Einzelbild herunterladen
 

Nr. 23Z»

Dreizehnter Jahrgang.

Kasseler Neueste Nachrichten

Beilage.

Sonnabend, 6. Oktober 1923.

Bestien in Menschen.

Ein Sensationsprozeß in München.

Sn München wird »ur Zeit ein Eiftmordprojetz der- handclt, dem folgende - Tatbestand zngrnnde liegt. Im Winter 1818—1819 lernte der Angeklagte Robert Huber eine Tochter der Münchener 'Früchtegroßhändlersleute Reindl kennen. Der FcmriÜe gegenüber gab er sich als Sohn eines öftereichischen Offiziers aus, der im Krieg» vermißt fei, und führte sich als Student der Chemie und Assistent am Chemischen Institut der Universität ein. Bald verlobte er sich mit der einen Tochter. Am 2. März 1919 erkrankte die Schwiegermutter Marie Reindl Plötzlich an Rotlauf und starb am 14 März Am 28. Fe­bruar 1921 erkrankte auch die Tochter Marie, die sich mit einem Früchtegroßhändlerssohn tu München verlobt hatte an Rotlauf; auch sie starb nach kurzem Krankenlager. Bei beiden haHuber am Krankenbette Pflege geleistet und Manipulationen vorgenommen, die damals schon bei dem Hausarzt den Verdacht hatten entstehen lasten, daß Huber den tödlichen Aus­gang der Krankheit verursach» habe.

Rach dem Tove der jungen Marie Reindl fing auch der bis dahin gesunde Vater I o - hg n n Reindl zu kränkeln nn. Er äußerte ves öfteren die Befürchtung, daß sich an seinem rechten Fuße, ähnlich wie bei den Verstorbenen, Krampfadern entwickelten. Huber, dem er völli­ges Vertrauen entgegenbrachte, massierte ihn. Er behauptet wahrbeitswidrig, daß Geheimrat Professor Dr. von Müller, der berühmte Jnnen- kliniker, ihm Rat erteilt habe. Am 3. Septem­ber 1921 erkrankte Wälburga Reindl an einer .Halsentzündung, am 6. und 7. September fand der Hausarzt bei seinem Morgenbesuch den Va­ter im Bette liegen und über allgemeine Be­schwerden klagen. Am 8. September konstatier­te er am Fuß des Johann Reindl eine plötzlich aufgetretene schwere Rotlauferkrankung, von der am 7. noch nichts zu sehen gewesen war Diese Rotlauferkrankung war. der Anklageschrift zu­folge. von Huber vorsätzlich in der Absicht, Reindl zu töten, hervorgerufen worden, und zwar.in folgender Weise: Schon einige Zeit vorher hatte er eine Krankenschwester ersucht, ihm Flüstigknit aus einer Erysipelblase zu ver schaffen. Huber mastierte am gleichen Tage den Fuß des Schwiegervaters und bestrich ihn da­bei mit der Flüstigkeit. Hierdurch wurde in der Nacht der Eindruck der Rotlauferkrankung ver­ursacht. Der Hausarzt war sofort überzeugt, daß sie von Huber hervoraerufrn sein mußte und erstatstete Anzeige bei der Statsanwaltschaft. Am 14. September wurde bei Reindl ein opera­tiver Eingriff vorgenommcn. worauf eine rasche Rückbildung der Rotlanferscheinung eintrat. Johann Reindl erhotle sich langsam und war im Februar soweit hergestellt, daß er das Bett verkästen und eine Autofahrt unternehmen konn­te. Nun brachte der Angeklagte ihm Vom 14. Februar 1921 ab fortlaufend in kleinen Dosen Arsen bei. das Huber in größeren Mengen be­saß. Von dieser Zeit ab kränkelte Reindl und klagte fortgesetzt über Magen- und Darmbe- schwerden,. Schließlich starb er.

