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Msckr Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Kasseler Abendzeitung

15. Fahrgang

Dienstag, 23. Zrmi 1925.

Einzelnummer 10 Pf., Sonntags 15 Pf.

Drohender Generalstreik in China

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Hindclskongreffes betonte der

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Berlin, 22. Juni.

Wie die Blätter erfahren, wird die erste Le­sung der Zoll Vorlage erst am Mittwoch oder Donnerstag nächster Woche stattfinden. Im Zusammenhang mit der Erwägung, daß der Zoll­tarif bis Mitte Juli nun doch nicht sertiggestcllt werden könne, plane man, den Reichstag schon Anfang Juli zu vertagen und in der zweiten Halste des August wieder einzubcrufen, um vor dem 1. September den Zolltarif fertig zu stelle. Die Zusammenkunft der Minister­präsidenten in Berlin zur Besprechung der außenpolitischen Lage ist auf kommenden Bonit­äten von der Regierung angesetzt worden.

Versuches beseitigen, durch friedliche Mittel eine eventuelle Aenderung seiner Ost­grenzen zu erreichen? Würde Großbritan­nien von Frankreich und Deutschland Garantien erhalten, denen entsprechend letztere ihm Hilfe zu leisten hätten für den Fall, daß es selbst angegriffen wird? Wie könne eine Ga- rantte der Grenzen Deutschlands, das selbst eia unbewaffnetes Land sei, durch andere Länder wirksam gemacht werden?

DerReichstagsHasst esmHr.

Vertagung Ansang Juli. Zölle zum 1. Sept. (Privat-Telegramm.)

Der Streik greift um sich.

Hongkong, 22. Juni. (Funktelegramm.) Die Regierung hat beschlossen, gegen die Agitatoren strenge Maßnahmen zu ergreifen. Für poli­zeiliche Angaben wurden 250 Dollars ausgesetzt. DaS chinesische KrankenhauS-Personal und ein großer Teil der Angestellten der Kaffee- und Logierhäuser ist in den Streik getreten.

London, 22. Juni.

Nach einer Meldung auS Tanger erhalten sich dort hartnäckige Gerüchte, daß der Risführer Abd el Krim durch eine bekannte Autorität versucksweise FriedenSvorschläge ange­regt hätte unter Bedingungen, dir vielleicht für Frankreich nicht unannehmbar seien. Ein amerikanischer Berichterstatter veröffentlicht eine Unterredung mit AbdelKrim, in der er seine Frie- dcnsbedingungen formulierte. Wie HavaS aus Fez berichtet, ist Marschall Liautep dort eingetroffen, desgleichen Fliegrroffiziere. Der Merostobericht besagt: Starke feindlich« Kontingente wurden mit starken Verlusten zu- rückgeworfeu. Auf dem östlichen Frontab­schnitt habe» die französischen Sieger zahlreiche Beschießungen bei Bibane auSgesührt. Die Pari- ser Parlamentarier find zum Studium der Frontverhältniffe von Fez nach Tazza abgcreifi.

Mit DtiefenfdDritten vorwärts.

Paris, 22. Juni. (Eigener Drahtbericht.) Rach dem letzten Meinungsaustausch der deutsch­französischen Handelsdelegierten wird eine wichtige Sitzung am Mittwoch stattfin- ben. Es sei möglich, daß diese Sitzung eine ent­scheidende Etappe für die Verhandlungen bedeu­te. Die einzelnen Punkte der Verhandlungen sind beiderseits aenau erwogen und geprüft worden, sodaß die Notwendigkeit des Beschlusses bestehe.

sitzende Destrees u. a. _ v ,

Daweszahlungen: Es sei unmöglich, Mil­liarden von Mark zu bezahlen oder zu empfan­gen, ohne daß dies unheilvolle Folgen sowohl für denjenigen, der zahlt, als auch für den, der empfängt, nach sich zieht. Welche Zahlungsart

Em Handstreich kn Darks.

Ehinesensturm auf den Botschafter. (Eigener Drahtbericht.!

Paris, 22. Juni.

Gegen hundert Chinesen haben gestern nach­mittag vor der chinesischen Botschaft eine Kund­gebung veranstaltet. Nachdem sie den Pförtner wehrlos gemacht u. dir Televbonleitungen durch­schnitten hatten, zwangen sie den chinesischen Ge­sandte« Sympathiekundgebungen für die in China stattfindenden Kämpfe gegen die Fremden zu unterzeichnen. Als die Polizei ein- drang, flüchteten die Demonstranten. Wie ein Verhafteter aussagte, ist diese Demonstration auf Vetre-bi-n frontnfir*Pr Qnmntinnfhn unternom­men worden, die man im Zuge gesehen habe.

