Einzelbild herunterladen
 

Mckr Nemste NachÄtm

Hessische Abendzeitung

Kasseler Abendzeitung

Donnerstag, 18. Juni 1925.

Araber unter sich.

Gerichtstag und Promenade im weißen Tunis.

7. Reisebrief von Eugen Szatmari.

Arabische Richter. — Arabisches Recht. — Ebr- surcht vor dem tSesctz. — Malerische Szene- aus der Abeudpromeuade. — Schone Judm- tti«. — Orientalischer Flirt. — SLbne der Wüste. — Die Kultur. — Bormar,ch.

Tunis, Anfang Juni.

Ein großer, fast kahler, aber sehr heller Raum, in den durch die hohen vergitterten Fenster eine wahre Flut von Sonnenlicht hineinstromt. Schlanke, gewundene Säulen tragen Wölbun­gen, die mit Ornamenten verziert sind, mit lenen hundertfach verschlungenen, stets wieder abzwei­genden und sich stets wieder treffenden Arabes­ken, die man — fern graziös, wie durchbrochene Spitzen aus Stein, wie Filigranarbeiten aus hartem Marmor — in den wundervollen Bau­lichkeiten des maurischen Hispaniens bewune dcrn kann. Aus einer Estrade sitzen die drei Richter. Der eine, ein Greis mit Propheten- aesicht und Prophetenbart, mit einer

dunklen Gebba und schneeweißem Burnus bekleidet, ist offenbar der Vorsitzende des Ge­richts. Die zwei jüngeren sind die Beisitzer. In allen Streitfragen zwischen den Eingebore­nen und auch in jenen Kriminalfällen, an denen teure Europäer beteiligt sind, ist dieses arabische Gericht zuständig. Es hat nichts mit dem euro­päischen Recht zu tun — es kennt und erkennt noch den uralten Satz: »Auge fürs Auge, Blut für das Blut". Der arabische Verteidiger, der da spricht, ein noch junger Mann —, er hat auf der Sorbonne studiert — flüstert nur zu. trägi^eiüe perlötickr--»? Lcöba und

nuskript seiner Rede in der Hand. Er spricht sehr langsam und sehr ruhig — fast ohne Gesti­kulation; wie überhaupt dem Fremden an die­sem arabischen Gerichtshof vor allem die gerade­zu majestätische Ruhe aufsällt, die die ganze Verhandlung beherrscht. Es handelt sich um eine M o r d s a ch e. Der Angeklagte, — em Landwirt — hat einen Nebenbuhler erstochen, und da es niemand gesehen hat, bestreitet er die Tat. Doch der Vater des Ermordeten erhebt d,e Klage gegen ihn. Er besteht darauf, daß er der Täter sei. Er fordert Sühne, beschreibt die Tu- genden des Sohnes, preist seine Jugend, Schön­heit, Arbeitskraft und -freude, er spricht nut zitternder Stimme und blitzenden Augen, aber doch fast unbeweglich, mit einer erstaunlichen Selbstbeherrschung, die man in unseren europä­ischen Gerichtsverhandlungen Wohl selten sieht, denn der Mohammedaner hat tiefe Ehrfurcht vor dem Gericht. ... Es gibt aber ein anderes arabisches Tribunal, wo kein Europäer Zutritt haben kann: das koramsche Tribunal, das über Eheklagen und Eheirrungen, Vergehen gegen die rituellen Gesetze und Familiensachen urteilt.

Die Avenue Ferry ist sozusagen der S or f_o von Tunis. In den Mittagsstunden ist sie freilich ganz leer. Da ist die Hitze viel zu groß, und wer, nicht gerade dringend zu tun hat, ver­kriecht füb in die Häuser. Doch um die s e ch st e S t u n me herum bevölkert sich die Avenue nut allerlei Menschen. Und wenn man sich da auf einen Stuhl niederietzt — wofür ein flinker Bur­sche in rotem F"s flugs zwei Sous einlaffiert — dann kann man alle Elemente, aus denen das Volk dieser seltsamen Stadt besteht, vorbeldeft- Heren sehen. Die Europäer sind freilich in der Ueberzahl. Französische Kaufleute und Beamte promenieren hier und besprechen bie Ereignisse. Soldaten und Offiziere in Khaki stolzieren her­um und sehr, sehr viele Damen, die meisten jung, hübsch, schlank, graziös und sehr gut an- gezogen, mit nackten Armen, der Jahreszeit ent­sprechend — mit rabenschwarzem Haar, kokettem kleinen Hut, großen Ohrringen und modernen, langen Ketten aus tiesgrüner Jade, aus schneeweißem Elfenbein, aus duftender Ambra oder blutroten Korallen.

