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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Freitag, 4. April 1924,

Einzelnummer 10 Pf Sonntags 15 Ps. 14* Jahrgang

9?nmmer 81. Einzelnummer 10 Pf., Sonntags 15 Pf.

Die alliierte Militärkontrolle.

Die Ruhr-Rechnung. Poinearös Kriegspolitik.

Unsere gestrigen Telegramme brachten zwei sehr bemerkenswerte Mitteilungen über Vor stoße gegen Poincars. Der eine Vorsto geschah in der französischen Kammer, wo ein oppositioneller Abgeordneter die franzö- stsche Außenpolitik kritisierte, weil sie den Wi­derstand Englands erzeugen müffe.Jedes Ka­binett Poincars ist ein Kabinett zur Vorberei­tung des Krieges," sagte der Abgeordnete Fol­gest.Aus den heutigen Verbündeten tonnen morgen Gegner werden." In diesen Worten liegt zwar keine überraschende Weisheit denn jeder klarblickende Politiker sieht diese Entwick­lung schon seit langer Zeit, aber es ist von be­sonderer Bedeutung, daß diese Kritik jetzt in der Kammer ausgesprochen wurde, nachdem Poin- earös neues Kabinett mit starker Gegnerschaft empfangen worden ist. Der Vorwurf der Kriegs­treiberei wird noch besonders unterstrichen durch eine Rede Lloyd Georges in einer englischen Versammlung, in der er vor Frankreich warnte. »Poincarös Politik führe zu einem neuen Kriege, der keine fünf Jahre mehr auf sich warten lasse. Der Ruhrbesetzung dürfe England nicht länger ruhig zusehen." Es ist kein Geheimnis, daß Poincarss Rüstungspolitik und daS Ruhrpco- blem selbst den Franzosen ernste Sorgen macht, weil sowohl die französischen Finanzen, als auch die Beziehungen zu England nachteilig davon be- emftutzt werden. Aber für Poincars ist die Auf­rechterhaltung der Ruhrbesetzung eine Sache des Prestiges. Diese Tatsache erschwert natürlich Kompromisse deren Abschluß naheliegt. wie schon die Aufnahme Loucheurs in das neue Kabinett zeigt. Denn darüber besteht heute wohl auch m Franfteich kein Zweifel, daß bei allen Vc-> bandlungen über die Sachverständigen-Gutachten die Besatzungsfrage letzten Endes den Kernpunkt bilden wird und bilden muß.

In der Kammer hat nun, um dem natio­nalistischen Block die schwer verdauliche Kost schmackhafter zu machen, der Berichterstatter eine Bilanz der Ruhrbesetzung aufgemacht. Die Ausgaben setzen sich zusammen aus 493 Mfl- Uween Bcsatznngskosien «n Rhein, weitere 171 Millionen für die Besetzung der Ruhr. Lu deren Deckung wurden 149 Millionen beschlagnahmt so daß hier ein Defizit von 515 Millionen sich ergibt. Die Zibilverwfaltung soll sechzig Millionen, die Kontrollkommissionen 300 000 Franken, gleich 51000 Goldmark, also insgesamt 60 051000 Gold- tttaij gekostet haben; die Einnahmen ergaben 358 500000 Franken, gleich 65 535 000 Goldmark. Jbcnn die Rechnung wirklich stimnit, so ergäbe das einen Ueberschuß von rund fünf Millionen. Uebrigens ist der Berichterstatter ein Zahlen- fongleur; er drückt die Ausgaben in Gold­mark, die Einnahmen aber in Franken aus. wo­durch ihm das kleine Täuschungsmanöver ge­lingt, daß auf der Einnahmeseite hohe Ziffern, auf der Ausgabeseite niedere Ziffern erscheinen, wahrend der flüchtige Zuhörer über den Wert getauscht ist. Was er für 1924 in Anrechnung Dringt, ist rein hypothetisch und ohne jede u"^lage; er schätzt die Einnahmen aus Zollen auf eine Milliarde sechshundert Millio­nen, während im vorläufigen Reichshaushalts- cntwurf die Gesamteinnahme ans Zöllen ans den zehnten Teil dieser Summe mit 150 Millionen veranschlagt ist. Ebenso sind die Erträge aus der Kohlensteuer und aus Holzverkäufcn weit iwerffchätzt, wenn auch die französische Forscholitik den ganzen Wakdbestand zu zerstören droht. Wertvoll in der ganzen Aufstellung ist nur die eine Tatsache, daß die Franzosen selbst zugeben, daß sie 160 Millionen Goldmark beschlagnahmt zu deutsch .geraubt" haben.

