Einzelbild herunterladen
 

Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Seffifd^e Abendzeitung

ittfn tnArhMtHlrh f umk uma« M x > rrs - *^^*^** _ __

Ste «tl

iffcler '.heucften 5iad,rtct;teii erfdieinen roiicbentlkh sechsmal uns zwar ad end r. Der

Jnsertionspreise-.a) Einheimische Austra«e: Die etnspalNgeAn^igenzetie 2500 Mark.Faml. Itennachrichten die Zeile 2200 Mark,die etnspaltigeReklamezeile 7000 $lart b) Auswärtige Auf­träge: Die einspaltige Anzeigenzeile 2500 Mark die einspaltige Reklame,eile 7000 Mark, alles ein. schließlich Teuerungszuschlag und AnzeigeUsteuer. Für Anzeigen mit besonders schwierigem Satz hundert Prozent Aufschlag, Für die Richtigkeit aller durch Fernsprecher aufgegebenen An­zeigen, sowie für Aufnahmedaten und Plage kann eine Gewähr nicht übernommen werden Druckerei: Schlachthofsirabe 28/30. Geschäftsstelle: Kölnisch- Straße 5. Telephon Nr. 95t und 952

Ldonnemenlspreis beträgt für die Zeit vom 1. bis 15. August 35 000 Mark bei freier Zustellung >ns Hous, in der EeschästSstelle abgeholt 34400 Mark. Besiellungen werden jederzeit'entg-gen- genommen. Virlag und Redaition: Schlachthoiftrotz: 28/30. Fernsprecher Nummer 951 und 952. Für unoerlangt eingesandte «eiträge kann die Redaktion eine L-erant- Wartung oder Gewähr in leinem Falle übernehmen. Rückzahlung des BezugSgeldes oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnüngsmätztger Lieferung ausgeschlossen.

%

NumMer 177

Donnerstag, 2. August 1923

Einzslnummer 3000 Mk.

13. Jahrgang

Einzelnummer 3000 Mk.

Kampfpause an öer Themse.

Englische Vrovagando.

Der Geist der Verkleidung.

Poincares schneidender Ton. Freund Belgien.

5m CRßt der GiaaisrnLnncr.

Rotterdam, 1. August. (Privattelegramm.) Rus London wird gemeldet: In der gestrigen Sitzung des Kabinettrats bat Lord Curzon über die Antworten Frankreichs und Belgiens sowie über eine Unterredung mit den Verbünde­ten Botschaftern Bericht erftattet. Eine Ent­scheidung auf die Antworten der Alliierten soll n och n i ch t g ef a lle n sein. Alle Minister nahmen an dem Kabinettrat teil. Die Sitzung war spat abends noch nicht zu Ende. Im Un­terhause gab gestern Baldwin das Versprechen ab, das Parlament, wenn es notwendig sein sollte, auch während der Ferien zusam- menznrufen, um die weitere Entwicklung der Dinge dem Parlament bekannt rn geben. Der Premier fügte hinzu, daß er ernstlich bestrebt sei, das Eintreten der Notwendigkeit zu verhindern.

Herbstes in ganz England eine Redekampagne zu organisieren. Für das Programm sind fol­gende Punkte vorgesehen: 1. Endgültige Rege­lung der Reparationen, der interalliierten Schul­den, der Rüstungseinschränkung und der Sicher­heitsfrage um den Frieden in Europa zu ge­währleisten: 2. Freier Handel: 3. Krundreform durch eine erneute Abschätzung der Grundwerte; 4. Liberale Politik des Ausgleichs zwischen Ar­beitgebern und Arbeitnehmern in der Industrie.

Dieses Schreien, sagt mir ein Kreiensek Eisenbahner, der mit dem verunglückten Zug in den Urlaub fahren wollte und gerade von seiner Dienstwohnung kam, war nicht mehr das von Menschen. Nie vergesse ich diese Laute. Rur nicht immer wieder daran denken zu müssen ...! Der, der mir dies berichtet, erzählte weiter, daß seine Frau ihm ans dem Fenster nachsah. Sie erkannte die Gefahr, sie wollte rufen ... mit einem Nervenschock fiel sie zurück! Ein höherer Beamter führt uns über den mit GlasspKttern besäten, mit Holz, Eisenteilen, Kleiderfctzen und Wagenpolsterresten wild dreinschauenven Bahn­steig.

