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Kasseler Neueste Nachrichten

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Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 302. Einzelnummer ,0 Pf Sonntags 15 Pf Mitttvoch, 24. Dezember 1924. Einzelnummer IN Pf. Sonntags Pf 14. Jahrgang

Neue Drohungen gegen Deutschland.

Zn Erwartung des Berichts der Militärkontrollkommission.

Balkan-Hexenkessel.

Wie eS in Albanien aussteht.

Im albanischen Hexenkessel brodelt es lustig weiter. Wie eine heutige Morgendepesche be­sagt, hat die albanische Regierung strickt? Be­weise für die südslawische Unterstützung der Re­bellen in den Händen. Danach haben die bei der letzten Junirevolution aus Albanien ver­triebenen Truppen des ehemaligen Ministerprä­sidenten Achmed Z o g u l sich in Südslavien versammelt, da es sich zum größten Teile um südslavische Staatsangehörige handelt. Mit süd­slawischen Waffen überschritten sie die Grenze Auch die in der Nähe von Kossowo und Dibra operierenden Banden sind mit südslawischen Ge­schützen und Maschinengewehren ausgerüstet. Das in den Provinzen Skutari und Kossowo besetzte Gebiet ist jetzt vollständig durch die al­banischen Gegenoffensive befreit worden. Da­gegen bleiben die aufwieglerischen Banden noch in den Bezirken von Gruma und Piskopeja zu­rück, wo die Kämpfe fortbauern. Auf Seiien der regulären Truppen kämpfen über sechstau­send Freiwillige. Die Regierung Fan Roli er­klärt sich imstande, der Aufstandsbewegung die Stirn zu bieten.

In einem un- heute morgen zugehendem Brief eines Mitarbeiters in Agram heißt es u. tu: Mr sehen den Streit zwischen F o n N o l i und Achmed Zog ul Bei al- eine rein in» rere albanische Angelegenheit an, bei der wohl, wie in allen dortigen Kämpfen, viel mehr ge­knallt als getötet wird. Diese Bergbewohner sind ausgezeichnete Schützen, aber sie verstehen es auch glänzend, in Deckung zu gehen. Wäre das nicht der Fall, so müßte nach den ewigen Kriegen das Land schon auSgefferben fein. Mus­solini und der serbische Staatslenker Rintschitsch st nv übereingekommen, nicht in die inneren Wirren Albaniens einzugreifen. Ob Fon Noli sich halten kann, ist fehl zweifelhaft. Die Note die er über die neuesten Zwischenfälle in Bel­grad überreichen ließ, erinnert in ihrem Tone beinah« an das österreichische Ultimatum vom Juli 1913. Die Belgrader Regierung wird beschuldigt, die revolutionäre Bewegung in Al­banien zu unterstützen, die Versammlung und Ausrüstung albanischer Banden auf serbischem Gebiet zu dulden und dadurch die Souveräni­tätsrechte Albaniens zu verletzen. Herr Rintschitsch hat so geantwortet, daß es vielleicht außerhalb des Balkans den Abbruch der diplo­matischen Beziehungen bebuetet hätte; er be­zeichnet die Note als einen Verstoß gegen den üblichen diplomatischen Ton und als einen Ver­such, die Schuld an den Unruhen, welche die al­banische Regierung allein treffe, auf Südslavien abzuwälzen.

Aus Fon Noli, der bekanntlich katholischer Priester ist, hatte man größere Hoffnungen ge­setzt. Er vertrat zunächst die Interessen seines Landes recht geschickt vor dem Völkerbund. Seme stattlich« Erscheinung, sein Priesterornat, seine Gewandtheit im französischen und englischen Ausdruck imponierten zunächst und gewannen Fon viele Herzen. Aber der Nimbus verflog, als Fan Noli bei der Besprechung einer Be- fchwerde der südslawischen Regierung über einen Grenzzwischenfall, bei dem Albanesen serbische Mädchen geraubt hatten, die Erklärung abgab, der Frauenraub fei bei den Albaniern die volkstümliche Form der Liebe und man dürfe feinen Dolksgenoffen wegen sol­cher Vorsälle keinen Vorwurf machen. Fon Rolis Ansehen hat seitdem in Genf stark gelit­ten. Als die Türkei noch bis ans adriatlsche Meer reichte, war Albanien nicht nur das un­bekannteste Land Europas, fondern des Erdballs. Manche Stelle Jnnerafrikas war damals bekannter als Albanien. Das Land zahlte keine Steuern, die Blutrache blühte, und niemand kümmerte sich um Albanien. Ter Zerfall der europäischen Türkei und die Un­möglichkeit, die albanischen Stämme an irgend einen anderen Balkanstaat anzugliedern, hat zur Schaffung des Staates .Albanien- geführt, der vorläufig eine mehr negative Tri­ften, führt. Das wechselseitige Desinteresie- ment, über das Mussolini und Äintschitsch über­eingekommen sind, ist die weiteste Lösung. Das Land muß vorläufig sich selber überlas­sen werden. Es hat noch keinem Glück ge­bracht, der es angefaßt hat. Der zerklüftete Ge­birgsboden ist ebenso verkehrsfeindlich wie die Einwohner. Europa kann im Jntcrefle seiner Ruhe vorläufig nichts Besseres tun als Al­banien aus feinem Spiel anszuschalten.

