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Nr. 283.

Vierzehnter Jalrrqang.

Kasseler Neueste Nachrichten

L Beilage.

Dienstag, 2. Dezember 1924.

Untersuchungshaft ein umfassendes Geständnis abgelegt.

* Grubenunglück in England. Eine gefähr­liche Ueberschwemmung trug sich in der letzten Nacht in dem Kohlenbergwerk Dun vanl in der Nähe von Swansea zu, als noch vierzig Ar­beiter unter Tag waren. An der Stelle des niedrigsten Wasserstandes konnten sich neunund­zwanzig Bergleute retten, indem sie die Fluten durchwateten, einer ertrank hierbei. Die nach diesem surchtbaren Unglück ausströmenden Gase töteten weitere zehn Arbeiter.

* Unterschlagung. Der Oberpostsekretär Ernst Mert schenk, der bei dem Postscheckamt in Dortmund angestellt war, ist verichwunden, nachdem et 24 000 Goldmark unterschlagen hatte. In seiner Wohnung war er nicht mehr anzutres- fen. Die Dortmunder Kriminalpolizei hat fest- gestellt, daß er Fahrkarten für sich und seine Frau nach Berlin besorgt hat.

* Das fahrlässige Tempo. Ein schwerer Autounfall ereignete sich in Benrath. Ein von Hilden kommender mit zehn Personen be­setzter Wagen schlug an einer Kurve um. Die zehn Insassen wurden alle mehr o£>er weniger schwer verletzt Nach Aussagen vo, Mitfahren­den soll das Automobil mit einer Geschwindig­keit von 80 Kilometern gefahren sein.

ißrtigelftrafe.

Die Erziehungsmittel des Herrn v. Lützow.

In dem märkischen Städtchen Buckow am Schaimützelsee fand auf Anordnung der Staais- anwaltschaft 2 zu Berlin in der Strafsache des Dr. Freiherrn v. Lützow vom Zossener Lan- deserziehungsheim, dessen Verhaftung wir be­reits mitteilten, ein Lokaltermin statt. Als Zeuge war der 17 Jcchre alte Gymnasiast Blum zur Stelle, der bekundete, daß Freiherr v. Lützow die Gewohnheit hatte, die Prügelstrafen in einem abseits gelegenen Raum, der zu Bade­zwecken benutzt wurde, zu vollziehen. Zunächst wurde das frühere Amtszimmer des Herrn von Lützow und die sich daran anschließenden Räum­lichkeiten besichtigt, lieber einen schmalen Kor­ridor gelangt man dann in die Badestube, die nach dem Hof heraus liegt. Hier schilderte der Zeuge Blum, daß Dr. Lützow ihn hier wieder- holt mit 2025 Stockschlägen bestraft habe und die Hiebe auf den bloßen Körper erteile. Die Scküler mutzten hier im Badezimmer die Bein- kleider abstreifen, und Lützow schlug aus Ober- und Unterschenkel. Der Zeuge machte auch heute wie vor dem Untersuchungsrichter fehle Anga­ben mit außerordentlicher Bestimmtheit, wäh­rend Lützow bei den Bekundungen ziemlich tiuf« geregt war. Er bestreitet die Angaben Blums und behauptete weiter, daß er die Bestrafungen der Schüler deshalb im Badezimmer vorgenom­men habe, damit Vorübergehende auf der Straße keinen Einblick in die Vorgänge der Anstalt be­kommen sollten. Während der Züchtigung, die Lützow in der Badestube vornahm wurden die Jalousien der Fenster herabgelassen.

