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Kasseler Abendzeitung
WM
Hessische Abendzeitung
Änietgeiwreiie. Etuheimilche tLeichäfrsaa>elge.i 3etle 20Aa„ auswärtige Geschäfts» auzeigen Beile 20'Big., ffamilienanzeigen Beile 20 ’Srq ttletne «»zeigen das Wor > 1 Big. Reklamen die Beile 75 Ptg. Offeetgebiidr 10'Ü/g. ibei Buieudg. derOskerten SO'Sfo.i Rechnungsbeträge Und innerhalb 5 Ta. in bezahlen. Manaebend ift der Kurs »eS BablunaskaqeS. ffür die Richtigkeit aller durch Fernsprecher ausgegebenen Anzeigen fow'e für Auknabmedaten und vlätze kann nicht garantiert werden. Für Anzeigen mit oekond. schwierigem Satz ll>0 «ro,.2Iuffchlag. Druckerei: Schlachtbof- ftraSe Geschäftsstelle: Küln.Ste.5. gegenüb.der Svodrstr. ffernspr.051 u. 052
89. Einzelnummer 15t Pf- sonntags 15 Pf.
Freitag, 17. April 1935.
Einzelnummer 10 Pf., Sonntags 15 Pf. 15. Jahrgang
Helft dem fcfjtverfranfen Europa!
Bandervelde hilf!
Brüsseler Brief unseres Mitarbeiters.
Brüssel, 14. April.
Wie nach dem Ausfall der Wahlen vom 5. April Vorauszusehen war, hat König Albert den Führer der sozialistischen Partei, Bänder- velde. mit der Bildung des Kabinetts beauftragt. Bandervelde hat dem Kriegskabinett in Le Havre und dem Koalitionskabinett der drei Parteien angehört, das nach der Rückkehr des Königs gebildet wurde. Er ist einer der gewandtesten Parlamentarier und einer der besten Redner, die irgend eine Kammer anf- zuweisen hat. Er hat viele Gegner und selbst einer seiner Freunde, ein in der deutschen Literatur bewanderter flämischer Sozialist, zeichnete mir ihn einmal in einem Gespräch mit den Worten: „Weiß doch keiner, an was der glaubt." Eines ist aber sicher: Bandervelde nimmt im internationalen Sozialismus eine große Stellung ein, die ihm Verpflichtungen auferlegt. Er kann kein rein sozialistisches Kabinett bilden. Er wird genötigt sein, sich aus eine aus Sozialisten und katholischen Demokraten oder christlichen Sozialisten koalierte Mehrheit zu stützen. Demokraten oder sozial Angehauchte findet er aber bei der katholischen Partei fast nur unter denen, die auch flämisch gesinnt sind oder wenigstens ein Herz für die Flamen haben. Deshalb wird das Kabinett Bandervelde einen starken flämischen Einschlag haben.
Der Premierminister selbst ist selbst stets als Flamenfreund aufgetreten. Er spricht zwar ein ausgezeichnetes Französisch (übrigens auch ein sehr gutes Deutsch), aber er ist auch imstande, flämisch zu flämischen Arbeitern zu sprechen. Unter seinen Parteigenossen sind zwei, die er jedenfalls in sein Kabinett berufen wird und die ausgesprochene „Flaminganten" sind: Eduard A n s r e l e, der bekannte Genier Sozialpolitiker, Schöpfer des großen Kommunvereins „Vooruit", und Kamiel Huysmans, der Antwerpener, Herausgeber der flämischen sozialistischen Zeitung „Het Volk". Der Sozialismus kann sich überhaupt nicht grundsätzlich gegen das Flamentum wenden und wird, wenn er mit den katholischen Demokraten regieren will, gezwungen fein, den Flamen eine ganze Reihe von Zugeständnissen zu machen. Deren erstes dürfte eine allgemeine A m n e st i e für die politischen Vorfälle sein, die sich während der Okkupation ereignet haben. Damals haben viele Flamen und Wallonen ihrem Vaterlande dadurch zu nützen geglaubt, daß sie die „Verwaltungstrennung" von Flandern und der Wallonei befürworteten, sich auch praktisch darin betätigten. Es war dabei keineswegs auf eine Zerreißung des belgischen Staates abgesehen, sondern auf die Herstellung einer Zweiteilung, in welchem beide Stämme sich besser und freier entwickeln konnten als unter dem zentralistischen System. Es war nichts anderes als das, was der hervorragende Sozialist Jules Destrse dem König bereits vor dem Kriege in einem berühmt gewordenen offenen Briefe empfohlen hatte.
