Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
älnjeigenoreife: tSeschaftsanzsigen geile 15 Tfennia, FamUten-Anrelgen Zeile 15 Pfennig, Stein- Stnjeigen bis Wort S-/, Pfennig, Rellamen die geile öO Pfennig, Offerigebühr 10 Pfennig (bet Zusendung der Offerten 20 Pfennig), Rechnungsbeträge sind innerhalb fünf Tagen zu bezahlen. — Maßgebend ist der Kurs des gahümg-tages. Für die Richtig, reit aller durch ernsprecher aufgegeoenen Anzeigen, wwie für Aufnahmedaten und Piäye kann nicht garantiert werden. Für Anzeigen mit besonders schwierigem Satz hundert Prozent Ausschlag. Truckerei - Schlachthofstraße 28/30. Geschäftsstelle Kölnische Straße b, gegenüber der Spohrstraße. Fernsprecher Nr. 951 und 952.
Tie Kasseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal nachm ttaar D-r Ldnnne. inentspreiS beträgt für den Monat April 2,00 Mark bei freier Zustellung ins Sau" in der wetoaftfltene abgeholt 1.80 Mark. Durch die Post monatlich 2.00 Mark einschl Zustellunas- gebühr, — «tritt« uns Redaltion: Schlachthofstr. 28/30. — Fernsprecher 951'unb »52 — srur nnverlangt eingesandte Beiträge kann Sie Redaktton eine Perantwortung oder Keivahr m lernem Falle übernehmen. - Rückzahlung bei Bezugsgelde« ober Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnungSm - Higer Lieferung ist ausgeschloffen. — Postscheck- konto Frankfurt a.M. Nummer 6380t
Freitag, 4. April 1924,
Einzelnummer 10 Pf„ Sonntags 15 Ps. 14* Jahrgang
9?nmmer 81. Einzelnummer 10 Pf., Sonntags 15 Pf.
Die alliierte Militärkontrolle.
Die Ruhr-Rechnung. Poinearös Kriegspolitik.
Unsere gestrigen Telegramme brachten zwei sehr bemerkenswerte Mitteilungen über Vor stoße gegen Poincars. Der eine Vorsto geschah in der französischen Kammer, wo ein oppositioneller Abgeordneter die franzö- stsche Außenpolitik kritisierte, weil sie den Widerstand Englands erzeugen müffe. „Jedes Kabinett Poincars ist ein Kabinett zur Vorbereitung des Krieges," sagte der Abgeordnete Folgest. „Aus den heutigen Verbündeten tonnen morgen Gegner werden." In diesen Worten liegt zwar keine überraschende Weisheit denn jeder klarblickende Politiker sieht diese Entwicklung schon seit langer Zeit, aber es ist von besonderer Bedeutung, daß diese Kritik jetzt in der Kammer ausgesprochen wurde, nachdem Poin- earös neues Kabinett mit starker Gegnerschaft empfangen worden ist. Der Vorwurf der Kriegstreiberei wird noch besonders unterstrichen durch eine Rede Lloyd Georges in einer englischen Versammlung, in der er vor Frankreich warnte. »Poincarös Politik führe zu einem neuen Kriege, der keine fünf Jahre mehr auf sich warten lasse. Der Ruhrbesetzung dürfe England nicht länger ruhig zusehen." Es ist kein Geheimnis, daß Poincarss Rüstungspolitik und daS Ruhrpco- blem selbst den Franzosen ernste Sorgen macht, weil sowohl die französischen Finanzen, als auch die Beziehungen zu England nachteilig davon be- emftutzt werden. Aber für Poincars ist die Aufrechterhaltung der Ruhrbesetzung eine Sache des Prestiges. Diese Tatsache erschwert natürlich Kompromisse deren Abschluß naheliegt. wie schon die Aufnahme Loucheurs in das neue Kabinett zeigt. Denn darüber besteht heute wohl auch m Franfteich kein Zweifel, daß bei allen Vc-> bandlungen über die Sachverständigen-Gutachten die Besatzungsfrage letzten Endes den Kernpunkt bilden wird und bilden muß.
