Sonntag, 15. Juni 1924.
Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung
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Die neue Gtaatsleitung in Frankreich.
Der deutsche Gedanke.
Diesseits und jenseits der Grenze.
Fast von Woche zu Woche macht es sich mehr bemerkbar, wie der deutsche Gedanke sich aus' breitet und die Herzen und Sinne immer weiterer Volksschichten ergreift. Es ist, als sähe man eine Pflanze, die jahrelang auf nragerem Boden gestanden hat und nicht recht vorwärts kommen wollte, nun mit neuer Nahrung versehen, wachsen und gedeihen. Wer kümmerte sich früher viel darum, ob im Auslande noch Deutsche wohnten und in welchen Verhältnissen sie lebten. So lange noch Friede in der Welt herrschte, ging das Leben ja überall verhält- nismäßig glatt. Wer als der Krieg die Menschen durcheinander hetzte und die Völker mit Haß oder Mitztralien gegen die Rahbarn erfüllte wurde es anders. Darunter hatten die deutschen Volksgenossen, die nicht im schützen- t>en Reiche, sondern unter anderen Völkern wohnten, am meisten zu leiden. Wie die Ausland- und Grenzlanddeutschen während des Krieges und noch nach dem Kriege von den Feinden vertrieben wurden, wie ihnen Hab. und Gut geraubt wurde und sie mittellos in Deutschland ankamen, das ist noch in trauriger Erinnerung. Und besonders schmerzlich war es für diese Armen, wenn sie in der Heimat von verständnislosen und herzlosen Leuten als unerwünschte Einwanderer angesehen wurden. Aber es gab doch eine Volksgruppe i u Deut sch land, die die furchtbare Tragik mit empfand und die sich klar darüber war, um was es ging. Das war der Verein für das Deutschtum im Auslande, der schon seit langem die Zusammenfassung aller Deutschen, die in der Welt verstreut lebten, erstrebte, um £c mit dem Vaterlande kulturell zu vereinigen.
Wie sehr berechtigt dieses Streben war, zeigten ganz besonders die Nachkriegsjahre, als die feindlichen Länder den Deutschen die Einreise für einige Jahre sperrten, als die Deutschen in den abgetretenen Grenzgebieten gequält und die Siedlungen m den östlichen Ländern entrechtet wurden. Da fühlten Jene außerhalb de: Grenzen, daß sie im fremden Lande keine „zweite Heimat" hatten, k-mdern daß diese Heimat nur das deutsche Reich war und daß sie zum deutschen Volke gehörten. Desgleichen ward es unZ Deutschland klar, daß dort draußen noch deutsche Brüder und Schwestern wohnten, daß sie, sowie alle aus der Fremde Heimgekehrten z u u n s gehören. Diese Erkenntnis wurde vertieft infolge der Unterdrückung des deiltschen Volkes durch die alliierten Siegerstaaten, deren Feindschaft sich gegen alle, Deutschen innerhalb und außerhalb der Grenzen richtet. Seitdem ist das Gefühl der Zusammengehörig^! in immer weitere Volksschichten eingedrungen. Und es ist notwendig, daß die Tatsache, daß die sechzig Millionen Jn- landdcutsche und die vierzig Millionen Grenz- und Auslanddeutsche ein Volk sind, sich jedem Deutschen cinprägr
Tie Tatsache des .Hundertmillionenvolkes, das Bewußtsein der gemeinsamen Not und der Gedanke der kuklturellea Zusammengehörigkeit bilden den Mng, derunsAlleumschließt. Wie herrlich ist der Weg, den wir beschreiten, wenn wir fern vom Parteistreit, fern von polt» fischem Hader, einem friedlichen und hohen Ziele zustreben. Es ist eine schöne und ideale Aufgabe die doch erfüllbar ist, wenn wir uns bemühen, das ganze Deutschtum geistig zu sammeln, die Sprache, die guten alten Sitten und Gebräuche zu pflog:". s**rcf) Herz und Seele unser Wesen zu vertiefen. Es ist hingegen kein Gewinn, wenn ein Volk durch eine materialistische Weltanschautmg verflacht und durch Mißbrauch der Freiheit in Zügellosigkeit gerät. Rur durch die Voranstellung eines höheren Zieles, durch die Pflege und Förderung des Guten und ^-rhren und durch den Willen zum Äüfstieg hält man eine Kultur aufrecht und vervollkommnet sie.