Die belgische Justiz hat nach der Rückkehr der Regierung aus Le Havre an jenen Männern und Frauen, die an der Verwaltungstrennung mitgearbeitet oder auch nur mit ihr sympathisiert hatten, ein grausames Gericht geübt und durch Urteile, die juristisch sehr anfechtbar sind, lausende von Jahren Zuchthaus verhängt. In vielen Einzelfällen hat Bandervelde, als er I u st i z m i n i st e r im Koalitionskabinett war, Remedur durch teilweise Begnadigungen und Strafaussetzungen geschaffen. Aber viele Opfer dieser politischen Justiz schmachten noch im Kerker oder sind ihrer bürgerlichen Rechte, ja sogar des Rechtes auf freie Rede und Schrift beraubt. Das Kabinett Bandervelde muß die General- amnestte bringen, die vielen Verbannten gestatten wird, in die Heimat zurückzukehren, die viele Gefesselte befreien und dem öffentlichen Leben des Landes eine Reihe wertvoller Kräfte zurückgeben wird. Bandervelde ist persönlich bereits für diese Maßregel eingetreten, er wird sie jetzt praktisch durchführen. Tas wird ein großer Erfolg und eine gewaltige Stärkung für die flämische Bewegung fein.
Das sozialistische Kabinett wird unter dem Antrieb des flämischen Elements auch daraus bestehen müssen, daß das feierliche Versprechen, welches König Albert inbezug aus die „Ver- vlaamsching" (Flamisierung) der Genier Universität gegeben hat, endlich eingelöst werde. Die Flamen können üch nicht mit den halben Lösungen begnügen, die man tonen angeboten hat. Der Flame kann in seinem Lande und in seiner Sprache bisher keine höhere Geistesbildung gewinnen; er wird von der Brüsseler Zentralregierung mit sanftem Zwang zur
französischen Sprache und Wissenschaft gedrängt. Es gibt wohl Flamen, die sich das gefallen lassen (die sogenannten Franskiljons wie Mae- terlink), aber noch mehr, die widerstreben und die in der Unmöglichkeit rein flämischer höherer Geistesausbildung einen „Seelenmord" an ihrem Volk erblicken. Es muß also eine rein flämische Hochschule geschaffen werden, und das ist aus vielen Gründen nur möglich, wenn Gent in eine solche umgewandelt wird. Diese Umwandlung wurde den Flamen z u g e s a g t, al? der König in sein Land zurückkehrte, und man täuscht sich, wenn man glaubt, die Flamen würden je von dieser für ihr nationales Geistesleben lebensnotwendigen Forderung abgehen. Jeder soziale Fortschritt, wie er von einem sozialisti sch-kat holi schen Kabinett vorauszusehen ist, kommt überhaupt schon an sich den Flamen zugute. Bandervelde hat durch seine Stellung im internationalen Sozialismus Verpflichtungen, die sich charakterisieren lassen als: Aufrechterhaltung des Weltfriedens; internationale Schiedsgerichtsjustiz: Verständigung auf wirtschaftlichem Gebiet. Vom Standpunkt einer deutschen Politik, die sich ja auf dieselben Richtpunkte einstellen muß, ist ein sozialistisch-flämisches Kabinett als erwünscht zu begrüßen. d.
D.»f Vrsntthrus.
Woran Europa leidet.
(Privat-Telegramm.)
Wien, 16. April.
