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Nr. 39.

Vierzehnter Jahrgang.

Kasseler Neueste Nachrichten

2. Beilage.

Freitag, J5. Februar 1924.

Sumatera Honda.

Botschafter für Berlin.

Der neue Botschafter für Japan ist in Berlin ekngetroffen, Kumatora Honda. Gut gilt als einer der fähigsten japanischen Diplomaten. In seiner Begleitung befand sich sein Sohn und der Zweite Sekretär der japanischen Botschaft, Dr. Othaka. Kranatora Honda steht im fünfzigsten Lebensjahre, war 1898 zum Gesandtschafts­attache ernannt und zunächst in Peking und Brüssel verwendet. Seine Befähigung für die­sen Posten verdankt er indessen seiner Tätigkeit als Pttvarsekretär des Außenministers, als wel­cher er ein paar Jahre wirkte. Im Jahre 1907 wurde er nach London geschickt, war 1909 Wieser in Peking tätig, 1912 bis 1914 als Generalkon­sul in Chardin, 1914 bis 1918 als Botschaftsrat in London und 1918 als Gesandter in der Schweiz. 1921 erfolgte seine Ernennung als Gesandter in Wen, im Mai 1923 wurde er un­ter Beibehakt seiner Eigenschaft als Gesandter zum Oberkommissar in Konstantinopel ernannt doch erledigte sich durch den Lausanner Frieden dieser Posten. Hondas Vorgänger Hioki Ekis hat den Boden für Honda in Berlin so günstig vorbereitet, daß er Wohl der liebenswürdigsten Aufnahme hier sicher ist, zumal ihm der gegen« wättige Geschäftsführer Dr Ohao, der als her­vorragender Wirtschaftler gilt, weiterhin als Botschaftsrat zur Seite stehen wird. Vrrlänfia wird die Familie Hondas noch in Japan bleiben.

Aus der Heimat.

Dor den WsMn.

Tagung der D. B- P- in Marburg.

Der kommunalpolitische Ausschuß der Deut­schen Volkspartei des ReichstagSwahlkreiseS Hessen-Nassau trat dieser Tage in Marburg zu einer aus allen Teilen der Provinz statt besuch­ten Tagung zusammen, nm zu den kommenden Gemeindewählen Stellung zu nehmen. Es wur­den die derzeitigen Gemeindevertretungen in Stadt und Land, als längst überflüssig bezeich­net, da sie nicht mehr der politischen und wirt­schaftlichen Auffassung der Wähler entsprächen. Man war einstimmig der Ansicht, daß an dem wiederholt hinausgeschobenen Termin der Neu­wahlen nun endlich festzuhalten sei.

An die Landtagsfraltion der Pattei rilltet der Ausschuß eine Entschließung, daß allen Be- strebtingen auf weitere Hinausschiebung des Wahltages unbedingt entgegen,zutreten sei. Ein- sttmmig war der Ausschuß weiter der Meinung, daß sich die M a g i st r a t s v e r f a s s u n a !>ci uns in Hessen-Rassau durchaus bewahrt habe und der Dürgermeisterverfassung vorzu­ziehen sei. Mit Entschiedenheit sollen alle Be­

strebungen, ein Einkörpersystem zu schaffen, be- rämpst werden. Die anwesenden Dettreter der Landgemeinden wandten sich erneut gegen die Schaffung der sogen. Landbürgermei­stereien, in denen mehrere Landotte einem neu anzustellenden beamteten Bürgermeister un­terstellt werden sollen Auch aus Gründen der Sparsamkeit, des Abbaues und der Verein­fachung der Verwaltung müsse diese Frage zur­zeit abyelehitt werden.

