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Stellungnahme der Regierung zum Völlerbund

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KaMNmstc Nachnchim

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

Nummer 207. w $««...«5 u w. Mittwoch. 3. September 1924. I,«, S-MII»«- IL Pf- 14. Jahrgang

Die Rentenbank

Fortbestand oder ümwandlung.

Auf Wunsch landwirtschallicher Kreise soll die Renienbank nicht aufgelöst, sondern in ein landwirtschaftliches Kreditinstitut um'gewandelt werden, um dauernd Len Kredit­bedarf der deutschen Landsvirtfchaft zu befriedi­gen. Tiefen Plänen steht auch die RcichSrcgie- rung wohlwollend und fördernd gegenüber. In dem Gesetzentwurf über die Liguibieruug der Rentcubank ist eine Bestimmung vorgesehen, durch die die R e u g r ü n d u n g einer landwirt­schaftlichen Kreditanstalt ermöglicht wird, die insofern als Tochterunternehmen der Re nten bank anzuschcn ist, als ihr aus Zinsüberschüffen der Rentcubank jährlich fünf­undzwanzig Millionen Goldmark überwiesen werden sollen. Diese Beträge könnte das neue Institut, dessen Wirksamkeit sich natürlich ans das ganze Reichsgebiet zu erstrecken Hätte, zur Gewährung von Krediten an landwirtschaftliche Betriebe mrwendcn.

Gegen diese Umgestaltung der Rentenbank zu einem neuen landwirtschaftlichen Kreditiusti- tiit hat sich jedoch ui der letzten Zeit sowohl im Reichsrat als auch in der Oefsentlich- keit eine lebhafte Opposition erhoben Insbesondere hat bei der Beratung des Gesctz- cutwurfs über die Liquidierung der Renteubank der Vertreter Preußens gegen eine Neugrünüung Einspruch erhoben, und zwar mit der Begrün­dung, daß Preußen in der »Preußischen Zcn- tralgcuossenschastskasse", der sogen. P r e u - lasse, bereit» ein Institut besitze, das dieselben Funktionen bei der Gewährung land­wirtschaftlicher Kredite ausübe, wie sie von der neuen Gründung geplant seien. Die preußische Regierung sieht darum >n dem Plan der Rcugründung einer Rentcnbankkrcditanstalt eine Zcrsplitterungsaktion und verlangt, daß der Betrag von 25 Millionen Mark aus Hypothekcn- zinsübeijchüsien der Rentenbank, der dem neuen Institut zugcdacht war, den in der Preutzcn- kasse vereinigten landwirtschaftlichen Kredit- genosscnjchasteu überlassen «erden solle. Zn dieser Forderung weiden die Preußische Regie­rung und die Verwaltung der Preußenbauk unterstützt Durch die landwirtschaftlichen Kre- d ir gcno ssensch asten im gesamten Reich. Rian weist von dieser Seite darauf hin, daß der Prcußenkassc nicht nur die preußischen land­wirtschaftlichen Kreditgenossenschaften ange- schlosscn seien, sondern auch der größte Teil der süddeutschen. Man führt ferner an, daß eine Neugrundung weder über genügende Ersahruu- gen noch über die notwendigen Einrichtungen verfügen werde, um die aus der Zuführung der Millionen Golomark sich ergebenden Kredit­möglichkeiten in richtiger Weise ausznnutz n Das Ergebnis einer Verwirklichung dieser For­derung der preußischen Regierung würde na­türlich die Erweiterung der P r e u tz e n k a s sc zu einem RetchsinstNur sein müssen, Die von dem Reichsvcrband der deutschen Genossen­schaften schon seit langem gefordert wird.

