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Kasseler Neueste Nachrichten

1. Beilage.

Mittwoch, 4. Juni 1924.

Nr. 130.

Vierzehnter Jahrgang.

! An unsere Leserinnen j

e richten wir die freundliche Bitte, beiihren Einkäufen in erster l Linie den Anzeigenteil unseres Blattes zu Rate zu ziehen. | ! i

Auf feurigem Besuv.

Erlebnisse und Bilder vom Kraterraud.

Unser Mitarbettcr ist zum Äreittton» M von Zeit zu Zeit aufgrollende» 'Befuee em- Porgeklrttert und matt uns den letzten Au«, beuch in nachfolgenden von düsterer Färb.»- glut üdrrflammten Momentdildern.

Tie Nacht war heiß und still. Wir saßen zu dritt in einer der ziemlich dürftigen Tratto- ricn von Santa Lucia zu Füßen des Castello dell'Ovö. Auch jetzt sang man zu Geigen- und Mandolinenbegleitnng den neuesten neapolita­nischen Schlager. Zwischen zwei Gläsern des süßen Orvietcweins fiel mir die Unruhe der großen schwarzen Ratten auf, die den Kai vor den Trattorien nach Nahrung ubzusu- chen und plötzlich wie aufgescheucht eiligst hin u. her liefen. Ich habe jedesmal ein elendes Ge­fühl, wenn ich diesen Bestien begegne und mahn­te zum Ausbruch. Ter Mond stand voll am Him­mel, als wir das Ansfalltor des Kastells durch­schritten, und als ich zum Vesuv emporblickte, begann das Phänomen, das noch jeden zu sehen reizte, der nach Neapel kam. Zunächst sah cs aus, als ob in einer dahinfahrenden Lokomotive Kohlen aufgeschüttet würden. Die berühmte Rauchvinie stand plötzlich in blendendem Lickt, um dann wieder int Dunkel zu verirrten. Kurz danach gab es ein Sausen in der Luit, wie jenes fatale Geräusch, das ein Blindgänger im Kriege verursachte, und nun brach ans der Höhe ein wahres Feuerwers los. Zn tiefrot leuchtender Glut praffelten Steine. Lavaftücke, untermischt mit dicken Tanrpf- und Rauchwol­ken, empor und fielen seitwärts in die weise, seit Dezember v. I. neugebildete Kraterösfauug zurück. In Abständen von zehn bis fünfzehn Minuten folgten weitere Eruptionen, aber ir­gendwelches Geräusch ward fortab nicht mehr hörbar. Der Umstand, daß der neue Vesnvlr.tter sich tief itit Schoß des alten, bei dem letzten gro­ßen Ausbruch in die Luft geflogenen gebildet bat und nur langsam wächst, ließ uns in der Folge nur den Widerschein der glühenden und heftig kochenden Lava in den über dem Vesuv schwebenden Wolkengebilden sehen. Jedes

Aufzucken der brodelnden Masten aber zeichnete sich grell und gefährlich aussehend dort oben ab und jedesmal, wenn eine neue Eruption das heiße Rebelmekr zerriß, verbrei­terte sich der Feuerschein über das g a n - ze Massivdes Vesuvs und des nur durch das Atrio del Cavallo von ihm getrennten Mon­te. Somma. Tief unten aber überspruhten den herrlichen Golf von Neapel abwechselnd die silbernen Lichter des Mondes und die rotglühin- dcn des neuen Vesuvausbruchs. Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Auto auf der spottschlechten Landstraße über Portici und Re- sina nach dem Ausgangspunkt der Vesuvbahn, deren Monopol noch immer der Engländer in Händen hält und selbst, wenn Herr Mussolini aus den Berg hinauf will, muß er sich den smar­ten Engländern in die Hände geben. Zu spät hat Italien erkannt, daß hier eine unschätzbare Einnahmequelle ist, und jetzt will man wenig­stens durch eine Autostraße den Schaden wie­der wettmachen. Die Ferrovia Cook steigt zu- nächst als Adhäsionsbabn mit mittlerer Steigung von fünf Prozent durch Gärten und Weinbu'ge hinan. Hier wächst der berühmteLarimae Christi*. (Herr, weinst du einmal wieder, so wein' im Schwabenland!*) Hinter dieser lachen­den Landschaft überquert die Bahn zwei alte Lavaströme und nimmt für die hierauf begin­nende stärkere Steigerung (zwanzig Prozent) das Zahnrad zu Hilfe. Bald ist der berühmte Observat orium s hügel erreicht, der Palmieri, Alexander von Humboldt u. a. die genaue Beobachtung größerer Vesuoausbrüte ermöglichte, da er die feste Scheidemauer für die durch das Atrio dell Cavallo zu Tal gehen­den Lavaströme bildet. Der letzte Leiter dieses interessanten Instituts ist im vorigen Jahre in dem neuen Kraterschlund ver­schwunden. Die Sage geht, daß dieser eine geheime Anziehungskraft besitze und allzu Neu­gierige verschlinge. Im Observatorium er­fahren wir, daß der Berg seit dem letzten gro­

