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Kasseler Neueste Nachrichten

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Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 55. Einzelnummer 10 Pf. Sonntags 15 Pf.

Freitag, 6. März 1925.

Einzelnummer 10 Pf., Sonntags 15 Pf. 15. Jahrgang

Eberts Heimkehr nach Heidelberg.

vom

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monte verkörpern. ,

Bon der WirtsckaflSentwtcklung erhofft Seipel, gestützt auf seine österreichischen Erfahrungen, viel Er erwartet neue Wirl- schaftsaebilde, die sich mit den Grenzen von Staat und Nation vienach Überschneiden wer-

Eimer und Besiegte. Friedensapostel Seipel Über daS neue Europa.

Der ehemalige österreichische Bundeskamler Dr. Seipel gehört zu denjenigen politischen Per­sönlichkeiten, denen ein hohes Amt zwar die Aufmerksamkeit der gesamten Welt erst in vollem Umfange zugewendet hat, die aber nach ihrem Ausscheiden aus dem von ihnen verwalteten Amte nicht wieder in die Bedeutungslosigkeit des großen Mintsterheeres außer Diensten zu- rückstnken, das die neue Zeit geschaffen hat. Er ist ein Mann von außerordentlicher Klugheit und darüber hinaus auch von wirklich staats- m ä n n i s ch e m Instinkt. Trotzdem er Ver­treter eines der kleinsten und machtlosesten Staaten des gegenwärtigen Europa war, hat er doch in seiner Beherrschung der Elemente und der wirkenden Kräfte der großen Politik eine Meisterschaft bewiesen, die es verständlich macht, wenn man seiner kürzlich in Köln und Essen gehaltenen Reden über die Neugestaltung Eu­ropas und den Weg zum äußeren und inneren Frieden der Völker ernsteste Beachtung schenkt. Dr. Seipel verkörpert in seiner Person zugleich park konservativ« und außerordentlich f o r t s ch r i 1 t li ch e I d r e n. Er, der in schar­fer Ablehnung materialistisch klassenkämpfert- sche Gedankengänge auf dem Boden der christ­lichen StaatSidee steht, weiß ganz genau, daß die Neugestaltung der unbefriedigenden Ge­genwart keine Rückgestaltung sein kann. Er rechnet mit den durch die von ihm verurteilten Friedensverträge geschaffenen t e r r tt o r i a - len und politischen Tatsachen. Er leugnet aber mit Recht die sittlichen Gedanken, die von den Vätern der Friedensverträge in sie der Form nach hineingestellt sind. Krieg und Revolution haben überall umstürzend gewirkt. Die Grundlagen der Umgestaltung entbehren aber durchaus der innergesetzliche» Rechtferti­gung.Die Hegemonie der Sieger" gibt der Gegenwart das Gepräge.

