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Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

jlii»eigeapreife:(£inbeimifcbe(Sefd)äti8aii6eigen Zeile 20vrg auswärtige Geschafts» anzeigen Zeile 20 Psg, tfgmuienantcigen Zeile 20 Pig., Kleine Anzeigen «as Wort 4 Ptg. Reklamen Die «Seile 75 i<tg. Öffettgebübr l<> tstg. (bei .Hufenftg. t>er Offerten 20Pfg.t Rechnungsbeträge find innerhalb 5 Lg. zu bezahlen. Maßgebend ift der Kurs des Zahlunastages. stür die Richtigkeit aller durch Fernsprecher auigegebenen An­zeigen sowie für Aufnahmedaten und Plätze kann nicht garantiert werden. Mi Anzeigen mit besond. schwierigem Satz 100 Proz. Aufschlag. Druckerei t Schlachtbof - ftraße 28/30. Oefcbäftgfteae Köln Str.5. aeaenllb.der Soohrftr. iternlpr 951 u. 95.

Nummer 39. Einzelnummer 10Pf., Sonntags 15 Pf.

Sonntag, 15. Februar 1925.

Einzelnummer 10 Pf., Sonntags 15 Pf. 15.

Verstimmung zwischen Berlin und Moskau

Blätter des Lebens.

Von den Lebenden und Toten der letztenTage.

Ueber Westfalens roter vom rußigen Qualm der zehntausend Hochöfen- und Zechenschloie ge­schwärzter Erde wehen, ruhrhinaus und ruhr- hinab, in Städten und Flecken die Fahnen auf Halbmast. Und während in den Winkeln des Reiches und im übrigen Europa das Echo der gellenden Schreckenskunde von der entsetzlichsten aller in der Bergmannschronik verzeichneten Schlagwettertragödien schon fast erstorben ift, werden unter dröhnendem Glockenhall am mor. gigen Trauersonntag hundertdreißig Särge und mehr aus den Schultern der Berg- mannsbataillone zum Totenhof schwanken. Und aus tausend Frauen- und Kinderherzen wird ein schluchzendes Wehgeschrei aufbre­chen, das auch die härtesten, in dumpfem Groll versteinten Bergmannsseelen das Wasser in die Augen treiben wird. Ist es nicht, als sollte der deutsche Hiob auch den letzten bittersten Wer­mutstropsen des Leidenskelches leeren? Als müßte das noch unter der Frauzosengeißel bluten­de, vom klirrenden Lied der Arbeit umsungene vom Dunkel der Grubenstollen tiefer überschat­tete, vom schweigenden Tod stündlich umlauerte Bergmannsvolk der Ruhr vor diesem schwersten Schicksalssluch fein Haupt verhüllen? Das er- schütternde Los der hundertdreißig Toten von Zeche Stein hat sich wie ein seelisches Erdbeben durch die alarmierten Arbeifermassen sortge- pslanzt, wobei gewissenlose Elemente das grau­sige Leid zur politischen Hetze und noch verhäng­nisvolleren Schritten auszubeuten. bestrebt sinv. Aber Reichskanzler Luther weilt selbst unter den lebenden und toten Opfern und hat sich für barmherzige Hilfe des Reiches und groß, zügige Sicherungen gegen ähnliche Vorkommnisse mit allen Kräften eingesetzt.