Weiter fällt dem Angeklagten nach der An- flaaefchrift ein Giftmordversuch an dem reichen Ehepaar Grimm in Schliersee zur Last. Huber hatte sich bald, nachdem er die Bekannt­schaft der Rentter-Eheleute Grimm gemacht hat­te, im Mai 1922 Digitoxin bestellt. Am 1 Juni holte er sich dieses Präparat ab, fuhr nach Schliersee und wurde dort von dem Ehepaar von der Bahn abgeholt. Während des Mittagessens, das Huber bei den Eh<r-uten Grimm einnahm, wurde auch eine von Anton Komm aus selbst gesuchten Kräutern bereitete Waldmeisterbowle gereicht. Davon tränt Huber ein Glas. Nach Disch arbeitet« das Ehepaar im Garten, währeckd Huber sich selbst überlasten blieb. Diese Zeit benutzte er, um in den Bowlenrest 0.015 Gramm Digitoxin zu mischen. Der Bowlenrest wurde beim Abendessen, das Huber wiederum bei Grimms einnahm. getrunken. Anton Grimm tränt von der Bowle zwei Gläser. Huber erklär-

h ä

T- Die Zahl der Mitarbeiter der Kasseler Neuesten Nachrichten ist im ständigem Wf

Z Wachsen begriffen. Nicht nur in unserer Heimat, sondern auch außerhalb unserer -

f= Provinz sind die Kasseler Neuesten Nachrichten in einer der Bedeutung eines Groß- -H

UM stadlblat'es entsprechenden Form vertreten. Wer also stets das Neueste aus dem -1

Z In- und Auslande lesen will, muß die Kasseler Neuesten Nachrichten lesen. Be- -

stellungen auf die Neuesten Nachrichten werden mit jedem Tage entgegengenommen.

te, daß er keine Bowle, sondern Bier trinken wolle und überließ das ihm eingeschenfte Glas Frag Grimm. In der Nackt erkrankten d-e Eheleute unter heftigsten Vergiftungserscheinun­gen. Während einer vorübergehenden Besserung begaben sich beide morgens fegen 3% Uhr in die Küche, um dort einen Tee zu bereiten.

Diese Zeit benutzte Huber, der auf dem glei­chen Gang übernachtete, um sich in das Anklei­dezimmer zu schleichen und aus dem Schmuck­kasten der Fran Huber Juwelen im Gesamt­werte von 700 000 Mark nach damaligem Dollar stand zu entwenden. Am anderen Morgen be­gab sich Huber in die Garage, schraubte an dem Kraftwagen die Hauptsteuersckraubr weg und lockerte an den Hinterräd rn weitere zehn Schrauben, damit das Ehepaar, falls es wi­der Erwarten dem Gift nicht erliegen sollte, auf der ersten Ausfahrt verunglücken und so den Tod erleiden sollte, entwendete dann auch noch vom Auto die Schieinwerfer und fuhr mit dem Mittagszug nach München zurück. Der Plan, d'e beiden zu töten, mißlang Nach acht Tagen wa­ren sie genesen. — Uebcr den Ausgang des Pro­zesses werden wir an dieser Stelle berichten.

Aus aller Well.

Die Tragödie einer Doppelehe.

Im September 1916 hatte sich der brittsche Dchiffslerstnant C am pell mit euer Operer- tensängerin namens Reeves in London ver­heiratet. Beide lebten glücklich und ruhig, uno das änderte sich auch nicht, als im C ft ob er vori­gen Jahres C am pell durch Erbschaft Graf v-rn Breadbane wurde. Es war ja auch nicht das erste Mal, daß eine Bühnenkünstlerin den Schrit von der Bühne in den Kreis der engli­schen Aristokratie tat. Im übrigen kümmerten sich die Eheleute nicht um ihre Standesangehö- rigen und setzten ihr Leben unter Beibehaltung des alten Namens fort. Kürzlich ist nun der Graf gestorben, gepflegt von seiner Gattin, me ihm bis zum letzten Atemzuge die tteueste Le­bensgefährtin war. Bei der Erbschaftsregulie­rung kam es aber heraus, daß die Gräfin vor ihrer Verheiratung mit Campell schon die Gat- tin eines anderen geworden war. Sie war eine arme Waise aus Cardiff und bei einem Pho­tographen in Dienst getreten, dessen Sohn sich in daS schöne Mädchen verliebte und mit ihm die Ehe einging. Die Ehe war aber nicht glück­lich, und die Frau entschloß sich eines Tages, den Mann zu verlassen und nach London zu gehen, wo sie ein Theaterengagement fand.

