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Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung
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Nttmwer 233.
Einzelnummer 10 Pf . Sonntags 15 Pf.
Freitag. 3. Oktober 1924.
Einzelnummer 10 Pf . Sonntags 15 Pf 14. Zahrgattg
Eine Regierungskrise in England.
Das bedrohte Mekka.
Rrligious- und Rationalitätemkampf.
Ibn S a u d, der Häuptling der Wahhabiten, hat den arabischen König von Englands Gnaden, Hussein, geschlagen und den arabischen Kalifen zur Fluch tgezwungen. Die Wahhabiten haben seine Hauptstadt El Tais erobert, und der englische Protektor des Hedschas-Königs mutz zusehen, wie die wilden Wüstensöhne auch das Herz des sunnitischen Islams, Metta, mit stürmender Hand nahmen. Die arabische Wüste hat wieder einmal ihre Söhne mit einem neuen religiösen Impuls erfüllt und mit Feuer und Schwert versehen, dieses Mal gegen die M u s l i m s, die mit den Giaurs pattierten und so die englische Herrschaft über asiatische Gebiete voller Anhänger des Propheten unterstützten. Es war ein geschickter Schachzug der englischen Diplomatie gewesen, im Weltkrieg die Araber gegen den türkischen Kalifen auszuspielen und durch Versprechungen und Bestechungen ein arabisches Kalifat zu errichten Die Türken haben immer wieder blutige Kämpfe gegen die Araber geführt, und England hat immer wieder die Araber gegen den kranke t Mann am Bosporus (das Wort stammt von Gladstones unterstützt. Einer der arabischen Führer des Kampfes gegen die Türken war der Häuptling der Wahhabiten, Ibn Saud, aber er war gleichzeitig Totfeind des jetzigen Königs von Hedschvs, H u s s ei n. Schon 1910 entbrannten zwischen beiden heftige Kämpfe, wobei Hussein sich listig türkische Hilfe verschrieb.
Als der Weltkrieg ausbrach, erklärte der Kalif in Konstantinopel unter Entfaltung des grünen Banners des Propheten den heiligen Krieg aller Muslims gegen die Briten, aber Hussein folgte dieser grünen Fahne nicht, sondern schwenkte zu England über. Der Wahhabiten- Scherrf allerdings fragte die Engländer wenig. Er eroberte ohne Anfrage bei England die türkische Provinz El Haza am persischen Golf. England, statt den Wahhabitenchef zum König von Arabien zu machen, proklamierte Hussein. Es verbündete sich mit den Wahhabiten, aber die Wahhabiten überfielen sofort nach Kriegsende ihren Totfeind. 1921 gelang es ihnen, bei Turba im Hedschas eine Armee Husseins zu vernichten, dann brachen sie ins Irak, in Transjordan- land ein, um in diesem Jahre den K a m p f u m Mekka zu beginnen und dem Reiche und Kalifat seiner Hashimittschen Majestät Huffein endgültig den Garaus zu machen. Die Mettapilger haben sich zwar um Hilfe an den Völkerbund gewandt Sie haben ein Telegramm abgefaßt, das bedenklich an die englische Greaeipropaganda während des Weltkrieges erinnert, die Diplomaten der Anrainermächte haben den Wahhabiten einen Protest zugeschickt, aber die englische Presse verzweifelt selbst an der Hoffnung, die Wahhabiten von Mekka fern zu halten. Sie deutet sehr vorsichtia und richtig an, daß die Wahhabiten die Zertrümmerung der englischen Vorherrschaft über die Mohamedaner erstreben, und daß es sich hier nicht allein um die Totseindfchaft zweier arabischer Stämme, sondern um eine panislamitische neureligiöse Bewegung handelt.