SEn aus der Ruhrbesctzung tatsächlich Ueberschüsse erzielt worden sein, so hat die Re- ParationAommission darüber zu verfügen, denn vte französische und belgische Regierung haben immer betont, daß sie das Ruhrgebiet für ar­meinsame Rechnung aller Alliierten be­setzt halten. Wo sind diese Ueberschüsse gebucht? Die ganze Ausstellung des franzo- silchen Kammerberichtes ist ebenso zu bewerten wie die vor der Revaraftonskommission gegebene Ausmachung. Auf Grund des zugänglichen Ma­terials kann beute schon gesagt werden, daß die Bilanz des Ruhrabenteuers eine ganz an­dere, und letzten Endes eine sehr traurige ist. Der französische Bericht gibt die Einnahmen zu doch, die Ausgaben zu niedrig an Die Bilanz der Ruhrbesetzung ist vielmehr folgende: eine vollständige Ertraqlosigkeit für Frank- reich. die Zerstö:un g der deutschen Wirtschaft und der deutschen Leistungs­möglichkeit Tausende Arbeits- und Obdachlose, Gefangene und Tote. Wenn beute schon Frankreich mit ganz phantastischen Zahlen über die Erträgnisse der Ruhrbeletzung für das Reparationskonto operiert, wie stellt maa sich dann zu dem Sachverständigen-Gutachten? Liegt in dieser Tatsache nicht dessen Mißachtuna?

Für das allgemeine Interesse ist nach den in der ftanzösischen Kammer gemachten Mitteilun- aen nur zweierlei von Bedeutung: entweder die

Bilanz ist falsch, dann paßt sie vortrefflich zu der ganzen Lügenwirt schäft und zu dem Korruptionssystem, das nach den Mitteilungen des sozialistischen Abgeordneten Jnghels über dreizehn Milliarden Franken auf betrügerische Weise im französischen Wiederauf- baugebiet verschwendete, eine Behauptung, wel­cher der neue Minister für die besetzten Gebiete nicht widersprach. Oder die Bilanz ist r i ch t i g, dann muß der Mehrertrag auf das Repara­tionskonto zugunsten Deutschlands gebucht werden Oder soll er nach dem eben ge- kennzeichneten System .verwaltet" werden? Für die Sachverständigen-Ausschüffe könnte die Ver­handlung in der französischen Kammer gerade noch recht kommen zu einer vorurteilslosen und rein wirtschaftlichen Prüftmg. Die Rechnung, die Herr Poincars machen ließ, ist falsch; sie schließt mit einer beträchtlichen Unterbilanz, mit dem Ruin einer einst blühenden Wirtschaft. Daß das französische Volk selbst darunter leidet, wird allerdings verschwiegen, denn die dreizehn Mil­liarden Franken Korruptionsgelder flössen ebenso ans der Tasche des Volkes wie der Fehlbetrag der Ruhrbesetzung, deren einziger bezeichnender Aktivposten ans 150 Millionen geraubtem Gelbe besteht. Die französische Politik nennt auchprodnftive Pfänder" was unproduktiv ist, zum Beispiel eine Uebererzeugnng. die störend wirken muß. denn die aus dem Ruhrgebiet ge­raubte Kahle ist eine schädigende Konkurrenz für den französischen Bergbau Die falsche Rechnung wird aber nach wie vor weiter ge­führt. Sie zn verbessern, sollten alle jene Staa­ten erstreben, die den Friedensvertrag mit un­terzeichnet haben. Man sollte endlich einmal darauf dringen, daß Klarheit und Ehrlichkeit geschaffen weiden. ss.

Am sie MMMMKtrE.

Ungünstige Aussichten für unsere Vorschläge.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 3. April

Die bis Abgang dieses Berichtes aus Paris vorliegenden Meldungen von der Ausnahme der deutschen Gegenvorschläge, die Mi­litärkontrolle durch den Völkerbund ausfübren zu lassen, lassen keine sehr gro­ßen Erwartungen aufkommen. Schon die Veröffentlichung der deutschen Note durch Havas ist mit einem redaktionellen Zusatz der Agentur versehen, die darauf hinweist, daß die Entschei­dung auf bfe deutsche Note dem Botschafter- rat zustehe. Bei der politischen Einstellung des Botschafterrates besagt dieses die Ablehnung der deutschen Note durch Frankreich. Auch die Pa­riser Presse ist auf einen zurückweisenden Ton gestimmt. DerTemps" meldet, über die deutsche Note sei ein Meinungsaustausch zwischen den Alliierten eingeleitet worden, bevor sich der Botschafterrat mit der Note zu befassen habe.