ßen Ausbruch im Dezember v. I. vollkommen ruhig war und daß die jetzige Unruhe in weni­gen Tagen wieder ab ebb en wird, da^keiner- lei Stauungen der Lava oder sonstige Störun­gen vorlicgen. Wohl hat sich zu Beginn der Eruptionen eine neue Krateröfsnunq gebildet, und es ist gleichzeitig ein Stück des letztenstan- drnen einges.ürzt (daher dos sausende Geräusch am ersten Abend), allein die Lava, die sich stel­lenweise um hundert Meter und höher im Kra­terkessel erhob, fließt ruhig in den mächtigen Trichter des alten ab und sie hat wohl Jahre zu tun, um zunächst diesen wieder aufznsüllen. Pom Observatorium aus erreicht die von hier ab als Adbäsionsbahn laufende Ferrovia Cook mitten in braunroten Lavafeldern die untere Station ihrer neuen Drahtseilbahn. Man er­reicht mit ihr in zehn Minuten den kahlen Aschenkegel in 1775 Meter Höhe und steht bald daraus am Randedes ungeheuren Kra. tertrichters, der sich 1906 mit rund sieben­hundert Nieter oberem Durchmesser mrd hun- dertseckzig Meter Tiefe gebildet hat. Fast in der Mitte dieses grandiosen Kessels befindet sich die neue Ansbruchsstelle, die ununterbro­chen arbeitet und den Himmel über uns durch mächtige Dampf- und Rauchwolken verfinstert. Von Zeit zu Zeit saust eine selbst in der hellen, heißen Mittagssonne deutlich erkennbare

rotglühende Feuerkugel empor

und überstreut den Kegel mit Steinen, Lava und Lapilli, jenen kleinen Bimsteinstticken, die aber bei dem Ausbruch vom 24. August 1879 genüg­ten, nm ganz Pombeji, Hereulaneum und Sta- bioe viele Meter doch zu überdecken. Erst der Blick vom Aschenkeael niederwärts bildet den Höhepunkt des Aufstiegs. Da umrahmt dos weite, tiefblaue Mittclmeer den einzigschö.ten Neapler Golf mit seinen Inseln Capri, Ischia und Proeida wie eine Perlenslut den Hals einer schönen Frau. Linker Hand grüßen C a st e l l q. mare und Sorrent mit tausend Erinnerun­gen an verklungene schönere Zeiten herauf, dicht voc uns schlummern unter fruchtschweren Gärten und geschäftigen neun Gemeinwesen die vom Vesuv verschütteten Stätten, von de­nen aus griechische Kultur nordwärts zog und die nun nach und nach den Auacn der staunen­den Welt entschleiert werden. Rechterband aber blinkt und winkt die laute, lärmende, vielge'chä'- ttfle Parthenovenstadt, deren kleine und große Kinder ohne Furcht -u dem -m lichten Feuer ste­henden Berggipfel des Vesuvs hinaufblicken.

Aus aller Welt.

Dos Verbrechen von Eastbourne.

Patrick Ma hon, der Urheber des Verbre­chens in E a st b o,l r n e , über das wir mehrfach berichtet haben, hat ein Geständnis abgelegt. Infolge eines heftigen Streites handgemein ge- iuerben, sei Miß Kaves so beftig auf einen Koh- lenkasten gefallen, daß sie aus einer aroßen Kopf­wunde stark blutete und das Bewußtsein verlor, nm nickt wieder zu erwachen. Dann will Mahon in London ein Metzgermesser und eine kleine Säge gekauft haben. Seine einzige Sorge war. den Leickn-m verschwinden zu lassen. Auf kannibalische Weise trennte er den Kopf, die Beine und Füße vom Rumvf nnd ver­brannte sie im Ofen. Den Rumpf selbst kochte er in einem großen Gefäß ab, um ibn bequemer zu zerschneiden und weil er den starken Ver­wesungsgeruch fürchtete. Er wachte aus den Rumpsteilen einzelne Pakete, die er aus dem Fenster der Eisenbahn warf. Mahon lebte übri- aens nicht, wie angenommen. in günstigen Der- hältniffen. Miß Kave soll ibm ihre Ersparnisse