Tatsächlich sind die Wahhabiten nicht nur ein Stamm, sondern die Träger einer Abart des Mobamedanismus. Auch die Senussi in Rord- afrika gehören dieser Bewegung an. Sie sind Puritaner, verwerfen den unter persischem Einfluß in die Lehre einaedrungenen Mystizismus (der z. B in Omar Kavjjam auftritt, dessen von Wein und Liebe duftende Bierzeiler den Wein der Erkenntnis und Liebe zu Gott und nichts anderes predigen). Sie sind gegen alle Konzessionen und vertreten die schroffe Ausrottungstendenz des ursprünglichen Möhamedanismus. Ihnen gilt nur Allah und Mohamed ist einer seiner Propheten, der aber nicht angerufen werden soll Wahvab. der auf Lehren aus dem achten Jahrhundert fußte und gegen Mitte des siebzehnten Jahrhunderts lebte, predigte den Haß der IAiste gegen die Stadt. Er verwarf die Verehrung der Kaaba, den Genuß des Tabaks usw. Es war ilM gelungen, in Arabien im achtzehnten Jahrhundert ein Reich zu errichten. Seine Nachfolger eroberten Kerbeloch. den Sitz der ver- sischen Abart des Möhamedanismus, dann Medina. Demen, Oman. Sie zerstörten das Grab des Propheten Mohamed, dessen Verehrung vom wahren Glauben abziehe, und erst nach iahr- zehntelangen Kämpfen gelang es den Türken, die Wahhabiten in die Wüste zurückzuwerfen.
In langwierigen Kämpfen drangen bann die Wahhabiten wieder vor. Um die Wende des letzten Jahrhunderts batten sie ihre Organisation wieder vollendet. Ihre Missionär» wirkten in ganz Arabien, in ganz Vorderasien bis nach Indien hinein. Sie gründeten überall Brüderschaften aus religiöser Grundlage, Crben, wie die Senussi, die gleichzeitig militärisch durchorganisiert sind und einem praktischen Kommunismus huldigen Man hat von Beziehun
gen zum Bolschewismus gefabelt, die aber nicht bestehen. Ibn Saud scheint ansehnliche Streitkräfte zur Verfügung zu haben. Syrische Offiziere kämpfen in feinen Reihen, und England wird sich nun entscheiden müssen, ob es durch militärische Unterstützung Husseins die Wahhabiten davon abhalten will, die astattschen Mohamedaner wieder einmal gegen alles Europäische zu entflammen. Denn wesentlich bleibt für England, daß der Wahhabitismus sich überall dort eingenistet hat, wo Muslims wohnen, also in fast allen englischen Kolonien.
Kabmetttnse in England.
Stellungnahme gegen Macdonald.
lEigener Drahtbericht.)
London, 2- Oktober.
Eine Versammlung der liberalen Führer befaßte sich mit der kritischen Lage der Regierung. Asquith hielt eine Rede, in der er in der Hauptsache zum englisch-russischen Vertrag Stellung nahm. Er erklärte, daß seine Kollegen und er bei einer eingehenden Prüfung des Vertrages zu der Ansicht gekommen seien, daß die Liberale Partei diesen Vertrag nicht unterstützen könne, weil eine Anleihe «n die Sowjetrepublik nicht zu billigen sei. Die Versammlung beschloß darauf, dem Unterhaus folgende Resolution vorzuschlagen: Wir fordern, daß dem König eine Petition unterbreitet werde, um ihm mitzuteilen, daß das Unterhaus, obwohl es die Wiederaufnahme englisch - russischer Handelsbeziehungen wünsche, es bedauere, einen Vertrag nicht annehmen zu können, der nicht dazu beitrage das Arbeitslosenproblem zu lösen, sondern damit droht, die für die Entwicklung des Landes notwendigen Hilfsquellen nach dem Auslande zu leiten und der auch dem englischen Steuerzahler 'n Form einer neuen Anleihe Lasten auferlegen würde, ohne daß zuvor die Forderung der eng lischen Gläubiger in Rußland anerkannt und ge. regelt worden seien. Diese Resolution wird erst nach dem 28. Oktober zur Behandlung kommen.
Llm das Schicksal des Kabinetts.
London, 2- Oktober. (Eigene Drahtmeldung.) Infolge der gestrigen Vorgänge im Unterhause, die mit einem schweren Vorstoß der Konser- vativen gegen Maedonald endeten, ist die politische Lage die unsicherste feit Bestehen der Arbeiterregierung geworden. Wenn nicht, wie nicht anzunehmen ist, ein neuer Umfall der Liberalen erfolgt, so ist das Schicksal des Kabinetts Maedonalds in wenigen Tagen entschieden. Die Arbeiterpartei selbst hält die Lage für so unsicher, daß die Parteileitung Anordnungen für die Neuwahl treffen wird, die am Sonntag in einer Sondertagung der Partei bekannt gegeben werden.
