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Nr. 237.

Vierzehnter Jahrgang.

Kasseler Neueste Nachrichten

2. Beilage.

Mittwoch, 8 Oktober 1924.

Aus ötr Heimat,

ner Landrsttrevenlag.

6. Verhandlungstag am K. Oktober.

Eine Frage, die sehr schwierig zu lösen ist, ist die der Besoldung für den Organisten- und Lektorendienst, und zwar deshalb schwierig, weil die Anforderungen dieses Dien­stes in den verschiedenen Orten sehr ungleich sind und weil in manchen Gemeinden zwar eine Trennung der Acmter des Lehrers und des Or­ganisten, aber noch nicht eine Trennung des vor­handenen Vermögens mit Rücksicht darauf er­folgt ist, wieviel davon aus jedes dieser Aemter entfällt. Ein Ausschuß aus je vier Mitgliedern des Pfarrer- und des Lehrervcreins beschäftigt sich jetzt mit der Frage der Bezahlung, und der Landeskirchentag hat heute beschlossen, die Kir­chenregierung möge die Bezahlung für das Ge­biet der Landeskirche mit Rücksicht auf die An­forderungen des Dienstes einheitlich regeln. Einem Antrag des Kreiskirchcniages Wolfhagen entsprechend soll die Bußzuchtordnung von der Kirchenregierung neu geregelt werden, und auf eine Eingabe des Missionsvereins der Base­ler Mission wurde beschlossen, daß durch die Kirchenregierung angeordnet werden soll, daß an je einem Sonntag besonders über die äußere und über die innere Mission gepredigt werden soll. Die dabei gesammelten Kollekten kommen den betreffenden Anstalten zugute.

Unsere Kirchenverfassung bestimmt, daß die Sakramentsverwaltung ausschließlich dem Psar- rer Vorbehalten bleiben soll. Run besteht aber in Gemeinschastskreifen nicht nur der Wunsch, Abendmahisfeiern nicht nur allein für sich ein­gerichtet zu sehen, sondern es werden sogar schon Abendmahlsfeiern außerhalb der Kirche gehal­ten, bei denen auch Laien das Abendmahl spen­den. Ein Antrag des Kreiskirchentages Hom­berg wollte festgesetzt haben: 1. daß neben den regelmäßigen auch außerordentliche Abendmahls' feiern stattfinden dürfen, 2. daß auch diese von dem zuständigen Pfarrer zu leiten sind und 3. daß der landeskirchliche Charakter der Feier gewahrt werden muß. Der Landeskirchentag beschieß, über den Antrag zur Tagesordnung überzugehen, da die Abendmahlsfeier in den Paragraphen 28, 39, 40 und 42 der Verfassung geregelt ist. Ein aus Gemeinschaftskreisen kom° mender Antrag, der Landeskirchentag möge aus­sprechen, daß außerkirchliche Abendmahlsfeiern nicht beanstandet werden dürften, da sie dem biblischen Sinne entsprächen, und dem Aufbau des Reiches Gottes dienten, wurde der Kirchen­regierung als Material überwiesen.

Die neue Kirchenversassung ist erst am 1. Ju­ni in Kraft getreten; trotzdem hat der Kreiskir­chentag Hersfeld schon zwei Anträge gestellt, durch die den Mitgliedern der Kirche Rechte ge­nommen werden, die ihnen erst die neue Ver­fassung gegeben hat; es handelt sich um die Ur­wahl zum Landeskirchentag und um das Recht der Pfarrwahl, das die Gemeinde in jedem zweiten Erledigungsfalle hat. Statt der Ur­wahl soll nach dem Antrag Hersfeld die Wahl durch die Krecskirchentage stattfinden, statt der Besetzung der Pfarrstellen auch durch Wahl der Gemeinden nur die Besetzung durch die Kirchen­regierung möglich sein. Der Landeskirchentag beschloß, über die Anträge zur Tagesordnung überzugehen, da .zurzeit eine Abänderung der Verfassung nicht angängig ist."