•

Zweimal zum Tode verurteilt.

In Stettin wurde der Besitzer des Schüt- -enhausies in Ahlhach, S alewski, der t>en Konditor Höft und dessen Ehefrau ermor­det und di« Leichien später im Garten des Schützenhauses vergraben hatte, zweimal zum Tode verurteilt. Das ermordete Ehepaar hatte von Salewiki das Sckützenhaus gekauft. Seit dieser Zeit hatten die Angehörigen nichts mehr von dm beiden gehört. Erst als der Vater der Frau Höft nach Ahlbeck kam, um sich nach dem Verbleib seines Kindes zu erkundigm, fand man schließlich die beiden Leichen. Salewski gab als Grund seiner Tat an, daß ihn Höft habe betrügen wollen. Man hatte einer Verkaufs- vreis von 1% Millionen Mark vereinbart, davon

sollten 750 000 Mark als offizieller Preis in Vertrag ausgenommen werden, während eine Million zmn Zwecke der Steuerhinterziehung unter dem Tisch gezahlt werden sollte. Höft habe nachträglich nur ras beizählen wollen, was schriftlich vereinbart war. Es kam zu einem Streit zwischen dem Käufer und dem Verkäu­fer, in dessen Verlaus Salewski zurAxtgrisf und Haft n i e d e r s ch l ug. Die Frau streckte er durch Revolverschüsse Meder.

* Berliner Stoppelgänger. Einer alten länd­lichen Sitte ertt'preckend, die die abgeernteten Getreide- und Kartoffelfelder den Armen zur Nachlese freigibt, fahren jetzt die Berliner in aller Herrgottsfrühe in ganzen Kolonnen bis u die entferntesten Vororte und weiter, um mit Sack und Hacke die letzten Schätze heimzuho- len. Vierzig bis fünfzig Pfund sind die ge­wöhnlich« Ausbeute.

* Klante must ..brummen". Max Klante, aus dem großen Wettkonzernprowß unrühmlich bekannt, der feiner eit a's haftnnfähig aus dem Gefängnis fteigelassen wurde und seitdem wie­der auf der Rennbahn, zuletzt sogar in Kaba­retts ausgetreten war, ist erneut verkästet werden, um den Rest der Srafe zu verbüßen. Der Einspruch der Anwälte dürste diesmal nicht viel nützen: denn wer in Kabaretts austreten kann, der kann auck „brummen“.

* Im Dienste erstochen. In Waldsachen bei Koburg wurde hei einer Waffensuche der lSilfswachtmeister Ewald Eckard auf der dunklen Straße erstochen. Die Landespolizei war tags zuvor bei der Kirchweih in Waldsach­sen verhöhn tworden.

* Nachwehen der Erdkatastrophe. Aus Osaka tJapans werden neue E r d stö ß e gemeldet, die beträchtlichen Schaden anrichteten. Man be- sürchtet. daß Menschenleben zu beklaaen sind.

* Die gieriocn Raben an der Ruhr. Am 28. September nahmen die Franzosen einen Wagen des Bochumer Vereins weg, mit dem 9,4 Billionen Mark Notgeld, das in der Druckerei der Union hergestellt war. weggebracht werden tollten. Bei der Firma Krupp entwendeten die Franzosen etwa achthundert Milliarden Mark.