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ü)te Möglichkeit von Nmw-chlen.
London, 2. Oktober. (Eigene Drahtmeldung.) Die Blätter rechnen angesichts der aufsehenerregenden Entwicklung, die gestern in der Pöltschen Lage stattfand, ernstlich mit einer Möglichkeit von Neuwahlen, da die Regierung sowohl in der Frage der Zurückziehung der Anklage gegen den Redakteur des kommunistischen Wochenblattes Workers Weekly, über die die Debatte am nächsten Mittwoch ftattfindet, als auch in bet Frage des englisch-russischen Vertrages der vom Unterhaus in der am 28. Oktober beginnenden Herbstiagung behandelt werden sott, der Aussicht einer gemeinsamen Opposition der Unionisten und der Liberalen gegenüberstehe.
Die Anreihe für Deutschland
So gut wie abgeschlossen.
lEigene Drahtmeldnng.»
London, 2 Oktober.
Der „ZhneS" zufolge wird der deutsche Finanzminister Dr. Luther am Sonntag in London weilen: endgültige Entscheidungen über die Ausgabe der Anleihe werden über kaum vor Mitte nächster Woche fallen. Reichsbantpräsident Dr Schacht hat eine Reihe neuer Sicherungsvorbehalte für Deutschland gemacht, die zur Erörterung zwischen den Bankiers geführt haben. Wie das genannte Blatt dazu schreibt, sind die Aussichten für die Begebung der Anleihe nicht schlechter geworden. Wie Reute- erfährt, haben die Vertreter der Morgan-Gesellschaft und der Bank von England ihre Unterhanbluu gen über bie deutsche Goldanleihe s o gut wie abgeschlossen. Die Rechtssachverständigcn der Bank von England haben bestätigt, daß bie Bedingungen der Anleihe mit dem DaweS-Be- richl und dem Londoner Uebereinfmnmea im Einklang stehen Der amerikanische Ante i l an der Anleihe ist endgültig auf 10 0 M i V (innen Dollars festgesetzt worden. Tie An leihe wird wahrscheinlich Mitte Oktober in allen Ländern zu gleicher Zeit ausqegeben werden. Der endgültige Verteilungsschlüssel
ist noch nicht bestimmt Der britische Anteil wurde wahrscheinlich zwischen 10 und 13 Millionen Pfund Sterling betragen. Augenblicklich unterhandeln holländische, Schweizer und schwedische Bankiers mit dem Reichsbauk- präsidenten Dr. Schacht in London.
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T'ie Bereitschaft in Amerika.
Newhork, 2. Oktober. (Telegraphische Meldung.) Professor Bonn, der sich gegenwärtig in den Vereinigten Staaten aufhält, sprach vor dem Newyorker Boudklub. Er erftörte. bie bevorstehende 200-Millwnen-Dollar-A nleihe scheine vollkommen gesichert zu fein. Deutschland werde allen feinen Verpflichtungen unter dem Dawesplan Nachkommen Nachdem die Regelung des Wirtschaftslebens in Europa fünf Jahre lang hinausgezögert worden fei. fühle man jetzt den schädlichen Einfluß dieses Aufschubs. Nach einer Meldung ans Chicago hat bie Versammlung der Bankiers mittleren Westens, bie ein Jahr zuvor noch gegen europäische Kredite war, sich jetzt dttfür ausgesprochen. George Revnalds. der Vorsitzende der Continental Com- mercial Nationalhank, sagte, die Lage in Europa habe sich infolge des Dawesplanes fo geändert. daß das amerikanifche Volk nunmehr Kre- di twünfche als angemessen betrachte. Tic deutsche Anleihe sei hinreichend gesichert und könne nun mit Aussicht auf Erfolg aufgelegt werden.
Regierungs-Erweiterung.
Weitere Bemühungen rechts und links. (Pttvat-Telegramm.)
Berlin, 2. Ottober.
