Einzelbild herunterladen
 

Meler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Anzetgenpieise: SrundpreiSsürdte Z-tlk 10 Pfennige, für Reklamen 50 Pfennige mal Anz-tgenschluff-lzahl für M!ield.utschland<,ür Bett 1500 000) auf Famtltenan^tgen und Klein- Anzeigen 2Le/, Nachlaß. Zahlbar innerhalb fünf Tagen vom Rechnungrdatum an, alle« ein­schließlich Teuerung«zuschlag und Anzeigensteuer. Für Anzeigen mit besonders schwierige»! Satz hundert Prozent Aufschlag. Für die Richtigkeit aller durch Sernfvricher aufgegebenen An. zeigen, 'owie für Aufnahmedaten und Plätze kann nicht garantiert werden. Postscheck Frankfurt a M «58». Druckerei: SchlachthoMr.28/zo.SeschSsts»elle:KölntscheStr. 5.T«levho>t 951 und 952.

SOte Kasseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar nachm ttags. Der Avonnemeutspreis beträgt für die erste Hälfte September 1000 00» Mark bei freier Zunellung in» Hans, te der SeschästssteUe abgeholt 950000 Mark, «eftellungen werden j «der-eit entgegen, genommen, »erlag Uno Redattion: Schlachthosstcaße 28,80, Fernsprecher Nummer 951 und 952. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann di- R-daktion eine kerant. wortuug oder Gewähr in keinem Fall- übernehmen. Rückzahlung des Bezugsaeldes oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnlmgsmäßiger Lieferung ist ousgeschloksen.

Siummer 215.

Einzelnummer 150 000 Mark.

Sonnabend, 15. September 1923.

Einzünummer 150 000 Mark. 13. Jahrgang.

Die Mckverftimmung im Auslande.

WeltpoNtik.

Die Wirkung wirtschafffiche« Konkurrenz.

Die grobe Politik hat jetzt Formen angenoin- meft »bie jede Handlung kraß ins Auge fallen lassen. Wohin man blickt: überall findet man eine bestimmte Linie, findet man eine Richtung, die die Ziele der Politik deutlich erkennen läßt, von Weltpoliik im alten Sinne des Wortes kann heute keine Rede mehr sein. Auch die Groß- nächte, die sich heute als Sieger über Deutsch» land fühlen, haben anscheinend weder das Trach­ten, nckch Gelegenheit, Weltpolitik zu treiben, ene Politik, die politische Zwischenträger, Jn- tfluen, Konsequenz,. Weitblick zeigtch Die Welt- wlitik von früher war eine Politik auf lange Sicht, eingestellt nicht nur, um die Interessen der Länder zu fördern, sondern vor allem, um jede Wirtschaftskonkurrönz auszuschalten. Deshalb strebten die Länder nach Gebieten, die erschlossen werden sollten, nach Stiitz- funftcn, um den Handel auszudehnen, um Rohmaterialien zu finden, um ihrem Handel mit einer überall gestützten Flotte bei­springen zu können. Das war die Aufgabe der .Diplomaten zu ergründen, ob irgendwelche wirtschaftlichen Fgden gesponnen wurden, denn «uch rein politische Bestrebungen liefen auf wirt­schaftliche Urgründe zurück. Und das war die Aufgabe der Politik, die Fäden der anderen -Macht zu stören, sie vielleicht für sich zu knüpfen Das Wettrüsten in der Welt war die Riva­lität auf dem Wirtschaftsmarkt, die p oli ische Hochspannung eine Folae der wir schaftli- ch e n Hochkonjunktur. Weltpolitik treiben, hieß weiten Blick für Wirtsckastsmöglichkeiten haben. Man ging in andere Erdteile, snckiö Verbin­dungen mit anderen Ländern, um Ausdehnungs- möglickkeiten zu besitzen. Den Ertrag der Arbeit nnterzubringen, die Rohstoffe heranzuschaisen, Märkte zu erschließen, Gewinne zu erzielen: das lag letzten Endes in allem politischen Bemühen.

