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Kasseler Neueste Nachrichten

2. Beilage.

Sonntag, 4. Mai 1924.

Nr. 104.

Vierzehnter Jahrgang.

Ein spannender Roman zählt für die Frauenwelt zu dem lesenswertesten Inhalt eines Blattes. Die Kasseler Neuesten Nachrichten sind seit dem Tage ihres Bestehens als das Blatt bekannt, daS ungemein spannende Erzählungen veröffentlicht. Sie sind deshalb auch da? Lieblingsblatt der Frauenwelt geworden. Bestellungen auf d>e Kasseler Neuesten Nachrichten nehmen alle Boten, Postanstalten und Briefträger, twt» auch di« Geschäftsstelle, Kölnischestraße 6, (Fernruf 951 und 952) entgegen- I

Aus der Heimat.

KvnzM in JtotenDurg.

Am Karfreitag brachte der Chorveretti in Rotenburg a. d. Fulda unter der Leitung seines Dirigenten E r n st B o d e die Johannes-Passion von I. S. Bach zur Aufführung. Mit der Ein­studierung dieses Werkes war erst im Januar begonnen worden. Um so überraschender war die Leistung des Chores. Darüber schreibt H. S. in dem Rtbg. Tageblatt: »Die tiefe Einsicht des Dirigenten m den musikalischen Aufbau und die inneren Zusammenhänge des Kunstwerkes, dazu die Fähigkeit der Kräste-Erschließung, der Kräste-Schulung, der Kräfte-Verteilung einer- seits, andererseits die restlose Unterordnung der Chormitglieder unter die sichere Führung, zu­mal bei denen, deren eigener verständiger, seeli­scher und mufikasilcker Erfassung zu enge Gren­zen gezogen sind, weiter der gute Griff bei dec tztewlnnung der Solisten und endlich die erzielte Unterordnung des leicht nach Selbständigkeit strebenden Orchesters daran hängt und hing Herzblut. Dadurch wurde aber auch von vorn­herein jener glänzende Gesantteindrnck garan­tiert, unter dem die Zuhöhrer standen, dem Eindruck, unter der überquellenden Fülle er­schauter und gefühlter ME selbst zu schauen, zu genießen die ganze Tragik des Erlöserwillens, die dämonisch« Wut der Erlöserfeinde mit dem versöhnenden Ausgang des Erlöserlebens." »Der Chor ist unter Herrn Bades Leitung einen zwar kurzen, aber sicherlich rasch ansteigenden, ja steilen Weg gegangen und hat, man braucht das nicht einmal relativ zu nehmen, eine Höhe erreicht, die ihn zu einem acktungsgebietendcn Kunstfaktor macht." Als Solistin wirkten mit Sit'ht Rötter-Kaffel (Sopran), Eleonore Gliem- Eschwege (Alt), Prof. Richard Fischer-Würzburg (Tenor), Kurt Griebe-Kassel (Daß) und Hillc- Kaffel (Bariton), Wirksam unterstützt wurden Solisten und Chor durch die Begleitung am Flügel und Harmonium und durch die Kaffeler Jägerkapelle.

Sie Haven keine Buden l

Die Nöte der Marburger Studenten!

Bezeichnend ist ein Aufruf des Studentischen Wohnungsamts an die Marburger Bevölkerung, selbst kleine, sogar schlecht möblierte Räume ws Studentenwohnungen zur Verfügung zu stellen. In den: Aufruf beißt es: Das Sommersemester hat begonnen Zahlreicher als in den letzten Semestern strömen die Studierenden hierher; die Vorzüge M-Marbnrgs ziehen sie mehr an als eine ungemütliche Großstadt. Täglich wird die Zahl der Wohnungssuchenden Studenten größer: in den nächsten Tagen wird sie ihren Höhepunkt erreichen. Dein studentischen Woh­nungsamt ist es dann nicht mehr möglich, die nötige Anzahl freier Wohnungen bereitzuhalten. Die Studenten werden dann gezwungen sein, Marburg zu verlassen, da sie die teuren Hotel­kosten nicht tragen können. Verbittert über die Marburger Verhältnisse werden sie eine andere Universität beziehen und den guten Ruf der Stadt schädigen ...!

