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Meier Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

$te Äoff*r Sewfhu Äa<6*td)ten erfdbehien ro6d>entlld> fed>9mol und jtoat »achnr ttagS. Drr 3tb6an<intete»re« beträgt für bte ersteHälite September 1 000 000 Mark bet freier Zunellunz ins 8<mS,tabet ®e(<66ftsiteue abgefjott 950000 Mark. Bestellungen werden jederzeit entgegen- genontmen. »erlag und Stedaitton: Schlachthofstrab! 28/30, Fernsprecher Nummer 951 und 951 Für tmoerlangt eingesandte Beitrage kann die RedaMon eine Herant. Wartung oder Gewähr in keinem Falle übernehmen. Rückzahlung des BeeugSgeldeS «der Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnungsmäßiger Lieferung ausgeschloffen.

Hessische Abendzeitung

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Nummer 212

13. Jahrgang

Mittwoch, 12. September 1923.

Einzelnummer 150000 Mark.

Einzelnummer 150000 Mark.

Beschlüsse zur Währungsreform.

LlmöieVerftändigung

Mitwirkung der Industrie.

In den letzten Tagen lausen in Deuschtland wieder Gerüchte um, datz die Industrie die Führung in die Hand genommen und den Weg zu einer Verständigung mit der französi- scheu Industrie beschritten habe. Man wird unwillkürlich daran erinnert, daß auch Strese- mann in seiner Stuttgarter Rede von einer in­dustriellen Verständigung sprach und findet ähn­liche Andeutungen auch in den Ausführungen, die der Wirtschaftsminister v. Raumer machte. Tatsache scheint zu sein, daß aus deutscher Seite die Absicht besteht, die Industrie Fühlung mit der französischen nehmen zu lassen. Es ist aber vorausgeeilt, wenn der Pariser »Temps" andeutet, Verhandlungen zwischen Führern der französischen und deutschen Industrie wären be­reits im Gange. Außerdem ist die Rede Stccje- manns noch indirekt seitens der Regierung er­weitert worden. Sie war eingestellt, als ob al­lein eine französische Beteiligung an der Ruhr­industrie in Frage käme. Sie hat nunmehr in­formatorisch verbreiten lassen, wenn nur Frank­reichs Mitwirkung im Ruhrgebiet erwähnt wurde, sei das begreiflich gewesen, weil zunächst das Wichtigste die Verständigung mit Frankreich sei. Aber gedacht werde an die Teilnahme aller Alliierten bei industriellen Abkom­men mit der Ruhrindustrie. Geplant ist auch, wie man inzwischen erfahren konnte, nicht nur einseitige Ve:l«.-.dlungen mit französischen In­dustriellen auszuuehmen, sondern gleichzeitig auch mit der belgischen, englischen und italienischen Industrie.

Unzweifelhaff hat man in allen Ländern große Neigung, ehe überhaupt die politische Verstän­digung vor sich geht, die Industrie vor­aus e.; ich: n. Auch in Frankreich wi-d seit einigen Tagen eine rege Propaganda für die Teilnahme der französischen Industrie an der Ruhrindustrie entfaltet. Freilich schwebt dieser Plan schon lange, indessen ist er noch nie so handgreiflich in den Vordergrund gerückt. Die gesamte französische Presse, vor allem das füh­rende Industrieblatt die .Iournäe Industrielle" legen besonderes Gewicht darauf, die betreffen­den Stellen der deutschen Reden zu beleuchten. Wenn nun gesagt wird, Poiucarö neige solchen Plänen nicht ab, wünsche aber zunächst doch ein politisches Uebereinkommen, so fällt es — für deutsche Betrachter — auf, das dennoch so ein­gehend über diese Frage gesprochen wird. Außerdem ist beachtenswert, daß gleichzeitig von der englischen Presse gesagt wird, auch Poin- caie wolle nun endlich sein Pferd zügeln und es in ruhigere Bahnen der Verständigung len­ken. Wenn die am Sonntag gehaltenen Reden Poinearös als Svmptom gewertet werden sollen, dann muß man aber sagen, daß sie kein Entgegenkommen merken lassen. In Berliner politischen Kreisen will man allerdings eine mil­dere Tonart aus der Rede heraushören, die uns aber beim besten Willen nicht wahrnehmbar rsi. Seine Ausführungen brachten die alten Lügen und Verdrehungen und betonten schließlich, daß Frankreich seine Bedingungen nicht ändern könne und nicht aus dem Ruhrgebiet welchen werde bevor Frankreich nicht bezahlt sei. Da diese Bezahlung vorläufig gar nicht er­folgen kann, werden also die Franzosen bleiben. Wie da eine Verständigung gefundeu werden kann, ist zunächst noch völlig unßar.

