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Kasseler Neueste Nachrichten

KaffeLer Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Slutltllter 271. Einzelnummer 10 Pf. Sonntags 15 Pf Svnniag, 16. NvdtzMöer 1924. Einzelnummer 10 Pf . Sonntags 15 Pf

14. Jahrgang

Ein Festtag für die deutsche Eisenbahn.

Was ist geschehen?

©ievin Tug eurv^ütikye Weltgeschichte.

Durchblättern wir in diesen frühen Zwielicht- abenden, dem nebeltalten Anhauch des Herbst- toves fröstelnd entronnen, die noch vom Atem der Gegenwart durchwehten Blätter des Welt­geschehens, so wölben sich zwischen den knappen, fast gleichgültigen Notizen üoer die letzten Er­nennungen und ersten Regierungsgeschäfte des neuen englischen Minister st abcs die gigantischen Umrisse von Britanniens Kolonml- und Seemacht einer Zukunft entgegen, toie sie imposanter und unumschräntter wohl kaum eine Epoche der Geschichte gesehen. Nachdem ihnen das friedfertige, wenig altionsfähige Arbetter- kabinett Johannes Macdonalds namentlich in Frankreich Sie Weg« geebnet, werden jetzt Baldwin - Chamberlain die tontmcn» tale Welttnachtstellung des Jnselreichs wieder aus dem Eckpfeiler des Handels (Freihandel nach innen, Zollpolitik nach außen) auszurichten suchen.

Me wenig Deutschland von diesem ausschließ­lich im Interesse ihres Landes handelnden John Bulls zu erwarten hat, klingt aus den Schmei­chelworten ihrer Reden für Frankreich wieder. Ob sie nicht auch in den zur Zett Völl g festgefahrenen deutsch französischen Wirtschaftsabmachungen ihre Hand im Spiele haben, indem sie Herttot vor die Wahl stellten: Britanniens Freundschaft oder deutsches Geschäft? Denn niemals weiden diese rem im­perialistisch denkenden Staatsmänner ein Er­starken Deutschlands zur Weltmarftkonkurr. nz zulassen und eine Verschiebung der politischen Schwerpunkte auf dem Kontinent wohl zu hntter- tteiben willen. Viel zärtlicher schlägt Baldwins angelsächsiiches Herz für seinen großen Zwillings- brüder im Weißen HanS, Coolidge, der dem­nächst wieder in die Abrüstungs-Friedensposau- nen stoßen wird und mit dem zusammen er alle fünf Erdteile mühelos im Zaume hallen tönnie.

Wie zwergenhaft klein erscheint gegen diese weltweite Völkerhocheit die europäische staais- weisheit! Selbst das in Waffen klirrende Frank­reich! Vergeblich bemüht sich Herriots maßvolle Sozialistenpolitik einen Kontinentalblock (durch Anerkennung Rußlands, Unterstützung Spaniens, äußerste Akuritesse gegenüber Italien und dem Vatikan) zufammenzuschweißen. Denn was ver­mögen schon Tschechiens und Polens mit ichwe- rem Gold erkaufte Heere in die Wagschale zu werfen! Zudem sind die ersten wirtschaftlichen Versuchsballon- an den Riefengittern der Ein- fuhrzölle zerplatzt und auch mit dem sonst so brüderlichen Belgien kann man sich :n Getd« dingen nicht einig werden. Viel Wasser auf die Mühlen PoincarSs, der schon die Zett ersehnt, wo er wieder mit Tanks, Senegalnegern und .Sanktionen" Völker und Menschheit beglücken kann. Und indes die Machthaber der SiegeS- staaten sich hinter Deutschlands Stücken anbie- dern und die Belange ihrer Völker durch fechten, ohne viel nach dem Schmerzensmann Deur,ch- land zu fragen, muß dieser ohnmächtig beiseite stehen, weil erst die Wahlen über die Zukunft entscheiden können.

