Mffckr Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
Nummer 109
Freitag, 9. Mai 1924,
Einzelnummer 10 Pf.. Sonntags 15 Pf.
Einzelnummer 10 Pf-, Sonntags 15 Pf. 14. Jahrgang
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Ausdehnung des Vergarbeiter-Slreils.
ÄN Oberfchieflen.
Ausland in MiNeldeutfcdlanS.
Magdeburg, 8- Mai. (Privattelegramm.) Im mitteldeutschen Bergbaurevier wurde gestern der Generalstreik ausgerufcn. Schon gestern abend sind auf vierzehn Gruben
Nsunzrg Vrvzrni im Ausstand.
Essen, 8. Mai. (Pribattelegramm.) Neun- zig Prozent der Belegschaften des RuhrgcbieleS sind heute früh nicht wieder eingefähren. Eine Betriebsrätckonferenz hat eine Kampflei- tnng von fünfzehn Bergarbeitern eingesetzt, die von den Kornmlrnisten und Svndikalisten maßgebend beeinflußt wird. — An Kreisen des Bergbaues rechnet man damit, daß die Arbeiterschaft den Streit nicht fehr länge durchhal- t e n kann. DaS Ergebnis einer gestern abgehaltenen Sitzung der Bergbaninterefsenten in Dortmund war, dair die Werkleitungen bereit find, ünfzehn Prozent Lohiterhöhung zu zahlen unter der Bedingung, daß die neun- be- sichunasweise zehnstündige Arbeitszeit von der Arbeiterschaft eingehälten wird.
»Q3 va« rische Kablrett.
München. 8. Mai. (Privattelegramm.) Der Landtagsprastdent hat gestern die bayrische Bolkspartei um die Neubildung des bayrischen Kabinetts ersucht. Die Partei ließ erklären, daß .e heute abend zu diesem Auftrage Stelluia nehmen will.
Genf, 8. Mai.
Der Herald meldet aus Rcwyork: Tie Mor- gan-Banr dementiert zum sechsten Male in nerhalb weniger Wochen die immer wieder auf-
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Die Deutschnationalen.
Berlin, 8. Mai. (Privctttelegramm.) Die auf der Land liste gewählten neun Reichs- tagSabgcordneten haben sich bereit erklärt, sich der deutfcknationalen Partei fraktionell anzuschlicßen, unter Vorbehalt ihrer Selbständigkeit in den Abstimmungen. Dadurch intz die Deutschnationalen mit 105 Mitgliedern die stärkste Partei des neuen Reichstags geworden. — Die bayrische Landesvartei der Deutschnationalen, die banrische Mittelbartei, teilt gestern abend durch ihre Presse mit. daß die Deutschnationalen keineswegs für eine unbedingte Ablehnung der Sachvcr- tändiqeu-Gutachten cintreten. Sie würden darüber mit den Alliierten verhandeln gegen die Freimachung von Rhein und Ruhr.
Ministerium geht es auch zu, wenn man der Minorität überläßt, ein Kabinett zu bilden, das sich nur mit Hilfe der wohlwollenden Neutralität der anderen Parteien oder einer von ihnen am Ruder halten kann. Das ist der #5aß der gegenwärtigen Arbeiter-Re- gierung, und Mardouald empfindet es recht bitter, daß er allen Kompromissen zusttm- rnen muß, die die anderen Parteien ihm aufzwingen wollen.
Wenn Maedonakd in der Frage des Berhält- niswahlrechts dem Wunsch und der Drohung der Liberalen so fest widersteht, so zeigt er dadurch staatsmännischen Weitblick. Würde nämlich das Berhäktniswahlrecht eingeführt, so bedeutete das die Verewigung der Koalittons- oder der Mino- ritätsreaierungen. die Verewigung der Kor.ipro- mißwirtschast. Rur wenn der Zerreibunaspro- ieß der Liberalen nicht durch das Verhältnis- Wahlrecht aufgehalten wird, wenn er so weiter fortschreitet, daß sich wieder zwei Parteien: Konservative und Arbeiter, gegenüberstehen. ist die Rückkehr zum alten klassischen Schema: Maio rität — Opposition — möglich. Daß die Arbeiter einmal die absolute Mehrheit erringen und dann imstande sein werden, ihre Reformen zu PerwiMichen, daran zweifelt Mardouald nicht- und daran darf er als Führer seiner Part.u nicht zweifeln. Andererseits schreckt ihn mich nicht der Gedanke, daß die Konservativen einmal die Mehrheit bekommen könnten. Dann aehen die Arbeiter eben für eine gewisse Zeit in die Ovvo- sition. in der sie lernen und sich wieder starken können, um die Regierung von neuem zu übernehmen, sobald der Volkswille sie wieder beruft.