Vor dieser ungeheuerlichen Schicksalsfügung ist selbst der Lärm um Ba r m a 1 und Genossen sekundenlang verstummt und die Regierungskrise des Preußensiegers M a r r in den Hintergrund getreten, obwohl namentlich die Finanzzlandale immer groteskere Formen annehmen. Nach der Verhaftung des schwerbelasteten Postministers a. D. H o e f l e und mehrerer hochangesehener Berliner Rechtsanwälte, die zugunsten Barmats gegen die Gesetze verstoßen haben sol­len, droht das Verhängnis auch über den ehema­ligen Reichskanzler Bauer und den Polizei­präsidenten Richter hereinzubrechen, die be­reits kriminalistisch überwacht werden, ein Zu- sammmcnbruch parlamentarischer, wirtschaftlicher und amtlicher Größen, wie er erschreckender we­der bei uns noch anderswo kaum erlitten wurde. Kein Wunder, wenn so der sozialen Hochflut im Ruhrgebiet die politischen Kanonaden in Berlin parallel laufen, sodaß man nun auch Jon Regie­rungsseite Anstalten treffen sollte, um der Kor­ruptionshydra diepolitischenStohzähne «uszubrechen. Denn so weit man den skrupel­losen und gerissenen Glücksjäger und Geldmacher Barmat von sich stoßen muß,' und so wenig die dunklen Geldgeschäfte seiner Freunde zur anti- kapitalistischen Lehre seiner Partei paffen . . . diese selbst sollte man aus dem Spiel laffen, zu­mal es, wie kürzlich der deutschnationale Abge­ordnete v. Ka r d o r f f sagte, in jeder Par. tei räudige Schafe gibt. Diefe ihre An­hänger sind gestrauchelt, der Stamm selbst bleibt davon unberührt. Und so wenig der Höllensturz des Barmatismus die Republik gefährden wird, fo wenig sollte man bett Kampf der Rechten ge­gen die Korruptionsseuche als Kamps für die Monarchie brandmarken und mit dem Gegenstoß eins »Ruhtpanama" abzuwebren suchen. Hier gibt es nur e i n Radikalmittel: Geht dem Uebel mit eiserner Faust zu Leibe und räumt gründlich unter den Gefallenen auf. Nichts kann den deutschen Interessen und der eigenen Sache mehr schaden, als Riesenfäulniffe mit Pflastern und Pflästerchen verdecken wollen, die allein das Messer des Arztes beseitigen kann.

Mit allen Kräften sind wieder zwei lautere und besonnene Männer am Werke, die politische Katastrophenatmosphäre nach innen und außen zu entgiften. Mit felsenfestem Vertrauen auf Deutschlands gute Sache hat der R e i ch s k a n;- l e r am Rhein und in den Südstaaten für i n - nereunbäufcere Versöhnung die Hand geboten und halb zerrissene Bruderbande neu ge­knüpft. ohne daß freilich von jenseits des Rheins ein Echo auf fein Friedenswerben geantwortet hätte. Und zu gleicher Zeit versucht der ehrliche und makellose Wille des vielgewandten Minister­präsidenten Marr mit einem Kabinett der Volksgemeinschaft die einer Staatskrise entgegentreibenden Partileidenschasten in ruhi­

gere Bahnen abzulenken. Freilich haben die Deutschnationalen ihre Zustimmung an so fun­damentale, gegen links gerichtete Bedingungen geknüpft, daß schon jetzt feine Sysiphusarbeit als gescheitert zu betrachten ist, sodaß der Mini­sterpräsident sich nun wieder auf die Weima­rer Koalition zurückziehen muß, deren Be­stand auf Gedeih und Verderben dem Urteils- spruch der Deutschen Volkspartei aus- geliefert ist. F. R.

Reichskanzler Lntyer ehrt die Toten.

Dortmund, 14. Februar. (Eigene Drahtmel- dung.) Reichskanzler Dr. Luther stattete den 119 Opfern des Grubenunglücks auf der Zeche Minister Stein noch um Mitternacht einen Be­such ab. Der Kanzler verweilte vor den Toten in sichtlicher Ergriffenheit eine Zeitlang. Der Bergungsmannschaft dankte er im Namen der Reichsregierung für ihre bewiesene Aufopse- rungsfrendigkeit. Die U r s a ch e der Schlagwet­ter-Explosion ist noch nicht ermittelt. Tie Be­fahrung der zu Bruch gegangenen Strecken ist weiter sehr schwierig. Bisher sind von 129 Opfern nicht mehr als 121 Tote geborgen.

Was die Freundschaft stört.

Rußlands Kritik am Leipziger Tscheka-Prozetz.

(Eigener Informationsdienst.)

Berlin, 14. Februar.

Die fowjetrusstsche Botschaft in Berlin be­streitet entschieden die Beschuldigung, daß die russische Botschaft der deutschen kommuni­stischen Partei oder deren Beauftragten Gelder ausgezahlt habe. Sie habe überhaupt leine Beziehungen zur kommunistischen Partei Deutschlands. Rußland bestreitet weiter, die angebliche Verschwörung gegen General von Seeckt finanziell unterstützt zu haben. Derartige Ausstreuungen seien auch im Hinblik ans Eng­land und Frankreich nur geeignet, die deutsch- russischen Beziehungen ernsthaft ,u stören. Auch ist die russische Regierung sehr besorgt über die Haltung Deutschlands zur Sicherheitsfrage. Deutschlands Pakt mit den Westmächten würde als eine gegen die russische Sowjetregierung gerichtete Aktion der Alliierten anfgefaßt Wer­dern (Siehe auch den folgenden Bericht.)