In diese schwüle Atmosphäre ist wie ein Blitz­strahl Außenminister Stresemanns Dort­munder Rede gefahren, die zwar viel zu rosig malte, wie herrlich weit wir's fchon gebracht und allzufest auf seine Lammpolitik baure, vte aber gleichzeitig den werten Ehrenmännern von der Siegerfeile das Geheimnis aus den Zahnen reißen sollte, wie sie ihrerseits die von Deutschland bis zum Weißbluten geübte Ver­tragstreue in bezug aus Ruhr und stadte- räumungen und die skandalöfe Milttarkontrolle zu Üben gedächten, lieber Frankreichs Geneigt­heit zum Wirtschastsfrieden hat sich Herr Stre>e- mann auch einige Illusionen gemacht, wie der vorerstige sähe Abbruch beweist Dabei Hal uns die glorreiche Nation zur Sanierung des ver­schuldeten Staatswesens nicht weniger notig, als wir sie zum Wiedermifban. Von einem .Um­schwung zum Besseren" ist auch bei uns m der breiten Masse, ttotz umfassender S t e u e r, e n - Zungen, die sich leider erst sehr spat auswir- ken werden, noch wenig zu spuren und die Lohnempfänger klopfen überall, m Be­amten- wie Arbeiterkreisen, energilch an. Dave, würden Lohnerhöh'-lngen im gegenwärtigen Augenblick natürlich prelstreibend Wicken Es kann also nur bei der Weisung bleiben: So rasch tote möglich herunter mit den Preisen jür d e Lebenshaltung. . _ . ,

Daß auch die Regierung die Lebenshaltung des Volkes nicht unter ein gewisses Maß herab- drücken lasten will, (eine Forderung, die sogar das Dawes-Gutachten erhebt), zeigt ihr Aus. Wertungsprogramm, das sowcchl Kriegs- toie Vorkriegsanleihen umfaßt, wie die Ankün­digung vom EndedesBeamtenabbaues und der Annäherung der G e h ä l 1 e r an die

der Vorkriegszeit. Wie sehr innere Krisen ein Sott und Land nach außen deskreditierca und lahm legen, haben uns die nun glücklich beho­bene österreichische Eisenbahner- und Regie­rungskrise, wie die Alarmnachrichten aus Musto- linis und Primo de Riveras Reich vor Augen geführt, welch letztere wohl noch einmal mit eiserner Faust das Schics al zu ihren Gunsten wenden werden. F. R.

Wieder unser!

Rrgiebahn u. Städte wieder in deutschem Besitz (Privar-Telegramm.)

Berlin, 15. November.

In der Nacht vom Freitag auf heute sind der Reii^bahnverwaltung die Bahnen wieder übergeben worden ,die im Anschluß an den Ruhreinbruch der Franzosen und Belgier unter die Leitung der Regie gestellt worden waren. Rund fünftausens Kilometer Ersen- babn gehen damit wieder in deutschen Besitz über Nach einer Mitteilung der Besatzungsbe­hörde an die deutsche Verwaltung in Bonn wird ab Mitternacht vom 17. bis zum 18. November das Gebiet geräumt, das vor dem 11. Januar 1923 nicht besetzt war. Es find dies vor allem die Städte Honnef und Königswinter und ein Teil der Bürgermeistereien Ruppichte­roth und Much.

6ln furchtbarer Aberlaß.

Tie von den Franzosen zurückgegebenen Bahnen umfassen über zehn Prozent des gesamten Reichsbähnnetzes. Die Franzosen kon- nen nicht gerade mit Befriedigung' auf die Er­folge ihres Regiebetriebes zurückblicken. Aber auch Deutschland sind schwere Wunden zu- gefügt worden. Abgesehen von all den Leiden, die uns hinreichend fühlbar geworden sind, ist der deutschen Reichsbahn ans Anlaß des Ruhr­einbruchs

ein Eivnahmeausfall von 1500 Millionen Goldmark entstanden,

während die Mehrausgaben auf achthun­dert Millionen Goldmark, zu bemessen sind. Nun endlich, am 16. November, wird das gesamte Regienetz wieder von der Reichsbahn übernommen werden. Die alten Reichsbahn- direftionen und Aemtrr, Esten, Ludwigshaicn, Main, und Trier, werden wieder eingerichtet. Die deutsche Reichsbahn hat sofort umfangreiche Vorbereitungen getroffen, um die ent­standenen Schäden zu beseitigen. Zunächst bleibt allerdings der Regiefahrplan noch bestehen, um eine Verwirrung zu vermeiden, aber die Reichs­bahn wird schnellstens einen verbesserten deut­schen Fahrplan einfnhren