Der Weltkrieg kam, soweit Enaland und Deutschland in Frage kommen, lediglich aus wirtschaftlichen Gründen. Amerika wur­de in den Krieg aus Gewinnabsichten gezogeft. Aber man kann auch sagen, daß die eigentliche Ursache deS Krieges, das Streben Rußlands nach der Vorherrschaft auf dem Balkan, lediglich wirt­schaftlichen Ursprunges war. Vielleicht nur Frankreich zettelte den Ktteg aus alter Rache, altem Haß an. Der Krieg hat die Wirtschafts- fäden zerschnitten.' Hauptsächlich Deutschland ist aus der Welt ausgeschloffen, aber auch die übri­gen Länder holen aus dem Kriege nicht den Ge­winn, den sie sich verhießen: Der Konkur­rent ist tot, aber auch das Absatzgebiet ist zu Grunde gerichtet. Ein allmähli­cher Aufbau ist notwendig. Und es zeigt fick heute, daß nur in der Konkurrenz aller gegen alle, in der mit einem Worte gesagt Welt- Politik gesunde und strebsame Völker gedeihen können.

Hat E n g l a n d, die Macht, die Mrend war in der Welt, heute noch eine Weltpolitik? Nein! Die Interessen Englands sind stark in Europa konzentriert. Die englische Weltpolittk hat keine rechten Aufgaben mehr Die Rivalitäten auf dchn Balkan, in der Türkei mi Frankreich, können nicht als Zeichnen weltpolitischer Zukunftspläne gelten. Es sind nur Nachklänge, schwache Ver­suche, Dinge politisch ck.nznstellen, hie gerade der Lösung bedürften. Ml dem Ausscheiden Deutschlands ist die Weltpolitik gewis­sermaßen erloschen. Man sagt, daS erstarkte Frankreich strebe nach Weltmacht. Gewiß, nach Weltmacht, aber Weltmacht ist nicht gleichbedeu­tend mit Weltpolittk. Frankreich ist nicht das Land wirtschaftlicher Erpawsionsgedanken Es siebt feine Ziele in Europa gesteckt, im G e - bietsgewinn an seiner Grenze, in der Unterdrückung und Ausbeutung Deutschlands. Es hat nicht den großen Blick, in der Welt Möglichkeiten zur wittschastlichen Machtontfaltttng zu erspähen. Gewissermaßen beherrschen Amerika und England die W^t. Sie haben indeffen ihre Intereffengebiete umsteckt, so­daß es keine polittsche Auseinandersetzung ans wirtschaftlicher Ursache geben kann.

Die alte Diplomatie ist tatenlos. Und wenn sie noch lebt, fo schaut sie verwundert drein, wie sich eine Welt andsrs gestalten kann. Das haben sie. die Gesandten und Botschafter, niemals geglaubt, daß die geheimen Jnstri-ktio- nen. die sie früher erhielten, einmal nichts mehr gelten sollten. Das verstehen sie heute nicht mehr, daß die Welt das Wesentliche, die Sucht, den anderen zu überflügeln, verlernen sollte. Die große Welwolitik ist ,u einem kleinli­chen Gezänk um räuberische Ausbeutung eines Landes herabaesunken. Man sucht nickt mehr nach unentdecktem Land, hat nicht mehr die Ausbeitte wertvoller Bergwerke, die Anlage neuer Bahnen, die Gewinnung wertvoller Oel- auellen. die Erlangung überreicher Robstoffge- l-iote im Auge. Man streitet sich nickt mehr, wer der erste gewesen ist, wer von altersher zunächst das Recht erwarb, seine Flagge aufzuziehen. '">an kennt feine Konferenz mehr um solche Din­

ge, keine diplomatischen Verhandlungen und kei­ne kriegerischen Drohungen. Nicht der Völker­bund ist es, der hier schlichtet, nicht der Umstand, daß die Welt inzwischen verteilt ist. O nein, die Anregung fehlt, wcsil die Konkurrenz be­schränkt ist.

