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Kassckr NeUste Nachrichtm

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

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Nummer 71. Einzelnummer 10 Pf. Sonntags 15 Pf. Sonntag, 23. März 1924. Einzelnummer 10 Pf-, Sonntags 15 Pf. 14. Jahrgang

Tie Kaffeier Neueste« Nachrichten erscheinen wöchentltcb sechsmal nachm ttagr. Der Adonne. mentspreis beträgt für di« Zeit vom 10. bi» 31. Mir, 1,50 Mark bei freier Zustellung in» Hau», in der TekchästssteUe abgeholt 135 Pfennige. Verlag und Redaktion: Schlachibofstratze 28/30. Fernsprecher Nummer 951 und 952. Für unverlangt esngesandie Beiträge kann die Redaktion eine Verantwortung oder Gewähr in keinem Falle übernehmen. Rückzahlung des BezugSgelde» oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnüngimäßiger Lieferung ist ausgeschloffen. PoMcheck. tonte Frankfurt a.M. Nummer 3380.

Um Veulschland und öen Völkerbund.

Bewegte Tage. Lnaufhörltche Kampfstimmung.

Man kann nicht gerade sagen, daß in diesen Lagen die Gemüter mehr erregt wären als sonst. Wer sich mit Politik befaßt, könnte leicht in einen Zustand dauernder Erregung kommen, wenn er sich nicht durch Selbsterziehung Vie nö­tige Ruhe aneignet. Auch gibt der beendete Reichstag keinen Anlaß mehr zur Unruhe, und doch liegt eine unaufhörliche Spannung über dem deutschen Volke. Grund dazu gibt zunächst einmal die'Vorbereitung zur Reichstags. Neuwahl Zwar ist äußerlich noch nichts von Parteiengeplänkel wahrzunehmen, aber hin­ter den Kulissen rührt man sich schon recht leb­haft, um bet dem Vorstoß in die Oeffentlichkeit gerüstet zu sein. Die Parteivorstände sind seit einigen Wochen an der Arbeit, die Kandidaien- ltsten aufzustellen und müssen jetzt, da der Ernst des Wahlkampfes bevorsteht, diese Listen fer­tigstellen. «Daß es dabei vielerlei Schwierig­keiten. die ans taktischen Erwägungen heraus entstehen, zu überwinden eibt, ist diesmal be­sonders bedeutsam, weil fast -alle Parteien vor der Aufgabe stehen, aus die Sonder bestre- b u n g e n in den eigenen Reihen Rücksicht zu nehmen. Angesangen von den Deutschnationalen lis zu den Sozialdemokraten treten in jeder Partei Spaltungsabsichten hervor Ueberall gibt es Gruppen, die mit der seitherigen Politik ihrer Partei nicht zufrieden sind. Ta sie sich aber nicht so weit abzweigen, nm zu einer Nachbarpartei überzuaehen, sondern eigentlich an ihren alten Grundsätzen festhalten, so versuchen sie ihr Heil in Sondergruppen.

Welche Kurzsichtigkeit' Muß man denn um einzelner Programmpunkte willen dem Freund den Rücken zukebren? Glauben diese Eigenwil- ligen, daß das Wohl des Vaterlandes mit ihren SondckNMnschen im Einklang stehet Gerade die Eigenbrödelei zeigt immer,» nur eng begrenzte Absichten verfolgt werden. Es ist noch immer das alte Lied, daß das deutsche Volk seine Kraft in innerem Hader zersplittert.. Selbst­gefällige Leute haben diese Zersplitterung gerne mit der deutschen Intelligenz begründet, da den­kende Menschen ihren eigenen Kopf haben. Ja, den eigenen Kopf haben sie, aber leider denken sie meistens nur für ihren besonderen Inter« essenkreiS und nicht für das große Ganze, sonst würden sie eher zu der Einsicht kommen, daß dem VoVe nicht durch eine Politik vom engen Gesichtskreis aus geholfen werden kann, sondern nur durch eine Politik von hoher Warte auS, von der man unser Volksganzes und noch dar­über hinaus die Weltvölker zu überschauen in der Lage ist