anvertraut haben, etwa vierhundert Lst. Es «st estgestesst, daß er an demselben Tage, da er an­sing, den Leichnam zn zerstückeln, die »braune Dame", Miß Duncan, mitbrachte, die einige Tage in der Villa verbrachte, in dem Zimmer, das neben dem Raume lag, wo unter angehäuf­ten Kleidungsstücken, in einem Koffer, der schon verstümmelte Leichnam der unglücklichen Miß Kave verborgen lag.

Achtzehn Schulmädchen verbrannt. In Los Angeles sind bei dem Brande einer Mädchen­schule achtzehn Mädchen, die meisten zwi­schen fünf und fünfzehn Jahren, nmzekom- m r n. Fünfundzwanzig wurden verwundet, drei werden vermißt.

* Auch für den Bayern zuviel. In Unter­ammergau in Oberbayern bat ein sechsundvier­zigjähriger Oekonom gewettet, zwanzig Liter Bier zu trinken. Er brachte das Kunststück auch wirklich fertig. Nachdem er jedoch den letzten Schluck getrunken hatte, sank er tot zusammen.

* Ihrer .Künstlerhände beraubt. Die bekannte Geigenkünftlerin Anna Rubinstein trug in Budapest auf einer Gastsvielreise durch bte Explosion eines Gasofens schwere Brandwun­den an den Händen davon.

* Wo war der Trauring?... Im Kuhmagen. Ein Schlächtermeister in Bad Berka in Thü­ringen sand im Magen einer Kuh einen golde­nen T r a ur i n g, der vor vier Jahren der Fran des Landwirts, bei dem die -Kuh gekauft war. abhanden gekommen und nicht wieder aufgefun­den wurde. Jetzt ist er in völlig unversehrtem Zu stand wieder ans Tageslicht gekommen.

* Radio am Ministeitisch Ter Radiotele­graph hat in Kanada einen so gewaltigen Um­fang angenommen, daß die Post dr: Arbeit nicht mehr bewältigen kann und ein Radiominister'.um gebildet werden mußte.

* Aufeinandergestosiene Schnellzüge. De­von uns gestern berichtete Zusammenstoß der Schnellzüge KölnParis und Brüssel Paris konnte dadurch gemildert werden, daß die Lokomotivführer rechtzeitiq die Bremsen ziehen konnten. Personen sind nicht zu Schaden gekommen.

* Pfennige und Perlen aus der Wendenzeit. In B l u m o n h a g e n (Mockl-nburg - Strelitz) wurde ein Jiloerschatz aus der Wenden zeit ausaeknnden, der aus hundert silbernen Wenden- psennigen und einigen silbernen Hohlperlen mit schöne>' Borziernna besteht.

* Eine Brücke stürzt in den Fluß. In einer der lebten Nächte stürzten zwei der Mittelbogen der großost Pirmilbrücke bei Nantes ein. Es ist ein Wunder, daß keine Menschen das Loben einbüßten.

* Ein Meuchelmord im dunklen Forst. In einem Forste bei Werneuchen lBranoen- bnrg) fanden Waldarbeiter die Reste eines menschlichen Körpers, dem der Kopf fohlte, In den Kleidern befanden sich fast nur noch Kno­chen. Tie Taschen der Kleider waren nach außen mngekrempolt und leer. Das Opfer ist vermutlich ein Gutskäufer, der, ähnlich wie z. Z. der frühere Offizier und Landwirt G r ö s ch k e, der Kriegsinvalide Schäfer und andere mehr, von dem Mörder unter falschen Vorspiegelungen in den Wald gelockt wurde.

* Auch in Kiel herrscht Paratyphus. Im Kieler Stadtteil Gaarden wurden dreißig Fälle von Paratyphus festgestellt. Es ist bereite ein Todesfall eingetreten. Tie Seuche, die auf den Genuß von ungekochter M i l ch zn- rückgeführt wird, wird mit allen Mitteln be­kämpft.