Alsdann besichtigte die Kommission die im ersten Stock des Hauses gelegenen Schlafräume, und auch hier machte der Zeuge Blum recht be­lastende Aussagen gegen v. Lützow. Sodann wurden die im Nebengebäude liegenden Schul­räume besichtigt und hierbei die Angaben der einzelnen Zeugen nachgeprüft. In einem Klas- senzimmer der Untersekunda behauptete der Zeuge Weitz, daß er hier durch Lützow wieder­holt stark geschlagen wurde. Medizinalrat Dr. Störmer, der als gerichtlicher Sachverständi, ger geladen war, richtete hier an den Beschuldig­ten verschiedene Fragen, Die dieser in ziemlicher Erregung beantwortete. In diesen Räumen soll sich nun auch ein Fall mit dem Schüler Weiß abgespielt haben, der einen groben Verstoß gegen den Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches dar­stellt. Nachdem die Gerichtskommiflion noch die weiteren Räume des Hauses besichtigt hatte, wurde der Lokaltermin abgebrochen. Die Vertei­diger haben sofort nach dem Lokaltermin den Antrag bei Gericht gestellt, Freiherrn v. Lützow aus der Untersuchungshaft zu entlassen, da Fluchwerdacht nicht vorliege.

Heimatmiiöe.

Etwas zum Kapitel: Auswanderung.

Von imgeratsnen EShnrn und «»richten eitern. Schlechte Empfehlungen. Wie man nititbe gemacht wird. Anpassungsfähigkeit ist die erire Forderung. Warnung an die Eltern.

Man kennt die Geschichte von dem u n g e r a- t e n en Sohn, der aus keiner Schule was Rech­tes lernte und der dann das väterliche Vlacht- wort hört: Amerika! Drüben hat man einige Beziehungen, es wird bekanntlich viel Geld, sehr viel Geld verdient und das Alter spielt keine Rolle: Es gibt dreißigjährige Millionäre, ost sind sie noch jünger. Also los!

Dem Jüngling werden gewöhnlich einige Empfehlungsschreiben mitgegeben. Diese abzu­geben ist nun seine erste Sorge, die Erfolge, die er sich von ihen verspricht, feine größte Hoff­nung. Abgesehen davon, daß derartige Emp­fehlungsbriefe oft nur geschrieben wer­den, um denEmpsohlenseinwollenben" loszu­werden, und daß sie oft an Personen in Amerika gerichtet sind, di eder Schreiber selbst nicht kennt ober jahrzehntelang nicht gesehen hat, ist die Lage des Empfängers eines solchen Brieses eine ganz eigenartige. Bor ihm sitzt ein Jüngling der sogenannten besseren europäischen Gesell­schaft. Seine Kenntnisse sind nicht sehr groß und das bißchen Englisch, das er vielleicht zu Hause gelernt hat, ist fast wertlos für geistige Arbeit. Mag die Emisehlung noch so schön sein, sie wird dem jungen Mann höchstens zu einem Handlangerposten verhelfen, den er auch ohne­hin leicht erhalten hätte.

EinenJob" (Arbeit) zu bekommen, ist einem Neuling oft nahezu unmöglich. Wenn er ein wenig Ausdauer zu seinen Eigenschaften zählt, wird er jede Gelegenheit benutzen, um irgend­welche Arbeit zu erhalten. Bevor sein Bargeld aufgezehrt ist, ist er genug mürbe geworden und nimmt eine Stellung an, in welcher er unge­wohnte, schwere, ja für seine Begriffe entwür­digende Arbeiten zu verrichten hat. Er muß seine Lebensweise vern kleinen Gehalt anpassen und jeden Augenblick gewärtig sein, ohne Grund aus der Stelle entlassen zu werden. Ungleich schlechter ergeht es dem Stolzen, der die sich ihm bietendenJobs" von vornherein ausschlägt, weil sie ihm mit seiner sozialen Stellung nicht vereinbar erscheinen. Ehe er sich's' versieht, sind die paar Dollars, die er besaß, verausgabt und er muß seinen Stolz beiseite lassen und von unten anfangen, wenn er nicht untergehen will. Nur ganz wenigen glückt es, die Stellungen zu bekommen, die sie anstreben.

