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Dienstag, 18. Marz 1924,

Las kMMaten-VrMeln -er Parteien

Nummer 66. Einzelnummer 10 Pf-, Sonntags 15 Pf.

Stuetgenpreife- OtftbäfMaiueigen Zeile 15 Pfennig, Kamilirn-An,eigen Sette 15 Pfennig, Kleine Anzeigen t>-,8®ort 21/. Pfennig, Reklamen die Zeile t>0 Pfennig, Offcrtg-buhr 10 Pfennig (bet Zusendung der Offerten 20 Pfennig», Rechnung«: eträge J*”® fünf Tagen zu lesabten. — Maßgebend ist der Kur« de« Zahlung-tage«. ,cur die Rtwttg teil aller durch ,ternjpr«cher aufgege-’enen Mnjetgen, 'orale tut ^usnahmedat« Md PMM lann nicht garantiert werden. Für Anzeigen m« besonder« schwierigem Satz hindert Prozent Ausschlag. Truckeret: Echütchthofftraße M/30 GeschastrfteUe Kölnische Straße •>.

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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

Einzelnummer 10 Pf . Sonntags 15 Ps. 14. Jahrgang .

Partei-Spaltungen.

Der Steift im volksparteiliche« Lager.

Durch alle Parteien geht heute ein Ritz und tzie Fraktionszimmer fast aller Parteien im Reichstage waren niemals so mit innerer Fehde geMt, wie in den letzten Monaten. Der Reichs- tag ist ein Spiegelbild des Volkes, und wie unser Volk heute unter dem Drucke unerfüllbarer Reparationsverpflichtungen und der mit ihnen eng verbundenen wirtschaftlichen Zerrüttung krank ist- so kranken heute die Parteien an einer inneren Ratlosigkeit, an einer gährenden Unzu­friedenheit, die sich in Entzweiungen innerhalb b?r engsten Gesinnungsgenossen, in Gruppen- bildungen und leidenschaftlichem Meinungsstreit Lust macht Die Sozialdemokratie ist an der Auflösung ihrer Nürnberger Gemeinschaft nur mit harter Mühe und den größten Konzes­sionen an die Linke vorläufig vorbeigekommen, der Demokratie macht eine neugebildete republikanische Partei Konkurrenz, dem Zen­trum eine christ-katholische Arbeiterpartei, ganz abgesehen davon, datz auch in dem festen Be­stände ihrer Fraktion die Gruppe Wirch hart mit den Anhängern Siegerwalds um Einfluß und Herrschaft ringt. Bei den Deutschnationa- l e n sind die .Halben" im ewigen Streite mit den Völkischen, die Wiederholt gegen die Führerschaft der Hergt und Helsferich sich auf- lehnrn.

Die vor einigen Tagen gegründete »Ratio- nalltberale Vereinigung" in der Deutschen Volkspariei sagt in einer Bekannt­machung, daß eine eingehende Aussprache den Besorgnissen über die Politik der Partei starken Ausdruck gab. Die Bereinigung will alle Partei­mitglieder sammeln, die in nationaler, wirt­schaftlicher und politischer Hinsicht an den Grundsätzen der alten Nationalltberalev Par­tei festhalten wollen, wie sie in dem Programm der Deutschen BolkSpartei vom Jahre 1920 zu­grunde gelegt sind. Insbesondere soll auf die Einstellung der Deutschen Volkspartei in der Richtung einer straffen, nationalen und anti- marxistischen Politik eingewirkt werden. Der Beschluß der Reichstagsfraktion vom 12. Ja­nuar 1924, daß der Deutschen Volkspariei die Aufgabe erwächst, eine Koalitionsbildung aus der Mitte nachrechtS anzustreben, soll in kla­rer und unzweideutiger Weise Richtlinie für eine einheitliche Politik der gesamten Partei im Reiche und in Preußen werden. Der Vor­stand der Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei unter Führung Stresemanns hat sich ja bereits gegen die Neubildung ausge­sprochen, da die erwähnten Ziele von der Ge­samt Part et nach Wie vor erstrebt würden. Im übrigen wird auch der Parteitag der Deutschen Volkspartei, der am *29. und 30. März in Hannover stattfindet, mit dieser Angelegen­heit sich eingehend zu beschäftigen haben.