In der Kammer hat nun, um dem nationalistischen Block die schwer verdauliche Kost schmackhafter zu machen, der Berichterstatter eine Bilanz der Ruhrbesetzung aufgemacht. Die Ausgaben setzen sich zusammen aus 493 Mfl- Uween Bcsatznngskosien «n Rhein, weitere 171 Millionen für die Besetzung der Ruhr. Lu deren Deckung wurden 149 Millionen beschlagnahmt so daß hier ein Defizit von 515 Millionen sich ergibt. Die Zibilverwfaltung soll sechzig Millionen, die Kontrollkommissionen 300 000 Franken, gleich 51000 Goldmark, also insgesamt 60 051000 Gold- tttaij gekostet haben; die Einnahmen ergaben 358 500000 Franken, gleich 65 535 000 Goldmark. Jbcnn die Rechnung wirklich stimnit, so ergäbe das einen Ueberschuß von rund fünf Millionen. Uebrigens ist der Berichterstatter ein Zahlen- fongleur; er drückt die Ausgaben in Goldmark, die Einnahmen aber in Franken aus. wodurch ihm das kleine Täuschungsmanöver gelingt, daß auf der Einnahmeseite hohe Ziffern, auf der Ausgabeseite niedere Ziffern erscheinen, wahrend der flüchtige Zuhörer über den Wert getauscht ist. Was er für 1924 in Anrechnung Dringt, ist rein hypothetisch und ohne jede u"^lage; er schätzt die Einnahmen aus Zollen auf eine Milliarde sechshundert Millionen, während im vorläufigen Reichshaushalts- cntwurf die Gesamteinnahme ans Zöllen ans den zehnten Teil dieser Summe mit 150 Millionen veranschlagt ist. Ebenso sind die Erträge aus der Kohlensteuer und aus Holzverkäufcn weit iwerffchätzt, wenn auch die französische Forscholitik den ganzen Wakdbestand zu zerstören droht. Wertvoll in der ganzen Aufstellung ist nur die eine Tatsache, daß die Franzosen selbst zugeben, daß sie 160 Millionen Goldmark beschlagnahmt zu deutsch .geraubt" haben.
„ SEn aus der Ruhrbesctzung tatsächlich Ueberschüsse erzielt worden sein, so hat die Re- ParationAommission darüber zu verfügen, denn vte französische und belgische Regierung haben immer betont, daß sie das Ruhrgebiet für armeinsame Rechnung aller Alliierten besetzt halten. Wo sind diese Ueberschüsse gebucht? Die ganze Ausstellung des franzo- silchen Kammerberichtes ist ebenso zu bewerten wie die vor der Revaraftonskommission gegebene Ausmachung. Auf Grund des zugänglichen Materials kann beute schon gesagt werden, daß die Bilanz des Ruhrabenteuers eine ganz andere, und letzten Endes eine sehr traurige ist. Der französische Bericht gibt die Einnahmen zu doch, die Ausgaben zu niedrig an Die Bilanz der Ruhrbesetzung ist vielmehr folgende: eine vollständige Ertraqlosigkeit für Frank- reich —. die Zerstö:un g der deutschen Wirtschaft und der deutschen Leistungsmöglichkeit — Tausende Arbeits- und Obdachlose, Gefangene und Tote. Wenn beute schon Frankreich mit ganz phantastischen Zahlen über die Erträgnisse der Ruhrbeletzung für das Reparationskonto operiert, wie stellt maa sich dann zu dem Sachverständigen-Gutachten? Liegt in dieser Tatsache nicht dessen Mißachtuna?
