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Donnerstag, 18. Oktober 1923.

Kasseler Neueste Nachrichten

13. Jahrgang. Nr. 243.

bei sie durchbückcn lassen, daß nach ihrer lieber« znlgung das Reich bankerott sei, die ,G r o ß i» d u st r i c aber in den letzten Jabreu sich enorm bereichert habe und jetzt zahlen solle. Die gesonderten Verhandlungen führen naturgemäß zu einer bedenklichen Zersplitterung und zu anderen recht bedenklichen Erscheinungen. Bei der vollkommenen Destruktion des gesamten Wirtschaftslebens werden Wochen, ja Monate ins Land gehen, bis die Verhältnisse sich einiger­maßen wieder den Zuständen vor dem 11. Ja­nuar nähern. Führende Persönlichkeiten des In­dustriegebiets, die große Arbeitslosigkeit und eine

Verelendimg der Massen

und Verzweiflungsakte befürchten, streben des­halb folgende Hauptziele an: 1. Zu allererst muß der Eisenbahnverkehr so schnell wie möglich in Gang und aus eine möglichste Höhe gebracht werden. 2. Um dies zu ermöglichen, muß immer wieder angestrcbt werden, daß die füh­renden Persönlichleiten und ortskundigen Beamten von Eisenbahn, Post und Wirtschaft wieder an den Ort ihrer Tätigkeit zurückkehren dürfen. 3. Es muß unter allen Umständen ange­strebt werden, daß alle Verordnungen, die diesen Zielen im Wege stehen, schleunigst aufgehoben werden. Da es auf deutscher Seite weder bei Arbeitgeber, noch bei Arbeitnehmer am guten Willen fehlt, ist es nunmehr Sache der Besat- zungsbehördcn, die notwendigen Schritte zu tun und Vorsorge zu treffen, daß mit dem Wie­deraufbau des Wirtschaftslebens begonnen wird.

Die Stentenmürf.

Einzelheiten zur deutschen Währungsreform.

Berlin, 17. Oktober.

Heber die Art des neuen Geldes, das van der Reichsregie»ung eingeführt wiid, siegen solgende Einzelheiten vor: Das neue Geld soll den Nmucu Rentenmark führen. Scheine sollen in Höhe von 1, 2, 3, 5, 10, 50, 100 und 1000 Rcn- jenmark ausgegeben werden. Mit dem Truck ist bereits begonnen worden. Tie kleinen Stücke in Pfennigen werden geprägt werden, und zwar .1t einer Mischung von Aluminium und Messing. Äuch diese Scheidemünzen werden bereits ausge­prägt, wenigstens waren die Platten vor Tagen bereits fertiggestellt worden. Dieses neue Geld oll in der c r st c n oder zweiten Novem- e r >u o ch c in Umlauf gebracht werden. Inzwischen soll Goldanleihe in Stücken von

2 und 5 Dollar in de» Verkehr gebracht wer xn. Sobald die neue Rentenmark heraus ist, soll .»er Umtausch dieser Stücke gegen Renten nark erfolgen können. Die Papier mark oll bestehe u bleiben. Ihr Wert wird sich selbst- sterständlich nach wie vor nach dem Dollar- ' u r s richten. Das n e e Geld wird unab­hängig von ihr sein. Alle Sffentlichen Kaffen im deittscheu Reiche sollen die Verpflich­tung eingehen, die Rentemnarr anzunehmen.

Tie neue Rentenbank

wird als Leiter einen Präsidenten haben, der bis ^ur Stunde noch nicht ernannt ist. Ter Ver - w a l t u n g s r a t, der aus vierzehn Mitgliedern besteht, setzt sich solgendecmaßen zusammen: Lan w i r tsch a ft: Rvesicke, Dietrich, Heim, jKrone, Hilger, ©ernte» Brandes. In d u st r i e: sSorge, von Siemens, Bücher. Großbanken: Urbig, Wassermann. G roß- und Klei n h n n del: Keinath, Grünfeld. Äußer diesem Verwal- tungSrat soll ein A u f s i ch 1 s r a r ans 36 Mit­gliedern eingesetzt werden. Die Erricht u n g der Rentenbank selbst soll noch diese »Woche erfolgen. Als Gründer gilt der aus 36 Mitglie­dern bestehende Anfsichtsrat, dem lauter bekannte Persönlichkeiten aus allen Kreise» der Wirtsckfast, mit Ausnahme des Handwerks, angehören. Wie uns mitgeteilt wird, hatten die Vertreter des Handwerks keine Neigung, sich anznschließen.