Die Koalitionspolitik Stresemanns hatte schon immer durch eilten Teil der Reichstags- frattion Opposition gefunden. Der Streit wurde aber beigelegt, als Stresemann die Kanz­lerschaft übernahm und die ReickstagsfraMgn ihm einstimmig ihr Vertrauen und ihre Unter- stützung aussprach, MS das Ministerium Stre- semann durch den Austritt der Sozialdemokratie aus der Koalition zu Fall gebracht war, be­schloss die Fraktion -inftimmig am 12. Januar d. Js., datz die Koalition mit der Sozialdemo­kratie nunmehr der Vergangenheit anqehöre und hte Partei alle Kräfte daranzusetzen habe, einen Zusammenschlutz aller bürgerlichen Parteien zu erzielen mit Einschluß der Deutschnationalen. Der von Strese- mann gemachte Versuch, mit der Sozialdemokra­tie in einer Regierung zusammenzuarbeiten, wurde keineswegs verworfen, vielmehr als not- wendig und verdienstlich erflärt, aber zugleich festgestellt, daß er für die nächste Zeit durch die eigene Schuld der SoziaWemokratie nicht mehr in Frage komme.

Run fand im Esplanade-Hotel in Berlin eine Zusammenkunft einiger Reichstagsabgeord­neter und einiger Industrieller, namentlich aus dem Westen, statt, die eine nationalliberale Ver­einigung innerhalb der Deutschen Volkspattei gründen wollte um die Durchführung des Pro- arannnes zu sickern und die Pattei yt einem schärferen Kampfe gegen den Marris- mns zu drängen. Mit der Erklärung des Vor­standes der ReickStagssraktion ist die Episode des inneren Streites vorläufig überwunden, zu­mal diese zu einer Sondervereinigung drängen­den Abgeordneten, nur zwei oder drei Wahl­kreise hinttr fick haben oder wenigstens beein­flussen. Bedauert wird in volksparteilichen Krei­sen vor allem, dass die Herren ihre Sonderstel­lung und ihre Sondertminsche in einem Augen­blick an die Oeffemlichkeit gettagen haben, wo Einheit und Disziplin das höchste und

selbstverständlichste Gebot für jeden Einzelnen sein sollte. Die Separation beruht weniger aus politischer Meinungsverschiedenheit als auf per­sönlicher Verstimmung, die aber vor der Wahl­schlacht hätte überwunden werden müssen. B. R.

Wahlvorbereitungen.

Kompromitzliste der Sozialdemokratie.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 17. März.

Im Konflikt innerhalb bet Berliner So­zialdemokratie über die Kandidatenstage hat der Parteivorstand eine Entscheidung von ich mls getroffen, indem er die sogenannte Kom­promitzliste als besonderen Vorschlag aufstellte. Wie der „Montag Morgen" mittcilt, kann die Liste des PatteivorstandeS nunmehr als end­gültig betrachtet werde«. Ein neuer BezirkS- parteitag wird fich mit der Kandidatenfrage nicht mehr beschäftigen. Die Spitzenkandida- ten sind für Berlin: Crispien, Heiman, Fra» Bohn-Schuch; für Teltow-Beskow: Zubeil, Fer­dinand Bernstein, Künstler. — Die sozialdemo­kratischen Parteivorstände haben auf Grund eines Einspruches des Bezirkstages Hannover- Nordwest die Entscheidung gefällt, datz für die kommende Legislaturperiode des Reichstags von einer Kandidatur RoSke abzuseven sei.

DernokraNsOe Kandidotea.

Berlin, 17. März. (PttvattelegrmrMt.) Der uptvvrstand der demokratischen Partei hat im Kandidatenstreit für Berlin die Entschei­dung getroffen, datz eS bei der Aufstellung deS Herrn von Siemens als Spitzenkandidat bleibt. Ueber die Wünsche der radikalen Minderheit, die Professor Bonn vorbrachte, wnrde zur Tages­ordnung übergegangen. — Der WahlkrciSpartei- tag der deutschen demokrattsche« Partei für Potsdam 2 stellte als Kandidaten auf 1. Mini­ster a. D. Dernburg, 2. Nuschle, 3. Frau Moerke.

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Die tAutz-nflagel.