Auf diese Kurzsichtigkeit ist eS auch zurück- zufübren, daß in den letzten Jahren so oft von den Links- und Rechtsradikalen versucht wordeu ist, die stete Entwicklung des Reichsausbaues »u stören. Man hat versucht, in den Gang der Ereignisse gewaltsam einzugreisen und sie nach einer bestimmten Richtung vorwärts zu treiben Daß dabei idealistische Beweggründe treibend ge« wesen sind, darf man ohne Zweifel annehinen. Aber es liegt auch offen zutage, daß starke realistische Gründe bet Vielen mitgesprochen ha­ben, die ihre Sonderinteressen verfolgten. Jeden­falls hat man von beiden Außenflügeln die Ge­wißheit, daß ihr Vorgehen die Lage nicht ge­bessert hat. Die große V e r w i r r u n g, die durch den Hitlerprozeß enträtselt wird, sagt uns genug. Muß man den Nationalsozialisten immerhin zugute holten, daß sie in Vaterlands- Nebe den Aufbau zu beschleunigen gedachten, so mutz man den Kommunisten die gute Ab­sicht rundweg abfvrechen, denn sie wollten nur die Zerstörung. Dazwischen standen die Kreise der bürgerlichen Mitte mit einem großen Teil der Arbeiterschaft, die oft nicht wußten, waS ge­schehen würde, die ganz vom Existenzkampf in Anspruch genommen wurden und in ihrer un- beirrten ruhigen Arbeit das breite staatserhal- t'nde Element bildeten. Zn ihnen stand auch btc Reichswehr, die den Putschen der Minder- heilen entgegengetreten ist und für die Aufrecht­erhaltung der Ruhe und Ordnung gesorgt hat. Es ist das Streben des Ellefs der Heeresleitung, Generals v. Seeckt. gewesen, das Militär von der Politik fern zu halten. Das ist eine Haltung, die ihm dankbar anzurechnen ist,, denn wenn das Militär Politik treibt, kommt nur eine ein­seitige Herrschaft zustande.

Die Führung des Slaatslebens liegt ledig­lich den Staatsmännern ob. Die dazu ge­eigneten, fähigen Staatsmänner zu finden, liegt letzt in der Hand des Volkes, dem durch die Wählen die Gelegenheit dazu gegeben ist. Wir brauchen Männer, die sich nicht von ungestümer Begeisterung zu Unüberlegtheiten hinreißen las­sen, sondern kluge, klarblickende Köpfe, die die harte WiMichkcit sehen; die alle Möglichkei­ten zur Besserung ansnützen und dabei dte vorhandenen Schwierigkeiten nicht außer acht lassen, sondern sie mit diplomatischem Geschick zu umgehen wissen. Allerdings sind bisher die Möglichkeiten ost nickt ansaenutzt worden. Daß uns große Hindernisse im Wege liegen, die

wir nicht einfach zu überspringen in der Lage sind, ist für jeden Einsichtigen klar. Mit den inneren Schwierigkeiten läßt sich fertig werden Bedrohlich sind aber die äußeren. Wie die Enthüllungen der letzten Tage über das fran­zösisch-tschechische Militärbündnis uns mit kras­ser Deutlichkeit in Erinnerung gerufen haben, ist Deutschland mit Stacheldraht und Geschützen umgeben, die uns in ständiger Gefahr festhalten Uns gewaltsam zu befreien, sind wir leider nicht in der Lage, nachdem wir einst unsere Waffen fortgeworfen haben. Jetzt bleibt keine andere Wahl als klar und zielbewntzt, durch eine kluge Politik, durch Weitblick und Diplomatie uns durchringen zu einer steten Aufwärtsentwick­lung, an deren Anfang wir jetzt stehen. K. F. D

Deutschland und Völkerbund Ein neuer Vorschlag Macdonalds. (Eigene Drahtmeldung.)

London, 22. Mürz.

Mordonald hat einen neuen Brief an Poin- cars gerichtet, worin folgende Darlegungen ent­halten sind:

1. Frankreich hat das Recht (!), eine Rege­lung der Frage der Sicherheit zu fordern, da es fetzt in der Lust hänge", nachdem Groß, blitannien und Amerika das geplante Sicher- heitsabkommcn verworfen hätten;

2. entwickelt Macdonald die Ansicht, die deutsche Gefahr" möge für Frankreich in der­selben Weise bestehe», wie die französische Ge­fahr für Deutschland nach 1870 bestanz», unp her müsse man gegen diese Gesahr Borkeh- rnngen treffen;

3. legt Macdonald Einspruch gegen Militärverträge in der Form der Vor­kriegszeiten ein, weil er glaube, diese erzeugen neue Kriege. Er schlägt daher vor, daß Deutschland in den Völkerbund ausge­nommen werde, damit Deutschland sowohl als Frankreick durch den Völkerbund die gleiche Dek- kung finden. Wenn dies erfolgt sei, schlägt Mac. donald eine britische Garantie vor, in der Großbritannien zusagt, alle seine Streitkräfte zu Lande, zur See und in der Lust gegen das Land anzuwenden, das einen Konflist provoziert, ohne den Streitfall zuerst dem Völkerbund unterbreitet zu haben.