In besonderer Ausführlickkett wurde schließ­lich der Aufmarsch zu den Wahlen, die Stel­lung zu anderen Patteien und wittschastlicheu Jnteressenverbänden besprochen. Obgleich es den einzelnen Otten hier überlassen bleiben soll, individuell vorzuaehen und die besonderen Ver­hältnisse zu beachten, auch gemeinsame bürger­liche Listen aufzustellen, war man doch der Äuf- fassung besonders auch mit Rücksicht auf die kommenden Reichstaaswahlen, daß die poli­tische Liste das Richtige sei. Alle Sonderlisten von Jnteressenverbänden müßten unbedingt ver­mieden werden Das Verbot der Listenverbin­dung, wodurch bei Sondettisten und Zersplitte- Timgen zahlreiche bürgerlich- Stimmen verloren gingen, erfordere gebieterisch eine Sammlung des Bürgertums.

Der Düv'rrkvied im ©rhtoefneRaü.

Eine Belehrung über Mein und Dein.

Aus Hofgeismar wird folgendes Ge- schickstchen bettchtet: Ein diesiger Einwohner, dem in einer der letzten Nächte Hühner aus sei­nem Stalle gestohlen worden toa-en, lauerte dem Dieb, von dem er onnahm. daß er noch­mals wiedettehren würde, aus. Vier Nächte übernachtete er infolgedessen auf einem B^nde Stroh in dem Stalle. In der feierten Ra'i er­schien der erwartete Dieb, der mir einem Nach­schlüssel in den Stall eindrang und hier wieder- tmt einige Hühner in dem mitgebrachten Sack verschwinden floß. Schon aber stand der Be­stohlene hinter khm, verabreichte dem überrasch­ten Eindringling eine gehörige Tracht Prügel und sverrte ihn die Na^t über in den Schwetue­st all ein. Am anderen Morgen konnte der Vater seinen vermißten Sohn, der nochmals eine Lek­tion empfangen, wieder in Empfang nehmen.

Oberzwehren, 14. Februar. (Von der Zie- nenzuckt.) Der hiestae Ziegenzuchtverein hielt dieser Tage seine Generalversammlung ab. Im letzten Fabre hat sich, wie Vorsitzender G. Damm mittcilt:. der Mitgliederstand auf 194. die Zahl der vorhandenen Ziegen um fast 1«X> Stück auf 401 gehoben. Auf der letzten Sommer auf derSnaffMttte" abgedaltenen KreiSziegen- schau wurden alle vier Vereins-Zuchtböcke und außerdem ,15 von Mitgliedern zur ©dtoit ge­stellte Ziegen und Lämmer prämiiert. Auf Be­schluß des Vereins wurden nach der Sprung­seil di>e zwei ältesten Böcke abgeschasst. Ein Tier wurde zu SclLachrtwecken verkcmtt, das »weite wurde der Bockhalterin Witwe Wicke als Anerkennung für die gute Haltung der Böcke überwiesen. Die Neuwahl des Vorstandes batte folgendes Ergebnis: Hch. Damm, 1. Vorsitzen­der; Jhs. Kranz. 2. Vorsitzender; Jhs. Watz- m uth, 1. Schriftführer: E. Seivel, 2. Schrift­führer; E. Becker, 1. Kassierer und H. Ofch« mann, 2. Kassierer. Beschlossen wurde ferner, daß auch in diesem Jahre wieder alle zur Schlachtung kommenden Tiere von den Mitglie­dern Seidel und Jhs. W a ß m u 1 h geschlach­tet werden sollen.