Immerhin hat sich Reichskanzler S t r e s c - mann geäußert, daß er auch auf.diese Rede ant­worten und seine Verständigungsbemühlmgen fortsetzen werde. Wenn er dabei die Mitwirkung der Industrie beanspruchen will, hat man schließlich zu untersuchen, in welcher Weise Die Beteiligung der ausländischen Industrie gedacht sein kann und wie sich die deutsche Ruhr-Industrie zu dem Gedanken verhält. Auch die Art der Beteiligung ist deutscherseits bereits iviederholt angeboten. Sie soll so eingeleiter werden, daß fremdes Kapital den größ­ten Aktienteil der Ruhr-Industrie in Be­sitz nimmt, freilich soll diese Beteiligung <ie deutsche Leitung und deutsche Verwaltung nicht eindämmen. Aus dem Grunde wird also die Aktienmehrheit jedes Unternehmens in deutschen 5-an den liegen bleiben müssen. Aber nicht nur diese finanzielle Beteiligung tritt in Erscheinung. Man denkt auch daran, vielleicht einen Aktien, a u s t a u s ch mit verwandten fremden Indu­strien zu unternehmen, Konzernbildun- g cn zu ermöglichen, um den Produktions- Prozeß zu erleichtern und zu verbilligen. In diesem Falle müßte der deutschen Indu­strie entsprechend dem Aktienouteil, den sie ab­tritt, an dem ausländischen Unternehmen ein gleich großer Einfluß gewährt werden. Di» deutsche Industrie bewegt sich, bereit zu einer solchen Verständigung, hauptsächlich ans dieser Linie. Die französische aber forderte bekanntlich schon seitdem diese Frage laut wurde, die Mozo- ritätsherrschast in einzelnen Industrie-Unterneh­men. Da indessen die Verständigung sich an- bahnt, wird über diesen strittigen Punkt gowif ein Ausgleich zu gewinnen fein.

Kann nun, wird man fragen, dieser indu­strielle Ausgleich die Situation bessern? In­sofern gewiß, als das ausländische Kapital dann unbedingt ein Interesse daran hätte, oic Ruhr- Industrie wieder in Gang zu bringen und aus­zubauen. Es würde auch seinen Einfluß auf die Politik geltend machen. Und da anzuneh­men ist, solche Verständigung werde nur mit Billigung der führenden Politik vorgenommeu., ist eigentlich von vornherein sicher, daß die po­litische Spannung nachgeben würde, wenn das Wirtschaftsinteresse es erheischt. Allerdings stno das Pläne, die zwar vielversprechend sind, aber in Frankreich vorläufig noch wenig Gegenliebe zu finden scheinen.

Neue Wähmngeversuche.

Einrichtung einer Goldnotenbank. iVrivat-Telearamm)

Berlin, 11. September.

Das Reichskabinctt beschäftigte sich gestern mit der Währungsfragc. Einstimmig wurde beschlos­sen. die Lösung dieser Frage auf dem Wege einer Goldnotenbank zu suchen, die bei voller rechtlicher Selbständigkeit und unbeding­ter Unabhängigkeit von den Reichssinanzen in organischer Verbindung mit der Reichsbank ihre Tätigkeit ausüben soll. Die Arbeiten Mr Er­richtung einer Goldnotenbank sollen sofort in An­griff genommen werden, damit die Bank sobald als irgend möglich praktisch in Tätigkeit treten kann. Inzwischen verdichten sich die Meldungen aus Paris und London von einem Einspruch der Alliierten gegen die neue deutsche Gold­währung, (!) die für die besetzten Gebiete zweifellos nicht anerkannt wird. Dnrri» ist ein neuer Riß zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Deutschland im Werden.