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Auf der Sludiensahrt durch Europa.

Berlin, 22. Juli. sPrivattelegramm.) Unter General Hs u- s k u - T s e n g ist gestern eine gro­be chinesische Delegation in Berlin eingetroffen. Die Delegation, die bereits Italien, England und Frankreich besucht hat, wird die staatlichen, sozia­len und industriellen Einrichtungen studieren und Reisen in alle größeren Städte des Reiches unternehmen.

spanische Bundesqenossenschast. Die Hauptver- luste trägt bisher die Fremdenlegion, in der lei­der Tausende von Deutjchen dienen, aber bei den Dimensionen, die der Krieg jetzt angenommen hat, reicht sie bei weitem nicht mehr aus. Dazu kommt, daß nach nur die Kommunisten, sondern auch die Sozialisten den marokkanischen Feldzug nicht für eine Angelegenheit des französische» Patriotismus erklären, sondern für einen Ko­lonialkrieg gegen ein Volk, dem man Ansprüche auf ein gewisses Maß von Freiheit zubilligen müsse. Die Unlust der Soldaten wird von den sozialistischen Parlamentariern gedeckt. Abd el Krims Verbindungen in Paris werden gut genug sein, um das zu erfahren, und darum ist es nicht undenkbar, daß man schließlich auch von französischer Seite gezwungen sein wird, mtt ihm zu verhandeln, wie seinerzeit die Spanier.

Wie sie unser Fell vrrteklen.

Probleme des Brüsseler Handetsrongrcffes.

(Eigene Drahtmeldung.)

Brüssel, 22. Juni.

Nummer 143. Einzelnummer 10 Pf, Sonntags 15 Pf.

zösische Soldaten waren. Abd el Krims Geae- ratstab wird französische Schule hüben, nicht deutsche, und um Bewaffnung werden die marok­kanischen Freiheitskämpfer auch nickt verlegen fein. Außer Gewehren hüben sie auch Artillerie, namentlich Schnellseuergoschütze. reichlich von den Spaniern erbeutet, und Nachschub bekommen sie aus vielerlei Quellen. Die Küste zu bewachen, ist unmöglich, und es braucht keineswegs bloße Rcnomage zu sein, wenn die Sowjetpreffe an­deutel, es führten Wege aus Moskau nach Marokko. Dazu kommt, daß dieser Krieg auch anderen Leuten als den Russen eine wun­derbar gelegene Sache ist. Es wäre kein Wun­der, wenn sich das auch darin ausdrückte, daß die, denen er nützt, immer mehr Waffen den Wea zu Abd el Krim finden lassen.

Ein Krieg in Afrika ist für europäische Trup­pen eine schwere Aufgabe. Die Italiener in Abessinien scheiterten völlig. Der Einge­borenenaufstand in Südwestafrika dauerte fast drei Jahre und forderte zu einer Bekämpfuna vierzehntaufend Mann, ichwichl der Geaner nur einige Tausend Gewehre und wenig Munition besaß. England mußte zweibunderttausenv Mann an europäischen, südafrikanischen und in­dischen Truppen aufbieten und über drei Jahre Krieg führen, bis es die Handvoll Weißer und die paar Tausend Askaris, die wir in Ostafrika hatten, nicht einmal richtig besiegt, sondern nur aus dem Lande gedrängt batte. Trotzdem wer­den die Franzosen mit der Zeit sicher die Ueber- hand in Marokko behalten wenn nicht den Marokkanern eine BundeSgeNossenchaft durch innersranzösische Schwierigkeiten entsteht. Der Kriegsminister und Professor der Mathematik Painlevö ist darum nach MaroKo geflogen, weil er dem Marschall Lvautey beibr^acn mußte, er dürfe nickt rücksichtslos immer neue Trnvpen für den Krieg anfordern. Flugzeuge, Tanks, Geschütze, alles, was zum technischen Apparat gehöre, könne er in b-li-higer Menge geschickt bekommen, aber der Poilu, der fran­zösische Infanterist, wolle nicht nach Ma­rokkos Tatsächlich ist die Stimmung unter den französischen Soldaten, die sich für Marokko einschiffen sollen, bald so schlecht wie unter den spanischen. Daher jetzt auch die Bitte um die

rischen afrikanischen Volk von guter Rasse mili­tärisch ausbildet, und gegen moderne Armeen kämpfen läßt, dann entwickeln sich ganz natürlich Führertalente im Felde, und in die Heimat zu­rückgekehrt, finden sie ihren Weg zu den kämp­fenden Landsleuten, auch wenn sie vorher fran-