Mit diesen Grundsätzen wird und muß ein Volk gedeihen. Sie überbrücken die engherzigen Parteigrenzen und können die Zustimmung al- l e r Palkskreise finden, die ibr Vaterland lieben. Der deutsche Gedanke, so großzügig aufgefaßt, erhebt ims über den kleinlichen Alltag binmts in eine lichte Höbe: dabei gibt er doch die Gewähr, daß wir nicht den Boden unter den Füßen verlieren, denn er wurzelt im deutschen Volk und Land. Die gewaltige Ausbreitung dieses Gedankens über alle deutschen Gaue und in die Siedlungen der Grenz- und Auslanddei'tsch-en ist ein Beweis für den gesunden Kern der Bestrebungen, die auch ^vn der deutschen Jugend mit Innigkeit und Begeisterung ausgenommen worden sind. Gerade die starke Teflnabrne der Jugend festigt in uns den Glauben an den Erfolg, den Glauben
an ein neu erstehendes großes deutsches Volk! Die Tagung des Deutschen Schutzbundes zu Graz in den Pfingsttagen und die Tagung des Vereins für das Deutschtum im Auslande zu Hannoversch-M ü n d e n, die ihren Höhepunkt am Mutigen Sonntag erreicht, sind Marlsteine an dem Weg in die Zukunft, den wir trotz der äußeren Hemmnisse hoffnungsfroh und zuversichtlich beschreite:». K. F. D.
Vmsiöent Doumergue.
Das neue Staatsoberhaupt in Frankreich. (Eigener Drahtbericht.)
Versailles, 14. Juni.
Das Ergebnis der gestrigen Präsidentenwahl brachten von 860 abgegebenen Stimmen 513 Stimmen für Doumergue, nur 309 für Paiu- lrve. Damit hat die Rechte und das Zentrum gegen die Linke gesiegt. Gaston Doumergue ist also für sieb en Jahre Präsident der Republik — wenn er nicht auch wie sein Vorgänger vor Ablauf der Zeit verdrängt wird. — Ms gegen 4,30 Uhr das Ergebnis der Wahl bekannt wurde, entstand im Kongress ein grosser Tumult. Dir Rechte und das Zentrum brachten Tanmergur stürmische Ovationen dar und riefen: „Es lebe die Republik!" die von den Linksparteien, Mittelpartei und Kommunisten durch lärmende Ruse und Klappern mit den Pultdeckeln unterbrochen wurden, wobei sie riefen: „Es lebe die Kommune!" Danach stimmten die Kommunisten die Internationale an. Die Rechtsparteien antworteten mit dem Gesang der Marseillaise, wobei sic do>» den Kommunisten bedrängt und drirch Rufe „Es lebe die Amnestie" unterbrochen wurde. Das anwesende Publikum erhob sich drohend von den Plätzen und nur durch schnelles Dazwifchrntretcn der Saalhüter wurden Tätlichkeiten verhindert. Der leitende Präsident Martin hob die Sitzung unter grossem Tumult auf. Doumergue betonte, dass er vor allem sich dem Willen fügen werde, den das Volk durch die allgemeine Abstimmung kundgebe. -
Don Dersoifles nach Daris.
Paris, 14. Juni. (Eigener Drahtbericht.) Rach der Einführung des neuen Präsidenten der Republik stellt: sich eine Kompagnie Truppen aus, die in dem Augenblick, als der Präsident sich zeigte, ihm die Honneurs erwies und dabei die Fahnen schwenkte. Der Präsident Doumergue nahm an der Seite des Ministerpräsidenten M a r s a l in einem Auto Platz, dem in weiteren Autos die übrigen Minister folgten und hielt den üblichen Einzug in Paris. — Das Journal meldet: Außer einigen lärmenden Kundgebungen auf dem Wege von Versailles nach Paris gegen den neuen Präsidenten ist alles ruhig geblieben. Die Syndikalisten und Kommunisten haben dagegen für kommenden Sonntag besondere Versammlungen in Paris und im Seine- Departement einberufen, in denen von der neuen Regierung die Aushebung der Ruhrbc- setzung, die Freigabe der politischen Gefangenen und der Abschluss eines Bündnisses mit Sowjetrußland gefordert werden soll.