Ein Trick, dem mancher Neuling zum Opfer fällt ist die Ankündigung phantastischer Erwerbsmöglichkeilen in den gelesen- sten Blättern Neuyorks. An der dezeichneten Stelle findet man eine Schlange von Arbeit­suchenden und man hat Mühe, in der Menge seinen Platz zu bewahren. Kommt man schließ­lich an die Reihe, so erhält man gegen den Er­lag von sieben Dollar eine Quittung mit dem Bedeuten, sich in einer Woche wieder einzufin­den. Nach dieser Woche ungeduldigen Wartens und perpaßter sonstiger Gelegenheiten erfährt man, daß die Gesellschaft im ganzen bloß vier Tage amtiert habe. In Newhork gibt es keine Meldepflicht. Bei der Verbreitung der New- Yorker Zeitungen und der Unerfahrenheit der Grünhörner können den Schwindlern in den vier Tagen einige tausend Dollar in die Tasche geflogen fein. Mit dem erschwindelten Gelbe leben dieVermittler" in einer anbeten Stabt in Freuden und eröffnen dort bald wieder eine neueStellenvermittlung".

Der Neuling läßt gewöhnlich schon durch sein Aeutzeres auf seine Unerfahrenheit schlie­ßen. Er wird oft auf der Straße, in der Elek­trischen ober Untergrundbahn angesprochen, und ist er nicht recht vorsichtig, so kann ihn eine Ant­wort auf das unauffällig hingeworfeneWant a Job?" (Willst du Arbeit?' recht teuer zu stehen kommen. Täglich erscheinen junge Fremde in den PolizeikommissariMen und beklagen sich über einen Unbekannten, der sie unter der Vor­spiegelung, ihnen einen Posten zu verschaffen, in einen Hinterhalt lockte, wo ihnen mit Än-

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g lieber den Parteien mit ihrem gefährlichem Gezänke stehend, erblicken die Raffelet O

$ Neuesten Nachrichten ihre Aufgabe darin, ein gutes Famiiienbiatt für alle Stände $

o su fein. Unsere Leser, denen der Inhalt unserer Zeitung zusagt, erweisen uns X

| einen Dienst durch Empfehlung bei allen Verwandten, Freunden und Bekannten. v

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drohung von Gewalt der letzte Penny abgenom­men wurde.

Nirgends bestimmen die Verhältnisse den Menschen in solcher Weise wie gerade in Ame­rika. Wer Anpassungsvermögen besitzt, wird früher in geregelte Verhältnisse gelangen, als derieniae. der wartet, bis der Zufall seiner Schwerfälligkeit zu Hilfe kommt. Telletwaschen ist lange nicht das Schlimmste und viele, die in den ersten Monaten ihres Aufenthaltes in Ame­rika dieser Beschäftigung oblagen, sind heute vielleicht Restaurant- ober Hotelbesitzer. Der Stockboy (Lagerjunge) vom vorigen Iaht kann, wenn er die Sprache erlernt hat, heuet bereite Verkäufer und bei einigem Fleiß in fünf bis lechs Iahten Abteilungschef werden. Selbstver­ständlich muß er verstehen, seine (Sffbogen zu benutzen.

Die Vereinigten Staaten haben bekanntlich die Einwandetnngsziffern auf ein Minimum herabgesetzt, und es ist gut so. Denn je weni­ger junge Männer Europa verlassen, um jen­seits des Ozeans ihr Glück zu versuchen, desto weniger Existenzen werden in Frage gestellt und desto weniger Leid wird ihnen widerfahren. Gerade das Nachkriegseuropa bietet der Ju­gend ein nahezu unbegrenztes Feld erfolgreicher Betätigung und es ist heute verhältnismäßig leichter, hier vorwärts zu kommen, als drüben. Not, Entbehrung, Vetwabtlosung, ein verzwei­felter Versuch, in dem Strom der Millionen nicht unterzugehen und der tatsächliche Unter­gang in einer großen Zahl der Fälle sollte die Eltern abhalten, ihre mehr ober weniger gera­tenen Söhne in ein Lanb zu schicken, das sie sich als Schlaraffenland vorstellen, obwohl es eigent­lich nichts anderes bietet, als denselben harten Existenzkampf wie in Europa, nur der Größe und dem Reichtum angemesstzn, womöglich einen noch rücksichtsloseren und aufreibenderen.