Die Häscher v. Seeckts.

Neumanns Zusammenbruch. 3. Gerichtstag. (Eigene Drahtmeldung.)

Leipzig, 14. Februar.

Am gestrigen dritten BerlnmdlungStag im Tschekaprozeß wird durch Beulen und Kratzmun­den im Gesicht des Zeugen Neumann festgestellt, daß er in der Zelle einen Nervenzusam­menbruch erlebt hat. Der Angeklagte Neu­mann erklärt, daß er sich durchaus verhandlungs- fähig fühle. Senatspräsident Riedner fragt zunächst, ob dieT-Grupve" auch Sprengstoff verwendet habe. Die Terrorgruppe war im Be­sitz eines Kraftwagens, die Partei habe einen Horch-, einen Presto- und einen Bergmannwa­gen besessen. Auf die Frage des Präsidenten, ob man nicht auch die Absicht gehabt habe, ein Auto zu stehlen, führte Reumann aus, daß er zu dem Anschlag auf Seeckt einen Kraftwagen ge­braucht habe. Ein gewisser Heinz Neumann habe gesagt, daß man B r a n d l e r, der stets im Auto zu den Fünferkopf-Sitzungen fahre, diesen Wagenklaue n" müsse. Die Gehälter der T-Grupven-Mitglieder betrifft die nächste Frage des Präsidenten. Neumann erklärt, daß er nach Einführung der Rentenmark sechzig Marl Wochenlohn gegeben habe.

Ein Brief an Trotzki kommt sodann zur Verlesung, in dem sich Neu­mann beschwert, daß er nicht die genügende Un­terstützung des Fünferkopfes in finanzieller Hin­sicht erhalte. Reumann erklärt weiter, daß er zwar nie direkt vom Fünferkopf, aber regelmä­ßig alle 14 Tage dreihundert Dollars aus der M-Kasse erhalten habe. Dann hat B r a n d l e r aus eigenen Mitteln für jedes Mitglied der T-Gruppe zehn Mark Vorschuß gezahlt. Dies war Mitte Dezember 1923. Präsident Ried­ner: Bon wem erhielten Sie den Auftrag, den General von Seeckt zu beseitigen? Reumann: HeLmnt sagte mir, daß

General von Seeckt innerhalb von zwei Monatenerledigt

sein müsse. Ich hatte mich durch Hand­schlag verpflichtet, alle Aufträge auSzu- sühren. Zunächst wurde Mens als Mitglied der Gruppe verpflichtet, dann verschaffte man sich ein Lichtbild des Generals v. Seeckt und be­sichtigte das Reichswehrministerium, um Beob­achtungen unzustellen, wann v. Seeckt das Ge­bäude verläßt. Bontöten" habe ich nie gespro- dten, sondern ich habe die Mitteilungen stets so weitergegeben, wie ich die Befehle erhalten habe.

Wir haben dann beobachtet, daß v. Seeckt jeden Morgen im Tiergarten reitet. Wir wollten nun den General bei dieser Gelegenheit beseiti­gen und suchten auch eine Annäherung an den Pferdeburschen desselben, die aber nicht glückte. Es trat dann Frostwetter ein und der General ritt nicht mehr. Ursprünglich hatte ich den Vor­schlag gemacht, daß Seeckt beim Reiten vom Pferde geschossen werden sollte. Dann hatte ich kein Interesse mehr, den Gene­ral zu erledigen, ich bekam moralische Be­denken. Ich schlug dann einen neuen Plan vor ,den ich lediglich für eine leere Demon­stration in dieser Angelegenheit hielt."

Träume. °. Schäume.

Mar» auf neuen Wegen.

(Eigener Informationsdienst.)

Berlin, 14. Februar.