* Tragödien des Alltags. In einem Streit mit seiner Ehefrau erfchlug der Weber Fal­zer in Augsburg feilte 64jährige Schwie­germutter, die vermittelnd eingreifen wollte. — Der Monere-Pächter K a e m p f l e erschoß nach kurzem Wortwechsel einen Molftreiverwalter und flüchtete. Als er in Augsburg verhaftet werden sollte, beaing er Selbstmord.

* Ans dem 0Wei§ gesprungen. Kurz vor der Stasisn Hennigsdorfhei Berlin svrang die Lokomotive und drei Wagen eines Perso­nen-, uges aus den Geleisen, sodaß die Passagiere von den Sitzen geschleudert und acht von ihnen, sowie drei Zugbeamte zum Teil schwer verletzt wurden.

* Menzels Schwester im Daseinskampf. In einer Wiener Zeitung wird erwähnt, daß es Be ifpiel und Sinnbild fei, wenn „sich in Berlin die alte Schwester Adolf v. Menzels, die deut­schen Museen mit dem Nachlaß ihres Bruders Milliardenwerte schenkte, mit ihrem alten treue,, Dienstboten um die Wette als Reinmache­frau durchschlagen muß.“

* Ein blutbefleckte» Krösus. In der neuen rumänischen Stadt Szatmar wurde der reiche Kaufmann Jaeoh Reinitz verhaftet, der sechs Raubmorde begangen haben soll, indem er Geschäftsfreunde bewog, mit ihm eine Ge­

schäftsreise zu unternehmen. Er lockte seine Opfer in die nahen Wälder an der Grenze, in- dem er ihnen vorschwindelte, daß durcy Schmuggeln gute Geschäfte zu machen feien. Er hat sich so ein Vermögen von sechs Millionen Set verschaff; allem Anschein nach wußte auch feine Frau von diesen Verbrechen.

Die Leiden eines Knaben.

Er schießt auf den Vater. — Versöhnung.

Auf btm buftrm Hinrcrgrand ein«* ichullwela» beaen Harni icnlsdens spielte sich in Wien eine vertiänDlmig gegen vcn 11 jährigen Realschüler E>nst Habet ab, cet le nen Baier nieder, chot unb sich ruhig unb heicheiben v ercnlwortet« Ein Mann mit einer bcmakelteix-Vergangen-' heil, von schwere Schuldenlast bedrückt, hatte ein sechzehnjähriges Mädchen geheiratet. Die Ehe wurde von anfang an eine unglückliche. Der Mann ließ die Frau hungern, während er selbst schrankenlos seinen Vergnügungen nach- ging, und vier uneheliche Kinder bezeugen, daß er auch seiner Frau die Treu« nicht bewahrt hat. Das sind die Eltern des Ernst Habel. Auch 'der Sohn wurde von dem Vater von frü­hester Jugend auf schlecht behandelt. Vor al­lem war er Zeuge, wie der Vater nicht nur ihn, sondern auch d'.e Mutter mißhandelte und beschimpfte. Dor Schulbeginn mußte der halb­wüchsige Knabe den Stall reinigen und die Pferde putzen und striegeln. Dasselbe, wenn er mittags nach Haus« kam Immer wieder wurde ihm und seiner Mutter vorgeworfen, daß sie sich auf Kosten seines Vaters sattftessen wollten. Bei jeder Gelegenheit setzte es Schläge mit der jRitpettsche, sogar mit der Mistgabel. Ernst pflegte in solchen Fällen wie eine Statue da­zustehen. Wenn die geängstigre Mutter ihm zu­rief: «Sv geh doch weg!“ so antwortete er: „Es ist mein Vater, wenn er mich schlagen will, fo kann er es tun.“