Sie schleudern auf und ab, sprechen sehr viel und sehr laut, besprechen ein jedes fremde Gesicht eingehend und werfen ntanchmal der hohen eben­mäßigen Gestalt eines vorbeigehenden jungen Arabers kühne Blicke zu. Manchmal befinden sie sich dann in der Begleitung von älteren Da­men, die eine eigenartige Tracht haben; fehr weite Plud er Hosen aus weißer sei- d e farbige Pantoffeln aus Sammet, und einen weiten. Ueberwurs. der ihre ganze Gestalt um- hüllt und unkenntlich macht Sie tragen große Ohrringe aus gehämmertem Gold, ihre Finger sind voller Ringe, die Nägel mit scharfem Henna knallrot gefärbt. Das sind Jüdinnen Aber ihre Töchter — fast durchweg seltene Schönhei­ten — mit tiefsitzenden, verträumten schwarzen Augen, schlanken, fein geformten Gliedern und 1 zierlichen kleinen Füßen — kleiden sich bereits alle nach der lebten Mode aus Paris. Soldaten des Beys promenieren auf und

139. Einzelnummer IN Pft Sonntags 15 Pf.

Ä-zeigenvrelte.IStntietmtfdjeOelchwiSanzeigen 3etleÄlMa-auätoättifleAtzdätts» ArtAeiaen '«teile 20 Uta »tainiUctUliuctflCn Seile 20 ÜT6., Stieme Anzeige« öad -Bot 4 «fg- Reklamen Me Seile 75 litg. Cffertgebühr !•> Wra. ibei .Sgfenbg. bei Offerten 311 iUgj ReÄnunasbeträae iinb innerhalb 5 Ta. m bMahlen. Manaebenb 'N der Kurs oes SablunaStaaeä. Für bie Ri-iuiakeii aller burd)»ernforetber autaeaebenen «n teigen sowie für flnfnabmebaten nnb Platze kann nicht garantier« werben.. »ur Anzeigen mit bewirb, schwierigem Satz Hin Proz. Aufschlag. Dr u ä er ei - s chtach tbo ftrabe -?W3i' (SeftbäftgfteBe Köl» ®tr. r>. aeaetvtb. her evohrftr Fernkor >>1 n. n

Voinlev- schweigt ffch au«.

Tic Marokkodebafte auf nächste Woche vertagt.

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 17. Juni.

Die Kammer hat es abgelehnt, den Zeit­punkt zu bestimmen, an dem die kommunistische Interpellation Deriot über Vie Lage in Marokko verhandelt werden soll. Diese Ablehnung er­folgte auf Vcranlaffung des Minifterprasiden- ten, der erklärte, er könne im Augenblick auf der Kammertribüne keine Erklärungen abgeben, da mit einer benachbarten Ration Verhandlungen eingeleitet seien, um die Herbeiführung des Friedens zu beschleunigen. Die Marotkofraye fei eine internationale Frage ersten Ranges. Tie Zukunft von ganz Nordtckrtkv stände auf dem Spiel.' Man könne sich auf keine öffentlichen

L>< «anelei ».eueiten "Jiadmduen erscheinen wöchentlich sechsmal narbmiuag» Der Äbonnemeistsvreis beträgt für oen Monat 2.— Mk- bet freier tiuftellunn nS HauS. in ber tziefchäfiSfielle abgeholt >»>Mk. Durch bie Poft monatlich 2MMk aneftblienlitb 3ufteUung3aebübr Berlaa nnb iHebaftion Schlachtbofftratze 2W3<i Fernsprecher >>51 um' 052. Für nnnerlanat eingefanbte Beiträge kann bie Re- taftion eine Beranfwortuna ober Gewähr in keinem Falle übernehmen. Rlick- tablttna bes Bernasaelbes ober Anfvrttche roeaen etwaiger njchi orbnunasmäüiger '■'ief-renn ist anSeefrblonen Vofffdierffontn Frankfurt a. Main Nummer

Diskussionen einlaffen, die vielleicht Erörterun- nen zwischen Frankreich und den benachbarten Ländern über die eingeleiteten Verhandlungen herbeisühren könnten. Im übrigen sie dre Re­gierung bereit, den zuständigen Kommissionen die notwendigen Aufklärungen zu geben. Die Regierung hoffe, daß in sehr naher Zeit, viel­leicht zu Beginn der kommenden Woche, eine große Debatte über die Marokkoanaelegenheit annehmen zu können. Der Kammer-Vorsitzende teilte alsdann mit, daß Painlevs bereits morgen nachmittag dem Heeresausschuß und dem Aus­schuß für auswärtige Angelegenheiten Bericht über seine Marolkoreise erstatten werde.