Die Länder müssen Weltpolittk trei­ben, wenn sie gedeihen wollen. Das toitb aber nicht möglich sein, solange nicht Deutschland wieder, dessen heFköpfige Pioniere Möglichkeiten wirtsckaftlicher Krastentfalttmg erspähtön, gleich- berechttgt geworden ist. Schon von diesem Ge­sichtspunkte aus müßte die heutige Lage ausge­faßt werden. In England sieht man den began­genen Fehler längst ein, Amerika weiß lange schon, was es gesündigt Frankreich kann und wird nicht an die Stelle Deutschlands treten, denn mit dem Schießprügel in der Hand kann niemals die Welt erschlossen, niemals die Wirtschaft auf- gebaut und angetrieben werden. Die Geschäfte verlieren an Stoßkraft und büßen ihre Rührig­keit ein, die einen alten Konkurrenten in sich aufnahmen. Sie finden feind Anregung mehr. Ebenso ist es mit dem Ausscheiden Deutschlands Der Konkurrenzkampf belebt die Welt,' läßt die Völker vorwärts streben, bringt die große Polittk ntit ihren tragenden, weltschcmenden Li­nien. Deutschland gehört in die Weltpolitik, dann wird die Welt wieder Kulturstufen empor klimmen.

Die Mark und das Ausland.

Keine Hoffnung auf Befferung?

(Privat-Telegramm i

Berlin, 14. September.

Die Hoffnung auf ein Befferwerden der Mark- notierung an den ausländischen Börsen war nur kurz. Anscheinend besteht nicht mehr das ge­ringste Vertrauen auf die Fähigkeit Deutschlands. Matznahmen Lu treffen, die Ein- und Ausfuhr in Einklang zu bringen, so daß die passive Han­delsbilanz, der, neben der Ruhrbesetzung, die Markverschlechterung zuzuschreiben ist, beseitigt werden könnte. In Newqork notierte gestern der Dollar amtlich 114 876 000 Mark; nachbörs­lich zog die Markparität auf 115 Millionen an. Im Gegensatz zu dieser Newyorker Bewegung, der eilte gleiche Bewegung in London gegen­übersteht, waren die Auslandsdevisen im Ber­liner Abendverkehr weiter nachgebend. Die Dollarnote wurde um 6 Uhr mit 92 und um 7 Uhr mit 93 Millionen genannt und die englische Pfundnote mit 420 bezw. 418 Millionen.

Die Notierung In Der Schweiz.

Berlin, 14. September. (Privattelegramm.) Zu der gestern von einer Berliner Depefchenstelle verbreiteten Meldung über die Einstellung der Kursnotierung der Reichsmark in Basel wird heute früh erklärt, daß der Kurs nur am vorgestrigen Tage gestrichen werden mußte, weil keine Nachfrage vorhanden war. Jin Zürich wurde gestern die deutsche Reichsmark, wie bis- Ikr, weiter amtlich sestgcstellt und sie hatte dort eine, wenn auch vorübergehende Steigerung um einen Punkt zy verzeichnen. In Basel wird die Mark heute wieder notiert, vorausge- etzt, daß Abschlüsse Zustandekommen.

Reglerungssturz in Spanien.

Ein militärischer Staatsstreich.

(Eigener Drubtberickt.1

Paris, 13. September.

Die Agence Havas veröffentlicht folgende Nachricht aus Barcelona: Der Gouverneur von Katalonien, Primero de Rivera, hat eine Proklamation erlassen, in der er die Regierung anklagt, sie führe das Land dem Untergänge entgegen, und mitteilt, daß die M i l i t ä r p a r- tri beschlossen habe, die Regierung zu übernehmen und den Belagerungszustand zu verhängen. Um vier Uhr morgens ist die Te­lephonzentrale besetzt worden. Die Stadt lft ruhig. Man erwartet die Ausfiihrung der ange­kündigten Maßnahmen in kürzester Frist. Raq aus Madrid eingetroffenen Nachrickten ist die Madrider Regierung in der vergangenen Nacht in aller Eile zu einer Beratung zusammen getre­ten. Sie will nur der Gewalt weichen.