Berlin, 17. März. (Privattelegramm.) Die gestrige Tagung des kommunistischen Par- teivorfiandeS beschloß die Aufstellung eigener Kandidaten in allen ReiÄstagswahlkreisen und die Ablehnung jeder taktischen Unterstützung der Sozialdemokratie. Einen gleichen Beschluf in allen Wahlkreisen selbständig zn kandidieren, fasste die deutsch» Slkischr Freiheitspartei. — Die Radikalisierung der Sozialdemokratie für die kommenden Wahlen scheint eine allgemeine sn werden. Auch in der Provinz Brandesiüurg sind nach den bis heute vorliegenden Aufstellungen der Spitzenkandidaten die radikalen Kandidaten in über achtzig Prozent durchgedrungen.

Erschwerung im besetzten Sediei»

Koblenz, 17. März. (Privattelegramm.) Die Rheinlandkommission erneuerte ihre Verfügung vom 8. Februar 1923, wonach die Einreise von Regierungsmitgliedern auS dem unbesetzten Gebiet in das besetzte Gebiet von der Gcnehmi- gung der Rheinlandkommissio« abhängig gemacht wird. Ferner wurde die Verordnung vvm 6. Oktober 1919 wiederholt, wonach Bettre­ter der Kommunisten in daS besetzte Gebiet nicht zureiseu dürfen. Die Beiordnungen bleibe» auch für die Wahlzeit tu Kraft.

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Um den JrttchSprüfldenten.

■ Berlin, 17. März. (Privattelegramm.) Der bayerisch« Gesandte war gestern über eine Stunde lang beim Reichskanzler. Sein Be­sucht steht in Verbindung mit der wiederholten Forderung der bayerischen Regierung nach be- schlcnnigter offizieller Festsetzung des TagS für die Neuwahl des Reichspräsidenten.

Der MünchnerVullchprozeß

Locauöfichtlich in dieser Woche zu Ende.

(Eigene Drahtmeldung.)

München, 17. März.

Der Vorsitzende im Hitlerprozetz hat mttge- trflt, datz der Prozetz unter allen Umständen noch im Laufe dieser Woche zu Ende gesühtt werden soll. Am Sonnabend nachmittag nach Schluß der Verhandlungen wiedcrhotten

sich die Belästigungen v. Kahrs und Lossows durch Trupps jugendlicher Rationalisten beim Verlassen der Fnfantcrieschule. — In dem staats­anwaltlichen Ermittlungsverfahren ge­rn Lossow, von Kahr und Seitzer steht ei» rompetenz-Einspruch der bayttschen Regierung insofern bevor, als die Angekchuldig- tcn von der Schweigepflicht über die Vorgänge und Besprechungen innerhalb der Regierung nicht entbunden werden. Das Ermittlungsver- ahrcn kann sich somit nur auf die Vorgänge im Bürgerbräu ».vor der Feldherrnhalle beschränke».

Unter dem fremden Druck.

Die harten Bedingungen Frankreichs.

(Eigener Drahtbericht.)

Paris, 17. Mär,.

Der Generalrat des Depattcments Lille hat die Fortsetzung der Rhcinlandpolitik Zoinrares als Notwendigkeit für die Si- «jcrheit der zerstörten Gebiete erflärt. Die Re- olution des Gcncralrats fordett den Rhein als Militärgrenze für Frankreich. (!) — Vorläufig sind noch keine Anzeichen dafür vor­handen chass die französische Regierung durch irgend welche Angebote eine Verlängerung der Micum-Berträge zu ermöglichen gedcnfl, deren Weiterführung unter den bisherigen Bedingungen angesichts der finanziellen Lage der deutschen Jndustttellen ziemlich ausge- chlossen erscheint. Dazu kommt, dass alle weiteren deutschen Lieferungen bis z« einem gewissen Grade von der endgülttgen Festsetzung der derüschen Schuldsumme abhängig sind und eine Unterhaltung darüber zwischen den alliier­ten Regierungen erfolgen muss, da diese nicht unter die Anständigkeit der Sachverständigen fällt.

tim Me IMMürkonirosie.

