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Meter Neueste Nachrichten

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Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 188.

Einzelnummer 3000 Ml.

Mittwoch, 15. August 1923.

Einzelnummer 3000 Mk.

13. Jahrgang.

Ernste Unruhen im Reiche.

Der KabinettwerM.

Sofort an die Arbeit.

Der Regierungswechsel kam, obwohl sehr plötzlich, doch nicht überraschend. Schon seit Wochen wurde bald von links, bald vom Zen­trum gegen das Kabinett Cuno gearbeitet, das man für die deutsche Wirtschastsnot verantwort­lich machte. Offen gesprochen, wenn eine Par­tei gegen einen Kanzler austritt, dann sind es immer in erster Linie Parteigründe, die dazu veranlassen, denn es ist ja leider in der deut­schen Republik Brauch geworden, daß die Partei über das Vaterland gestellt wird. Die Vorwürfe, die man dem Kabinett Cuno machte, waren allerdings leicht zu begründen, weil sie in man­cher Hinsicht berechtigt waren. Hauptsächlich kri­tisierte man, daß der Ruhr kämpf nicht ge­nügend vorbereitet gewesen sei. Die Regierung lasse sich von den Geschehnissen treiben, anstatt sie zu leiten. Daher sei der katastrophale Rück­gang der Mark und der damit zusammenhän- gende Geld- und Warenmangel entstanden. Vor allem hätte die Regierung die Lebensmittelnot und die Teuerung verhüten müssen. Das ist alles richtig. Man kann hinznfügen, daß die Re­gierung unter allen Umständen die Einnahmen Hätte vermehren und die Ausgaben verringern Müssen. Da die Steuerzahlung von nicht weni­gen Kreisen meist viel zu spät erfolgte, waren die gezahlten Beträge durch die rasend fortschrei­tende Geldentwertung so stark mit entwertet, daß die geringen Einnahmen des Reiches schließlich in keinem ernst zu nehmenden Verhältnis zu den Riesenausgaben standen. Auch die Zolleinnah- tnen verringerten sich infolge der zurückgehenden Ausfuhr. Die Ausgaben wurden ganz beson­ders durch die Kosten des RuHrkampfes erhöht, weil die industriellen Werke Kredit und die Ruhrkämpscr Unterstützung von feiten des Rei­ches brauchten.

So wurde der mehr und mehr gesteigerte No­tendruck erforderlich, der das Schwinden der Mark beschleunigte. Das Ausland schätzte die Mark immer tiefer ein, zumal die Franzosen die im Ruhrgebiet geraubten Milliarden auf den Markt warfen. Die Regierung machte zwar vie- lcilei Versuche, den Rückgang des Markkurses aufzuhalten, aber es war alles nur zweckloses Bemühen. Auch die von den Gewerkschaften empfohlene Einschränkung des Devisenhandels konnte keine Hilfe bringen. Zwar ist es dadurch möglich gewesen, die Devisen durch geringe Zu­teilung zurü kzuhalten, aber die Folge war, daß der Großhandel und die Industrie nicht genug Devisen zu Einfuhrzwecken hatten und sie immer höher bezahlen mußten. Als dann dem Devisen­handel wieder mehr Freiheit gewährt wurde, war der zerrütteten Währung auch nicht mehr zu helfen. Die Not aber, die in den letzten Wochen entstanden war. führte die Krise her­bei. Da die Notenpresse nicht mehr genug Pa­piergeld zu liefern imstastde war, um die fälligen Lohnzahlungen vorzunehmen, war der Anlaß zu Unruhen gegeben. Mit den Kommunisten spra­chen auch die Sozialdemokraten dem Kabinett Cuno das Mißtrauen aus, worauf der Rücktritt erfolgte.

Nach neun Monaten seines Bestehens hat also das Kabinett Cuno einen vollkommenen Miß­erfolg erlitten. Die Hoffnungen, die man auf Cunos Persönlichkeit gesetzt hatte, weil er enge geschäftliche Beziehungen zum Auslande, beson­ders zu Amerika hatte, wurden sehr bald ent­täuscht. Politisch ist Amerika mit seinen Schuld­nern England, Frankreich und Italien viel enger verbunden, so daß für Deutschland kein Mitge­fühl übrig bleibt. Geradezu tragisch ist Cunos Wider st andspolitik gegen den französisch- belgischen Ruhreinfall verlaufen. Er hat das Beste für Deutschland gewollt und ist daran ge- scheftett. Mit seiner Haltung gegenüber Frank­reich als Poincare angeblich wegen des Lie- ferungsrnckstandes von andctthalb Millionen Tonnen Koble, 21000 Festmeter Holz und 170 000 Telegrapbenstangen neue unverschämte Forde­rungen stellte und den Ruhreinmarsch androhte, wogegen Cuno rbm ein energisches Nein zurief war damals das gesamte deuffche Volk ein­verstanden, und man pries das energische Auf- tieten, das nach der früheren stets nachgiebigen Erlüllunaspolitik herbeigesehnt wutde^ Cunos Schritt, die Einstellung der Reparationslieferun­gen und Zahlungen, war nur die Einleitung. Den Hauptkamps führte die Bevölkerung des Rubraebiets, voran die Beamten, Arbeiter und Werksdirektoren.