Das mi'ltattfche Frankreich.

Ein Bergeltungs- und Kriegsruf Millerands.

(Eigener rmbr1' -b

Paris, 15. November

Millerand hielt gestern im Verein des Bundes christlicher Männer eine Rede, tn der er

Reichskanzler und Reichspräsident.

Dr. Marx über Wahlaussichten und Ansitten.

Die drei Eckpfeiler des Parlaments / Verfrühte Hoff­nungen / Der Reichspräsident steht über den Parteien.

Breslau, 15. November. Im überfüllten Saale des Schießwerdas führte gestern auf Ein­ladung der Zentrumspartei Reichskanzler Dr. Marx etwa folgendes aus: Kürzlich habe ich darauf hingewiesen, daß das Zusammenarbeiten von Deutscher Bolkspartei, Zentrum und De­mokraten sich bewährt hat und betont, daß diese drei Parteien auch fürderhin den festen Kern in der Regierung und im Parlament darstellen müßten. Glaubt man auf rechtsstehender Seite allen Ernstes daß Deutschland nach der Wahl mit einer Rechtsregierung weiter komme? Die

Stichproben in Mecklenburg, Hamburg und Anhalt

scheinen mir nicht gerade oafür zu sprechen, daß am 7. Dezember ein überwältigender Sieg der Parteien der Rechten zu verzeichnen fein wird, sodaß selbst die Parteien der Mttte nicht ein­mal mehr zur RegierungsbildunADenöttgt wer­den. Ich betone auch heute wieder, und das gilt für jede Partei, die nicht grundsätzlich in

Opposition verharren will, daß eine gewissc Mäßigung in der Führung des W a h l - kämpf es notwendig ist, wenn der neue Reichstag nicht von vornherein wieder zur Un­fruchtbarkeit verurteilt fein soll, denn eine Ver­wilderung der politischen Sitten im Wahlkampf kann nicht ohne Folgen bleiben für die Sitten des Parlaments, das aus dem Wahlkampf her­vorgeht. Eine schwere Entgleisung ist es aber, die Person des Reichspräsidenten in den Wahlkampf hinein zu zerren, und dazu noch in solch gemeiner Art, wie es zur Zeit geschieht. Der Reichspräsident steht, solange er auf seinem Posten ist

über den Parteien

und die Parteien sollten seine Stellung respektie­ren. Das ist einfach ein Gebot des politischen Anstandes, aber auch der Klugheit, denn was jetzt dem Reichspräsidenten Ebert widerfährt, kann später einem anderen widerfahren. Mit solchen, überdies durchaus gegenstandslosen An­griffen auf den ReickSprästdenten schädigt man auch das deutsche Ansehen in der Welt.

alle aktuellen politischen Fragen berührte. Er bezeichnete besonders die augenblickliche finan­zielle Lage als sehr ernst. Diese habe ihren Ursprung in den riesigen .Ausgaben, tue znm Wiederausbau der zerstörtem Gebiete verwendet werden mußten. Diese Ausgaben betragen jetzt schon mehr als hun­dert Milliarden Francs. Ferner be­kämpfte Millerand die Herabsetzung der Militär- Tätigkeit. Es sei Frankreich nicht gestattet, die Lehk> von 1914 zu vergessen, solange die gegen­wärtigen Berhältnisse nicht von Grund ans ge­ändert seien; solange nicht Tatsachen u. wirksame Garantien an Stelle der papiernen getreten seien, könne von einer Abrüstung nicht die Rede fein. Besonders energisch bekämpfte Millcranv die Anerkennung der Sowjetregierung. Man habe mit der Anerkennung lediglich nur btejemgen Männer moralisch unterstützt, die seit Jahren nur das Ziel verfolgten, als in der ganzem Welt die Revolution zu säen. Millerand be­dauerte auch die Aufhebung her Botschaft am Vatikan, wo eine hochwichtige Tätigkeit geleistet worden sei.

