Einzelbild herunterladen
 

Meter Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Tie Kasseler Neuerten S!acLrichten erscheinen rondientU» sechsmal und zwar nachm ttagS. Der AdoimemenlSprets betragt für die zwetle Hälfte September 7 000 000 Mark bet tretet Zunelluna ins Haus.tn der Geschäftsstelle abgeholt 'l'iart.Verteilungen werden j eder-eit entaeaen. aetwmmen. Vertag und Redaltton: Schlachtdofftraße 28/30. Fernsprecher Nummer 951 und 952. ,vur UIWerlangt eingesandte Beiträge kann die Redaktion eine Verant. wortung oder Gewähr in keinem Falle übernehmen. Rückzahlung des Bezugsgeldes oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnungsmäßiger Lieferung ist ausgeschlossen. Postscheck Frankfurta M. S38L Druckerei: Schlachthosltr.28/30. Geschäftsstelle: Kölnische Str. 5

Hessische Abendzeitung

Anzeigenpreise: Grundpreisfürdie Ze le 50 Mark, für Reklamen 200 Mark mal Schlüs. selzahl ,ür das deutsche Zettungsgew rbe zur Zeil 30000), auf Familien in zeigen und Kleine Anzeigen 21.% Nachlaß. Auf alle nicht bis zum Ao.'nd des auf den Ausgabetag folgenden DageS bezahlten Anzeigen erfolgt ein Rechnungsau°fchlag von 10%! Bet dieser Rechnungs- erleiluntiftdwBetrag innerhalb > Tagen zu zahlen. -Nach Ablauf dieser Frist ist r-er Anzeigen- grunhptcUmttb m am Zahlungstage aultigen Anzeigenlchlttflel zu ve .vielfachen. Laufende An­zeigen werden mit dem Tages,eil.-npreis berechnet. Für die Richtigkeit aller durch Fernsprecher ausgegebenen Anzeigen, lorote für Aufnahmedaten und Plage kann nicht garantiert werden.

stummer 225.

Einzelnummer 600000 Mark.

Donnerstag, 27. September 1923.

Einzelnummer 600 000 Mark.

13. Jahrgang.

bayrische Sonderstellung zum Reich?

Der verlorene Kampf.

Kein Widerstand mehr.

In den gestrigen Sitzungen, die die Reichs- regierung mit ven Parteiführern, Industriellen und Gewerkschaften des besetzten Gebietes, sowie mit den Ministerpräsidenten der deutschen Län­der hatte, ist die Entscheidung gefallen. Der passive Widerstand im Ruhrgebiet ist aufgehoben! Was das Heißt, wird erst deutlich, wenn man die acht bis neun Monate überblickt, in denen der Kampf geführt wurde. Schon die Anwesenheit der feindlichen Truppen im besten deutschen Wirtschaftsgebiet in der FriedenSzeft ist eine furchtbare Verletzung des deutschen Empfindens, abgesehen von dem Rechtsbruch, der bei den Feinden schon zur Ge­wohnheit geworden ist. Me feindliche mit Ge­schützen und Tanks bewaffnete Macht, darunter die schwarzen Regimenter, mußte bei der Bevöl­kerung des Ruhrgebiets Empörung und Ekel er­regen. P o i n c a r e hat zwar kürzlich in einer seiner Sonntagsreden die Halbwilden als seine treuen, braven B/üder bezeichnet, was sehr charakteristisch für die französische Geistes­verfassung ist. Daß diese Aeußerung unwidcr- sprochen von den Franzosen hingenommen wor­den ist, kennzeichnet die Minderwertigkeit deS französischen Charakters. Dieses geistig und sittlich angefaulte VE mißbrauchte seine Waf­fengewalt, um das weit höher stehende deutsche Volk zu unterdrücken, das über vier Jahre lang die Kraft hatte, sich gegen eine Welt von Fein­den zu behaupten. Wie Frankreichm Kriege ohne die alliierte Hilfe schon im ersten halben Jahre zusammenaebrochen wäre und während oes Verlaufs nur seine kurze Front halten konnte, so hat es auch in der Nachkriegs­zeit die alliierte Hilfe nicht entbeh­ren können. Die vergangenen neun Jahre ha­ben zur Genüge gezeigt, daß Frankreich niemals fähig ist, die Führerrolle in Europa zu spielen. Infolgedessen fehlt auch jede nere Berechtigung zu der jetzt angemaßten Vorherrschaft. Desgleichen fehlt auch in jeder Form die Berechtigung der Ruhrbesetzuug. Wie sich dte Bevölkerung au Ruhr und Rhein gegen die Vergewaltigung auflehnte und dabei vom ganzen deutschen Volke unterstützt wurde, so muß auch jede deutsche Regierung den Stand­punkt beibehalten, daß die französisch-belgische Besetzung ein brutaler Rechtsbruch ist.