Die Deckung

besteht in einer hypothekarischen Ein­tragung auf das gesamte Lesitziui». Als Grundlage wird der Betrag von 3,2 Milliarden Goldmark angenommen. Man schätzt den land­wirtschaftlichen Grundbesitz nach den durch ben Friedensvertrag erfolgten Abtrennungen aus Grund der Schätzungen deS Wehrbeitrages auf vierzig »Milliarden Goldmark. Die Hypothek wird in Höhe von vier Prozent dieses Wertes einge­

tragen, das sind 1,6 Milliarden Goldmark. Ten gleickfen Betrag schätzt man für die I n d u st r i e. Eine Einschätzung des st ä d t i s ch e n Grundbe­sitzes ist noch nicht erfolgt. Später, wenn er herangezogen werden kann, wird das Kapital der Rentenbank entsprechend erhöht werden. -

Heber die <5l^er6eilts.

wirs Wüter berichtet: Die Sicherheil, die die Deutsche Rentenbank genießen wird, best-llt also

1. in der vollen Deckung der von ihr aus',»gebenden Roten durch die Grund'schul- d c n und durch die G o l d o b l i g a t i o n e n, die die Wirtschaft übernimmt. Und diese Be­träge zu garantieren, ist unsere Wirtschaft iroo &er akuten Krisis, die sie als Folge der Ruhr- crcigniffe durchgemacht und die ihre Leistungs­fähigkeit unzweifelhaft wesentlich beeinträchtigt hat, tbenio unzweifelhaft durchaus imstande. Jene Sicherheit besteht:

2. in den bankmäßigen Gewinnen, die die Rentenbank, wie vorstehend im einzelnen dargelegt, erzielen wird. Sie besteht

3. in den sehr scharfen Vorschriften, die der Gesetzgeber für die Tilgung vorsieht.

Es ist bestimmt, daß bis zur Höhe von 40 Prozent (und wenn jene dem Reiche zinslos zu leihenden 300 Millionen Rentenmark einmal getilgt sind, immer noch bis zur Höhe veu 20 Prozente der gesamte Reingewinn dem T i lg >l ii gs f o n d zuzuführen ist. Wird dar­über hinaus ein Reingewinn erzielt, so wird er bis zur Höbe von sechs Prozent ld. h. bis zu der Höhe, zu der die Grnnd- und Obliga- iii usschuldner der Bank Dieser verpflichtet sind) an diese als Dividende verteilt. Der gesamte darüber hinaus etwa erwachsende Reingewinn wird wiedeciim dem Tilgungsfonds zng-e-ühri.

Tuknulie in Ber-Urr.

Umzüge unter dem Sowjetstern. Störung des Verlest cs. Zusammenstöße mit der Polizei.

Berlin. 17. Oktober.

E-ue große lärmende Menge durchzog gestern die Ostbezirke Berlins. Neukölln, Lichtenberg, Wcißensee uslv. und dann zum Berliner Rat­haus und zum Börseugebäude. lieber all tauchten Agitatoren auf, bemerkenswert Vie ft mit dem Sowjetstern im Knopfloch, von de­nen eine Anzahl nur gebrochen Deutsch f prech e n konnte. Sie alle hetzten in in-fa.n- ster Weise die schon erregte Menge auf.' forderten sie weiter auf. die Lätzen zu plündern und das R a t h a u s u ff ü r m c n. Die Demon­stranten setzten sich zum größten Teil aus Er­werbslosen beiderlei Geschlechts, aber auch aus viel Fanhagel nnd dunklen Existenzen zusam­men. Sämtliche Geschäfte in der gefährdeten Zone und weiteren Umgebung schlosse n^er l'gst ihre Pforten und sicherten Fenster nnd Tü­ren, während fcic Wirtschaften geöffnet blieben. Straßenbahnwagen wurden angehalteu, eas Fahrpersonal bedroht und die Fahrgäste aus dem Wagen beransgeholt. »Auffallend viele Radfahrer, die anscheinend Kurierdienste leisteten, und die Verbindung zwischen den ein­zelnen Truppen dar Demonstranten herstellten, flogen hi-, nnd her. Die

