Einzelbild herunterladen
 

Sonntag, 14. Oktober 1923.

Kasieler Neueste Nachrichte»

13. Jahrgang. Nr 240.

lyle schreibt in einem, in den Londoner Times vom 11. November 1870 veröffentlichten Bries: Steine Nation bat so böswillige Nach­barn gebabt, als die Dentschen seit vierhun­dert Jahren an den Franzosen, die un- vcrschirmt, raubgierig, unersättlich und unver­söhnlich auftratc*n und immer bereit waren, die Offensive zu ergreifen.*

Der französische Historiograph Camille Roussel, Archivar des Kriegsministeriums, lagt in seinem Werl über Louvois:

Kein Volk der Erde hat seit den Römern eine solche Leidenschaft für Eroberungen an dest Tag gelegt, wie das französisch«. Mögen sie gerecht sein oder ungerecht, vckrnimfttg oder toll, es kümmert sich nicht darum *

Der heutigen Sachlage dienvn die Worte des dentschen StaatsministcrS Rathenau:

Man spricht von einem wirtschastlichen Wie- dermifban. Wichtiger, vielleicht auch schwieri­ger. ist eine andede Aufgabe, der geistige Wiederaufbau Europas, die Uebcr- windung der dunklen Mächte des HafleS. der Verdächtigung, des Mißtrauens nnd der An­klage, die die qanzs internationale Atmosphäre vergiften. Alle Staaten müssen sich demgegen­über in den Dienst der Wahrheit stel­len. Sie müssen die ängstlich überwachten Schranken des diplomatischen Geheimnisses brechen, und, nach dem Vorbild von Deutsch- land und Rußland, ihre Archive öffnen.

Bom Kasseler Ausschuss

jhtr Bekämpfung der Schuldlüg e wird uns über seine bisherige Tätigest mitgeteilt, daß von dem AufsatzWorin besteht dis deutsche Schuld?", der am 9. September in den hiesigen Leitungen zur Veröffentlichung gekommen ist. 9000 Eremplare hergestellt und versandt worden sind und zwar an ausländische Zeitungen und bedeutende Persönlichkeiten, sowie an öffentliche Körperschaften. Jetzt wird die Verbreitung auch des vorstehenden Aufsatzes beab- Pcktigt. Dazu bedarf es aber großer Geld­mittel. Im Dienste des am Boden liegenden Vaterlandes und im Dienste der Wahrheit bittet der Ausschuß, Beiträge, die der h«ltigen Geld­entwertung angepaßt sind, sobald wie eben mög­lich. unmittelbar auf sein Konto beim Bankhaus *2. Pfeiffer einzuzahlen. Die Einzahlungen bei anderen Banken verursachen Zeitverlust, der un­bedingt vermieden werdön muß.

Wirtschafttfraoen in Vreuhen.

Eine umfangreiche Beratung im Landtag.

Berlin, 13. Oktober.

In der gestrigen Landtagssitzung wurde über die Ernährungslage, die Arbeitsbe­schaffung für die Erwerbslosen, über den Wüchse, Wer die Notlage der kinderrei­chen Familien, über die Unterstützung des gewerblichen Mittelstandes, über "die Ver­hütung von Plünderungen und über die Erfassung der Sachwerte beraten. Abg. Mentzel-Stettin sDnat.s begründet den An­trag seiner Partei betr. Erholung und Unter­stützung des gewerblichen Mittelstandes. Die neuen Steuern hätten neben dem unge- beuren Marksturz die Bedrängnis deS Mittel­standes derart vermehrt, daß schon Tausende von Betrieben in Handwerk, Gewerbe und Ein­zelhandel zugrunde gerichtet seien. Zahl­reiche bisher selbständige Kleingewerbetreibende suchen Arbeit bei den Arbeitsämtern und kön­nen nirgends untergebracht werden. Redner verlangt großzügige Arbeitest itnd Lieferungen des Staates für Handwerk und Gewerbe und eine planmäßige Förderung der Bautättgkeit unter Beseitigung der diese hemmenden Woh- mmgsvorschriften. Abg. Schlang e-Schönin- gen (Dnat.s begründet den Antrag seiner Partei, wonach sofort Maßnahmen getroffen werden sollen zur Sicherung der durch den Zusammen­bruch unfcrer Währung