Die deutschnationalen Führer und Delegierten bleiben nach Abschluß der offiziellen Beratungen bis Sonntag noch in Berlin, um zu- n.Schst das Ergebnis der Aussprache der Parteiführer mit dem Kanzler abzuwarten. Diese Aussprache soll heute abend ober morgen MH statt - finden. Der frühere Reichskanzler Wirth ist in Berlin eingetroffen, um bie Regierungsumbildung nach links zu betreiben. An der gestrigen Konferenz nahmen neben Wirth die Vertreter des linken Flügels des Zentrums, sowie Vertreter der Demokraten und .Sozialdemokraten teil. Die weitere Entwicklung der innenpolitischen Sage ist durch das plötzliche Eingreifen Wirths nicht vorauszusehen.
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Beeinflussung ves Reick «Präsidenten.
Berlin, 2. Oktober. (Privattelegramm.) Reichspräsident Ebert wird Freitag abend bie sozialde- mokratischeii Führer Hermann Müller unb Wels sowie andere Sozialdemokraten bei sich empfangen. Der Besuch, der angeblich privaten Charakter trägt, wird in Verbindung gebracht mit den Bestrebungen der Sozialdemokraten, die Regierungsumbildung nach Rechts an dem Widerstande des Reichspräsidenten ebenso scheitern zu lassen, wie die Regien,ngsbeanf-ragung der Deuffchnationalen nach der Reichstagswahl an dem persönlichen Widerstande Eberts zum Scheitern gebracht worden ist.
Deutschland und Frankreich.
Die Handelsvertrags-Verhandlungen. (Eigent Drahtmeldung.,
Paris, 2. Oktober.
Di- erste Sitzung zwischen den deutschen und den französischen Handelsvertrags-Unterhändlern hat nur zwanzig Minttten gedauert. Tann wurden bie Delegierten zum Tee geladen. Die Gefchäftssttztmgen werden heute in einem Re bcngebäudr des Handelsministeriums eröffnet werden. Der „Matin" c-br-ibt dazu, daß die Deutlchen in dem Glauben nach Paris bekommen feiet“, sich im Vorteil zu befinden. Sie bildeten sich ein. daß de- französische Handel ein großes Bedürfnis nam deutschen Waren habe, dies fei aber nicht der Fall.
• Wieder einmal Friedensworie.
Paris, 2. Oktober (Eigene Drahtmeldung.) Zu den geftern eröffneten Sandelsvettraqsver- hanfflungen schreibt „Echo de Paris", Herrioi habe sicher Recht in ber Annahme, man müßte endlich zu einem endgültigen Frieden mit Deutschland gelangen. Sein Irrtum habe --ber darin bestanden, daß et geglaubt habe, er müßte über London reifen, um nach Berlin zu kommen. Man hätte im Gegenteil Berlin passieren muffen. um nam London zu gelangen England das die vollendete Tatsache anerfnmit habe hätte sich einem dnekten französisch-deutschen Abkommen gebeugt vorausgesetzt, daß es leine Klauseln enthalten hätte, die den britff>ben Interessen zuwider gelaufen wären Die fetzt beginnenden Verhandlungen würden Gelegenhctt neben, die Ausgabe der separaten Politik zu beklagen.
Unser Danzig.
Ein deutsches Juwel in Polens Faust.
Die Stadt des deutsche« Weftprentze» , tn bee bie Pole» das Deutschtum zu unterdrücken ver- suche«, bewahrt treu ihrem Chara.ter bis wie- der etneZeit kommt,btefi» mit bemRerchvereinigt Nicht umsonst wird Danzig „die Perle am Ostseestrand" genannt. Hell und klar ist das Antlitz der Stadt, perlenweiß! Lachend, freundlich der grüne Ring ihrer ehemaligen Wälle, die zwar längst eingeebnet sind, aber dennoch an vielen Stellen ihre charakteristischen Merkmale hinterlassen haben. Steht man gar auf dem Hagelsberg, so hat man einen unendlich schönen Ausblick, und unwillkürlich drängt sich der Vergleich mit der Perle auf. So eng der Stern, also bie Stadt selbst, wie sic Jahrhunderte im festen Ring ber Befestigungen stand, so schmal auch oft Danzigs Gassen dahinziehen — es gibt nur „Gassen" in Danzig, „Straßen"bezeichnungen sind alter Ueberlicferung getreu nirgends vorhanden. Niemals entsteht der Eindruck der Düsterheit. Es ist alles frei, klar, emporstrebend. Die uralten Häuser, schmal wie die Gassen, ost nur zwei Fenster breit, verjüngen sich nach oben in einen mehr oder weniger, je nach Wohlhaben, heit des Besitzers architektonisch kunstvoll gestal- teten Giebel. Aber alles weit überragend, Mit unerhörter Wucht zum Himmel bräuenb, das ganze Stadtbild beherrschend und zu charakte- ristttcher Silhouette formend, steigt, umgeben von einer großen Zahl spitzer Türmchen aus seinem Kruzifirdach, der alte ungefügige
Turm von St. Marien gen Himmel.