Da der passive Widerstand im Januar dieses Jahres eine heldenhafte Erhebung der hart be­troffenen Bevölkerung des Westens war, so war es notwendig, daß die Reichsregierung jetzt, da der Widerstand abgebrochen wird, die Ver­treter der besetzten Gebiete um ihre Meinung fragte. In den Sitzungen legte der R-ichskanzler di« Finanznot des Reiches dar, die durch die außerordentlich hohen Kosten des Ruhrkampfes entstanden ist. Es ist erklärlich, daß sich kein Widerspruch erhob, als ihnen ge­sagt wurde, was sie ja wußten, daß das Reich nicht mehr in der Lag« ift Unterstützung zu lei­sten. Di« Frage der Geldverschleuderung und unsachgemäßen Verteilung wurde nicht erörtert, da jetzt am Ergebnis doch nichts zu änbnn ist. Ob man Die Angelegenheit aber mit Stillschwei­gen weiter übergehen wird, ist doch ftaglich. Vermutlich wird sich der Reichstag noch damit beschäftigen. Die Vertreter des besetzten Ge­biets tragen nun mit der Reichsregierung zu­sammen di« Verantwortung für die neue Poli­tik, die sich aus den Aufgaben des Widerstandes ergibt.

Daß es schließlich zum Zusammenbruch kom­men mußte, war schon feit längerer Zeit vor­auszusehen. Es ist ja bekannt, daß Dr. St re- sema nn das Kanzleramt mit der Aufgabe übernommen hat, den Ruhrkampf zu liqui­dieren. Es ist eine undankbare Sache, einen Mißerfolg zu einem traurigen Ende zu führen. Was im Januar noch große Hoffnungen er­weckte, ist nun dahin geschwunden, ohne ein frohes Zeichen für die Zukunft zu hinterlassen. Man ftagt sich, was nun werden soll. Wird un- fer Nachgeben eine Kapitulation oder nicht? Bis heute betont die Regierung und betonen die Rhein- und Ruhrvertreter, eine Kapitulation werde niemals unterschrieben, weil kein zweites Versailles geschaffen werden soll. Die nationale Ehre soll verteidigt werden. Wir möchten wün­schen, daß diese Worte zur Wahrheit werden, obwohl im Augenblick nicht zu sehen ist, w i e diese Verteidigung ausgeführt werden soll. Es ist leider zu befürchten, daß die Feinde auch Wei. terhin die deutsche Ehre verletzen werden, da sie ihre Truppen aller Voraussicht nach nicht aus dem besetzten Gebiet zurückziehen. Sie werden bleiben, wo sie sind und behalten, was sie haben und werden ihrenSieg* über Deutsch, land wieder in die Welt Posaunen, womit sie sich insRecht* und uns insUnrecht* setzen. Was die Reichsregierung bei dieser Liquidation retten wird, das ist die Vermeidung der Ruhrab'wehrkosten, sowie die Umwandlung des stilliegenden Wirtschaftsgebietes in ein Produk­tives Arbeitsfeld. D-as wäre schon ein Gewinn,

Der Abbruch des Widerstandes.

Die Proklamation des Reichspräsidenten, der Reichsregierung und der Vertreter des besetzten Gebiets wird heute erwartet.

Berlin, 26. September. (Eigener Draht­bericht.) Rach der gestrigen Konferenz der Mi­nisterpräsidenten und nach erneuten Be­sprechungen des Reichskanzlers mit den P ar - teiführern fand noch am Abend ein Mini­sterrat statt, der in der Hauptsache der bevor­stehenden Proklamation des Reichsprä­sidenten und der Reichsregierung ge­widmet war. Um elf Uhr dauerte der Minister­rat noch an. Gleichzeitig mit der Proklamation der Reichsregierung wird eine zweite durch die Vertreter des besetzten Gebietes er­folgen, in der natürlich der Beschluß der Reichs- rcgierung gutgeheißen und die Wiederaufnahme der normalen Tätigkeit im besetzten Gebiet emp­fohlen wird. Die Deutschnationalen fehen sich veranlaßt ausdrücklich sestzustellcn, daß nicht ein einziger ihrer Vertreter im Rheinlande zur Kon­ferenz zugezogen wurde, obwohl in den Cuno- schen Listen dreizehn Mitglieder der Partei als Ruhrvertreter aufgeführt worden find. Die Proklamation der Reichsregierung über die Aufgabe des pafsiven Widerstandes ift im Laufe des heutigen Tages zu erwarten.