In der Schule war Ernst immer unter den Ersten. Woher er die Zeit zum Lernen genom­men hat. ist unerfindlich. Einmal erkrankte er an einer Bauchfellentzündung Eine Woche lang mußte die Mutter bitten und betteln, bis der hartherzige Vater einen Arzt rufen ließ. Fast war es schon zu spät Doch die Operation ge­lang. Als der Arzt eine Erholungskur auf dem Lande verlangte, hatte der Vater nur eine Antwort darauf: „Marsch in den Stall.“ Die Folge war ein gefährlicher Rückfall in die Krankheit. So schleppte sich dieses Leben durch die Jahre. Da nahm der Vater eines seiner un­ehelichen Kinder, ein hübsches, jetzt sechzehnjäh­riges Mädchen ,ins Haus. Dieses erzählte dem entsetzten Bruder eines Tages, daß der Va­ter sich ihr in der Nacht, als sie schlief, genä­hert und ihr Gewatl habe antun wollen. Ernst traf es furchtbar. Er ging in die Einsamkeit des Wiener Waldes hinaus und versuchte dort mit dem Schrecklichen, allein für sich, ferttg zu werden. Für den Abend hatte er eine Opern­karte. Als er nach Hause kam, empfing der Vater ihn mit groben Schimpsworten wie ge­wöhnlich. Er müsse die Familie aushalten) während der Sohn seinen Vergnügungen nach­gehe. „Aber ich werde Euch nicht länger den Wurstel abgeben,“ schrie der Baler.

Was da in dem Jungen vorgegangen ist, wer kann es wissen? Tatsache ist, daß er Plötz­lich den Revolver des Vaters in Händen kickt, ein Schuß krachte und die Shtflet dem Vater knapp hinter dem Ohr m den Kopf drang unp in der Nähe des Ohres wieder heraus kam . Gehör und Augenlicht des Vaters haben dauernden Schaden gelitten. Ernst stell­te sich unmittelbar nach der Tat selbst der Poli­zei. Der Vater hat ihm jetzt verziehen. Trotz der verlorenen Zeit gelang es Ernst ,feine Main- ritätsprüfung abzulegen. Seine Lehrer stellten ihm ein vorzügliches Zeugnis aus. Die Ver­handlung hat dem österreichischen Gericht alle Ehre erwiesen. Die Psychiater bezeichneten die Tat als eine „impulsive Kurzschlußhandlung“, und das Gericht sprach Ernst Habel frei. «Golt vergelte,“ flüsterte weinend die Mutter.

Die zweite Frau. 16) Roman von Dr. Hans Schulze.

In ehrlicher Bewunderung drehte und wen­det« Lizzie die Stteftochter vor dem mächtigen Stehspiegel nach allen Seiten.

„Die Taille sitzt ausgezeichnet,“ sagte sie, „am Rock würde ich noch ein paar kleine Veränderun­gen Vorschlägen. Im übrigen bist du eine sehr hübsche Braut, Käthchen!“

«Glaubst du, daß ich Alfred so ein wcknig ge­fallen werde?“ fragte Käthe, ihr Spiegelbild aitfmeiffam musternd. «Sein einmal ganz auf­richtig!“

«Aber Kind, du mußt nicht so reden!“

«Warum nicht? Ich mache mir über mein Aeußeres absolut keine Illusionen. Neben dir zmn Beispiel verschwinde ich doch vollständig!“

„Komm einmal her, Käthe!« sagte Lizzie plötzlich. „So, hier setz dich auf meinen Schoß und nun beicht«, was hast du auf dem Herzen?“

„Findest du mich wirklich auch so häßlich?“ «Aber Käthe!“

-Ja, der Gedanke guält mich immerzu! Ach habe mich früher nie im geringsten darum tze- fihntnert. wie ich aussah! Aber jetzt fällt es mir manchmal schwer auf die Seele, wie sehr mich Die Natur vernachlässigt hat!“

Sie hatte den vollen, bloßen Arm um Lizzttz Nacken gelegt und sah an ihr vorbei in den Garten hinaus.