* Heiligenrode,. 14. FZbruar. (Bon der Schule.) Der Reingewinn <ms den Vorsührun- gen unserer Schule zu Weihnachten und am 4. Februar ist zur Anschaffung eines Licktbild- avparateS für die Schule verwandt worden. Seine Verwendung in der Schule wurde bereits im Anschluß an die Märchenaufführung gezeigt Zwei Märwenferien »Der kleine Däumling" und ..Rumpelstilzchen", sowie Bilder aus der hessi­schen Heimat und aus Rorddeutschland zogen an unserem Auge vorüber. Wenn man auch nickt hoffen will, daß diese Art der Lehrmittelbeschaf- fung dauernd Platz greifen soll, so hat sie dock; vielleicht auch abgesehen davon, daß die ewig kranke Gemeindekasse nickt belastet wird, insofern ihr Gutes, als die Verbindung zwischen Schule i »I»,IIIII ui iIIHIWIIIB » r» «iiiini i irrMniirnnim ri -mm

und Elternhaus etwas inniger gestaltet wird. Wie verlautet, wollen auch die drei am Otte be­stehenden Gesangvereine den Ueberschuß aus einem gemeinsam zu verairstaltenden Konzert der Schule zur Anschaffung von Lehrmitteln über­weisen.

* Affoldern, 14. Februar. (Eine Genossen­schaft von Einbrechern?) Kaufmann Löwenstern wurde nachts sein ganzes Warenlager ausge­räumt und sämtliche Vorräte, die er kurz vorher in Kassel eingekauft wurden eine Beute der Diebe die die Labenfensterscheiben mit Teer be­schmierten nnd dann eindrückten. Der angefetzte Polizeihund verfolgte die aufgenommene Spur an der Eder entlang, bis an die Bergheimer Brücke, wo der Hund weiter versagte. Es scheint sich hier nm eine Genossenschaft von Dieben zu bandeln, die sicher eine ganze Anzahl von Dieb­stählen, die in der Gegend ansgefühtt wurden, auf dem Kerbholze bat

* Aus dem Ederkreis, 14. Februar. (Amts- müde Bürgermeister.) Es mehren sich die Fälle, daß die Bürgermeister unserer Landgemeinden ihres nicht leichten und verantwortlick^n Amtes überdrüssig werden. Nachdem kürzlich das Dorf- oberhaupt tn Mehlen sein Amt niedergelegt, hat mm auch der Bürgermeister von Hüddigen auf sein Amt verzichtet.

* Hcmn.-Münden, 14. Februar. (Lyzeum und Polizeischule.) Die Besetzung der Streb torenstelle des Lstündener Lyzeums, die vor ge­raunter Zeit durck ttebertritt des Direktors JSrfjön in den Ruhestand freigeworden ist. läßt noch immer auf sich warten. Von der Fürsoroe- stelle war zunäckst der um das Auslanddeutsck- tum verdiente, aus den abgetretenen Ostprovin­zen kommende Lvzealdirektor Trent in Ausstckft genommen, der durch seine Vortragstätigkeit für die Ausländsdeutschen überall bekannt gewor­den ist. Da er aber zum Besten des Deutsch­tums nach Amerika ging, ist die Sache noch kei­nen Schritt weitergekommen, weil die Stellen- besetznng der Stadt nickt freigegeben wurde. Wie es heißt, ist gegen Direktor Trent sogar ein Disziplinarverfahren eingebettet worden. (!) Der Anstalt selbst ist damit ebensowenig gedient. Der vor kurzem von hier versetzte bisherige Lei­ter der Hessisch-Nassauischen Polizeischule. der die Anstalt von ihrer Gründung an geleitet hat, Polizeioberst Beckert, ist von hier aus nach Potsdam als Leiter der dortigen Polizeiof'izier- schule versetzt worden Tie hiesige Dire'torstelle ist nech nicht besetzt und wird interimistisch von Polizeimajor Geschwind geleitet