England alb Glösensrieö?

Die stockenden Wirtschaftsverhandlungrn.

(Pridat-Telegramm.l

Berlin, 15. November.

Das Reichskabinett hat gestern den Vortrag des aus Paris gekommenen Herrn Trende- l e n b u r g entgegengenommen und trat dann in Beratungen ein, die heute fortgesetzt werden sol­len. Für heute hat der Kanzler Vertreter der deutschen Industrie zu sich gebeten. Man kann daraus entnehmen, daß die Entschei­dung des Kabinetts sich sehr schwierig ge­staltet. Von der Reichsregierung wird streng­stes Stillschweigen bewahrt, doch besteht kein Zweifel, daß die Franzosen ohne vorläufige Zurückstellung der deutschen Forderungen nach Aufhebung der26prozentigen Ein­fuhrabgabe nicht weiter verhandeln wollen. Man hat den Eindruck, daß die französische Regierung höchstwahrscheinlich durch das

Eingreifen der englischen Diploniatie veranlaßt worden ist. in dieser Frage unnach­giebig zu bleiben. Diese Abgabe, die geeignet ist, die deutsche Ausfuh außerordentlich zu erschweren, dürfte wohl von englischer Seite verteidigt werben; doch auch die Reichs- regienmß dürfte aus ihremStaudpunkt verharren.

U fer schdn n «ifaf.

Paris, 15. November. (Eigene Trahtmel- dung) Die Regierung hat ein beratendes Ko­mitee für Elsaß-Lotbringen gegründet, das über alle Projekte zu Rate gezogen werden wird, die auf Elsatz-Lothringen Bezug haben werden. Das bisherige beratende Komitee in Straßburg ist aufgehoben worden. Bei den Budgetberatungen in der Kammer erregte die Erklärung des Präsidenten der FinanzkomAis- sion Auriel, Aussehen, der erklärte: Wir sind entschlossen, um jeden Preis, vor Jahres-Ende das Budget von der Kammer annehmen zu lassen.

Ser Orient erwacht

Eine Wiedergeburt der Tue.ei.