Gerade trägt man auf einer Bahre einen Ver- ltzten vorüber. Er wurde geborgen, als man nur noch Tote unter den TrümmertH wähnte. Nun stehen wir vor dem bolz- und eisengeworde­nen Entsetzen. Mit welcher Gigantengewalt die Maschine des Hauptzugs, dessen Führer das Haltsignal überfahren zu richten ist noch keine Zeit auf den maschinenlos haltenden Zug aufdonnert? ... der letzte Wagen schob sich unter den vorletzten und rasterte dessen Oberbau glatt " hinweg. Nur das Fahrgestell blieb. Zwei wei­tere Waaen wurden ineinanderaeguetscht. Tas Unbegreifliche. hier ward's Ereignis' Und in­mitten der zerrissenen, zerfetzten Wände und Dächer und Türen und Bänke Tote, Verletzte ,.. Und dort die Unglücksmafckine. Ihre Brust, der* Borderdau des Kessels, ist mit der Stirnwand des letzten Wagens umkavsekt. Holz und Eisen und Blut daran, Wau erzählt, daß drei Tore an den Kamin geheftet waren!

Packwagen und Postwagen dahinter sind auf« "-schnitten. Auf dem Pilaster des Bahnft.'ias l'-at noch die Post. Postsäcke nach Bombay und Kalkutta stnd dabei, lieber München sollte ibre Reise gehen. Mit minimalen Verletzungen ka­men die acht Beamten in diesen Wagon davon. Ebenso wie Führer. Hei-er und Reisende des Hauptzugs unverletzt blieben!

<Störf!<fie Stimmung in Lonvon.

Amsterdam. 1. August. (Eigen? Draht- meldung.f Der..Telegraf" meldet aus London: Man sieht hier keine Gelegenheit, mit Frankreich weiter zu verhandeln. Nur in den Kreisen der liberalen Opposition hofft man, daß auf Grund des italienischen Vorschlages zur Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund unter Umständen eine Einigung zus'kwde kommen kann. England, so werde in unterrichteten Kreisen verstchext. werde zweifel­los einen folcken Vorschlag nnt-rstützen. Im "lloemeincn ist man in London nach wie vor ehr peffimistisch. Man glaubt nicht mehr an eine rafche Entfponnunn der Lage. Es wird in London erklärt, Deutschland werde eine Haltung in der Ruhrfrage nicht ändern.

Unter Sem Teuenmgsalp.

LebenSmittelkrieg in der Großstadt.

(Prtvat-Telegramm)

Berlin, 1. August.

Zurück zum Neberbleibfel des TodeszugS. Ein paar Dutzend Arbeiter guälen ftrf* ob, die Trümmer zu heben. Die große Winv- ist im Betrieb, die einer der His's->we ans G-ttiugen "nd Hannover außerordenchich schnell waren ste mit Aerzten und Hilfspersonal zur Stell- lierbeiaeführt batte. Aul dem Trittbrett liegt welkend, ein Sträußchen Schlingrosen. Ein letz­ter Gruß, der beim Abschied mitgeoeben worden war. Daneben trocknet rotes Mut. Und Blut hat auch die hellgelben Wände tapeziert, bildete ein Zinnoberrinnsal über die weißbuchllabene Auffchrift -Wasserfüllösfnung". Aus dem Trüm- mergewirr ragt ein Schuh mit Gummisohlen. Hier wird gearbeitet. Dann ist der Tote gebor­gen. Auf eine Tragbahre wird er gelegt. Mit dem braunen Vorhang eines Abteilsenfters wird das zertrümmerte Gesicht bedeckt ...

Es ist der Fünfunddreißigste ... Tonlos sagt c8 ein Arbeiter. Furchtbarer, fährt er fort, war das Hervorholen der Verwundeten. Mit Pickel

(Eigener Druh. öerlcht.l öen _ _ .- e . j z-Loun, 1. Staust

Dcm große Dölkerringen.

Dor der englischen RegrernngSerklSrung.

(Eigene DrabtmeQung.)

London, 1. August.

Der parlamentarische Berichterstatter eines englischen Teleqraphenbüros meldet, daß der Premierminister seine neue Erklärung über dir Ruhr- und Reparationsfrage int Parlament am morgigen Donnerstag abgeben werde. Die gesamte Presse erwartet mit großer Spannung die an diesem Tage stattsindendc Ruhrdebat­te im Unterhause. Es verlautet, daß das englische Kabinett die Prüfung der franzöfifchen und belgischen Antwortnote beschleunige, sodaß eine Regierungserklärung mit ziemlicher Sicher­heit zu erwarten steht. In den entscheidenden Beschlüssen, zu denen Baldwin und feine Kolle­gen diefe Woche kommen müssen, wird wohl

nt?nr als die Kritik Lloyd Georges der Umstand tititvritd auf sie machen, daß ein Leitartikel der Westminster Ga.'-ttc" verrät, daß attch die zwei großen Fran,zofenfreunde Grey «nd A S g u i t h zu der Ueberzettgung gekommen find, daß sich Baldwin nicht länger von PoiucarS zum Besten halten lassen darf. Das Blatt hält ihm vor, daß ein Z »rück unmöglich fei, und daß er ohne Zweifel die große Masse der Ration hin­ter sich finden werde, wenn er sich für eine um tige Politik entscheiden würde.