Srunter und drüber.

Zürich, 28 Dezember. (Privattelegramm.) Rach den Meldungen aus Albanien nehmen die dortigen Sämvfc an Heftigkeit ju. Sic B e - woh ner flüchten sich aus Die Schiffe. Bier

englische Kriegsschiffe sind in Durazzo und Va- Iona eingetroffen. Die Regierung richtete an Jugoslawien einen Protest wegen Un- tcrstützung des Aufstandes. Die jugoslawisch« Regierung bat diesen Protest jedoch nicht ange­nommen. Der Ministerprästdent soll Eng­land um Intervention bei der südsia- mififien Regierung gebeten haben. Die grie­chische Regierung erklärte, sie werde strenge Neutralität beobachten, da es sich nm eine rein innere Angelegenheit handele.

Gegen Industrie und Voiizki

Tas wird der Kontrollbericht verlangen.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 23. Dezember.

Ein Londoner Depeschenbüro erfährt, daß, abgesehen von der Beschuldigung Der O b - t r u k t i o n gegen die Arbeiten der Militärkon- trollkommiffion, diese ihrem Bericht gewissege­wichtige Verstöße" Deutschlands gegen Die Erfüllung der Entwafsnungsbestim- mungen des Friedensvertrages vorbringen werde. Die Kommission habe sehr große Auf­merksamkeit auf A n l a g e n verwendet, die zur Herstellung von Artillerie gebraucht werden können und hier habe sie die Forderung erneu­ert, daß es angebracht wäre, wenn

Krupp die Drehbänke und andere Maschinen zerstören würde, die zur Herstellung der großen Berta verwendet wurden. Die Kommission verlangt ferner Die Abrüstung eines Stahlwerkes in Spandau, welches leicht für die Herstellung von Artillerie geeignet gemacht werden könnte. Der Bericht legt besonderen Nachdruck auf Die Notwendigkeit der

Aufhebung der jetzigen militärischen Organisation der Polizei

und ihre Zurückziehung aus den Kafer­ne n, in denen sie noch immer einquartiert feien. Es sei wahrscheinlich, daß diese Forderung auf besonderen hartnäckigen Widerstand stoßen werde, da die Gefahr plötzlicher kommu­nistischer Erhebungen ganz außeror- deutlich verschärft werden würde, wenn die Po- lizei nicht mehr in den Kasernen für alle Zu­kunft zusammengezogen sei.

Köln und Ruhr.

Hat der deutsche Protest gewirkt?

(Eigener Informationsdienst.)

Berlin, 23. Dezember.

Die diplomatischen Schritt« und Vorstellun­gen, die die Reichsregierung in London, Pa­ris, Brüssel und Zürich hinsichtlich der Klärung der Räumungsfrage gestern gleichzeitig unternommen und erhoben hat, waren, wre wir versichern können, sehr ernst und nachdrücklich ge­halten und ließen keinen Zweifel bestehen, daß man deutscherseits eine Verzögerung der Räu­mung der Kölner Zone als eine Verletzung des Versailler Vertrages betrachten würde. Einer Nachricht deS Botschafters von Hoesch zufolge dürfte Die französische Regierung nicht die Absicht haben, in der Räumungsfrage grundsätzliche Schwierig- leiten zu schaffen. Auch England scheint geneigt zu fein, die Bemühungen Deutschlands zur Herbeiführung einer

früheren endgültigen Räumung des Suhl gebiete

auf das nachdrücklichste zu unterstützen. An­läßlich Diefer diplomatischen Schritte gab-n so­wohl der englische Außenminister als auch daS französische Auswärtige Amt der Besorgnis Ausdruck, daß die Bildung einer arbeits­fähigen parlamentarischen Mehr- heitsregierung in Deutschland verhindert werden könnte. In Berlin hat es jedenfalls einen peinlichen Eindruck hervorgerufen, daß die

leidige Regierungsfrage wieder einmal den Anlaß zu Deutungen des Mißtrauens gegeben hat. Man wird daher bei der Regie ningsbildung die dringendsten Interessen der Außenpolitik nicht umgehen und lediglich den innenpolitischen Wünschen Rechnung tragen dür­fen. Namentlich in England legt man viel größeren Wert auf eine Stabilität dervo- liti« chen Sage in Deutschland, als auf wirtschaftliche ode» politische Gesichtspunkte.