Für das allgemeine Interesse ist nach den in der ftanzösischen Kammer gemachten Mitteilun- aen nur zweierlei von Bedeutung: entweder die
Bilanz ist falsch, dann paßt sie vortrefflich zu der ganzen Lügenwirt schäft und zu dem Korruptionssystem, das nach den Mitteilungen des sozialistischen Abgeordneten Jnghels über dreizehn Milliarden Franken auf betrügerische Weise im französischen Wiederauf- baugebiet verschwendete, eine Behauptung, welcher der neue Minister für die besetzten Gebiete nicht widersprach. Oder die Bilanz ist r i ch t i g, dann muß der Mehrertrag auf das Reparationskonto zugunsten Deutschlands gebucht werden Oder soll er nach dem eben ge- kennzeichneten System .verwaltet" werden? Für die Sachverständigen-Ausschüffe könnte die Verhandlung in der französischen Kammer gerade noch recht kommen zu einer vorurteilslosen und rein wirtschaftlichen Prüftmg. Die Rechnung, die Herr Poincars machen ließ, ist falsch; sie schließt mit einer beträchtlichen Unterbilanz, mit dem Ruin einer einst blühenden Wirtschaft. Daß das französische Volk selbst darunter leidet, wird allerdings verschwiegen, denn die dreizehn Milliarden Franken Korruptionsgelder flössen ebenso ans der Tasche des Volkes wie der Fehlbetrag der Ruhrbesetzung, deren einziger bezeichnender Aktivposten ans 150 Millionen geraubtem Gelbe besteht. Die französische Politik nennt auch „prodnftive Pfänder" was unproduktiv ist, zum Beispiel eine Uebererzeugnng. die störend wirken muß. denn die aus dem Ruhrgebiet geraubte Kahle ist eine schädigende Konkurrenz für den französischen Bergbau Die falsche Rechnung wird aber nach wie vor weiter geführt. Sie zn verbessern, sollten alle jene Staaten erstreben, die den Friedensvertrag mit unterzeichnet haben. Man sollte endlich einmal darauf dringen, daß Klarheit und Ehrlichkeit geschaffen weiden. ss.
Am sie MMMMKtrE.
Ungünstige Aussichten für unsere Vorschläge.
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 3. April
Die bis Abgang dieses Berichtes aus Paris vorliegenden Meldungen von der Ausnahme der deutschen Gegenvorschläge, die Militärkontrolle durch den Völkerbund ausfübren zu lassen, lassen keine sehr großen Erwartungen aufkommen. Schon die Veröffentlichung der deutschen Note durch Havas ist mit einem redaktionellen Zusatz der Agentur versehen, die darauf hinweist, daß die Entscheidung auf bfe deutsche Note dem Botschafter- rat zustehe. Bei der politischen Einstellung des Botschafterrates besagt dieses die Ablehnung der deutschen Note durch Frankreich. Auch die Pariser Presse ist auf einen zurückweisenden Ton gestimmt. — Der „Temps" meldet, über die deutsche Note sei ein Meinungsaustausch zwischen den Alliierten eingeleitet worden, bevor sich der Botschafterrat mit der Note zu befassen habe.
Liebergriffe der Kommission.
Berlin, 3. April. (Privattelegramm.) Das Reichskabinett hat gestern nachmittag eine kurze Sitzung abgehaltcn, um laufende Fragen zu besprechen. Dem Kabinett liegen eine Reihe von Beschwerden, aus dem Reiche vor über Vorgänge anläßlich der neuen alliierten Militärkontrolle, die mehrfach zu privatrechtlichen Ein- griffen der Ueberwachungskommission geführt hat. Eine offizielle Stellungnahme des Kabi- cntts ist hierzu noch nicht erfolgt.
Der Eisenbahner-Ausstand.
Kein Ergebnis der Verhanillungen.
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 3. April.
