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Freitag. Zi. Cftofctr 1924.

Kasseler Neveste Nachrichten

14 Jahrgang. Nr. 257.

leben lassen! Von den behördlichen Stellen er­wartet die Angestelltenschaft, daß sie ihren For­derungen und Wünschen mehr wie bisher Rech­nung trage, nicht zuletzt, um einen ganzen Stand vor körperlicher und seelischer Verküm­merung zu bewahren; denn der Wiederaufbau sann nur erfolgreich durch gesunde, arbeits- irohe und arbeitsfähige Menschen erreicht »erden.

Währung, Kredit und greife.

Dr. Schacht gegen die Unwirtschaftlichkcit.

Berlin, 29. Oktober.

In der Sitzung des Zentralausschuffes der Reichsbank, die erste nach der Neugestal- tung, erstattete der Vorsitzende, Retchsbankpräsi- »eni Dr. Schacht, Bericht über die Maßnah­men, die zusammenhängend mit der Ueberle!- tung der Bank auf die neuen Verhältnisse ge- irosfen worden sind. Er machte zur währungs­politischen Lage folgende Ausführungen: Mit dem Inkrafttreten des Bankgesetzes und der Durchführung der großen Anleihe sind die Maß­nahmen für die deutsche Währungsreform fürs erste abgeschlossen. .

Die Rentenmark erfüllte ihre Aufgabe, als Brücke zur Wiederherstellung der Gold­währung. Jetzt wird es darauf ankommen, die deutsche Wirtschaft in der Zahlungsbilanz dau­ernd aktiv zu machen. Größte Sparsamkeit im Innern und Verbilligung der Produktion sind hierfür Bedingung. Dadurch gewinnt das Preisproblem heute die stärkste währungs­politische Bedeutung. Ich möchte mich hierbei auf die Erörterung derjenigen Maßnahmen be­schränken, die die Reichsbank in erster Linie an- gehen. Soweit die Körperschaften die Einnah­men aus Steuern und die Abgaben nicht aber aus wirtschaftlichen Betrieben ziehen,

ist die allergrößte Zurückhaltung in der Aufnahme ausländischen Kapitals drin­gend geboten.

Erst dann wird auch das ausländische Kapital nicht auf die einmaligen Provisionsgewinne se­hen, sondern auf dauernde gesunde Anlage bei wirtschaftlich vertretbaren Zinssätzen. Ich halte es für dringend erforderlich, daß zentral gelei­tete Maßnahmen ergriffen werden, um die Ver­schuldung öffentlicher Körperschaften, beson­ders an das Ausland, unter wirksame Kon­trolle zu nehmen. Ich begrüße den von der preußischen Regierung in dieser Hinsicht gemach­ten Anfang. Wenn die Festlegung der deutschen Währung nur durch den entschiedenen Bruch mit allen Inflationsauffassungen gelang, so werden wir die Folgerungen dieser Politik insbesondere auch da ziehen müssen, wo die Inflation mit am stärksten schadete, nämlich aus dem Gebiete des

* Bank und Kreditwesens.

Es besteht auf dem Gebiet des Bank- und Kre­ditwesens noch Ueberproduktion, die leider naturgemäß dem Herabdrücken der Zins­sätze entgegenwirtt. Der Umstand, daß neben den üppig ins Kraut geschossenen privaten Neu­gründungen in der Inflationszeit zahllose kommunale Bankorganisationen neu, ent­standen sind, bewirkt bei einem schreienden Miß­verhältnis von Wollen und Können die Ver­teuerung der Zinssätze und Provi- s i o n e n, die für das Wirtschaftsleben unerträg­lich sind. Diese Verhältnisse führten außerdem dazu, wie die Ereignisse der letzten Wochen und Monate zeigten, daß infolge von Unerfahrenheit und Leichtfertigkeit Verluste entstanden sind, die unter der straffen Organisation der Vorkriegs­zeit niemals möglich gewesen wären und deren Deckung zum großen Teil wiederum aus den Taschen der Steuerzahler erfolgen muß. Da diese ganze Entwicklung zeigt, daß mit den vorhandenen an sich bescheidenen Kapitalserspar­nissen unwirtschaftlich umgegangen wird, so ist mit prohibitiven Maßnahmen allein hier nicht geholfen, vielmehr wird die Ausgabe der Gesetzgebungssattoren die sein,