Es bestehl also nunmehr ein scharfer Gegen­satz zwischen den Plänen, die aus einen Fort­bestand der Rentenbank hinzielen und den Be­strebungen, die Preußenkasse zu einer umfassen­den Reichskreditanstalt aus-ubauen. Dieser Ge­gensatz, bei dem die preußische Regie­rung aus der einen, die Mehrheit der R e i ch s r c g i e r u n g auf der andern Leite zu stehen scheint, geht auch bis tief in die Reihen der Landwirtschaft hinein. Tie Bestrebungen des Reichsoerbandes der deutschen Genossen­schaften werden hauptsächlich von den kleine­ren und mittleren Landwirten unterstützt,

werdenden Geldes, das zur Förderung des landwirtschaftlichen Kreditwesens verwendet Werden soll, in ihrer eigenen Hand zu behalten. Im Interesse der großen, Mehrheit der Land­wirte scheint cs zu liegen, daß die bisherige Prcußenkassc, die sich im allgemeinen durchaus bewährt und um die Fördenmg des landwirt­schaftlichen Kredi-Wesens sich große Verdienste erworben hat, einem großen Reichskredik- institut ausgebaut wird und daß ihr zu diesem Zweck auch die Ueberschüffe der Hypothcken- zinsen der Rentenbank überlassen werden.

Die Völkerbunö-Tagung.

Vorbereitung in der deutschen Negierung.

(Eigener Jnsormationsdienst.)

Berlin, 2. September.

Wie wir von unterrichteter Seite erfahren, nimmt die Reichsregicrung an den Ver­handlungen des Völkerbundes über die Sich c- rungssrage und di^ Frage von Gai an­tik per trägen ein lebhaftes Interesse. Man beabsichtigt, evtl, aus der bisher geübten Zurück­haltung herauszutrctcn und eigene Vor­schläge zu machen. Besondere Aufmerksamkeit wird nach der Ansicht der RcgicrungSlreisc der Vorschlag Macdonalds in dieser Frage verdienen, den er in Gens unterbreiten wird, von dem aber nähere Einzelheiten bisher nicht bekannt geworden sind. Angeblich hat die eng­lische Regierung in ihren Plänen die Absicht einer Internationalisierung des Rheinlandes nunmehr völlig fallen ge lassen und wird sich mit Verträgen allgemei­nerer Art «nd einer zeitweisen Kontrolle der deutschen Abrüstung durch den Völkerbund begnügen. Die R e i ch s r e g i.e r u n g wird vor- aussickftlich falls in dieser Frage, wie zu erwar­ten steht, an sie herangetreten wird, auf die Vor­schläge zurückgreifen, die bereits der Reichskanz­ler Cuno seinerzeit der französischen Regierung gemacht hat. Ein enges Zusammengehen Eng­lands und Deutschlands in dieser Frage wird für wahrscheinlich gehalten.

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Um di? Hinzuziehung »euischlands-

Genf, 2. September. (Eigene Trahtmcldnng.) Der deutsche Gesandte in Bern ist gestern in Genf eingetroffen. Tas Ereignis des gestri- oen Tages war eine zweistündige Unterredung des deutschen Gesandten mit dem ameri­kanischen Gesandten und daran anschließend mit dem Schweizer Btmdesrat Motta, dem ge­stern gewählten Präsidenten des Völkerbundes. Im Kreise der schweizerischen Delegation verlau­tet, daß entgegen allen anderen Aenßernngen doch rod) ein überraschender Antrag zur E i»- bcziehung Deutschlands in den Völ­kerbund anläßlich der Debatte über R ü st n n a s- c i n s ch r ä n k u n g und Abrüstung zu erwarten wäre. Es wird hinzugcsüat, daß dieser Antrag nicht von Deutschland ausgehe.

Angst der src- zöstschen Rs'.fvilaiMu».

Paris, 2. Scvtombcr. (Eigene Trahtmclbuug.) Die nationalistischen Zeitungen eröffnen einen Kampf gegen die Bölkerbundsversammlung und die Besmlüffe, die gefaßt werden könnten. So schreibt dasEcho de Paris": Tas Schieds­gerichtsverfahren, das in London erfun­den worden ist, kann uns zu dem Zustand von 1918 und sogar zu einer noch schlimmeren Lage zurückführcn. Die Deutschen rufen diesen Zu­stand in ihrer Antwort an das Gcucralfekreta- riat über den Garanrie-Dertragsentwurf zurück. Das Schiedsgerichtsverfahren bedeutet für sie eine Revision derpolitischen Ordnung", die durch den Versailler Vertrag festgesetzt wurde.