Empfänge in Dari«.
Paris, 14. Juni. (Telegraphische Meldung.) Der neugemählie Präfident der Republik wurde bei seiner Ankunft in Paris von dem Platzkom- mandonten von Paris General Charpy im Namen der Garnison begrüßt. Das Auto des Präsidenten nahm sodann, von zwei Dragonersckftoa- droncn mit Fahnen eskortiert, den Weg »um Elysee. Die Musik spielte und es wurden die vorgeschriebenen 21 Kanonenschüsse gelöst. Abends kam Doumergue, von der Menge lebhaft begrüßt nach dem Valais Luxembourg, itm dem ersten Vizepräsidenten des Senats Bienvenu Martin einen Besuch abzustatten. Er begab sich sodann zu einem Besuch Painlevös nach dem Palais Bourbon. Als er dort anlangie, befand sich Pninlevs, der von Versailles zurückgekehrt war, im Gespräch mit Herriot, Briand, Chaumet imd Justin Godard. Hm 8 Uhr 10 Miu. abends kam Painlevö ins Elysee, um den Besuch zu erwidern, den der Ttaatschcf ihm abgestattet hatte. Bei der Rückkehr aus Versailles sagte Painlevö zu den Journalisten: Sie kennen das Resultat des Kongresses. Die Republik besteht weiter. Ich nehme an, dass morgen vormittag Herriot von den! Präsidenten der Republik aufgefordett werden wird, das Kabinett zu bilden.
Vor dem Kabmettöwechsel.
Herriot soll Ministerpräsident werden. (Eigener Drahtberichr.z
Paris, 14. Juni.
Der Präsident der Republik, Gaston Doumergue, wird heute die Besprechungen zum Zweck der Lösung der Ministerkrise beginnen. Er empfängt um zehn Uhr den Vizepräsidenten des Testats, Bienvenu Martin und um 10,15 Uhr den Präsidenten der Kammer Painlcvö. tim
Uv2 Uhr wird Herriot ins Elysee berufen werden. Doumergue wird Herriot die Bildung des neuen Kabinetts anbieten. — Wie der Pariser „Soir" mitteilt, wird in der nächsten Woche Barthou seine Demission als Präsident der Reparationskomm-ffion cinrcichen und durch Loucheur ersetzt werden. — Der Pariser Berichterstatter des „Manchester Guardian" ist der Ansicht, daß durch den Beschluss des Bölkerbundrats die Beratung der letzten Note der deutschen Regierung wegen der Taargendarmerie bis zum August zu verschieben, Herriot eine Gelegenheit gegeben werde, von der bisherige Oppositionspolitik Frankreichs abzugehen und das Kapitel eines besseren Einvernehme ns bezüglich des Saargebiets zu eröffnen.
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ORarfal tritt zurück.
Versailles, 14. Juni. (Telegraphische Meldung.) Ministerpräsident Francois Mar sh al, der erst in diesen Tagen ein Kabinett gebildet hat, überreichte dem ueugewählten Präsidenten Donmergue die Demission dieses Kabinetts. Der Präfident hat sic angenommen und das Kabinett gebeten, zunächst die laufenden Angelegenheiten weiter zu erledigen.
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Swrriotö Ministerliste r
Paris, 14. Juni. (Eigene Draht Meldung.) Heute früh wurde mitgcteilt, daß Präsident Dou- merane den Abgeordneten Herriot mit de» Kabinettsbildung beauftragt habe. „Echo dc Paris" verzeichnet bereits folgende wahrscheinliche Mi- nifterliste: Präsidium und Acußeres: Herriot Justiz: Senator Feytral, Inneres: Abg. Chae tcmhS, Finanzen: Senator Elemente!, Unter- richt : Abg. Tawdier, Krieg: General Rollet oder Ren 4 Renault, Handel: der Abgeorsncte von le Havre Leon Meyer, öffentliche Arbetten: Senator Leon Perrier ober Abg. Justin Godard, Marine: entweder Senator de Kerguezec oder Abg. Alb. Milhaud, Kolonien, Senator Schraneck, Landwirtschaft Abg. Quenllc, Unterstaatssekretär für Post: Abg. Pierre Robert; Minister für die befreiten Gebiete soll ebenfalls ein noch nicht bekannter Deputierter fein.