„Du kennst dies Gefühl vielleicht nicht, du bist immer schön und bewundert gewesen: aber ich habe es in allen Phasen durchgemacht! In der Tanzstunde, wo mir die Tänzer herangeholt werden mußten, und auf den großen Bällen, au, denen ich zweimal auch nicht einen Schritt ge­tanzt habe. Weißt du, was ich manchmal denke, es ist ja ein dummer Gedanke, aber er komm! mir immer wieder: Ihr beide, du und Alfred, paßtet eigentlich viel besser zueinander! Ihr “•äret ein Paar, wie für einander geschaffen.“

Lizzie zuckte zusammen.

Ahnte das Mädchen etwas von diesen Be- xiohungen, wollte es sie mit dieser Frage aut die Probe stellen?

Verstohlen sah sie von der Seite zu ihr auf, doch Käthes offener, ruhiger Blick ließ ihre Be- forgnis wieder verschwinden.

»Du mußt dich nickt selbst immer mit solchen Gedanken peinigen“, sagte sie dann. «Auch Ge­org hat mix bereits angedeutet, daß du in letzter Zeit so sehr zum Grübeln neigtest und ihm ernstliche Sorge machest. Saft du mit Alfred irgend einen Konflikt gehabt?“

„Einen direkten Konflift nicht, aber ich habe in den letzten Wochen immer so das Gefühl ge­habt, als ob etwas Fremdes zwischen uns stände. Woran und worin es liegt, kann ich dabei gar nicht einmal sagen! Manchmal bemc ich dann auch wieder, es fei alles beim alten und all meine Befürchtungen grundlos!“

«So wird es wohl auch sein, Käthchen!“ suchte ste die Stiefmutter zu beruhigen. „Du bist in diesen Tagen auch nickt ganz normaler Gemütsverfassung und siehst deine Umgebung vielleickt durch eine ganz falsche Brille! Ich helfe dir jetzt dein Kleid zusammenpackeu und dann fahren wir beide tniteinanber aus. Die frische Luft wird dir den Kopf f*»tt klarer machen.“

11.

Georg war mit Lizzie am nächsten Bormst- tage in alter Weise in Berkin unterwegs gewe­sen und unter dem Eindruck ihrer unbefangenen Liebenswürdigkeit und weltsicheren Art in sei­nem Verdacht wieder wankend geworden.

Auch beim Mitagsmahl hatte er in dem Be­nehmen der beiden vergebens eine Spur zu ent­decken versucht, die daraus hindeuten konnte, daß Zwischen ihnen irgend eine besondere Ver­traulichkeit bestehe.

Alfred behielt Lizzie gegenüber feine ück stets gleichbleibende, etwas kühle Reserviertheit bei und widmete sich fast ausschließlich seiner Brauj und dem Kommerzienrat, der stck auch heute wieder von der heitersten Seite zeigte, den Plan einer großen Sommerreife na* Spitzber­gen entwarf und endlich für den Nachmittag einen gemeinschaftlichen Ausflug nach der Um­gegend vorschlug.

Der Vorschlag sand allgemeinen Beifall.

Bald saßen die fünf Reisenden vergnügt in einem Vowrtzuge.

Die Fenster waren von beiden Seiten herab-

gelassen, trotzdem herrschte in dem engen Raume eine heiße, dunstige Hitz«.

Am Reiseziel hatte der Kommerzienrat die Keine Gesellschaft auf dem Perron des Bahnhofs versammelt und man entwarf einen Schlacht- plan, nach dem eine Dampferfahrt aus der Havel unternommen werden sollte.

Lizzie war ganz erfifflt von den Freuden des Nachmittags.

Wie ein übermütiger Backfisch stürmte sie bte Bahnbofstreppe hinan und ruhte später au dem Dampfer nicht «Her alz bis Georg mit ihr die bescheidenen Merkwürdigkeiten deS alten Bootes bis ins Keinste gemustert batte.