Der österreichische Bundeskanzler Dr. R a - m e k führte im Rationalrat u. a. aus: Oesterreich besitzt heute eine stabile Währung und das Gleichgewicht seines Staatshaushalts ist Helge- stellt. Dagegen steht Oesterreich heute vor anderen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Wir vermögen nicht, unsere produktiven Kräfte frei zu entfalten und die Folge davon ist eine Armee von heute noch 170 000 Arbeitslosen, die geschaffen ist durch Neuordnung der kommerziellen und Verkehrsverhältniffe in Europa. Zollschranken, Einfuhrbeschränkungen und Ver- kehrshemmniffe unterbinden den Verkehr und heben die Wirkungen der geschloffenen Handelsverträge auf. Unter allen diesen Maßnahmen leidet nicht Oesterreich allein, sondern
ganz Europa ist in Mitleidenschaft gezogen. Die österreichische Regierung beabsichtigt deshalb, vom Völkerbund die tatsächlichen Ursachen, unter denen Oesterreich und ganz Europa leidet, feststellen zu lassen. Der Bericht einer gänzlich unpolitischen K o m m i f f i o n soll dem Völkerbund die Grundlage zur Erörterung und zur Abhilfe dieser Schwierigkeiten biete».
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Sine große WirischaMonferen» geplant.
Wien, 16. April. (Eigene Drahtmeldung.) Der frühere Bundeskanzler Dr. Seipel teilte in einer Rede mit, vor einigen Wochen seien von europäischen Großmächten Anregungen einge- gangen, zu der Einberufung einer Wirt- schaftskonferenz, die sich hauptsächlich mit der wirtschaftlichen Lage Oesterreichs beschäftigen solle. Auch Oesterreich sei eingeladen worden, sich an einem diesbezüglichen Schritt zu beteiligen. Darum habe sich der Nationalrat sofort mit den wirtschaftlichen Grenzen Oesterreichs befaßt. Man will aus diesen Mitteilungen Dr. Seipels schließen, daß die Einberufung einer Wittschaftskonferenz der Donaustaaten nahe bevorstehe.
Willkommen in Italien.
Eckener und die deutsche Presse auf der Messe (Privat-Telegramm.)
Mailand, 16. April.
Die deutsche Presse-Delegation gab gestern abend der Meffeleitung und den Behörden ein Bankett. Um 9 Uhr abends hielt Dr. Eckener einen Vortrag über den Flug des Zrppelinlust- 1 drittes über den Atlantischen Ozean nach Amerika. Seine Ausführungen wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Rach einem feierlichen Empfang am Bahnhof und einem Meffe- runvgang hielt Minister Nova bei einem zu Ehren der Gäste gegebenen Frühstück, an dem mehrere italienische Minister sowie der deutsche Botschafter, Dr. Eckener und die zum Besuch der Messe anwesenden Chefredakteure deutscher Zeitungen teilnahmen eine BVrüßungsansp rache, in der er der Hoffnung Ausdruck gab, daß der künftige Handelsvertrag den Interessen der beiden Völker gerecht werden würde. Botschafter von Neurath gab seiner Bewunderung für die Leistungen der Mailänder Messe Ausdruck. Chef
redakteur Georg Bernhard sprach den Gastgebern den Dank der Gäste aus und erklärte, er hoffe zuversichtlich, daß die deutsch-italienisdM Handelsvertragsverhandlungen demnächst zu einem günstigen Abschluß führen.
Also doch painlevö.
Auf der Suche nach einem Ministerstab.
(Eigener Drahtbericht.)
Paris, 16. April.
Painleve hat die Bildung des neuen Kabinetts übernommen. Als mutmaßliche Minister werden genannt: Ministerpräsident und Unterrichtsminister: Painleve, Justiz: Renault, Aeußeres: Briand, Finanzen: Caillaux, Handel: C h a u me t, Kriegsministerium: Rollet, Marine: Benazet, Verkehr: Ma- t h i e u r, Kolonien: M a l v e s, Arbeitsministe- rhtm: Haval, Landwirtschaft: Durand, Tensionen: Anteriou, befreite Gebiete: L o u ch e u r. Die Liste ist unverbindlich.
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Der Vrofeffvr als Voittiker.