aufs schwerste gefährdeten Volksernährung. Redner weist die gegen die Landwirtschaft erho­benen Angriffe zurück und beruft sich u. a. dar­auf, daß die Landwirtschaft betnahe 4000 Wag­gons Lebensmittel umsonst ins Ruhr-

gebiet geliefert habe. Die meisten Landwirte sind heute verarmte Papiermilliardäre (Lachen links). Tas Steuersystem muß umgebaut wer­den. Zur Heranbringung der vorhandenen Le­bensmittel an die Verbraucher ist ein wertbe­ständiges Zahlungsmittel nötig. Eine wettere Herabsetzung der Frachten für Kar­toffeln ist geboten. Die heutige Siedlungs- Politik hemmt die Produktton. Die Beschlüsse des Reichsrats zur Brotversorgung sind unan­nehmbar. Jeder Arbeitet müßte einsehen, daß es besser ist mit neun Stunden zu leben als mit acht Stunden zu verhungern. Der erste Erfolg einer Regierung unter unserer Leitung würde die Wcderkehr des Vertrauens der ganzen Land­wirtschaft sein. (Beifall rechts.)

Landwirtschaftsminister Dr. Wendorff:

Die brennendste Frage ist die Versorgung der Bevölkerung mtt Nahrungsmitteln. Der Aus­fall der Getreideernte gibt die Gewö'". daß wir wenigstens ü b e r d i e n ä ck st e n M o- nate bberuhigt sein dürfen. Bei den Kar­toffeln wird immerhin mit einer guten Mit- telernte zu rechnen fein. Im Oktober erfolgt eine Bevorzugung der Speisekartoffeln beim Bahnversand. Die Ernährungsfrage ist aber im weiten Umfange eine h r u n g s f r a g e. Auf die Dauer kann der Landwirt sein Getreide ge­gen entwertetes Geld nicht abaeben, denn er setzt sein Produkt nur einmal im Jahre um. Der Verbrauch der Landwirtschaft an Kunstdün­ger ist ganz erheblich zurückgegangen. Wenn es den Hörten von der Rechten so sehr daran liegt, der Währungsunsicherheit ein Ende zu machen, warum haben dann ihre Freunde im Reichstag gestern die Annahme des Notgesetzes verhindert? Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse sind im Preise hinter den Preisen anderer Erzeugnisse, die gerade der Landwirt braucht, zurückgeblie­ben, die 'Landwirtschaft hat also keines­wegs einseitig Wucher getrieben. Um schleunigst

eine neue Währung zu schaffen, werden hoffentlich die Freunde des Herrn Schlange morgen im Reichstag bei der Absttm- mung zugegen sein (Lachen rechts). Der Mni- ster verteidigte hierauf die Reichsratsbeschlüsse zur Brotversorgung und die Siedlungspo­litik gegenüber den Angriffen des Vorredners. Gerade die Provinz Pommern, so bemerkte der Minister, ist die für die Siedlung gegebene Pro­vinz, denn dort überwiegt der Großgrundbesitz in ungesunder Weise. Die Moorkultur werden wir energisch in Angriff nehmen. Mr hoben 709 baureife Meliorationspläne fertig. Noch­mals empfehle' ich die werktätige Hilfe bei den Volksspeisungen. Ich sage allen Spendern wärm­sten Dank, auch der Landwirtschaft für das, was sie für das Ruhrgebiet gelefftet hat, sowie dem Ausland für seine Hilfe. (Beifall.) Abg. R o g g (Komm.) begründet Anträge feiner Par­tei Er wirft der Landwirtschaft Sabotage Mr Volksernährung vor. Das Privateigentum müsse aufgehoben werden. Abg. Frau Geffke (Komm.) fordert die Erfassung der Lachwerte sowie die Kontrolle der Produktion durch die Arbeiter, wozu bewaffnete proletarische Hilfs­truppen gebildet werden müßten. Auf die Große Anfrage der Abgg. Tr. Kaufhold u. Gen. (Duat.) wegen der Plünderungen und Brandstiftungen auf dem Lande erividert ein Regierungsvertreter, daß gegen die Schuldi­gen eingeschritten und bereits eine Anzahl von ihnen a b g e u r t e i l t sei. Die Regierung wer­de mit allen polizeilichen Machtmitteln das platte Land schützen, es dürfe aber nicht gestatttet wer­den. daß private Organisationen den Schutz des flachen Landes übernehmen. Nachdein Abg. Blank (Ztr.) einen Antrag auf