Wettere Finanzresorm-VISne.

B e r l i n. 11. September. (Privattelegramm.) Nach Schluß der gestrigen Kabinettssitzung machte Reichsfinanzminister Dr. Hilferding einigen Parlamentariern gegenüber Mitteilungen über die bisherigen Beschlüsse des Reichskabi­netts zur Finanzsanierung. Abgesehen von der Wiedereinführung der Goldmark sollen die Tarife der Bahn und der Post bis zur Weltmarkparität gesteigert werden. Die Summe der Staatsausgaben soll spä­testens bis 1. Januar durch Steuern ausge­bracht werden. Am gleichen Tage ist die No­tenpresse stillzulegen. Der Beamten­stab des Reiches, der jetzt das Vierfache der Vorkriegszeit ausmacht, ist bis zum 1. April auf das Dreifache herabzumindern.

Die GoidMilkkanieive.

Berlin, 11. September. (Privattelegramm.) Für die Goldmarkanleihe sind, wie ver­lautet, bisher fast dreihundert Millionen Gold­mark gezeichnet; mehr als die Hälfte dieser Zeich­nungen stammt aus dem Auslande.

Aus Sem besetzten Gebiet.

Die Ausbeute für Belgien unbefriedigend.

(Prtv at-Zefegr irmm.)

Aachen, 11. September.

Aus Brüssel wird berichtet: Der belgische Minister Jasper ist von einer Informationsreise durch das von Belgien besetzte Gebiet nach Belgien zurückgekehrt. Er hat in einer Ansprache in Lüttich die Wirtschaftliche Ausbeu- .« n g des besetzten Gebietes als noch völlig u n- befriedigend bezeichnet nud die Aufgaben Belgiens dahin umschrieben, daß der passive Widerstand zur Einstellung kommen müsse, gleichzeitig aber auch Verhandlung en ernt Deutschland einzuleiten seien.

Ernreifeverdot und WiMardknrauv.

Karlsruhe, 11. September. (Privattele- granun.) Aus Speyer wird gemeldet: Die fran- zösischü Besatzungsbehörde der Rheinpfalz hat vom 10. September an die Einreise aller deutschen Beamten und Regierungsvertreter verboten. — In der ersten Septemberwoche wurden in der Rheiinpfalz insgesamt 350 Milliar­den Mark von der Besatzungsarmer „requiriert.

Kein Vertrauen im Ausland.

Die Beurteilung der deutschen Mark.

(Eigener Drubtbericht.)

London. 11. September.

Die Besserung des Rewyorker und Londoner Markkurses wird in Londoner Börsenkreiscn

nicht als Besserung der MarkbeWertung angesehen. Vielmehr ist die Leerabgabc von deut­schen Markwerten durch die Morganbank und ihre Filialen vorläufig wieder einmal zum Still- stand gekommen, wie auch aus dem Rewyorker Börsenbericht der Times vom Freitag zu ent­nehmen ist. Die Morgenpost mdbetc Freitag früh, die nach London überführten fünfunddrei­ßig MMonen Gold der deutschen Reichsbank hätten eine Gegenaktion zugunsten der Mark eingeleitet, die wahrscheinlich aber nicht voulangcr Dauer zu sein scheine, (?) weil eine grundlegende Aenderung in der Finanzlei- luug Deutschlands sich nicht anbahne. An der Nachbörse habe das Schwanken des Markkurses eine gewisse Unruhe hcrvorgerufen, so daß zwi­schen dem höchsten und niedrigsten Stande der deutschen Diark fast acht Punkte lagen.

Der Franken neben der Mark.

Mainz, 11. September. (Privattelegramm.) Im Befehlsbereich der Kommandantur Mainz wurde der Franken als gleichberechtigtes Zahlungsmittel neben derMark erklärt. Die Führung von Bankkonten in anderer als Mark­oder Frankenwährung ist verboten. Auch Gold- markkonten dürfen nicht eröffnet werden. Tie Verfügung ist am 8. d. M. erlassen worden.

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anolrmd will die Finanzkontrolle.

