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Kasseler Neueste Nachrichte«

13. Jahrgang. Nr. 246-

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Kasseler Allerlei

Die Zett der großen Sprünge.

Ich weiß nicht mehr aus und ein* Tas ist in dieser Zeil der großen Sprünge des Dollars und der heimischen Preise die stereotype Klage und wenn man hört, daß alle Kassierer in der bleichen Furcht leben, Abonnpnien von Neue Mühle und Marburg zu werden, so versteht man auch den tieferen Sinn einer lakonisch gehaltenen Polizeimelduna, die dieser Tage ausgegeben wurde: Arif dem Altmarkt schlugen sich um zwei Uhr nachts zwei Frauen mit einen Mann. Jede behauptete, daß es ihr Mann sei. Die Polizei mußte eingrcifen. ... Wer ist nun der größte Spottvogel in ernster Zeit, die Zelt scklbst, die solche Dinge hervorbringt oder ...? Die Bc- antwortnng dieser Frag: überläßt seinen Lesern der allsonntägliche. sich auch keine großen Sprün­ge mehr gestattende Spottvogel.

Suchen Sie in Ihren Ruhestunden nach einer Zeitung, die sich nicht täglich in ödestem Parieigezänk ergeht, sondern die das Bestreben hat. Sie unbeinflußt über alle Geschehnisse zu unterrichten und Sie gleichzeitig in fesselnder Form zu unter» hatten, dann greifen Sie zu den Kasseler Neuesten Nachrichten! Bestellungen werden zu jeder Zeit entgegengeuommeu.

Die Kunst öes Kusses.

Aus rostndustigen Jugendtagen.

Jedermann glaubt, daß er diese Kunst ohne vorhergegangene Unterweisung völlig beherrsche. Aber dem ist nicht so, und einFachmann" hat darüber einmal die folgenden drei Lehrsätze aus­gesprochen, die ihm angeblich in rosendustigen Jugendtagen von süßen Lippen zugefliisiert wor- den sind. Diesck Lehren heißen: Erstens:Drücke die Lippe» nicht zu stark und nicht zu schwach aus!" Am Tntck des Kusses, so berichtet ein Weltenbnmmler, erkennt man in Amerika aus das Bestimmteste die Gefühle dch küssenden Da­me. Liebt die Miß einen Mann, so küßt sic ibn mit niedereeschlagenen Augen, aber so innig und feurig, daß er meint, vom Blitz getroffen zu sein. Ist ihr dckr Verehrer angenehm, so küßt sie mit einigem Sträuben, aber sanft und warm: ist ihr der Beirefsende jedoch aleichgülttg, so küßt sie kamn fühlbar und baucht ihn so kühl an. daß er sich frostig die Nase reiben muß. Zwcktens: Spitze die Lippen und schmatze nicht." Ein Ton im Kuß ist ein Kuß gegen den Ton. Der Kuß soll schweigend sein und doch sprechen. Er darf nicht trocken sein, aber noch weniger naß. Er kann lauge weilen, darf aber nie langweilen.

Drittens:Sei mit deiner Seele beim Kuß!" Das beißt: rede nicht gleich nach dem Küsten. Das stumme Schweigen drückt den hoben Wert, den man auf den Genuß legt, am bcrevesten aus. Schaue dem geliebten Gegenstand lieber noch ein Weilchen in bid verführerischen, unbe­schreiblich schönen Augen, oder, ist es finster, so drücke innig das weich«, mollig warme Händ­chen. Fragt man uns noch, wann die reckte Stunde zum Küssen ist, so bedauern wir aufrich­tig. darüber keine bestimmte Auskunft, keine er­schöpfende Antwort ereilen zu können. Solcke Augenblicke zeigt keine Glocke an und weist kein Finger. Dem Aennsten, der diesen richtigen Zeitpunkt nicht selbst beurteilen kann, ist nicht zu raten und nickt zu Helsen.__________________

Treysa ohne Kirmes.

Der Städtekampf um Musikanten.