Schutz des Handwerks und Mittelstandes begründet hat. folgt die Besprechung sämtliche Anträge und Anfragen. Äbg. Buckw ttz (Soz.) tritt für die Erwerbslosen und Kurzar- beiter ein. Abg. Kölges (Ztr.) tritt für Er­weiterung der Unterstützungen ver Lvztal- und Kleinrentner ein. Der schematische Achtstunden­tag müsse beseitigt werden. Abg. Graf zu Siolberg-Wernigerods (Tvp.) fuhrt aus, daß die Landwirtschaft die Pflicht habe, Pa­piergeld entgegenzunehmen Das deutnW nationale Verantwortungsbewußtsein habe sich

gestern im Reichstage gezeigt. Ein Vertrauens­verhältnis zwischen Regierung und Landwirt­schaft könne sich nicht bilden, wenn von den Deutschnationalen stets gegen die Regierung ge­hetzt werde. Die Regierung müsse freilich sur unbedingte Sicherheit auf dem Laude sorgen. Abg Dr. Schreibe r-Halle (Dem.) bemckkt, daß das landwittschaftliche Problem nur durch die Währung gelöst werden könne. Zum Zweck der Produttionssteigerung müsse die Siedlung gefördert werden. Die Weiterberatung wnrde auf Sonnabend vertagt. Außerdem dritte Le­sung des Gesetzentwurfes über Verschiebung des Termins der Gemeindewahlen.

»

Pause vom 13- Otto der bis 27. November.

Der Aeltestenrat des Landtages beschloß, vom Sonnabend, den 13. Ottober, bis zum 27. No­vember eine Pause eintreten zu lassen. Wider­spruch erhoben die Kommnnisten und die Deutschnationalen. Von deutschnationaler Sette wurde darauf verwiesen, daß das Parlament sich in der gegenwärtigen Zeit nicht ausschalten dürfe, und daß es nicht angehe, die Opposition auf so lauge Zett hin mundtot zu machen.

Steuern in Goldwert.

Die erste Notverordnung der Reichsregierung. Berlin, 12. Ottober.

Auf Grund des Arttkels 48 der Reichsverfas­sung bat der Reichspräsident eine Verordnung erlassen, die sich auf die geltenden Steuergesetze bezieht und die vorhandenen Steuern den Wertderhältnisfen anpaßt, wie sie siw in der tatsächlichen Entwicklung ergeben haben. Die Verordnung bestimmt deshalb eine Aufwer­tung aller feit oem 1. September d. I. rückstän­digen Steuern und Steuerschulden. Gestutzt auf den noch unter dem Finanzminister Dr. Htt- ferding ausgearbeiteten Gesetzentwurf über wertbeständige Steuern und die Vereinfachung des Besteuerungsverfahrenz kommen für diese Steueraufwertung Zahlungen auf dem Gebiete der Besitz- und Verkehrssteuern des Reiches mit Ausnahme der Vermögenssteuer tn Bewacht sowie Zahlungen auf Grund des § 2 des Gesetzes über Maßnahmen gegen diewrrt- schaftliche Nottage der Presse. Weiter zurucklre- zende Steuern werden, soweit das Jahr 1923 tn Frage kommt, nach besttmmten Grundsätzen umgerechnet. Neben dieser Steueraufwertung geht eine Vereinfachung im Besteuerungs- Verfahren einher. Die Vermögenssteuerveran- lagimg und Erhebung der Vermögenssteuer sur das Jahr 1923 wird eingestellt, ebenso alle Maßnahmen auf dem Gebiete der Zwangsan­leihe. Zeichnungen auf die Zwangsanlethe können alfo nicht mehr vorgeuommen werden, wohl aber bleiben die Verpflichtungen zur Ent­richtung der Brotversorgungsabgabe aufrecht­erhalten und die Vorauszahlung auf die Ein­kommen, Körperschafts- und Umsatzsteuer naa, dem Gesetz vom 1. August 1923.