die Kapitalersparnisse und Gelder in ihrer richtigen Verwendung zu beeinflussen,

wie dies vor dem Kriege durchaus der Fall ge­wesen ist. Dies gilt insbesondere von den Spar­kassen- und Verstcherungsgeldern, und von Gel­dern gewisser öffentlicher Kassen, die keineswegs

in risikovollen kurzfristigen und hochverzinslichen Kreditverkehr, sondern in mündelsicherer, l a n g- fristiger und hypothekarischer Anla. ge, insbesondere für die von Hypothekenkredlt nahezu entblößte Landwirtschaft verwandt werden müssen. Das ganz Volk muß einsehen, daß es in einem verarmten Lande unmöglich ist, durch gegenseitige hohe Zins- und Provisions­belastung das Verlorene in kurzer Frist wieder­zugewinnen, sondern daß eS einer langen systematischen Arbeit bedarf, um durch interna­tionale leistungsfähige Produktion das nationa­le Kapital allmählich wieder auszubauen.

Sie deutsche Luftschiffahrt.

Um das Schicksal der Friedrichshafener Werft.

Ncwyork, 29. Oktober.

Eine unbestätigte Meldung besagt, daß das Staatsdepartement vom Marineamt ersucht wer­den wird, auf die Reparationskommisston ein­zuwirken, damit die Vernichtung der großen Flughalle in Friedrichshafen zunächst aufgefcho- ben werde. Das Postdepartement der Vereiuig- teu Staaten trage sich mit dem Gedanken der Einrichtung eines internationalen Postflug­dienstes mit Schiffen vom Zeppelin-Typ und Z. R. 3" komme in erster Linie für einen der­artigen Verkehr für den Atlantic in Frage. Da in Friedrichshafen der beste Landungsplatz vor­handen sei, wäre die Zerstörung der Halle für Amerika so lange wenigstens unerwünscht, als nicht anderwärts Ersatz geschaffen sei. Eine Entscheidung darüber, ob die Regierung der Bereinigten Staaten in dieser Angelegenheit irgendwelche Schritte unternehmen werde, sei jedenfalls noch nicht gefällt.

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Heimkehrende Zeppelin-Mannschaft.

Paris. 29. Oktober. Nach einer Meldung des Newyork Hcrald haben zehn Mann der Be­satzung des Amerika-Zeppelrn gestern auf dem DampferMünchen" die Rückreise nach Deutschland angetreten. Kapitän Eckener ist unterwegs nach A k r on, wo er mit dem Direktorium der Goodyear-Zeppelin-Company konferieren wird. In etwa vierzehn Tagen wird er dann nach Lakehurst zurückkehren.

Wirtschaftliche und fiskalische Einheit. Dritte Feststellung der Reparationskommission.

Paris, 29. Oktober.

Die französische und die belgifdjc Regierung haben in der vorgeschriebenen fünfzehntägegen Frist nach der zweitenFeststellung" vom 13. Oktober der Reparationskommission die Mitteilung gemacht, paß die wirtschaft­liche und fiskalische Einheit des Deutschen Reiches wiederherge- tellt sei. Die Reparationskommisston veröf- entlichtc daraufhin folgendes Kommunique: Gemäß Paragraph 3 Artikel 3 des Anhanges 2b des am 19-August 1924 in London getroffenen Abkommens hat die Reparationskommifsion ein- timmig beschlossen, zu erklären, daß das in Artikel 1 des Anhanges 26 feftgelegte Pro­gramm zut Wiederherstellung der fiskalischen und wirtschaftlichen Einheit Deutschlands von der belgischen und französischen Regierung am 28. Oktober durchgeführt worden ist. Da­mit iff die vorgesehene dritte Feststellung erfolgt.

Russische Umtriebe am Balkan.

Eine Berschwörerzentrale in Wien.

Wien, 29. Oktober.

DasNeue Wiener Journal" veröffentlicht vier Dokumente, aus denen hervorgeht, daß in Wien eine Berschwörerzentrale der Moskauer Sowjets zur Revolutionierung des Balkans ihren Sitz hatte. In einem der Doku­mente vom August 1923 hieß es, das Ziel sei die Organisation von kommunistischen Stoßtrupps in den Balkanländern. Es soll zunächst die Macht der Regierung in Bulgarien und Grie­chenland untergraben werden. Nach hier ein­getroffenen Meldungen findet derzeit in Rumä­nien eine Probemobilisierung statt. Der gesamte Eisenbahnverkehr ist unter militärische Aufsicht gestellt. Güterzüge, die an der rumänischen

Grenze ankommen, werden sofort ausgcladcn, um militärischen Zwecken zur Verfügung geftelli zu werden.