Die Städte Neukirchen und Ziegenhain feiern, abweichend von den meisten Städten unseres Hessenlandes alljährlich noch ihre von nah und fern besuchten Kirmessen und mancher erinnert sich wohl gern der dort verlebten fröhlichen Stunden. Namentlich ist es die Ziegenhainer Salatkirmeß, die zahlreiche Besucher aus fast affen Gauen unseres Hessenlandes ausweist nicht zum mindesten trägt Hierzu Wohl das muntere und bunte Treiben der Schwälmergästc bei. Woher aber schreibt sich das Fortbestehen der Ziegenhainer Kirmes? Folgende schöne Saac mag Aufschluß geben.

Anfangs des 14. Jahrhunderts wurde die Grafschaft Ziegenhain von einem oftmals wun­derlichen -Herrn regiert. der bald Hier, bald dort seine Residenz aufschlug. Schwcrc-enborn und Neukirchen wurden bevorzugt, später bezog er auck das Schloß Ziegenhain. Auf einmal lien er seinen Burgisitz in Treysa instand setzen und wohnte hieraus überall und nirgends. Einmal tauchte er bei seiner in Frankenberg wohnenden Mutter auf, der er mit lachendem Munde er­zählte, wie er eben, um vorbeizukommen, ein schweres Fuder Wein aus der Straße gehoben habe. Auf daz Ungehörige iseines Tuns h:n- gewiesen. stieg er hinab und hob das Fuder wieder auf seinen vorigen Standort. Die Mut­ter behauptete, das sei ein Schwarzenborner Streich...

Wo nun dieser komische Gras gerade anwe­send war, hielten die Städte der Grafschaft iffnt i't Ebren ihre Kirmessen ab. So ging das lange Zeit gut von statien, Schwarzenborn feierte vor, Neukirchen nach Pfingsten seine Kirmes. An diese letztere schloß sich die Ziegenhainer und hieran die Trevsacr an. Einst gefiel es dem Grafen, mal aus der Reibe zu fallen, anstatt tn .Ziegenhain schlug er in Trevsa seine Residenz auf. Hierin sahen die letzteren eine Bevorzug- uno von Ziegenhain und wollten in aller Eile auch eine Kirmes veranstalten. Mit all den vie­len Vorbereitungen einer echten Sckwälmer Kir­mes kamen sie noch zurecht, aber am besten fehlte es: an der Musik. Diese war in jener Zeit oft seltene und rare Ware. Gab es doch nur eine Mimkgck -.-lffchast, die in allen Städten der Graf­schaft die Kirmessen spielte. Nun svielten sie jetzt gerade schon in Ziegenhain fröhliche Walzer und Ländler auf und andere waren nicht zu be­kommen. Woher nun Musik nehmen? Ratlos standen die gelehrten Ratsherrn vor dem Rat- haus, furchtbar ausgebracht und erbost war der Graf, weil der Anfang des Festes aus sich war­ten ließ. Er drohte endlich der Stadt das MarttrÄt zu entziehen, wenn innerhalb dort Stunden die Kirmeß nicht anfange. Die Not stieg immer höher, Minute auf Minute ver­rann, ohne eine Entscheidung, ohne einen guten Gedanken zuweac zu bringen. Endlich, in höch­ster Not entschlossen sich die Väter der Statu, in eigener Person nach Ziegenhain zu reisen und den dortigen Stadttat um Ueberlassuna der Spielleute zu bitten. Doch sie wurden sehr höh­nisch aufgenommen. Di« Ziegenhainer Stadr- rate wollten die Musik nur unter der Bedingung abgeben, wenn Trevsa für immer die Kirmes an Ziegenhain abtrete.

Was war da zu tim? Obgleich die Trcysaer Stadtherren furchtbar ergrimmt waren, was half's, standen dock ihre Stadt- und Marktrechte auf dem Spiel. Es geschah. Doch etwas han­delten sie sich noch aus, nämlich, daß die Kirmes nur fiir 99 Iabre abgetreten würde und Ziegen­hain für jede Kinnes eine Metz« Hutzeln ge­dörrtes Obst zu liefern unv jeder Treviaer Kirmesgast mit einer Kanne Wein frei zu trak­tieren sei. NMh Abschluß dieses Vertrages zo­gen die Trev aer mit ihren Musikanten und ge­mischten Gefühlen heimwärts und kamen kurz vor Ablauf der erstellten Frist daheim an. Nun begann eine lustige, mehrere Tag« anhaltenoe Kirmes, die letzte, die Treysa hatte, denn nach hundert Jahren wurd« der Vertrag erneuert und immer wieder, wenn 99 Jahre verflossen waren, bis nach dem siebenjährigen Krieg.