Liebergriffe der Kommission.

Berlin, 3. April. (Privattelegramm.) Das Reichskabinett hat gestern nachmittag eine kurze Sitzung abgehaltcn, um laufende Fragen zu be­sprechen. Dem Kabinett liegen eine Reihe von Beschwerden, aus dem Reiche vor über Vorgänge anläßlich der neuen alliierten Militärkontrolle, die mehrfach zu privatrechtlichen Ein- griffen der Ueberwachungskommission geführt hat. Eine offizielle Stellungnahme des Kabi- cntts ist hierzu noch nicht erfolgt.

Der Eisenbahner-Ausstand.

Kein Ergebnis der Verhanillungen.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 3. April.

Die Eisrnbahnerstreikbewegnng hat gestern aus die Direttionsbezirke Magdeburg, Han­nover und Halle bergegriffen. Ueberall wer­den Forderungen gestellt, die möglichst kurz befristet find. So sind im Bezirk Halle nur drei Tage Frist zur Annahme der Forderungen ge­stellt. Die Bewegung trägt tmrchweg radikalen Charakter. In Osnabrück kam eS zu Zn- ammenstößen zwischen streikenden und ar­beitswilligen Werkstättenarbeitern. In Berlin sollten heute mittag Urabstimmungen stattfindcn. Die Direktion hat die Vornahme dieser Abstim­mungen innerhalb der Betriebe verboten. Die Verhandlungen, die im Reichsverkehes- ministerium mit den Spitzengewerffchaften der Eisenbahner über Lohntarife und Lohnhöhe am Montag begonnen haben und am Dienstag fort­gesetzt worden find, haben noch nicht zu einem Abschluß geführt, indessen wird gehofft, daß man zu einem günstigen Erg^nis kommen wird.

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Kampf um den Achtstundentag.

Berlin, 3. April. (Privattelegramm.) Die Eisenbahndirektion hat Verhandlungen mit den Eisenbahnerorganisationen wegen Wiedereinfüh- "3 des Achtstundentages abgclehnt der gestrigen radikalen Berliuer Eisenbahner-

Versammlung in Berlin-Rummelsburg sprach ein Delegierter der streikenden Mannheimer Eisen­bahner. Rach seinen Erklärungen würde cs zum baldigen Kampf der Eisenbahner in ganz Deutschland für den Achtstundentag kommen, des­sen politisches Ziel die Sicherung derErrungen- schifften der Revolution" sei. Die Annahme der Resolution erfolgte einstimmig und einAktions- komitec" zur Vorbereitung der weiteren Schritte wurde von der Versammlung gewählt.

Lärmende Franzosen.

Militärfeindliche Propaganda am Rhein?

(Eigener Drahtbericht.)

Paris, 3. April.

In der französischen Kammer wurde gestern die große Debatte fottgesetzt, wobei es zu unerhörten Lärmszenen kam. Der Kriegs- Minister Maginot sprach mehrfach von den Boches". Poincars erklärte wiederholt, cs werde weder in der Innen- noch in der Außen­politik etwas geändert. Er wies sodann aiff die neuen Gesetze hin, die durchgcführt werden wüß­ten. Auf eine Bemerkung des Abgeordneten Buisson eingehend, erklärte Poincars, es sei na­türlich, daß man -er antimilitaristischen Propaganda in der Rheinarmec ent­gegentrete. (ES handelt fich hier nm die angeb­liche Komplottangclegenheit, in die feinerzett die Kommunisten Cachin und Gen. verwickelt waren. Die Hauptbeweismittel waren, wie Buisson fest- stellte, erwiesenermaßen Fälschungen ob­gleich früher der Kriegsminister ihre Echtheit be­zeugt hatte.) Kricgsministcr Maginot unterbricht und verliest einen Bericht des im Rheinland kom­mandierenden Generals Roqiicnau über die Pro­paganda in der französischen Rheinarmec, die tt als »ntiwilitaristisch geißelt. Sie werde im Ruhr­aebiet stark betrieben. Die Sozialisten und Kom­munisten rufen dazwischen:Fälschung! Fälschung!" Poincars erklärt, der KricgS- minister habe nicht bestritten, daß es fick um eine Fälschung handele, aber er würde sich einer Pflichtverletzung schuldig gemacht haben, wenn er das Schriftstück nicht dem Gericht übermittelt hätte. Von kommunistischer Seite werden wie­derum Proteste laut, und es entsteht ein großer Tumult, so daß die Sitzung unterbrochen wird.

