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Mittwoch, 10. C fieber 1923.

Kaffeier Neueste Nachrichle»

13. ^aljrgttnc. Nr. 236.

Aussprache im Reichstag.

Stellungnahme der Parteien zur Regierungserklärung. Scharfe Gegnerschaft der Deutschnationalen. Stresemanns Verteidigung.

Finauzpolitiker Paie gestanden hat. Dieser Ent­wurf verdankt seine Entstehung ver Frage, wie das voraussichtliche Reichsdefizit der nach, sten Monate gedeckt wird, und da man sich an­scheinend vor der Unmöglichkeit glaubt. dieses Defizit, wie cs einzig und allein finanzpolitisch richrs^ wäre, durch Abgaben. Anleihen oder Ver­äußerung von Hoheitsrechten (Monopolen) und Sachwerten,

durch Ersparnisse und gesteigerte Produktion zu dicken, so greift der Entwurf zu dem Mittel, das Defizit durch die Ausgabe von Geldzeichen zu beseitigen. ES ist die Fortsetzung der bis­herigen Politik, die zu der ungeheuren Entwer­tung unseres Reichsmarkgeldes geführt hat. Es kann nur mit einem neuen Mißerfolg enden, dessen Opser wieder weite Kr: -t der Wirtschaft sein werden. Möge man .ndlich den Mut finden, sofort die reine G oldb a n k >n Verbindung mit der Reichssiank ins Leben zu rufen. Die ganze Welt bat ein lebhaftesInstr- esse daran, daß die deutsche Währung saniert wird, die unabhängig vor der inner.-n Politik wenigstens oem iickciiiatwnalen Handelsverkehr mit Deutschland wieder eine feste Basis «ubcn wird. Schon eine bloße moralische linierstüt- zuug auswärtiger k.re'se, bic in bir oreigruten Form sicherlich zu erlangen sein wird, würde eine große Hilfe fein, und mit innerer Notwen­digkeit würde die Goldbank das Zentrum bil­den. von dem eine Gesundung unseres gan­zen Wirtschaftslebens den Anfang nehmen könnte.

Da« Ermächtigungs-Gesetz.

Nach dem Reichstagsöefchlutz.

Ter Wortlaut des Ermächtigungsgesetzes ist setzt veröffentlicht. Es lautet:

Ter Reichstag hat folgendes Gesetz besch offen, das mit Zustimmung des Reichsrates hiermit verkündet wird.

8 1. Die Rcichsregierung wird ermächtigt, die Maßnahmen zu treffen, welche sie auf fi­nanziellem'. wirtschaftlichem und so­zialem Gebiete für erforderlich und dr i n g l i ch erachtet. Dabei kann von den Grundrechten der Reichsversaffung abgewichen werden.

Die Ermächtigung erstrccht sich n i cht aus 91 = ge.nng der Arbeitszeit, aus Einschränkung der Renten und Unterstützungen t-er Versicherten und Rentenempfänger in der So­zialversicherung sowie der Kleinrentner. Die er­lassenen Verordnungen sind dem Reichstag und dem Reichsrat unverzüglich zur Kenntnis zu bringen Sie sind auf Verlangen des Reichsta­ges sofort aufzuheben.

8 2 Dieses Gesetz tritt mit dem Tage der Verlttndnng in Kraft. Es tritt mit dem Wech fei der derzeitigen Reichsregierung oder ihrer parteipolitischen Zusammensetzung, spätestens aber am 31. März 1924 außer Kraft.

Die Schichtzeiten im Bergbau.

Arbeitssteigerung im besetzten Gebiet.

Effen, 9. Oktober.