London, 11. September. (Eigene Draht­meldung.) Die Morningpoft schreibt, datz das britische Kabinett in den bevorstehenden Antworten nach Paris und Brüssel an seiner norfi einer strengen Fi­nanzkontrolle über Deutschland fefl- halte. Es werde hierin bestärkt durch die Ent­wicklung der Finanzlage in Deutschland. Die ganzen bisherigen Maßnahmen der neuen Re­gierung, die durch fortwährende Steigerung der Löhn« und Gehälter, der Eisenbahn- und Post­tarife M der andauernden Verteuerung der Le­benshaltung und damit zu der weiteren Jnfla- tionsvermehrung beigettagen, habe das Ver­trauen des Auslandes zu einem schließlichen Erfolg einer Besserung erschüttert.

Vor Verhandlungen?

Besprechung mit dem französischen Botschafter. (Privat-Telearmnm.)

Berlin, 11. September.

Der französisch^ Botschafter hat, wie die deutsche Oeffenltichkeit wieder einmal auf dem Umwege über die Pariser Zeitungen er­fährt, am Sonnabend beim Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße vorgesprochen. Er weilte dort etwa zwei Stunden. Angeblich er­schien er, itm mündliche Erörterungen der Reichs­regierung entgegenzunehmen Nach den Pariser Blättermeldungen bcsschrankte man sich in der Wilhelmstraße auf die Versicherung, daß Deutschland alles tun wolle, um M einer Lösung der schwebenden Fragen zu kommen, vor allem der Reparationsftage. Die Pariser Blätter erblicken in dem Besuch des Bot­schafters in der Wilhelmstraße^den ersten Schritt für die erwarteten Verhandlungen. I« Berlin selbst ist hierüber nichts zu erfahren.

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Um den Wiederbeginn der Eachtteferungen.

London, 11. September. (Eigener Traht- bericht.) Daily Mail meldet, der Außenminister Lord Curzon hat am Freitag den ersten deutschen Botschaftssekretär zu län­gerer Besprechung empfangen. Es verlautet, daß der Geggnstand der Unterredung die Wieder­aufnahme der deutschen Sachlicferungen für die Alliierten gewesen sei, in welcher Frage DeutsOand tntf die englischen Vorstellungen hin zu Konzessionen bereit zu sein schiene.

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Ein deutsches Angebot!

Berlin, 11. September. (Privattclegramm.) Die gestrige Abendsitzung des Reichskabi­netts dauerte vier Stunden. Sie beschäftigte sich eingehend mit der letzten Sonntagsrede PoincarSS und lege die Grundlinien der be­vorstehenden A n t w o r t des Reichskanzlers fest, die in offizieller Form ei» A n g e b o t an Frank­reich und Belgien enthalten soll.

Die Goldrechnung.

Berliner Brief.

«ud> (n der RelchShauptstadt, tote vieler« orte, skdeint das prosaisch« Alltagsleben mit seiner Rot lahmend auf die ®«mittet zu tote­ren, tote an» folgendem Brief« hervorgeht.

In Berlin dreht sich seit geraumer Zeit allcS um den Dollar, oder vielmehr um die Gold­mark. Was sonst noch geschieht, ist so winzig und unscheinbar gegen diese Zeiterscheinung, daß man nicht viel Notiz von ihm nimmt. Und t» geschieht tatsächlich auch herzlich wenig, was sich in den Vordergrund schieben könnte. Man ist in Berlin sittsam, häuslich, sparsam geworden. Man jagt nach Millionen und sucht mit den Millio­nen, die man hat, auszukommen. Andere Tages­gespräche, andere Unterhaltungen auf den Stra­ßen, in den Geschäften, auf den Bahnen hört man nichts, als die: Wie steht der ~ oll ar? Wie stehen die Preise? Das Allheilmittel aller von der Scheuerfrau bis zum Reichskanzler ist in Berlin das, sich auf Goldbasis zu stel­len. Indessen zeigt sich, daß nur einige es wirklich verstehen, die Goldbasis zu erhalten. Und das sind die Lebensmittel, die von Stunde zu Stunde ihre Preise ändern können, je nach­dem gerade der Dollar steht. Und weil er zu­fällig nach oben steigt, sind die Berliner Ver­käufer noch nicht in Verlegenheit gekommen, die Preise herunterzusetzen. Ms er eines Tages in der vorigen Woche eine kleine Neigung nach unten machte, erlebten die Hausfrauen, die nun glaubten, die Goldbasis sei günstiger, die Ueber- raschuug, dennoch höhere Preise zu scheu. Wo- hin man blickt:

von Tag zu Tag Preissteigerungen.