Die Antwort der deutschnationalen Landtags­fraktion an den preußischen Ministerpräsidentin Marr zur Frage einer Regierung der Volks­gemeinschaft (f. 2. S.) hat in den Zen­trumskreisen außerordentlich verstimmt. Die Zen- trumsführer erblicken in der deutschnationalen Entschließung, die den christlichen Gedan­ken besonders betont, einen Vorwurf gegen die bisherige Politik des Zentrums. Das führende Zentrumsblatt schreibt:Der Triumpf der Reak­tion in Preußen würde zur Erschütterung des ganzen Staatsgefüges führen müssen, die zu ver­hindern wir mit allen verfügbaren Mitteln uns anstrengen werden. Die Entscheidung der Volkspartei und ihre Stellung zum Kabi- uelt Marr wird für das ganze deutsche BrPk schicksalhaft fein." Auch das volksparteiliche FÜH- rerblakt betont, daß Marr zu der Ueberzeugung gelangt sei, daß die Bildung eines Kabinetts der Volksgemeinschaft nicht durchführbar sei. Er sei deshalb zu dem Plan zurückgelehrt, ein Kabinett aus Zentrum, Demokraten u. Sozialdemokraten zu bilden. Nach der Bildung des Kabinetts wer­de Marx die Verbindung mit den anderen Par­teien des Landtags wieder aufnehmen.

Vorstoß gegen Severing «nd Barmatleute.

Berlin, 14. Februar. (Privattelegramm.) Die beiden Rechtsparteien haben gestern ihre Forde­rungen für eine passiveDuldung des preu­ßischen Kabinetts Marx dahin formuliert, daß sie erst nach Entfernung des Innenministers Severing und aller in der Barmat-Affäre belasteten hohen Beamten in die Erörterung dieser Frage eintreten könnten.

Gilberts Gelökanäle.

Wie das deutsche Reparationsgeld zurückflietzt. (Eigene Drahtmeldung.)

London, 14. Februar.

Ein diplomatischer Berichterstatter weiß über das grundsätzliche Uebereinkommen zwischen dem Generalagenten für Reparationen, Parker Gilbert, und dem britischen Schatzamt folgende Einzelheiten zu berichten. Die regelmäßigen deutschen Zahlungen würden in Gestalt kurz­fristiger Schatz- oder Reichsbankwechsel, die zn den vorgesehnen Terminen fällig werden, ge­zahlt werden. Diese Wechsel würden dann vom Schatzamt britischen Importeuren übergeben werden, die dafür deutsche Waren laufen und die deutschen Exporteure mit diesen Wechseln bezahlen würden. Diese würden so ihren Weg nach Deutschland zurücknehmen, ohne daß eine zu große Anhäufung von Reichsmark in Eng­land stattfinde. Bezüglich der deutschen Wäh­rung sei absolut nichts zu befürchten.

Eckeners Ehrentag.

Württembergs Preis Zeppelins Zukunft.

(Eigene Dtahtmeldunj,.)

Stuttgart, 14. Februar.

Auf einem parlamentarischen Abend im Reuen Schloß, zu dem die württembergische Re­gierung eingeladen hatte, begrüßte Staats­präsident Bazille den Ehrengast des Abends Dr. Eckener und überreichte ihm als Ehrengabe fünfundzwanzigtaufend Mark.

Sodann sprach unter großem Beifall Dr. Ecke­ner über die Amerika fahrt des Z. R. 3, wobei er hervorhob, daß die Zeppelinwerft ihrer Sache so sicher gewesen fei, daß sie der amerika­nischen Regierung eine dreimalige Fahrt des Zeppelin, nämlich hinüber, zurück und zu­letzt Ablieferungsfahrt angrboten habe. Die amerikanische Regierung habe dies jedoch abge­lehnt. Heute sei das Luftschiff dem F l n g - zeug weit überlegen und auch ein Ver- kchrsinstrument der Lust, daS die größte Sicher­heit und weltweite Aussichten bietet.

Am heiligen Ganges.

Die Toten von Benares auf dem Scheiterhaufen.

Der schwarze Tod im Hinduviertel. Schei- tcrhoitteu von grünem Hol,. Tote Frauen im llloicuschieirr. 2>om Fener verzehrt, Eine Phantastische Totenfeier.

Benares, das Rom der Hindus, ist den from­men Verehrern Schiwas so heilig, wie es in der übrigen Welt als berüchtigter Pestherd verrufen ist. Die Beulenpest, die ja in Indien als endemische Seuche nie erlischt, findet in dem Strahenlabyrinth des übervölkerten, am User des Ganges gelegenen Hinduviertels, dessen feuchte, schmützstarrende Gassen so eng sind, daß ein Elefant nicht hindurch könnte, den denkbar günstigsten Nährboden, und der ununterbrochene Zustrom von Pilgern in die heilige Tempel-- stadt ist vollends dcnu angetan, die günstigen Be­dingungen für die Verbreitung der Seuche zu er­höhen. Ueberstedeln doch selbst reiche Hindus, wenn sie sich dem Tode nahe fühlen, nach Bena­res, um im Angesicht des heiligen Stromes zu sterben. Gerade jetzt wieder