Die Bergwcrksgesellschaft Trier ha ourch An­schlag bekannt gemacht, daß eine Berbilli - gungderKohle angcstrebt werden muffe. In Trm Anschlag heißt es:Der rheinisch-westfälische Bergbau sieht sich demgemäß gezwungen, ab Dienstag, 9. Oktober 1923. die vor dem Aus­bruch des Krieges gültigen S ch i ch t z e i t e n wieder einzuführen. Die in der Lohnordnung für die Schichtzeiten festgesetzten Löhne gellen nunmehr auch für die neuen Schichtzeiten Wie verkantet, glaubt der Bergbau als -Schlüsselindu- siric den Anfang machen zu muffen, um billiger produzieren zu können, damit Deutschland wie­der eine aktive Handelsbilanz bekommt. Im Bergbau hegt mau keinen Zweifel, daß die ande­ren Industrien folgen werden und daß allein auf diese Weise der bereits entstandenen und noch drohenden Arbeitslosigkeit gesteuert werden kann.

Protest ötr lArbettnedmrr.

Gelsenkirchen, 9. Oktober. Gestern fand hier eine Versammlung der Bergarbeiter­ve r b ä nde statt, die gegen die Einführung der alten Schichtzeiten pr o t c ft i c 11 c. Tie Organi­sationen fordern die Arbeiter und Angestellten des Bergbaues auf, sich nur au bic gesetzlichen Bestimmungen, die Arbeitsordnung und den Ta­rifvertrag zu halten. Die Unternehmer hätten kein Recht, vertragliche Arbeitsbedingungen ein­seitig zu ändern. Jedem Versuch auf eine solche Aendorung hätten die Gewerksckmstsvertreter, die Betriebsräte und Belegschaften energisch entge genzutreten. Am Mittwoch fort darüber beim Reichsarbeitsminister verhandelt werden.

Arvettszeikverkürzung in der Eisenindustrie.

Aus dem Ruhrbezirle.S Oktober. Von der nordwostlichen Gruppe der Eisenindu­strie. zu der die Großindustrie des Ruhrgebietes gehört, wurde nach Mitteilungen aus Gewerk- schaftskreisen beschlossen, die Arbeitszeit vorläufig von wöchentlich 48 auf 30 Stunden z» verkürzen. Die Lohnzahlung soll nur für die dreißigstttndiqe Arbeitszeit erfolgen Ans den Kruppschen Werken soll bereits eine entspre­chende Bekanntmachung an die Arbeiter zum Aushang gebracht worden sein. Auf dem Eisen- und Stahlwerk Hösch und der Dortmunder Union sind ebenfalls Arbeitszeitverkürzungen eingetreten

Währung und Vroduktion.

Der Finanzminister über seine Aufgaben.

Berlin. 9. Oktober.

Einem Pressevertreter gegenüber erklärte der ttcue Reichsfinanzminister Dr. Luther u. a: Im Vordergründe steht die Frage der Schaffung eines wertbeständigen Zahlungsmit t e l s, für die eine ausgearbeitete Vorlage be­reits vorlieat. dazu bic zahlreichen Stener­fragen, die fast alle im Fluß sind. Bei den Steuerfragen kommt es nicht nur darauf an, daß bic Einnahmen des Reiches auf jeden Fall die Ausgaben decken müssen, sondern die Steuern müssen auch so fein, daß sie einfach zu v e r walten sind, also geringe Unkosten Hervor­rufen und gerade dadurch in ihrer Notwendigkeit dem Steuerzahler voll verständlich werden kön­nen. Sehr wichtig ist ferner die Bedeutung des jetzigen Zustandes, wonach Länder und G c - mcindcn fast nur noch als Kostgänger des Reiches leben. Dieser Umstand bedrückt das Ver­antwortungsgefühl der Länder auf das schwerste und hat bei den Gemeinden ein wahres Zerr­bild der Selbstverwaltung geschaffen.

Berlin, 9. Oktober. (Eigener Bericht.) In der gestrigen Rcichstasasitzung wurde auf kom­munistischen Antrag beschlossen, das Ermäch­tigungsgesetz vorläufig noch von der Ta­gesordnung abzusetzen, da es dem Haufe noch nicht vorliegt, weil es eben erst den Reichs rat beschäftigt hat. Ein weiterer kommunistischer Antrag, der sich gegen das Verbot der kommuni- stlschen Presse in Bayern richtet, wurde mit der politischen Aussprache verbunden. Die verschie­denen Steueranträge der Parteien, u. a. zu Gunsten des gewerblichen Mittelstandes, sol­len auf Antrag Vierer später gemeinsam be­handelt werden.