3u Verhandlungen bereit.

London, 1. August. (Eigene Trcchtmelduug.) Das Nachrichtenbüro Reuter erführt aus halb­amtlicher französtscher Quell-, daß die belgisch- Note den Vorschlag auf Ernennung eines T a ch- veyständigenausschusses begünstige. Die belgische Regierung verharre noch immer auf dem Standpunkt der Ruhrbefetzung, bringe aber die Anregung betreffend Räumung des Ruhrgebiets in Uebereinftimmuna mit den künf ttgen Zahlungen Deutschlands vor. Sie spreche fedoch den dringenden W « n s ch « a ch L ö s u u g aus und stimme der englischen Auffassung be­züglich der Bedeutung der Stabtlisterrmg der Mark »nd der Rehabilitierung des deutschen" Fi­nanzwesens zu. Brüssel werde vielleicht einer Sachverständigenkommission mit Neutralen in­nerhalb gewisser Grenzen keinen Wider­stand entgegensetzen, ebensowenig wie eS von vornherein die Garantien und Zahlungsmittel in dem angebotenen Memorandum ablehne.

Der diplomatische BeriLErrstaLter eines Tr. legraphenbüros saßt den allgemeinen Eindruck nach Empfang der Noto dahin zusammen, daß man einer interalliierten Vereinbarung über die Ruhr- und Neparatioussxage nicht näher ge­kommen fei. Die heutige Kabinettssihung werde darüber entfcheiden müssen, ob eine Fort­setzung der Verhandlungen mit den Alliierten irgend welchen Zweck habe. Der Zu­stand der Lage in Deutschland lasse nach Auffas­sung der meisten br-tisÄrn Minister nicht länger eine Einhaltung des bisherigen Verfahrens zu, obgleich PoinearS offenbar anderer AnIcht sei. In der französischen A n t w o r t sei lein« Abweichung von der wiederholt verkündeten Po­litik enthalten. Sie bilde eine sehr höfliche und sehr deutliche Ablehnung fast eines jeden von der britischen Regierung vorgcbrach- ten Vorschlags. Poincars erkläre noch immer Frankreich werde das Ruhrgebiet nicht eher räumen, als bis es bezahlt worden sei. Eben­sowenig werde es auf die produktiven Pfänder verzichten. Poincars mache beinahe ebenso ener­gische Einwendungen gegen die Prüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit durch eine internationale Sachverständlgcnksm- Mission. Er bestehe auf dem Zahlungsplan von 1921 mit dem unabänderlichen Minimum von sechsundzwanzig Milliarden, auf dem Anspruch aus Priorität für die zerstör­ten Gebiete und der Bereitwilligkeit, auf die C-Bonds im Verhältnis der Verminderung der alliierten Schulden zu verzichten.

Die Knappheit an Lebensmitteln in Groß- bcrlin hält immer nod> an. Trotz aller schönen Erklärungen von Regierungsseite gehen die Preise in wahnsinnigem Tempo Weiter in die Höhe. Tas Fleisch ist gestern auf 140, stellen- weife auf 160000 Mark für das Pfund gestie­gen. Butter ist überhaupt nicht aufzutreiben und wo es vereinzelt welche gibt, werden für das Pfund 250-300000 Mark gefordert. Infol­gedessen hat gestern der Kontrollausfchuß der radikalen Betriebsräte in Berlin feine Tätigkeit wieder ausgenommen. In Moa bit wurden durch ihn drei Geschäfte radikal ausverkauft. Als die Polizei einschritt, war der Koutrollausschutz bereits in einer anoercn Straße tätig. In einem Aufruf an den Klein­starkd wird ein enges Bündnis des Mittelstandes mit der Arbeiterschaft verlangt.

Kreiensen.

Am Schauplatz der Bahnkatastrophe.

Sofort nach ®etannttoeeben der Schwer« drS EisenbahnlrngMSS von Kreiensen entsand. len wir einen unserer Schriftleiter an bi« Stätte der Katastrophe. Der Bericht über die «nipsangenen SinSrüite Wirt» erschütternd.