Aus aller Wett.

3500 Dollar Belohnung.

Die Polizeibehörden des nordamerikanischen Staates Connecticut haben die deutsche Kriminalpolizei um Mitfahndung nach einem der gefährlichsten amerikanischen Verbrecher er­sucht. Es ist der fünfunddreißig Jahre alte Gerald Chapmann, der gebürtiger Ameri­kaner ist!. In seinen Kreisen war er bekannt und gefürchtet unter dem Namender Graf". Sein letztes Verbrechen beriibte er am 12. Oktober d. I. Er schoß zwei Detektive, die ihn beim Geld­schrankeinbruch in einem großen Bankgebüude überraschten, nieder, raubte ungeheure Summen und entfloh. Vorher war er aus einem Zucht­hause entwichen, wo er 25 Jahre verbüßen soll­te, weil er in einem nördlichen Staate mit einer Bande einen Postwagen überfallen und beraubt hatte. Die amerikanische Kriminalpolizei glaubt Grund zur Annahme zu haben, daß Chapmann sich nach Deutschland gewandt hat. Der Staat Connecticut hat auf seine Ergreifung eine Be­lohnung von 3000 Dollar ausgesetzt. Eine Zei­tung hat diesen Betrag um 500 Dollar erhöht.

Eine Einbrechervande verhaftet.

Nach längeren Ermittelungen gelang es der Magdeburger Kriminalpolizei unter Beihilfe eines Landjägermeisters aus Eilsleben, eine große Zahl Verbrecher in Hötensee zu verhaften, die in den letzten Jahren die Bewoh­ner der Umgegend in Schrecken versetzten. Es sind bis jetzt 60 Diebstähle aufgeklärt worden. Die Verbrecher führten bei ihren Einbrüchen Schußwaffen bei sich und schossen bei lieber* raschungen auf ihre Verfolger. Ein festgenom­

mener Willi Siehn hat bis jetzt 48 schwere Dieb­stähle eingestanden Siehn und einer der Ver­brecher sind dringend veroächtig, in Verbindung mit einem Einbruchsversuch bei einem Uhr­macher zu stehen, bei dem Beiriebsassistent Hasse aus Hötensee erschossen wurde. Bei den Ermit­telungen und Durchsuchungen sind eine große Anzahl Schußwaffen und Munition gefunden und beschlagnahmt. Ferner wird Siehn beschul­digt, bei einem Morde in der Umgegend Halle- Merseburg mitgewirkt zu haben.

Ein Stlnö entführ«.

Der altbekannte Gauner Gebsattel be­schäftigt wiederum die Kriminalpolizei. Das letzte Mal wurde er anfangs April d. I. gefaßt, wie er als Oberschweizer auf einem bayerischen Gute Leute antoarb und ihnen das Gepäck abzu- schwindeln versuchte Jetzt hat er sich einer Kin­desentführung schuldig gemacht. Er veröffent­lichte eine Anzeige, durch die er ein kleines Mäd­chen zu adoptieren wünschte. Er gab sich als Gutsverwalter aus. Auf sein Inserat meldete sich ein Ehepaar aus Nürnberg. Gebsattel er­schien dort in Begleitung einer jungen Frau und nahm das Kind zunächst in Pflege, um es, wie er den Eltern sagte, zu adoptieren Die El­tern des Kindes willigten gern ein, da sie ihr Kind gut aufgehoben glaubten. Später erhiel­ten die Eltern eine aus Banchera kommende Postkarte, in der ihnen mitgeteilt wikrde, daß es ihrem Kinde gut gehe. Seitdem haben sie nie wieder etwas gehört. Auch ihre Nachforschungen blieben erfolglos. Was Gebsattel mit dem Kinde vorhat, ist unklar.