Besprechung der Regierungserklärung.

Das Hans tritt darauf in die Besprechung der Rede des Reichskanzlers ein. Abg. Dr. Breiischeid (Soz.) weift daraufhin, daß die Krise der letzten Woche völlig überraschend ge­kommen fei. Einstweilen ist die Rcgic- rungskrise bei gelegt. Tas Kabinett tritt in feiner alten parteipolitischen Zusammen­setzung wieder vor den Reichstag, aber wir ste­hen diesem Kabinett mit ganz anderen E m p° s i n d u n g e n gegenüber als vor einer Woche. Solche Tage wie b:e der letzten Woche müssen tiefe Spuren hinterlassen. Wir billigen bic Aufgabe des passiven W i d e r st a n d e s, weil er finanziell nicht mehr zu tragen war. Das Kabinett Cuno trifft der schwere Vorwurf, daß es das deutsche Volk über die Tatsachen :>m Dunkeln gehalten hat. Der Redner wendet sich bann gegen die Sonderbündler am Rhein. Tie von Frankreich unterstützten Ssparatistenputi'che können an den, unerschütterlichen Willen der rheinischen Bevölkeriing. beim Reiche zu blei­ben, nichts ändern. Das Rheinland ist deutsch und muß deutsch bleiben. (Lebhafter Bei salb) Die Regierung darf nichts unterlassen, um mit Frankreich zu einer direkten Verständigung zu kommen. Dann kommt der Redner auf die in- nerpolitjschen Verhältnisse zu sprechen und er­klärt. daß

der Ernst der Stunde gekennzeichnet wurde durch die Worte Bayern und Küstrin. Der Küstriuer Putsch fei eine Epi­sode einer großangelegten Bewegung, die glück - lichevMife nicht zum Ausbruch gekommen fei. Die Reichswehr hg.be sich bewährt. Sie müsse ein Instrument der Republik fein. In Bayern fei einstweilen der fchwarzweißrote Teu­fel durch den weitzblauen Belzebub ausgeirieben worden. Hitler und Kahr feien gefährliche Feinde der Republik. Die Frage Reich und Bay­ern sei eine Machtfrage. Die ^gierung dürfe dem unvermeidlichen Konflikt mart ausweichen. Abg. Dr. Bell (Ztr.) fpricht von bitteren Er­fahrungen, die seine Partei in der letzten Woche gesammelt habe. Der Reichstag habe in dieser Krisis den Befähigungsnachweis wirklich nicht erbracht. (Zustimmung.) In enr,cheidungsvollen Augenblicken fei er nicht auf der Höhe gewesen. Die Koalition richte sich in dieser ernsten Stunde an alle Schichten des Volkes mit der

Bitte nm ehrliche Mitarbeit.

Parteigegensätzc dürsten jetzt nicht betont wer- ben. Der Redner bedauert die Vorgänge, die zur Verhängung des Ausnahmezustandes ge­rührt haben, hält diesen aber für notwendig. Die Zurückhaltung, bic der Kanzler sich Bayern ge­genüber auferlegt hat. begrüßt der Redner. Ter berechtigten Eigenart der süddeutschen Länder, besonders Bayerns, müsse Rechnung getragen werden. Die Mainbrücke dürfe nicht zerstört, sie müsse gefestigt werden. (Beifall.« Ohne entsprechende Erledigung der innerpoliti- schen Fragen kann in der Außenpolitik keine Beruhigung eintreten. Durch das Ermächti­gungsgesetz darf sich das Parlament durchaus nicht ausschalten. Die Souveränität der Volks­vertretung darf nicht in andere Hände über­gehen. Am Rusb'üben. unserer Wirtschaft haben alle Volkskreise Interesse. Aber es ist notwen- bifi. daß in den Kreisen der Großindustrie der Gedanke des Gemeinwohls mehr in die Erschei­nung tritt. Es muß besonders in bic ungesunde Preisbildung jener llrprodukte einbegriffen werden, bic die Preise in der ganzen Wirtschaft beeinflussen. Die Ueberspannung her Preise hat auch politisch scheu schädlich gewirkt, lieber die Aufgabe des Widerstandes, der er zustimmt, sagt er: Das Rheinland erwartet, daß keine Ge­legenheit versäumt wird, zur Verständigung mit dem Gegner zu kommen.