Aus der Regierungspraris Seipels heraus ist seine Stellung zum Völkerbund zu ver­stehen. Er billigt ihn in der Idee und glaubt, ein unvollkommener aber existierender Völker­bund ist mehr wert als sein Ideal, wenn dieses nur in den Köpfen von Gelehrten lebte". Ge­wiß, Oesterreich hat der Völkerbund auf einige Jahre zu Helsen vermocht. Die Tatsache aber, daß es sich nur um eine vorübergehende Hei­lung von äußeren Krankheftserscheinungen aus Grund einer rein technischen Betrachtungsweise der Wirtschaft handelt und nicht um eine Besei­tigung der Krankheitsursachen^ kennzeichnet die Gefährlichkeit dieser von Seipel wohl auch mehr aus taktisch-politischen Gründen ausgesprochenen Gedanken. Denn, gerade vom Standpunkt des Völkerbundsreundes aus. bedeutet diegegenwar- tige Bölkerbundspraxis eine auf die Dauer das Leben der Idee gefährdende Bela­stung. Reparation, Minderheitenschutz und Si­cherheilsfragen bilden nach Seipel den Kern der Neugestaltung. Gerade diese drei Probleme sind Beweisproben der nicht nur methodischen, son­dern grundsätzlichen Unfähigkeit des Bun­des zu einer das Gesamtwohl der Staaten for­dernden Arbeit. Das Reparationsproblem ist unter Ausschluß des Völkerbundes weiterge- führt worden. Amerika, das hier Richtung gebend gewesen ist, lehnte den jetzigen Völker­bund scharf ab. Die Entscheidungen in der Minderheitenfrage sind, selbst soweit sie etm- germaßen den Tatsachenverhältniffen gerecht ge­worden sind, in der Praris meist winkungslos geblieben, soweit nicht unmittelbare Abmachun­gen zwischen den beteiligten Staaten (Deutsch­land und Polen über Oberfchlesien) hinzugekom- men sind. Die Sicherheitsfrage endlich ist ' Völkerbund geradezu im Sinne Frc reicks zu einer Verhöhnung aller gesunden Vernunft gemacht worden. Hier verhtnder- t e der Völkerbund, der eine starre Verewigung der gegenwärtigen unmöglichen Machtverhalt­nisse erstrebt, geradezu eine Neugestaltung der europäischen Dinge. Revision und Erfüllung müffen Hand in Hand gehen, meint Seipel und weift auf daS Dawes-Gutachten hin. Zunächst einmal stehen wir noch an einem Zeitpunkte, an welchem die Dawes-Politik sich praktisch in ihren Anfängen befindet. Sodann ist aber aus der Formulierung und er Geist der Vertrage je* derzeit schlagend nachzuweisen, daß eineRevi­sion". die einen Dauerzustand herbeiführen will, vonErfüllung" nicht mehr allzuviel übrig laßt, da ja" diese Verträge auss deutlichste als Gesamt- heil und fast in allen ihren Einzelheiten den Geist der von Seipel verurteilten Siegerhege-

den. Das Hauptproblem liege aber in der Frage, ob man wirtschaftliche und politische In­teressen so auseinanderlegen könne, daß der Auseinanderfall Mitteleuropas tn soundsoviele Einzelstaaten nicht mehr gleichbe­deutend sei mit einer Schädigung der europäi­schen und der Weltwirtschaft. Nicht nur der Frieden der Völker, sondern und vielleicht vor allem der Frieden im Volk erscheint Sei­pel als Grundlage der europäischen Neugestal­tung notwendig. Gerade die germanisch be­stimmten Völker haben den Klassenkamps- gedanken und den materialistischen Interna­tionalismus mit einem Ernst aufgegriffen, der den diese Dinge spielerisch behandelnden und zu politischen Sonderzwecke» mißbrauchenden Ro­manen fernliegt. Seipels Ruf an die akademi­sche Jugend wendet sich daher mit begrüßungs­werter Schärfe gegen die soziale Zer­reißung. gegen Klaflenkamps und Klaffen­vorherrschaft,Ein Volk, das in sich den Frie­den schafft, sorgt am besten für sich und die Menschheit."

Wie man ihn zu Grabe trug.

Ebert- letzte Fahrt durch Heidelberg.

(Privat-Telegramm.)

Heidelberg, 5. März.

Die Beisetzungsfeier für den verstorbenen Reichspräsidenten gestattete sich heute vormittag zu einem überwältigenden Bilde. Um 9.30 Uhr fuhr der Trauerzug in Heidelberg ein. Nach der Uebergabe setzte sich der Trauerzug langsam in Bewegung. In langem Zuge marschierten die Vereine geschloffen und mit Fahnen. Den Beginn deS Zuges machte die Freiwillige Feuerwehr Heidelbergs mit Musikkapelle. Dann folgten die Gesangvereine. Ein sehr schö­nes Bild boten die studentischen

Korporationen, die in vollem Wichs aufmarschierten und die Fahnen ihrer Korpora­tionen mit sich trugen. Es folgten dann Ab­ordnungen des Reichsbanners Schwarz-Rot- Gold ferner Polizeimannschaften» an die sich eine lang- Gruppe von Kranzträgern schloß, die eine unübersehbare Fülle der herrlichsten Kränze von fast allen Nationen der Welt tru­gen. In gemeßenem Abstande zog hierauf der Trauerwagen mit der Leiche des Reichsprösidentrn vorbei, mit vier schwarz verhängten Pferden bespannt. Pal­men schmückten die Ecken des Wagens, wäh­rend der Sarg mit dem Banner des Reichsprä­sidenten bedeckt war. Die unübersehbare Menge entblößte beim Herannahen des Trauerwagens tn schweigender Ergriffenheit ihre Häupter.