Dr. 6Warner nach Berlin berufen.

Berlin, 23. Dezember. (Eigener Informa­tionsdienst .) Wie wir erfahren, ist auch der deut­

sche Botschafter in London, Dr. Sthamer, von »er Reichsregierung ersucht worden, sich zur Be­richterstattung nach Berlin zu begeben, wo er um Neujahr eintreffen dürfte.

Wie Men wir uns wehren?

Deutschland Spielball Europas.

(Amtliche Drahtmeldung.)

Rotterdam, 23. Dezember.

Einer der Berliner Korrespondenten eines Londoner Blattes behauptet, daß der deutsche Einspruch gegen die Nichträumung Kölns auch den Regierungen in Washington und To- k i o als Signatarmächten des Versailler Ver­trages zugestellt worden sei. Das Blatt meldet weiter: ®iit einem Erfolg des Einspruches

rechnet Die deutsche Regierung nicht.

Wenn die ablehnenden Antworten der Regierun­gen übereinstimmend lauten würden, so werde inan sich unter Protest fügen! Das Depe­schenbüro Reuter meldet, daß die britische Regie- inng nicht in eine Interpretation des Versailler Vertrages eintreten wolle, da dieses der Gesamtheit der Alliierten zustehe. An­dererseits sei eine

Beschleunigung der Entscheidung der

K . Kontrollkommission

»rusche Entwaffnung sehr wohl mög­lich und hierzu habe die britische Regierung Die Initiative bereits ergriffen.

Sle bleiben uns treu.

Das letzte Stadium der Regierungsbildung.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 28. Dezember.

Bon den in Politikerkreisen umlaufenden Gerüchten scheint soviel festzustehen, daß die Deutsche VolkSpartei ihre ablehnen­de Haltung, sich an einer Koalition zu be­teiligen, der die Deutschnationalen nicht angehö­ren, milderte. Demzufolge wird sich die Ka­binettsbildung unter Reichskanzler Marx der­art vollziehen, daß außer Dr. Stresemann, der das Außenministerium behält, drei weitere Mitglieder der Deutschen Volkspartei in das Kabinett eintreten. Zu besetzen find die Mini- tcricn des Innern, der Justiz, der W i r t- chaft und des Verkehrs. Eines dieser vier Ministerien würde durch einen ZcutrumS- mann zu besehen sei«; die Demokraten wä­ren in diesem Kabinett durch Dr. G e ß l e r ver­treten. Den beiden Flügelparteien, den Deutsch- nationalen und den Sozialdemokraten wird es möglich sein, je nach ihrer Einstellung in abseh­barer Zeit ihren Eintritt in das Kabinett Der Reichsregierung zu vollziehen.

Ein Ausweg vtr Demokraten.

Berlin, 23. Dezember. (Privattelegramm ) Zur Regierungsbildung wird weiter gemeldet, daß nunmehr auch die Demokraten Dem Reichskanzler die

Bildung eines sog. Minderheitskabinetts nahegelegt haben, um zu einer schnelleren Lö­sung der Krise zu kommen. Nach dieser Bairon werden die volksparteilichen Minister aus dem Kabinett aus Heren und ein Mnidcr- heitskabinett Marx am 5. Januar vor dem Reichstag und dem deutschen Boll erscheinen.

Daö Ende vom Lied.

Der Beleidiger des Reichspräsidenten verurteilt. (Privat-Telegramm.)

Magdeburg, 23. Dezember.

Die Magdeburger Tageszeitung meldet: Im Beleidigungsprozeß des Reichspräsidenten wur­de Der Angeklagte Redakteur Röthardt wegen öffentlicher Beleidigung des ReichSpräsi- denten

zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Reichspräsident Ebert wurde die Befugnis zn- irföroditn, den Urteilsspruch innerhalb Drei »io- na:'n nach Verkündung des Urteils ans Kosten des Angeklagten in drei Zeitungen z u veröffentlichen. Die Kosten wurden Dem Angeklagten auferlegt Alle Exemplare Der mitteldeutschen Presse vom 23. Februar und die zu ihrer Herstellung benutzten Platten und Lor lagen find unbrauchbar machen/

ir müssen bauen

%

Treue um Treue.

Preußens Dank an das Rheinland.

Berlin, 23. Dezember. (Eigene Drahtmeldung.)