Sozlcchygfenische Kurze.

In Kassel. Marburg und Fulda.

In den Tagen vom 29. Oktober bis 1. No­vember werden unter tätiger Mitwirkung des Deutschen Roten Kreuzes vom Provinzialverein vom Roten Kreuz, dessen Vorsitzender Oberprä- sident Dr. Schwander ist, und vom Bezirksvor­stände der Vaterländischen Frauenvereine im Regierungsbezirk Kassel sozialhygienische Kurse in Kassel, Marburg und Fulda veranstaltet, wie solche schon in anderen Provinzen mehrfach mit großem Erfolge stattgefunden haben. Ihre Aufgabe und ihr Ziel ist es, die für die Ge- amtbevölkerung und ihre gesunde Fortentwick­lung im Vordergründe stehenden drängenden Fragen der Bekämpfung und Einschränkung der

MMW M WW4MWMM.

Die diesjährige Personenstands-Aufnahme in Kassel.

Die Personenstandsaufnahme für die Reichs- einkommewfteueweranlagung für das Steuer» jahr 1924 geht im Stadtbezirk Kassel am 10. Tk- tober vor sich. Die Haus- und Wohnungslist n gelangen in diesen Tagen an die Hauseigentümer oder deren Vertreter zur Verteilung und werden am 13. Oktober bei ihnen wieder abgeholt wer­den. Die Hauseigentümer pp. haben die Woh­nungslisten alsbald an die einzelnen in ihrem Grundstück wohnenden Mieter weiterzugeben, und dafür zu sorgen, daß die Listen ausgefüllt am 13. d. Mts. früh (bei ihnen, den Hauseigen­tümern usw.) zur Abholung bereit liegen.

Die Angaben in den Listen müssen, da sie als Grundlage für die kommende Veranlagung zu dienen haben, so genau und vollständig als möglich sein. Es wird deshalb den Hauseigentümern oder deren Vertretern noch besonders nahe gelegt, wenn erforderlich, ihren Mietern bei Ausfüllung der Listen behilf­lich zu sein und sich jedenfalls Bei Wiederein­holung der Listen überall davon zu überzeugen, daß die Auskünfte erschöpfend gemacht sind. Be­sondere Aufmerksamkeit dürfte unter anderem der Ausfüllung der Spalten 4, 8 und 11 der Wohnungslisten zu schenken sein. Die Eintragun­gen in Spalte 4 Stand oder Beruf bilden die Grundlage für die Ausstellung der Steuer­karten. Aus dem Eintrag mutz deshalb klar er­sichtlich fein, ob es sich um Arbeitgeber oder Ar­beitnehmer handelt, da nur für die letzteren Steuerkarten auszustellen sind. Der Berus der

im Haushalt beflndlichen Kinder muß unbedingt angegeben werden, auch genügt bei Witwen der EintragWitwe" allein nicht, sondern es mutz der frühere Stand des Ehemannes (z. B.: Witwe des Regierungssekretärs, des Zimmermanns' ufw. und ferner die jetzige Tätigkeit der Witwe mitangegeben werden. In Spalte 8 ist bei Lohnempfängern in jedem Falle der Arbeitgeber und die Betriebsstätte anzugeben. Wird Pen­sion bezogen so ist die auszahlende Kaffe einzu- tragen. In Spalte 11 wird nicht die Angabe über die zu zahlende Miete gefordert, sondern es muß die jährliche Friedensmiete nicht Grundmiete nach dem Stande vom 1. Juli 1914 angegeben werden, da diese der Ver­anlagung zu den Kanalbenutzungs- und, Müll­absuhrgebühren zu Grunde liegt. Die Geschäfts­miete ist getrennt von der Miete für Wohnräume anzugeben. Alles nähere ist aus der Bemerkuna Nr. 4 auf der Innenseite der Wohnungsliste er­sichtlich. Die Angaben unter Ziffer 4 der Woh- nungsliste haben unter anderem den Zweck, alle Betriebe festzustellen, die Arbeitnehmer beschäf­tigen. Es sind daher

Wohnungslisten

auch von den öffentlichen Körperschaften und ge­meinnützigen Anstalten, sowie von allen nicht unmittelbar mit einer Wohnung verbundenen gewerblichen Betrieben, Betriebsstätteu, Büros usw. auszufüllen. Die Aufnahme in eine zweite Wohnungsliste ist also nur dann nicht erfor­derlich, wenn die Betriebsstätte, das Büro usw. in der Wohnung des Inhabers unterhalten wird.