Jetzt ist die Geschichte verjährt, die Hutzeln werden nickt mehr geliefert und wenn die Trey, saer zur Ziegenhainer Salat-Kirmeß komme.,, so werden sie zwar nicht mehr mit einer Kanne Wein bewirtet, fühlen sich aber trotzdem bei ihren freundlichen Nachbarn auf dem .Bunten Bock" oder auck anderswo wohl und gut aufgehoben, denn .Zeigeheng, du Geld- schlonk, du host mech Werre im 6 Heller ge­brockt" ist heute nicht mehr modern...!,

11 Heinlein.

Die Billiarde.

Im Wahnsinnstaumel der Zahlen.

Dick Zeitlage macht es notwendig, die Allge­meinheit mit Zahlenbegriffen bekamttzumacken, die früher nur für Asttonomen und mathemati­sche Theoretiker wichtig waren. Man kann jetzt häufig in den Zeitungen lesen, daß der Nenn­wert des von der Reichsbank ausgegebenen Pa- piergckldes eine Trillion Mark bereits überschrit­ten habe. Hierbei wird eine Trillion gleich 1000 Billionen gesetzt. Das ist nicht ricktig. Wie eine Billion eine Million Millionen ist, so ist eine Trillion eine Million Billionen, weiter cini Quadrillton eine Million Trillionen. Ganz all­gemein gesagt, sind di« bochnnlligckn Ziffern, für die wir in unserer Sprache besondere, aus dem Lateinischckn entnommene Wörter haben, Voten, zen der Million. Also Million/2 = Billion, Million/.? = Trillion. Million/4 = Quadriivn. Million/5 Quintillion usw., Schtillion, Scp- tillion, Oktillion alles bereits Zahlen, de so ungeheuerlich sind, daß auch die Rechnung mit Siner aufs phantastischste entwerteten Mark ihren Gebrauch nimmermehr notwendig macken wird.

In der oben gegebenen Aufstellung kommt die Milliarde, die ja jetzt ein sehr geläufiger Begriff geworden ist. gar Nicht vor und sie ge­hört ja auch in das System der Milliouenvoten- zen nickt hinein. Vor dckm Jahre 1871 kannte man den Begriff Milliarde überhaupt noch nickt. Er ist entstanden, als die Höbe der von Frank­reich zu zahlenden Kriegsentschädigung fcstge'ekt wurde. Als die finanztechnischen Berater Bis­marcks vorschlugen, daß er fünf Milliarden kor- dcknr sollte, fragte er erstaunt:Was ist eine Mil­liarde?" Die Schöpfung einer besonderen Be­zeichnung fiir 1000 Millionen bat fick als sehr niitzlich erwiesen Bei der heuigen Yffoßzü-tta- fei im Gebrauch der Zahlen erscheint es ratsam, für 1000 Billionen ein entsprechendes Nennwort sinzi'.fübren. Von selbst bietet sich die Bezeich­nung Billiarde an, die ich hiermit empfehlen möchte.

Eine Trillion ist dann 1000 Billiarden. Dir können ziemlich sicher sein, daß die richtige Tril­lion praktisch nie erreicht werden wird, da die Billiarde äußerst schwer zu vckruielfachen ist. Verhält sich dock schon eine Mill-on zu einer Billion wie die Breite einer Straße zu der Ent­fernung von Berlin nach San Franzisko Die Kläglichkeit des hckutiaen Wertes unterer Pavier­mark ist auch dann schon genügend aekeunzeick- net, weizp wir über das Rechnen mit der Billiar-

HeWchr fterrWr M Holland.

Von

Dr. Heresna Mo:->»crg-L»ai<o.