Die trauernde Vaterstadt.

Eberts Fahrt zur letzten Ruhestätte.

(Privat-Telegramm.)

Heidelberg, 5. März.

Böllerschüsse verkündeten den Beginn der Beisetzungsfeterlichketten in Heidelberg und um 10 Uhr begannen alle Ktrchenglocken der Stadl zu läuten. Die Straßen, durch die der Zug sich bewegte, waren mit Fahnen des Reichs geschmückt und aus den hohen Gaskandelabern leuchteten Flammen. Trauerschmuck zierte die Häuser nnd eine ungeheure Menschenmenge belebte die Straßen, die Ballone die Fenster und sogar die Dächer und Bäume waren mit Men­schen gefüllt. Trotz dieser ungeheuren Men­schenmenge war es möglich, eine musterhafte Ordnung des Zuges zu sichern, der ungefähr um 54 12 Uhr den Friedhof erreichte. Die Trauer­feier war bei Abgang des Berichtes noch nicht beendet.

Dem Sarge folgten die Angehörigen des Verstorbenen und der Oberbürgermeister der Stadt Heidelberg. Ferner schloffen sich dem Zuge an der stellvertretende Reichspräsident Dr. Luther, die Vertreter der Reichs- und Landesre­gierungen sowie des Auslandes. Dann folgte der Stadtrat und Bürgerausschuß der Stadt Heidelberg, die Rektoren der badischen Hochschu- len, Vertreter der Kriegerverbände, der Gewerk­schaftsverbände usw.

Drei mächtige Rivalen.

Marr Jarres Luther alS Kandidaten.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 5. März.

Die Aufstellung der Präsidentschaftskandida­ten wird in hohem Grade von der Lösung der preußischen Regieruussfrage ab-

hängen, über die jetzt hinter den Kulissen eifrig verhandelt wird. Wenn es dem Ministerpräsi- deuten Marx gelingen sollte, mit Hilfe der Deutschen Bolkspartei ein tragfähig-s Kabinett zustande zu bringen, dem auch die Sozialdemo­kratie angehört, so besteht Aussicht, daß Marx aus eine Kandidatur für die Reichspräsident- Ichaft verzichtet. Das Zentrumsblatt schreibt zu der frühen Ansetzung des Wahltermins: Schon aus außenpolitischen Gesichtspunkten heraus, sollten die Parteien alles tun, um schon imerstenWahlgangedie Wahl des neuen Reichspräsidenten zu sichern. Ein Interreg­num von beinahe zwei Monaten, das eintreten würde, wenn ein zweiter Wahlgang erforderlich sei, wäre aus gewichtigen politischen Gründen nicht tragbar. In der Presse ist das Gerücht verbreitet, daß die Deutsche Bolkspartei beab­sichtige, den früheren Reichsminister des Innern Dr. Jarres als Kandidaten für die Reichs- Präsidentschaft aufzustellen. Man hält jedoch in volksparteilichen Kreisen seine Nennung nur für einen vorläufigen Fühler, dem noch keine weite­re ernste Bedeutung zukomme. Eine Kandidatur Jarres würde zwar von allen Rechtsparteien unterstützt werden, aber sie käme wohl nur dann in Frage, wenn Dr. Luther verzichten sollte

Srelgnlsvolle pariser Tage.

Chamberlains Besuch... Herriot bei Hoesch. (Eigener Drahtbericht.)

Paris, S. März.