Tuberkulose, des Alkoholismus und der Ge­schlechtskrankheiten, sowie der Krüppelfürsorge, in wissenschaftlicher, aber gemeinverständlicher Form durch besonders berufene hervorragende Vertreter der einzelnen Zweige nicht nur allen an ihrer Lösung beruflich Beteiligten, sondern darüber hinaus möglichst weiten Bevölkerungs­kreisen aufklärend und belehrend vorznführen, um sie zur Mitarbeit befähigt und bereit zu ma­chen. Um deswillen sind auch die benachbarten

Landkreise

den drei Vortragsorten für die Kurse angeglie­dert worden. Nach den bisher überall gemachten Erfahrungen darf auf eine glückliche Lösung Vie­ser bedeutsamen Aufgabe mit Sicherheit gerech­net werden, wenn eine rege Beteiligung an den Kursen und ihre allseitige Förderung stattfiudct, die Men, denen das Volkswohl am Herzen liegt, dringend nahegelegt werden muß. Zur Durch­führung der Kurse hat sich in Kassel ein Orts­ausschuß gebildet, dem angehören: Frau Ober­landesgerichtsrot Schmidt, Frau Geheimrat Har- nier, Frl. Moye, Landesrat Beck, Gewerkschafrs- sekretär Brauuersrenter, Regierunasrat Dietrich, Vorsitzender des Beamtenbundes, Generalleut- ltant z D. Fritsch, Chefredakteur Dr. Hägcr- mann, Vorsitzender des Kurbefsischcn Prefftver- bandes, Landesrat Höring, Geh. Iustizrat Har- itter, StMtmedizinalrat Dr Keding, Oberregie- rnngs- und Obermedizinalrat Dr. Mennicke, Ge- werkschaftsfekretär Oberbossel, Kommerzienrat Plaut, Oberstabsarzt Dr. Reymann.

e

Arbeiter-Samariter-Bmid.

Am kommenden Sonntag vormittag findet auf der Zeche Mönchehof bei Ihringshau­sen eine Samariter-llobung statt, nachmittags eine kleine Veranstaltung bei Gastwirt A Eber­hardt Der Reinettrag dient zum Ausbau des Samariterwesens. Am Sonntag wurde in Hoof eine Arbeiter-Samariter-Kolonne ins geben ge­rufen, deren Vorsitz Gottlieb Neurath übernom­men hat. Ende Oktober wird ein Kursus in .Erste Hilfe bei plötzlichen Unglückssällen" ab­gehalten.

Hundesport.

Eine Werbevorführung in Besse.

Die Ortsgruppe Kassel und Umgebung des Vereins für deutsche Schäferhunde (S. SB.) ent­

faltet in letzter Zeit eine rege Werbetätigkeit. Insbesondere richtet sich ihr Augenmerk auf die in der Umgebung Kassels befindlichen Dörfer, um aus den Reihen der Berufsschäfer Mitglieder zu werben, die den deutschen Schäferhund zu sei ner vornehmsten Aufgabe, nämlich zum Herden­gebrauchshund ausbilden sollen und anderer­seits den Besitzern der vielen kleineren und grö­ßeren Anwesen vor Augen zu führen, daß allein der deutsche Schäferhund der geeignetste Wächter ist. So wurden am Sonntag in Besse sechs Hunde unter der Leitung von Herrn Hahn-Kassel vorgeführt. Außer den üblichen Gehorsamsübun­gen, die der Grundstein für die Ausbildung ocs deutschen Schäferhundes sind, wurden Gewandt- heitsübungen (Klettern, Springen) sowie Pro­ben der hervorragenden Nase unseres deutschen Schäferhundes durch umfangreiche Spurenarbeit gezeigt.