Im Gerste von VersaAes.

Der Sicherheitspakt darf nichts ändern. (Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 17. Juni.

Zu der gestern in Berlin überreichten fran­zösischen Sicherheitsnote schreibt ein Pariser Abendblatt: Niemand kann eine Regelung ins Auge fassen, die grundsätzlich eine Verminde­rung der Bertragsrrchte bedeutet, die sich aus dem Sieg der Alliierten ergeben haben. In diesem Sinne hat Briand sich mit Chamber­lain ausgesprochen. In der französischen Ant­wortnote ist nichts enthalten, was so ausgelegt werden kann, als fei es eine politische Demon- ftr a t i o n für '>as Deutsche Reich oder als wolle man zu seinem Schaden die Vertragsbe- stimmungenforeieren. Aber wenn man zugibt, daß Deutschland auf dem Fuße der Gleichberechtigung mit den Alliierten verhan­delt. so muß cs klar sein, daß diese Verhandlun- m (einte, cvb?*»!t haben als

die Fri'edensverträge, so wie sie lxisiw- rciL Niemand hat das Recht, sie ohne Zustim­mung der Signatarmächte zu ändern. Erst dann, wenn Berlin diesen Standpunkt freimütig annimmt, wird es den Beweis seiner Auf­richtigkeit und Ehrlichkeit gegeben haben. Ein anderes Blatt sagt: ES ist eines der großen Ver­dienste der zeitgenössischen englischen Politik, daß sic es begriffen hat, daß dieses für die französi­sche Sicherheit unerläßliche kontinentale System nicht gegen England gerichtet ,st. Frankreich hat es verstanden, die öffentliche Mei­nung in diesem Sinne zu beeinflussen.

«Sestern überreicht. — Tiefe Äiüfte.

Berlin, 17. Juni. Eigene DrahtmeLung ' Tie Rote Frankreichs in der Bna^legenrn it des Sicherheitspakts ist gestern dem deutschen Außenminister überreicht worden Ueb-.r den Inhalt erfährt ein Berliner Blatt: ^.ie Rote bringt zwar eine grundsätzliZusttim- mitnq zu dem Vorschlag des deutschen Reich- außenministers, enthält sich aber positiver Fest- leaunaen Frankreichs Durchmarschrecht durch die neutrale Zone des besetzten Gebietes und die

Einzelnummer 10 Pf-, Sonntags 15 Pf. 15. Jahrgang

Auf hoher See.

Amerikas Vertreter in Sorgen um Deutschland (Privat-Telegramm.)

Newyork, 17. Juni.

Nach einem Funkspruch vom Dampfer George Washington kam die zum Brüsseler Handels- kammerkougrcß reisende amerikanische Delega­tion zu der Auffassung, daß die nächsten zwei bis drei Jahre eine kritische Periode für die Ausführung des Dawesplanes bedeuten wur­den. Ferner wurde der Meinung Ausdruck ge­geben, daß die unter dem Dawesvlan erfolgende Ueberweisüng bedeutender Summen von Deutschland an die Alliierten für die Vereinig­ten Staaten als Gläubigernation von unmittel­barer Bedeutung sein werde. Die Anregung, daß Deutschland bei der Ausfuhr von Kapital und Gütern für die Ausführung öffentlicher Arbeiten in unentwickelten Ländern ermutigt werden solle, wurde von den Delegierten ein­gehend erörtert. Der neue Botschafter für Ber­lin, Schurmann, folgte den aufschlußreichen Verhandlungen mit lebhaftem Interesse.

Amerikas Toöeszug.

Dammrutsch oder Blitzschlag?

(Durch Funkspruch.)

Newyork, 17. Juni.

Neuere Nachrichten über das Eisenbahnun­glück in New Jersey (f. tu Beilage) bestäti­gen, daß neunundzwanzig Personen den Tod gefunden haben. Nach Ansicht der Eisenbahnbe­amten ist die Entgleisung durch einen Damm­rutsch infolge des heftigen Regens verur­sacht worden. Bon den deutfechn Passa­giere» des Zuges sind hundertfechsundzwan- zig mit einem besonderen Zuge nach Hobocken ge­bracht worden. Die Ueberlebenden loben die auf­opfernde Hilfstätigkeit der in der Rahe wohnenden Farmer, die wenige Minuten nach der Kalastroplse an der Unglücksstelle eintrafen. HUfe aus den Städten kam erst eine Stunde fpä- tcr, da die Telegraphendrähte zerrissen waren. Eine große Anzahl der Verunglückten wurde bei dem Schein der Laternen von den Farmern und ihren Arbeitern unter den Trümmern hervorge- zogen. Rach einer Version ist das Unglück auf die Unterspülung der Bahngleise, nach einer an­deren auf einen Blitzschlag zurückzuführen.

