Kasseler Neueste Nachrichten
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Kasseler Wendzettmrg
Hesstsche Abendzeitung
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Donnerstag, 3. Zannar 1924.
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14. Jahrgang
Sie Milderung des Ausnahmezustandes.
Deutschlands Opfer.
Was wir verloren.
Das abgelaufene Fahr war das verlustreichste in der Nachkriegszeit. Es hat außerordentlich: Opfer an Gnt und Mut gelastet und hat die Grenzen des Deutschen Reiches in ernste Gefahr gebracht. In erster Linie im Westen, aber auch im Osten. Der Hauptkrtegsschaupbatz lag an Ruhr ung Rhrin. Dort verlor Deutt "land im Jahre 1923 die Reichsbahnen, einen großen Teil der Zechen, durch rücksichtslose AuSholzungen, die an Verwüstungen grenzen, einen großen Teil der rheinischen Waldun. gen. Der Produktionsausfall infolge gewalt- samer Eingriffe in das Wirtschaftsleben an Rhein und Ruhr läßt sich ziffernmäßig Überhaupt nicht feststellen, ebenso wenig die Geldverluste, die eingetretm sind durch Straßen- und Kassenraube. Die schwersten Opfer aber sind von der Bevölkerung selbst in Gut mto Blut gebracht worden. Bis Ende September waren durch Gewaltmaßnahmen der Besatzungsmächte rund 190 000 Personen von Haus und Hof vertrieben; davon wurden ausgewiesen rund 175000, unter denen sich etwa 40000 Beamte, Angestellte und Arbeiter des Reiches und der Länder befanden. Durch Uebergriffe von Be- satzungsbehvrden wurden bis Enlde September 132 getötet. Der französischen Schandjustiz sind mehr als 6000 Personen zum Opfer gefallen. Von ihnen wurden bis Ende September 11 Personen zum Tode verurteilt (m diesen Tagen ist di« Zahl der Todesurteile um weitere 8 vermehrt worden), während über die übrigen rund 1600 Fahre Freiheitsstrafen verhängt wurden. Unter letzteren befinden sich fünf Personen, die zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt und in französischen Gefängnissen wir», »gebracht wurren. Diese Zahlen erhöhen sich noch um ein erheb- liches, da die Statistik noch nicht abgeschlossen ist und da außerdem das separatistische Verbrecher- gestndel ebenfalls nach französischem Muster mit Ausweisungen und Freiheitsberaubungen «arbeitet^.
Das Fahr 1923 brachte gegen Ende außerdem nochmals besondere Geißel für die Bevölkerung an Ruhr und Rhein die s e p a r a t i st i s ch e n Verbrecher banden, die unter Duldung, bezw. nach Auftrag der Besatzungsbehördcn gegen bi« Bevölkerung ein wahres Schreckens rr- aimrnt ausüben. Während im nöMichen Rheinland diese Banden in kurzer Zeit abgewirtschaftet haben, können sie sich unter dem besonderen Schutz des Generals de Metz in der Pfalz noch halten. Nach Auffassung des Generals de Metz und feiner Schützlmge ist di: Pfalz von Badern und vom Reich losgetrennt und der „autonomen Pfalzregierung" unterstellt. Tatsächlich befindet sich kein bayerischer Staatsbeamter mehr auf seinem Posten in dw Pfalz, dg alle vertrieben wurden.
Wie di« französische Politik darauf gerichtet ist, Frankreichs Grenzen weit nach Osten vor- zuschi-ben und deutsches Land unter ihre ©crvap zu bekommen, so schloß diese? Bestreben auch eine entsprechende Polifik im Saargebiet ein. Zwar soll hier der Völkerbund und sein Geist herrschen, aber die Zusammensetzung der vom Völkerbund ernannten Regiernngskommis- ston gibt die Gewähr dafür, daß die Ide: des Völkerbundes nicht zur Geltung kommt, daß allein die französischen Fnteressen den Ausschlag gaben. Das Fahr 1923 brachte im Saargebiet die französische Loslösungspolitik ein erhebliches Stück vorwärts. Der bedeutsamste Schritt in dieser Richtung wurde mit der allgemeinen E i n- führung der Frankrnwährung, mit der Beseitigung der deutschen Markwährung ge. macht. Damit wurde ein wesentliches Baud zwischen Deutschland und dem Saargebiet zerrissen. Auch die französische Schulpolitik hat im Fabre 1923 im Saargebiet nicht unbedeutende Fortschritte gemacht. Zwar har sich die Bevölkergnu in einmütiger Ablehnung gegen diese FramösierungSpolittk gewandt, aber unbekümmert werden im Saargebiet französische Schulen eingerichtet und gefördert — gegen die Waren Bestimmungen des Saabstatuts, die der Bevölkerung die deutsche Schule belassen. Die weiteren Französierungsbestrebungen richten sich gegen die politischen Parteien und die deutschen Gewerkschaften.
