt es mit gönnerhafter Herablassung. Dann versuchte sie mit Baron Klemens Herway, der unter den Gästen war, zu kokettieren.
Während all dies nun an Lores Augen noch einmal vorüberzieht, lächelt ste plötzlich.
Die kleine Närrin! Mit Klemens zu flirten! Wenn sie wüßte ...
Ein süßer, weicher Ausdruck verklärt ihr schönes Gesicht mit den dunklen, tiefliegenden Augen, zu dem das rötlichblonde Kraushaar einen fo entzückenden Kontrast bildet.
Sie weiß mit einemmal, warum ihr das Warten jetzt so entsetzlich schwer fällt: Auch Klemens ist ja mit auf der Jagd! Und was feine Anaen ihr all die letzten Wochen her schon fo deutlich Verrieten — heute wird es wohl auch fein Mund endlich aussprechen.
„Ich bin so glücklich ... so glücklich," denkt Lore traumverloren, „warum ärgere ich mich denn über Gerda!"
„Liebe, willst du nicht Licht machen lassen?" sagt Frau von Hubls Stimme sanft mahnend hinter ihr „Es wird schon dunkel."
„Ja — natürlich. Verzeiht .... ich will sofort .
Lore kehrt nicht mehr zu den Damen zurück. Kaum sind die Lichter aufgeflammt, als Unruhe und Stimmmengemurmel aus der Holle unten herausdriugen.
Dann ein gellender Schrei, in dem Angst, Entsetzen und Sckmerz sich mengen.
Lore hat ihn ausgestoßen.
Die Damen springen erschrocken von ihren Sitzen Mtf,
Rittmeister Hubl — sehr bleich und verstört — stürzt herein
„Minnie —geh schnell hinab zu Sore, sie braucht Beistand. Ein Unglück ist geschehen ...."
„Was — um Gottes willen was, Alerandec?"
„Herr von Rntland ist tot. Wir sanden ihn mit durchschossener Brust auf seinem Standplatz. Er lebte noch, kam aber nicht mehr zum Bewußtsein. Natürlich ließen wir sofort den nächsten Arzt holen — dem starb er dann unter den Händen."
Die meisten der Tarnen brachen in Tränen ans Frau Minnie bekam einen Weinkrampf. „Und ick soll jetzt... ," schluchzt sie, „nein, nein ... ich kann Tote nicht sehen .... ich kann's nicht, Alcr! Lieber Sascha, schicke mich nicht zu ihr ..."
„Nimm dich zusammen, Kind! Du bist ihre Fremidin — man darf die arme Lore jetzt wirklich nicht allein lassen!"
„Da ist ja ihre Eoustne ..., ach, Fräulein Gerda — gehen doch Sie!! Sie stehen ihr doch am nächsten!"
Gerdas Gesicht zeigte keine Tränen.
„Wie ist es denn eigentlich geschehen." fragte sie, ihre sonst laute Stimme unwillkürlich dämpfend.
„Man weiß noch nichts Bestimmtes. Entweder ging ihm das Gewehr durch irgenbetne unglückliche Bewegung los oder ein Schütze fchoß ungeschickt... oder ... na. man weiß eben nichts! Es war niemand bet ihm. Er selbst wählte sich den entferntesten Stand .. "
(Fortsetzung folgt)
Sinnbild.
Das beste Werk auf Erden ist: Korn in die Scholle säen. Und aller Freuden schönste ist: Die schweren Schwaden mähen. Rund geht der Wurf des Säemanns Und rund des Mähers Eisen. — Des ganzen Lebens Auf und Ab Liegt mitten in diesen Kreisen.---
Otto Julius Bierbaam,