Ausbreitung der MUttürgewaN.

Genf, 14. September. (Eigene Drahtmel­dung.) Aus Spanien wird berichtet: Der lange angekündigte militärische Staatsstreich ist qusgcbrochrn. Es ist einstweilen noch schwierig, die Ausdehnung und die Erfolgsaussichtcn des Staatsstreiches zu erkennen; jedenfalls aber scheint das parlamentarische System in Spanien sehr diskreditiert zu sein, und dersaszistffche Geist macht sich anscheinend auch auf der Pyre- näcnhalbinsel breit. Daher ist es denn auch zu erklären, daß die Bewegung sich u i ch r gegen drn König, sondern gegen die Regierung richtet. Die Qua^iere der kommunistischen und revolutionären Bereinigungen wurden besetzt, die Gefängnisse, Banken, ElcktrizitätSzentralen,

Wasserwerke usw. ebenfalls. Alle verdächtigen Personen wurden verhaftet. Die Proklama. tton des General-Kapitäns schließt mit einem Appell an den Patriotismus

der Bevölkerung. Er beschwört das Militär, wenn es nöttg sei, das Leben für das Vaterland hinzugeben. Die militärischen Garnisonen, insbesondere von Madrid, Saragossa, Sevilla und Bilbao schloffen sich der Be­wegung an. Es handelt sich um einen wirklichen Staatsstreich. Gegen den Außenminister sowie gegen den Ministerpräsidenten d'AlhuccmaS wurde ein Prozeßverfahren eröffnet. Der Minister der öffentlichen Arbeiten, welcher in Barrelona eintreffen wollte, um eine Möbelaus- swllung zu eröffnen, wurde in Saragossa angr- halten. Alle telegraphischen Verbindungen sind unterbrochen. Es heißt, daß der Außenminister in St. Sebasttan verhaftet wurde.

Folgen der Wirtschrrftsnol.

Plünderungen in Oberfchlcflen. tBrivat-Telearamm!

Breslau, 14. September.

Infolge der unerschwinglichen Lebensmittel­preise ist es im ganzen oberschlesischen Industrie­gebiet zu großen Lebensmittelunruhen gekommen. In B e u t h e n sowohl als in G l e i- witz dauerten gestern die Plünderungen stundenlang. Die Ladengeschäfte wurden von der Volksmenge, soweit die Hauptverkehrsstraßen in Frage kommen, radikal ausgeräumi. Das Butter­haus Silefia wurde von der Menge vollkommen ausgeplündert und der Berkäuser halb tot ge­schlagen. Die Schutzpolizei mutzte eingrei- fen. Als die Menge der Aufforderung, die Stro­tzen zu räumen, nicht nachkam, wurde von der Schußwaffe Gebrauch gemacht. Drei Perso­nen wurden getötet» vier andere verletzt.

Die Lohnbewegung.

Krise auf den Hamburger Schiffswerften.

(Privctt-Lelegramm.)

Hamburg, 14. September.

Zur Lohnbewegung der Werftarbeiter bei den See-Schiffswerften ist mitzuteilen, daß im Reichsarbeitsministerium zunächst über die von den Arbeitnehmern beantragte Berbindlich- keitS-Erklärung des Schiedsspruches vom 3. September verhandelt wurde, da die Arbeitge­ber die Anerkennung abgelehnt hatten. Die dem Schiedsspruch angefügte Empfehlung, die Lohn­regulierung nach den Abschlüssen der Spitzenver» bände eine den heutigen Teuerungsverhältnisscn entsprechende Ortsklassen-Einteilung vorzunch- men, und ein einheitliches Stücklohn-System etn- zuführen, werden nicht als Gegenstand einer Berbindlichkeits - Erklärung betrachtet. Beide Parteien erklärten, daß sie dann den materiellen Inhalt des Schiedsspruches cnwrkennen, wodurch diese Angelegenheit erledigt war. Es folgten dann die Lohnverhandlungen für die lausende Lohnwoche. Es wurde ein Schieds­spruch verkündet, der eine Lohnerhöhung von zirka 130 Prozent vorsah. Da aber die tar- sächliche Teuerung in Hamburg 249,3 Prozent betrug, lehnte die Berhandlungskommisflon der Werftarbeiter diesen Schiedsspruch ab und heaustragte den Borstand des Metallarbeiteroer- bandes, beim Reichsarbeitsminister Einspruch gegen das Verfahren zn erheben. In den Ber- sammlnugen der Werftarbeiter wurde wieder mit Streik gedroht.