Unterstützt vom ganzen deittschen Volke wurde und wird noch der Kamps mit der im Weltkriege erprobten Zähigkeit geführt. Nach der Aeußerung des neuen Reichskanzlers Dr. Strese- mann haben wir die Gewißheit, daß er diesen Kampf fortsetzen, wird, solange die Ruhrbcvölkc- rung kämpft. Soll der Zusatz »solange die Ruhr- bevölkernna kämpft", eine Einschränkung sein? Heißt es nicht mehr »wir kämpfen bis zum Er­folg"? Im Kabinett Stresemann, der neuen 9-alition, ist auch die Sozialdemokratie vettrc-

ten. Deren Führer haben zwar bisher betont, daß der passive Widerstand nur nach der Räu­mung des Ruhrgebiets eingestellt werden könne. Andererseits aber haben sie auch gefordert, daß der Ruhrkampf durch Einleitung neuer Verhand­lungen beendet werden müsse. Wenn nun Frank­reich das Ruhrgebiet nicht räumt, was dann? Man mag innenpolitisch einen Weg gehen, wel­chen man will, man mag durch hohe Steuern die Reichsfinanzen ein wenig ausbessern, unsere Lage wird doch nach wie vor von dem Verhalten der äußeren Feinde abhängen. Ob hier Cuno oder Stresemann, drüben sitzt Poincars, der von sei­ner Ai asst nicht ablassen wird. Möglich ist aller­dings, und wir wollen es hoffen, daß Strese- mcmn vermöge seiner stärkeren Aktivität innere 3:efernten durchsetzt, die das Vertrauen des Aus­landes wieder herbeiführen und unsere Aussich­ten bessern. Seine ParoleDen Blick vorwärts und sofort an die Arbeit" hat jedenfalls einen guten Eindruck gemacht. K. F. D.

Brmme ÄMQMMmftsße. Ausschreitugrn im sächsisch thüringisch. Bezirk.

(Eigene Drahtmeldung., Halle a. d. S., 14. August.

Im sächsisch-thüringischen Jndustriebezirk ist es gestern zu großen Ausschreitungen gekommen. Aus dem Braunkohlen-Bfizirr rückten die Industriearbeiter nach der Stadt. Es war mit schweren Plünderungen zu rechten. Die Schutzpolizei stellte sich den Anttickenden entge­gen und mußte dabei von der Waffe Gebrauch machen. Elf Personen wurden dabei er- schossen. Hefter 50 Personen sind verwnn- v e t. darunter ckine Anzahl Beamte der Schutz- polizei. Der Beschluß der Koulmunisten, den Generalstreik durchzuführen, ist in Halle geschei­tert, dagegen ist es in Weißenfels, Eis- leften, Gera und Greiz zu schweren Zu- sammenstößen gekommen. In Zeitz ist nach den Kämpfen des gestrigen Tages der Ge­neralstreik durchgeführt worden. Augenblicklich herrscht in der Stadt Ruhe. Militär aus Leipzig ist auf dem Transport nach Zeitz.

Der° Gtmk in Berlin.

Richt genügend Polizeilicher Schutz.

(Eigene Drahttneldnng.)

Berlin, 14. August.

Ter Streik in der Berliner Industrie nimmt feinen Fortgang. Durch Anschlag in den Wer­ken wurde ftekannt gegeben, die Schutzpolizei hafte Sorge getragen, daß heute Belästigungen von Arfteitswilligen, besonders in den städtischen Werken, verhindert werden. Die Betriebe auch die der Privatindnstrie, die gestern von Spreug- kolonnen heimgesucht worden sind, sollten aus­reichenden Schutz erhalten. After auch '-iefe offi­zielle Ankündigung erwies sich Mieder als ein Spiel mit Worten, beim bereits heute früh ist es den Streikenden gelungen, zwei weitere Gas­anstalten von Großberliii stillzulegen.