Sie Verwirrung in Lhina.

Die Südgouverneure gegen General Feng.

London, 29. Oktober.

Reuter meldet aus Peking, daß Marschall W u p e i f u von dem Bevollmächtigten des Prä­sidenten Tsaokun Instruktionen empfangen habe, die ihn unabhängig machten und ihn ermächtig­ten, um alle Schritte zu unternehmen, die er der Lage entsprechend für notwendig hält. Aus Schanghai wird gemeldet, gestern habe eine Proklamation des Marschalls Tschihsüjüan an gekündigt, daß die Militärgouverneure der Pro­vinzen Kansu, Kianasu, Anhwei, Tfchckiang und Fukien, und praktisch genommen die ganze chine­sische Flotte sich entschieden hatten, den Mar­schall Wupeifu zu unterstützen. Die Proklama­tion sagt, daß der sogenannte christliche Gcne- ralinspekteur der Provinzen Hunan und Hupen auf die Aufforderung Wuweifus, zwei gemischte Brigaden nordwärts gegen General Feng ge­schickt habe, der jetzt Vorbereitungen für die Verteidigung Pekings gegen General Wupeifu trifft.

Seutsch-fronzöfische Verständigung.

Paris wünscht ein Abkommen.

London, 29. Oktober.

Ueber den Umschwung der französischen Politik u. den ftanzösischen Wunsch, ein deutsch- französisches Abkommen herbeizuführen, äußert sich heute ein Sonderkorrespondent derTimes", der schreibt, es sei für die Lage bezeichnend, daß trotz der auseinandergehenden Ansichten die Handelsvertrags - Verhandlungen fortgesetzt würden, bis die erforderlichen günsti­gen Resultate erzielt seien. Der Korrespondent veröffentlicht eine Unterredung mit einer hohen französischen Persönlichkeit, deren Namen er nicht kennt, und die ihm folgendes erklärt habe: Ein Handelsvertrag mit Deutschland ist das natürlichste Ziel einer klugen franzö­sischen allgemeinen Polittk. Es war unmöglich, darüber zu verhandeln, bevor die Reparations­frage gelöst war. Jetzt aber kann das Abkommen keine Verzögerung mehr erleiden. Wenn wir Fried en mit Deutschland wollen, müssen wir in der Lage sein, mit ihm Waren aus­zutauschen. Der Korrespondent erklärt wei­ter, daß die Atmosphäre in Paris für den Ab­schluß eines Handelsvertrags ganz besonders günstig geworden sei.

Aus Politik und Wirtschaft.

Betriebsrätewahlen. Die Wahlen im enge­ren Industriebezirk Halle zu den Betriebsräten, die als Vorspiel zu den Reichstagswahlen ang;- ehcn werden können, haben den Sozial- lemokraten den Verlust von ein Drittel der Sitze gebracht. In den Gewinn teilen sich neben Kommunisten auch die christlichen Ge­werkschaften und mit fast 15 Prozent die Deutschvölkischen.

Aus dem Völkerbund. Die vierte diesjährige Tagung des Völkerbundrates wird am 8. Dezember in R o m beginnen. Sie wird von dem Delegierten Brasiliens geleitet werden. Alle zehn im Völkerbund vertretenen Staaten werden daran teilnehmen. Die römische Re- sierung wird sich mit verschiedenen Fragen be- assen. Die am 7. November in Genf zusam­mentretende dritte Versammlung wird sich da­gegen ausdrücklich mit den Vorbereitungen zur großen Abrüstungsfrage beschäftigen.

DaS Saarland. In Verbindung mit der vergangenen Herbstmesse hatte das Frankfurter Meßamt im Rahmen der Kunstmesse im Rönier eine Ausstellung .Das Saarland" veranstaltet. An der Saar selbst hat diese Schau lebhaften und freundschaftlichen Widerhall gefunden. Aber auch bei allen inländischen und ausländischen Messebesuchern hat sie die Wirkung auszuüden vermocht, die man von ihr erwartete: Ein Be­kenntnis saarländischer Wirtschaft und Kultur zur deutschen Heimat. Um die Erinnerung an die Saar-Ausstellung festzuhalten, hat das Metz- amt in seiner bekannten Schriftenreihe als 15.