* Die Brieftaube vom Flieger geschlagen. Ein Fluazeng schlug bei einem Wettrennen auf der Strecke Newyork-Wash ington.if-

unddreißig Brieftauben, die »ur gleichen Zock aufgestioaen waren. Die Flngmaichtne benötigte für die Strecke dreieinhalb Stunden txlugzeit, die erste Brieftaube traf aber erst nach sechs Stunden und zehn Minuten am Ziel em. Damit ist die vieldiskutierte Frage der

ligkeit der Brieftauben, von der viel gesäbelt wurde, geklärt. In Kasemugawa (Ja­pan) stürzte übe rden Lagunen der Stadt etn 'opanisches Flnazeuq ab. Die amerikanischen Wellrundflieger, die Zeuge des Unglücks wa- reit, steigen heute zur nächsten Etappe auf.

Wenn Meteore niederzischen.

Heber dem Spessart zersprungen?

Vor wenigen Tagen iwurdc im württembcr- gischen Jagstkreis und im T a n b e r t al ein fallendes Meteor beobachtet, das von kugel­förmiger Gestalt war und mit einem kräftig leuchtenden Schweif in einem erst rötlichen und dann ins Gelbgrünblano übergehenden Lichte horniederging. 'Unmittelbar nach dem Meteor- fall wurde an vielen Orten des Jagstkreises und Taubertales ein e rplosi ons artig r Doppelknall toabrgenommen. Man mußte daraus schließen, daß die Detonation in dem Anfschlaaen des Meteoriten auf die Erde ihre Ursache hätte. Das scheint aber hier nicht der Fall zu sein, da man den gewaltigen Block nrr- aends aufgeflinden bat. Das Meteor, daß nach einer Heidelberger Berechnung in einer Hohe zwischen sünfzia und siebzig Kilometern den Weltraum durchflog, wurde westlich bis Rema- aen am Rhein, südlich bis Heidelberg und öst­lich bis Nürnberg gesehen. Die ganze Eriche:- nitng hat nur zwei bis drei «ck und en gedauert, war aber von einer solchen intensiven Lichtwirklliig, daß sie jeder Person, die im Freien weilte, ohne weiteres auffallen mutzte. In den Städten wurde naturgemäß die Erschei­nung kaum oesehen. Nach den bis jetzt vorlie­genden Meldungen 'st das Meteor aus der Richtung Nürnberg gekommen und wurde bis über dem Svessart beobachtet Hier scheint es auch zersprungen zu sein, wahrschernltch in der Umaebung von Lohr a. M. Denn m Lohr und seiner nächsten Umgebung war die mit dein Zerspringen des Meteors verbundene Detonation von erdbebenartigen Erscheinungen begleitet, so sehr, daß in dem Ort die Fen­ster klirrten und die Türen mit lau- ten; Krach zuschlugen. Mitglieder^ der Sternwarte werden sich in den nächsten Tagen nach Lohr begeben und hier genaue Nachfor- schnstgen nach dem Meteorsall anstellen. Jeden- falls ist der Meteorfall vom 18. Mai einer der größten der letzten Fahre und es. liegt hier augenscheinlich einer icner Fälle vor, in denen diese kosmischen Absplitterungen mit explo­sionsartigem Geräusch in viele einzelne Teil­chen ,oft sogar zu Staubteilchen, zer, bringen, ehe sie den Boden unserer Erde berühren. Nicki immer freilich sind diese einzelnen Splitter so winzig daß sie kaum eine Spur hinterlassen; sic haben im Gegenteil zuweilen einen wah­ren Stein regen erzeugt. So fielen nn Jahre 1803 in der Normandie durch Zer- splitteriing eines Meteoriten etwa dreitan- se n d Steine hernieder, im Jahre 1882 in Siebenbürgen über tausend Steine und IMF in Polen kam ein wahrer Steinhagel kosmischer Absplitterungen herunter, bei dem man über hunderttausend Steine zählte.

Richt immer zerstieben die fallenden Meteo­rite in kleinere Einzelteile, sie kommen auch oft tu mächtigen Quadern auf die Erdober­fläche und bohren sich dort tief in den» Boden hinein. Es handelt sich dabei übrigens nicht nur um Stein.-, sondern auch nm Eisen­meteorite, von denen die letzteren von be­sonderer Schwere sind. So bat man Stucke im Gewicht von zweihundert bis d r e i h u n- aert Zentnern gefunden. Besonders ickwere Eisenmeteore wurden in Brasilien, Pern und Mexiko gesunden, aber auch Steinmeteoriten haben es, wie der 1866 zu Knyahinya niederaeganaene, zu dem immerhin ansehnlichen Gewickt von dreihundert Kilo ge­bracht, ______

Die Mutter.