Fn E u p e n - M a l m e d y hat sich bie Ent- deutschung planmäßig vollzogen, beutst? Reg- ungen werden in bnttalster Weise unterdrückt. Die Deutschen Eupen -MaldemvS, die ohne Volksentscheid dem belgischen Staat zugrführ: wurden, können nur hoffend ht die Zukunft Mitten.
Fm Osten brachte das Fahr 1923 gleich zu Beginn ocn Verlust des Memellandes durch dm Einfall der Litauer. Der Völkerbund hat sich mit der vollzogenen Tat-ech? abgeftmd-en, so daß das deutsche Memelgebiat für Deutschland als verloren betrachtet werden muß. Ob es möglich sein wird, durch eine geschickte Pelitrl und durch die Kraft der deutschen Kultur und de? deutschen Fortschritts, dem Deutschtum in Litauen ausschlaggebende Bedeutung $tt geben,
mutz der Zukunft überlassen werden. Ein weit ernsterer Gegner ist das Polentum. Die Ver- lulste, die das Deutschtum in Polen durch die systematische Unterdrückungspolitik der vol- nischen Regierung int Jahre 1923 erlitten hat, sind ungeheuer. Hunderte von deutschen Ansiedlern wurden von Hau? und Hof verjagt, ihr Besitztum enteignet, sie selbst des Landes verwiesen. Ter-Deutsche wird in Polen als Bürger zweiter Klasse behandelt oder richtiger mißhandelt. Die Zahl derer, die unschuldig zu den unglaublichsten Freiheitesstrasen verurteilt sind, wächst von Woche zu Woche Mr den Deutschen kn Polen gibt es nicht Recht noch Gesetz — und der Völkerbund bleibt trotz seiner Minderheitenbestim- mnngen machitlos. Nicht wesentlich besser ist es den Deutschen in der Tscheche! -ergangen. Mit den brutalsten Mitteln wurdm die Deutschen im Hnltschiner Ländchen rechtlos gemacht, ver- folgt, ihrer deutschen Schulen beraubt. Auch die Deutschen in Tirol haben einen verzweifelten, aber leider erfolglosen Kampf um ihr Deutschtum gegen ihre italienischen Bedrücker geführt. So sah da? Fahr 1923 überall in den abgetrennten, geraubten, besetzten, vergewaltigten und de- droht-n Gebieten einen verlustreichen Kampf gegen Deutschtum und deutsches Land. Ob das Jahr 1924 in dieser Richtung eine Besserung bringt? R. P.
Wolttlsche MmWrsrehen.
Die Diplomaten beim Reichspräsidenten. (Privat-Telegramm.)
Berlin, 2. Famtar.
Beim NeufahrSemPfang des diplomatischen Korps sprach der Relteste, der apostolische Nuntius P a c c l l i, die Glückwünsche aus. Er sagte u. a.: Besonders an diesöm Tage, au dem man gewöhnlich mit Freude und Fröhlichkeit feiert, richten sich unsere Blicke mit umso innigerer Teilnahme auf gewisse unglückliche Klassen des Volkes, in dessen Mitte wir leben. Das sind di? werktätigen Stände ebenso wie die Geistesarbeiter, das ist der Mittelstand, das sind Kranke, Greise, Frauen und Kinder, denen ost das Allrrnötigste zum Leben fehlt. Wir sprechen dm edlen Herzen unseren Beifall aus, die sich bemühen, ein so erschütterndes Glend zu mildern, und wir wünschen glühend, dass alle Nationen sich jener Gesundung und ruhigen Wohlfahrt erfreuen möge», die auf Ge r echt k q- k e i t, friedlicher Arbeit «. duldender Liebe beruht
Reichspräsident Ebert
erwiderte darauf mit Dankesmorten, nach denen er fortfich?: Mit aufrichtiger Genugtnnng stellen wir fest, dass weite Kreise der fremden Nationen sich der in Deutschland herrschen- hen Not bewußt geworde„ sind, und vom (Seifte wahrer Menschlichkeit beseelt, uns Hilfe und Beistand geleistet h'-beu. Manches Leiden ist dadurch gemildert und vielen ist auf diesem Weg? wirksam ncholfrn word?n. Es ist bei Beginn des neuen Jahres der sehnlichste Wunsch deS deutschen Volkes in seinem harten und duldenden Ringen um sein Leben tmb seine Zukunft, dass auch ihm bald das hohe Gut ruhiger Ar- beit und friedlichen Lebens im Kreise der Völker bekchieden fei
TMnlster-SnrpsauL.