Heft eine Sammlung von Aussätzen erscheinen lassen, die sich mit der Geschichte, mit Han- del und Industrie des Saargebietes usw. beschäftigen. Es mag erlaubt sein, Dar­auf hinzuweisen, daß das Meßamt auch für die kommende Frühjahrsmesse 1925 eine Reihe von Heften für feine Schriftenreihe vorbereitet, u. a. eine ausführliche Abhandlung über die Wirt­schaft der T f ch ech o - S l o w ak e i und eine Sammlung von Aussätzen über die neue Türkei.

Italienisch-serbisches Bündnis. Die .Reichs­post" bestätigt in einem Telegramm aus Bel­grad, daß die i t a l i en i s ch e und die jugo- s l a v i s ch e Regierung übereingekommen sind, bei der bevorstehenden Zusammenkunft Musso­linis mit dem jugoslavischen Ministerpräsiden­ten ein Defensiv-Bündnis abzuschließen das noch in diesem Jahre unterzeichnet wer­den soll.

Neues aus Kassel.

Ser unsterblicheSeeadler".

Graf Luckner erzählt feine Piratenabenteuer.

Graf Luckners Kasseler Freunde und Ver­ehrer mehren sich mit jedem Besuch. Der Saal des Ev. Vereinshauses vermochte ihre Zahl gestern abend kaum zu fassen. Und es ist wahr­lich eine Lust, den knorrigen ollen Seebär fein Garn spinnen zu hören, an seinem goldenen Waterkantshumor und seinem vaterlandsglühen­den Herzen zu erwärmen. Wie im Fluge gingen die beiden Stunden hin, in denen er Seeadlers. Abenteuer und den Heldengeist und Willen fei­ner 64 unerschrockenen .Jungs" ost in brama« tisch gesteigertem Gebärdenspiel, vor uns lebendig werden ließ.

Wie sie mit den drei altmodischen Kanonen des als Norwegersegler aufgeputzten Hilfskreu­zers der Schrecken des Atlantik wurden, an den stolzesten Viermastern u. waffenbestückten Ozean­kolossen an den Bambusstangen hinaufenterten. 16 von ihnen in den Grund bohrten, hunderte von Gefangenen machten, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen (vor ihrem aus Blech gezim­merten .Riesengeschütz" und den Kanonenjchlä- gen krochen Mann und Offizier in die Mause­löcher), tote sie mit den gekaperten Champagner- und Kognakschätzen, Musikinstrumenten und Klubsesseln eine berauschend schöne Tropennacht feierten, daß selbst den gefangenen Kapitänen spä­ter der Abschied schwer wurde. Wie der Kapi­tän eines aufgebrachten Viermasters in die Falle geht und dann seine Reise- und Leidenskollegen wiedersindet. Wie Luckner selbst fein Lieblings­schiff, auf dem er 18 Monate als fünfzehnjähri­ger Leichtmatrose gefahren, zuckenden Herzens versenken muß... Wie sie 3% Wochen in den Sturmgewässern von Cap Horn um ihr Le­ben ringen, der auf Lauer liegenden Kreuzer« slotille entwischen, über das Meeresgrab der Falklandhelden hinweg in die Südsee hinunter« sausen. (Inzwischen war der Untergang des Seeadler über den Ozean gefunkt worden). -< Wie sie endlich nach 64 (XX) Kilometer Fahrt vost Skorbut entstellt, in der phantastisch bunte» Märchenwelt einer Koralleninsel Schutz und Heilung finden, um nach wenigen Wochen durch eine Seebeben-Flutwelle, die ihr Schiss auf die Insel wirst und zerschmettert, ihre .Heimat" zu verlieren. Graf Luckner riß uns in atemrau­bender Schilderung in die Geschehnisse hinein.

Und bann die verzweifelte, sportlich noch nicht wieder überbotene Fahrt im offenen Ret­tungsboot zu sechs bis zu den Fidschiinseln, schutzlos der Tropensonne, 9 Tage dem klatschen- den Regen ausgesetzt, von Salzwasser und Bim- teinsaud innerlich und äußerlich zerfressen, vom Skorbut gelähmt, von Durst verbrannt, so stoßen ie endlich zu den Wilden, die sie wie ein Welt­wunder bestaunen, zumal Deutschlands Kampf gegen die ganze Welt auch dorthin gedrungen war. Doch als Krüppel will man nicht landen. Also weiter mit Früchten und Leckerbissen über» chüttet. Bei einem Anschlag auf einen pra+t« tollen Viermaster geraten dann die sechs obrer echt deutschen Ritterlichkeit in 0 genschaft. Wochen der Entbehrung und im Eingeborenen-Zuchthaus, Abtransport > i Neuseeland,Torturen wegen ihrer nicht verratenen Seeadler-Mannsckast, Pudding-Ovationen, ve-

Deutsche Seide.