Der englisch« Staatsmann Mardouald erstrebt das Ideal der wechselseittgen demokrati- schen Kontrolle der Parteien nnd dieses Ideal ist nur im Zweiparteiensystem zu erreichen. Mac- brmalb weiß aber auch, daß man das Verhält- niswahlreckt nicht nach Belieben einführen unb wieder abschaffen kann. .Hat man es nämlich einmal eingeiübrt und sitzt ein Parlament aus Gründ dieses Wahlrechts, so ist es ganz «nmcg-
Verhältniswahl.
Eine kritische Frage in England.
Den Liberalen im englischen Unterhaus ist etwas Unerwartetes begegnet. Sir hatten einen Antrag auf Einführung des Verhalt- nisWahlrechtes eingebracht in der festen Ueberzeugung, daß die Sozialisten sie habet unterstützen würden. Der Antrag wurde vom Unterhaus mit 244 gegen 138 Stimmen abgelehnt. Dagegen stimmten die Konservativen und viele Arbeiter-Abgeordnete, darunter Macdonald, Arthur Henderson und ihre sämtlichen sozialistischen Ministerkollegen. Die Liberalen drohten, die Arbeiter-Regierung zu stürzen, wenn diese das Verhättniswahlrecht nicht annehme. Mer Henderson erwiderte als Mini-
Bv'-ow als Konzlerkunbidot?
Berlin. 8. Mai. (Privattelegramm.) Das „Achtuhr-Abendblatt"will wissen, daß man in deutschnationalen Kreisen sehr ernsthaft die Möglichkeit erörtere, den ehemaligen kaiserlichen Reichskanzler Fürst Bülow als deutschnatio- nalen Kanzler des neuen Reichstags zu prämiieren. Reben dem Parteiführer Dr. fr crgt sei auch Admiral v. Tirpitz r(s kommeider Kanzler genannt worden, diese Kandidatur werde aber nicht sehr ernst genommen.
Nach dem Gutachten.
Noch keine Aussichten auf äußere Hilfe. (Eigener Drahtderichi.)
Kampf um Sie Arbeitszeit
Vermitttungsaltion im Ruhrgebiet.
(Telegraphische Meldung.)
Berlin, 8. Mai.
Wie der „L.-A." mitteilt, befindet sich Reichsarbeitsminister Dr. Brauns auf dem Wege zum Ruhrgebiet, um durch eine Vermittlungsaktion den Kampf im Bergbau beizulegen. Die Vertreter der vier Bergarbeiterverbändc haben gestern in Essen in einer Sitzung die Lage besprochen. Wie der „Vorwärts" aus Amsterdam meldet, wird die Arbeitszeitbewegung der deutschen Bergarbeiter von dem internationalen Gewerkschaftsbüro mit größter Spannung verfolgt. Falls die Lohn- und Arbeitszeitbewegung der deutschen Bergarbeiterschaft sich zu einem allgemeinen Kampf für den Achtstundentag ausgestalten follte, so könnten, wie von maßgebender Seite des internationalen Gewerkschaftsbüros versichert werde, die deutschen Arbeiter auf die weitgehendste Unterstützung der Gewerkfchastsinternationale rechnen. — Auf Befehl der franzöfifchen Militärbehör- d e wurde in allen Gemeinden des Rrchrgebiets durch Anschlag und öffentliche Ankündigung die Verfügung des Generals Degoutte von neuem in Erinnerung gebracht, wonach ein allgemeines Bersmnmlungsverbot für das Ruhrgebiet besteht
* * *
in den Revieren Halle und Eisleben die Beleg- chaftrn nicht eingefahren. Die Bewegung tränt ausgesprochenen kommunistischen Charakter. An Halle und Magdeburg fanden gestern nachmittag Betriebsräte - Versammlungen der Metallarbeiter statt, in denen der Beschluß gefaßt wurde, in einen Sympathiestreik für die deutschen Kohlenarbeiter einzutreten.