Chamberlain wird in Paris am Sonntag nachmittag 3 Uhr erwartet. Er wird sofort zum Quai d'Orsay fahren und Herriot zu einer kurzen Aussprache besuchen. Bei feiner Rück­kehr aus Genf, d. h. am 15. März, wird er da­gegen mit Herriot eine längere Unterredung ha­ben. Das Ergebnis der Aussprache wird tn Berlin darin gesehen, daß die Sicherheits­frage nunmehr offiziell zum Gegenstand einer Konferenz gemacht werden soll. Ein Beschluß der Botschafterkonferenz wird voraus­sichtlich in dem Augenblick gefaßt werden, wo die alliierten Regierungen sich untereinander über die Sicherheitsfrage verstän­digt haben und die Mitteilung der Botschaf­terkonferenz an Deutschland über die Mili- tärkontrolle und die Räumung der nörd­lichen Rheinlandzone zum Ausgangspunkt der allgemeinen Verhandlungen gemacht werden wird. Ministerpräsident Herriot erwiderte ge­stern den Besuch des deutschen Botschaf­ters vom Vortage. In Paris herrscht der Eindruck vor, daß sich wichtige Besprechungen zwischen Frankreich und Deutschland anbahnen.

Ein Kobinettögeheimniö.

London und das deutsche Sicherheitsangebot. (Privat-Telegramm.)

London, 5. März.

Reuter teilt mit, es sei unmöglich, von den britischen amtlichen Kreisen eine Erklärung über ein deutsches Sicherheitsangebot zu bekommen. Der Grund dieser Zurückhaltung sei darin zu suchen, daß Deutschland selbst eine vollständige Geheimhaltung der Natur seiner Vor­schläge verlangt habe. Es wird betont, daß der betreffende Schritt, der zweimal wiederholt wur­de, von den britischen Kreisen als richtig be­wertet werde. Der erste deutsche Vorschlag wurde sorgfältig ausgearbeitet. Im Unter­haus verweigerte Chamberlain die Antwort auf verschiedene Anfragen, die sich auf die briti­sche Außenpolitik bezogen. Von der dem- schen Regierung habe er noch keine Nach­richt erhalten, daß sie bereit fei, an einer Kon­ferenz über die Abrüstung und Sicherheits­frage teilzunehmen. Weiter gab er bekannt, daß im Rheinland ungefähr neunzehntau­send Farbige ständen, von denen achtzehntau­send Eingeborene aus Algier und TuntS seien, während die übrigen aus Jndochina stammten.

Der Eijenbahnerstreik droht.

Gespannte Lage. ... Urabstimmungen.

(Telegraphische Meldung.)

Berlin, 5. März.

Die Eisenbahnerstreikbewegung im Reiche ist unerwartet in ein kritisches Stadium getreten. Außer in Dresden haben auch in den Eisenbahn­bezirken Berlin. Altona, Königsberg radikale Teile der Eisenbahner ultimative Forderungen gestellt, ftir die die Frist So n n t a g a b l ä u s t. In Dresden und Leip­zig kam es gestern zu Z u s a mm enstößen der Streitenden mit der Schutzpolizei, die die Zu- gänge zu den Güterbahnhöfen besetzt hielten. In Sachsen beginnen heute die Urabstimmun­gen zum Anschluß an den Streik. (S. a. 2. S-)

Schicksals-Kronen.

Erinnerungen an die letzte Zarin.

Bon

Louise Freifrau von Reibnitx-Maltaahn.