Berufungen und Rcchtsbchchwerden, die im Besteuerungsverfihren eingeleitet worden sind, werden für erledigt erklärt, wenn es sich um Geldbeträge handelt, die nicht auf. wertbestän­diger Grundlage errechnet worden sind und wenn der Wert des. Streitgegenstandes eine ge­wisse Grenze nicht übersteigt. Alle biri- Maß­nahmen haben zum Ziele, die Finanzämter von aller unprodukttven Arbeit zu bffreien, um ihre Kräfte restlos für die dringendsten Aufgaben der n äcksten Zukunft freizumachen. Diese Verord­nung ist ein Anfang der dringendsten finanziel­len Aufgaben, die im Augenblick zu lösen sind. TaL Kabinett war sich darin einig, daß ohne Verzug auch einschneidende Maßnahmen nach der Ausgabenseite hin getroffen werden müssen. Es hat sich bereits über eine Reihe von Grundsätzen verständigt, die dahin zielen, den finanziellen Gesichtspunkt bei d>r Entscheidung aller Fragen mehr als je in den Vordergrund zu rücken. Deshalb fotten die Ein­spruchsrechte des Finanzministers ausgebaut und in feste Formen gebracht werden. Jede nwe Massnahme, die Geld kostet, wird Warf gepriff werden. Dabei will man sich nicht allein au kommende Tinge beschränken, sondern auch alle gegenwärtig in der Ausführung begriffenen Maßnahmen auf ihre finanzielle Wirkung hin

'..............................................................................\

Unsere AnzkWnWWMer

machen wir darauf ansmerffmn, daß un- ; sere Anzeigenpreise regelmäßig am : Kopfe des Blattes angezeigt sind: sie rtch- : ten sich nach der jeweiligen Anzeigen- - schlüsselzahl der deutschen Zeitungen (z. Z. j 600000), die mit den Grundpreisen von - 50 Mark für Anzeigen und 200 Mark für i Reklamen zu vervielfachen ist. Die neuen - Preise gelten ab Sonntag jeder Woche bis ; einschl. der nächsten Sonnabend-Nummer. ; Eine direkte Benachrichtigung der Inst- ; renten bei Preisänderungen erfolgt sei- : tens der Kasseler Blätter nicht.

Anzeigen müssen spätestens am Tage : nach der Aufgabe bar bezahlt lverden, im - anderen Falle tritt laut Vereinbarung der i Kasseler Zeitungen ein Rechnungsauftchlag ; von 10 v. H. in Berechnung.

Kasseler Neueste Nachrichlrn. I

genauestens prüfen. Reichssinanzminister Dr. Luther glaubt, in wenigen Tagen auch, die Frage der Währung einer bestimmten Lösung zuführen zu können. Er hofft dabei eine Re­gelung zu finden, die die Zustimmung des groß, ten Teiles der Oeffenttichkeft findet. Im übri­gen sind im Augenblick Verhandlungen r.n Gange, die möglicherweise nicht allein zu einer Ermäßigung, sondern zu einer völligen Auf- Hebung der Kohlensteuer führen. Erne völlige Beseittgung der Kohlensteuer, aus der gegenwärtig dem Reich ein sehr ansehnlicher Be­trag zugeführt wird, ist aber nach Ansicht des Finanzministers nur dann möglich wenn gleich- zeitig durch eine Wirklich beträchtliche Senkung des Kohlenpreihes eine solche Verbilligung des Urproduttes der Kohle erreicht Wird, daß da­durch die Wirtschaft wieder die Möglichkeit zu neuer intensiver Arbeit findet. Unter einer an­deren Voraussetzung wäre der Verzicht auf eine Einnahme, wir sie augenblicklich die Kohlen­teuer darstellt, nicht zu verantworten.