Die Eisrnbahnerstreikbewegnng hat gestern aus die Direttionsbezirke Magdeburg, Hannover und Halle bergegriffen. Ueberall werden Forderungen gestellt, die möglichst kurz befristet find. So sind im Bezirk Halle nur drei Tage Frist zur Annahme der Forderungen gestellt. Die Bewegung trägt tmrchweg radikalen Charakter. In Osnabrück kam eS zu Zn- ammenstößen zwischen streikenden und arbeitswilligen Werkstättenarbeitern. In Berlin sollten heute mittag Urabstimmungen stattfindcn. Die Direktion hat die Vornahme dieser Abstimmungen innerhalb der Betriebe verboten. — Die Verhandlungen, die im Reichsverkehes- ministerium mit den Spitzengewerffchaften der Eisenbahner über Lohntarife und Lohnhöhe am Montag begonnen haben und am Dienstag fortgesetzt worden find, haben noch nicht zu einem Abschluß geführt, indessen wird gehofft, daß man zu einem günstigen Erg^nis kommen wird.
* * *
Kampf um den Achtstundentag.
Berlin, 3. April. (Privattelegramm.) Die Eisenbahndirektion hat Verhandlungen mit den Eisenbahnerorganisationen wegen Wiedereinfüh- "•”3 des Achtstundentages abgclehnt der gestrigen radikalen Berliuer Eisenbahner-
Versammlung in Berlin-Rummelsburg sprach ein Delegierter der streikenden Mannheimer Eisenbahner. Rach seinen Erklärungen würde cs zum baldigen Kampf der Eisenbahner in ganz Deutschland für den Achtstundentag kommen, dessen politisches Ziel die Sicherung der „Errungen- schifften der Revolution" sei. Die Annahme der Resolution erfolgte einstimmig und ein „Aktions- komitec" zur Vorbereitung der weiteren Schritte wurde von der Versammlung gewählt.
Lärmende Franzosen.
Militärfeindliche Propaganda am Rhein?
(Eigener Drahtbericht.)
Paris, 3. April.
In der französischen Kammer wurde gestern die große Debatte fottgesetzt, wobei es zu unerhörten Lärmszenen kam. Der Kriegs- Minister Maginot sprach mehrfach von den „Boches". Poincars erklärte wiederholt, cs werde weder in der Innen- noch in der Außenpolitik etwas geändert. Er wies sodann aiff die neuen Gesetze hin, die durchgcführt werden wüßten. Auf eine Bemerkung des Abgeordneten Buisson eingehend, erklärte Poincars, es sei natürlich, daß man -er antimilitaristischen Propaganda in der Rheinarmec entgegentrete. (ES handelt fich hier nm die angebliche Komplottangclegenheit, in die feinerzett die Kommunisten Cachin und Gen. verwickelt waren. Die Hauptbeweismittel waren, wie Buisson fest- stellte, erwiesenermaßen Fälschungen obgleich früher der Kriegsminister ihre Echtheit bezeugt hatte.) Kricgsministcr Maginot unterbricht und verliest einen Bericht des im Rheinland kommandierenden Generals Roqiicnau über die Propaganda in der französischen Rheinarmec, die tt als »ntiwilitaristisch geißelt. Sie werde im Ruhraebiet stark betrieben. Die Sozialisten und Kommunisten rufen dazwischen: „Fälschung! Fälschung!" Poincars erklärt, der KricgS- minister habe nicht bestritten, daß es fick um eine Fälschung handele, aber er würde sich einer Pflichtverletzung schuldig gemacht haben, wenn er das Schriftstück nicht dem Gericht übermittelt hätte. Von kommunistischer Seite werden wiederum Proteste laut, und es entsteht ein großer Tumult, so daß die Sitzung unterbrochen wird.
*
Bas Ruhrgebiet bleibt besetzt.
Paris, 3. April. (Eigene Drohtmcldung) In der gestrigen Kammerdebatte bemerkte Po- ineore, Frankreich werde das Ruhrgebiet nicht aufgcben, ehe cS vollkommen bezahlt sei. Es werde also seine Druckmittel in der Hand behalten. Sein Verfahren werde es nur gegen ein besseres Verfahren ausiauschcn Der Mini- > -rpräsident ging dann auf die Frage des Garan- tievaktes über. Er wies jede Verantwortung für das Wicdercrwachen des Nationalismus in Deutschland zurück. Die Alliierten Frankreichs hätten seine Ansichten nicht immer geteilt, weil sie nicht die unmittelbaren Nachbarn Deutschlands feien. Aber sämtliche Alliierten Frankreichs verständen die Sprache der Tatsachen. (?) Wenn die Beschlüsse der Reparations- kommifsion auf Grund des Berichtes der Sach verständigen durchgeführt werden sollten, so müßte der einige Wille sämtlicher Alliierten ständig in die Erscheinung treten. Auf alle Fälle werde der Wille Frankreichs nicht nachlassen. (Beifall rechts und in der Mitte.)