Montag vormittag fand unter dem Vorsitz des Preußischen Ministerpräfidenten Braun eine Sitzung sämtlicher preußischer Staatsminister statt, in der Der Landeshauptmann Der Rhein­provinz, Dr. Horion, als Leiter Der deutschen Abordnung zur Durchführung der Londoner Vereinbarungen über Verlauf und Ergebnis Der von ihm geführten Verhandlungen Bericht erstattete. Der Ministerpräfidcnt bat Den San«

Ein klägliches Bild Der Bautätigkeit.

Di« Spitzenorganisationen der Handels­kammern und der Wirtschaft haben der Reichsregierung und dem preußischen Staatsministerium eine Reihe von Anträgen un­terbreitet, die Steuerbefreiungen zwecks Belebung der Neubautätigkeit verlangen. Die dringendsten Wohnungssragen werden in folgenden Ausführungen berührt:

Das Baugewerbe im weitesten Sinne hat in normalen Zeiten einen großen Teil unserer ge­samten Industrie beschäftigt und mit Aufträgen versorgt. Es ist feit langem nachgewiesen, daß der allgemeine Beschäftigungsgrad in der In­dustrie im engsten Zusammenhang mit der Gefchäftskonjunktnr im B a u w e s e n steht. Seit der Kriegszeit liegt aber in Deutschland die

Bautätigkeit rettungslos darnieder.

Die Zwangsbewirtschaftung der Wohnungen hat die unheilvolle Folge gehabt, daß die private Bautätigekeit aufgehört hat. Die Summen, die Reich, Staat und Gemeinden für diese Zwecke aufgewendet haben, haben verhältnismäßig toe« nig Nutzen gestiftet. Die Hauszinssteuer hat zwar Hauswirte und Mieter in gleicher Weife stark belastet, aber die Zuschüsse, die anS ihren Erträgen zur Finanzierung von Woh- uungsbauten verwendet worden find, haben nur in geringem Umfange eine Belebung der Bautätigkeit hervorbringen können. Tatsäch­lich hat man, um überhaupt Neubauten von Mietshäusern möglich zu machen, vielfach sech­zig Prozent der Herstellungskosten aus den Erträgen der Hauszins steuer den Bau­lustigen zur Verfügung stellen müssen. Der Bau­unternehmer hat also in diesen Fällen selbst nur verhältnismäßige geringe Teile der Baukosten aufgebracht. Es ist klar, daß auf d i e s e r Grund« laae eine gesunde Bautätigkeit nicht entstehen kann. Soweit gegenwärtig in der Reichshaupt­stadt und in den anderen Großstädten überhaupt gebaut wird, handelt es sich um Villen und Ei­genhäuser, in denen die Rentabilität keine aus­schlaggebende Rolle spielt. Außerdem werden in nennenswertem Umfange Ausbesserungen der Fassaden, besonders an den Geschäftshäu­sern, vorgenommen; es handelt sich hier um Arbeiten, die bisher

immer wieder verschoben worden sind, nunmehr aber dringend sind, wenn nicht Wertminderungen der Häuser hervor, gerufen werden sollen. In Groß-Berlin znm Beispiel sind in der Zeit vom Juni bis September dieses Jahres insgesamt sechstausend Wohnungsneubauten von der Baupoli­zei genehmigt worden. Es handelt sich zum größten Teil um Zwei bis Dreizimmerwohnun­gen. Viertausend davon sind bisher in Auftrag gegeben worden. Ein Teil dieser Wohnungen soll allerdings nur durch Aufstockungen oder durch -Ausbau von Dachwohnungen ge- luonnen werden, daß etwa zweitausendeinhun- bert Wohnungen in Neubauten von Wohn­häusern bis zum Frühjahr fertiggestellt sein werden. Ebenso wie die Privaten sind auch Staat und Städte in Bezug auf den Neu­bau von Gebäuden sehr zurückhaltend. Schuld daran ist vor allem der Geldmangel und die da­durch erzwungene Sparsamkeit aller Behörden. Es kommt hinzu, daß der Beamtenabbau die Zahl der Beamten fast überall vermindert hat, so daß die alten Gebäude wieder voll ausrei- dien. Erweiterungsbauten werden hier und da an Schulen und Krankenhäusern ausgesührt. Da. gen sind Neubauten von Schulen ziem­lich selten, und ebenso führt das Reich und die Einzelländer nur noch in seltenen Fällen Neu­bauten für amtliche Zwecke ans. Dagegen werden

Straßenbanten,

Errichtung von Sport- und Spielplätzen sowie Tiefbauten neuerdings in größerem Um­fange begonnen. Immerhin läßt sich zusam- menfassend sagen, daß es um die Wiederbele­bung der Bautätigkeit noch recht schlecht steht.