„Ach, das Wasser! Wie ich das Wasser liebe!“ sagte sie, als sie jetzt glühenden Gesichtes unter dem leichten Zeltdach mit ibm an der Spitze des Dampfers Platz nahm. „Wie mich das an die Heimat erinnert, diefer Wassergeruch, dies Stampfen der Maschine! Daheim als Schul­mädel habe ich in den Ferien o-ft tagelang auf unserm See Herumgelegen!“

Und sie überschüttete ihn mit einer Flut von Fragen nach den Namen der Uferhöhen und Buchten, an denen das Schiff jetzt in flotter Fahrt vorüberglitt. —

Sie hatten unterdessen das eigentlich« Becken des Wannfees verlassen und bogen allmählich in den breiten Strom der Havel ein.

Immer weiter ging die Reise zwischen den zurückweichenden Ufern der Havel um Die mal« sige Landspitze des Kartz.

Zur Rechten tauchte di« stille Pfaueninsel auf; die alte Meierei grüßte freundlich aus den mäch- ttgen Ulmen und Linden heraus.

Dann stoppte der Dampfer an der Saerower Fähre und die Keine Gesellfchaft ging an Land.

Georg hatte die Führung durch die schattige Moorlaker Bucht übernommen und marschierte mit Lizzie tapfer voran, indes der etwas asihwa- tische Kommerzienrat mit dem Draulvaar in ge­mäßigterem Tempo folgte. Der Wer Wieq in sanfter Erhebung dicht am Waner entlang durch den hochstärnmiaen Fichtenwald.

Ein triischer Nadelduft sag in der Luft.

Der Wind ging mit leisem, eintönigem Sau­sen durch hie nickenden Baumkronen.

Immer tiefer sank zur Rechten Der blitzende Spiegel der Havel hinab.

Die Jugend litt es nicht lange in der be­schaulichen Ruhe des Kaffeetisches, den ihnen bi« bicke gemütliche Wirtin unter dem Übergängen« ben Gezweig einer Ulme festlich gedeckt hatte.

Lizzie besonders war in lebhafter Beweg­ung, strich durch den Obstgarten, jagte das Ge­flügel Herum und besichtigte mit Sachkenntnis ben Pferdestall Der kleinen Landwirtschaft d«S Gasthauses.

„Weißt DU, Georg“, sagte sie endlich einmal wieder an den Tisch kommend, „wir überlassen dich und Vater ben Mücken hier, und ick goye mit Alfred und Käthe nach der Kirche hinauf. Unsere liebenswürdige Wirtin hat mir soeben verraten, daß dort Prinz Friedrich Karl sein Erbbegräbnis hat. Das möchte ich gern zu den anderen Sehenswürdigkeiten noch mft- nehmen!“

Der Kommerzienrat willigte lächelnd ein.

Ringsum die ländliche Stille.

Tief unten zog das Haveltreiben lautlos vorbei.

Aus einem niedrigen Heckengebüsch wiegte sich ein Finkenpärchen.

Schwalben fuhren hin und her.

Das Rauschen des Waldes Rang wie ein leises Klagen schwermütig in die friedliche Ein­samkeit.

Lizzie war indes mit Alfred und Käthe nach Der Kircke hinaufgegangen.

Der Küster, ein freundlicher Greis im bibli­schen Alter, führte sie in dem schmucklos Keinen Gotteshause Herum und erzählte mancherlei au» jenen fernen Zeiten, da noch Der Hof zuweilen auf der Pfaueninsel residiert hott- und ost an schönen Sommersonntagen zur Morgenandacht nach Nikolskoe heraufgekommen war.

Humor in ernster Zeit.

* Kopf' oder Sporn? Der Dichter tzsserm wurde^ einst von einer Edeldame gefragt, ob er eine Freunde in seinem für sie erbauten „ Musen» und Freundschaftstempel“ in ganzer Figur mal« fassen werde. Er erwiderte: „Nur die Ritter lassen sich in ganzer Figur malen, damit man den Sporn sehen sann. Von Gelehrte"! ,>ia" man nur die Köpfe!“