toii<et die Pest in Senates

mit einer Heftigkeit, wie sie lange nicht beobach­tet wurde. Der schwarze Tod hält furchtbare Ernte unter der armen Hindubevölkerung, die sich in den engen Gassen zusammendrängt. Je­des Haus ist ein Infektionsherd, jede Gasse, jeder Winkel, jeder Tempel ist übersät mit Sterbenden, die geduldig hier ihre letzte Stunde erwarten. Man trägt die Toten zum Ganges hinunter, wo sie verbrannt werden. Unsere Barke, so plaudert ein italienischer Berichterstat­ter, gleitet langsam und schläfrig auf dem mit blühenden Blumen bedeckten Wasser dahin und nimmt ihren Kurs nach den westlichen Vororten der Tempelstadt. Auf einem der.Ghats" (Fluß- treppen), an denen wir vorübergleiten, sind ei­nige in ärmliche Lumpen gehüllte Männer um zahlreiche kleine Holzstöße beschäftigt, die sie zum Scheiterhausen schichten. Auf meinen an den Bootsführer gerichteten Befehl, anzulegen, wagt der mich begleitende Hindujunge einen Einwand mit den Worten:Es sind Leichen ar­mer Leute, Sahib. Das Holz für die Schei­terhaufen der Parias ist stets grün und naß und verzehrt daher den Körper nur langsam. Wir würden uns hier zu lange aushalten. Du wirft dich besser unterhalten, wenn du dir die Scheiter­haufen der Reichen ansiehst." Trotz diesem Ein­wand beharre ich darauf, hier halt zu machen. Ich zähle sieben Scheiterhaufen. Aber die am Boden liegenden Leichen, die des Feuers harren, sind in ungleich größerer Zahl. Einige sind nackt, kaum daß ein schmutziger Fetzen den Unterleib bedneckt. Andere wieder sind ganz in weiße Leinwand eingehüllt, sodaß nur die Füße aus der Hülle hervorgucken. Zwei Leichen end­lich sind mit einem dichten rosafarbenen Schleier bedeckt Andere wieder sind ganz in weiße Hindniunge,bleibt den Frauen Vorbehalten, denn sie sind

zart und anmutig wie die schimmernde Morgenröte."

Nie hätte ich aus dem Munde eines Inders eine solche Bemerkung über die Frauen erwartet, die ja nach der Vorstellung der Hindus unter den Tieren stehen. Die Leichen werden ins Wasser des heiligen Flusses getaucht und ein paar Mi­nuten unter der Oberfläche gehalten. Kein Ange­höriger odqr Freund wohnt der düsteren Zere­monie bei. Der Wellenschlag hat das Gesicht ei­ner der beiden mit dem roten Schleier bedeckten Leichen freigelegt. Es ist das armselige trauri- ae Gesicht eines noch jungen Weibes mit toben» schwarzem Haar und verglasten Augen, die noch mit Entsetzen den heranschreitenden Tod zn se­hen scheinen. Einer nach dem anderen flammen die kleinen ScheiterOmfen aus. Mit gleichgiilti- ejer Hand werfen die Totengräber die nodi vorn Wasser triefenden Körper aus die brennenden Scheite, wobei sie sorgsam daraus achten, daß die Füße der Toten nach dem Fluß gerichtet sind.

Langsam verzehren die Flammen die Körper, bis die Materie in Staub verwandelt ift. Einer der Totengräber wirst lässig einen Franenarm, der sich gelöst hat und hernntergefallen ist, ans den Feuerherd. Dann bläst er in die Flamm«. Er hat Eile, denn noch viele andere harren der Arbeit. Unsere Barke gleitet weitet längs des Ufers der Toten. Unter einem pntpiirsarbene-r Baldachin, den vier bis zum Baneb im Wasser stehende Diener aufrechthalten, liegen zwei Kör­per, die ihres letzten Bades harren. Der eine ift mit einem weißen, der andere mit einem rofert« roten Tuch bedeckt. Vielleicht sind es zwei Slung» vermählte, die die Pest Seite an Seite daying«- rafft hat. Hier sind neben den Dienern und To« tengräbern auch noch andere Personen anwes-nd, die die Vorbereitungen sorgsam überwache» und gewissenhaft daraus achten, daß die Holzscheite