Ein Gebiet von .Holland ist die Betomve »BoLachaue. -insel". Das bekannte Battenberg in Hessen klingt etwas ähnlich. Kein G-ckngcr-r nun als Tacitus betont, in der Germania, daß

Hessen einst über den Rhein nach Holland gewan° beit seien. Das sind, glaubt man, die Bewohner 6er Betouwe vgl. oben. Man nennt sogar den Rbeinort Kettwig als Dorf Weg der Hessen Kalten Helten, über den sie gekommen f^zr. Dock wig ist vielmehr Weg und Kett Grab oder Wildkatze oder Laufgans. Bet von Betouwe wie oben bedeutet Bete Botbach. Ein Botbach war und ist muck die Batte beim Battenberg, wenn nickt dies hott nur Bot lkollektiv. also Bote, Kähne) also nickt Botbach bedeutet, aber dock cjn Botbach Hessens, nickt Hollands. Dolberg Settesßerf! wsi-st Elchen. Man fertigte aus solchen die Bote. TaeituS schrieb nun die obige Geschickte gar nickt, ein ihn abi'chre:- bender Mönch schmuggelte sie. sein eigenes Fa­brikat. in den Tert ein. Holland bolte sich be­kanntlich seine Könige jetzt aus Hessen.

der Mangel an spanischen Röhrchen nicht aus! Daß daran schon lange gespart'wird, erlebt man alltäglich an einem gewissen Teil unserer Ju­gend. Hier soll und dan wahrhaftig nicht ge- spart werden.

Wenn die Hilfsaktion für unsere Schulen Erfolg hat, so möge Nietzsches off mißhandeltes Wort in etwas veränderter Form zur Geltung kommen: Vergeßt den Rohrstock nicht!

Bitt große- Wort war's, das Kassels Ober- kürgermeister am Montag gelassen ausgesprochen hat: Wir leben in der Zeit der gro­ben Sprünge!

Und o b wir darin leben! Leisteten wir uns mal früher große Sprünge, bei Wein, Bier oder anderen schönen Begleiterscheinungen des tägli­chen Löbens, so ist es fetzt bet Licht und Heizung. Man hat uns ja solche Lichtpreise aufgebrummt, daß der Kopf aus dem (Summen nicht heoaus- kormnt. Wahrlich, es war eine lichtvolle Stadt­verordnetenversammlung: Einführung eines La­ternenwärters als Stadtvater und dann zwei Stunden lang Debatte über das Licht des armen Mannes, über das Gas, über das elektrische Licht «und ... ttotzdem kein Lichtblick!

Eigentlich wollte man am Montag noch eine delikatere Sache verhandeln, lieber den Stadt­oberschulrat, den noch ungewählten, doch hinter Mn Kulissen umsomehr umkämpften (Kampfruf: . Müller oder Friedrich?) sollte angefragt werden und über .große Sprünge" einer gewissen Kom­mission. bei denen es, wie Gerüchte mit großer Bestimmtheit zuverlässig zu wissen vorgeben, schöne Schnitzel und herrlichen Wein geben soll.

Gruppckn und Grüppchen standen umher, raunten von dieser Anfrage, die der Oberbür­germeister selbst beantworten sollte, weil er in der genannten Kommission höchstpersöirlick den Vorsitz führt, aber ... die Sorgen der Allge­meinheit und der durch Lichtpreiserbitterung der Bürgerschaft gekränkten Stadtverwaltung über­wucherten die Nachfrage noch Kleinigkeiten.

Gottlob, einet feste Zusicherung haben wir er­halten. die uns über alle großen Sprünge, die man im Rathaus macht anderswo auch Hinweghilft: Niemand denkt daran, den Bürger zu ärgern! *

Arbeit allein ist des Bürgers Zierde! Und wenn er mit dem Handwagen von Ort zu Ort, von Hof zu Hof ziehen, Grobheiten einstecken und keine Kartoffeln heimbringen muß! Was ei füllt denn das Tagesgespräch so, daß alle öf­fentlichen Fragen beiseite gequetscht sind? Die Frage, ob der Nachbar schon seine Kartof­feln im Keller hat! Dann klagt der Geheimrat vom Vorderhaus dem Lumpensammler in der Notwohnung fein Leid und beide stellen in Uebereiustimmung fest: Kartoffeln sind nirgends zu haben!

Da machr sich mancher auf die Sprünge und ziöht hinaus gnfs Land, wo sich ein Kriegs­kamerad, ein entfernter Verwandter oder wer es sonst sei, seiner erinnern soll. Die Pilger­züge zum .heiligen" Land leben wiedckr auf. Ja. heilig ist jetzt das Land, Weil dort Milch und Kartoffeln fleußen! Nur ein Unterschied besteht zwischen den Pilgerzügen von einst und jetzt: Jin Mittelalter, von dem erst eine einzige Milliarde Minuten trennen, während wir für eine viertel ^"iffiarbe Papiergeld kaum mehr als ein Liter Milch erhalten, zogen die Pilger ans, das etoi ae Leben zu erlangen, und die Kartof- felvilger ziehen zum Lande der gefüllten Scheu­nen, das tägliche Leben zu sichern!