Sachverstemdmen-Bericht.
Di« Ueberreichung steht bevor.
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 3. April.
Havas versicherte gestern abend, es sei nunmehr ganz bestimmt mit der Ueberreichung der Iachverständigen-Berichte an die ReparattonS- kommiffion für Freitag ober Sonnabend zu rechnen. Der Bericht des Komitees Dawes ist etwa dreihundert Seiten stark, während der des Komitees MacKenna sechzig Druckseiten umfaßt. Die Drucklegung erfolgte in der franzö- sischen Staatsdruckerci. Die Schlußfolgerungen der beiden Berichte liegen bereits fertig vor. Der Brüsseler Korrespondent der „Times" meldet, man sei in amtlichen Kreisen in Brüssel der Ansicht, daß die alliierten Regierungen die Schlußfolgerungen der beiden Komitees ohne Verzug in ihrer Gesamtheit annchmen würden.
•
Lite letzten Trorkehrungen.
Paris, 3. April. (Eigene Drahtmeldung.) Der Banttinteransschuß und das Komitee Dawes haben alle noch in der Schwebe befindlichen Fragen im Laufe des gestrigen Tages enbguh tig geregelt. Der Redaktionsausschuß hat nunmehr allein noch die letzte Hand an seinen Bericht zu legen. Beide Komitees werden wahrscheinlich eine gemeinsame Sitzung ahhalten, in deren Verlauf der Gesamtbericht, in dem ihre Arbeiten zusammengefaßt find, der Billigung sämtlicher Sachverständigen unterbrettet wird.
Das Kinderelend.
Aus der Reichshauptstadt.
Dl« atttn bei bekannten Geigenvirtuosen Frttz 5trei«ler, eine der grStzten W-HUüteeinneu file Deutschland, Fran Harriet Rtei Ur, ttutzert sich in einem amerikanischen Blatt übet da« Kinder- elend, da« ihr in Berlin beregnet ist, wie zeigt Es ist ein wundervolles Mysterium um eines Kindes Seele. Rein unb klar wie der Spiegel eines Waldsces liegt jic da, empfänglich für jeden Liebcsbeweis und dankbar sü: jedes freundliche Wort. Wer wie ich seit Jahren die Kinderseele studiert hat, weiß, wie wenig an irdischen Gut dazu gehört, ein Kind glücklich zu machen. Draußen tm Norden Berlins war's, in einer jener Straßen, wo Rot und Armut zu Hause sind, wo mir ein kleines Mädchen, das ich fragte, weshalb es fröhlich fei, antwortete: „Dante, siehst du's denn nicht ,die Sonne scheint doch." Mcrsierthttt und Ucberkultur sind meist das Werk unserer eigenen Erziehung. Die Krn- dersele ist lauter und fleckenlos und gerade deshalb unserer besonderen Fürsorge wert. Stets hab: ich Neigung zu Kindern gehabt. Schon in meiner Jugend in Amerika nahm ich mich der Kleinen an. Und als dann der groß: Weltkrieg kam und mit ihm das namenlose Kia. dereleud hereinbrach, konnte ich immer dort wirken, wo diese Not am grüßten war. Selbst kinderlos, bringe ich meine heiße Lisbe zu Kind ’rn dadurch zum Ausdruck, daß ich sie
den Bedürftigsten unter ihnen fühlen lasse. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß es durchaus notwendig und von der gütigen Natur vorgesehen ist, daß es kinderlose und ledige Frauen gibt, denn nur die Entsagung vermag jene Größe der Ausopferung und Tiefe der Liebe heivorzubringcn, die einer Mutter, deren eigenes Kind natürlicheviveise Mittelpunkt ihres Lebensinhaltes ist, fremd blnbt. Ich war glücklich, als ich in Oesterreich, dcr Heimat meines Mannes, manches Lächeln auf ein leidendes Kindergesicht zaubern und manchen dankerfüllten Blick einer Mutter erhaschen konnte. Die Kunst meines Mannes ist nur Mittel zum Zweck, denn die Hingabe für die unschuldigen Kleinen ist mir zum Lebensbedürfnis geworden. Das Kin- dcrelcnd im jetzigen Deutschland ist aber wohl das Gräßlichste, was ich bisher erlebt habe. Der strenge Winter, die allgemeine Verarmung, der Mangel an den notwendigsten Dingen des täglichen Lebens haben das Elend vielfach bis zum Entsetzen gesteigert. In Berlin allein sind etwa 45000 Säuglinge (0—1 Jahr) und 190000 Kleinkinder (1—6 Fahre) durch den Weltkrieg und feine Folgen
in ihrer Existenz bedroht.