Neues aus RafleL

Invaliditäts-Versicherung

Hausangestellte bet freier Station.

Jnvalidenmarken für weibliche Han Sange« stMe und überhaupt für Personen, denen neben Barlohn freie Station gewährt wird, können sich ab 1. Ottober d. Js. von Woche zri Woche ändern, auch wenn ein monatlicher Barlohn ver­einbart wird. Der Ta g e s w e r t für volle Ver- pflegung und Wohnung einschl. Heizung und Beleuchtung ist vom Reichsversicherungsamt der Stadt Saffet 1. für jugendliche Arbeitnehmer bis zum 17. Lebensjahre (Lehrlinge, Lehrmädchen) auf 0.90 Mark, 2. für weibliche Hausangestellte (Haushälterinnen, Stützen, Dienstboten, Mägde in der Landwirtschaft) und weibliche Gewerbege­hilfen auf 1,00 Mark. 3. für männliche Hausan- gestellte und Gewerbegehilfen auf 1,10 Mark festgesetzt. Diese Friedenszahlen sind mit der auf volle 1000 Mark abgerundeten ReichSindex- zisfer zu vervielfältigen, die am Sonnabend der Vorwoche in Geltung wat. Hiernach such z. B. für weibliche Hausangestellte in Kassel bei einer Reichsiuderziffer von 28 Millionen für den 29. September 1923 und 40,4 Millionen für den 6. Ottober 1923 für die erste Oktoberwoche Bei- träge der Klasse 36 zu 1400000 Mark und für die zweite Oktoberwoche bei einem monatlichen Barlohn bis 288 Millionen Mark Beittäge der Klasse 40 zu 5 700000 Mark und über 288 bis 788 Millionen Mark Monatslohn Beittäge der Klasse 41 zu 7 400 000 Mark zu verwenden. Die Landesversicherungsanstalt hat den sich überstür- zenden Verhältnissen Rechnung tragenb in ihrem Berwalungsgebäude, Hohenzollerustraße 44, seit Mitte September eine Markenverkaufsstells ein­gerichtet, woselbst die jeweils gültigen Jnvali- denbeiträge zu erfraget und erhältlich sind. Allen

3m Reiche der Kunst.

Erster Kammermusikabend.

Kasseler Streichquartett: Kromer, Rieger, Onken, Bender.

Mitwirkung; Robert Längs.

Das Signum des Abends war: gegen das porige Rial eine wesentliche, garnidjt zu über­hörende Vervollkommnung des Klangbildes und eine wesentlich gesteigerte Verinnerlichung des gemeinsamen Musizierens. Das beweist, daß die Herren bei ihrem von höchstem Idealismus ge- tragenen Musizieren auf dem richtigen Wege sind, und ich bin fest überzeugt, daß wir in tui- zert Zeit eine auch den allerhöchsten Ansprüchen genügende Knmmermnsikvereinigimg die unsere nennen dürfen.

An diesem Abend hörten wir das Beethoven- sche Es-dnr- (Harfen) Quartett in einer Aus- führung, die mich auf das höchste befriedigte. Der erste Harfensatz gelang in prachtvoller Klangschönheit; das Adagio wurde mit tiefster Beseelung zu Gehör gebracht. Das Finale Tonnte man sich etwas nuancierter denken. ES folgte darauf das Streichquartett F-dnr von Glazounow, ein Werk mit allen Vorzügen, ater auch manchen Schwächen der russischen Kompo- ufften. Von ihm gehen Klangwirkungen aus, die fast nicht mehr von dieser Welt sind. Wenn der ganze Klangkörper in den höchsten Höhen­lagen in überraschenden Tonfolgen dahin schrei­tet, so ist das so rührend schön, oaß man glaubt, nichts gleichartiges diesem Russen au die Seite stellen zu können. Aus der anderen Seite darf aber nicht vergessen werden, daß bei Glazounow nicht gerade ein übergroßer Reichtum an Ideen herrscht, das Adagio über breit ist. und daß (schließlich manches, besonders int letzten Satz, nicht ganz frei von Trivialitäten ist. Tie Wie- deraaoe des Klazounowschen Quartetts seitens unseres Quartettes war ganz vortrefflich unb «engte von einsichtsvoller, freudiger, und, wie sich nun zeigte, erfolgreicher Arbeit.