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Bas Ruhrgebiet bleibt besetzt.

Paris, 3. April. (Eigene Drohtmcldung) In der gestrigen Kammerdebatte bemerkte Po- ineore, Frankreich werde das Ruhrgebiet nicht aufgcben, ehe cS vollkommen bezahlt sei. Es werde also seine Druckmittel in der Hand behalten. Sein Verfahren werde es nur gegen ein besseres Verfahren ausiauschcn Der Mini- > -rpräsident ging dann auf die Frage des Garan- tievaktes über. Er wies jede Verantwortung für das Wicdercrwachen des Nationalis­mus in Deutschland zurück. Die Alliierten Frankreichs hätten seine Ansichten nicht immer geteilt, weil sie nicht die unmittelbaren Nachbarn Deutschlands feien. Aber sämtliche Alliierten Frankreichs verständen die Sprache der Tat­sachen. (?) Wenn die Beschlüsse der Reparations- kommifsion auf Grund des Berichtes der Sach verständigen durchgeführt werden sollten, so müßte der einige Wille sämtlicher Alliierten ständig in die Erscheinung treten. Auf alle Fälle werde der Wille Frankreichs nicht nachlassen. (Beifall rechts und in der Mitte.)

Sachverstemdmen-Bericht.

Di« Ueberreichung steht bevor.

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 3. April.

Havas versicherte gestern abend, es sei nun­mehr ganz bestimmt mit der Ueberreichung der Iachverständigen-Berichte an die ReparattonS- kommiffion für Freitag ober Sonnabend zu rechnen. Der Bericht des Komitees Dawes ist etwa dreihundert Seiten stark, während der des Komitees MacKenna sechzig Druckseiten um­faßt. Die Drucklegung erfolgte in der franzö- sischen Staatsdruckerci. Die Schlußfolgerungen der beiden Berichte liegen bereits fertig vor. Der Brüsseler Korrespondent derTimes" meldet, man sei in amtlichen Kreisen in Brüssel der An­sicht, daß die alliierten Regierungen die Schluß­folgerungen der beiden Komitees ohne Verzug in ihrer Gesamtheit annchmen würden.

Lite letzten Trorkehrungen.

Paris, 3. April. (Eigene Drahtmeldung.) Der Banttinteransschuß und das Komitee Dawes haben alle noch in der Schwebe befindlichen Fragen im Laufe des gestrigen Tages enbguh tig geregelt. Der Redaktionsausschuß hat nun­mehr allein noch die letzte Hand an seinen Be­richt zu legen. Beide Komitees werden wahr­scheinlich eine gemeinsame Sitzung ahhalten, in deren Verlauf der Gesamtbericht, in dem ihre Arbeiten zusammengefaßt find, der Billigung sämtlicher Sachverständigen unterbrettet wird.

Das Kinderelend.

Aus der Reichshauptstadt.

Dl« atttn bei bekannten Geigenvirtuosen Frttz 5trei«ler, eine der grStzten W-HUüteeinneu file Deutschland, Fran Harriet Rtei Ur, ttutzert sich in einem amerikanischen Blatt übet da« Kinder- elend, da« ihr in Berlin beregnet ist, wie zeigt Es ist ein wundervolles Mysterium um eines Kindes Seele. Rein unb klar wie der Spiegel eines Waldsces liegt jic da, emp­fänglich für jeden Liebcsbeweis und dankbar: jedes freundliche Wort. Wer wie ich seit Jahren die Kinderseele studiert hat, weiß, wie wenig an irdischen Gut dazu gehört, ein Kind glücklich zu machen. Draußen tm Norden Berlins war's, in einer jener Straßen, wo Rot und Armut zu Hause sind, wo mir ein kleines Mädchen, das ich fragte, weshalb es fröhlich fei, antwortete: Dante, siehst du's denn nicht ,die Sonne scheint doch." Mcrsierthttt und Ucberkultur sind meist das Werk unserer eigenen Erziehung. Die Krn- dersele ist lauter und fleckenlos und gerade des­halb unserer besonderen Fürsorge wert. Stets hab: ich Neigung zu Kindern gehabt. Schon in meiner Jugend in Amerika nahm ich mich der Kleinen an. Und als dann der groß: Weltkrieg kam und mit ihm das namenlose Kia. dereleud hereinbrach, konnte ich immer dort wir­ken, wo diese Not am grüßten war. Selbst kin­derlos, bringe ich meine heiße Lisbe zu Kindrn dadurch zum Ausdruck, daß ich sie