Berlin, 2. Januar. (Privattvlegramm) Nach dem divlomati'chen Korps fanden sich die Reichsminister und Staatssekretäre beim Reichs- orästdenten ein. Reichskanzler Dr. M " r x sagte unter ander i: Es gehört der ganze Starkmut der deutsch Nation dazu, dem Jahre 1924 uns der voliti' n Entwicklung in ihm getrost ent« gegenzr'seh aber die edlen Eigenschaften des deutschen Volkes, die in der Rot der Zeit besonders hell zu Tage treten, las sen uns Hoffnung schöpfen, daß es uns trotz aller entgegenstehenden Hindemiffe möglich sein wird, deutsches Volk und Vaterland einer besseren Zukunft entgegenzuführen. Dir Männer, die Sie, hochverehrter Herr Reichspräsident, mit ihrem Vertrauen beehrt und an ver- aMwortungSvolle Regierungsstelle berufen habe«. fühlen sich beute ganz besonders von dem ernsten und heiligen Pflichtgefühl durch, dnmgen, von neuem feierlich zu erklären, vast sie ihre ganze Kraft daran setzen werden, um unser geliebtes deutsches Vaterland im kommenden Jahre aus dem tiefen Verfall her- auSz.«führen und die wirtsck-gstlick>?n und finanziellen Verhältnisse nach Möglichkeit zu gesunder Entwicklung zu bringen.
In der Antwort des Reichspräsidenten gedachte dieser drr harten Bedrängnis der Rhein- und Ruhrbevölkcrnng, sowie ihres Opfermutes Möge das neue Jahr diesen Gebieten eine Erleichterung ihres schweren Schicksals dadurch bringen, daß es gelingt, auf der Grundlage des wahren Friedens und des Rechts der Völker die Lebensmöglichkeiteu und die wirt- schastliche» Kräfte ihrer Bewohner wieder zu entfalten. Groß ist die wirtschaftliche
Rot kn wetten Schichten unseres Volkes. Bei allen Anstrengungen des Reiches ist dem schlimmsten Elend aber nur zu steuern, wenn feder Einzelne nach besten Kräften mithilft. Mit Befriedigung kann man festigen, daß bei uns wie im BuSlande sich viele Menschenfreund- liche Herze« und Hände regen; aber noch sind unter uns viele, die unberührt von der N o t des Volke« abseits stehen. An sie richtet sich unser dringender Appell zur Menschenpflicht. Auch die Zukunft wird von uns allen schwere Opfer fordern ,wenn wir unsere nationale Existenz erhalten und sichern wollen. Zur Erreichung dieses Zieles ist mehr denn je gerade heute der Wille des ganzen deutschen Volkes zur Zusammengehörigkeit notwendig.
Im ANSrmhmkzuftcmd.
Milderung der Bestimmungen.
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 2 Januar.
In der Ausnahmezustands-Verordnung sind folgende Milderungen eingefügt worden: Gegen das Verbot regelmäßig erscheinender Druckschriften ist die Beschwerde an den Staats- gerichtShof zum Schutze der Republik zulässig. Die Beschwerde hat keine aufschiebende Wirkung. Der Staatsgerichtshof entscheidet in der Besetzung von drei Mitgliedern, von denen mindestens eins dem Reichsgericht nicht angrhört. Auf Beschrän- kungen der persönlichen Freiheit findet das Gesetz, betreffend die Verhaftung und Aufenthaltsbeschränkung auf Grund deS Kriegszustandes und. des Belagerungszustandes, vom 4. Dezember 1916, entsprechende Anwendung. An Stelle des Reichsmilitärgerichts tritt der Staats- gerichtshvf zum Schutze der Republik.
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Msch feine vkMzrr Tlufvevung.