Tchlitzmannschgft,

die an Ort nnv Stelle war. war anfangs macht­los. Auf den Alarmruf hin rückten auf Lastkrafi- lvagerr mehrere neue Hundertschaften eiligst an. Der Kommandeur frer Schutzmannschaft. Oberst Ke.uprsch, üb ent ib m selbst die Leitung. »Als die Situation immer bedrohlicher wurde, wurde das Seitengewehr ausgevstanzt und bic. Menge langsam aber ständig zuri^ckgedrängt. An einzelnen Stellen versuchten besonders rabiate Burschen, aber auch Weiber, Widerstand zu lei­sten, der rasch gebrochen wurde.

Scharfe «Schliffe.

Die Tumulte habe» in den gestrigen Rachmit tagsstunden wieder zugeuommen, sodaß die Schutzpolizei durch neue Hundertschaften verstärkt werden mußte. »Als es in der Roßstraßc -»egen 1 Uhr mittags zu großen Zusammcnrot- üinaen kam. die einen bedrohlichen Charakter an-

uabmen, eilt.- ein llebersallkomm.indo dorthin. Dieses wurde von der Menge umzingel; und von den übrigen Beamten abgcschn.tten, Als die Demonstranten Miene machten, die »Beamten,« entwaffnen, mußten diese zur Schußwaffe greifen. Die ersten in die Lust abgegebenen Schreckschüsse batten keinen Erfolg, sondern wur­den mit Johlen erwidert. Nunmehr wurde scharf geschossen und vier Demonstranten verletzt. Jetzt ergriff die Menge die Flucht

Sine Deputation Vrr Demonflrankell.

die dem Oberbürgerm ei ster am hüben wollte, wurde im Rarhaus zunächst von St abtrat Brühl empfangen, dem sie ihre Wünsche und Forderun­gen vortrug. Später wurde sie zum Oberbürger­meister geleitet, der mH dem Kämmerer Kardmg mit den Abgesandten eine Besprechung hatte. Die Delegierten schilderten die Rot läge dr Er­werbslosen und der ärmeren Bevöl­kerung, die nicht mehr in der Lage sei, sich die alleruotwendigstcn Lebensmittel zu besckas- sen. Der Cberbüifurinciffer entwickelte ein Not­standsprogramm, das der Magistrat ausgestellt hatte nnd teilte mich die Einzelheiten der Or­ganisation mit. dft getroffen worden sind, um die Volksspeisnngcn weiten Schichten zu gänglich zu machen. Diese Besprechungen bau« cricit nachmittags noch an. Folgende Forde­rungen wurden von der Deputation formu­liert: Sofortige Auszahlung von zebn Mil- liarden Mark an jeden Erwerbslosen. Sozial rciitner usw, Ausgabe von zwei Broten, zwei Pfnnd Fct' Kohle und Holz an je­den Erwerbslosen uiw Sofortige Eröffnung aller Volks fpeifean st alten, Unterbrin­gung aller Jugendlichen an Arbeitsstellen, freie Lieferung von Lernmitte'n Bildung von Jn- gendgusschüssen. Es soll darüber beraten werden.

6rn shrungsmaßnahmen.

Beschaffung vermehrter Brotreserve.

»Berlin, 17. Oktober.