Die weiteren Vorschläge Macdonalds be- ziehen sich aus die endgültige Regelung der gesamten Reparationsfragen.

Die Auffassung in England.

London, 22. März. (Eigene Drahtmel­dung.) DieTimes" schreiben zu dem Schrift­wechsel Macdonalds mit Poinrars, daß die Tat­

sache des Vorschlags Macdonalds, Deutschland

geschloffenem Zuge in die Innenstadt zu ziehen. Als sich in der Kieler Straße Polizei- b e a m t e der Menge entgrgcnstellten, wurden sie unter den Rufen:Schlagt die Hunde tot!" hef­tig bedrängt, so daß die Polizei von der Schuß­waffe Gebrauch machen mutzte. Mehrere Per­sonen wurden verwundet, darunter, wie bisher festgestellt ist, ein Zivilist durch Bauschsckutz, schwer. Verstärkungen, die von der grünen Poli­zei eingesetzt wurden, zerstreuten die Ruhestörer.

Verständigungs-Versuche.

Besuchsaustausch mit dem französischen Gesandten (Privat-Telegramm.)

Berlin, 22. Mürz.

Am gestrigen Vormittag wurden die Bespre­chungen des Reichskanzlers Dr. M a r x und des Außenministers Dr. Stresemann mit de» Wiener amtlichen Stellen abgeschlossen, so daß die Abreise der beiden Herren bereits am Nach­mittag erfolgen konnte. Rach Wiener Meldun­gen hat es dort Aufsehen erregt, daß Marx und Stresemann bei ihren diplomatischen Visiten in Wien auch dem französischenGesandten ihre Aufwartung gemacht haben. Dieser soll sich über den Höflichkeitsbesuch der deutschen Staats­männer sehr befriedigt geäußert haben und hat ihn sofort erwidert. Er hatte bei der Ge­legenheit eine längere Aussprache sowohl mit Marx, wie auch mit Stresemann. Wie weiter berichtet wird, soll der österreichische Bnndeskanz. ler Seipel bei seinen Berlin^ Gästen warm für eine Verständigungspolitik Frank- reich gegenüber eingrtreten fein, und cs wird hinzugrfügt, daß Dr. Seipel unmittelbar vor der Ankunst der Berliner Staatsmänner eine Unter­redung mit dem französischen Gesandten hatte.

Aus der Wahlbewegung.

Verhandlungen und Hoffnungen der Parteien. (Privat-Telegramm.)

Berlin, 22. März.

In ganz Deutschland geht der Wahlkampf im großen Stile fort. Innerhalb der Sozial­demokratie einigten sich der rechte und der linke Flügel fast durchgehend, wobei der linke Flügel größtenteils die radikalen Spitzenkandi­daten durchgesetzt hat. Auch in der Deut- scheu Volkspartei zeigt sich große Rei- gung, den interfraktionellen Konflikt bts nach den Wahlen zurückzustellen. Die völkische Presse rechnet mit einem Einzug von mindestens 3010 Deutschvölkischen in den neuen Reichstag, während dieRote Fahne" die Erwartung auf einen sicheren Gewinn von 7080 kommuni­stischen Sitten ausspricht. Hugo StinneS hat sich am 21. März einer Gallenstein-Operation un­terziehen müffen. Das Befinden ist gut. Im­merhin ist die Gesundheitsstörung so nachhaltig, daß es für StinneS nickt möglich sein wird, sich in der nächsten Zeit parlamentarisch zu beschäfti­gen. Seine Kandidatur scheidet damit aus.

in den Völkerbund aufzunehmen, bereits seit Anfang dieses Monats in politischen Kreisen bekannt war. In Verfolg dieses Schrit­tes sei schon damals der deutschen Regierung durch den Botschafter in Berlin nahegelegt wor­den, Deutschlands Ausnahme in den Völker­bund zu gegebener Zeit nachzusuchen. Die Stellungnahme der deutschen Regierung sei bis heute nicht bekannt geworden, sie sei aber auch deshalb nicht dringend, weil Poincars auf das Schreiben Macdonalds bis heute nichtge - antwortet habe. Die gestrigen Londoner Abend-Times bezeichnen Macdonalds Schritt als wenig aussichtsreich, da Poincars vor den Wahlen keine Zusagen geben werde.