Berlin, 2. Januar. (Privattelegramm) Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, wird die gestern erlassene Verordnung des Reichspräsidenten über die sofort in Kraft tretende Milderung des Ausnahmez«. st and es in linksgerichteten Kreisen als nicht ausreichend angesehen. Die vereinigten so zialdemokratische Partei Bat mit Mitgliedern der bürgerlichen Koalitionsparteien Fühlung genommen, inwieweit bei den bürgerlichen Parteien Neigung für eine restlose Beseitigung des Ans- nahmezustandcs Stimmung vorhanden wäre. Von fozi-üdemokratislber Sette soll bei de« gestrigen Besprechungen geltend gemacht worden sein, daß auch durch die neue Berordnrmg die bisherigen sozialdemokratischen Bedenken gegen den Busnahmezustand nicht hinfällig geworden seien und daß eine sofortige Einberuftmg des ReiMtages notwendig sei. Auf bürgerlicher «eite war men indessen der Meinung, daß besonders ans außenpolitische« Gründe« eine völlig? Aufhebung des Ausnahmezustandes gegenwärtig kaum möglich fei.
OMrmds neue Wege.
Bor d.-m Uebergang zur Arbetterregierung. (Eigener Drahtbericht.)
London, 2. Fauuar.
Die Hauptprobleme, die sich der neuen Ar- beiterregierung im Januar darbieten werden, sollen folgende sein: Schutz des englischen Handels, die Lage in Indien, Beziehungen zu Afganistan usto., die Rcparationssrage und die Frage der interalliierten Schulden. — Die AuSfickte « auf eine Arbeiterregierung bewegt zur Zeit alle ertremen Elemente der Arbeiterpartei auf das lebhafteste, die von der neue« Regierung radikale Massnahmen verlangen. Das erste Ergebnis dieser Agitation offenbart sich in dem Verlangen nach einer Revision der L ö h n e der Grubenarbeiter und in der Drohung mit neuen Streiks. Man erwartet außerdem eine ähnliche Bewegung in verschiedenen Gewerben. Die Lage toll ernst sein und eine ähnliche wie im Jahre 1919 als die britischen Arbeitermassen glaubten, mit einem Schlage alle ihre Forderuu- gen ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Notwendigkeiten verwirklich?« zu können. Die verantwortlichen Leiter der Arbeiterpartei lassen sick jedoch durch diese Drohungen nicht ablenken und machen alle Anstrengungen, ihrer Partei zur weisen Mäßigung zu raten.
4,2 2Mll?on*Tlrd?ftiwse.
London, 2 Januar. (Eigene Drahtmel- dunq.) Am Jahresende wurde trotz der Ueber- treibung einiger Politiker, hie ständig von den „zwei Millionen Arbeitsloser in England« und von den „zerstörten (fte6icten Handels« sprc- il-en, festgeftrllt, traft «ach den Statistiken die Zahl der Arbeitslosen beträchtlich aSgenomme« hat, fobaft sie nur «sch 1^29000 beträgt.
Aus einer Kreisstadt.
«ne idyllische Betrachtung.
eine gut aefitante Deteattzkunx b»« Lebens einer ner»»eut;e0en Äeeiejtabt gibt nn« nach felfienbe nr.tergaltfame «eßilbeimg wieder
Man schreibt uns: Mr die Bewobner der ländlichen Bezirke bedeutet es ein Ereignis, wenn sie zur Kreisstadt fahren. Allein schon der Bahnhof mit den vielen UnterMrunqen l Die D-Züge halten dort, und die Wartesäle )tnb stets besetzt von Reisenden. Die Hotels am Bahnhof liegen in vornehmer Ruhe mft vorge- zogenen Halbstores; am Fenster des Spöisesaals steht der fchwarzbefrackte Kellner und wartet aus Gäste. Er gleicht mit seinem glattrasierten Gesicht einem Lord und ermuntert kaum die ländlichen Besucher zum Eintritt. Mtt Hut, Mantel und Hcmdschichen machen die Hausfrauen und Haustöchter ihre Besorgungen Der Inhalt ihrer blumeübenrälten Körbchen ist. fittfam bedeckt von einem weißen Lochstickereideckchen. Diese Moraengänge sind für die .Kleinstädterin, was für die Berlinerin etwa der Bummel Wer die Tauentzienstraße oder durch den Tiergarten bedeutet? F« selbstzufriedener SB-.» sitzerfreude betrachten die Ladeninhaber ibtd Auslagen, das kleine Lehrmädchen des „Mode-Solons" scheuert mit seinen roten Händen eifrig den Lade« ab, die geöffnete Tür gibt das Inner? des Salons stet. Auf hohen Ständern und hinter schützenden GlaSschränken thronen die letzten Modelle der kommenden Saison,, dem Geschmack der ländlichen und kleinstädtischen Kundinnen angepaßt. Denn die „erste Gesellschaft« des Städtchens kaust ihre Hüte in der nahen Großstadt Drüben im Kaufhaus räumt ein junger Gent mit Cut und Kim stier- schöpf die Schaufenster ein. er zeigt den. Klein» stadffeuten, was es beiftt: modern? Schmtfenster- befnratiim! Geht bolde Weiblichkeit vorüber, verfehlt er nicht, einen seiner unwiderstehlichen Blicke zn werfen. Dann mustert er mit Sieger- miene das wohlgelungene Westk feiner Hände; ja er ist eine AcguiMou für das Kaufhaus!