den Bedürftigsten unter ihnen fühlen lasse. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß es durchaus notwendig und von der güti­gen Natur vorgesehen ist, daß es kinderlose und ledige Frauen gibt, denn nur die Entsagung ver­mag jene Größe der Ausopferung und Tiefe der Liebe heivorzubringcn, die einer Mutter, deren eigenes Kind natürlicheviveise Mittelpunkt ihres Lebensinhaltes ist, fremd blnbt. Ich war glück­lich, als ich in Oesterreich, dcr Heimat meines Mannes, manches Lächeln auf ein leidendes Kindergesicht zaubern und manchen dankerfüllten Blick einer Mutter erhaschen konnte. Die Kunst meines Mannes ist nur Mittel zum Zweck, denn die Hingabe für die unschuldigen Kleinen ist mir zum Lebensbedürfnis geworden. Das Kin- dcrelcnd im jetzigen Deutschland ist aber wohl das Gräßlichste, was ich bisher erlebt habe. Der strenge Winter, die allgemeine Ver­armung, der Mangel an den notwendigsten Din­gen des täglichen Lebens haben das Elend viel­fach bis zum Entsetzen gesteigert. In Berlin allein sind etwa 45000 Säuglinge (01 Jahr) und 190000 Kleinkinder (16 Fahre) durch den Weltkrieg und feine Folgen

in ihrer Existenz bedroht.

Schon die Tatsache, daß junge Mutter vielfach an Unterernährung leiden und durch einen anstrengenden Nebenberuf oft der Psychose an- heimfallen, erklärt es, daß viele Kinder unter« entwickelt und krankhaft zur Welt kommen. Ter Mangel an Milch und lcichtvcrdaulichen Meh­len und das hiedurch bedingte Verwenden schädlicher Surrogate lassen eine Behebung der ungünsttgen Naturanlagen, eine Kräftigung der Lebenskraft ausgeschlossen erscheinen. Die Fol- gnt der Unterernährung sind schLvgche Knochen, schlaffe Muskeln, Blutarmut, Rachitis unb Tu­berkulose. die Folgen der ungenügenden Beklei­dung Erkrankungen der Atmimgsorgane und dez Magens. Teuerung und Wohnungs­not sind die anderen großen Würgeengel der deutschen Kinderwelt, die in Not unb Elend aus­gewachsen, späterhin natürlich in ihrer geistigen und seelischen Leistungsfähigkeit stark heraüge- drückt sein muß. Die grüßte Gefahr im heutigen Deutschland scheint mir in der völligen Stt'mpf- heit und Apathie zu liegen, die ganze Volks­kreise und nicht zuletzt am schwersten

die jungen Mieter ergriffen bat. Würde nicht das Gebot der Näch­stenliebe die anderen Rationen zu schleuniger Hilfe anspornen müssen, fürwahr, es müßte der Gedanke des Selbstschutzes sein. Ja, es ist et- was Wundervolles um eines Kindes Seele. Wer ich diesem Liebeswerke von ganzem Her­zen hingibt, wird überreichlich belohnt. Ein neuer Manz kommt in sein Leben, den Alltag mit goldigem Schimmer verklärend. Die inne­ren Kräfte wachsen. Auch ick habe gefühlt, daß meine seelischen Kräfte bei dem völligen Aus- geüen in der Liebestätigkeit ein: ungeahnte Schwi'ngkraft erhielten. Gottlob gibt es im Heu­tigen Deutschland noch Frauen genug, denen das Mysterium der Kindcrseele Erlebnis geworden ist und dern Heldentum um so höher zu heran- schlagen ist, als cs sich unerkannt nur in stillem Dulden und mit einer ost übermenschlichen Aus. chfferungsfähigkeit äußert. Damen aus alten vornehmen Geschlechtern wirken in den K i n- derashlrn in einfacher Schwesterntracht unb wollen nicht bei ihrem Namen angerebet sein, andern nennen sich einfach Schwester Agathe oder Schwester Sybille. Die Größe des Kin­de re lend s in Deutschland ist unter anderem ebne Folg« des Zusammenbruches der öffentli­chen und privaten Fürsorgetätigkcit. Die geldlichen Mittel zu ihrer Ausübung sind