Gleiwitz, 8. Mai. (Privattelegramm.) Auf weiteren 21 Zechen des Reviers find gestern abend die Belegschaften ausgeblieben. Heute wird der Generalstreik allgemein sein. Die Bewegung greift auch auf Polnisch - Oderschlestcn über. An Ktttowitz und in Köniqshütte haben die dortigen Betriebsräte den Anschluß an den deutschen Kohlenarbeiterstreik proklamiert.
lich, dieses Parlament dazu zu bewegen, den Ast, auf dem es so behaglich sitzt, abzusägen. Jeder Abgeordnete wird sich dann ängstlich fragen: Welche Bürgschaft habe ich, bei dem neue» Wahlrecht wiederzukommen? Das Proportionalwahlrecht bat den Arbeitern ins englische Unterhaus geholfen — wie eine Krücke. Jetzt wollen sie aber marschieren und werfen die Krücke weg. Ter Kotz^iitt mit den Liberalen ist jetzt unver- meibHd)7 aber Macdonald will ihn lieber aus- kämpftn, als das Land der ewigen Kompromiß- lerei auszufetzen, die zuletzt den Parteien das Mark aus den Knochen saugt. n>.
: Stockwerk bestände Gefahr durch Streukugeln von außen. Hier schlachtete er und fein : Dutzend Begleiter, hauptsächlich Letten, den Zaren, die Zarin, den Zarewitsch, die vier Prinzessinnen, ihren Arzt und drei Diener kaltblütig ab. Sokoloff weist diese Tatsachen aus zahlreichen Zeugnissen nach. Die Körper wurden, von Kugeln und Bajonettstichen zerfleischt, auf einen Saiptoagen geworfen, einige Kilometer außerhalb der Stadt gefahren, dort noch diküch Feuer unb Säuren unkenntlich gemacht und in eine leere Grube geworfen. Sokoloff sucht bann weiter ausführlich ben Beweis baiür zu liefern, daß bie Moskauer Bolfchewisten Ifür die Ermordung verantwortlich sind. Zu den wichtigsten Beweisstücken gehört das einzige Telegramm, das von den Mördern am Tage nachher nach Moskau geschickt wurde und lautete: »Sagt Swerdlow, daß die ganze Familie dasselbe Schicksal erlitten hat wie ihr Haupt." Zweisello- wußte Swerdlow, der der Präsident des
Exekutiv-Komitees in Moskau, schon vorher von dem Schicksal, das dem „Haupf dieser unbekannten „Familie" berettet werden sollte, denn er veröffentlichte sofort nach dem Eintreffen des Telegramms die Nachricht, daß her Zar tot fei: er fügte hinzu, daß die Zarin und der Zarewitsch inSicherheit gebracht werden und daß Beweise dafür vorlägen, daß man den Zaren habe befreien wollen. Sokoloff betont, daß die Verbindung zwischen Moskau und Jekaterinburg durch einen gewissen Golostschikin hergestellt wurde, einem alten Freund Swerdlows, der von Ende Juni bis zum 8. Juli in Moskau weilte unb am 14. Juli nach Jekaterinburg zurückkebrte, gerade als d e Vorbereitungen für ben Mord begannen. Er brachte zweifellos den Befehl für den Mord mit. Für eine Anordnung von oben spricht auch die aTtsacke, daß innerhalb vierundzwanzig S unden nach bet Ermordung die Großfürstin Elisabeth und eine Anzahl von Prinzen aus ihrem Gefängnis in einer kleinen Stadt bei Perm entfernt und le»
tauchenden deutschen Zeittingsmeldungeu von angeblichen Vorbereitungen einer Anleihe an Deutschland. Vor bedingungsloser Durchführung der Sachverständigen-Gutachten durch Deutschland sei keine Anleihe in Ncwyorl realisierbar, die außerdem zu zwei Dritteln der Reparationsdeckung dienen würde. — Wie aus London gemeldet wird, ist die Zusammenkunft zwischen Macdonald und Po in rare vorläufig verschoben worden. Die Meldung trägt den Zusatz, daß Rückschlüsse auf ein festeres Auftreten Macdonalds in der Reparationsfrage daraus nicht zu ziehen sind, nachdem Macdonald et# am letzten Montag wieder einmal von dem unbedingten Festhalten Englands am Versailler Vertrag und an der Politik Frankreichs gesprochen hat.
Kommunistischer „Waffengang".