Wer diese alte ehrwürdige Kirche einmal gesehen hat, vergißt sie niemals. Eine Faust recki sich hier auf aus der wider Willen vom deutschen Land gerissenen Stadt, eine Faust gegen den uralten Bedränger und Erbfeind — Polen. Ich gehe durch die stillen Gassen, atme den Duzt vergangener Zeiten. Ganze Straßentefle, besonders die nach der Wtottlau mit der an ihrem Rand sich entlang ziehenden „Langen Brücke" führenden Gassen erscheinen auch heute noch nahezu unberührt. Früher waren in fast allen Gassen die sogenannten „Beischläge' den Häusern vorgelagert; jene um einige Stufen über dem Straßenbamm liegenden, ineist mit plastisch verzierten Steinbrüstungen versehenen Terrasse n. Die Stufen halten m Ge- länder, bas unten auf beiden Seiten in je einen großen runden Stein, einen Löwenkops oder sonst ein ornamentales Bildwerk auslies, bas dem Hause von vornherein ein würdiges Gepräge verlieh. Unter diesen Stufen plätscherte der besonders im Sommer lieblich duftende Rinnstein (ließ Kanalisation). Diese Beischläge liefen von beiden Seiten der Straße auf ihre LAtte zu, wodurch der befahrene Raum oft so eng wurde, baß zwei Wagen nicht aneinander vorbei konnten unb bie Fußgänger (Bürgersteige gab es natürlich nicht) solchen Fahrzeugen durch einen Sprung aus die nächste Beischlagtreppe ausweichen mußten. — Kurz und gut, diese alten charakteristischen Straßen sind noch tn einer Anzahl von Exemplaren erhalten, genau wie sie anno dunnemals standen, als im 15. Jahrhundert das Rathaus tn der Langgafse erbaut wurde. Nur wenige Schritte von ber Marienkirche entfernt stellt dieses Rathaus mit feinem nach holländischen Vorbildern von Meister Dirk Daniel geschafjenen Turm mit dem rech- geglteberten Turm heim von hervorragender Schönheit das ganze Gegenstück zu dem Marien- turm bar. Imponiert dieser durch die Wucht seines Aufbaues, so entzückt jener durch seinen schlanken, geradezu graziösen Schwung. Von diesem Turm ertönt zu allen vollen Stunden em Glockenspiel, das jede Woche wechselnd einen Choral erklingen läßt.
Das Rathaus steht am Langen Markt mit seinem Neptunbrunnen. Hinter chm, nach oben, steht der alte Versammlnngs- und Festraum der alten Patrizier, der Artushos (nach dem polnischen König Artus genannt), in dem und vor dem sich jetzt die Börse abspielt, und unter ihm der sympathischere Ott. der Ratskeller. Durchs „Grüne Tor" geht es an die Mottlau, an der das alte Kran-Tor steht mit der Winde für die reparaturbedürftigen Schiffe; heute natürlich lä'jgft nicht mehr int Betrieb, und am Geländer ber „Langen Brücke" stehen die Danziger Sackträger, die den Tvpus der „Danttger Bowkes" schufen, unb „spucken den Pomuch.fls o.usin Kopp". Unweit daran schließen sich bie Wersten, darunter auch die Schickauwerft. Zu erzählen wäre noch viel von alten Kirchen, Stadtmauern und -raren, Kunstschätzen der Museen usw. Die Polen haben längst gespürt daß hier ein seltener Leckerbissen liegt. Und leider führ man in der ehrwürd-qen urdeutschen Stadt, wenn man sie heute betritt,
überall die polnische gierige Faust.
Mer nicht nur sie, gar manches bat bie Diktatur der Entente der „Freien Stadt" aufgezwim- gen. Abgesehen davon, daß überall polnisch