Am Bahnhof Altona stürmten lachende Men­schen den Vorzug nach München. Aus den Nord- und Ostseebädern kamen sie. Der Hamburger Hasen und die Alster gaben unvergeßbare Ein­drücke ... Die Sonne hatte die Wangen ge­bräunt. Neue Straft stählte die Glieder, neuer Lebensmut beseelte die Augen. Und Viele wa- ren in Gedanken schon hoch oben in den bayri­schen Alpen, dem ersehnten Ziel. Ferienzeit, goldene Zeit!

Der D-Zug rast durch die Nacht. Es ist der schönste Zug, den's gibt. Glatt fährt er durch. Man mackt sich's bequem. Der Schlaf gaukelt Idylle usi> Sommersreuden vor die Seele. Im Osten wird's licht. Der junge Tag erwacht. Auf Bahnbof Kreiensen, der durchfahren wer­den soll, hält der Zug. Verschlafene fragen an den Fenstern: Warum wird gehalten? Eine Vorspannm.rschine wurde notwendig. Willkom­mene Gelegenheit, sich einmal die Beine auszu­treten. Der Wartesaal ist noch wirtschaftslos. So muß es Wasser tun. In Hemdsärmeln gehen die Männer spazieren. Auf dem Bahnsteig auf und ab.

Andere bleiben in den Abteilen. Draußen ist's zu zugig. So meinen ste. Man ist ancb gerade so schön beim Schlafen. Wieder andere lassen sich im Schlaf überhaupt nicht stören. Da sehen Zwei, Drei, vielleicht Vier einen D-Zug heranbrausen. Er gibt Notzeichen. Ein jäher Aufschrei: Alles raus! Zu spät ...

Krachen. Splittern, Klirren, Dröhnen und Prasseln, eine Sekunde, die endlos scheint, voll unheimlicher Stille, und daun ... Wimmern, Hilferufen, Todesschreie!

Das Kabinett Euno.

Betrachtungen zur Lage.

ein parlamentarischer Mitarbeiter schreibt ur.3;

Zuvor die Feststellung: dieses Kabinett Cuno wild von niemanden, von keiner Partei, befehoet, seiner außenpolitischen Einstel­lung wegen. Was insbesondere den Ruhrkampf angeht, so denkt niemand an eine Aenderung der Taktik, an die Ausgabe des Widerstandes, oder gar an eine Kapitulation. Mer was dieser Negierung Euno zum schwersten Vorwurf ge­reicht, daß ist der Umstand, daß ste fast sieben Monate hindurch nichts getan hat, um diesen Kampf nach innen bestehen zu können. Sie hat es unterlassen, diesen Wirtschaftskrieg mit wirt­schaftlichen Mitteln zu führen, sie hat es ver­säumt den Kampf, der notwendigerweise eine lange Dauer haben mußte, auf eine gesunde fi­nanzielle Grundlage zu stellen. Darüber ist man sich heute überall im Lager der Parteien, qa bis weit rechts hinein vollständig einig. Es ist kennzeichnend für die ganze Sage, aber auch Mr die Stellung des Kabinetts Cuno selber, daß sich selbst in der äußersten Rechtspresse nur ganz wenige Stimmen finden, die noch für dieses Kabinett sich einsetzen. Es wäre sicherlich sehr krittfch, ja es könnte unter Umständen verhäng- uisvoll fein, wenn wir in einer innen- und

die nächsten Tage nach Berlin einberufen, und es ist zu erwarten, daß sich bann die Dinge rasch klären.

Kommen die Parteien zu der Meinung, daß die gegenwärtigen politischen Zustände nicht länger ertragen werden können, wenn nicht das gesamte Wohl deö Reiches und Volkes emvfirid- lichst Schaden leisten sollen, dann kann nur ein schneller Entschluß das Ergebnis sein. Unsere gesamten Verhältnisse vertragen keine langwie­rige politische und am allerwenigsten eine lange Regierungskrise. Es ist bisher schon des öfte­ren der Fall gewesen, daß angesichts der immer schwieriger werdenden Situation, und angesichts der Widerstände, die dem Kanzler Cuno aus Wirtschaftskreisen heraus gemacht worden sind, der Reichskanzler und auch bestimmte Minister Persönlichkeiten, ihren Rücktritt in Aussicht stell­ten. Es hat sich aber bisher niemand finden wollen, der bereit goweifen wäre, in die Bresche zu treten. Das lag an verschiedenen Dingen. Bei dem Fundus von Vertrauen, das der Re­gierung Cuno und dem Kanzle» ^«rsönlich bei dem Regierungsantritt ad erwarben entgegen gebracht wurde, war es für jeden Nachfolger bislang außerordentlich schwer, eine Ablösung zst vollziehen. Wenn nicht die Gründe ganz dringender Natur, und vor allem der ganzen Bevölkerung sichtbar geworden waren, konnte ein derartiger Wechsel ohne schwere innere Er­schütterungen stch nicht vollziehen. Jetzt freilich, da die Wirtschastsnot der Bevölkerung auf das Höchste gestiegen ist liegen die Dinge anders, in diesem Augenblick erhebt sich naturgemäß der Zug nach einer Aenderung des gegenwärtigen Systems allenthalben im Lande. Es ist nur noch eine Doktorfrage, ob das Kabinett Cuno umgestaktet oder ob es neugestaltet werden fall. Es liegt nähe, daß in den Parlamentarischen Er­örterungen eine Ausmerzung der, durch die Ent­wicklung der Dinge am meisten berührten Mi- nister. also des Reichswirtschafts- und des Reichsfinanzministers zur Debatte steht.