ausdrückliche Neuanerkennung seiner Ostgrenzen durch Deutschland sind in dieser positiocreu Form in ber Note nicht enthalten, wohl aber können derartige Schlußfolgerungen aus dem Wortlaut ber Note gezogen werden. Auch die Frage der S ch i e d s g e r i ch t s v e r t r ä g e zwischen Deutschland auf der einen und Polen und der Tschechoslowakei auf der anderen Seite ist in der Note zum Ausdruck gebracht, allerdings in einer Form, die ebenfalls noch

nicht als endgültige und unabänderliche Anfchauuug Frankreichs in dieser Frage ange­sehen werden kann Frankreich nimmt vielmehr die Diskussion aus mit dem Endziel, zu einem brauchbaren, auch für Deutschland erträglichen Kompromiß zu gelangen. Als erste große Frage wird durch die Note Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund näher gerückt. Aus der Note geht hervor, daß namentlich be­züglich der Lstgrenzen und in anderen Punkten die Ansichten Deutschlands und Frankreichs noch ziemlich weit ar^seinandergchen. Man hat sich nachträglich dahin geeinigt, die Ver­öffentlichung erst am Frcttag vorzunchmcn.

Schafft Wohnungen!

Das Bauprogramm der Fachleute.

(Eigene Drahtmeldung.) Hannover, 17. Juni.

Der niedersächsische Berbandstag von mehr als sechzig Baugenossensch asten faßte folgende Entschließungen: 1. Der Hauptverband wöge dahin wirken, daß öffentlicksi! Sparkassen, Bersicherungsträger und sonstige Geldinstitute wieder in grl-tzer-m llmfnnn Hypotheken für den gemeinnützigen Wohnungsbau zu et nein möglichst billigen Zinsfuß, nicht über sechs Prozent, hergeüeu, L daß sofort energische Maßnahmen gegen die nusilose Steigerung der Ba ü st o f f p r e t s c ergriffen werden. 3- Bei der Verwendung des Hauszinssteueranfkommens -oll nach folgenden Grundsätzen verfahren wer den: 1. Tas gesamte Auskommen aus ver Hans zinssteuer ist ausschließlich dem

Wohnungsbau zuzuführen.

2. die Sätze der Hauszinssteuerhypotheken sind mit Rücksicht auf die gestiegenen Baukosten we­sentlich zu erhöhen. 3. Die Hauszinssteuerhypo- thelen sind bevorzugt für Bauten der gemem- niitzigen Bauvereinigung herzugeben. 4. Bet Ver­gebung von .Hauszinssteuerhypotheken fall der einwandfreie Nachweis geführt werde», daß ge­sunde und geräumige Wohnungen gebaut wer­den und sich eine tragbare Verzinsung für den Käufer oder Mieter der Wohnung ergibt 5. Huuszinssteuerhypotheke» dürfen zum Eigenbau von Gemeinden nur insoweit verwendet werden, als örtliche gemeinnützige Unternehmungen nicht bereit und in ber Lage sind, mit HUfe ausrei­chender Hauszinssieuerhvvotheken zu bauen. 6. Die Kommunalverbände sind zu verpflichten, für die nächsten zwei Jahre die Hauszinssteuerhypo- thcken zu einem Prozent ohne Tilgung herzuge­ben und bei Baubeginn Vorschüsse auf die Hy­potheken zu dem gleichen Zinsfuß zu geben.

Endlich am Siel.

Tas Brüsseler Kabinett endgültig gebildet. (Eigene Drahtmeldung.)

Brüssel, 17. Juni.

Die Kabinettskrise ist mit folgender Mi- nisterliste endgültig gelöst worden, die von allen Parteien genehmigt worden ist: Minister- Präsident P o u l l e t; Außenminister Bander- velde; Landwirtschaftsminister v a n b e Byvere; Justizminister 2f dioffen; Kolo­nienminister Tibbaut; Kriegsm mister Gene­ral Keestens; Eifenbahnminister Anseele; Arbeitsminifter Vauthers; Kultusminister Camille H u y sm a n s; Innenminister R o l t n Iacque: Minister der öffentlichen Arbeiten L a b o u l l e; Finanzminister Jannfen. Fünf der Minister sind Katholiken, fünf Sozialisten und zwei zählen zu den Liberalen.