Durv dir Au retbuug von 30000 Gri ctzc» hat dir Türiei wird«» von sich re»cn gsmaejt. Wo unter der festen und glücklichen Ku d Wuftapqa K mols das fast ruinierte La ld zu r.cner D.r.te emporzust.iocn beginnt, e < t dar 9!fl6)C»toer.te Was einst Bismarck und Moltke für Deutsch­land bedeuteten, gilt heute von Mustapha Kemal für die neue Türkei. Sein Bild ist in säst jedem türkischen Hause zu finden und die Wertschät­zung und Verehrung dieses Naiionalheiden ist Gemeingut des ganzeni Volkes geworden. Es war deshalb auch kein Wunder, daß er naa, dem Ende des Krieges von der Nationalversammlung e i ii st i m m i g zum Staatspräsidenten her jungen türkischen Republik gewühlt wurde und man muß offen gestehen, daß er es in enger Zusammenarbeit mit dem diplomatisch gewand­ten Ismet-Pascha als Ministerswäsidemen ver­standen hat, den wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landis energisch zu fördern. Die politische Hauptstadt des Landes ist heute Angora, im Innern Anatoliens, da man berechtigter Weise die Lage Konstintinopels nach der Ent­festigung der Meerengen als zu gefährdet ansah. Daß trotzdem Konstantinopel auch heute noch als die wirkliche Zentrale des Lan­des angesehen werden muß, darf bei seiner un­vergleichlichen Lage und Wichtigkeit als Hauvt- hafen- und Handelsplatz nicht Wunder nehmen. Während Rußland durch seine Zustände im eigenen Lande als politischer Machtfalt er vor­läufig für die Türkei ausscheidet und Grie­chenland durch seine empfindlichen Nieder­lagen aus längere Zeit hinaus von der Aus- stchtslofigkeit seiner EroberungSplane kuriert sein dmfte, bilden das von Frankreich be­setzte Syrien und namentlich das von Eng­land größtenteils beherrscht- Mossulge- biet offene Wunden, die der ernstlichen Be.nh- tung wert sind. Tie Franzosen haben sich lehr schnell durch ihre Anmaßung und Tovpelzüngig- keit um olle Sympathien gebracht, sodaß beute an der syrische«Front" unerträgliche Zustände herrschen, die sehr leicht eines Tages die Stel­lung der Franzosen in dem mit einem hoben Prozentsatz türkischer Bevölkerung durchsetzten Gebiete unsicher machen kann Die syrische Frage dürste sehr bald wieder in den Vordergrund treten Vorläufig beherrscht hier indessen au6 naheliegenden Gründen die trotz des Spruchs des Völkerbundsrats noch ungelöste Mossul- srage das politische Leben weit stärker, als jede andere. Es kann nicht mehr geleugnet wer- den, daß Englands Prestige im naben Orient infolge der Ereignisse der letzten Jahre an allen Ecken und Enden einen argen Stoß erlitten hat. Die.neue Türkei verfüat heute über ein so gut ausgerüstetes und disziplinieries Heer, daß es für England eine sehr gewagte Sache sein würde, es zum offenen Kriege kommen zu lassen. Die türkische Republik ist eben ein M a ch t f a k - tor geword-n, mit dem ernstlich gerechnet wer­den muß Ihre beispiellosen Erfolge im Frei­heitskriege haben ihren Einssuß und dir Achrung in der ganze« islamitischen Welt so gestörkt, daß alle Symvatlnen auf ihrer Seite sind und daß sie heute wieder als

Vormacht des gesamten Islams angesehen wird. Innenpolitisch liegt die Sache viel einfacher. Der innere feste Ausbau der Verfassung ist im wesentlichen beendet. Sul­tanat und Kalifat sind abgeschasst. Alle Macht liegt beim Volke, das durch die Nationalver­sammlung und seine großen Führer in der Re- aierung in unglaublich kurzer Zeit Ordnung in die jahrhundertelange Mißwirt­schaft gebracht bat Das ganze Volk t st durchaus national eingestellt, sozia­listische oder gar kommunistische Bewegungen sind unbekannt. Die gebildete junge Generation her Türken, zum großen Teil in DeutscUand oder Frankreich ausgebildet, hat vielfach den früher von ihr so wenig beachteten Handel selbst in die Hand genommen. Die Umstellung auf allen Gebieten ist in vollem Gange, überall blüht neues Leben, und selbst die nach dem Befrei- ungskiiege eingetretene große Wirtschafts­krise darf heute b<-r->tts größtenteils ,r l s überwunden bezeichnet werden. Ueberaff wird eifrig an Dahn- und Wegebauten gear­beitet, um die reichen natürlichen Hilfsciuellen Anatoliens zu erschließen unb dem Welthandel nutzbar zu machen. Große Schiffsankäufe und Bestellungen von Eisenbahnmaterial, landwirt- schastlichen Maschinen und ganzer Fabrikeinrich- ntngen int Auslande, nicht inletzt in Deutschland, zeigen, daß die tatkräftige Regierung bestrebt ift mit allen Mitteln die wirtschaftliche Gesundung des Landes zu beschleunigen und zu fördern. Für Deutschland sind im Gegensätze zu den Verbandsmächten in der neuen Türkei die besten Vorbedingungen für ein friedliches Zusammen­arbeiten gegeben. Die Türken wissen recht gut,