Dort, wo die Menschen mit besorgter Wiens auS- und einaehen, ober ht erregten Gesprächen ihrem Groll Luft machen, stobt das Finanzamt. Pflichtgetreue Republikaner haben das Wort „königlich* aus dem weißchz Schilde mit schwarzer Farbe Wer strichen. Man darf fesistel- ten, daß dieses Haus den besten Besuch auszu-' weifen hat, man darf weiterhin seststellen, daß dieses L>aus und söine Bewrchnsr die geringste St-mf'gthie in Stadt imd Land besitzen. Das Fandratsamt, ebenfalls ein stolze?, wichtiges Gebäude! Der KreiÄbote, der soeben mit schwer gefüllter Memuapve daS Säulchtvortal verläßt, ist die ffeischgewordene Verkörperung einer vergangenen Zeit.
Ein alter Friedhof inmitten der Stadt; ör Wurde zur Promenade mngewondelt. Zivi« schon verwitterten Gräberreihen und unleserlichen, windschiefen Steinchenzen lustwandelt junges Leben. Ehrwürdige Trmrerweiden senken tief ihre Zweia- übch die vergessenen Stötten' der stillen Schläfer. Unter dichtem Fttederge- büsch wartet eine morsche Holzbank, überdeckt mit Namen und verschlungenen Herzen. Hier mögen in stillön Sommernächten Nachttgallm schlagen. Wie viele Liebespärchen haben hier sich ewige Treue geschworen —! Von bem alten hohen Steinkreuz blickt der stechende Welterlöser auf die kleinchi, kleinlichen Menschen. Fn gütigem Verstehen, er lächelt fast über den Hoch'-mtt urtB die Selbstherrlichkeit, die sich zu seinen Wßen breit macht.
An der Eck^ leuchtet das Schild eines C a S. Auf der blitzsauberen Glasvlatte fteben die frisch gebackenen Creme- und Obsttorten, ein Duft von SSackwerk und frischem Kaffee durchzieht die Räume. Fm Hinterzimmer runde Marmorttsche mit weißen Rohrsesseln, illustrierte Zeitschriften au? Yen Kriegsjahren liegen vor Dem hohen Spiegel, darinnen die Mädchen und jungen Damen mit Befriedigung ihr Bild wiede^finden. Die schöne Zeit der jungen Lieb? spielt sich in diesem Cafs ab. Mt wieviel Zagen und Herzklopfen hat „sie" sich zum erstenmal an eines dieser Mvrmortisch- chen niedergelassen? Wie oft hat „er" sorgenvoll die Strasse auf» und abgeblickt, ob nicht das alles erspähende Auge des gestrengen Herrn Ordinarius od-.ft die klatschsüchtige, ältliche Base in Sicht fei!
Die Seitenstraßen sind menschenleer, kein Frmtenkopf zeigt sich am Fenster, um die wenigen Vorgänge der Strafte zu kontrollieren hat man spieaelblanke, drehbare „Spione". ES ist jebr vornehm in diesen Straßen, sehr norddeutsch Die feinen Stores, die drei teil Spitzen der Gardinen zeugen von der Handfertigkeit der SBewohnerinnen. MeffinqfMldchen und Klingelzüge glänzen: die Dackel und Schoßhunde, die hinter geschlossenen Gartentoren gelcmgwöilt die Welt bewachten, tragen heute «eiderrschleisen. Äuck sie tun vornehm und zurückhaltend.
Nur draußen vor der Stadt, wo noch die niedrigen Häuser stehen, wo HWner mit Gegacker und Spektakel die Straße sMeu, wo gc-