Berlin, 8. Mai. sPrivattelegramm.) Die Betriebsräte der Berliner Industrie haben gestern beschlossen, erneut in den Abwehrkampf gegen den Renn- und Zehnstundenarbeitstag zu treten. Es soll die Forderung noch Wieder- einfiihtuna des Achtstundentages bis 15. Mai in allen Betrieben gestellt werden. Der Vorsitzende Beroleth sagt-, daß der große kommunistische Reichstagsfieg das Signal zu einem letzten entscheidenden Wassengang des deutschen Proletariats sein müsse.
Die Zarenmörder.
Ein authentischer Bericht.
, Das Schicksal der Zarenfamilie, über das feit dem Jahr- 1918 viele Gerüchte auftauchen, ist nun endgültig durch den Bericht des unters», chcnde» Gcrich Sbeamte» aufgeklärt worden.
t Soviel auch schon über den tragischen Unter« 1 gang des letzten Romanow-Herrschers und seiner Familie bekannt geworden ist, so fehlte doch bisher ein authentischer Bericht, der auf den ge-
■ uaueften Untersuchungen aufgebaut ist. Diese ■ endgültige Darstellung wird nun in einem dreihundert ©leiten starken, durch Photographien erläuterten Werk geboten, das ein höherer Beamter vom Gericht in Omsk, Nikolaus Sokoloff, in französischer Sprache veröffentlicht hat und aus dem in der „Times" Näheres mitgeteilt wird. Wenige Tage nach her Ermordung des Zaren zu Jekaterinburg ordnete Admiral Koltschak, dessen Truppen damals bie Stadt besetzten, eine genaue Untersuchung an, mit bereu Führung Sokoloff betraut wurde. Er hat nun alle damals zusammengebrachte Dokumente und Zeugenaussagen gesammelt unb gibt eine Darstellung des Schicksals des Zaren von seiner Abdankung im März 1917 bis zu seinem Tod int Juli 1918. Besonders ausführlich befaßt er sich mit der Nolle, die der S ch w i e g e r - lohn Rasputins, Boris Nikolajewitsch. Solowjott gespielt hat. Er hatte die vollständig ungebildete Tochter Rasputins nur geheiratet, um dadurch mit der Zarenfamilie in Verbindung zu kommen, und er scheint eine Doppelrolle gespielt zu haben, indem er einerseits der Vermittler wurde, durch die die monarchisti - scheu Organisationen im europäischen Rußland mit dem Zaren in Verbindung traten. andererseits aber
den Bolschewisten die Geheimnisse verriet.
Nach her Behauptung des Verfassers war dieser Mann ein Werkzeug der Deutschen, die ben Zaren befreien wollten, um bann mit ihm einen Separat-Frieden zu schließen. Wenigstens erklärt der Verfasser auf diese Weise die geheimnisvolle Mission des Kommissars Jakowles, der Mitte April in Tobolsk ankam, um die Aufficht Über die kaiserlichen Gesangenen zu übernehmen unb sofort mit dem Zaren nach einem unbefami, ten Bestimmungsort im Osten abreiste. Die Ge' sellschast wurde von der örtlichen Bolschewisten- behörde aufgehalten, als sie durch Jekaterinburg kam. Wir erfahren bann Ausführliches über die Gescmgeitschast, in her der Zar und die Seinen im Hause des Kaufmanns Jpatiew in Jekaterinburg gehalten wurden. Sokoloff erinnert dargn, daß aus einem Kloster namens Jpatiew der erste her Romanow, Michael, drei Jahrhunderte vorher, auf ben Thron berufen wurde. Die Martern und Quälereien der Za- renfamilte endeten in der Nacht vom 16. Julj 1918, als der
bolschewistische! Kommissar Jurowsky
te alle in einem Raum zu ebener Erde zusam- utenrief unter dem Vorwand, in dem obeten
Negierung und NeichöSag.
Die Stellungnahme der Parteien.
(Eigene Drahtmelbung.)
Berlin, 8. Mai.