Berlin, 17. März. (Pttvattelegvamm.) Wie wir erfahren, hat das Reichskabinett gestern 6c- chlossen. di« Antwort auf die Rote der Bot- chaftettonferenz über Fottdauer der M i l i t ä r> kontrolle in Deutschland vorläufig zu ver­tagen und zunächst die Länder über die gefor- dette Entmilitarisierung der Schutz­polizei anzuhören. Eine Besprechung der Innenminister findtt in nächster Woche in Berlin statt. Die alliierte Militärkommisston, die vor wenigen Tagen in Augsburg kontrollier­te, ist gestern nach Westfalen gereist. — Der „TempS" meldet, die am Freitag stattgefundene Botschafterkonferen» hat fich informatottsch mit den beiden letzten Berichten des Generals Rollet befaßt, die die Waffenfunde in Oberschlesien und Mitteldeufickland bttrrffen, sowie die monarchi­stische Bewegung in der deutschen Schutzpolizei, die durch den Münchener Prozeß erwiesen sei (?)

Gin Wahlsieg der Rechten.

Die Stadtverordneten in Potsdam. (Privat-Telegramm.)

Potsdam, 17. März.

Bei der gestrigen Potsdamer Stadtverordne­tenwahl haben die Rechtsstehenden einen großen Wahlfleg errungen. Bon den eingeschriebenen Wählern beteiligten fich 77 Prozent. Das Er- gebnis der Abstimmung war folgendes: Wäh­rend 1919 die Mehrheitssozialisten und Unab­hängigen zusammen 9346 Stimmen erhielten, schrumpfte gestern diese Zahl auf 3800 zusam­men, Äso auf ungefähr 40 Prozent des damali­gen Stimmenergebnifses. Die Mehrzahl der Stimmen, die von den Sozialdemokraten verloren wnrde», haben die Rechts­stehenden gewonnen. Die Deutschnatio- nalen erhielten 11950, die Deutsche BolkSpartei 2514, die Bereinigten Sozialisten 3392, die Unab­hängigen 434, die Kommunisten 2289 Stimmen.

Drohungen in Leivzig.

Sicherungsmassnahmen im Zeigner-Prozess.

(Pttvat-T elcgramm.)

Leipzig, 17. März.

Für die heutige Sitzung im Zeigner-Prox sind umfangreiche Sicherungsmatznah- men getroffen, nachdem sowohl der Vorsitzende wie die Staatsanwaltschaft in den beiden letzten Tagen einige Drohbriefe erhalten haben, in denen eine Wiederholung des im Vorjahre au daSLandqerichtsgebände verübten Anschlags angekündiat ist. Die Sicherungsmaßnahmen find «ms den ganzen Baublock und die benachbattcn Straßen ausgedehnt worden. Nachdem die ge­stern erfolgten Durchsuchungen nach Waffen er­folglos geblieben find, wurde anS Furcht vor einem Handstreich in das Uuterftichnngsgesöng- nis eine ganze Hundertschaft Schutzpolizei gelegt. Es ist beabsichtigt, den Zeigner-Pro- zcß schnell zu Ende zu brinacn.

Deutschlands Zukunft.

3# te-ltg eschichtlicher Perspektive.

Sm Ssnnadend wrack» im großen Saal der Stadthall-, der e.lva zur Sälfte gefüllt war, Graf Seemann Keyserling, der de kannte Lei et der „Schute dcr Weisheit" in Darm­stadt. Sie Erschienen» » lauschten audllchrtg den geschichtsphtlosophiskh n Ausfichruugen die er in glünzender Rede borbrachte.