* Oberzwebren, 3. Mai. (Die Postagentur bleibt.) Der Verlust der Postagentur ist noch einmal glücklich an uns vorübevgegangen. Es hat sich nämlich in letzter Stunde noch ein Ein­wohner gesunden, der die Agentur zu den von der Reichspost gestellten Bedingungen über­nahm. Die Agentur befindet sich nunmehr wie­der wie früher lange Jahrzehnte im Hause des ehemaligen Postagenten und Kemeinderechuers Barthel und wird von dessen Sohn geleitet 00

* Aus dem Landkreise Kassel. 3, Mai. (Die Gutsbezirke und die Reichstagswahl.) Nach ei­ner Bekanntmachung des Landes sind die im Landkreise Kassel belesenen Gutsberirk« für die ReichStagSwahl in felgender Weise an 6 e Stimmbezirke angeschlossen: Gutsbezirk Freien­hagen an den Stimmbezirk Dennhausen, Gbz. Eiterhagen an den Stbz. Eiterhagen, Gbz. Wind­hausen an den Sib». Heiligenrode, Gtbz. Hoof

an den Stbg. Hoof, Gbz. Oberkaufungen an den Stbz. Oberkaufungen 2, Gtbz. Stift Kaufun. gen an den Stbz. Oberkaufnngen 2, Gtbz. Ei­chenberg an den Stbz. Rothwo'ten, Gtbz. Win­terbüren an den Stbz. Rothweftrn, Gtbz. Kra­genhof an den Stbz. Simmershausen, Gtbz. Wal­dau an den Stbz Wellerode. Gtbz. Gahrenberg an den Stbz. Wilhelmshausen, Gtbz Kirchdit­mold an den Stbz. Wilhelmshöhe, Gtbz. Fasa- nenhof an den Stbz. Wolfsanger 1. °°

* Hüttenrode, 3. Mai. (Folgenschwere Fleisch­vergiftung.) Fast eine ganze Familie ist dem Genuß von verdorbenem Büchsen (leisch zum Opfer gefallen. Von fünf Familienmitgliedern dos früheren Bürgermeisters Wolf sind bereits der erst seit kurzem verheiratete junge Mann und dessen Eltern int Wildungcr Krankenhaus o e- st o r b e n. Zwei Geschwister liegen noch schwer darnieder und dürften kaum mit dem Leben da­von kommen!

* Affoldern, 3 Mai. (Paddeln auf dem Eder­see.) lieber die Ostertaae wurde uns ein hier noch nicht erlebter Anblick. Einige Paddelboote sichren auf der mit Hochwasser gefüllten Eder flußab. Für gewöhnlich ist der Fluß für sol­chen Sport nicht geeignet. Aber bei dem ietzigen Wasserftande kann auch ein gewandter Vadoel- bootfMrer einmal die Fahrt nach Kassel h» gen (was übrigens schon dagewesen ist Red.). Di- kühnen Fahrer waren an der Sperrmauer «nSgestiegen, batten ihre Fahrzeuge über Land unterhalb der Mauer wieder zu Wasser gebracht und boten so den Ederbewobnern den Anblick einer luftigen Bootsfahrt flußabwärts.

* Bergheim, 3. Mai. (Heldenchrung.) Die ev.-luth. Kirchongemeinde hat nunmehr in ihrem schönen Gotteshause ihren im Weltkriege gefal­lenen Söhnen eine künstlerisch ausgkfübrte Ge­denktafel mit den Namen der sechs Gefallenen gestiftet. In einem eindrucksvollm Gottesdienst fanh am letzten Sonntag die Weihe der Tafel statt.

* Bad Wildnngen, ? Mai. (Bom Kurthea­ter.) Zum Leiter des Kurtheaters wurde der Intendant des Stadtihegters in Potsdam. Peh- lemann, vervftichtct Die früheren Direktoren Huber und Waechter bleiben an ihrer Wirkungs­stätte in Nordhausen.

Hlmmelsleuchtm im Mai.

Die Zeit der Hellen Nächte naht.