Gegner der Regierung.

Abg. Graf Westarp (Tnat.) erklärt, er müsse die große Koalition mit einem anderen Wort begrüßen als der Vorredner: Naht Ihr Euch wieder, schwankend'« Gestalten! (Heiter­keit.) Draußen vor den Toren steht der Feind und hier wird tagelang über die Zusammenstel­lung der Regierung verbandelt. Hoch, imb Spott. Scham und Empörung haben diese Zu­stände hervoraerufen. Der Parlamentarismus hat versagt. Lange wird bic große Koalition »licht hgstene solche Stöße wie die letzten blieben nicht ohne tiefe Wirkung. Die wird scheitern

Ein noch so gutes Steuerspstem ober wirkt gar nicht, wenn nickt 1. die Ausgaben ganz außerordentlich eingeschränkt und wenn nicht 2. dir Produktion unserer Wirtschaft ganz erheblich gesteigert wird.

Die Lage unserer Wirtschaft ist wie die eines Schiffes in schwerem Sturm: wie dort das Korn mando heißtAlle Mann an -Teck", so muß jetzt das ganze deutsche Volk seine körperlichen und geistigen Kräfte anspaunen. damit auf der aan- ?.tn Linie bei? Wirtschaftslebens mehr vro - duz irrt wird. Geschieht das. so werden arte Waren billiger werden, wir werden wieder Lebensmittel in der erforderlichen Menge ein führen kömicu, und die graue Sorge um das tägliche Brot, die heute ko schwer auf vielen Volksgenossen lastet, wird schwinden. Eine end­gültige Heilung ist freilich erst möglich, wenn einmal die durch den unglücklichen Ausgang des Weltkrieges unS zu Last gefallenen Lei­stungen auf ein tragbares Maß zurück geführt sind. Voraussetzung dafür ist die freie Verfügung über Ruhr und Rhein und

an der Frage .toie lange man Frankrerchs Vorstößen noch nachgeben soll. In Deutsch­land kann nur gegen die Sozialderno - katie rcaiert werden . Wir verlangen und for dern die Loslösung der Regierung von der So- zialdemokratte. Los vom Marxismus! (Unruhe bei den Svz.) Wir stehen mit rückhaltloser O P Position zur Regierung. Tic Ausführung diktatorischer Befugniffe einer .Re­gierung darf nur in den Händen eines Militär- besehlshabers üecen (Sine-: Regierung der gro­ßen Koalition können wir solche Befugnrsse aber nicht zubilligen. Dr. Hilferding labe voll­kommen versagt. Fetzt bestehe die große Gefahr, daß infolge dieses Mangels das Volk verhun­gert. (Große Unruhe und stürmische Zurufe bei den Soz.t Die Gefahr besteht tatsächlich, wenn nicht unverzüglich das Zahlungsmittel geschafft wird, mit dem die Ernte der Bevölke rung zugeführt werden kann. Bedauerlich ist die Herausnahme der bringend notwendigen Auf­hebung des Achtstundentages aus dem Errnäch- tigvnasgesctz. Ter Redner bedauert, daß mit dem Regierungsantritt Dr. Stresemanns der Faden nach England abgerissen wurde. Der rheinischen Bevölkerung müsse fiir ihr heldenmü­tiges Ausharren größte Bewunderung gezollt werden.