Aus der Kasseler Seidenbau-Ausstellung.

Fließende Seiden, leuchtende Farben... Und immer neue Muster werden aufgerollt und aus­gebreitet und um Die Schultern einer schönen Dame gelegt ... Dann geht der Mick umher in dem schönen Saale des .Nordischen Hofs" und eine süße Stimmung schmiegt sich ins Herz Ein Märchen plätschert dahin ...

Es war einmal eine Seidenraupenfamilie. Sie nährte sich friedlich von den grünen Blät­tern vielhundertjährig. Maulbeerbäume, Kinder kamen und lachten und sorgten, zarte Frauen­hände ordneten ihr Dasein und bann begann die Raupen zu spinnen. Wundersame wettze Seide schieden sie aus. Eines Tages aber kam ein Mann und trennte die Raupen, zerstörte das weiße Häuschen, das sie sich gebaut und sie sahen, sie hätten nichts mehr von einander ...!

Nach Jahr und Tag ... ein idyllisches Ge­mach. Am schneeigen Bett steht auf zierlichem Schränkchen ein einsames Lämpchen. Das Licht sehnt sich durch schillernde Seide hindurch. Uub eine schöne Dome und ein schlanker Herr treten ein und ein knisterndes Seidenkleid wird acht­los über das Lämpchen mft dem Seidenschirm geworfen

Ta fanden sie sich wieder, die Seidenraupen- kinder und küßten sich und auch zwei Menschen­kinder fanden sich und das Seidenschirmchen könnte erzählen ... *

Ein Märchen ... die Seidenbauausstellung behauptet, daß es Wirklichkeit ist. F. W. Klein, der Pionier des neuhesstschen Seidenbaus, der in der Jordanstraße dem Archiv für Seiden­raupenzucht vorstehl, plaudert über den Seiden­bau in alter Zeit, bet ein Monopol von Kaise­rinnen und Prinzessinnen war, und wie jetzt wieder ein junges Mädchen in Kassel zuerst Seide gesponnen bat . da steht die Weih-

-ossgors Schleikche» und den

.Erdnüssen" daran, aus denen die schimmernde Seide quillt f

Und ein Bild wird gezeigt, wie einst Kaiser Justinian feierlich die ersten Seidenraupeneier übereicht wurden. Das Bild aus einer Krefel­der Seidenfabrik erinnert an ein Bild vom selben Kaiser im Kasseler Justtzpalast, wo ihnt das Korpus juris übergeben wird. Seidenbau heißt Wohlstand und wenn Recht dazu kommt ... Ein anderes Bild ... ein lachender Junge vor munter futternden Raupen ... kinderleicht, sagt das Bild, ist die Seiden zücht, keine Mühe ist dazu rot:

Der Blick wandert abwärts zur Seidenaus­stellung von Lange und Butte, deren La­ger wir durchschritten, in dem uns Farbe und Leuchten berauschte, in dem die anrauschenden Seidenwellen nicht enden wollten. Und nun ... dieEmdeka", unsere jüngste Künstlerver­einigung, die mit Kunst das Geschäft zu adeln strebt, in dem die Herren Scheidt und die Maler Schubert und Gild und ändere wirken, die über die Anordnung der ganzen Ausstellung wachte, konnte mit diesen Seiden eine entzückende .Modeschau" Herrichten.

Silbergrau rieselt es über sattes Blau ... Rauhreif! Tann Crepe de Chine, von Schu­bert, dem Meister der neuzeitlichen Schaufenster­bemalung in der Kölnischenstraße. genial be­malt, 58ro täte ... ein Panthersell scheint jener .Stoss" zu fein, golden, schwär» gefleckt auf haarfeinem Seidentüll. Panthersell ...? Ihr Männer, sagt eine Dame zu meiner Rechten, liebt nun einmal das Exotische ... Im Para­dies war es die Schlange, die die Frau ver­führte. hier ist es Brokat! Diese Aussteller sind sich gar nicht bewußt, was sie mit dieser Schau anftellen. mit diesen niegesehenen Farben und Silbersternen, Goldstoffen, die einer Königin würdig, Blumen aus schillernden Fäden, selt­same Traumgebilde in Seide gewebt und ge­stickt und gemalt ... Die Frau, die sich mit sol­chen Brakot«« schmückt ... nein, das ist leine

Pantherkatze gottlob, daß solche in Deuisch- land selten! ein schimmernder Falter ist es ..