Tausckie..."

, Nur Kartoffeln, nur Kartoffeln, Eine Republik dafür ...!

Seer die Kisten in dem Keller Und der Winter vor der Tür!

Vater jammert, Mutter jammert, Kinder jammern noch viel mehr. Doch das Jammern jammert keine Einzige Milliarde her!

Woher nebmen und nicht stehlen? Herr, die Not ist riesenarotz!

Also muß. was uns geblieben,

4 Liebgewohnts, zum Tauschen los!

Covercoat und Festzylinder Sind schon ein paar Zentner wert, Langes nicht, dann in Gottes, Namen Holt mir noch das Schaukelpferd!

Christkind muß in diesem Jahre, Wenn es überhaupt noch kommt, Statt des Spielzeugs Fettes bringen, Das allein dem Magen frommt!

Badewanne. Nähmaschine Und auch das Reservebett Tauscht es ein für die Kartoffeln, Meinthalb auch das Bügelbrett.

Großmamas (Gott bab sie selig!) Sckönes künstliches Gebiß Und ihr Kreuzchen ... Heute ist die Pietät kein Hindernis!

Lieber Papagei, mußt fliegen Demnächst in ein Bauernhaus, Und (die Nachbarn folln sich freuen) Bald fliegt auch der Flügel aus ...

Weg jetzt mit der Drahtkommode, Schöner ist die Melodie Eines Wagens mit Kartoffeln, Wenn es heißt:Die sind für Sie!" Und wer gar nichts har zu tauschen, Der probiers bei Havensteiu,, Ob er Mtllionenscheine

Tauscht in Milliarden ein ...

Große Sprünge, nichts als große Sprünge ringsum! Aus dem Fallschirm sprang Hilken, der kühne Springer, auf die Fuldawichen, das Bier sprang auf Höhen, die denen des Mount Everest gleickkommen, der Häringssprung von der oberen Köniqsttaße über den Gardednkorps- platz bis zmn Ständeplatz-Palais erregt die Bck- ivmiberung aller, die vor fünf Jahren geblieben, was sie waren und ...

Nur unsere Schulen können sich keine großen Sprünge mehr erlauben Es fehlt an Kreide, an Tinte imd Papier Karlchen Mießmck triumphickrr beute: Bei solch:» Zuständen bleibt

Dle Kugelsburg.

Eine Zierde der hessischen Landschaft.

Von

Dr. Albert Haneberg-Kassel.

Die Stürme vieler Jahrhunderte sind über das alte Burgenschloß dahingebraust, das auf steilem Muschellalkfelsen aus dem anmutigen Erpetal unweit Volkmarsen seine ragenden Trümmer hebt. Sein Name Kugclsburg (früher Kögelsberg > ist unbekannten Ursprungs. Wenige hesst-cke Burgen kommen diesen in den wesentlichen Teilen wehlcrhaltenen Ruinen an Großartigkeit gleich; sie bilden einen Glanz­punkt der an malerischer Schönheit so reichen Lanbsckaft des im Umkreis von Zierenberg, Wolsbaaen und Volkmarsen auslaufenden alten sächsischen Hessengaues. Vom Bahnhof Volk­marsen führt eine etwa halbstündige Wande­rung auf bequemen Fußpfaden oder auf breiter fahrbarer Serpentine zur Burg. Ein am Fuge des Berges besinnlicher mächtiger Kalkfelsen zerklüftet und von phantastischer Gestalt, der das Auge des Beschauers fesselt, ist Gegenstand einer uralten Sage. Um die Mittagsstunde des Kar­freitags mit dem Glockenschlage 12 dreht sich dieser Fels herum, ähnlich wie einst bei der Kreuzigung Christi um die festste Stunde die Felsen infolge eines Erdbebens umstürzren. Allervings ist cs nur besonders begnadeten Ttttu feßid.em Menschenkindern beschieden, dieses Wunder zu schauen...