Zustimmung 6er Koalttiontz-Varlelen.

Berlin, 26. September. (Privattelegiamm.) Tie Führer der Reichstagssraktionen hatten gestern im Relchskanzlerpalais eine Be­sprechung, nach deren Beendigung ein übereiu- flimmender amtlicher Bericht aufgesetzt wurde, der die Zustimmung der Parteien zur Aufgabe des passiven Widerstandes aus­spricht. Der Führer der Deutschnationa­len Volkspartei hat sofort Einspruch erho­ben. Die Kommunisten waren nicht ge­laden. In einem Ersatzblatt der verbotenen Roten Fahne" teilen sie mit, daß sie eine be­dingungslose Kapitulation nicht mitmachen wür­den. Aus dem Reichstag wird erklärt: Heute nachmittag tritt der Auswärtige Ausschuß zu­sammen. morgen das Plenum des Reichstages. Ob und wann eiup politische Aussprache ftatt- sinden wird, steht noch nicht fest.

Bayerns Dorbrvatt.

Berlin, 26. September. (Privattelegramm.) Der hier wettende bayrifche Ministerpräsident

Dr. von Knilling erklärte auf eine an ihn gerich­tete Anfrage, daß er über die Stellung­nahme Bayerns zu der von der Reichsregie­rung befchloffenen Aufgabe des pafsiven Wider­standes noch nichts mitteilen könne. Entgegen der offiziösen Erklärung der Reichsregierung müsse er feststellen, daß die Entscheidung Bayerns nicht bei ihm, sondern beim bayrischen Mi- nisterrat liege, der aber erst in den näch­sten Tagen zusammentreten könne.

e

Die Vfaizer wollen wetteren Widerstand.

Ludwigshafen, 26. September. (Pri­vattelegramm.) Eine hier stattgefundene Tagung von Vertretern der Wirtschafts - und Be - amienverbände der bayrischen Pfalz sprach sich einstimmig für die Fortsetzung des passiven Widerstandes aus. Eine Ent­schließung an die bayrische Regierung verlangt, falls das Reich den passiven Widerstand ausgibt, seine Fortsetzung durch Bayern in der Pfalz.

Reine Rückkehr der Tlusgewlefenen!

Berlin, 26. September. (Privattelegramm f Rach einer Meldung aus Essen woilten gestern die Gewerkichastsvertreter beim stan- zöfijchLn rot-se-mdierenden General in Düsseldorf und verlangten die Rückkehr ihrer verhafteren und ausgewiesenen Vertreter. Der General hat das Verlangen abgelehnt.

e

Die Ängenieurkommissio» wird verstärkt!

Paris, 26. September. (Eigene Drahtmel­dung.) Der Matin berichtet, der Chef der Rnhr- Jngenieurkommission ist nach Paris berufen worden. Soweit Informationen vorliegen soll sofort nach Aufgabe des passiven Widerstandes die Jngenieurkommission an der Ruhr auf 480 leiteside Ingenieure verstärkt werden, um. die intensive Ausbeutung des Reviers für Reparationszweüe vorzubereiten.

0

Buch die schwarzen Franzosen dieiden.

Paris, 26. September. (Eigene Drahttnel- dung.) Wie der Temps erführt ist vom Kriegs- Minister die Uebcrtointerunaber afnkam- fchen Truppen jm besetzten Gebiet am 19. dieses Monats angeordnet worden.

der eine Bessenma der gesamten Wlrtfchafts- und LebenAverhältniss« verspricht. Wir konnten also aufatmen, wenn die Franzosen letzt nicht gleich mit erdrückenden Forderungen kämen. Bald werden wir sehen, was kommen soll. Jetzi wird sich Deutschlands Schicksal eMscheiden!

Agitation der Kommunisten-

Stimmungsmache zu einem Gewaltstreich.

(Privat-Telearamm.)

Münster, 26. September.