Die Reichsregierung hat angeordnet. dnsi die von der Reichsgetreidestelle zu beschaffende Brafreserve vermehrt werden soll Alle Bedarfskommunalverbände können beantragen, daß au von ihnen bestimmte »Müh. len von der Reick»sgetreidestelle Getreide zi-m Tagespreis bis- zu drei Viertel der bishe­rigen Ration geliefert wird. Die Kvimnunai- verbänd» lönuen die Verwendung des Getreides zur Bersvrqung bet »Bevölkerung ihres Bezirks überwachen. In den besetzte» Gebieten wird die Markenbrotversargnun fortgesetzt. 11m de» Ueberganq für die Bevölkerung im «»besetzten Gebiet zu erleichtern werden Bedürftige durch ®clb unterstützt. Fm übrigen wird das Augen­merk der Regierung auch nur die Hereinschaffnug von Getreide aus dem Ausland für die Getreibxreserve gerichtet sein. Von der Auf- nahuic einer Vorschrift, wonach bei eiutreienveu Schwierigkeiten für die Ausbringung der Re­serve aus das Nnrsageverfahrcn '-urückgegriffeu wird, ist abgesehen worden in Erwartung b<r Unterstntznna durch die Landwirtschaft. Sollte die Ansbringuna im freien Verkehr aber nick t-rlich kein, so wird die Regierung die erforderlichen M n s- n a h m en durchführen und die Reserve sick ern. ,

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DorfthCffe zur Kortoffelbeschaffung.

Ter ReWsarbeitsminister f?nt für Preußen den Betrag von 279 060 »Milliarden Mark zur Verfügung gestellt, die der preußische Wohl­fahrtsminister nui die Vroni n », e n eutspre ckend verteilt hat. Diese Bersch »sic dürfen lediglich zur K ar to skelb e sch asfun g ver­wendet werden. Ter V g r s Ä n st ist so bemes­sen, daß auf ieden einzelnen Fürsorgeemvfänger und jeden Familienangehörigen im Höchstfall drei Zentner Kartoffeln entfallen. Die vorschuß­weise gezahlten Beträge sollen von Halbmonats- bezügen, beginnend mit der Rate der ersten No- vemberhärfte, wieder einbehalten werden und spätestens bis zum 29. Februar 1924 ,zurück- gezahlt sein.

Aus Volttik und Wirtschaft.

Das teure Brot. Wegen der kolossalen Er­höhung des Brotpreiscs ist in gewerkschaftlichen

Kreisen große Beunruhigung entstanden. Tie Gewerkschaften sind deshalb beim Rcichs- ernährungSminisierinm und RcichsarbeitSmini ficrium vorstellig geworden.

Der ne«r Staatssekretär der »Reichskanzlei. Wie wir hören, steht die Ernennung des volls- parteilicheu Abgeordneten Dr. Kemples zum Staatssekretär der Reichskanzler als Nachfolger des zurückgetretenen Herrn v. Rhcinbaben bevor. Herr v. Rheinbabcn bleibt für die Verwendung im diplomatischen Dienst vorbehattcu.

Aufwandsgelder des Reichspräsidenten. »Mit »Rücksicht auf den Ernst der Zeitverhältnisfe bat Reichspräsident Ebert bis auf weiteres auf die Hälfte der ihm nach dem Etat zustebendcn Austvandsgelder verzichtet.

Neues aus Waffel.

Gin Neninerabend.

Die Grupvc des Wanderfcharcii, e. V., ver­anstaltete dieser Tage im Francnheim Ost einen wohlgelungenen Rentnerabend. In die gut ab- gestimmtc Voetragsfolge war ein reichlich aus­gestatteter Kafseetisch eingereiht, zu dem mehrere hiesige Firmen in großzügiger Weise Mittel zur Verfügung gestellt hatten. Heber hundert Rent­ner waren durch die Fürsoracstelle eingeladen. Hier konnte man so recht die »Armut und die Not der Leute erkennen. Tränen rollten ihnen aus den Augen beim Anblick der einfachen, aber seit Jahren gänzlich entbehrten, für Andere selbst­verständlichen Freuden. Aus aller Herzen ge­sprochen waren "bie schlichten Tankeswortc, die Rentner und Rentnerbund aussvrechcn ließen. Der Gruppe und den beteiligten Firmen gebührt besonderer Dank für die hier geleistete Arbeit, zumal, da die jungen Leute außer der Bestreitung der Vortragsfolge auch große finanzielle Lasten übernahmen. Möchte dieses erfreuliche Beispiel zahlreiche Nachfolge finden! Kg.