Den Schluß machte das Klavierquariett von Hermann Götz, dem genialen Komponisten der Widerspenstigen Zähmung". Ein Jilgendwerk deS früh Dahingeschiedeneu, ein Werk, in dem

der Komponist ganz prachtvoll unbekümmert dahin musiziert. Brahms mag Pate dieses Quartetts gewesen fein. Ich konnte wegen Uedermüdung (die Zahl der Konzerte schwsttt wieder gewalttg) nur die ersten beiden Satz: hören und durste hier ein außerordentlich gutes Zusammenwirken der drei Streicher mit dem sich in vorzüglicher Verfassung befindlichen Ro­bert Langs am Klavier feststellen. Der un­geheuer schwierige Part wurde von Längs spie­lend gemeistert. Er gab dem ganzen eine klang­schöne Unterstützung. Auch den drei Streichern merkte man die Freude an diesem echt deutschen, jungen romantischen Meister an. So gelang denn alles aufs Beste. Ich kann mir nicht ver­sagen, den Herren Eromer und Oncken für ihr ganz besonderes klangschönes, weiches Spiel meinen Dank auszusprechen. Dr. P.

Konzert Kasseler Liederverein.

Das erste diesjährige Männerchor-Kouzert.

Den Reigen der diesjährigen Männerchor- Konzerte eröffnete gestern der Kasseler Lieder­be r e i n mit einer Veranstaltung z u m Besten der Kinderfürsorge des städtischen Ju­gendamtes. Um es gleich vorweg zu nehmen: eines der besten Konzerte dieser Art in den letz­ten Jahren. Das Programm, für alle hiesigen Vereine vorbildlich, wenn auch das Ideal eines guten Programmes noch nicht ganz erreicht war. Die Chöre selbst, besonders wenn ich aufMee­resstimmen- (L. Kempten,Die beiden Särge* (.fregiir),Feldeinsamkeit* (Wendel) znrückkomme, kurz gesagteinwandfrei*. Dynamisch in keiner Weise übertrieben, aber doch in einer sehr gut abgerundeten plastischen Gestaltung ließ der Chormeister Julius Hesse die einzelnen Werke erstehen. Besonders angenehm machte sich, neben der Ausgeglichenheit der Stimmen, die sehr sau­bere Aussprache, verbunden mit einer beachtens­werten Tertbehandlung, bemerkbar. Vielleicht denkt Herr Hess«, wenn er wieder einmal Volks­lieder auf ein Programm setzt, auch an den Na­menMax Reger*.

Von den Solisten des Abends konnte m,ch Frau Lulu R ö 11 e r, trotz vieler Vorzüge, nicht voll befriedigen. Die Sängerin übertreibt zeit­weilig im Ausdruck. Dies läßt manchen letzten

Wunsch unerfüllt, trotzdem sie, wie ich schon letzt­hin einmal erwähnte, über eine hervorragende musikalische Gestaltungskraft verfügt. Das letzte trat besonders beiWehmut* (Schubert), sowie den drei Brahmsliedern wohltuend in Erschei­nung. Der jugendliche Richard Langs über­raschte mit einem Nocturne (H), der As-Dut- Polonaise von Chopin, sowie derAufforde­rung zum Tanz* (C. M. Weber). Wenn auch der Publikumserfolg nach dem letzten, einer künst­lerisch wie technisch vollkommen einwandfreien Wiedergabe, ein ungemein starker war, so bleibt doch für den Kritiker seine Leistung als Beglei­ter noch beachtenswerter. Wie der junge Kunst- beflissene Schubert, Mahler, besonders aber Brahms begleitete, muß Bewunderung erregen. Hier stand er noch weit übet der Sängerin. Ein Musiker, der nicht begleitete sondern mit- geftaltete. Man darf auf die Weiterentwicklung dieses jungen Menschen gespannt sein. A. D.