Keine Autoritär.

_ ®.etkin, 14. August. (Privattelegramm.) Der ^e^iNer Magistrat hat den streikenden städti- fchen Arbitern die Entlassung ange- d r o hi. Daraufhin hat gestern eine Versamm­lung iwr städtischen Arbeiter beschlossen, die Ar- bert nicht eher Mieder auszunehmen, bis der Berliner Magistrat fein Amt niedergelegt oder die Verordnung zurückgezogen hat.

Weitere kritische Lage. Nahrungsmangel und Teuerung daurrn an.

(Eigene Drahtmeldung.)

Berlin, 14. August.

Die allgemeine Lage ist auch durch die inzwi- scheu bekannt gewordenen politischen Beschlüsse und Ereignisse kaum verändert. Mit dem Fort, schreiten des Terrors steigt auch die Le- ftensmittelteuei ung und die Knapp, h e i t der Lebensmittel. Die schönen Worte des Herrn Dr. Luther, Lebensmittel seien jetzt rejch- lich vorhanden, treffen für Berlin jedenfalls nicht zu. Butter ist noch nirgends zu haften, es fei denn, daß V/4 bis V/2 Millionen Mark für das Pfund gezahlt werden können. Kartof­feln sind k n a p p e r als je. Mitten hinein in bto Knappheit der Zahlungsmittel kommt die Brotpreiserhöhung von 16000 auf 60 000 Mark an demselben Tage, da die Arftcit<-r nur mit einem Drittel ihrer Löhne ansbezaft'tt werden konnten. Die kommunistische General- ftreikgcfahr ist dnrch das Nicktmittnachen der Ge­werkschaften vorläufig ftcfcitiflt, doch erklärt« der Gewerkfchaftsvorfttzende in der Iunktionärvet- sammlung am Sonntag:Wir haben diesesmal

nicht mitgemacht, weil wir noch auf Einsicht der Staatsleiter hoffen wollen, aber i ft i n a ch t Tagen die Teuerung noch nicht beho- ften. d ann marsch ieren wir mit." Die weitere Entwicklung liegt bei beit zuständigen Instanzen. Richt drei politischen Fragen, sondern die Wirtschaftsfragen entscheiden in den nächsten vierzehn Tagen über die Gestaltung des deutschen Staates und die Umsturzbewegung.

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Die Krawatte im Reiche.

Berlin, 14. August. (Privattelegramm.) Aus dem Reiche liegt eine Fülle neuer Meldun­gen vor über Lebensmittelkrawalle, Revolten und Plünderungen, so ans Mannheim. Offonftach, Königsberg, Allenstein, Krefeld, Gelsenkirchen, Halle, Konstanz und be­sonders vielen Städten des mitteldeutschen unb westbeutschcn Kohlenbezirks. Ein Enbe ber Be­wegung ist noch nicht abzusehcu. Plünbernngen großen Umfangs werben fast von überall im Anschluß an bie Demonstrationsumzüge gemel­det. In Berlinist von den Betriebsräten ein Stundeinlohn von zweihnndertfüaifzigtau- fenb Mark oft 18. August gefordert worben.

Das neue Kabwett.

Bestätigung durch den Reichspräsidenten.

(Eigene Drahtmelduna.)

Berlin, 14. August.

Das Kabinett Stresemann setzt sich nach ber Bestätigung durch den Reichspräsidenten wie folgt zusammen: Reichskancker: Dr. Stresemann (Dtsch. Volkspartei); Wiederaufbammnister: Robert Schmidt (Soz.); Arbeitsminister: Dr. Brauns (Ztr.) Innenminister: Sollmann-Köln (Soz.); Berkehrsminifter: Cefer (Dem.); Finanz­minister: Dr. Hilferding (Soz.); Wehrminister: Dr. Gehler (Dem.); Justtzminister Dr. Radbruch (Soz.); Ernährungsminister: Dr. Luther (Dtsch. Bolkspartei); Minister für bie besetzten Gebiete (neu): Ofterpräsident Fuchs: Wirtschaftsminister v. Raumer (Dtsch. Bpt.); Postminister: Gies- betts (Ztr.).

Die Geschäfte beS Außenministers führt vor­läufig Dr. Stresemann. in Aussicht genommen ist bttfür entroeber ber Botschafter in Rom, von Neurath ober der Gesandte beim Vatikan von Berger.