Die Tagung in Senf.

London, 22 März. iPrivittelearamm) Englische Blätter wollen wissen, daß Premier Macdonald entschlossen sei. an der im Septem­ber stattfindenden Bölkerbundsversammlung in Gens persönlich teilzunehmen. Daily Newk be­merken dazu, daß in diesem Falle kein Minister­präsident eines großen Staates den Verhand­lungen werde fernbleiben können. Genf würde dann das werden, was es fein falle: Das Zen­trum und die Wendung der Weltpolitik.

Kommunistische (Störung.

Eine Schießerei in Hamburg. (Privat-Telegramm.)

Hamburg, 22. März.

Gestern abend gegen sieben Uhr verfuchten drei- bis viertaufend Teilnehmer einer kom­munistischen Versammlung in Hamburg in

* * *

Die Auslegung« frist für die Listen.

Berlin, 2>. März. (Privattelegramm.) In Abänderung der Verfügung des Reichsmi­nisters des Innern ist für Preußen gestattet wor­den, daß die Auslegungslisten für die Gemeindewahlen auch für die Reichstagswahlen gültig find. Mithin ist für beide Wahlen in Preußen eine einheitliche vierzehntägige Aus­legungsfrist angeordnet, die am 30. März be­ginnt und am 13. April endet.

Rücksicht auf die Karwoche.

Berlin, 22. März. (Privattelegramm.) Im Namen der im deutschen evangelischen Kirchenbunde zusammengeschloffenen evangel. Landeskirchen hat sich der deutsche evangelische Kirchenausschuß mit einem Schreiben an alle Reichstagsparteien gewendet, in dem die Bitte ausgesprochen wird, in der Zeit vom 13.-21. April d. Js. den Wahlkamps ruhen zu lassen u. d-n Frieden der Karwoche nicht zu stören

Unter dem fremden Druck.

Die Zahlungs- und Garanti-pläne.

(Eigene Drahtmeldnng.)

Paris, 22. März.

Der Pariser Timeskorrespondent meldet, die neuerliche Anwesenheit Dr. Schachts in Paris habe die Frage der deutschen Zahlungsfähigkeu. noch immer n i ch t g e l ö st. Zwischen den fran­zösischen und englischen Forderungen bestehen noch Difterenzen, die schwer überbrückbar seien. Ter Mailänder Corriere della Sera bringt die noch unbestätigte Pariser Meldung, daß der Dawes-Ausschutz beschlossen habe, auch dir deutsche Post zu entstaatlichen und den Finanzgarantien unter Kontrolle zuzuteilen.

Aus dem Rheinland.

Erst französtsche ... dann deutsche Kinder.

SS ist leider Im unbesetzten Deutschland noch ,u wenig bekannt, wie die deutsche Devöik«. rnng in» Rheinland unter der WiUkiir der Franzosen zu leiden hat. Rur dann und wann werden Einzelheiten berichtet. So schreibt ein Mainzer dem Berliner Lokalanzeiger r Vor einigen Wochen wurde in Mainz das nahe am Rhein gelegene Realgymnatsium von der französischen Okkupation mit Beschlag belegt. Die deutschen Knaben wurden ein­fach an die Luft gesetzt und in der Töchter­schule untergebracht. Seit drei Wochen stecken junge Franzosen in großer Menge in dem deutschen Schnlhaus. Aber nicht genug da­mit: Heute zu einer Zeit, wo man sich in Deutschland der Hoffnung hingibt, daß Dank der Gegenströmung der Ententestaaten gegen den Bruch des Versailler Dittates die Annerionsbe- strebungen der Franzosen zurückfluten werden, treten unsere Machthaber überraschend mit dem Plan hervor, das neben dem Gymnasium gele­gene grvste Prachtgebäude der Deut­schen Fleischer - BerusSgenossen« schäft zu beschlagnahmen, um es mittels Durch­bruchs mit dem Gymnasium zu vereinen. Der Komplex würde so ein kleines franzMcheS Stadt­viertel in dem schönsten Teil von Mainz bilden, das als Schule und Internat lediglich fran­zösischen Kindern zugute kommen soll. In dem Schulgebäude sind alle Vorbereitungen hierzu schon getroffen. Schlaf- und Speisesale, 8 Baderäume^ 16 Klosetts, große Küchen im Un­tergeschoß fit® geschaffen. Es fehlt nur noch die Vergrößerung durch Anschluß des Nachbar- gebäudes. Zweihunkdert neue französische Kna­ben sind bereits da.