* Eine Kaserne niedergebrannt. In der Ka­serne des 20. Infanterieregiments in Regens­burg brach bei Nacht in den Abteilungen der Minenwerferkompagnie ein Großfeuer aus, dessen Bekämpfung sehr schwierig war. Die Flammen griffen auf die Munitionsbestände über, so daß sich zahlreiche Erplosionen von grö­ßerem Umfange ereigneten. Die Kaserne ist teil­weise niedergebraunt. Große Waffen- und Munitionsbestände sind dem Feuer zum Opfer gefallen.

* Der Sturm dauert an. Die französische Atlantische Küste ist wiederum von einem Sturm heimgesucht. Man ist um das Schicksal von neun Fischerbooten besorgt. Der belgische DampferGyplis", der nach BordeaUr unter­wegs ist, ist bei der Einfahrt in die Gironde- Mündung auf Grund gegangen. Die Mann­schaft konnte gerettet werden

* Drei Schüler vermißt Seit Sonntag abend werden drei Schüler im Älter von 13 und 14 Jahren vermißt, die bei Kemp an der Dona« auf einem Kahn stromabwärts gefahren sind, nachdem sie ihre Flucht sorgfältig borbereitet hatten, um, wie es scheint, auf Abenteuer aus­zugehen. Bisher fehlt jede Spur von ihnen. Man nimmt, an, daß sie irgendwo ans Land ge­gangen sind, um sich in den Wäldern verborgen zu halten.

* Münzendiebstahl. Die Erfurter Kriminal­polizei verhaftete den Rittmeister a. D. vo,i Bethe, einen bekannten Numismatiker, wegen umfangreicher Münzdiebstähle. Bethe, der als Verwalter der staatlichen Münzsammlung in Nu- dolfstadt jederzeit Zutritt zum staatlichen Münz­kabinett in Weimar hatte, führte in diesem seit Jahren DiedstMe aus, deren Wert in die Hun­derttausende geht Im Privathandel und bei Versteigerungen wurden in letzter Zeit wieder­holt wertvolle Stücke angetroffen, deren Her­kunft festgestellt werden konnte und die auf die Spur des Diebes führten. Bethe hat in der

MiiWtrW.

19) Roma« von Lola Stein.

Am, Bahnhof nahm das Brautpaar ein Auto und fuhr in Livias Heim. Am liebsten wäre Walter sogleich mit seiner Braut zu seiner Mut­ier gegangen, so sehr brannte die Ungeduld in ihm, Livia zu zeigen, mit Livia zu prunken, sein überströmendes Glück der Mutter zujauchzen zu können. Aber die junge Frau erklärte sehr ent­schieden, von der Reise angegriffen zu sein und sich erst frisch machen zu wollen, ehe sie vor Walters Mutter trat.

Sie sehnte sich nach Alleinsein. Die Reise, die sie mit unruhvollem, belastetem Herzen ange­treten hatte, war ihr zur Qual geworden unter dem liebesseligen Getändel des vor Glück trunkenen Mannes. Sie vermochte es nicht, ihm jede Freude zu zerstören, ihn immer wieder aus seinen Himmeln in die reale Wirklichkeit zu sto­ßen. Sie hatte ihn viel zu gern, um ihm wehe tun zu können. Und so ließ sie seine Worte und versteckten Zärtlichkeiten während der Fahrt über sich hingleiten, während ihr Herz, ihre Seele, ihre Gedanken fern von ihm und dem Erleben ihrer Stunden waren. Für ihn aber war diese Reife die schönste, die er je gemacht.

Wenn wir nun wieder reifen, wird es unsere Hochzeitsreise fein," sagte er strahlend, als der Zug in den Anhalter Bahnhof einlief.