Reichskanzler Dr. Stresemann bedauert, daß in der heutigen Zeit des außen­politische,, Druckes eine Rede mit so partei­politischem Einschlag gehalten wurde. Wenn Graf Westarp von Scham und Empörung spricht, so lag es doch gerade bei den Deutschnationalen, die Krise z>t vermeiden. Stattdessen haben sie noch in das Feuer hincingeblascu. (Unruhe rechts, Beifall bei der Mehrheit.) Es ist bedenklich, wenn Graf Westarp bic Hoffnung ans einen Zer­fall der großen Koalition ausspricht. Ein natio­naler Mann müßte boch hoffen, daß wir in die­ser ernsten Zeit endlich zur Ruhe kom­men. Sie (nach rechts) sind in Opposition ge­treten zu denselben Steuern, die Sie selbst be­willigt haben. Sie haben eben dem Kabinett Euno die Steuern bewilligt und nicht dem deut­schen Vaterland. Sie müssen sich endlich daran gewöhnen, den Staat als Träger des Ver­trauens anzusehen und nicht die jeweilige Re- gierungskoalitiou. Von einer marxistischen Vor­herrschaft im Kabinett kann nicht gesprochen wer­den. Das beweist schon die Stellungnahme des sozialdemokratischen Bezirksparteitages gegen die große Koalition. Wie soll denn die erforderliche Zweidrittelmehrheit fiir das Ermächtigungs-Ge­setz zusammenkommen, wenn gegen die Sozial­demokratie regiert wird. (Zuruf des Abg. Graf Westarp: Reichstag auflösen!) Glauben Sic nicht, daß es besser ist, unter den heutigen Verhältnis­sen diesen schweren

Kampf zu vermeiden wenn es möglich ist? Außerordentlich bedauerlich sind die katastrophalen Worte des Grafen Westarp über das deutsckfe Papiergeld. «Widerspruch bei den Deutschnationalen.) Wir müssen vom ganzen dcutschen Volke verlangen, daß cs sich mit Pa­piergeld bezahlen läßt, sonst haben wir das Chaos. Die deutschen Beamte». Arbeiter und Kleinhändler nehmen das Papiergeld. Ta gibt die schwierige Lage der Landwirtschaft nie­mandem das Recht, die Parole zur Zurückwei­sung des deutschen Papiergeldes hinauszuschleu­dern. (Lebhafte Zustimmung bei der Mehrheit, stürmischer Widerspruch bei den Deutschnationa­len.) In der Währungsfrage hat die Regierung mit größtem Eifer gearbeitet. Es war aber viel­leicht ein Fehler, zu viele Sachverständige zu hören, die sich selbst nicht einig waren. Wenn Graf Westarp verlangt, wir sollen den Versailler Vertrag für nichtig erklären, so Übersicht er. daß dieser Vertrag gegenüber der seither betriebenen Gewaltpolitik einen gewissen Schutz für Deutsch- laud bedeutet. Der Kamps nm den Rhein geht weiter. Wollen wir ihn erfolgreich führen, so schaffen Sie die Voraussetzung, daß er durch ein geeinigtes deutsches Volk geführt wird. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen im Saal und auf den Tribünen.- Präsident Loebe un­tersagt Kundgebungen auf den Tribünen.) Dbg. Dr. Scholz (T. Vvt.) erklärt, baß ber Legende vomDolchstoß" der Deutschen Volts­partei gegen die große Koalition ein Ende ge­macht werden müsse. Tic Deutsche Volkspartei hat lediglich in dieser ernsten Zeit alle Parteien zu einer Einigung aufgerufen.

Ter Redner banft der Regierung für ihre Ent­schlossenheit und bas Verantwortungsgefühl, mit dem sie bie unhaltbaren Zustänbe vor bem Zusammenbruch beenbet hat. Abg. K o ch - Weser (Dem.) begrüßt bie Wieberkehr ber Koa­lition. Die Zahlnng in Papiergeld dürfe nicht verschmäht werben, schon im Interesse ber vie­len Ansgewiesenen, die auch mit Papiergeld be­zahlt tverden. Der Großgrundbesitz allerdings scheint das Papiergeld nicht zu brauchen, ein Be­weis, wie er steuerlich geschont ist. Tic Vorwürfe gegen den Parlamentarismus sind unbegründet. Reichävtinister des Innern S o l l m a n n protestiert gegen die fr an z ösi sch eii Machenschaften mit den Sonderbündlern.