Der dreiundsechzigjährige Paul Painlevs hat sich als Mathematiker auch außerhalb seines Landes einen Namen gemacht. Er war lange Zeit Mathemattkprofessor und hat wichtige Probleme der Differentialgleichungen gelöst. Die Beschäftigung mit der Mechanik führte Painlevs auch zur Theorie der Luftfahrt, über die er mehrere Werke veröffentlichte. Politisch trat er erstmals während des Krieges als Unterrichtsminister im Kabinett Briand hervor, und dann 1917 als Kriegsminister im Kabinett Ribot. Im Sep- tember des gleichen Jahres trat er selbst, jedoch nur für wenige Tage an die Spitze eines Kabinetts. An Painlevös Stelle trat Clemencean, der nun mit rücksichtsloser Entschlossenheit, na- rnentlich im Innern vorging. 1924 wurde Pain- levs zum Kammerpräsidenten gewählt.
Go Mwlnöen die Wochen..
Frankreichs unverantwortliche Verschleppung.
(Eigener Drahtbericht.)
Berlin, 16. April.
Der französische Botschaftsrat hat gestern der deutschen Regierung mitgeteilt, daß mit der französischen Antwortnote auf baS Sicherheitsangebot erst nach der deutschen Präsidentschaftswahl zu rechnen ist. Die bereits fertiggestellte Rote des französischen Kabinetts ist durch den Rücktritt HerriotS gegenstandslos geworden. Der Beratungstermin für den Fochschen Entwaffnungsbericht ist von der Botschafterkonferenz gleichfalls noch nicht festgesetzt worden. DaS Schriftstück, das 44 Seiten umfaßt, widmet nur eine Seite einer allgemeinen Erläuterung der Entwaffnung. In Berliner politischen Kreisen nimmt man an, daß erst gegen E n d e M a i Ergebnisse in der RSnmungsfrage erzielt werden dürften. Die Verhandlungen über den S i - cherheitspakt werden noch mindestens ein Vierteljahr in Anspruch nehmen.
Wie er sie prüft.
Briand-Caillaux unter den Kandidaten. (Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 16. April.
Kammerpräsident Painleve verhandelte gestern nacht mehrere Stunden mit dem Präsidenten der Republik. Danach empfing er B r i. and. Gegen Mitternacht erschien Caillaux, begleitet von Malvy und dem Abg. Pierre Laval. 40 Minuten nach Mitternacht gesellte sich zu diesen Politikern Senator d e M o n z i e, der Painlevö mitteilen konnte, daß der Senat das Gesetz über die Erhöhung des Roten» Umlaufs ratifiziert have. Painleve ließ später erklären, daß noch keinerlei Zuteilung von Portefeuilles stattgefunden hat.
Dir erste Jnstaiionskvr.
Paris, 16. April. (Eigener Drahtbericht.) Tie Kammer hat mit 329 gegen 27 kommunistische Stimmen den Gesetzentwurf über die Erhöhung des Notenumlaufs auf fünfundvierzig Milliarden Franks und die Erhöhung der Vorschüsse der Bank von Frankreich an den Staat um vier Milliarden angenommen Der Führer der Poincarögruppe, Senator C h e r o n, hatte erNSri, er wolle die Vorlage nicht ablch- nen, um nicht zu verhindern, daß die Bank von Frankreich ihre Lage regulieren könne. Seine Franktion sei gegen jede Inflation und werde sich deshalb der Abstimmung enthalten.
Handwerkskammer.
Ein Rückblick auf fünfundzwanzig Jahre.