Streik im besetzten Gebiet?

Köln, 14. Septmber. (Eigener Drahtbericht.) Rach einer Meldung derRheinischen Zeitung ist es kaum möglich, eitle Arbeitsniederlegung in den Eisenbahn - und Postbetrieben zu verhindern. Die Arbeiter-Organisationen erklär- ten sich mit den angebotencn Löhnen von 160 bis 170 Millionen pro Woche nicht einverstan­den, da in der Privattndustrie Löhne von 340 bis 380 Millionen bezahlt werden. Wenn bis heute abend feine Erklärung der Reichsregierimg vorläge, dürste die Arbeitseinstellung größeren Umfang annehmen. Sollten in den cinterufenen Versammlungen, zu denen Vertreter aus dem ganzen besetzten Gebiet kommen, keine genügen­den Zugeständnisse vorlicgen, so ist mit einem Streik im ganzen besetzten Gebiet zu rechnen.

e

2?anfBeamttnflrt$f in Leipzig,

Leipzig, 14. September. (Privattelegramm.) Die Beamten der Leipziger Großbanken sind gestern in den Streik getreten. Gegen elf Uhr vormittags zogen die Streikenden in einem meh­rere lausend Personen zählenden Zuge vor das Gebäude des Schtichtungs-Ausschuffcs am Roß- vlaß, wo die Verhandlungen vor dem Schlich- tungs-Aussckuß zurzeit noch mtbanern. Die Ar- beitswilligen wurden durch Bankbeamte am Betreten ihrer Arbeitsstätten verhindert.

Der maskierte Tod.

Das Gartenhaus als Meuschenfalle.

Mit n>el<f>ee Mittel» die Franzosen im Ruhr- gebiet die derrrsehe Bevölkerung verfolgen, geht ans der nachstehenden Schtldernng hervor.

Aus dem RuhrMbiei, 13. Sept.

Es ist in den letzten Wochen soviel geschrie­ben worden über die Brutalität und Gefühls­roheit der Franzosen. Man hörte täglich, fast stündlich von rücksichtslosen Vertreibungen, Ver­haftungen, Verurteilungen,Mißhandlungen, Mor­den, Straßen- und Bankrauben, Vergewaltigun­gen usw. Sind die Franzosen wirklich so ver­kommene Menschen, die nur darauf sinnen, die Bevölkerung der von ihnen gegen Gesetz, Ver­trag und Recht besetzten Gebiete zu quälen? Ich wurde kürzlich anderen Sinnes. Ta bewegte sich durch die Straßen Bochums ein Gefährt, des­sen Aufmachung auf Gemütstiefe der Veranstal­ter schließen ließ. Auf einem Wagen war ein wundernettes, kleines Gartenhäuschen auf- gebaut, dessen frisches Ziegelrot mit leuchtenden, weißen Fugen und den grünen Türen und Fen­stern, ein so entzückendes Bild abgab, daß Er­wachsene ihre Freude daran hatten und die Kin­der vor Vergnügen in die Hände klatschten. Die Freude wurde auch dadurch nicht getrübt, als man erkennen mußte, daß dieses Bild des Frie­dens getragen wurde von einem französi­schen Tank, von dem man nur die unflätig breiten und schweren Raupenräder sah. Ich sagte mir, die Franzosen hüben sicherlich erkannt, daß diese Tanks inmitten einer friedlichen, waffen­losen Bevölkerung mehr als überflüssige Vehikel sind; um die gedrückte Stimmung wieder etwas freundlicher zu geftalten. haben sie diese Unge­tüme zu Gartenhäuschen mngewandelt, die sie durch die Straßen fahren, damit Alt und Jung sich an ihrem Anblick freuen können.