Nie ist ein Kabinett im.Grunde so stark ge- wosen, wie das Kabinett Cuno, daß sich nicht nj^ auf eine außerordentlich breite parlamenta- riTfce Basis stützen konnte, dem selbst die So­zialdemokraten in wohlwollender Opposition gegenüLerstanden. Nie hat auch ein Kabinett weniger Kritik erfahren, wie dieses, und keinem anderen zuvor hat man seine ganze Arbeit mehr erleichtert, als dem Kabinett Cuno. An vorsich­tig mahnender und oft genug beschwörender Kritik hat es nicht gefehlt. Immer wieder hat man das Kabinett gerade von bürgerlicher Seite her stark und aktionsAbig machen, und ihm alle Möglichkeit für eine aktvie Politik schaffen wollen. Man hat ihm in der Tat gegeben, was möglich war, und seitens der Parteien der bür­gerlichen Arbeitsgemeinschaft ist vieles mitver-

bringt, um sich durchzusetzen, oder oh es restlos den Platz räumt. Auch heute noch sind die Par- Wien, namentlich die bürgerlichen bereit, das Kabinett Cuno so stark wie möglich zu machen, und es bei den Maßnahmen den 3hmrfamipf zu bestehen, mit der größten Energie zu unterstützen.

Das gilt insbesondere auch für die wirt­schaftliche und finanzielle Seite dieses Kampfes. So haben die Führer der bürgerlichen Arbeits- gemeinfchaft bereits beschlossen, auch den weitest­gehenden steuerlichen Vorschlägen der Regierung ebne Einschränkung zu folgen. Stellt es sich aber heraus, daß trotz allem die Regierung nicht mehr die innerliche Straft hat, der Dinge Herr zu werden, dann muß ohne lauge Kabinettskrifc eine rasche Entscheidung auf Grund einer neuen Verteilung der Machtverhältnisse getroffen wer­den. Nach dieser Hinsicht zeigen sich heute be­reits gewisse Möglichkeiten der Bildung der großen Koalition an. Ein Kabinett, das sich auf einer, von der Deutschen Volkspartei bis einschließlich der Sozialdemokratie gestalteten parlamentarischen Basis ausbauen könnte, wäre schlechthin unanareifbar. Dies? Entwicklung liegt im 3ito. Käme sie durch Ei qertb rödelet auf der eineich oder anderen Seite nicht zustande, dann kann nur noch eine Wirffchafts-iktatur uns vor dem allerletzten bewahren....

treten worden, zu dem man innerlich nicht in restloser Neberzeugunq stand. Man nahm aber eine derartige Haltung ein, um eben ja dem Wirken des Kabinetts Euno keine Sckwierigkei-I ten zu machen. Nun aber muß es sich entschei-l London. 1. August. (Privattelegramm.l Tie den, ab dieses Kabinett noch die letzte Kraft auf-'Liberale Partei hat beschlossen, während des

außenpolitischen gleicherweise so außerordentlich gespannten Lage, wie wir sie jetzt vor uns sehen, eine langwierige innerpolitische Krisis durchzu­machen hätten. Tie Entschlüsse, die sich ans der Eesamtlage erßeärn, und die von dem. dem ganzen Volke verantwortlichen maßgebenden In­stanzen getroffen werden sollen, müssen rasch gefaßt Werden. Die gegenwärtige Lage duldet keinen Aufschub, nicht um eine Stunde. Je früher der Reichstag einbernsen wird, um so besser. Vorläufig ist erst der 8. oder 9. August vorgesehen. Wir halten diesen Termin für viel zu spät. Die Parteien haben allerdings ihre Vorstände zum Teil sogar ihre Fraktionen für