Ueber die Tätigkeit der Kommunisten ift mitzuteilen, daß sie im ganzen Ruhrgebiet zur Fortführung des pafsiven Wideritlinde« auffordern. Ter Regierung Strefemann-Htt- ferdina werfen sie Landesverrat vor. Wetter wird für die sofortige Bildung einer Arbei­ter« und Bauernregi ernng Stimmung gemacht, die durch die Macht der Ruhrarbeiter, schäft herbeiqesührt werden fall. Vom Grenz- gebiet wird lebhafte Bewegung der Kommum- sten gemeldet. In Lüdenfcheid entfalten wieder kommunistische Hundertschaften ihr Unwesen.

Jtebolutlon und Waffenloser.

Karlsruhe, 26. September. (Privattele-> gramm.) Die letzte kommunistische Ausstandsve- wegung in Lörrach und S ü d b a d e n hat zu einer pofizeilichen Nachforschung in Baden nach kommunistischen Geheimverbänden und Waf- fenlaqern geführt. In Karlsruhe, Mann­heim, Freiburg und Lahr find kommunistische Revoliüionsbünde und kommunistische Waffen­lager ausgehoben worden, zahlreiche B e r h a f - tun gen wurden vorgenommen. Die Unter­suchung wird vom Landgericht Freiburg geführt.

Die roten Fahnen.

Meiwitz, 26. September. «Privattelegramm.) Aus den Beuthener Schächten haben kommunt-

stische Hunderffchaften die roten Fahnen gehißt. Die Beseuung wurde von der Polizei verhindert. Es gab elf Tote und Verletzte.

(Segen die Ausgabe des Widerstandes.

Berlin, 26. September. (Privattelegramm.) Die kommunistische Reichstagspartei hat beim Kanzler Einspruch gegen die Auswahl der Ruhrvertreter erhoben, weil die Vertreter der kommunistischen Arbeiterschaft überhaupt nicht zugezogen worden sind, die ein Drittel aller Ar­beiter des Ruhrgebiets umfassen und gegen die Aufgabe des Widerstandes gestimmt hätten.

Die Sag» noch Devisen.

Weitere Beschlagnahme großer Bestände. tPrivat-TelegrammZ

Berlin, 26. September.

Am Montag abend find in Berliner Fremden­hotels wieder alle Ausländer der Devi­senkontrolle unterworfen worden. An fast neunhundert Billionen Mark auslän- difche Depifenbestände wurden beschlagnahmt. Die Maßnahmen gegen den Devisenbefitz haben zu diplomatischen Konflikten geführt. Bon zwei Gesandtschaften, darunter der belgi­schen, ist dem Auswärttgen Amt die kategorische Forderung übermittelt worden nach Zu rück - erstattung der bei ihren Staatsangehörigen beschlagnahmten Devisen, andernfalls Gegen­maßnahmen angekiiudigt werden. Aus Essen wird gemeldet, daß dort zahlreiche ^hamsterte Devisen auf dm Markt kommen. Jour­nal des Debats schreibt, daß von der deutsa-en Regierung bei der Interalliierten Rheinlandkom­mission in Koblenz der offizielle Antrag nach Zu­lassung Seiner neuen deutschen Währung auch im besetzten Gebiet eingegangen ist.

GpaniensWanölung.

Das neue Staatslebe«.

Der mUitärifcpe Staatsstreich in Spanien ift mit verhaltnismatzig großer Ruhe erfolgt. Wie sich da« Leden unter der Diktatur voll, zieht, stell« der nachstehende Bericht dar, Die beiden Hitzemonate dieses Sommers, von deren Unerträglichkeit sich lediglich an nordi­sche oder mitteleuropäische Temperaturen ge-s wöhnte Menschen schwerlich eine Vorstellung ma­chen können, waren noch nicht vollständig über­wunden, als di« Spanier durch den neuen