über bie bärtigen großen wirtschaftlichen Mög­lichkeiten. bic ihre Kraft nur im gesamten Rah men unserer brutschen Volkswirtschaft entfalten können. Wir müssen fofort alles einsetzen, um die finanzielle und wirtschaftliche Orbnung so gut wie möglich zu gestalte» unb um bas eigent­liche Ziel, bic Befreiung non Ruhr unb Rhein, zum Wohle des gesamten Volkes zu erreichen.

Zwiespalt In der Sozialdemokratie.

Auseinandersetzung auf dem Berliner Bezirks! a

Berlin, 8. Oktober.

Nach mehrwöchiger Nnterbrechuna wurde Sonntag der Bezirksparteitag der Berliner To zialdrmolratie fortgefetzt. DerMoulagspost" zufolge sprach für die Mehrheit ber sozial­demokratischen Reichstagfrakiiou Abgeordneter Herb st, für bic radikale Minderheit Abge­ordneter Auf uscr. Tie Anträge, die öis Teilnahme der Sozialdemokratie im neuen Ka­binett billigten, wurden n,aji einmal von so­viel Delegierten unterstützt, daß sic nach bvr

Geschäftsordnung gestellt werden konnten. Zu einer Abstimmung kam es noch nicht. Tie Aus­sprache soll in abermals zwei Wochen zu Pncc geführt werbe». Als bic Mehrheit den Par­teivorstand absotzen wollte, kam es zu stürmischen Auselnandersetz»ngc», da eine solche Absetzung im jetzigen Zeitvuntt den Satzungen widersprechen würde. Man einigte sich schließlich dahin, daß in ber nächste» Versammlung die Abstimmung »orflenommen werden soll. Auch über den Antrag nm Ab. setzuug der Redaktion desVorwärts" wird in diesen Tagen die Entscheidung fallen.

Steuerabzug vom Arbeitslohn.

Neuregelung seit 1. Oktober.

Vom Finanzamt wird uns mitgeteilt: Mit Wirkung vom 1. Oktober 1923 ab treten für den Steuerabzug vom Arbeitslohn grundlegende Ä e n d e r u n g e n ein. Bisher wurden die Be­träge, um die sich der 10 v. H. des Arbeitslohnes betragende Steuerabzug nach dem Familienstand des Arbeitnehmers und für Werbungskosten er­mäßigt, zahlenmäßig durch Verordnung festge­setzt und veröffentlicht, sobald die Lohncntwick- lung eine Neuregelung erforderlich machte. Die fortschreitende Geldentwertung unb bie damit verbundene Erhöhung der Löhne und Gehälter sowie der Werbungskosten haben es erforderlich gemacht, die Ermäßigungen in kürzerem Abständen als bisher ber Entwicklung anzu- passen. Die Verordnung vom 27. September 1923 sieht daher eine automatische Anpassung der Ermäßigung durch Anschluß an den jeweiligen Lebenshaltungsindex vor. Hiernach hat der Ar­beitgeber künftig die Ermäßigungen selbst zu berechnen. Dabei ist von den in der zweiten Septemberhälfte in Geltung gewesenen Ermäßigungssätzen auszugehen. Diese Sätze sind mit einer vorn Reichsminister der Finanzen auf Grund der Entwicklung des Lebenshaltungs- inbex ermittelten und öffentlich bekannt gemach­ten Verhältniszahl zu vervielfachen. Die Rege­lung findet erstmalig auf den Arbeitslohn An- Wendung, der nach dem 30. September 1923 fäl­lig geworden unb gezahlt worden ist. Die Ver- bältniszabl ist jeweils bei der Berechnung des Steuerabzugs von dem Arbeitslohn zugrunde zu legen, der bis zum Ablauf der Kalenderwoche föllia geworden und gezahlt worden ist, für die bie Verhältniszahl festgesetzt wird. Die Verhält­nis zahl beträgt für bie