Marburg, 13. Februar. (Unter falscher Flaoge.) Vor einiger Zeit wurde ein Mann, der'billig, nämlich als sogenannter »blinder Passagier", mit der Eisenrahn gefahren war. mit einer Strafe bedacht, zugleich erkannte das Gericht gegen ihn wegen einer anderen Straf­sache ans drei Wochen Gefängnis. Bei dem Ab­führen ins Gefängnis wurde der Mann, der sich Marlock nannte, damals goren den JuAzwacht- meister tätlich und versuchte weszulaufen, was ihm jedoch nickt gelang. Nach der Benachrich­tigung des Bürgenneisters seines Heimatsortes stellte sich heraus, daß der Angeklagte sich eines salscken Namens bedient hatte, denn der richtig« Norlock war ein ganz anderer unbescholtener Mensch. Man erfuhr auch, daß der Angeklagte allen Grund hatte, mit seinem richtigen Namen hinter dem Berge zu halten, denn er wird noch wegen Raubs von einer Staatsanwaltsckaft gesucht. Das Schöffengericht verurteilte ihn fetzt wegen Widerstandes und falscher Namens­führung und weil er schon wiederholt Flucht­versuche unternommen, zu 1 Fahr Gefängnis.

Die Amero-Nmee.

Geschorene Frauen... bezopfte Männer.

Bemerkenswerte Mitteilungen über die Rolle, die die Haarpflege bei dem Negerstamm der Amero spielt, mackt der italienische Missionar Bellani in einem Artikel des »Eco dell'Africa". Man nluß sich vergegenwärtigen, schreibt Bel­lani, daß die Haarpflege hier ausschließlich von den Vertretern des statten Geschlechts ausgeü'bt wird, da die Frauen derAmero" den Kops glatt geschoren, ja zumeist rastert haben.

Die Niänner dagegen, es versteht sich natürlich

nur die jungen, denn die alten denken an nichts weiter als ans Trinken und Schlafen, legen be­sonderen Wert darauf, das Haar fo lange, wie es nur möglich ist, zu tragen und zum Zopf zu flechten, der seinem Träger, y weiter er tn den Rücken herunterreicht, auch bei günstigsten Aus­sichten für sein Lebensschickfa! eröffnet: denn auch per Aberglaube spielt hierbei eine große Rolle. Wenn ein junger Mann aber das Pech hat, daß fein Haar nicht lang genug wächst, so macht er sich aus Stricken und Fäden einen künstlichen Zopf, der mit Ocker bestrichen wird, damft er von dem Naturhaar nicht unterschieden werden kann. Hat er einmal seinen Zopf, dann kann er stolz als Geck im Dorfe paradieren und hat den Gip­fel der Schönheit erreicht.

Man fängt schon zeitig an, sich mit den Haa­ren zu beschäftigen. Das neugeborene Kind wird am britten Tage nach der Geburt rasiert; die Haare werden gleichzeitig mit den abraster­ten Kopfhaaren der Mutter aufbewahrt und bilden das unverletzliche Heiligtum der Hütte. Wenn das Kind rasiert ist, wirb es ben Nachbarn gezeigt, unb bann erst barf es her Vater sehen.

Buntes Mierke!.

Die Tauf? einer Rordsseinfel.

Eine neue Insel ist im Laufe ber Zeit aus dem Meere emporgestiegen, unb zwar zwifcken Borkum unb Juist. Diese beiden Inseln bilde­ten bis 1395 mit Norderney zusammen eine große Insel und wurden durch gewaltige Sturmfluten auseinandergettffen. Zwischen ihnen verblieb eine der Schiffahrt in früheien Jahrhunderten gefährliche Untiefe, die im Saufe der Zeiten durch Sand- unb Schlammablagerun - gen unb bann burch den Mist, den zahllose See­vögel. die auf ihr nisteten, zurückließen, immer höher empovgestiegen ist, so daß sie jetzt nur noch bei besonders hohen Muten überschwemmt wird Die preußische Regierung bat diesem neuen Eilands den NamenInsel Memmert" ge­geben unb ihm neuerbings einen Strand- Vogt bestellt, der auf der von Menschen natür­lich nnd? nicht bewohnten Insel nach dem Rech­ten »u sehen hat. In späteren Zetten wird das Eiland, das etwa eine Fläch« von einem Qra- dratkilom-ter umsaßt, vielleicht einen schonen Sommeranfenthalt bieten.