Schon die Tatsache, daß junge Mutter vielfach an Unterernährung leiden und durch einen anstrengenden Nebenberuf oft der Psychose an- heimfallen, erklärt es, daß viele Kinder unter« entwickelt und krankhaft zur Welt kommen. Ter Mangel an Milch und lcichtvcrdaulichen Mehlen und das hiedurch bedingte Verwenden schädlicher Surrogate lassen eine Behebung der ungünsttgen Naturanlagen, eine Kräftigung der Lebenskraft ausgeschlossen erscheinen. Die Fol- gnt der Unterernährung sind schLvgche Knochen, schlaffe Muskeln, Blutarmut, Rachitis unb Tuberkulose. die Folgen der ungenügenden Bekleidung Erkrankungen der Atmimgsorgane und dez Magens. Teuerung und Wohnungsnot sind die anderen großen Würgeengel der deutschen Kinderwelt, die in Not unb Elend ausgewachsen, späterhin natürlich in ihrer geistigen und seelischen Leistungsfähigkeit stark heraüge- drückt sein muß. Die grüßte Gefahr im heutigen Deutschland scheint mir in der völligen Stt'mpf- heit und Apathie zu liegen, die ganze Volkskreise und nicht zuletzt am schwersten
die jungen Mieter ergriffen bat. Würde nicht das Gebot der Nächstenliebe die anderen Rationen zu schleuniger Hilfe anspornen müssen, fürwahr, es müßte der Gedanke des Selbstschutzes sein. Ja, es ist et- was Wundervolles um eines Kindes Seele. Wer ich diesem Liebeswerke von ganzem Herzen hingibt, wird überreichlich belohnt. Ein neuer Manz kommt in sein Leben, den Alltag mit goldigem Schimmer verklärend. Die inneren Kräfte wachsen. Auch ick habe gefühlt, daß meine seelischen Kräfte bei dem völligen Aus- geüen in der Liebestätigkeit ein: ungeahnte Schwi'ngkraft erhielten. Gottlob gibt es im Heutigen Deutschland noch Frauen genug, denen das Mysterium der Kindcrseele Erlebnis geworden ist und dern Heldentum um so höher zu heran- schlagen ist, als cs sich unerkannt nur in stillem Dulden und mit einer ost übermenschlichen Aus. chfferungsfähigkeit äußert. Damen aus alten vornehmen Geschlechtern wirken in den K i n- derashlrn in einfacher Schwesterntracht unb wollen nicht bei ihrem Namen angerebet sein, andern nennen sich einfach Schwester Agathe oder Schwester Sybille. — Die Größe des Kinde re lend s in Deutschland ist unter anderem ebne Folg« des Zusammenbruches der öffentlichen und privaten Fürsorgetätigkcit. Die geldlichen Mittel zu ihrer Ausübung sind