Die auf einem schmalen Gipfelplateau ragend: Burg, welche die ganze Umgebung beherrsch!, trägt alle Merkmale einer starken mittelalterli­chen Feste. Eine mit zahlreichen Schießscharten versehene Ringmauer, Wall und Grabe» mit = schließ ort einen teilweise zerstörten viereckigen und einen guterhaltcnen runden Ser^ieb, an den sich der Pallas mit Fenstern und Wondge- lassen anlehnt. Wohnränme, Kamine. Keller, Kerkerräume sind nach Anlage und Bestimmung noch gut erkennbar. Die nähere Umgebung mit ihren charakteristischen Mauerresten, Podesten unv Terrassen bietet dem Kundigen noch e'ne Fülle interessanter Einzelheiten. Ein prächtiger Fernblick lohnt den Aufstieg. Unten im Tale liegt die einst ebenfalls wehrhafte Stadt Volk­marsen, von Wiesen. Gärten und Bmtmgrup- pen umgeben und umflossen von den zahlreichen Windungen der Twiste und Erste. Sonnenglanz liegt über den ernteschweren Saatfeldern der Feldflur, über deren Grenzen hinaus zahlreiche Dörfer, zvm Test waldeckschen und westfäliscken Gebiets ihre Kirchtürme und roten Dächer zeigen.

Von der Warburger Landstraße grügt, wie ein Bild ans einer Uhlandscken Ballade, inmit­ten der Feldflur, von vielhundertiährigcn Lin­den beschirmt, die ehrwürdige Witmarka- stelle herüber, der letzte Rest einer längst Ver­schwundenen uralten, nicht unbedeutenden Sied­lung. Von ihr hat auch der Witmarwald seinen Namen, der mit feinen dunklen Buchen und Tannen sick bis weit ins westfälische Land erstreckt: der nabe aelegene .Essenberg", ein prächtiger Laubwald und der düster» tannen­bewachsene ..Stromberg", sowie jenseits der Erste die kahlen Bergkuphen desSckeid" bil­den einen weiteren prächtigen Hintergrund, während in der Ferne die HöHenzüge des Ha- bichtswaldes in blauem Duft verschwimmen.

Nach der genußreicken Umschau laden Tische und Bänke im Burghof zum Verweilen ein und da.träumt sichs gut von den glanzvollen ver- aangenen Jahrhunderten, als Ritter und Edel­frauen, Knappen und Vögte die Burg belebten und ihre Feste feierten, aber auch ost Falkonetts und Kartannen anWrmende Feinde mit ihrer donnernden Melodie empfingen. Stadt und Burg haben durchweg die gleichen Schicksale ge­habt. Ihre ersten Spuren führen auf di» Zeit der Karolinger zurück; als erste Inhaber der Burg werden die Grafen von Everstein genannt. Spater finden wir Stadt und Burg rm Besitz des berühmten Stifts Corvey, welches gerade in dieser Gegend eine lebhafte Siedlungstätig- feit entfaltet?. Ein vielfacher Besitz wecksel in Gestalt von Eigentnmsübertraguiig, Lehen oder Verpfändung, wobei jeweilig die Bistümer Mann, Köln. Fulda und Paderborn, bald welt­liche Gewalthaber, darunter auch die Landgrafen, von Hessen die Herrschaft ausübten, zeigt zur Genüge, welchen materiellen Wert, aber auch welcke strategifche Bedeutung man dicken Stät­ten beilegte. Der dreißigjährige Krieg, welcher die Stadt verheerte, legte auch die Burg in Trümmer. Stadt und Burg, deren Gebiets- hohett nock vielfach wechselte, kamen erst 1817 endgültig cm Kurhessen.

Sckon diese wenigen Daten beleuchten die denkwürdige Vergangenheit Volkmarsens und der Kugelsburg seit ihrem nahezu tausendjäh­rigen Bestehen. ES war daher für den Verfasser dieser Skizze eine willkommene und dankbare Aufgabe, di: Baustein» zu einer Gesckichte seiner Vaterstadt in langjährigen Bemühnnaen zu- fammenzutragen. Das umfangreich» Ergebnis weiteren Kreisen nutzbar zu macken, muß gün­stigeren ZeitverhSltnissen Vorbehalten bleiben.