Nun war er voll glühender Freude, das Heim der geliebten Frau kennen zu lernen. Daß Livia in diesen Zeiten der Wohnungsnot und der ganzen schwierigen wirtscha,.lichen Verhält­nisse eine Wohnung besaß, daß die Zukunft so hell und licht vor ihnen lag, ohne Schwierig­keiten, ohne eine lange Wartezeit, wie sie so vie­len Brautpaaren jetzt auferlegt war, das alles war über alle Maßen schön und beglückend. Er war so dankbar, pries immer von neuem fein Geschick, küßte immer wieder inbrünstig und selig die Hände der geliebten Frau. Und ihr tt>:. das alles furchtbarste Qual.

Ihre Wohnung war erreicht. Ihre beiden Mädchen begrüßten Livia. Alles war festlich für ihren Empfang hergerichtet worden. Blumen dufteten in allen Zimmern, wie sie es liebte, der Tisch im Eßzimmer war zierlich und hübsch gedeckt.

Sie gingen durch die Räume ihres HeimS, und eine leise Bedrücktheit überfiel Walter. So kost­bar hatte er sich die Wohnung der Geliebten nicht gedacht. Ihm war es peinlich, eine reiche Frau heimzuführen, da er selbst um seine Exi­stenz noch kämpfte und rang. Sie merkte, wie still er wurde, forschte nach dem Grunde. Sie lachte ihn aus. Er solle nicht töricht sein. Aeu- ßerliche Dinge seien ja so gleichgültig.

Wenn matt sich gegenseitig über alles liebt, mögen sie gleich sein," gab der Mann zuAber immer wieder kommen mir Zweifel, ob du mich wirklich gern hast, Li?"

Plötzlich überwältigte ihn wieder seine Lei­denschaft. Er sank vor Livia, die in einem Ses- fei lehnte, nieder, wühlte fein Haupt in ihren Schoß, umpreßte sie mit den Armen, flüsterte, stammelte Liehesworte, unzufammenhängende Zärtlichkeiten. Und schließlich meinte er:

Du mußt mir ja gut fein, Li, warum hättest du mich sonst Wohl erhört? Ich habe dir ja nichts zu bieten, als meine Person und meine unendliche Liebe."

Sie lächelte. Sie streichelte sein blondes Haar. Er küßte die streichelnden Hände. Er war tief dankbar für jede Liebkosung. Er sah nicht die Geguältheit ihres Lächelns. Und immer wieder, wenn Zweifel ihn überfielen und beunruhigten, tröstete er sich mit der Gewißheit, daß Livia ihn sich nicht zum Manne erwählt haben würde, wenn sie ihm nicht gut wäre.

Endlich ging er. Livia schickte ihn fort, nach­dem sie zusammen einen Imbiß eingenommen hatten. Erfasste zuerst allein mit seiner Mutter sprechen. Am Ahend durfte er wiederkommen, sie in sein Heim zu holen. Ein paar Stunden der Muße, der Sammlung lagen vor ihr. Mer sic konnte keine Ruhe finden.

Die Erregung ihres Innern trieb sie von

Zimmer zu immer. Sie durchwanderte ihre Wohnung. Blieb gedankenverloren vor diesem Gegenstand stehen und vor jenem, dachte daran, wie Walters Hände die die toten Dinge liebkost hatten, weil sie ihr gehörten. Wie er vor diesem Sofa gekniet hatte und die Stelle geküßt, auf der ihr Körper |o oft ruhte. Wie er beinahe andäch­tig vor den Bildern stand, die ihr die liebsten waren, wie er ihre Decken streichelte, ihre Blu­men, die Teppiche, die ihre Füße traten, die Teller, von denen sie speiste. Es war schwer, diesen Ueberschwang der Liebe neben sich zu wissen, und so wenig dafür geben zu können. Noch schien er es nur selten zu entbehren, seine Hoffnung galt der Ehe, von der er ihre volle Liebe erwartete. Wie aber würde sie sich gestal­ten? Wie würde es fein, wenn er merkte, daß auch in der Ehe die Liebe nicht kam? Von Tag zu Tag mehr fühlte sie die Sünde, die sie an dem vertrauenden, liebenden Manne beging.