Auch die absolute Schußfestigkeit, sowie Unbestechlichkeit des vierbeinigen Freundes beim Bewachen von Gegenständen, sowie Verweigern von Futter ans fremoer Hand, legten beredtes Zeugnis von den Fähigkeiten des Schäferhundes ab. Außer der unter ganz besonders schwierigen Verhältnissen einwandfrei ausgearbefteten Spur der Hündin des Herrn Kranert ist auch die Leistung der Hündin des Hern Thiele, die erst 10 Monate alt ist, erwähnenswert. Ferner führ­ten die Herren W. Gerecht und Ioh. Deutsch, Niederzwehren wertvolle Hunde vor. Da mau in Besse der Ansicht war, daß ein Schäferhunv, der ungefähr die mittlere Größe von 60 Ztm. hat, eine mehr als zwei Meter Hobe Kletterwand nicht erreichen könne, so ließen die Herren W. Schock und A. Weiler ihre Rüden eine Kletter­wand in Höhe von 308 Zentimeter nehmen, was allgemein Veiivunderung und Beifall auslöst:'. Der letzte Teil der Veranstaltung, nämlich, die Arbeit am geschützten Scheinverbrecher, bestätigte der tansendköpfigen Zuschauermenge erneut, daß der ausgebildete deutsche Schäferhund der un­bestechlichste Begleiter und Schutzhvnd ist.

Joh. Deutsch.

* Oberzwehren, 7. Oktober. (Die Hackfrucht- Ernte.) Mit der Aberntung der Kartoffelfelder ist man hier nunmehr so ziemlich fertig. Die Befürchtungen der Landwirtschaft, daß der grö­ßere Teil der Knollen bei der Ernte bereits dem Fäulnisprozetz verfallen sei, haben sich glückli­

cherweise nicht bestätigt. In leichteren Böden ist die heurige Kartoffelernte sogar gut ausgefallen und nur in schweren Böden zeigte es sich, daß ein Teil der Knollen in Fäulnis überging. Im allgemeinen ist die hiesige Landwirtschaft in Be­rücksichtigung der langandauernden nassen Wit­terung mit dem Ausfall der diesjährigen Kar­toffelernte zufrieden. Die Futterrübenernte fällt ebenfalls zur Zuftiedenheit aus. Auch der zwei­te Grasschnitt wurde noch glimpflich unter Dach gebracht. Leider treten in den Feldern Schnecken und anderes Ungeziefer (auch Mäuse) in großen Mengen auf. sodaß für die jungen Wintersaaten Befürchtungen in Bezug auf Schnecken- und Mäusefraß an den Saaten gehegt werden.

* Spangenberg, 7. Oktober. (Ein Skelett- Fund.) Bei den Ausschachtungsarbeiten des Bred'schen Neubaues auf derEigenen Scholle" wurde ein menschliches Skelett gefunden. Es lag nur ein Meter tief -in der Erde.

* Eschwegr, 7. Oktober. (Hundesperre ... Hun- dctod.) Auf Grund des Hundersperrgesetzes ist in der Reichensächser Straße ein dort herrenlos herumlaufender Hund von einem Polizeibeamten erschossen worden.