Und dazu die Ungerechtigkeit, daß der Friedens, preis lange nicht mchr als Grundlage genom­men wird. Man hört, er reiche nicht aus. sodaß z. B. alle Geschäfte für Mrobrorvs; Pavrer. Farbe, Farbbänder ustv. im Laufe dieser Woche die Friödenspveise einfach verdoppelten. Da sie außerdem mit der Goldmark rechnen, so verlan­gen sie just die doppelten Friedenspreise. Soll man, da diese Erscheinung jeden Tag bemerkbar ist, sich noch wundern? Much der sonst opponke- rende Berliner verliert die Lust, immer wieder zu wettern. Er weiß lange schon, daß er sich fügen muß. Bewundernswert ist das Fügen. Es führt freilich dazu, daß an den Straßen­rändern die Zahl der Bettler, denen man es ost nicht ansieht, ständig znnimmt. An wichtigen Plätzen steht jeden zweiten Schritt jemand, der die Hand aufhält. Vor belebten Gebäuden Hol­ken auf allen Stufen Männer und Frauen, die alt, schwach, krank sind und Unterftützung wün­schen. Die Kleinkaufleute fteilich können, wenn sie auch auf die Goldbasis getreten sind, durry den Großhandel gezwungen, nicht mehr recht mit. Die Geschäfte werden leerer. Jetzt schon gibt es eine Reihe von Kaufleuten, die von ihren alten Kunden das Geld vorher erbitten, nm elu- faufen zu können. Man sah an vielen Geschäf­ten in den letzten Tagen das Schild prangen: Wer Zucker wünscht, hat den heute geltenden Preis

vorher z« zahlen,

nm die Anschctffung des Zuckers möglich zu machen. Selbstverständlich muß der Kunde, der solche Vorauszahlungen macht, hinterher noch nachzahlen, denn auch der Kleinkaufmann weiß ja nicht, oh morgen noch der gleiche Preis int Großhandel gelten wird, wie heute. Nun müßte man meinen, Zeiten der Not spornen zur Arbeit an. Weit gefehlt: Wer hören will, kann es überall: Arbeiten? Wir kommen doch nicht ans. Ich beobachtete vor meinem Hause, datz eine Kolonne von 6 Mann ein kleines Asphalt, loch flicken sollte. Der ganze Troß zog morgens acht Uhr auf. Bis zehn Uhr war Unterhaltung um den Wagen. Anfcheinend mußte das As­phaltkochen beobachtet werden... von sechs Mann. Dann nahmen drei Mann Hacken und rißen das kleine Loch in einer Viertelstunde größer. Wieder Mei Stunden hielt man Ver­sammlung um den Wagen ab, bann wurde das Loch zugeflillt, itnb schließlich zwischen 1 und 2 Uhr war bte ganze Arbeit getan. Aber nun mußte ber übrige Schutt, den man vorher gewiß hätte auflaben können, zunächst aufgelaben wer­den. Das bauerte wieder eine Stunde. Sechs Mann hatten an einem kleinen Loch, eine Arbeit einer halben Stunde, den ganzen Arbeitstag zu- gebracht. Und dieses Beispiel schaut überall sei­nesgleichen. Wenn behauptet wird, der Arbeit?- eiser sei größer, geworden:inBerlingewiß nicht! Man muß dort viel über die Preise, über die Goldmark reden, daß zur Arbeit feint Zeit bleibt. Rurdie Frauen zeigen Aus­dauer und eine enorme Arbeitsleistung, die jeden Taa zwei oder drei Stunden vor dem Buttergeschäft, zwei Stunden vor dem Kartos- felgeschäft, zwei Stunden nach Zucker ausiehert. Frauen haben ja auch in Berlin die größte Aus­dauer. Früher pflegten sie unruhig zu werde», wenn ihnen soviel zugemutet wurde, heute sino sie bescheiden geworden. Wenn sie aber da flehen und warten, rechnen sie, wieviel Papiermilli-onen