Llm Deutschlands Laßen.
Hoffnung auf das Kabinett Herriot. (Telegraphische Meldung.)
London, 14. Juni.
Daily Telegraph schreibt, Herriot beabsich- tige, falls er die nächste französische Regierung bilde, mit Macdonald und anderen allicr- ten Staatsmännern sobald wie möglich Beratungen zu pflegen. Veränderungen im Personal und in den Verwaltuuqsinetbodcn der besetzten Gebiete auch außerhalb des Ruhrgebiets würden wahrscheinlich folgen. Das Matt führt fort, c§ fei höchst erstaunlich, dass die Deuischnationalen ihre Haltung des Widerstandes gegen die deutsche Regierung fortfetzen. Würde Deutschland jetzt die einzige Gelegenheit haben, sich politisch und wirtfchastlich wieder herzustellen oder irgendwcklhe Lasten, die feine Leistungsfähigkeit wirklich überf«breiten, zum Scheitern zu bringen. Dies werde von Marx und Stresemanns Regierung klar erkannt, die für sich nicht nur in London, sondern auch in anderen alliierten Hauptstädten ein beträchtliches Mass von Vertrauen und Wohlwollen erworben haben.
Die Micumvertrflge.
Berlin, 14. Juni (Privattelegramm.) Die Besprechungen im Reichsministerium über die Verlängerung der Mieumverträgc mit den Ruhrindustriellen haben insofern ein Ergebnis gehabt, als eine kurzfristige Verlängerung der Mirumverträae in das Ermessen der Ruhrinduttriellen gestellt worden ist. Eine finanzielle Besprechung der Abmachungen durch das neue frangöfifihe Kabinett wurde vorläufig zurückgestellt. In Berlin erhofft man von der neuen französischen Linksregierung eine baldige Aufhebung od. Neuordnung der Verpflichtungen.
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Nudrinbustrle und Reieysreqirruno.
Berlin, 14. Juni. (Telegraphische Meldung.) Wie die Blätter mitteilen, haben gestern nachmittag die B e s p r e ch i» n a e n der Sechserkom- miffion der Rhein- und Ruhrindustrie mit der Reichsregierung über die Frage der Möglichkeit einer Verlängerung der Mirumverträge begonnen. Bor dieser Besprechung fand eine Sitzung des Präsidiums und des Vorstandes des Rrichsverbandes der deutschen Industrie mit der Sechserkommission stmt. Es wurden die ungeheuren Lasten der M rnmvcrtrige für die Industrie des besetzten Gebietes hervorgeboben und erkürt, dass man eine Verlängerung des Abkommens für beinahe u nmöglich haste. Tie Verhandlungen der Sechlerkommiffion mit der Reichsrcgiemng werden heute fortgesetzt werden.
Ein Kirchentag.
Einigung des deutschen Protestantismus.
Die alten BeRteSangen, die evangelischen Kirchen zu einer Einheit zusammenzukühren find nuttmehr mit Erfolg derndct Uiorven. Diese TatsachesoUamSonntag aufdon Eva», ger ischenlkirchentag feierlich bestätigt werde» Mit dem Zusammentritt des ersten versas- sungsmäßigen Deutschen Evangelischen Kirchen« roges am 14. Juni in Bethel-Bielefeld geht ein alter Sehnfucktstraum des deutschen Protesten, tismus in Erfüllung. Seit 1527 durch das Re« gensburger Sondervündnis der füddemschen Mächte die erhoffte Schlichtung der Glaubens« streitigkeiten durch allgemeinen, freien Reichstag sk> cf chluß gescheitert war, ist die Glaubens« spaltung deutsches Schicksal. Der Protestantismus war auf den Weg der landesherrlichen, territorialen Kirchenbildung gedrängt. Aber es war poch wenigstens nach dem Augsburger Re- ligionsfriedcn gelungen, in dem Corpus Evan- gelicorum die zersplitterten evangelischen Stände zu einem gemeinsamen Organ zusammenzufassen, dem die Wahrung des Reli« gions friedens oblag. Mit dem Ende des alten römischen Reichs deutscher Nation löste sich auch dies letzte schwache Einigungsband. Die