Klein zeigt eben ein Kästchen vor mit einem riesengroßen lichtspieaelnden Falter. .Ter schönste Falter der Erde! Selbst seiden ... ein Seidenspinner!"

Immer wieder flüchtet der Blick auf die Sei­den, Brokate, Maroeains, Serges ... stolze Chrysanthemen aus ihrer malerischen Lagerung aufgerichtet, Falter . . und all das das Werk eines armseligen Ränpchens ...!

*

Klußmanns neuzeitliche Beleuchtungen ... Seidenschirme ... man stelle sich wohin er gehört . . erst bann kommt die ganze Schön­heit zum Bewußtsein .., das hätte sich die Sei- denroupe auch nicht- träumen lassen, daß sie einmal als reizendes kleines Lämpchen einem stillen Glück zuschauen darf, wenn ... ja wenn es nicht so handelt wie die kleine kluge taktvolle Lampe Rudolf Presbers!

Noch einmal praktische Anwendung ... Per­ser Handstickereien von Frau B o u h a g e und dann ... die technische Seite der Setde! Meister Linker vom gleichnamigen Traht- werk, ist r.uf dem Gebiete der Siebe besonders für Laboratoriumzwecke, zu Prüfungen nach dem D. A. B, dem Deutschen Arzneibuch, ein an­erkannter Fachmann ... Seine Seidenstebe für diese Anwendung und für Mühlen besonders sind vot: verblüffender Feinheit!

Den Beschluß ' macht eine Ausstellung von Gartenbedarfsgeräten, hier in erster Linie für den Seidenbauer. Das Gegenstück zu dem Duft der Damenseide drüben ... hier Mistgabel und Gießkanne:

«

Meine Herren, glauben Sie nicht, daß außer der Technik allein die Dame es ist, die in Seide schwelgt... genau dieselbe Seide, die eine schöne Frau ziert, habt I h r am Halse ... die Sei - denkrawatte ... das wenige Bunte, das dem modernen Herrn gestattet, ist Seide und ... wie gesagt, alles entstammt bett kleinen beschei­

denen Raupen, die Klein imNordischen Hof" ausmarschieren lässt f R H.

Aus Kunst und Misten.

** Ultraviolette Butter. Zwei Professoren der Universität Wisconsin haben ein neues Verfahren zur Herstellung buttergleicher Mar­garine erfunden. Sie behandeln Fettstoffe, die nach einem bestimmten System gemischt werden, mit ultravioletten Strahlen und er­zeugen dadurch eine Margarine, die im Geschmack und in der Nahrhaftigkeit der Butter nicht nachstehen soll. Außerdem ist sie bedeutend billiger als die Naturbutter, da sie aus Fett­stoffen gewonnen wird, die man zu anderen Zwecken kaum verwenden kann. Man wird bas Produkt fabrikmäßig herstellen. (Wir möchten bis auf weiteres diese Butter lieber noch nicht aufs Brot streichen.)

** Eine Cäsaren-Biographie. Der Heidel­berger Gelehrte Friedrich Gundolf läßt jetzt feinen Büchern über Shakespeare. Goethe und Stefan George ein neues Werk folgen:Cäsar, Geschichte seines Ruhmes". In dem Buche stellt er dar. wie Cäsar als mvtbische Gestalt, magischer Name und geschichtliche Person in den eit ihm verflossenen zwei Iahrtauftnben ge­sehen und beurteilt worden ist.

** Ein genesender Komponist. Der be­kannte Komponist Dr. Hans Pfitzner mußte ich vor einigen Wochen in einer Heidelberger Klinik einer schweren Gallenoperation unterziehen. Er ist jetzt wieder soweit herge- stellt, daß er in diesen Tagen die Klinik ver­lassen kann.

** 200 000 Dollar für eine Theaterlogt. Der Leiter des Stahltrustes, Gary, hat für eine Loge in der N e w y o rker Op er den hör- renben Preis von 200 000 Dollar besohlt Die- en Betrag erhält aber nicht die Theaterdirek- tton, sondern die Milliarbärfamilie Mortimer Frick, die diese Loge an Gary abgetreten hat.