Chef ber Reichskanzlei wird voraussichtlich Frhr. v. Rheinbaben (Dtsch. Bolkspattei).

Derknttpsung mit Kreutzen.

Berlin, 14. August. (Privattelegramm.) Der Bizekanzlerposten ist toicbcr gefchaffen wor bett, bet im Kabinett Cuno unb im Kabinen Wirtft gefehlt hat. Es ist in Aussicht genommen, mit Preußen ein Uewreinkommen zu treffen, wonach ber Reichskanzler, wie früher im Kaiferreich, in die p f u ß i f ch e Regierung etn- tritt. Der Reichskanzler soll preußischer Mini­ster ohne Portefeuille und ber preußische Mini­sterpräsident Rekchsminifter ohne Portefeuille werden. Tiefe Neuregelung wird erst nach dem Znsammentrit des preußischen Landtages end gülttg getroffen werden.

Dritte ReglenmgserffSrung Im Reichstag.

Berlin, 14. August. (Privattelegramm.) Ser Reichstag, dessen Sitzung gestern abend tu Aussicht genommen war, aber nicht zusammen- treten konnte, weil die Beratungen über das Ka­binett noch keinen AbfcUuß gefunden hatten, tritt heute mittag 12 Uhr zusammen, um bie Er­klärung des neuen Kabinetts entgegenzunehmen.

Die Verteilung der Aemter.

Berlin, 14. August. (Privattelegramm.) Tic abgeschlossene Ministerliste zeigt, daß die So- zialbemokraten auf iftre Ansprüche, öfter nie ihnen zugestandenen Poften hinaus noch einen Vizekanzler ohne Portefeuille im Kabinett ver- treten zu fein c6enfo verzichtet haben wie die übrigen Koalitonspatteien auf bie Geltend - machuna ihrer Bedenken gegen die innerpmi- tifche Machtfülle, die der Sozialdemokratie durch Neberlaffung der Posten der Minister ber Finan­zen. des Innern unb ber Justiz unzweifelhaft überantwortet würbe.

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Sberts Dank an Cuno.

V-elin, 14. August.

Der Reichspräsident Ebert hak d-w bisheri­gen Reichskanzler Dr. Cuno ein Dankschreiben übermittelt, in bem er sagt:Sie haben unter Zurückstellung eigener Interessen unb unter per­sönlichen Dpfern in ernster Lage die Lettung ber Relchsregierunq übernommen unb sich mit allen Kräften bemüht, die durch bie toiberr-" ''" Rnhrftefetznng herbeige führten Schwieriokeiten unb Nöte zu meipern. Namens beö Reiches dank ich Ihnen aufrirfutift für ihre mit ernstem Willen unb bester Kraft bem Vaterlande gelei­steten Dienste itnb hoffe, auch fernerhin auf ihre Mitarbeit und ihren Rat rechnen zu dürfen."

Die Wohnungsnot.

Aussprache im Kasseler Stadtparlament.

3« der gestrigen stadtverordnetenversamm'nich erfolgte die bereits »«gekündigte Aufrollnng d«s Wohnungsproblems, wobei der Dezerneut des Wohnungsamtes bedeuifame Aufsthlügs gab.

Die sozialdemokratische Frakfion der Stadr- verordnetenversamlung stellte durch den Mund ves Stadtv. Hauschildt eine sehr zeitgemäße Anfrage rni den Magistrat: Was sind die praktischen Ergebnisse des Wohnungsamts feit 1. Oktober 1922, bestand die Möglichkeit seit 1919 mehr Wohnungen neu zu bauen als tatsächlich geschehen ist und wie ist der augenblickliche Stand der gesamten Neubautätigkeit in Kassel? Wo Not, 'jo sagte Hauschildt, ist Unmut und Un­mut richtet sich meist gegen die am nächsten lie­gende Stelle, in diesem Falle das Wohnungs­amt und den Magistrat. Letzterer hat die Pflicht in öffentlichen Erklärungen allen Unrichtigkei­ten, die bei der Aeußerung solchen Unmuts bor kommen, entgegen zu treten, um beruhigend zu wirken. Allerdings: Wahre Beruhigung kann nur durch Behebuna der Not entstehen. Bet der Erfassung von Wöhnungsgelegenheit für bte Vertriebenen sollte in erster Linie auf möblierte Zimmer zurückgegriffen werden. Die Antwort gab kurz, ernst und ohne Umschweife der De­zernent des Wohnungsamtes,