Von
C. W. Schmidt, Stadtverordneter.
Bei einem Jubiläum ist es wohl angebracht, einen Blick auf die vergangene Zeit zurückzuwerfen und festzustellen, ob und wie sich die Verhältnisse inzwischen geändert haben. Natürlich meine ich hiermit das Handwerk int allgemeinen und nicht etwa die Handwerkskammer. Zurückblicken kann ich bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das war die Zeit, in welcher die Industrie anfing, ihren Riefenaufschwung zu nehmen. In weiten Kreisen war damals die Ansicht verbreitet, daß nun das Handwerk untergehen würde. Hervorragende Gelehrte der Volkswirtschaft, wie Pros. Wagner und andere Kathedersozialisten, rechneten schon damit, daß der letzte selbständige Handwerler bald verschwinden würde. Wie ist es nun gekommen? Zwar hat die Anzahl der Handwerksbetriebe etwas abgenommen, aber int großen und ganzen hat sich das Handwerk sehr gut gehalten. Nach der Statistik gibt es noch anderthalb Millionen Betriebe, die dreieinhalb Millionen Arbeitskräfte beschäftigen. Ungefähr zehn Millionen Menschen finden ihren Unterhalt durch das Handwerk, also etwa der sechste Teil der Bevölkerung int deutschen Reiche. Das Handwerk hat es eben verstanden, sich den neuzeitlichen Verhältnissen anzupassen und mit Aus- nähme einiger Berufe, deren Erzeugniffe durch Massenherstellung der Industrie verfallen sind, sich voll und ganz behauptet. Es wäre meiner Ansicht nach ganz verkehrt, Industrie und Handwerk in Gegensatz zueinander zu bringen. Beide können sich gegenseitig ergänzen. Wahrend die Industrie für Massenherstellung und für den Weltmarkt da ist, so arbeitet das Handwerk mehr für den lokalen Bedarf, meistens Arbeiten, für die die Industrie kein Interesse hat. Wir haben auch gesehen, wie gerade die Industrie durch Fabrikation der Werkzeugmaschinen und Kleinmo- lore das Handwerk erst in den Stand gesetzt hat, rationell zu arbeiten. Im allgemeinen wird das Handwerk in feiner volkswirtschaftlichen Bedeutung unterschätzt. Eine alte Forderung, daß ein Staatssekretariat für das Handwerk geschaffen wird, ist bis heute noch nicht erfüllt worden.
Sehen wir uns nun die einzelnen Zweige des Handwerks an. Das Baugewerbe, d. h. Maurer, Zimmerer, Dachdecker, Weißbinder usw. hat sich gut erhalten; es ist mit den örtlichen Verhältnissen eng verbunden. Nur durch Reg-.e- betriebe und soziale Bauhütten ist ihm das Leben erschwert. Hinzu kommt, daß gegenwärtig die Bautätigkeit noch nicht wieder so in Gang gekommen ist, wie vor dem Kriege.
Das Lebensmittelgewerbe, die Bäcker, Konditoren und Metzger, hat sich trotz der Konkurrenz der Konsumvereine gut behauptet. DaS Schreinergewerbe hat einen schwierigen Stand- Punkt gegenüber! den Spezial-Möbel- und Baugeschäften und chird wohl dazu übergehen m>is- fen, sich mehr zu spezialisieren. Auch das Be- kleiduugsgewerbe, die Schuhmacher, Schneider usw., hatten Wohl durch die Fabriken große Konkurrenz; aber es gibt doch sehr viele Leute, die solide Maßarbeit der billigeren Konfektion vorziehen. Die Jnstallationsgeschäfte für Gas, Wasser und Elektrizität haben sich erst in den letzten Jahrzehnten stark entwickelt; hauptsächlich hat die Elektrizität einen Aufschwuna zu verzeichnen, den niemand Wohl geahnt hätte und der auch in Zukunft noch vielen Leuten Beschäftigung geben wird. Meine Ausführungen machen keinen Anfpruch auf Vollständigkeit. Ich wollte nur dartun, daß das Handwerk, dem vor vierzig Jahren bereits der Untergqng prophezeit war, es verstanden bat, dank der ihm innewohnenden Kraft, Zähigkeit und Fleiß und trotz der entgegengehenden Hindernisse seinen Standpunkt zu behaupten.
Den schwersten Schlag bekam das Handwerk durch die im Jahre 1923 ihren Höhepunkt errei- chende Geldentwertung. Die durch Fleiß und Sparsamkeit erworbenen Vermögen, die einen sorgenfreien Lebensabend ermöglichen sollten, mb dadurch verloren gegangen, und webe dem- jenigen, der im Hinblick hieraus fein Geschäft abgegeben batte. Aber auch die noch im Ge- schästsleben Stebenden standen fast alle vor dem Nichts und mußten nun wieder von vorn an» 'ongen. Hoffen wir, daß es dem Handwerker- stände gelingt, auch ferner im Wirtschaftsleben das Ansehen und die Bedeutung zu behalten, die ihm von altersher innewohnten, und daß sich auch Vertreter aus den Reihen des Handwerks inden, die bereit sind, für die Interessen unseres Standes und damit auch für da? Wohl unseres Vaterlandes einzutreten. Ter Handwerkskammer aber wünschen wir, daß es ihr auch im