Btt UMieter Aeueüe, 3iad>ttd)tei< ericheiue« wücheiilUL ledjsmai liachmiiiags Der ÄdonnemenlSpreis betrüg, für oen Monai 2. Mk- bei freier SufteUunn los vaus. in Oer (keichänsfteüe abaedoU DNlTfL Durch Vie Poft monailich 2.00 SRf assichlienlick ÄufteUiiugsaebübr Verlag nnv Redaktion Sdilatbthoffi afte 28/Si. Fernsprecher 951uv 952. Für unoerlanat einaeiandie Beiträge kann die $e- -aktion eine Berantworiung oder (Seroähr in feinem Falle übernehmen. Rück- lOMuna des BemgSgetdes oder Ansprüche menen etwaiger nichi ordnungsmäftiaer 'tses.run- »ft angnekchllMe-- - oftschectfon'o Frantinr' a. Main Nummer fiSRti

der Geldzahlungen soll ins Auge gefaßt werden? In welchem Maße kann der Schuldnerftaat, wenn er seine Zahlungen durch Warenlieferun­gen leisten würde, dies tun, ohne den Gläubi­gerstaat, der zweifellos ebenfalls Produzent ist, zu schädigen? Welche Dienstleistungen kann der Schuldcnstaat gewähren, ohne dem Gläubi­gerstaat Schaden zuzuführen, sei es seiner In­dustrie. seinem Handel oder seinem Gewerbe? Mit derartigen der Lösung harrenden Proble­men werde sich der Kongreß zu beschastigen haben. Der belgische Fmauzminister Janssen wies auf die Bedeutung des Transferierungs- problemS hin. Von dem regelmäßigen Funkiio- nieren der Transferierung hänge in hohem Grade das wirtschaftliche 'Gleichgewicht der Welt ab. Auch er stellte fest, daß die Fraae hin- eingrcise in das Problem der interalliierten Schulden, das durch die Rei-ot-otionsaelder zum Tctt einer Lösung entgcgeugeführt werden könne.

Abdel Keim will Frieden?

Marschall Liautep an der Front.

(Eigener Drahtbericht.)

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Bei Eröffnung des dritten internationalen " * belgische Bor-

a. bezüglich der

China im Streik.

Japanennord Gespannte Lage Truppen Tfangtsolis.

(Eigener Drahtbericht.)

London, 22. Juni.

Nach einer Rcutermeldung aus Kanton wurde ein japanischer Kassierer von einem unbekannten Chinesen erschossen u. um 5000 Dollars beraubt. Der japanische Gesandte hat formell Protest er­hoben und sich das Recht aus Schadenersatzforde- rung Vorbehalten. Der von Agitatoren geschürte Schiffahrtsstreik in Hongkong greift weiter um sich. Auf einer Reihe englischer Dampfer ist die chinesische Mannschast desertiert. In Kanton sind die Chinesen in voller Ruhe und Ordnung aus dem ganzen Gebiet abgezogen. Die N«t- stimdSarbriten werden in de» Kühlanlagen «r-i. Wasserwerken von englischen Matrosen über­nommen. Angesichts der drohenden Lage wur­den die Freiwilligen mobilisiert. Der Sohn Te- augtsolinS hat eine zweite Brigade derMnkden- truppen nach Schanghai zur Aufechterhaltung bet Ordnung gebracht. In Schanghai hat das 3 Mukdenrcgimenr gemeutert und den Bahnhof beschädigt. Eine Trupvenabteilung der Gen­darmerie wurde gegen die Meuterer entsandt.

Der Mmokkosluch.

Frankreichs Weltkriegsstüchte. von Dr. Paul Rohrbach.