* Homberg, 7. Oktober. (Neues Jugendamt.) Für das neuer richtete Jugendamt wurde in bet letzten Kreistagssitzung die Satzung erlassen. Als Mitglieder wurden gewählt die Lehrer Töpfer in Oberbeisheim und Blättert in Gre­benhagen, Schreinermeister Körbel-Homberg und Bürgchmteister Banmgarten-Boissen, deren Stell­vertreter sind Lehrerin Weinschenk-Homberg, Lehrer Bauer-Borken, Bäckermeister August Stüoing-Homberg und Postmeister Knierim-Bor- ken. Die bisherigen Kreisschiedsmänner wur­den in der Sitzung wiedergewählt, ebenso deren Stellvertreter. Es sind dies Kothe-Mühlhauftn, Hebeler-Römersberg, Lücking-Dillich und Sttip- Pel-Raboldshaufen Ms Stellvertreter Dieling- Trockenerfurth, Freund-Raboldshausen, Heiner- Oberbc-sheim und Wambach-Holzhausen,

* Treysa, 7. Okt. (Obsterlös.) Die Stadt hat für das Obst an Straßen und Wegen fast IOOOO Mark gelöst. Der Behang der Bäume war in diesem Jahre nicht gut.

* Treysa, 7. Okt. (Aus dem Stadls Parlament.) In der letzten Stadtverordne­tensitzung wurde eine Kommission gewählt, die das Besoldungs- und Pensionsdienstalter des Bürgermeisters Stein regeln soll. Der vom Für­sorgeamt für Beamte aüs den Grenzgebieten überwiesene Flüchtlingsbeamte soll die Stadt­dienerstelle erhalten. Die Stadtsekretärstelle soll zur Steubefe^una ausgeschrieben, wegen Be­setzung der Maschinenme i -Estelle soll mit der Behörde verhandelt noch werden. Zum Vertre­ter der von der Versammlilng vorgeschlagencu Mitglieder der Verwaltungskommission der Städtischen Sparkasse wurde Studienrat Nau gewählt. Die vorgeschlagene Erweiterung der Städtischen Spo-kasse und Verlegung des Büros wurde gutgeheißen.

* Hannov.-Münden, 7. Oktober. (Autotod einer Matrone.) Am Sonnabend nachmittag wurde auf der Hedemündener Straße die drei­undachtzigjährige Frau ?lmalie Strecker, die ge­rade in dem Augenblick vom Fußgängersteig heruntertrat, als das Fahrzeug vorbeifuhr, von dem Auto eines Holzhändlers aus Hedemünden zu Boden geschleudert und ihr der linke Arm und Oberschenkel überfahren. Sie wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, wo ihr der Arm am­putiert werden mußte. Außerdem wurde ein Oberschenkelbruch festgestellt. Gestern vormittag ist sie ihren Verletzungen erlegen.

* Hedemünden, 7. Okt. (GrünrocksAb- schied.) Der wohl in ganz Hessen und dar­über hinaus rühmlichst bekannte und überall be­liebte Revierförster Burhenne auf der Glashütte, treuester Pfleger der von Buttler-Elberbergschen Forsten, trat nach fast fünfzigjährigem Dienst tm 72. Lebensjahre in den wohlverdienten Ruhe­stand, ans welchem Anlaß ihm vom Ziegenhage- ner Gesangverein ein Ständchen gebracht wurde. Der alte Forstmann siedelte nach hier über.

Beethovens Liebesleid

Wer war seine unsterbliche Geliebte?

Als Beethoven seinen Lieder-ZyklusAn die ferne Geliebte", seine persönlichste Liedschöpsmza und den ersten wirklichen Zyklus von Liedern schuf, stand er im 46. Lebensjahre und auf der Höhe seines äußeren Ruhmes. Mer innerlich war es um ihn umso einsamer geworden. Die tückische Krankheit, die ihn seines Ge­hörs beraubte, schloß ihn immer mehr vom Verkehr mit Menschen ab, und außerdem nagten an ihm schwere Sorgen um feinen als M ü n - d e l angenommenen Neffen Karl, der seine auf­opferungsvolle Liebe mit unwürdigem Verhal­ten vergalt und den Namen Beethoven schän­dete. Dazu kamen die tausend Vcrdrießltchkei- ten des Alltags, die ihm das Leben vergällten: Unregelmäßigkeit des Haushaltes, fortwähren­der Wechsel von Wohnung und Dienstperion.tt, Geldverlegenheiten u;w. So zog 1>ch denn Beethoven feit dem Jahre 1815 fast völlig von der Welt zurück und schöpfte den Trieb zu den gewaltigen Werken, die er noch schaffen sollte, ganz aus seinem Innern. Ein gswalttges Er­lebnis hatte ihn förmlich aufgewühlt, nämlich die reine Siebe zu einem Mädchen, die als .un­sterblich- Geliebte" mit den Tonwerken des Meisters ewig fortlebt, deren Namen man aber bisher nicht sicher seststellen konnte.