2Binterar6eit der- Volkshochschule.

Mit der nächsten Woche beginnen wieder die Kurse der Kassegler Volkshochschule. Außer den Vortragsreihen, die über die ver­schiedensten Gebiete aus der Natur und der Kul­tur abgehalten werden, tst vor allen Dingen de­nen. die sich tiefer mit geistigen oder künstleri­schen Fragen beschäftigen wollen, in den Arbeits­gemeinschaften dazu die beste Gelegenheit gcge^ den. In diesen Arbeitsgemeinschaften wird auch eine wirlliche Zusammenarbeit von Memchen der verschiedensten Berufe nnd Anschauungen on- gestrebt, wodurch jeder Einzelne seinen Gesichts­kreis am besten erweitern kann. Ferner be­ginnen wieder die Kurse der Jugendvolks' hochschulgemeinde, die besonders der Ju­gend, einerlei, ob sie ans der Jugendbewegung kommen oder nicht, in lebendiger Weise eine Ein­führung in wichtigste Zeitfragen geben feiten. Durch, das gemeinsame Eindringen in große Dichtungen und Kunstwerke sollen zugleich die Lebensfragen der Jugend vehandeft werden. So soll zum Beispiel in der Arbeitsgemeinschaft von Dr. Walther Kock an dem Leben und den Werken des jungen Schillers und des jungen Goethe dos Problem der Jugend selbst durchge­arbeitet werden. In der Kunstarbeitsgemein

schäft soll in drei getrennten Gruppen eine Ein­führung in musikalisches Verständnis (Gehör- nnd Stimmbildung) .in bildende Kunst und tn Dichtung durch Lesen und Spielen von Schau­spielen gegeben werden. Anmeldungen müssen sofort erfolgen.

QIu< Kunst und Wissen.

* Der Dichter und das Handwerk. Walter Harlan, dessen vielgespieltes Schauspiel .Das Nürnbergisch Ei* dem Erfinder unserer Taschen. Uhren, dem Schlosser und Feinmechaniker Peter Henlein,ein Denkmal unvergänglicher als Erz* errichtet bat. ist nach einigen Dortmunder Ausführungen dieses Werkes, zum Ehren- Mitglied des Westfälisch-Lippeschen Uhrmacher- und Goldschmiede-Verbandes ernannt worden.

** Schatzgräber in der Tavidstadt. In die­sem Herbst sind in Jerusalem nicht weniger als fünf Ausgrabungen geplant, alle ..uf dem Ge­biet der ehemaligen David stadt, die von o-n miteinander in Wettbewerb trettn-wn Ausgrä­bern regelrecht aufgeteilt wird. An diesem Wett» lauf beteiligen sich die Engländer. Franzosen und Italiener, dann die mdnche archäologische Gesellschaft und der französische Kapttän Weill, der von Rothschild Geldmittel erhalten Hut-

** Frau Mode im Museum. Paris, die Stadt der Mode, wird nunmehr, auch ein Mo­demuseum erhalten. Dieses Museum wird die ganze Entwicklrmg der Mode vom Trüben Mtt- telalter an in einzelnen Plastisch dargestellten Szenen vorsühren. Tie Kostüme, die daher ver­wendet werden, stammen rum größten -ecue aus dem Besitz des großen Modezeichners Maurtce Qrfoir, der sie dem Museum hmterließ. und sind durch weitere Stücke ergänzt worden ue Kleider werden aus Wachsnguren gewgt. und diese sind zu einem lebendigen Ausschnitt aus dem Gesellschaft sieben der verichredenen Epoche gruppiert. w

** Der verfehntte deutsche Student. Em An- trag auf Z u I.a s s n n g beer deutschen Studenten n, dem intcrnaticnnlcn Kongreß m O rso rv wurde infolge Eingreifens des französischen Ver­treters abgelehnt.