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Der Rentnerbund.

bittet »Behörden, Vereine. Geschäftsleute, seiner Schreibstube, obere Königsfraßc 25, Hinter­haus, in dec Rentner beschäftigt werden und de­ren Heberschüsse den Rentnern zugute kommen, Arbeit zuzuweisen. Drei Schreibmaschinen, Vex- vielfältigüngs-Avparat, handschriftliche Arbeiten stehen dort zur Verfügung. Preiswerte und sau­bere Ausführung wird zugesichert.

Bon der Suppenanstalt.

Im Jahre 1844 wurde unsere Suppen anstatt von der Fran des preußischen Gesandten am Kurhessischen Hof zur Linderung der herrschen­den Hungersnot gegründet. Mit »Ausdauer. Op­fer von vielen Seiten, persönlicher ehrenamtli­cher Hilfeleistung ist es bisher immer noch ac glückt, die Anstalt zu erhalten, sie sogar auf die Bewirtschaftung des Boseheims auszudehnen. Bitter haben mancher Rentner und manche Stent" »crin die vorübergehende Schließung zur Bc- i.hafsunq neuer Vorräte empfinden muffen. Fetz! sind seit ein Paar Wochen die Eßränme wieder geöffnet und wenn man auch von daueniden Schwierigkeiten steht, so baden doch gerade auch die letzten Tage erfreuliches gezeitigt. Beson­ders drei Orte im Kreise Fritzlar: Werkel, Dorla und Wehren, angeregt durch Frau Hegemeister Eckert, haben sich in den Dienst der guten Sache gestellt und jüngst einer der Borstandsdamen acht Zentner Kartoffeln, vier Zentner Erbsen, einen Zentner Gerste. 170 Eier, 24 Pfund Speck Grieß und Gemüse gegeben. Auch der Land- Haussrauenbund will noch auf einigen. Dörfer» Sammlungen veranstalten Möchten viele, die dazu noch in der Lage sind, den erwähnten Vor­bildern folgen!

Turnen, ®»ort und Spiel.

Der Fallfchirmabsprnng aus dem Flugzeug

Heber den Sprung mit dem Fallschirm.Wa­gemut" ans 1000 Meter Höhe über dem..Flug­platz Waldau, über den wir berichteten, äußert sich jetzt der Führer des Flug^ugcs, Herr Diet­rich vom Dietrich>-Gvbiet--Flugzeugwerk Kassel in folgender Weise: Dem Fallschirmavprung

niMi um ,w«a«i

Die Zukunft der Kunst.

Was Bildhauer Georg Kolbe sagt.

, ein einer Berit er Zeitung iiuöeri sch d»r betauut? Berliner B I'honer in nn l stehend r peistmist scher i W:i e über die Z«!un>i der eeu-sch:n Ännft wie folgt: Sie fragen mich, was ich zurzeit arbeite? Gleichviel, ob Sie ein künstlerisches oder wirt­schaftliches Interesse leitet: ich kamr nur ant­worten, daß ich nichts arbeite, will heißen daß Aufträge fchlcii, denn ohne Di oft könne», wir uns schon gar nicht mehr rühren. Für uns be deutet arbeiten: künstlerisch vorwärts kommen, und davon kann keine Rcoc mehr sein. Hebet Versuche und Entwürfe in bescheidenem umfang geht cs heute nicht hinaus. »Man handelt mit Arbeiten kleinsten Formats, um das Dafein zu bestreiten. Ich sage: handelt, denn der Käufer suchte in den letzten Jahren zum größten Teil Sachwerte als Geldanlage, meist gänzlich kritik­los. Ware! Mehr wurde nickt verlangt. Heute hat nun auch dies aufgehört. Die »Arbeitslöhne und das Material sind selbst zum Dollar gewor­den, uud schließlich läßt sich aus einer Werkstatt keine Fabrik machen. Man muß verstehn: Vor dem Kriege produzierte man, produ- zierte nach Belieben und von den wenigen Ver­käufen baute man sein Leben auf, konnte Stu­dienreisen ausführen, Bücher und Werke an- sckaffen nfw., kurz, man konnte vorwärts mar­tschieren, während es «ach dem Kriege hieß: fri- fte». von der Substanz leben.