da deren Interessen hanpisächlich in den Krcdit- genossenfchastel! Vertretung finden. Die G r o ß- grundvcsitzer halten sich fast durchweg den Genossenschaften fern, und zwar mit der Be­gründung, daß sic in diesen Genossenschaften auch nur eine Stimme wie alle übrigen Mit­glieder besitzen, während sie mit ihrem vollen Vermögen für die Verbindlichkeiten aller der Genossenschaft angeschlqssenen Landwirte haften müssen, so daß also ihre Haftsumme wcft größer ist als die der kleineren Landwirte, die durch ihre größer« Zahl die Genossenschaften be­herrschen. Ter Großgrundbesitz ist aus diesem Grunde ein Gegner des Kreditgenossenschafts- Wesens und bekämpft insbesondere die Bcstrebm:- gen der Genossenschaften, die Verteilung des in den nächsten Jahren bei der Rentenbank srei-

Wieder ein Fnedenöentwurf.

Angriffskriege sind verboten!" (Eigener Drahtbericht.)

Genf, 2. September.

In Völterbundlreisen wird viel von einem amerikanischen Entwurf gesprochen, der den« Völkerbundrat am 29. August von einem amerikanischen Komitee überreicht worden ist. Dieser Entwurf zur ..Ungesetzlichkeitserklärung des Angriffskrieges" bestätigt in seinem ersten Paragravhen. ebenso wie der Entwurf des Völ kerbundsrats. daß der Angrissskrieg ein inter- rationales Mrbrechen ist und daß die Vertrags­schließenden stck, ernstlich verpflichten, sich dieses Verbrechens nicht schuldig zu machen. Reu ist in dem amerikanischen Entwurf, daß auch Angriffs-

Handlungen, die zum Kriegszustand führen, und die Vorbereitungen zu solchen Angriffshandlim- tien in Zukunft als durch das internationale Ge­setz verboten gelten sollen. Jeder Unterzeich­ner des Vertrages, der cs ablehnen würde, sich scr Rechtssprechung des internationalen Gerichts­hofes zu unterwerten, soll ohne weiteres als An­greifer im Sinne des Vertrages betrachtet wer­ben. ebenso auch jeder andere, der binnen vier Tagen nach.der Mitteilung von der Einreichung der Klage die Rechtsprechung des Gerichtshofes nicht angenommen hat. Anträge zur Abrüstung werden besonders auf sie ständige Abrüstungs­konferenz hingewiescn. der ein Sachverständigen- Komitee dauernd zur Seite stehen soll. Ferner wird in den Resolutionen die Ansicht vertreten, daß besondere gegenseitige Abkommen -wischen zwei oder mehreren Nachbarstaaten, die Errichtung militärfreier Zonen bezweckend, die internationale Sicherheit und damit die fort­schreitende Abrüstung sehr erleichtern würden.

Sin eitler Traum.

London. 2. September. (Eigene Drahtmcl- sung.)Times" schreibt in einem Leitartikel an­läßlich der Tagung der Völkerbundsversamm- luna und im Hinblick auf den amerikanischen Entwurf, es sei ein eitler Traum, anzuneh­men. daß im gegenwärtigen Zustand der Welt irgendeine der Großmächte einen wesentlichen Teil ihrer f o u v e n e n R e ch t e, die für ihre Sicherheit von Bedeutung seien, in die Hände einer Organisation legen würde, in der eine Verbindung kleinerer Staaten möglicher­weise einen wichtigen Einfluß ausüben könnte. Der Natur der Dinar nach müßte die Hauptent- fcheidung über wirkliche vitale internationale Frage nach wie vor eigene Acgelegenhcit der g r o ß c n M ä ch t e bleiben.

Die kommende Anleihe.

Zuversicht der internationalen Bankiers. (Eigener Drahtberich!.)

London. 2. Sept.