Im Saufe dieses Monats gelangt die Sonne bereits in den nördlichsten ^Teil ih'er Jahres­bahn, nahe bis an den Wendekreis des Krebses. Demgemäß nimt auch die Mittagshöhe der Sonne im Mai von 52 - auf 59'Z Grad zu. Der Sonnenaufgang der zu Beginn des Monats um 4,38 Uhr früh erfolgt Wi*t im Laufe des Monats immer Weite? in die frühesten Tagesstrtnden zurück und erfolgt am 31. M i schon um 3 55 Uhr früh. Der Sonnenuntergang verspätet sich im Mai von 7,27 Uhr auf 8,-u Uhr nachmittags. Am 18. Mai, wenn die Sonne eine nördliche Abweichung von 19V Grob er­reicht hat, finkt sie nachts nicht me-r so weit un­ter den nördlichen Horizont, daß noch völlige Dunkelheit eintritt. Von diesem Taae ab rechnet die Zeit der Hellen Nächte, in denen sich der lichte Dämmerungsbogen a'tmählch von Nordwesten über Norden nach Nordisten er­streckt, ohne daß selbst um Mitte-nacht de- Him­mel in unseren Breiten völlig finster würde.

Die Erscheinung der Hellen Nächte beginnt na­türlich früher oder später je nach der geographi- s en Brette eines Ortes. Maßgebend dafür ist ein Sonnenstand unterhalb des Nordhorizonts von weniger als achtzehn Grad. Der Termin des 18. Mai entspricht gleich der geographischen Brei­te im mittleren Norddeutschland; in Hamburg oder in Kiel beginnt die Zeit der Hellen Nächte wegen der höheren geographi'chen Breite also noiH früher, in Dresden oder Leipzig etwas spä. ter. Im äußersten deutschen Norden, etwa in Flensburg oder in Memel, ist zur Mttsommer- zeit das Phänomen dnr Hellen Nächte schon sehr auffallend und der Himnrel noch um Mitternacht so hell, daß man schon nicht mehr den Eindruck der Nacht hat; weiter nördlich, etwa in der Breite von Stockholm, kann man um Witter- nacht noch bequem im Freien lesen.

Schon in Mittelschweden wird es überhaupt nicht mehr dunkel. Vom Polarkreis ab jedoch erblickt man bei voller Tageshelle zu mit ernäch- tiger Stunde die Mitternachtssonne als großen, glühend roten Ball, und sie steht um so höher am Rordhortwnt. je weiter man nach Norden kommt. Im südlichen Spitzber­gen bereits dauert der ununterbrochene Tag Monate hindurch; ihm entspricht freilich auch monatelang« winterliche Fin - st eir n i 8, die nur erhellt wird von den phanta- stisch leuchtenden Strahlen des Nordlichts.

Der erste Schultag.

Betrackftungen einer Mutter.

Wie gern denken wohl Müter, die den ganzen Tast kein« Ruhe finden, die vom Morgen bis Abend von den verschiedenartigsten Wünschen ihrer Kleinen hin- und hergetrioben werden: Na, nach Ostern bin ich wenigstens einen der Quälgeister los." Nun aber der Tag naht, an dem sie ihr Kind zum ersten Mal in die Schule bringen soll, wieviel lieber möchte sie noch viel mehr Quälerei ertragen, brauchte sie das Kind nicht in die stemde, bisweilen rauche Welt zu schicken! Wenn man sie so gehen sieht, Mutter und Kind, an diesem ernsten Schulmo-rgen, da ist es oft schwer zu entscheiden, welches von bei­den den ängstlicheren Ausdruck im Gesicht trägt. Das Kind fürchtet sich wohl ein bißchen, beson­ders wenn schon monatelang vorher der drohend» Stock des Lehrers als Erziehungsmit­tel benutzt wurde, aber die meisten Kinder haben !a etwas verwegene Abentenrerlust in sich, und eann... hat man nicht einen Schulranzen auf dem Rücken, der jedem Vorübergehenden gleich sagt, daß man nun ein Schuljunge oder Schul­mädchen ist? Dieser Schulranzen verleiht doch Standhaftigkeit, man fühlt sich! Man liebt noch die neue glänzende Schiefertafel, die man viel­leicht schon nmf) wenigen Tagen zum Teuf:l wünschen wird, wenn mau die mißrateneni" immer und immer wieder wrgwischen muß, man hat noch seine Freude an den buntumhüllteu Schieferstiften, solange man sie noch in der Hand behalten kann, wie man will, solange man noch nichts mit dem Lineal auf den Knöchel des Z:i- gefingers bekommt, wenn er sich immer wieder zum Katzenbuckel krümmt. Harmlos kann man sich an den Bildern der Fibel freuen, denn man ahnt noch nicht ihre Tücke, ahnt nicht, daß di: weidende Kuh, die so treuherzig dreinschaut, nur dazu da iss, damit man das schwereK" lernt und daß bte großen Augen des Uhu immer vor­wurfsvoll fragen werden: Kennst du immer noch

nicht dasU"? Ja, das Kind wird abgelenkt durch all das Neue, f«ne Furcht vor der frem­den Umgebung, vor dem Lehrer wird übertönt von der Neugierde; wie wird es sein, und von dem Stolz: wenn ich alles erst erzählen kann!