erste Kalenderwoche des Oktober

! e ch s". Bei der Berechnung des Steuerabzugs von dem in der Zeit vorn 1. bis §unt 6. Oktober einschließlich fällig gewordenen und gezahlten Arbeitslohn sind also bie Ermäßigungen der zweiten September Hälfte mitsechs" zu vervielfachen. Daher beträgt zum Beispiel bei wöchentlicher Lohnzahlung die Ermäßigung ftir den Steuerpflichtigen und die Ehefrau je 172800 mal 6 gleich 1036 800 Mark, für jedes Kind 1152000 mal 6 gleich 6 912000 Mark, der soge­nannte Werbungskostenpauschsatz 1440000 mal 6 gleich 8 640 000 Mark. Die Verhältniszahl für die spätere Zeit wird jeweils alsVerbält- niszaül für die Ermäßigungen beim Steuerabzug vorn Arbeitslohn" unter Angabe ber Geltungs­dauer im Retchsanzeiger und durch die Tages­presse bekannt gemacht werden. Außerdem erteilt jedes Finanzamt über die Höhe der jeweils geltenden Verhältniszahl Auskunft. Die Einzelheiten ber neuen Regelung ergeben sich aus einem Merkblatt nebsi Tabelle, bas Anfang der nächsten Wocke bei den Finanzämtern un­entgeltlich abgeholt werden kann.

Neues aus MM»

Konzert des Liederverelns.

Zum Besten des Jugendamts.

Nirgends treten in Folge unserer Verelen­dung nie wieder gut zu machende Schäden in solch gehäuftem und krassem Maße auf, wie in der Kinderwelt, der Zukunft unferes Volkes. Wie groß hier die Verheerungen an Leid und Seele sind, davon machen sich viele keine Vor­stellung und keine Gedanken. Wer aber einmal die Fürforgeorgane auf ihren schweren Gängen durchs die Stätten des Elends begleiten würde, der dürfte vielleicht für immer das Lachen ver­lernen. Mancher möchte vielleicht helfen unv .sucht nach einer Gelegenheit cherzn. Sie bietet sich auch in dem Konzert, das der rühmlichst bekannte Kasseler Liedervercin am 12. Oktober im Festsaal der Stadthalle für die Kindersürsorge des städtischen Ingen dann cs veranstaltet nnd in dem namhafte und beliebte Solisten Mitwirken werden. Möchten der gute Zweck und bie Gediegenheit der Dortragssolze einen vollen Erfolg sichern!

(Sin Bunter Abend.

Im gut besetzten Stadtparffaal fand ernt Sonnabend ein von Georg Wagner veranstal­teter Bunter Abend statt, der mannigfaltige klein künstlerische Leistungen zeitigte und verschie- dch.ien Künstlern zustatten kam. Es zeigte sich allerdings, daß der Gedanke, das Brettl auf den großen Konzertsaal zu übertragen, Schwierigkei­ten begegnet. So würde Frau v. Helden, die in feinster Art Bilderchen ans dem Wien von Einst und Jetzt gab, im Kabarett einen unbe­strittenen Erfolg eingeheimst haben. Hier im großän Saal gingen der Mehrheit der Hörer viele Feinheiten der Vorttagsknnst Verloren. Es war schade drum. Dasselbe gilt für die gespitz­ten Konvecsationsvorträge von Fred Marli tz, bisher bei den Kammerspiclen. Ter ckleaanie Künstler fesselte namentlich mit dem Preislied aus die tapfere deutsche Fra» und vor allcknt durch seine kultivierte Vortragsart. Einen ssro. ßen künstlerischen Erfolg hatte unser heimilche Komponist Kammermusiker Willy Rüdiger- Star k o f s mit hochwertigen Geigensolis. Edle Klänge entströmten der prachwollcu Geige und schlugen in ihren Bann. Hella Petri, die bekannte Opernsängerin, bezauberte mit gewähl­ten Liedern, ebenso ber Stzatstheatch- Sänger Hartung, der mit des Basses Grunbgewalt tiefen Eindruck machte, wie immer, wo sich test geschätzte «Sänger hören läßt Ein .stimmliches Phänomen" ist Bernhard S ch m i tz. Er nahm als Dame im Soprangcsang ziemliche Höben und meisterte sie mit verblüffender Sicher­heit. Gleichzeitig hatte er die Sather auf der Seite. Den unbestrittensten Gewinn des AbCnds