War es ihr Geschick, immer nur Sünde und Schuld auf sich zu laden? Ohne es zu wollen? Ohne je bewußt Böses ober Verbotenes zu tun? Seltsam spielte das Leben mit ihr.

Sie war innerlich mühe. Aber die Angst vor dem, was die nächsten Stunden, die nächsten Tage ihr bringen würden, ach, die ganze dunkle, gefürstete Zukunft, ließ sie nicht zur Ruhe kom­men. Wie würden sich Walters Mutter und Kusine zu ihr stellen? Sie brachte ihnen ja kein Verttauen entgegen. Sie ging nicht in Freude in ihr Haus. Und bann kam bas Schwerste. Das Wiebersehen mit Adrian Die über alle Müßen gefürchtete Aussprache mit ihm.

Draußen schrillte die Klingel. Die junge Frau fuhr erschreckt zusammen. Wie nervös ich bin, pachte sie. Es wird irgend etwas ganzUn- wichtiges fein. Aber da stand schon das Mäd­chen auf der Schwelle und meldete Herrn Pro­fessor Hagen.

Ein Schwindel ergriff Livia. Rote Punkte tanzten vor ihren Augen. Sie zitterte. Aber sie ihn doch nicht abweifen. Und da war er auch schon neben dem Mädchen, schickte sie durch einen Wink feiner Augen hinaus. Stand nun

vor Livia, riß die Hände der Regungslosen, Willenlosen in die seinen. Blieb stumm wie sie, da fein Atem keuchend und rasselnd ging, da die Laute, die ihm auf den Lippen brannten, sich nicht zu Worten formen ließen in feiner unge­heuren Erregung. Wartete auf ein Wort von ihr, die immer noch blaß und hilflos und zart in ihrem Sessel lehnte und gleich ihm nach Wor­ten suchte. /

Schließlich sagte der Mann:So sehe ich dich wieder, Livia! Nachdem du alles, was hei­lig und schön und groß zwischen uns war, zer­treten und vernichtet hast."

(Fortsetzung folgt.)

Das Buch öer Statur*

Allerlei Seltsames für Jedermann.

Luftspiegelungen sind weitreichender als das schärfste Fernrohr. Aus "ber Insel Malta sieht man nicht selten ben Aetna, halb vergrößert, bald verkleinert, wie int Hohlspiegel.

Auf der englischen Küste, Boulogne gegen­über, nimmt man bisweilen mit bloßem Auge die französische Küste wahr, bie man fonft mit dem Fernrohr nicht sehen kann. Die Dattel­palme ersetzt in der heißen Zone das Getreide. Sie spendet Schatten in ben Oasen und zeigt mit Sicherheit die Anwesenheit von Wasser- quellen in der Wüste. Der Baum hat viel un­ter ben Heuschrecken zu leiben, bie oft ganze Län- oerstriche so verwüsten, daß unter ben Bewoh­nern Hungersnot herrscht. Das kleine Wiesel fällt bisweilen Rehe an. Es beißt sich in das Genick des Rehes ein und verletzt die Halsadern so schwer, daß das Reh bald verblutet, während das Wiesel auf dem Reh hockt und das Blut aussaugt. Die Nachtigall geht leicht in eine gestellte Falle, verweigert aber in der Gcfang-n- schaft bie Nahrung und singt nicht Nachtigal­len, bie man in ber Gefangenschaft bemerkt, sind aufgezogene Junge, bie ben größten Teil des Fahres, besonders nachts, fingen und roße Preise erzielen. Aber sie leben ebenfalls "sitzt lange.