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©ßisJcremf für die Dickhäuter.

Alljährlich, wenn der Frühling, naht. Werden die Dickhqüter des Londoner Zoo einer Schön­beilskur unterworfen, um ihnen ihrenguten Teint" zu erhalten. Zu diesem Zwecke verwen- bet man große Mengen von zerlassenem Rinbersett. Die dicke Haut ber Elefanten trocknet nämlich allmählich auZ unb wirb bann mit einer Unmenge Meiner Risse übersät, die unschön, ben Tieren unangenehm sinb. Da die Haut eines ausgewachsenen Elefanten eine be- träeirtftcke Fläche darfellt, so sinb große Mengen dieses flüssigen Fetts nötig, um eine dicke La­ge des Schönheitsmittels darüber zu breiten. Im Londoner Zoo muß man siebenhundert Quadratfuß Elefantenhaut nif diese Weise be­arbeiten. Das Fett wird mit großen Bürsten aufgetragen, und die Elefanten sind zunächst über biefe Behandlung gar nicht entzückt. So mußte man zum Beispiel dem afrikanischen Zwergelefant, um ihn zu beruhigen, Strichnin in Apfelsinen verabreichen, unb zwar in Dosen, d.c genügen würbe i, um mehrere Menschen zu töten. Dem Zwergelefanten aber ist biefe Kur sehr gut bekommen. Auch bas Rhinozeros muß eingefettet werben, unb bas«ist bei biefem stupiben Dickhäuter fehr viel schwieriger als bei ben klugen Elefanten. Kein Rhinozeros hat stck bisher diese Schönheitskur ruhig gefallen lassen, und man muß es daher ein wenig ab­lenken. Dem Rhinozeros werden in seinem Kä­sig kleine Hausen Zwieback hingelegt, die es sehr gern frißt Während das Tier mit dem Verzehren biefer Leibspeise angelegentlick be­schäftigt ist unb an ben Wänden entlang wackelt, bringt lhm ein Wärter, ber sich verborgen halt, von oben her bie nötigen Fettmengen auf ben Rücken, ohne baß der Dickhäuter recht begreift, was eigentlich mit ihm vorgeht.

Varlamentö Erlebnisse

Otto Arendts Erinnerungen.

Der f.übsre t'ngj-hr qe Reich?, und iündtaqeabge- rrbnetä veröffentlicht Lebeuserinneru I zcn, aus den- wir nachfolgend einige A eldcteu nteecrge en.

Ein eigenes Erlebnis mit Fürst Hohenlohe. Die hatten in Paris eine bttnetalUftische Kon­ferenz abgehalten. Die Vertreter der Vereinig­ten Staaten und Frankreich Boten ein Witt- schastsbündnis gegen England an, wenn Deutsch­land mit ihnen die Silberfrage losen wollte. Ich berichtete dem Reichskanzler hierüber. Endlich sagte dieser:Ihre Mitteilungen haben mich sehr interessiert. Ich bin bereit, diese Bestrebun- gen zu unterstützen. Nur einen Wunsch habe ich: Lassen Sie die Silberfrage fort. Die macht zu große Schwierigkeiten."

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Der Zentrurnsabaeordnete Lingens, fPater Alterspräsident des Reichstages, ein trefflicher, allgemein beliebter Kollege von der Mofel, pflegte alljährlich beim Etat eine Rede zugun­sten der Sonntagsruhe zu halten. Ta er sehr leise sprach, verband niemand etwas. Die Presse berichtete:Abgeordneter Lingens sprack für die Sonntagsruhe." Einmal aber sprach Linoens über einen anderen Gegenstand. Die Presse berichtete:Abgeordneter Lingens sprach wie üblick Übe s die Sonntagsruhe. Der alle Herr toar darüber sehr entrüstet und erreickts vom Präsidenten die Erlaubnis, vor Einttitt in die TaaeSordnnna das Wort zu nehmen, nm sick über die schleckte Preffeberickterftattung zu beschweren. Die Zeitungen aber sckrieben:Vor Eintritt in die Tagesordnung nimmt Äbae- otbneter Linnens das Wort, um seine Ausfüh­rungen über die Sonntagsruhe zu wiederholen.