Graf Hermann Keyserlings Vortrag über Deutschlands Zukunft in weltgeschichtlicher Per- spektive führte die aufmerksamen Hörer auf eine geistige Höhe, die einen schier grenzenlosen wei­ten Horizont enthüllt, einen Blick in Vergan­genheit und Zukunft. Die jetzige Zeit mit ihren Unsinnigkeiten und Gärungen ist nicht zu ver­stehen, wenn wir sie nur vom engen Stande der Gegenwart aus betrachten. Erforschen wir aber die geschichtlichen und ursächlichen Zusammen- hänge, über den Parteien stehend, so sehen wir, daß die Ereignisse in einem Anfangsstadium tehcn. An den Merkmalen der Vergangenheit örnten wir ungefähr ermessen, wie sich die Zu- kunft gestalten wird. Treten aber Verschiebun­gen und Unstimmigkeiten ein, dann kommt alles anders. So ist auch im letzten Jahrzehnt alles anders gekommen, als man gedacht hatte. Wtr durchleben die größte Wandlung seit dem Unter­gang der Antike. Aber das Schlagwort vom Untergang des Abendlandes ist. nicht berechtigt; es findet nur eine UmwandlungderVer- hältnisse statt. Das krasseste Beispiel haben wir in Rußland, wo durch den Bolschewismus das Alte vollkommen, zerstött worden ist. Etn anderes Beispiel ist Italien, wo der Faschismus ein neues Gebäude aufbaut. Zwischen den bei­den Bewegungen bestehen schroffe Gegensätze in der Form, und doch gehen sie von gleichem Ge­danken, dem Nationalismus u. Sozialismus aus. Eine ähnliche Entwicklung sehen wir in Angora und Indien. Ueberall ist es derselbe, die neue Idee schaffende Geist, der in ganz verschiedenen Formen hervortritt. Eine Analogie der Ver- bWtnisse zeigt das Mittelalter, dessen Eigenart, das Christentum, auch aas chaotischen Zuständen hervorging. Nach Westen wird aber der Bol­schewismus nicht Vordringen, weil er der We- cnSart des Mittel- wffd Westeuropäers nicht entspttcht.

Blicken wir aus dieser wetten Perspektive auf unser armes Deutschland, so finden wir, nach der Anschauung Graf Keyserlings, daß wir an den großen Bewegungen der Außenwelt keinen direkten Anteil haben Deutschland gleicht einem Gefangenenlager, in dem die Stacheldraht- Krankheit herrscht. Es ist keine Verstau- digung zwischen den Gefangenen und der Außenwelt. Man befaßt sich nicht, oder zu wenig mit dem, was draußen vorgeht, ebensowenig kümmert sich das Ausland um unsere inneren Streitigkeiten. Wollen wir wieder in die Wett- pvlitik eintTCten, bann müssen wir erst- unseren fleinlichen Streit und den Partikulatismus auf­geben und müssen grvßdentsch denken. Drei wichtige Punkte müssen wir habet beachten: Erstens den Deutschenhaß im Auslände, der da­durch entstand, daß wir anders sind als die an« deren Völker, zweitens den Versailler Vertrag, der nicht rückgÄtgig gemacht werden wird, weil zu viele Völker in ihrer Eitelkeit unterschrieben haben, drittens die Unmöglichkeit einer Nestau- rattern, einer Wiederherstellung des gestürzten Alten. Mit dem Ende der drei großen Mo­narchien Rußland, Deutschland und Oesterreich ist das Grundprinzip des germanischen König- tums gefallen. Dieses monarchische Prinzip ist mit ungeheurer Katastrophe zerbrochen und laßt fich. wie der Vortragende meint, nicht wieder aufbauen. Man könne nur auf neuer ®rnnb» läge aufbauen, und zwar mit langsam ange­sammelter Kraft.

Graf Keyserling hat für die deutsche Ausgabe des Friedensvettrages ein Vorwott geschrieben, in dem es heißt, daß mit diesem Vertrag die deutscheste Epoche eingeteüet werde. Wir stehen am Ende des Alten und am Beginn einer neuen Kulturwelt. Es ist eine ähnliche Wand­lung wie damals, als die Antike durch das Ehrt- stentmn verdrängt wurde. Aber Deutschland ist nickt alt, ist nur erschöpft, und hat nach einet Erholung noch seine volle Lebenskraft. Frank» reichs Lage ist dagegen heute noch tragischer als während des Krieges, weil es durch seinen Sieg an seine dem Volke versprochene Erobe­rungspolitik gebunden ist. Die Franzosen gehen der größten Krisis entgegen, aber sie beurteilen in ihrer Verblendung die Geschehnisse nur als Restaurationsmittel für den napoleonischen Ge­danke». Das ist der geistige Fehler Frankreichs, aus dem sich die dauernde Augst vor dem Miß­lingen feiner Pläne erklärt. Die französischen Nnterdrückimgs-Maßnahmen gegen das wehrlose Deutschland, die aus dieser Angst heran? ent» standen find, lassen fick mit dem bechlehemitt- schen Kindermord vergleichen.

Auch in Deutschland sind viele Fehler gemacht werden besonders seit Bismarcks Abgang fcklug alle Politik feR. Es ist das Mißgeschick der beut« scheu Staatsmänner, daß ihre besten Absichten -sich immer rum Schaden auswirkten. Das