Krieg in Marokko überrascht wurden. Sehr unangenehm über­rascht wurden, denn die Kämpfe gegen die Moros nahmen auch diesmal wieder, trotz aller Erfah­rungen, die in den letzten Jahren gesammelt werden mußten, etnen Üblen Verlauf. Die Re- gierung, anstatt zu zeigen, daß sie auf dem Po­sten war, legte ein Verhalten an den Tag, das ihr ioirklich keine Achtung eintragen konnte. Hörte sie auf die Stimmen im Volke, so mochte sie freilich um guten Rat arg in Verlegenheit kommen: Dieser schrie. wir wollen weiter Vorgehen jener hott, wir wollen lieber etwas zurückgehen und bet dritte rief dazwischen, nach Hause, nach Hause, Spanien den Spaniern und Afrika den Marokkanern! Die Regierung War völlig hilflos und ließ es zu, daß die Oes- fentlichküt, wahrend man nichts tat, damit un­terhalten wurde, welche schneidigen >Angriffsplä- ne man vorbereitete, wie man dann und daun und dort und dort über den Feind herfallen »nd ihn über den Hansen rennen werde sehr zum Ergötzen gewisser europäischer Freunde, eben dieser K a b y l e n (der Franzosen), die nur darauf lauerten, ihren afrikanischen Schützlingen zu neuen kriegerischen Lorbeeren gegen die Spa­nier verhelfen zu können. Das Offizierskorps sah dicffeu Vorgängen nur mit Ingrimm zu. Die Wut war um so größer, als auch die sonsti­gen Zustände im Lande mehr und mehr ine schärfste Kritik herausfordertöu. Auch wer von Sympathie für Spanien erfüllt ist und der Eigenart seiner überlieferten Sitten und Ge­wohnheiten manches zugute hält, konnte seine Augen vor der ungeheueren Ausbreitung der

Korruption und Günstlingswirtschaft nicht verschließen, konnte nickt umhin, ganz eror» bitaute Fälld von Rechtsbeugung fcstzustcllen, die in anderen Kulturländern kaum ihresgleichen finden dürsten. Das Schlimmste war dabei viel­leicht, daß die sogenannte Volksvertre­tung nicht nur keinen Schutz gegen diese Miß­stände bot. sondern daß diese in den Cortes als ihrein ckgentlichen Herd und Mittelvunkt ver­wurzelt erschienen. Wer den Kamps gegen sie ernstlich aufnehmen wollte, hatte freilich mit dem besonders stark ausgebildeten Familiensinn des Spaniers zu rechnen. Wer Staatsbeamter ist, siebt es sozusagen als seine Pflicht an, alle feine jüngeren Familienangehörigen im Staats­dienst unterzubringen; wer es mit dieser Art der Versorgung seiner Blutsverwandt­schaft nicht genau nimmt, kommt unfehlbar in fchlechten Ruf. Auch wer einen Freund hat, dessen Freund einen Freund im Staatsdienst fein eigen nennt, hat begründeteReichte* auf einen Posten. Die Folge ist natürlich eine Ueberzabl von Beamten und damit ein gewaltiges Miß- verhältnis zwifchen dem Heer von Staatsdienern unt> der von ihnen zu lastenden Arbeit. Nickt selten kommt es vor. daß dieserHauptberuf* einen Beamten höchstens zwei Stunden täglich in Anspruch nimmt, und daß er dann seine freie Zc^it nicht etwa mit Nebenbeschäfti­gungen, sondern mit einer oder gar mehreren Hauptstellungen in privaten Unternehmungen ausfüllt. Mit der Finanzwirffchaft des Staates ging es unter solchen Umständen natürlich im­mer mehr bergab. Angestckts dieser Folgen der nur allzulange geduldeten, ja vom ganzen Volke mit groggezogenen Günstlingswirtschaft wurde die Stimmung im Lande doch allgemach sehr be- denklick, und da die in erster Reihe dazu beru­fene Regierung keine Hand rührte, um den Staat vor dem Untergang zu retten, mußte der­jenige leichtes Spiel haben, der an dieser schmerzhaften Stelle sein heilendes Messer anzu-- setzen versprach. General de Rivera war klug genug, in seinem Regierungsprogramm den

Kampf gegen die Mißstände in den Vordergrund zu rücken, in dem er ver« hicch, den toten Ballast in der Verwaltung zu be- seittgen. Und er hat damit eine sehr gute Auf­nahme im Lande gefunden; Beweis genug, daß das Gefühl für Anstand und gute Sitte auch im Staatsleben vor an sich verständlichen Privat­interessen nickt haltmacken will. In den größten Städten des Landes häuften sich bisher die Raubüberfälle von geradezu wildwest-- amerikani scher Tollheit, und so wurde der Ruf nack einer starken Hand an der Svitze des Staa­tes immer allgemeiner. Eine« günstigeren Auoen- blick als diesen hätte sich deshalb dos Omziers- korps der Armee für sein Pronunziamiento ge-