Stadtrat Professor Sautier. ' , Nach seinen Darlegungen wurden vom 1. Ok­tober 1922 bis 1. Aug. 1923 durch Beschlagnahm^ und Prämien geüvonnen: 61 mal 1; 140 mal 2; 96 mal 3; 53 mal 4 und 26 mal 5 Zimmer mir Küche, also 376 Wohnungen, des weiteren 66 mal 2 Zimmer und 500 mal 1 leeres Zimmer... alles in 10 Monaten ohne Neubau! Alle städti­schen Neubauten wurden mit mehr oder minder großen Terminüberschreitungen zu Ende gebracht und zwar waren die Ursachen: 1. Schwierigkeiten der MaterialbeschaffunL 2. nicht immer genügende Zahl gelernter Bauhandwer­ker; 3. dauernd größere Finanzschwieriakeiten, Anleihen für Wohnungsbauten vor und nach Einführung der Wohnungsbauabgabe waren schwer auftreibbar und der Wohnungsneubau ist bis heute bei der Stadthauptkasse mit Vor­ausleistung in größtem Umfange in Schuld. Mehr zu bauen war also nicht möglich. Die Bautätigkeit der letzten 10 Friedensjahre ist seit 1919 wesentlich überstiegen. Wäre di« B e schl ag- nahme nicht zum größten Teil schon durchge­führt, sie würde bedingt durch verändette Ver­hältnisse sehr viel geringere Ergebnisse zeitigen. Augenblicklich ist der Stand der Dinge der: In der Stadt Kassel stehen rund hundert Wohnun­gen vor der Fettigstellung. Im Westen wurden 250 Wohnungen für Eisenbahner und Beamt- begonnen. Die Leitung des Wohnungsamtes ist am Beginn und an der Fortführung dieser Arbeiten ganz wekentlich beteiligt. Wenn, tote gesagt, die Friedensleistungen überstiegen wer­den, so sind doch ganz andere Voraussetzungen zu schaffen, wenn der ungeheuren Not der von Allen gewünschte Abbruch getan werden soll. Die jetzt mit 27000 Prozent vorgeschlagene Wohnungsbauabgabe soll 4'/, Milliarde ergeben. In Goldmatt bedeutet diese Summe... 4500 Matt. Damit ist gerade eine Wohn mm zul bauen. Helfen kann nur Einficht und festerc Wille des ganzen Volkes. Es muß volle Klar­heit darüber bestehen, daß auf langer« Zeit ein' erheblicher Teil unseres Jahreseinkommens, etwa 10 Prozent, beansprucht wird. Neben Ueberivindung mechanischer und technischer Schwierigkeiten diese Einsicht fördern und bte persönliche Verpflichtung zur Ueberzeugung aller zu bringen, ist, so schloß Stadtrat Sautter- Pflicht aller Bürger!

Eine lebhafte Aussprache folgte, die aber eine glatte Enttäuschung bar« teilte. Kein neuer Gedanke, nichts Positives wurde geboten. Dr. v. Wild warf die Schuld wieder auf die ungenügende Höhe der Mieten. Magistratsrat Dr. T h c h s fragte nach dem Stande einer Anregung, daß der Staat für ;ede Wohnung bie ihm zur Verfügung gestellt wird, eine Summe zahlt, mit der eine Notwoh­nung geschaffen werden kann; Oberstudiearat V o e p e I trat Dr. v. Wild entgegen und be­tonte, daß der Hausbesitz kein Beruf fei, daß privat überhaupt nicht mehr zu bauen ist. Irr Zukunft können nut noch große Genossenschaf­ten mit staatlicher Unterstützung oder ganz reiche Leute bauen. Noch ärmer als der Hausbesitzer, erklärte Dr. B l n m e nf e l d. ist der Hypothekeu- geber, weil dessen Golddarlehn jetzt mit Pa­piergeld zurückgezahlt wird. Der neue Ober- baurat Dr. Höhle erwies sich ganz als Theo- retiker. Er stellte sogar die Behauptung auf, daß in Besorgnis einer Verbilliguna nicht ge­baut werde. Wer heute baue, habe bei einet Besserung der Matt Schaden zu erwarten. In Wirklichkeit schafft doch, wer jetzt für schlechtes Geld baut, Goldwerte, die sich, wenn auch scheinbar geringer mit besserem Geld ver­zinsen! Die bisherige Ruhe in der theoretischen Sackgasse hob Stadtv. Bohr auf, der auf Grund von Erfahrungen bei der Erfassung von Woh-