Der bekannte Mustkforscher Geh. Rat Max Friedländer hat die Frage nach dem Urbttd derfernen Geliebten" von neuem behandelt. Die Bezeichnung dieser Fran und der tiefste Einblick in Beethovens Verhältnisse zu ihr wird uns durch jenen von Leidenschaft stammelnden ergreifenden Brief gewährt, den Beethoven 1812 schrieb und in dem cs heißt:Schon im Bette drängen sich die Ideen zu Dir, meine un­sterbliche Geliebte, hier und da freubig, dann wieder traurig, vom Schicksale abwartend, ob es uns erhött Leben kann ich entweder nur ganz mit Dil oder gar nicht, ja ich habe beschlossen, in der Ferne jo lange herum zu irren, bis ich in

Deine Arme fliegen kann und mich ganz heimat­lich bei Dir nennen kann, meine Seele vor Dir umgeben ins Reich der Geister schicken kann.. Die einzige zuverlässige Mitteilung über diese Liebe, findet sich in den Aufzeichnungen der Tochter des Wiener Schuldirektors Gian- natasio del Rio, dem Beethoven seinen Neffen anvertraut hatte. Sie lauten:Mein Vater meinte, Beethoven könne sich von dem traurigen Uebelstand seiner häuslichen Verhült- msse nur durch ein eheliches Band befreien, und ob er denn niemanden kenne usw. Ta war denn unsere langgehabte Ahnung bestätigt: er liebe unglücklich! Seit fünf Jahren habe er eine Person kennengelernt, mit welcher er sich näher zu verbinden für das höchste Glück seines Le­bens gehalten hätte. Jetzt aber fei nicht daran zu denken, fast Unmöglichkeit, eine Chimäre. Dennoch ist es jetzt noch wie am ersten Tage."

Die Beethoven-Forschung hat jetzt heraus- gefunben, daß es die damals siebenunddreißig­jährige Gräfin Therese Brunswick war, die Schwester eines der besten Freunde Beethovens der er 1810 feine Fismoll-Sonate widmete und deren Bild mit der monumentalen Widmung .Dem seltenen Genie, dem großen Künstler, dem guten Menschen von T. B.", sich in seinem Nach­laß fand. Vielleicht ist dieunsterbliche Ge­liebte" aber auch, fo meint Friedländer in einer reizvollen und hochbegabten jungen Berline­rin zu finden, in Amalie Sebald, deren An­mut hereits Carl Maria von Weber bezaubert hatte. Beethoven hat an sie Briefe von unge- wöhnlicker Wärme und Schalkhaftigkeit geschrie­ben. Für diese Annahme spricht eine Tagebuch­notiz. bei der nur nicht ganz sicher ist, ob d:r verschnörkelte Buchstabe wirklich einA" ist, als den man ihn allgemein auffaßt. .Du darfst nicht Mensch sein, für Dich nicht, nur für andere" vertraut hie der Meister feinem Tagebuch an: .Für Dich gibis fein Glück mehr, als in Dir selbst in Deiner Kunst 0 Gott! gib mir Kraft, mich zu besiegen, mich darf ja nichts mehr an das Leben fesseln. Auf diefe Art mit A. geht alles zu Grunde!" Der Buchstabe A könnte sich nur auf Amalie beziehen, und sie wäre es bann

gewesen, die jene großen Schmerzen in ihm aufwühlten, aus denen so mächtige Sonaten und Symphonie-Sätze, so wundervolle Lieder entstanden sind.

fcer&ftbraufen im Bodetal.