Wenige Tage später mußte ich notwendig nach X., leider lag die französische Sperrgrenze da­vor. Da es aussichtslos war, einenGeleit- schein" zu erhalten, so unternahm ich den Ver­such, auf bekannten verschwiegenen Psaden ins freie Deutschland zu gelangen. Alles schien gut zu gehen. Da stutze ich: Mitten in einem Kar­toffelfeld, kaum hundert Meter vor der Sperr­grenze, steht ein reizendes Gartenhäuschen. Ich konnte mich nicht erinnern, es je dort gesehen zu haben und dennoch kam mirs bekannt vor. Ich konnte mir die Erscheinung nicht recht er­klären, hatte aber das bestimmte Gefühl, daß hier etwas nicht in Ordnung war. Und wie ich noch stehe und überlege, höre ich aus der Richtung des Gartenhäuschens ... Maschi­nengewehrfeuer und in der Ferne jenseits der Sperrlinie kann ick gerade noch beobachten, wie zwei Männer in eiliger Flucht davon- und zu Boden stürzen. Unwillkürlich habe auch ich mich zu Boden geworfen. Wenige Minuten dar­auf sehe ich, wie miS dem Gartenhaus im Kar­lo ffeld zwei Poilus in voller Kriegsaus­rüstung treten, die lachend und übermütig sich darüber unterhielten, wie ihrGartenhaus" die dummenBoches" anziehe, die den Versuch machten, über die Grenze zu kommen.

Jetzt wurde mir alles klar, es wurde mit auch klar, wo ich dieses friedliche Häuschen be­reits gesehen hatte: in den Straßen Bochums, wo sich Groß und Klein darüber fronte. Und nun wußte ich, was es mit bieferfriedfertigen' Gesinnung der Franzosen auf sich hatte. Sie be­nutzten biete Maskerade für ihre Tanks, um die Personen, die es nicht verstehen können und wol­len, daß mitten durch ihre Heimatfluren eine Linie gezogen wurde, die zu Werschreiten für te von fremder Macht verboten ist, an sich zu öden, um sie dem Tod oder der befangen- ch a st in die Arme zu treiben. Ich wußte nun, raß in diesem Gartenbau schon in den Heimat» Türen an Ruhr mtb Lippe der Tod in der Gestalt g r in sendet, zynisch lachender P o i l u s sitzt. Und ich wußte auch, daß ich niemals wieder daran glauben kann, daß die Franzosen an der Ruhr eine andere Gesinnung haben, als zu rauben; jit foltern, zu schänden und zu morden. Zu dieser lieber,feugung bin ich durch daS Gartenbaus an der Ruhr gekommen.

e

Säuglinge ohne Milch.

Unter der Ueberschrist:Die Franzosen und di« Milchversorgung ber Städte" berichtet bie Frankfurter Zeitung": Von Milchhäudlern aus mehreren Großstädten des besetzten Gebie­tes gehen uns fortgesetzt Klagen bantber zu, baß an ber spärlichen Milchversorgung, die selbst Säuglingen und werdenden Müttern bi« notwendige Milch entzieht, einen gro- ren Teil der Schuld die Franzosen durch ihre übermäßigen Ansprüche tragen. In einer Nachbarst odr zum Beispiel beträgt die Menge, die sie verlangen und erhalten müssen, ein Zehn­tel ber am Tage für bie ganze Bevölkerung ge­lieferten Milch. Einzeln« Offizierssamt« l i e n beziehen bis jtt fünf Liter amTag «. Tie Milchheli esertinqs sckcinc stellt bie frawjö- rsche Behörde übrigens selbst aus. Da es ihre Praxis «ft, um die deutschen Vorschriften z» um--