Beide Flügeltüren öffneten sich, und ich stand tn einem sonnendurchfluteten Zimmer. Die Hel- len Wände zeigten große Rosenbuketts. Die bequemen Sessel trugen das gleiche Muster. Blu. men, überall Blumen in hohen Gläsern und fla­uen Schalen. Das ganze ein Bild des LichteS. Aus der Nebentür trat eine schlanke Frau im lichten, weißen Sommerkleid, eine rote Rose im Gürtel. Wunderbar tief leuchteten die dunklen Augen, das kastanienbraune Haar fiel lose ge­wellt in die Stirn, die Wangen waren lebhaft ge­rötet, um den Mund ein warmes Lächeln. Es war Alexandra Feodorowna, Ruß. lands letzte Zarin. Beide Hände mir ent­gegenstreckend, lief die Kaiserin:Sie bringen Grüße aus der Heimat?" Ich neigte mich über ihre schöne Hand und sagte: »Ich will von Wolfsgarten erzählen." Da zog Me« randra Feodorowna mich auf ein kleines Sofa nieder, sah mich erwartungsvoll an und bat: Erzählen Sie." Und nun begann ich von bem alten Schloß zu sprechen, mit der Terrasse, zu der zwei breite SteintrepPen hinaufführen. Ah erzählte von dem Bruder, von der Schwägerin, die jeder den eigenen Viererzug fahrend, die Gäste vom Bahnhof abgeholt hatten. Der Bru­der so lustig, so frisch, säst wie ein Knabe. Die Schwägerin ruhig und stolz, mit einem Herrscher» blick ihre vier Schimmel lenkend. Ich erzählte von der langen Frühstückstafel im Gartensaal, wo der kleine Schottlandpony zum Dessert her- eingelaffen wurde, vergnügt um den Tisch lief und das Brot wegnahm, indem er zutraulich den Kopf zwischen die Gäste steckte. Ich berich­tete, wie nach aufgehobener Tafel wir auf bte sonnige Terrasse traten und nun die Reitpferde über den Hof galoppierten, die Treppe hinauflie- fen, um den Zucker aus der Hand ihrer Herrin zu nehmen. Die Zarin lachte und ries vergnügt: Erzählen Sie weiter, ich sehne mich so nach der Heimat und höre so selten von ihr." Da sprach ich von dem Park mit den alten Bäumen, unter deren Schatten sie als Kind sorglose und ftöh- liehe Tage verlebte. Auf dem Tennisplatz spiel­ten Bruder und Schwester mit einem der be­rühmtesten Tennisspieler, beide voll Eiser und Begeisterung. Die Kronprinzessin von Rumänien, in unbeschreibbarer Lieblichkeit, lag träumend in einem großen Gartenfessel, dem Ranch ihrer Zigarette nachblickend, von ihrem Hals hing an langer Kette das viereckige ortho- dore Kreuz, was sie immer trug.

Wie herzlich lachte die Zarin, als ich ihr be­schrieb, wie beim Diner der eine Tennis- fpielersich unaufgefordert neben ihre Schwä­gerin setzte. Sie sah mit mir im Geiste das ent» fehle Gesicht des Hofmarschalls, das unterdrückte Lächeln der Lakaien über diesen gänzlichen Man­gel an Zeremonie Alerandra Feodorowna frug mich nach jedem einzelnen im Hause ihres Bru­ders, besonders nach der alten liebenswürdigen Oberbofmeisterin. Sie durchwanderte mit mir in Gedanken alle Räume, alle Plätze im Park und erzählte, wie glücklich sie gewesen. Sie sprach von den heiteren Festen am Darmstäd­ter H o s. Vom Theater, von den Künstlern, die beranoezogen wurden. Von jenem zwanglosen Verkebr von Mensch zu Mensch. Sie sagte, wel­che seelische Entlastung es für sie und den Zaren gewesen, wenn sie auf Besuch in der Heimat waren und dort sorglos und unbewacht im Var? und Umgegend sich ergeben konnten. Eine Welle von Anmut und Sehnsucht klang aus je­dem Wort. Dann erzählte sie von ihren Kin­dern. von den Töchtern, die so viel Interesse für Musik und Literatur hätten Von dem Sohn, der ibr so viele Sorge machte, von ihrer Angst, das Kind unbewacht zu lassen, von der Unruhe, die sie erfafite, sobald der Knabe nicht unter demselben Dach mit ihr sei. Eine kleine Uhr auf dem Kamin schlug sechs. Alexandra Feodorowna blickte mich an und sagte:Jetzt muß ich Ihnen Lebewohl sagen, Sie haben mir eine wunderschöne Sttinde geschenkt." Sie nahm ans einem langstieligen GlaS einen Strauß duf­tender Rosen, leate ibn in meine Hände mit den Worten:Grüßen Sie die geliebte Heimat." Als ich an der Schwelle ihres Gemaches stand, und mein Blick sie noch einmal umfaßte, glaubte ich einen Kranz roter Rosen auf ihrem Haupt zu sehen.

Einiae Tage später war ich in Gatschina. Tas Schloß war prächtig aefchmückt, es wurde die V e r m ä b f u n g der Schwester des Zaren, Olaa Alerandrowna, mit Peter, Herzog von Oldenburg, gefeiert. Ein Ertrazug hatte uns von Peterbof b-mlberaebracfit, am Bahnhof erwarteten uns zobllofe Hofequipagen. Die Da­men in kostbaren Courschleppen, mit blitzenden