Der Grundstock des Marokkovolkes sind Ber­berstämme, die zum TeU noch heute dieselben Namen tragen, wie zu der Zeit, als ihr Land als Provin, Mauretanien zum Römischen Reich iiehorte. Die Arabisierung hat die Gebirgs- tämme wenig berührt. Einige haben die ara­bische Sprache angenommen und manche auch arabisches Mut, aber die Hauptmaste ist berbe- rikch geblieben. Allen Völkern, die berberisches Blut in sich haben, ist eine zähe Freiheitsliebe und eine verzweifelte Tapferkeit, zumal in der Verteidigung, eigen. Numantia am Duero wurde von Scipio Afrikanus anderthalb Jahre belagert. Saragossa verteidigte sich gegen die Macht Napoleons, bis von hunderttausend Ein­wohnern nur noch sechsundvierzigtausend übrig waren, und dieser Rest erzwang sich eine ehren­volle Kapitulation. Die Kabyten in Algier haben vierzig Jahre gegen die Franzosen ge­kämpft, bis sie einigermaßen als unterworfen gelten konnten. In Marokko glaubten die Fran­zosen anfangs, leichtes Spiel zu haben. Die großen Städte sind arabisch und liegen im ebenen Gebiet; sie zu besetzen, war nicht schwer. Während des Weltkrieges fochten ausgehobene oder geworbene Berber in Massen alsMarok- faner* unter der französischen Fahne. Ihre Kriegstüchtigkeit war unbestreitbar, und die französische Heeresleitung war glücklich über das marokkanische militärische Reservoir.

Es war etn kurzsichtiges Glück und es bedurfte nur des rechten Führers, um erst die Stämme des Rif, tonn auch die im Norden der französischen Zone in feindliche Bewegung zu bringen. Abd el Krim ist trotz eines arabi­schen Namens ein Berberfürst gleich Masiniffa, der mit den Römern gegen Hannibal sockt, und Fugurtha, der die Römer mit Gold und Waffen bekämpfte, und über Rom jenes Wort sprach: die Stadt wäre schon seil, wenn sich nur ein Käufer für sie fände! Man ist erstaunt darüber, daß die Rifleule so gut Krieg führen können. Sie können es erstens von Natur, aber zweitens K Frankreich auch jetzt an, hier die Früchte

i »u ernten, daß es Aftikamililarr- fiert* hat In der französischen Presse wird darüber geklagt, es seien deutsche Offi­ziere bei den Marokkanern. So weit brauckt man in Paris wirllich nicht zu suchen. Wer> man hunderttausend Mann aus einem kriege-

Der moße Abenteurer.

Sawinkoffs Glück und Ende.

Der srotze ruküfche Attentäter aus der Sätet» zeit und spätere AMibolichen-ist war i» Ruft- lor.b «um Tode verurteilt, bann aber begnadigt worden und bat sich kürzlich im GeiänaniS in den Lichtickackt binabgcstürzt. Leben und Taten dieses nciättfifctcn Abenteurers lesen sich span­nender als ein Roman.

Sawinkoff war der gefürchtete Führer der russischen Sozialrevolutionäre, nicht allein unter der Zarenherrschaft, sondern auch nach der rus­sischen Revolution. Er war Kerenskis Mitar- acitcr im Kriegsministerimn nach der ersten Re- volutton und darauf haßerfüllter Gegner des Bolschewismus, um sich nach seiner Begnadigung zum Bolschewismus zu bekennen. Wie so man­cher andere von den russischen Revolutiouären, war Sawinkoss o.«s der Bourgeoisie hervorge- aangen. Früh schloß er sich der revolutionären Bewegung an. Elegant, groß und schlank, wie er war, mit den besten Manieren und mehrere Sprachen beherrschend, außerordentlich sicher in seiner Haltung und mit ebenso verblüssendcr Selbstbeherrschung wie verwegener Dreistigkeit rersehen, wurde er schnell die Seele in der Or­ganisation. Sawinkoff war es, der die . >ro- rittischen Attentate in der Zeit des Zaren or­ganisierte. In St. Petersburg trat er als ein