">r liebenswürdinffie aller Reichskanzler war spürst Bül"w. Wi" waren einmal zum Abend- c"en im kleinen Kreise geladen. Meine Par- telfrernbe v-n Zedlitz von Tiedemann und ick. Herr von Zedlitz und ich erschienen pünktlich,

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auf Herrn von Tiedemann warteten wir vergeb­lich. Er war geladen und hatte zugesoat. Endlich gingen wir zu Tisch. Tiedemanns Platz blieb leer. Bald darauf traf ich Tiedemann.Aber, Kollege, warum sind <Äe nickt zu Bülow ge­kommen?" rief ich ihm entgegen.Ich," ant­wortete er,ich war doch bei Bülow!"Aber dock nickt mit Zedlitz und mir zusammen?" Nein, ganz allein!"Wann denn?"Ge­stern abend."Aber eingsladen waren Sie vor­gestern abend!"Ack." sagte Tiedemann,als ick eintrat, mack-ten mir die Diener einen etwas merkwürdigen Eindruck, aber sonst merkte ich nichts und sah es als einen besonderen Vorzug an, daß der Fürst mich allein bestellt hatte." Als Tiddemrmn sick dann bei Bülow entschuldig­te, lachte dieser herzlich und sagte ihm, daß die Fürstin unb er natürlich ben Irrtum durä> schaut unb baß fie sich gefreut hatten daß sie zufällig zu Haus gewesen unb sie dock noch bas Vergnügen gehabt hätten, ihn bei sich zu sehen.

Romantzeldismen.

Das junge Mädchen unb bie reife Frau.

Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß durch Jahrunderte für den Roman eigentlich nur das junge Mädchen existiert. Von den Helbinncti der Monistischen Romanliteratur an bis zu ben Julien und Sgtten derReuen Heloifunb bes Werth er ist es das liebende Mädchen mit Hoff­nungen unb Leidenscha'ten, Freuden u. Qualen, dem wir in allen Geschichten begegnen. Fast hat es ben Anschein, als ob es überhaupt seine älte­ren Frauen damals gegeben bat; jedenfalls exi- ftirtcn sie für den Romandichter nicht. Höch­stens daß man als Kontrastfigur, als Mutter ober Vertraute, eine alte Frau einführte, di: aber mit dem ergrauenden Haar die Fähigkeit, n-och lcbl aft zu empfinden, eingebüßt zu haben schien.

Es war etwas ganz Neues, das allgente:n?s Aussehen erregte, als Balsac in einem so be­nannten Roman dieFrau von dreißig Jahren' entdeckte, und dieser tiefe Kenner der Menschen-

feete offenbarte damit der Wett ein bis dahin unbekanntes Gebiet weiblichen Fühlens und Le­bens. Balfac behauptet: fogar, daß die reife Frau erst diewahrhaft Liebende" fei, und ihm ,haben sich zahlreiche andere Dichter angeschlossen, die nunmehr die Frau in der Steife ihrer Ent­wicklung zur Heldin ihrer Geschichten machten. Tiemittelalterliche Frau", die die vierzig über- schritten bat, spielte auch weitwhin keine Rolle im Roman. Erst Karin Michaelis führte das gefährliche Alter" in die Literatur ein, indem sie in ihrem fo viel Aufsehen erregenben 9h>» tro- mit biefem Titel eine Frau schilderte, bie n S'o# einmal eine große Siebe erlebt, bevor sie tn bi« Reibe der Matronen eintritt. Dasgerahr- l?cke Alter", das längst bie Aufmerksamkeit ber Psychologen und Aerzte erregt hatte, wurde da­mit sprt 'wörtlich. Aber daß die feineren S:e- lenregut. :i dermittelalterlichen" Frau in die­sem 'ensationellen Lichte genügend erfaßt wor­den seien, wird man nicht behauptet können. Tie Frau in reiferen Jahren ist noch immer so­zusagen das Stieflind der Romane, und dock dielet sie be; Seelenkenner eine reiche Fund­grube neuen Motive. Nock immer gleitet die reifere Frau ziemlich schattenhaft durch die Bü­cher, und nirgends finden sick di: lebendigen Farben, mit denen man die Leidenschaft des lie­benden Weibes oder die abgeklärte Weisheit der Greisin charakterisiert.