»Von da ab arbeiteten wir, ohne die Mehr­zahl im Lande, für geringe Entlohnung. Das ging so lange, als die Kaufkraft der Papicr- mart ausgleichend wirkte. Zum »Beispiel gin­gen aus meiner Werkstatt in Den Nachkriegs­jahren monatlich ebensoviele Bronzen, wie vor dem Kriege in einem ganzen Jahr. Der Erlös war trotzdem bc deutend geringer als ehedem. Neuanschaffungen waren aber dennoch möglich, genau wie vom verkauften Werk einen neuen Gutz Herstellen zu lassen, einen neuen Steinblock an z »schaffen und daneben das Leben zu bestrci- ren. Heute ist nun die gewerkschaftliche Arbeit am Weitmarktlohn angekommen. Dec SchuK- der, der Lcbcnsmittelhändler, der Kohlenhänd­ler, der Arbeiter fordern und haben Goldmark-

taris. Wir aber hinken mit zehn bis zwanzig Prozent des Friedensveedienstes hinter Jcbct »Besoldung einher. Unsere Arbeit ist nickt Sinn­st c narbe it, es gibt Monate unbezahlten Schas­sens. Wer könnte solches durchhalten?

Uns sind alle Möglichkeiten genommen! So sehr auch der Schein dagegen sei» mag. Denn der Laie sagt: es wird doch noch so kiel gekauft? Gewiß, für alte Klamotten, sogenannte alte Kunst, bereit letzte Reste von ben Böden ver­hökert werden, mag das 3»treffen: für lebende Arbeit nicht. Für uns gilt: Der geschulte Samm­ler von einst hat kein Geld mehr und verkauft oft selbst. Der neue Reiche a:b-*r ist noch nia;t geschult (zunächst muß er erst reiten lernen). Er laust allen Dreck der Mett, wenn es mir auf dem Weae vom Büro zum Frühstück liegt oder bei der Rachtifchzigarre zu erledigen ist. Koste» spielen dann feine Rolle. Am bequemsten ist auch da die .alte Kunst".

©taatotöeatrr Kassel.

Weitere Erhöhung der Schlüsselzahl.

In Folge der sortgesetzt gesteigerten Be­triebskosten sieht sich die Intendantur gezwun­gen, die Schlüsselzahl für die Eiwtrittspreiie weiter zu erhöhen. Ter jeweilige »Multiplikator wird sowohl auf den amtlichen Tageszetteln wie an der Theaterkasse öffentlich bekannt ge­geben.

Yorneffer-Doelrag.

Goethes Faust und bie beutsche Zukunft.

Am gestrigen ersten Vortragsabend des Kaufmännischen Vereins in dicicm Winterhalbjahr im überfüllten Saal des Evan­gelischen Vereinshauses stand am Rednerpult sie wohlbekannte Persönlichkeit des Gießener Professors Dr. Ernst H 0 r n e f s e r. Goethes Faust" läßt er vorüberziehen, den Grübler, den Zwck.fler, der an keine Erlösung glaubt, an kem Glück der schasfensunfroh, weil Schaffen zweck­los ist. und enttvickelt bann in plastischer spra­cht, ost Goethe selbst reden lassend, die Gretchen- Episode, in der Faustens Leideilschaft der Naivi­tät detz Gretchen gcgcniivertritt. Es ist das Ur­

erlebnis der Liebe, wie es nie wieder in der Weltliteratur so schlicht und doch so gewaltig anzutreffen ist. Geradezu prophetifch tritt aber uns von heute der Gotthesche Faust entgegen, wenn er im zweiten Tckil aus dem Kleinbürger­lichen heraus in die große und dennoch so klein­liche Welt am Kaiserhofe kom>nt, in der Feder feine Sorgen und Nöte hat und in der es vor allem an Geld sckhlt, und er erkennt: Zweierlei wollen die Menschen haben: Geld und Amüse­ment! So will's die kleine, so will's die große Welt!