Anders geht es der Mutter. Je mehr sie sich dem Schulgebäude nahem, umso schwerer wird ihr Herz. Zum ersten Mal muß sie das wqhlbehü- tete Kind in eine Umgebung bringen, die ihr völlig unbekannt ist. Gewiß, alle Erwachsenen waren auch mal in der Schule, aber schon von der Zeit her ist ihnen vielleicht der Eindruck ver­blieben, wieviel gerade bei den kleinsten Schul­kindern von der Persönlichkeit des Lehrers ab» hängt. Wird er vevstehen, die in das Kind ge­legte gute Saat zu fördern, oder wird durch Verständnislosigkeit das keimende Gute ver­nichtet werden und das Unkraut umso kräftiger emporwuchern? Wird das Kind, das an spie­lendes, freudiges eLrnen gewöhnt war, an ein Lernen, das int Aufnehmen der Antworten aus seine Fragen bestand, nur zu nüchternem, leb­losen Lernen gezwnngm werden, das dem Kind geradezu sinnlos erscheinen muß, wenn der Leh­rer es nicht versteht, das Interesse zuvor zu Wecken.

Davor und vor so manch anderen Gefahren zittert die Mutter, die bis dahin die treue, alles überwachende Hüterin ihres Kindes sein konnte. Aber auch ihre Angst gibt sich glücklicherweise, wenn das Kind erst ein paarmal mit leuchten­den 'Augen und frohen Mutes aus der Schule gekommen ist, wenn es gewichtig seine Erleb­nisse auskrami, die beweisen, daß der Lehrer Liebe und Verstehen für die ihm oft mit so za­gendem Herzen anvertrauten Kinder hat. daß er sich der heiligen Verantwortung seines Amtes Wohl belvußt ist, die Gotthelf in denFreuden rind Leiden eines Schulmeisters" mit den schö­nen Worten ausdvückt:Was ist eigentlich ein Lehrer anders, als ein geistiger Vater, der ein inneres, geistiges Leben zeugen soll in den ihm anvertrauten Kindern!"

Entflammte Herzen.

Gibt es Liebe auf den ersten Blick?

Der Chicagoer Professor Howard R. May, berrv hat hieLiebe auf den ersten Mick" einer gründlichen wissenschaftlichen Untersuchung un­terzogen und erklärt, daß es so etwas nicht gä­be. Auch dieser tiefe Kenner des Menschenherzens tragt nicht zu leugnen, daß der erste Anblick einer schönen Frau das Herz eines Mannes in säuernde Flammen versetzen könne, aber er be­streitet, daß diesLiebe auf den ersten Blick" sei, es sei vielmehr nur die Auslösung eines Geftihls. die Bestätigung eines Ideals, das schon lange vorher vorhanden war.

Männer und Frauen, die der sogenannten Liebe auf den ersten Blick zum Opfer fallen, tragen in ihrem Unterbewußtsein schon lange d i e Vorstellung von dem Wesen mit sich, dem sie sich fürs Leben verbinden wollen, und wenn diese Vorstellung nun plötzlich Wirklichkeit gewinnt, dann glauben sie, daß das Liebe aus den ersten Blick sei.Es gibt Männer, die sich in Frauen verlieben, bevor sie sie sehen," sagt der ProfessorSie tragen ein geistiges Bild der Frau in sich, die sie heiraten wollen. Dieses ort unbewußte Ideal hm sich ihnen aus der Lektüre von Romanen, aus bett Heldinnen der Filme usw. gebildet. Eines schö­nen Tages nun begegnet ein solcher Manu plötzlich einer Frau, in der er alles das zu fin­den meint, was ihm feine Träume und Hoff­nungen bisher vorgaukelten, und feine seit lan­gem bestehende Liebe findet nun Erfüllung."

Der Psychologe weiß übrigens auch ein Mit­tel anzugeben, wie man sich gegen die Liebe aus den ersten Blick schützen Bann. Er hat die nicht gerade neue Tatsache herausbekommen, dass Männer, die viel mit schönen Frauen umgehen und sich oft verlieben, weniger leicht verwundbar sind als die schüchternen, die die Damengesell- schast meiden. Der Mann, dem Frauenschönbeit nichts Neues ist, verfallt nicht dem Zauber des ersten hübschen Gesines, das ihm begegnet.