Maßgebende Kreise der englischen Finanz er­klären, trov der Hetzereien gewisser Londoner Blätter, daß bestimmt mit einer baldigen Auflegung der 800 Millioncn-Anleihe für Deutschland zu rechnen sei. Es fei zu erwarten, daß die englischen Bankiers mindestens 200 Mil­lionen Goldmark übernehmen würden. Auch aus Amerika und Holland liegen sehr zuver­sichtliche Meldungen vor. Ueüereinstimmeud wird in hiesigen Finanzkreisen erklärt, daß diese An­leihe wahrscheinlich nur ein Anfang sein wer­de. Wenn die internationale Finanzwelt sehen werde, daß die wirtschaftliche und po­litisch e S t a b i l i t ä t in Deutschland gewähr­leistet werde, würden die Bankiers der Welt sich nicht weigern, in Deutschland mehr Kapital zu investieren, da der voraussichtliche schnelle wirt- kchastsiche Wiederanstica des Reiches die beste Gewähr für eine gute Verzinsung des Kapitals biete. Hinzu komme noch, daß die a l l i i e r t c n Regierungen sich in der Schlußsitzung der Londoner Konferenz ausdrücklich verpflich­teten, ihre Zentralbanken anzuweiscn, bei der Unterbringung der deutschen Anleihen bchils- lich zu sein. Es hänge jetzt, wie schon betont, nur davon ab, daß der ondoner Pakt von allen Seiten loyal durchgeführt werde.

Auflegung am 15. Skiober.

London, 2. September. (Eigene Trahtmel- oung.) Tie Zeitungen veröffentlichen eine Mit­teilung, wonach die deutsche Anleihe gleichzeitig in Newyork, London und auf dem Festlande mit Einschluß Deutschlands am 15. Oktober zur Zeichnung aufgelegt werden sol­le. Tic Anleihe werde mit etwa acht Prozent verzinst werden. Amerika werde die Hälfte der Gesamtsumme ausbringen. England zwei Fünf lel, das Festland ein zehntel. Es herrsche kein Zweifel über den Erfolg der Anleihe, die in London von der Bank von England aufgelegt werden wird.

3 le deutschen Wette steigen.

Rotterdam, 2. September. (Eigene Draht­meldung.) TerCourant"berichtet aus New- gort: Innerhalb von drei Tagen hat sich an her Newvorker Börse der Kurs für die deut­schen Anleihe werte verdoppelt. Tic World" behauptet, daß fast ein Trittst aller SpckulationSaelder der NewUorter Banken in deutschen Anleibepavicrkn angelegt worden ist. Ein Ende derHaussebewegiing ist noch nicht ab­zusehen. Auch an der Londoner Börse no­tierten gestern die dcuifchcn Werte mit einer be­trächtlichen Kurssteigerung.

SineSchulungSwoche

Politische «nd wirtschaftliche Vorträge.

Hebet eine von bet Rcichszcntrale für Heimat- dienst veranstaltete Sehnlnngswoche in Maul- bronn(Wiirttemberg>,an Bet auchKasfelerHerren teil« hme», erhalten wir folgenden Bericht!

Aus Einladung dcrRcichszentralc für Hei- m'.rdicnst" hatten sich im Anfang August un­gefähr dreißig Herren in dem kleinen württcm- bcrgischen Landstädtchen Maulbronn ver­sammelt, um an einer politischen Schulungs- wochc teilzunehrncn. Gar mancher von ihnen, der im Kursbuch eifrig studierte, um fcstzustellen, wie er den Oct seiner Bestimmung erreichen könnte, wird es verwünscht haben, daß man von der Leitung ausgerechnet einen solch weltabge­schiedenen Ort gewählt hatte. Im Schnell­zug nicht zu erreichen, Anschlüsse mehr als man­gelhaft, stundenlanges Warten in dem wenig einladenden Bahnhofe von Bretten, allwo man reichlich Gelegenheit hatte, darüber nachzuden­ken, was es mit dem sagenhaftenHündlcin von Bretten" für eine Bewandtnis hätte, ohne daß natürlich irgend jemand darüber eine Auskunft hätte geben können. Doch dasViertele" Land- Wein hilft über die Wantezeit hinweg. Endlich am Zicl! Doch welche Enttäuschung!