Das Papiergeld wird ins Dolf geworsen, doch es macht bie Menschheit nur schlechter. Sic wirst sich dem Aberglauben in die »Arme. Ge­nau wie heute in München und Berlin die spi­ritistischen Vcriammlungcn blühen. Die Juoeud glaubt das Atter überwunden zu staben. Groß und herrlich schält dann Dr. Hornesser das He­lena-»Problem heraus. Die Helena ist die Schönheit selbst, das qrieckischc Menschheitsideal. Natur und Kunst und Schönheit bringen aus ben Ringenden ein. Nicht ist die griechische Kul­tur ans den Norden zu übertragen, aber die schöne Form gilt es zu wahren, wie Faust das Kleid der ihm entalcitenden Helena erfaßt. Pc^eistert durch den Anblick der Schönheit ickrei- t-t i-t zur Tat, die Schönheit macht ibn fchöpfc- r-fck und gibt ihm Kraft zum kühnen Fleiß.

Diese Ta» ist die Bildung eines neuen Reichs aus tem Nichts, aus Land, das er dem Meere «bringt, die Herrschaff über ein freies Volk ans freiem. Grunde, in einer Freiheit, nicht geführt von Rittern allein, aber auch nick' von der gro­ßen Masse Ein Geist sei für tausend Hände, vorn Genius fei das Volk gemlirt und der Ge­nins ist der Schöpferische', zu dem dieSHaffe be­wundernd av.fsckauen muß. Und dann entwickelt sich die aroße Erlösung Faustens, der im Tode den st ochst m Augenblick seines Lebrns erkennt, daß dieses Dasein lobenswert und schön ist, wenn die Tut es regierte.

Das ist der Weisheit letzter Sck.luß:

Rnr der verdient sich Freisteit Wie das Leben, Der täglich sie erobern muß!

Das ist das Evangelium des Faust: Mitar bei tön und mitschaffen an dem großen BauU»erk

der Zukunft, am neuen Reiche, allen Elementen zum Trotz, umrungcn von Gefahr, bis zur Vollendung des Ziels:

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn.

Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn!

Die glän.zende Einführung in Faust und na­mentlich in seine Stellung zum Staatsleben übte starke Mrkung auf bie Hörckr aus. *a»

Kleine Rundschau.

Sin blutiger Wvlsa-Twvstel.

Zn Berlin weilt zurzeit ein gewisser Meran, der Schneider mit seiner Frau, der sich nach der russischen Revolution durch die Maisen- schlächtcrei in einem kleinen Ort an der Wolga im Gebiete dcr deutschen Wolga­kolonien ein surchtbares Denkmal gesetzt hck. Diese Ortschaft bat:c sich dem Bolschewismus nicht ergeben wollen, vielmehr den »Abgesandten Moskaus eine Absage erteilt. Darauf wurde der damals einunddreitzig Jahre alle »Alerandcr Schneider, der in Dinkel (autonomes Gebiet der Wolgadeurfchcn in Rußland) geboren war, mit einer Rotte roter Soldaten nach dem Orte ent- sandt, um den Widerspenstigen^deu Bolschewis­mus beiiubringen. Dazu, war Schneider der ge­gebene Mann. Er hatte sich in der kurzen Zeit seit der Revolution durch zahllose Gewalt­taten und ^Brutalitäten bereits einen Namen gemacht, so daß sein böser Nuie ihm schon Überall vorancilte. In der Ortschaft ließ er sämtliche erwachsenen Einwohner zusammentreiben, zäblte jeden achten bcraus, und diese mußten bann eine tiefe und breite Grube graben. Tau» muß­ten die ersten ach: »Mann sick in eine Grube legen, und nun knallten die roten Soldaten auf die Unglücklichen ein. bis sie tot waren Die -weiten acht weigerten sich nun, in das lelbp- gegrabenc Grab zu steigen; sie Wiirdcu mit Kol­ben- und Bajonettstößen hineiugetricben und ihnen dasselbe Schicksal wie ihren Vorgänger» bereitet. So ging es weiter. Andere Beioohucr, bie Zeugen dieses entsetzlichen Schauspiels Jein mußten, mußten bann das Grab zuschmisclu.. »Aus diese Weise bitte Alerandcr Schneider dic Ortschaft zum »Bolschewismus bekehrt.

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