Kasseler Allerlei.

Eine kleine Mache zur grossen Wahlmache.

Liebe, gnädige Frau!

Wenn das Wortliebe" vorgerückt ist, so be­krochen Sie es als Ausfluß der Entspannung ei­nes überspannten Herzens . . .

Im großen Ganzen ist der Wahlkampf vorüber. Was nun noch kommt, ist die Wahl selbst und ... auch dieser Schmerz, er geht vorüber!

Gewiß, viele Ihrer Mitschwestern haben mir gesagt, sie hätten bereits ihre Wahl getroffen, teils den Gemahl, teils den, der's werden soll o6et den, der als solcher noch erträumt Wirb, aber . . , es hilf nichts. Sie müssen an die Wahl­urne und deshalb dtrf wohl noch einmal von bet Wahl auch in dieser sonntäglichen Epistel die Rede sein!

Um was er sich bei der Stadwerordnetenwahl handelt, das muß nun Wohl schon ein voMom- mener Fremdling lapiert haben, dicker konnte es nicht auss Butterbrot geschmiert werden als in diesen Tagen: Bor Gericht in den Sälen, an den Plakatsäulen ... o der Wonnemond und der Osterhase können keine bunteren FarbenLexe liefern als bet Wettkampf ber Parteien.

Die Ringkämpfe im Neuen Theater, fönst Sen­sation, sind schlecht besucht gewesen. Wen wun- dert's. wo eS Ringkämpse im freien Stil unb Borkampf in viel größerem Ausmaße zu beo­bachten gab!

Vor nichts wird Halt gemacht, tetol freier Ringkampf!

Unser armer Oberbürgermeister

Kann doch nicht zur Ruhe kommen,

Liebend teils und teils auch anders Wird er gründlich hochgenommen.

Seine Ehrfurcht steckt mehr in den Menschen, Ma» riskiert die dicksten Lippen

V"b das Gräßlich?«, als Narren zeigen Bader ihn mit Nqrcenstripven.

An den Seilen, überm roten Rathaus Ausgebaut. mit bunten Fransen "b mit Flitter angetan, so läßt er üttmnetträger tanzen!

Gottseldänkelcken, bis auf ganz wen'ge Von den Unaeheuernissen Hat den Fresse! man bereits gerochen, Kurzerhand ihn abgerissen.

Gar nichts half es, daß ^Er" dementiert hat Die Legende von dem Rothaus, Aus den Fetzen der zerstörten Bilder Mickt es immer wieder rot raus.

Wäre wahr es, daß besprochstren Menschen Ferne selbst die Ohren Hingen: Armer Scheidemann die Trommelfelle Mußten dir schon lange springen!

Ja. er ist arm, er, der für seine Tausend Mark, die er bekam, sogar die Armenfpeiste . . , seine eigenen Genossen, die es wissen müssen, haben ein Flugblatt verbrettet, das auch abgerissen worden ist.

Von wem, sie wiffen'S nicht!

Achtung, Arbeiter, so hieß es, die Reaktion will euren Oberbürgermeister verhungern lassen, sie Wollen ihm nicht die lumpigen 3000 Mark zahlen, die er in seinem Lebensuiterhalt so drin­gend braucht. Soll er, so Wirb Weiter gesagt, von demlumpigen" Gehalt von nicht ganz 1000 Mark im Monat leben können? Wäre nicht dir Wahlparole am Schluß gewesen, ich hätte an feindliche" Ironie geglaubt... für unfern Ob-c, vürgermeister, der Bürger aller Schattierungen zu 6etreuen hat, gibt es neben Laufejungen ja auch Feinde. Im allgemeinen Wirb bekanntlich angenommen, daß der Feind am Rheine steht . . .!

Gestern wurde mir eine Feldpostkarte zug:- fanbt, die auf der Straße gefunden worden ist, adressiert an den Oberbürgermeister mit dem ZusatzIn Zivil Privatmann", hinter der Num­mer seines Amtszimmers ein rotes Fragezeichen »nd der boshaften Frage:

Geehrter Herr Oberbürgermeister! Sie find nicht verpflachtet, sich selbst zu wähle»! Darum können Sie auch anderen Parteien Mrc Stim­me geben. Wollen Sie nicht wählen Rationell oder Demokratie »der Zentrum?