Die Direktion der Fleischer-BerüfSgenossen- schäft kämpfen wie die Löwen gegen dar Pro­jekt. Sie sind in Verzweiflung, wie sie ihre Büros, wie sie ihre 70 Beamten unterbrin- gen sollen. Sie sind empört Wer die offensichtlich geplanten Vergewaltigung. Sie schrieben nach Koblenz und Köln. Sie appellieren an die Hilfe der Reichsregierung. Wird sie ihnen werden oder ist unsere Regierung vollkommen machtwS ge­gen jeden noch so empörenden Willkürakt des Feindes k

Es handelt sich hier nicht um ein StaatSge- ißSube, sondern um den Sitz einer Privatge. sellschaf 1, die sich ihr Heim mit riesigem Ko­stenaufwand an schönster Stelle der Stadt, neben dem alten, kurfürstlichen Schloß geschaffen hat. Außer den Beamten dieser Gesellschaft sollen natürlich mtch alle sonst noch im Hause wohnen­den Deutschen Hals über Kopf hinaus aus dem neuerstehenden französischen Stadtviertel. Dabei sind kleine Wohnungen in der ganzen Stadt nicht zn haben, noch nickt einmal Dachkammern. Viel- leicht steckt man die Entrechteten in die neuer, standene große Mietkaserne am Scklackthof, die aber bereits überfüllt und von einfachen franzö­sischen Familien besetzt ist. Hier ist nichts un­möglich. und alles geschieht überraschend tückisch und unter dem gefahrdrohenden Zwang des Ge­heimnisses. Es darf nichts verlautbaren nichts in die Zeitungen kommen, das ist die lichtscheue Methode, dem wehrlosen Deutschen den Hals abzuschnüren.

In Deutschland, insbesondere in Norddeutsch­land, ahnt kein Mensch, wie es am Rhein zugeht. Vor kurzem ist das Schiller-Schul­haus hier in gleicher Weise wie jetzt das Real­gymnasium vom Feind an sich gerissen worden, tebenso Vas neugebaute Lagerhaus einer Speditionsfirma am Rhein. Alle großen Ban» k e n und Hotels sind in französischen Händen. Wie lange werden die Alliierten der Entente, wie lange wird England dem schmachvollen Schauspiel der Franzosenherrschast in deutschen Landen mit verschränkten Armen znsehen?

Iustizabbau im Landtag.

Vertagung der Sitzungen auf den 3. April.

Berlin, 22. März.

Der preußische Landtag behandelte gestern eine Interpellation gegen die Verordnung der Reichsjustlzministers zur Vereinfachung der Rechtspflege. Der preußische Justiz. Minister Am Zehnhoff verteidigte das Vor. gehen des Reiehsjusiizministers mit der Finanz, not und behauptete unter Widerspruch des Hauses, daß mit der Durchführung der Verord­nung der Rechtspflege kein Abbruch getan fei. Tie Abgeordneten Oppersdorf (Ztr.) Eickhoff <D Vpt.), Kuttner (Soz.) Derberg (Dn.) Obuch (Komm.) und Höpker-Aschosi (Dem.) bestrit. len das und hoben an der Rede des Justiz« Ministers als einzig erfteuliches Moment her­vor, daß nach seinen Erklärungen die Not­verordnungen bald wieder aufgehoben werden würden. Die Ausspracke fand im Haufe, das im Durchschnitt kaum stärker als mit 12 bis 14 Abgeordnete besetzt war, kaum Interesse.

Der Landtag v e r t ag t e sich sodann auf dm 3. April. An diesem Tage soll der Antrag der Deutschen Volkspartei und des Zentrums auf die Tagesordnung kommen, her die Verlegung