große nationale Einheitsbewegung unserer Väter aber, die zur Gründung des neuen deutschen Reiches führte, ging an der kirchlichen Einigung des evangelischen Bolksteils vorüber. Me Zer« splitterung bestand fort, so sehr auch ein Zusam- menschluß nottat. Es fehlte nicht an gutem Wil« len, aber über schwache Ansätze der Verständigung (Eisenacher Kirchenkonferenz) kam man nicht hinaus. — D« hat die Not des Zusa m« menbruchs das Wunder bewirkt und den entschlafenen Einigungswillen geweckt. Die freien Kirchentage in Dresden (1990) und Stuttgart (1021) waren die ersten verhcltzungs- vollen Schritte und taten die grundlegende Ar- bett. Dort wurde die Gründung des
deutschen evangelischen Kirchenbundes beschlossen, die Rechtsgrundlage geschaffen. So konnte am Himmelfahrtstage 1922 an der Geburtsstätte der Reformation, der Wittenberger Schloßkirche, der deutsche ev. Kirchenbund ins Leben treten: bevollmächtigte Vertreter sämt-, licher deutschen evangelischen Landeskirchen unterzeichneten an Luthers Schreibtisch die Einigungsurkunde. Seinen parlamentarischen Ausdruck aber sollte der Kirchenbund in dem eisten crflassungsmäßigen Kirchentag finden, dessen. Einberufung bereits für 1923 nach Bethel-Bielefeld geplant war. Die Not der Inflation m«hte den Zusammentritt damals unmöglich, aber es wurde on dem Organ des Zusammenschlusses,, dem Deutschen Ev. Kirchenausschuß, in der Stille eifrig weitergcarbeitet. Ein Kirchenbundesamt, das seinen Sitz in Berlin hat, wurdr eingerichtet. Nun soll in Bethel-Dielefeld die öffentliche Krönung des Einigungswerkes erfolgen. — Im Vordergründe der Verhandlungen wird der Entwurf eines Kirchmbundgcsetzrs bctr. den Anschluß deutscher eangelischen Kirchen« gcmeinschaften, Gemeinden und Geistlichen außerhalb Deutschlands an den Kirchenbunv stehen. Es soll
dem evangelischen Auslandsdeutschtum dadurch der Weg fteigemacht werden, sich seine geistige Heimat zu bewahren und sich als Glied einer großen religiösen Gemeinschaft zu fühlen,> die ihn hebt und trägt. Auch hier hatten die altprentzische und die sächsifche Landesftrch: schon feit Jahrzehnten wichtige Vorarbeit getan, aber das Hagelwetter des Welttrieges hatte die fröhlich aufkeimende Saat zerschlagen. Jetzt soll es Sache des geeinten deutschen Protestan- lismns sein, für seine Kinder in der Fremde zu folgen. Es wird kein Zwang, kein „Muß- fein, sondern das „Kann- steht voran: die freie Entschließung entscheidet. Bande des Vertrauens und der Liebe sollen geknüpft aber zugleich^ auch angeschlosfeuen Gemeinden und Pfarrern sichere Existenzgrundlagen geschaffen werden. — Neben der kirchlichen Sicherung des evangelischen Aus« landsdeuischtums fall auch in der deutschen kleinen protestantischen Kirchengruppen die Möglichkeit des Anschlusses gewährt werden. Die Angliederung der evangelischen Brüdergemeinde (Herrnhuter) ist vorbereitet und steht zur Be- schlnßfassung. — Auch der ausländische Proteftanttsmus wird in Bethel vertreten sein. Aus Deutsch-Oesterreich, Tschechoslowakei, Schweden, Finland. Esthlo.nd, der Schweiz und auch ans Schottland und England nehmen hervorragende Kirchenmänncr in amtlicher und freier Stellung an den Verhandlungen teil. Die solidarische Verbundenheit des Weltproiefiantismus bahnt sich immer deutlicher an.
Die zurücksleführien Gefangenen.
Ein ungleicher Austausch.
Berlin, 13. Juni.
Halbamtlich wird mitgeteilt: Die seit geraumer Zeit schwebenden diplomatischen Verhandlungen über das Schicksal der in französischen Strafanstalten, insbesondere in Saini-Martin