Lvdia Haia lenkt in einer Plauderei die Aufmerksamkeit der modernen Romandichtor Mts diesen so wenig beachteten Typ.Der Durch- schinittsmeusch", schreibt sie,wird wenig Inter­essantes an der sprau finben, die dis Mitt: der vierzig überschritten hat. Aber der Dichter sollte tiefer blicken, und er wird bann in ihr ben besten Gegenstand für bas Studium der mensch- lichen Natur finden. Tiefe Frau in mittleren Jähren bat ihre eigenen Konflikte, ihre beson­deren Erlebnisse, ihre spezielle Tragik und Schönheit. Mag sie auch nickt mehr von der Ro­mantik umgeben fein, bie die Liebe der Frau verleiht, so hat sie dafür Kraft und Sicherheit gewonnen, um das Leben zu meistern. Ti: weint nicht mehr über die großen und Seinen

Schmerzen des Daseins, sondern st« überwindet sie durch rastloses Wirken. Wer die moderne Ge­sellschaft verstehen will, muß sich gerade tn das Wesen der alternden Fran vertiefen, muß er­kennen, welche Hoffnungen sie begrub, durch welche Erlebnisse sie zu dem wurde, was sie ist Sie ist fein Nervenbündel mehr mit wechseln­den Launen und Gefühlen, sondern ein scharf« umriffener Charakter, dessen Monumentalität Verehrung fordert."

Das Buch der Natur.

Ans dem Regenjahre 1923.

Das Jahr 1923 war ein richtiges Regenjahr ivie es sich manchmal zwischen trockene und heiße Sommer schiebt. Eine solche Nässeporiobc hat merwürdige Folgen in der Natur, aus die der Ornithologe Wilhelm Schuster von Forstner hinweist.

Man findet dann viele tote Finken- und Arn- seljünge in den Nestern, da die kaltssuchte Wit­terung den Jnsettenmangel begünstigt unb bie Ernährung bei jungen Tiere erschwert; ebenso häufen sich bie verhungerten Turmschwalben in ben Schlupfwinkeln ber Dächer; bie hungrigen Flebermäuse fliegen sogar am Tage aus Raub aus; bie Wiesel machen Beutezüge aus Bäumen, um wegen deS int» ch bie Nässe heivorgerufenen Mausernckngels bie Vogelnester zu Mildern; es gibt auffallend wenig Eidechsen, Mäuse und Jn- setten. Im Pflanzen reiche beobachtet man, baß Fingerhüte unb Glockenblumen zum Sckutz ge­gen Regen die Glocken abwärts beugen und sie dann völlig wegen aufsteigender Erdnsbel schlie­ßen; die stahkblmte Holzbirne bohrt Löcher in bie Blütenkammer.

Diesen Erscheinungen stehen anbere gegen­über, bie derselbe Forscher in heißen Som­mern festgestellt hat. Da werden die Rehjungen vor. statt nach dem Winter geboren, die sogen. Novemberkitze. Viele Zugvögel, 6(170 Arten, wandeln sich in Standvögel um, unb eine große Menge von Tierarten rückten von Süden nach Norden, andere von Osten nach Westen »e*.

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