Die nichtoffiziellen Parteierklärungen haben gestern mit den Aeußerrmgen der Parteiführer eingesetzt. An der Deutschen Volkspartei glaubt man, daß eine Rechtsregierung gebildet werde. In den mehrfachen Artikeln der volksparteilichen „Zeit" ist kein Wort mehr von der großen Koalitton zu finden, dagegen wirv für ein Weiteramtieren des Außenministers Stresemann inbireft Stimmung gemacht. Die Deutschvölkifchen lehnen vorerst ein Zusammengehen mit der Rechten ab. solange nicht die Forderung, daß der Reichspräsident Ebert ,n- rücktrete« müsse, von den Deutschnatkormlen angenommen ist. Bei Abgang dieses Berichtes kann von einer Klärung der Machtverhältniffe im komenden Reichstag nicht gesprochen werden.
ster des Innern nur kühl: „Bitte!", denn er weiß sehr wohl, daß die Liberalen es sich zwei- und bretmal überlegen werden, bevor sie Neuwahlen herbeiführen Für die Liberalen ist es eine Klemme: unter dem gegenwärtigen Wahlsystem droht ihnen nätnlid) als der Mittelpartei bie .Betreibung. Sie beklagen sich darüber, daß sie bei den letzten Wahlen dreißig Mandate verloren haben und berechnen, daß sie bei Proportioual- wahken nicht nur diese dreißig Sitze, sondern etliche darüber hinaus gewinnen könnten. Wird nun aufgelöst, ohne daß die Verhältniswahl ein- gcführt witD. so sind sie der Gefahr ausgeseht, noch mehr Sitze zu verlieren und so geschwächt ins Unterhaus zurückzukehren, daß sie jede Aussicht auf die von ihnen gewünschte Wahlreforrn Verlieren.
Da Sozialismus und Verhältniswahl-System bisher immer zusammen marschiert sind (in der Schweiz, in Belgien, Frankreich und Deutschland), so hat die Abkehr der englischen Sozialisten vom Verhäktniswahlrecht etwas sehr Auffälliges, was sich aber aus den besonderen englischen Parteiverhäftnissen erklärt. England i fange Zeit das Land des Zweiparteien- Systems gewesen. Erst wechselten Tories unb Whigs, später Konservative und Liberale miteinander ab, so daß die in der Minorität geölte« heue Partei in die Opposition ging, aber tn jene „positiveOPPosition", aus der eine Partei jederzeit bereit ist. an das Steuerruder des Staates zu treten. Unter diesem System ist England groß geworden. Die Partei, die jeweilig em Ruder war, lenkte wirklich das Staatsschiff — so lange die Wähler ihr das Vertrauen gewährten. Aber das änderte sich, als nicht mehr zwei, sondern drei Parteien ins Unterhaus einzogeu. An Stelle der glatten Parteiregierungen traten nun Koalitionsregierungen, die sich nur durch Kompromisse am Ruder erhal- . ten konnten, bei denen jede Partei etwas von ihren Reformzielen zu opfern hatte. Hatten sich Zither die Parteien bemüht, sich „den Wind aus ‘ den Segeln zu nehmen", indem jede versuchte, ; der anderen auf dem Gebiete her Reformen zu- 1 vorzukommen. fo trat setzt ein Lähmungszustand rin, denn jede Partei wollte ja in der Koalition sein und mußte dazu etwas von ihren Zielen aui'geben Genau so wie bei einem Koalmons- ;
Folgen der Nuhrbesetzung.
Italienische Presse gegen Poincarö.
(Eigener Drahtbericht.)
e Zürich, 8. Mai.
Die „Reue Züricher Zeitung" meldet aus Rom. :Das Organ Mussolinis der „Sortiere d Italia" bringt einen Aussehen erregenden Leit- arttkel mit der Ueberschrist: „Poincarö bereitet di« deutsche Erhebung vor!" An dem Artikel heißt es: „Der Ausgang der deusschen Reichstagswahlen ist die A n tw o r t auf die Ruhr- befetzung. Der Wahlausgang bedeutet die Verurteilung, ja die Hinrichtung des demokratischen und des republikanischen Geistes. Die Proletarier Deutschlands haben sich durch die Annahme des Diktats von Versailles fefirft erdrosselt" Wörtlich heißt eS weiter: „Es ist unsere Ueberzeugung, daß Deutschland nicht allein mit den Waffen befimt wurde, sondern viel mehr noch durch den Wilson-Frieden und mit Hilfe Jener, die ihr Vaterland selbst verraten haben." Dieser Artikel klingt fast unglaublich, aber die Züricher Blätter versichern, daß es eine w o r t - nctreue Uebersetznng ist. Auch die Berliner Morgenblätter beschäftigen sich bereits eingehend mit dieser Pressrftimme.