Ein Keil treibt den Anderen, immer gehtzs gegen den Oberbüvgermeister, der sich durch sein Amtsblatt aus Pie Wunderschönste» Bauten

als Produktroter Mißwirtschaft" beruft und Zeugnisse der bürgerlichen Presse anführt!

D. Wir haben immer das Gut anerkannt. ®ir ba'ben es auch nach außen bekannt gemacht. Am liebsten, gnädiger Frau, Würde ich dem Stadt- oberh.rupt das Folgende schreiben:Wenn Sie, Herr Oberbürgermeister in der Siadihrlle s. g en, man müsse, Was es Gutes in Kassel gibt, jn auswärtigen Blattern nachlesen, so haben Sie recht, nur nicht so, wie Sie es gemeint haken. Sie kennen die Weise, Sie kennen den Tert, Sie kennen auch die Verfasser und wenn Sie auch de­monstrativ vermeiden, einen dieser Verfasser grüßen zu müssen ... es schadet nichts. Wir lo­ben unser Kassel scheu wo es angebracht ist . . . die örtliche Kritik... ich glaube, Sie haben auch schon einmal ähnlich gedacht >

Wir haben immer alles Gute aus dem Rat­hause anerkannt unb Wir Wußten auch dabei, Wer es geschaffen hat. Heute Wissen Wir sogar Positiv, daß dieses Gute, das als Gemeingut b.S jetzigen Regimes in Anspruch genommen Wird, oft unter Widerspenstigkeit in den Reihen »Ihrer Leute" gelang.

Es gibt auch auf diesem Gebiet eine Ge­schichte. die später rechtlich urteilt. Uebrigenz . . . die verlästerten Bürgerlichen Waren auch dabei!*

Vielleicht interefRert Sie, gnüd. Fran, noch ei» Gebichtchen", das mir auf den Tisch flatterte:

Klage eines Hausbesitzers.

Er stand vor seinem Hause Und stöhnte Ack und Weh: Mit roter Farbe stand daran Geschmiert: Wählt K. P. D.

Das beste Oel verwandte, Wer schuf dies Farbgermsch Wer Weif ß, ob's jemals Weggeb!

v Was heute rot Jtnb frisch?!

Ließ ich das Häuschen streiche» Für schwerer Rentengeld, Daß nun mir die Fassade Versaut ist und entstellt?

Der Alte hat'S gesprochen,

Sein Herz durchkrampst ein Weh, Der wählt jetzt, doch ich glaube . h Nur eins nicht . . . K. P. D.

Sogar an die Garnisonkirche War ein Plakat geheftet worden Es gab mächtigen Krach unter denen, die es sahen und rasch war's wieder Weg]

Liebe, gnädige Fr. u. . . . Sie sehen, wir ha­ben Tinge erlebt, sie alles andere als schön, doch . ..

Wo man Wählt

Wird auch gefehlt

und Wenn die Wahlwogen verebbt, bann werbe« unter dem Dach des so heiß umstrittenen Rat, dauses Wieder holder Friede, süße Eintracht herr­schen!

Wir hoffen es. Das Eine aber lege ich Ihnen und allen, died iesen Brief lesen, mit vie­lem Bitte-bitte ans Herz: Gehen Sie an diesem Wahlsonntag nicht spazieren, bevor Sie nickt je# wählt haben . . . erst die Wahlpflicht, bann 's Vergnügen! Wer zuerst kommt, wählt zuerst und . . . kein Schlepper ärgert ihn!

Mag auch eine ganz andere Epoche in die Er­scheinung treten, alles durcheinander kugeln, im­mer der Alte bleibt

Ihr ergebener

SpottvogeL

Mein totes Mütterlein.

Von Han» Barzmann.

Ihr aften Männer ihr alten Frau'« Mit dem Blick voll Gram imd Tobesgraun, Mo habt ihr bamals, als braun und blond Noch die Äugend den Scheitel euch it6erfo.ini Wo habt ihr begraben mein Mütterlein? Wo liegt der versunken« Leichenstein ...? O ihr schüttelt das Haupt, zu lange ist's her, Ihr wiß- von jenen Tage» nichts mehr O mein Her, lag vor euch auf dem schwarze« Wagen ...

Was habt ihr, Unholden, mir jvrtgetrage»