20j Roman von Lola Stein.

Uschi sprang auf. Das Abendessen! Sie hatte völlig vergessen, daß sie daran denken, da­für sorgen mutzte. Sie hatte es nicht getan.

In einem beklommenen Gefühl ging sie in die Küche, in die Speisekammer. Nirgends war etwas zu finden. Das letzte Nestchen Wurst batten sie heute zum Frühstück gegessen, die Butter aufgebraucht. Eier waren nicht im Hause. Vom Brot nur eine kleine, ganz harte Kruste. Seit Ellens Abreise war nichts gekauft worden. Für das gestrige Abendbrot hatten sie alles mitgobracht, die bescheidenen Vorräte wa­ren nn den beiden Vormittagen und heute noch von Frau Lehmann anfgegeffen worden.

Uschi setzte sich auf den Küchenstuhl und weinte. Sie mochte Udo nicht eingestehen, daß sie alles vergessen hatte, daß sie am zweiten Ta­ge ihres Alleinseins schon völlig versagte.

Nach einer Weile, als alles in der Wohnung still blieb, kam Udo, um muh seiner Frau zu sehen. Er fand sie in Tränen, znm erstenmal weinend, seit er sie kannte. Als er erschrocken zu ihr eilte, sie in die Arme nahm, nach dem Grunde forschte und ihn erfuhr, war er wobl ein wenig verstimmt, aber er durfte es nicht zei­gen, den er mußte vor allen Dingen Uschi be­ruhigen. Er konnte sie nicht weinen sehen.

Er bat, beschwor, flehte, bis sie ihre Tränen trocknete.

Aber du bist doch so hungrig," klagte sie.

.So werden wir eben noch einmal im Re­staurant essen," entschied er nach kurzem Zögern. .Zum letztenmal."

Sie siel ihm um den Hals.Du bist himm­lisch! Ja, es soll ein schöner Abend werden."

Sic lackte schon wieder, fand ihr Mißgeschick plötzlich nicht mehr tragisch. Sic wirbelte ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen.

So elegant?" staunte Udo, als sie nach einer wieder erschien.

.Ich weiß ja nicht, wohin wir gehen/ lä­chelte sie. .Ich finde, heute mittag war es auch teuer und schlecht, die Differenzen sind nicht so groß. Wir gehen lieber in ein nettes Lo­kal und haben einen gemütlichen Abend."

Als Udo die Rechnung sah, erschrak er. Ans der Heimfahrt war er still. Zu Hause setzte er sich an seinen Schreibtisch und rechnete.

Tn machst ein bitterböses Gesicht, Liebling, sind wir zu verschwenderisch gewesen?"

.Ja, kleine Uschi. Diese beiden Tage haben ein rasendes Geld gekostet."

.Aber sie waren entzückend, Udo, daß mußt du ^iigcben."

Wonnig waren sie. Ich möchte eine lange Reihe solcher Tage mit dir verloben, möchte dir jede Arbeit, jede Sorge um den Haushalt ab­nehmen, bis Mama wiederkommt. Aber 'ch fann es nicht. Wenn ich die dumme Gasrechnung bezahlt habe, bleibt mir nur ein bescheidener Rest meines Vorschusses, der doch für ganz andere Zwecke bestimmt war. Ich komme mir sehr leichtsinnig vor, sehr schlecht. Wenn Mama das wüßte." Er nannte Ellen jetzt im­mer so, wenn er von tbr sprach, weil er wußte, daß Uschi den Zärtlichkeilsnamen nicht liebte.

.Muß sie es denn erfahren?" fragte Uschi kleinlaut.

Da wir eine gemeinsame Wirtschaft haben, wird es nicht zu vermeiden sein."

,Wir werden in Zukunft sparen und das Geld auf diese Weise wieder einholen," schlug die junge Fran vor.

Das wird nicht gehen. Mr wollen ja auch nicht zu schlecht leben. Mach dir nur keine Sorgen, Geliebtes, mach kein so unglückliches Gesichtchen. Ick werbe das Geld schon aus an­dere Weise wieder beschaffen, werde eben fleißi­ger sein. Aber von morgen an mußt du ko­chen und zeigen, was du kannst."

Sie versprach es unter Küssen.