Zn Briands Schlinge

Rund um den überreichten Sicherheitspakt ;

Gestern mittag um 12 Uhr ist die Antwort­note Briands aus das deutsche Memorand'im vom 8. Februar, mit dem sich die Reichsregie­rung erboten hatte, an der Schaffung eines \ Sicherheitspaktes zwischen den am Rhein in­teressierten Mächten und an der Errichtung von Schiedsgerichten zur Regelung internationaler Differenzen mitzuwirken, überreicht worden. Es laß. sich bestätigen, daß Briand formell die deut­schen Vorschläge annimmt Aber die Annahm- wird an Bedingungen geinüpst, die für Deutschland kaum als annehmbar erscheinen dürsten. Für Deutschland hat eine Tisrusgon über die ganze Frage nur dann einen Sinn, wenn weder die bestehenden Verträge ver­schärft werden, noch eine Verquickung mit der Räumungssrage und dem Problem des Eintrittes in den Völkerbund stottfindet. Vor­läufig scheint es nickt anders, als daß das Deutsche Reich durch ein System militärischer und machtpolitischer Grenzgarantieverträge, deren Gestaltung sich gänzlich seinem Einflüsse entziehen wird, restlos eingekreist werden soll.

Die Aütwort Briands und die Bedingungen Frankreichs zeigen, daß die europäische Politik Frankreichs und Englands, die sich in den Namen Briand-Ehanwerlain verkörpert,ttotz der amerikanischen Wünsche um keinen Schritt von den brutal-machtpolitischen Pfaden abge- wichen ist. Daran ändert.nicht die Tatsache, daß man Deufchland formell als gleichbe­rechtigt behandelt. Briands Antwort nimmt nichl rundweg an, sondern nur „im Rahmen btr Verträge", mit welcher Klausel Herriois Deutsch­land von vornherein mundtot gemacht wird. Die Schiedsgerlchtsverträge Deutschlands werden da­durch illusorisch gemacht, daß nicht die Schieds- gerickte, sondern „Sachverständige" über die Verletzung der Verträge besinven sollen. Da­mit ist der Machtpolitik wiederum Tür und Tor geöffnet Darüber hinaus gehen Frankreichs Be­dingungen auf Verbindung der Pölkerbunds- frage mit der Garantiefrage, weil mit dem Ein­tritt in den Völkerbund Deutschland zu jeder W a s f e n h i l f e gepreßt werden kann und zum Scklachtfeld der Nationen werden mutz. Noch schwerwiegender die andere Bed n- giutg: Es darf nicht als ein Angriff gegen bie endmilitarisierte Rheinzone betrachtet werden, wenn bie Verletzung eines Vertrags ein Ein­greifen notwendig macht. Ein Pariser Blatt gibt dazu den Kommentar: Die Verletzung der Sckiebsgerichtsverträge mit Polen und der Tschchei gibt die Möglichkeit zu einem Etn- schreiten, ebenso der Anschluß Oester­reichs an Deutschland.

Bei den nunmehr beginnenden außenpoliti­schen Verhandlunaen werden die Parteien die Position des Reichskabinetts stärken müssen anstatt durch neue innenpolitische Konflikte dre Stellung Deutschlands gegenüber ber Entente zu schwächen. Im übrigen steht zu erwarten, daß die Reichsregierung noch nähere Mitteilungen über den Charakter des damaligen deutschen Angebots ber Oessentlichkett gegenüber macken wirb. Wie wir hören, macht das Berliner Auswärtige Amt »ine Reihe von Gesichtspunften geltend, die das Relchskabinett seinerzeit veranlaßt hat, den Westmachten for­mulierte Vorschläge zur Lösung der Sicker- beftsfrage zu unterbreiten. Man erinnert nickt nur daran, daß ernste Schwierigkeiten in der Frage der Räumugn ber nördlichen Rheinlandzone aufgetreten waren, son­dern man weist auch auf bie Bestrebungen hin die daraus gerichtet sind, eine Losung der Rheinlandfrage zu finden, die es ermög­licht. die bisherige Handhabung der Besatzungs­maßnahme entweder ganz oder aber teilweise zu beseitigen. Für jede deutsche Regierung muß es von größter Wichtigkeit sein, die ganze volttiicke Atmosphäre so zu bereinigen, daß Deutschland für die nächsten Jahrzehnte ungestört seinen t n- neren Wiederaufbau vollziehen kann. Tie deutschen Anregungen stellten noch nickt den endgültigen Standpnukt des Reichskabinett? bar, sondern sie sollten dazu dienen, eine Ver­band 1 u n a s g r u n d l a g e zu sckiafsen Die­ser ssweck ist nack Auffassung der Reicksregie- rung* vollkommen erreicht worben.