Romantische Tage im Harzgebirgstal.

Wenn gelb und braun die Blätter zur schäu­menden Bode sinken, bann zieht mit dem Herbst wohlige Ruhe nach all der sommerlichen Hast und dem IahrmarktstreOen in das schönste und romantische deutsche Gebirgstal. Müde und ge- ruhigter nach dem Sommerbrausen strebt die Bode talzu und treibt läffiger ijg Spiel mit den ungefüge in ihrem Bett fauernVen Felsblöcken; um Kraft zu sammeln für den Winter und das stürmende Frühjahr. Um diese Zeit, wo die Bode ungebärdig talwärts ringt und der Sturm die steilen Felswände umheult, ist der größte Teil des Bodetals (von der Teuselsbrücke bis zum zwei Stunden entfernten Treseburg) für den Verkehr gesperrt. Die ungezügelte Wildheit der Bode vermag man dann nur im vorderen Teil des Tale oder von den Höhen zu belauschen.

Im Herbst, ehe b\e Stürme von der Ebene kommen und ins Tal einbringen, ist es am schönsten im Bodetal. Steil steigen zwischen dem Gelb und Braun der Bäume gigantische Felswände und Gesteinsmaffen aus. Die Wild- romdntif steigert der schmale, kunstvoll angelegte Pfad, der im Herbst erst voll alle Schönheiten des Botetals erschließt. Sommers wimmelt es auf ihm in endloser Reihe von Menschen, die wie aufgezogen von Thale bis zu dem rund drei Wegstunden enfternten Treseburg durch das Bodetal ziehen... mit Lärm und Geschrei, Mu­sikgeklimper und Nichtachtung.

Tosend strudeln sich im Bodekessel zwischen zweihundert Meter senkrechthoheti Granitwän­den die Waffermaffen der Bode. Saust sinkt Blatt um Blatt... talauf und ab ein einiger Herbstregen... und die Bode gibt mit ihrem Rauschen klingende Begleitmusik.

Im Herbst vernimmt man das wilde Schnauben des Rosses Bodos, das den Böh­menkönig im Nachfetzen der fliehenden Prinzes­sin Emma über das tiefe Tal tragen sollte. Wo ihm die Krone entfiel und im Bodebett ver­sank, heißt es der Kronen sumpf. Nahebei stürzte Bodo tätlich... nur die Prinzessin er­reichte das andere Ufer... und wichtig zeigt man hier den Eindruck des Roßhufes auf dem 403 Meter hohen mächtigen Granitpfeiler, der die großartigste Felspartie in Deutschland diesseits dcr Alpen darstellt.

Gegenüber ragt, noch fünfzig Meter hoher, der Hexentanzplatz... mit weit über­raschenderem Blick auf die tiefe, zerklüftete Fel­senwelt zu Füßen. Der .Tanzplatz" liegt steil 250 Meter über dem Donnern der Bode, und das weiß? Band leuchtet fteundlich und fried­lich herauf.

Wenn die letzten Blätter zur Bode gesunken sind, dann wird es ungemütlich im Bodetal. Dann ist es auch soweit, daß man den Pfad sperrt. Gestein stürzt dann ab, Aeste löst der Wind, Bäume brechen... und das Bodetal ist das wilde Harzgebirgstal, das es vor Jahrhun­derten in aller Unberührtheit gewesen ist.

Llnsteebliche Liebe.

Von

Heinrich von Schullern.

Nun kommt mich leiser Zweifel an Daß mit dem Leid im Sterben, Als wär' sie nichts denn schnöder Wahn, Die Seele ging in Scherben.

Wie könnte wohl ein Liebesglück Es will das Herz mir springen - So über Nacht, im Augenblick, Mit einem Schlag verklingen!

Wie könnt' es auszudenken sein.

Daß, was ich da empfinde. Wofür die Brust mir viel zu klein. Gleich Rebel einst verschwinde?