Maulbronn selbst liegt ungefähr eine halbe Stunde von feinem Bahnhofe entfernt. Und doch fchon nach ein paar Tagen, als uns das alte Kloster mit dem ganzen Zauber seiner erinnerungsreichcu Mauern eingesponnen hat­te, als wir den Geist verspürten, aus dem her­aus die C i st e r z i e n s e r Mönche grundsätz­lich in abgelegenen Waldtälern ihre Wohnung aufgeschlagen, da wußte cs ein jeder, einen bes­serer Ort zu innerer Sammlung, zu ernster Gc- meinschaftsarbeit hätte man nicht wählen kön­nen. Auf Schritt und Trftt umfangen von dem Hauch großcrsdeutscher Geschichte, sei es, daß wir im Chorgestühl des Patres in der strengen ro­manischen Kirche den Klängen dec brausenden Orgel lauschten, sei es, daß das Plätschern des ewigen Quelles ans der gotischen Brunnenka­pelle hinaus in unseren Hörsal drang. Der Faustturm hinten im Garten, dem ehemaligen Hcrrcnfriedhofe, ließ in stiller Mittagsstunde die Phantasie hinschweifcn in die Gefilde des Uebersinnlichen, und die uralten Linden rausch­ten und raunten noch in den Schlummer hinein.

Wo sind sie, die einst aus dem herrlichen gel­ben Steine ihrer Berge in Jahrhunderten den stolzen Bau ihres Klosters errichteten, das wic cin lebendiges Buch der Kunstgeschichte heute !ucr uns steht. Wo sind die weißen Sutten mit dem schwa.'zen Skapulicr geblieben? Nüchter- ncr ist die Zeit, die mit dcr Reformation herauf- gekommen. Wo einst das Gebot bcS' Schweigens galt, da titmmc'n sich jetzt Knaben und Jüng­linge, die einst aus diesen Mauern dem Tü­binger Stift? zuzichen wollen, um sich dcr Gottcsgelahrthcit zu widmen. Gar mancher, dcr seinen Namen in das Buch dcr dcuifchcn Gei- stesgefftichtc Hai cinschreibcn können, hat hier an den Mauern des alten Klosters oder in dem Holze der alten Ehorstühlc zuerst sich zu ver­ewigen gesucht. Mit Ehrfurcht stehen wir vor den Handzeichen eines Hölderlin, eines Kepler u. a. Und jetzt hat das alte Kloster uns für ei­ne Woche in feine Mauern ausgenommen.

Nur wie die ferne- donnernde Brandung des des. rauschenden Meeres dringt das Toben der Meinungen in unsere Wcltabgcschiedenheit. Nicht zum politischen Kampfe sind wir hierher ge- kornmen, sondern um in chrlichem Suchen, in sachlich strenger- Arbeit einen gemeinsamen Boden zu finden. Aus allen Ständen, aus al­len Parieilagern ist man vereint, und ein nck- kischcr Zufall oder war es etwas anderes hat den Vertreter des Arbeitgeberverbandes und den Eewerkschaftssekretär zu Schlafkamcradcn gemacht. Wieviel unendlicher Sogen liegt darin, daß Menschen, die sonst Wohl nie zusammen kommen. hier im täglichen engsten Zusammen­leben, bei den gemeinsamen Mahlzeiten, bei Spaziergängen in Wald und Flur, bei den mit Eifer fortgesetzten Diskussionen nach dcr Abcud- mahlzeit Gelegenheit zu ernster Aussprache ha­ben. Und über allem liegt dieser vom Genius des Ortes ausgeschüttete Geist dcr Vcrfönlich- lcit, des sich Versteheuwollens. Und dann erst die Vorträge der Dozenten. Ein Erlebnis! Sei es. daß Theodor Heuß in seiner geistrei­chen, von echt süddeutschem Humor gefärbten Weise sich über die verwickelten Probleme der inneren deutschen Politik ausläßt, oder daß der Vertreter dcr Frankfurter Arbeits­stätte tßr fachliche Politik. Dr. Raab, in un­erbittlicher, logischer Klarheit das wahre Bild dcr wirtschaftlichen Lage Deutschlands vor linieren Augen ausrollt, daß man meint, in einen gähnenden Abgrund zu schauen. Und zum Schluß Windelband.

Wer von uns, denen es vergönnt war, bio