eleganter Gardeoffizier

auf. der in einem erstklassigen Hotel wohnte und, wie sich das gehörte, eine interessante Freundin" in einer bei stillen Straßen der Hauptstadt hatte. Die Rolle der Freundin, mit der er sich nur in den feinsten Restaurationen zeigte, wurde gespielt von einem jungen hübschen Parteigenossen, und »Li.beLnrsi* <4«- Bombenlaboratorium. Einen Monat später trat Sawinkoff als soliderEngländer* auf, Vertreter einer Londoner Weltfirma, rind be­reiste ganz Rußland in geschäftlichen Aufträgen, überall begleitet von einem Dolmetscher, da er angeblich kein Wort russisch verstand. Keiner von den beiden batte natürlich das geringste In­teresse au englischen Handelsangelegenheiten. In großen Städten lieh Sawinkoss sich ein Bankfach, worin in seinen feinen englischen Handtaschen kräftige Bomben aufbewahrrt wur­den. Ein andermal war er ein simpler Drosch­kenkutscher in St. Petersburg, weil er auf diese Weise gute Witterung von der Fährte neuer Opfer, für welche die Stunde geschlagen hatte, bekommen konnte. Dann war er wieder Ziga- reltenverkäufer auf der Straße. Er hatte feinen Stand gleich oberhalb einer Ministerwohnung, zankte sich mit Polizeibeamten und hielt Freund- fchast mit den Prostituierten des Viertels. Ten einen Tag war er in Paris, den andern in Kiew. Er kannte keinen Unfall und spottete aller Hin­dernisse. Wo andere den sicheren Tod gefunden batten, ging Sawinkoff unbeschädigt hervor und führte das Heer von Polizeibeamten, Gendarmen und Spionen, für welche seine Gefangennahme Verdienst und Beförderung bebeittet hätte, an der Rase herum Als Sasonow Bomben gegen Plehwe warf, stand Sawinkoff dicht bei ihm. Nachdem die Rauchwolken sich gelegt hatten, lag fein Freund auf der Straße, bedeckt mit Blut, aber her 23('nen, in dem das Opfer faß, war nickt zu fckhen. Sawinkoss vergaß alles andere und stürzte auf feinen verwundeten Freund zu. Ein totenbleicher zitt-rnder Polizeikommissar kam berbei und sagte:Junger Mann. Sie müssen Ihrer Wege geben. Wir können Sie hier nicht brauchen * Sawinkoff kam w sich selber und ent­fernte sich in der festen Ueberzeugiing, daß alles verloren war. Zwei Stunden später las er in einem Extrablatt, daß der Wagen, Minister und Krrtscher

in Stücke gerissen

imd nur die Pferde entkommen waren. Ein hal­bes Jahr später warf der Student Kalajew eine Bombe gegen den Großfürsten Sergej. Sowm- koff saß in einem Cafe gleich oberhalb des Scbau Platzes der Tat Das ganze Viertel wurde abge­sperrt von Militär unb Polizei, alle wurden an- gehalten und ihr Name sestgestellt. Sawinkoff zeigte seine Papier- und ging ruhig von dan­nen. Im Sommer 1904 wurde in der Partei be­kannt. daß emes der orn meisten bervortreten- den Mitglieder der Kampforganisatton. Tara- tow. Aoent für die Geheimpolizei war. Als Sa- winki ff sich davon überzeugt hatte, reiste er nach Warschau, wo Taratow damals wohnte, begab sich am Hellickten Tage in dessen Wohnung, schoß ihn nieder und ging nnangetaftet seiner Weg-, Nachdem er einen Zettel hinterlassen batte mit den Worten:Das ist des Verräters Schicksal * Am Geburtstag des Zaren 1906 wurde bei einer glänzenden Parade in Sebastopol eine fünfter» Ecke Bombe gegen den General geworfen. Die Menschenmassen wurden umringt von Militär und Polizei, und zwischen ihnen wurde auch

Boris Sawinkoff arretiert.

Unter starker Bewachung wurde er in eine Ka­sematte geführt, und die Telegramme flogen

3 Bremen en Shamberlmn.

Macdonald und Lloyd George als Paktgegner.

(Eigene Drahtmeldung.)

London, 22. Juni.

In der am Mittwoch stattfindenden Unter­haussitzung über die Paktfrage wird laut Presse­notiz Macdonald auf die Erklärungen Chamberlains antworten und Ponsonby sowie Henderson später am Abend eingreifen. Die Hauptwortführer der liberalen Partei werden Lloyd George und Sir John Simon sein. In Regierungskreisen werde Nachdruck auf die Tatsache gelegt, daß Chamberlain bisher weder Deutschland noch Frankreich gegen­über eine bindende Zusage gegeben habe. Folgende Debattepunkte seien zn erwähnen: Würde nicht die französische Auslegung des Pattes für Deutschland jede Möglichkeit eines