13.

Am nächsten Morgen stand Uschi nüber auf als sonst. Sic machte Besorgungen und nattc den ganzen Vormittag in der Küche zu tun.

Sie fehlte Udo sehr. Er fühlte sich verein­samt, ging zehnmal in die Küche, plauderte dort einen Augenblick mit seiner Frau, hätte sie am liebsten vom Herd sortgezogen und in sein Zimmer hinein.

Schließlich nahm er sich vor, geduldig bis zum Essen zu warten.

Er hörte Uschi im Speisezimmer hantieren, den Tisch decken, leise dabei vor sich hinsum- meu. Er legte die Feder hin. Entzückt lauschte er auf das süße Pogelstimmchen.

Jetzt zog ihm ein unangenehmer Geruch in die Nase. Irgend etwas mußte angebrannt sein. Schnell erhob er sich. Stieß auf dem Flur mit Uschi zusammen, die in die Küche jagte, eine Pfanne vom Herde ritz. Die völlig schwarz ge­brannten zwei Stücke Leber mit großen, ver­wunderten Augen betrachtete und dann wieder in Tränen ausbrach.

Ich habe doch nur eben den Tisch gedeckt," schluchzte sie.Ich begreife nicht, wie das Zeug so schnell verbrennen kann. Was machen wir nun, Udo?"

Wir holen uns frisches Fleisch."

Aber es war genau sc, wie am gestrigen Abend. Alle Geschäfte waren in bet Mittagszeit geschlossen, man konnte jetzt nichts belommen.

.Vielleicht ist es doch zu essen," sagte er.

.Komm wir wollen es versuchen."

Sie stillte mit Tränen in den Augen die Suppe auf, Udo trug sie ins Zimmer. Sie setz­ten sich. Beide nicht in rosiger Stimmung.

Tie Suppe war ein wenig versalzen. Udo sagte nichts. Uschi blickte ihn einige Male von der Seite an.

Er war sehr verwöhnt. Ellen legte viel Wert auf gutes Essen, sie kochte vorzüglich Uno da Ndr von jeher bleichsüchtig war, viel arbeitete und wenig schlief, so fand sie, daß gute reichliche Nahrung einen gewissen Ausgleich für ihn brachte. Er verlangte es auch nicht von war eine mißlungene Speise auf den Tisch ge­kommen.

Aber er hatte Ja gewußt, daß Uschi nickt kochen konnte. Er verltngte es auch nicht von

ihr. Nur sand er heute der Mutter Idee, so plötzlich zu verreisen, weniger glücklich, als noch vor wenigen Tagen.

Die Leber war wirtlich nicht zu genießen. Tie war vollständig hart, schwarz und schmeckte nach Rauch. Sie war überhaupt nicht zu zer­malmen.

.Wir essen Kartoffeln und Soße," sagte Udo. Aber auch die Soße war verbrannt.

Ich mache uns Rühreier.» Uschi strahlte schon wieder über ihren glücklichen Einfall.Ich habe Eier mitgebracht," fetzte sie stolz hinzu. Tenn sie erfchien sich in diesem Augenblick sehr weitsichtig.

Die Eier waren gut und schmeckten ihnen beiden. Sie waren nun auch satt.

Wieder eine unnötige Ausgabe, dachte Udo, aber er sagte es nicht.

Am nächsten Morgen blieb Uschi in seinem Arbeitszimmer. Als er sie an ihre Pflichten er­innerte, erklärte sie strahlend, alles Notwendige im Hause zu haben. Sic ging auch erst eine halbe Stunde vor dem Mittagessen aus seinem Zimmer. Es gab Spiegeleier und Bratkartof­feln. Nichts weiter. lilenieenita folgt.)

Todesschatten am Luniabend.

Von

Franz Langheinrich.

So reich voll Frieden ist die Abendluft.

Des Schöpfers Güte tränkt die ärmste Blume. Und selig zitternd mischt sie ihren Tust Tom leisen Rachtzesang zu seinem Ruhme.

Fern liegt die Stadt, in der dein Tag verweht Still zieht ein Hirt bahin mit feiner Herde: Ein Menschenpaar, das eng umschlossen geht Verdämmert, wie entrückt von dieser Erdc.

Da sch.rncrt mich der kalte AGhtwind an.

Wie nahe ist die Stunde doch dem Grabe! Tief sind nfir seine Schäften aufgetan, Seit ich auf ewig dich verloren habe.