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Nr. 101.

Dreizehnter Jahrgang.

Staffelet Reueste Nachrichten .....SS

Heimatgeschichte.

Bilder »* der Frankfurter Äunftmeffe.

' einet an ttet Mitarbeiter sende« na« eine atbilbernng der Eindrücke, bi« er ans der die«jähtigen $*«ntf«rtet»unfttneffe empfing

Die Frankfurter Kunstmesse verband mit ihrer Schau hessisch-badischer ßunftftätien. gleichzeitig ein Stück Heimatgeschichte, denn was sich da an Zeichnungen, alten Stichen, Oelgemälden, alten Waffensammlungen, Bücherschätzen und leider längst vergessener schöner Bauernkunst in übersichtlicher Anordnung dem Auge darbietet, ist in nächster Nähe von Frankfurt beheimatet. Bis dahin kaum beachtete Städtchen des Hessen­landes, der Bergstraße, des Niederrheins breiten ihre Schätze, ihre verborgenen Reize aus, zeigen, wie schön die Heimat ist, wenn man sie wachen Auges betrachtet. Und gerade deshalb stehen die Frankfurter Kunstmessen unter besonders glücklichem Stern, weil sie durch ihre Ausstellun­gen die L i e b e zur Heimat vertiefen. Ma­lerische Städtchen Oberhessens, wie Büdin­gen, mit lieben winkeligen Gäßchen, einem idyl­lischen Marktplatz, dem Märchenschloß derer von Ksenburg-Büdingen, dem prächtigen Jerusa­lemer Tor und der schweren steinernen Ring­mauer, die schützend das Städtchen umschließt. Die Geschichte Büdingens, sogar die Bildnisse der feierlich ernsten Herren von Büdingen feh­len nicht, wird in Zeichnungen, Radierungen, wohlbehütet in gläsernen Schaukästen, wieder le­bendig. Hünengräber im Vorderwald bei Mu- schenheim, das heimelige Butzbach, Burg Münzenberg, oder die romantische Kloster­ruine Arnsburg mit Abbildungen aus der Blütezeit des Klosters bis zum endlichen Ver­fall. Der interessanten Stadt Friedberg ist ein besonderes Kapitel geweiht. Ein Stück wech- selvoller Vergangenheit bietet sich dem dar, der mit Bedacht die Entwicklung Friedbergs verfolgt, die Tage der befestigten Stadt bis heute, da das alte Städtchen Friedberg den Fremden, der ein­mal die Sträßchen und Gäßchen durchwanderte, erfreut. Don der Kunstfertigkeit der Schmiede und Schlosser zu Hungen legt das kunstvoll geschmiedete Zunftzeichen beredtes Zeugnis ab, allerdings war der Träger ob des beträchtlichen Gewichts des Zeichens und der schweren Kette nicht zu beneiden!

Prächtige hessische Trachtenbilder zeigen die leider längst entschwundenen reizenden hessischen Trachten; bei Städtefeiern oder Trachtenfesten le­ben sie im .historischen Festzug" für kurze Zeit wieder auf, im übrigen geht man lieber .mo­dern" und verzichtet gern auf diese hübsche Eigenart. Von der hochentwickelten hessischen Bauernkultur zeugen die gestickten Frauenhauben mit langen Bändern, die Brautkronen aus Pa­pier mit bunten Wachs-perlen und grellen Pa­pierröschen, ein zierliches Brautnestchen aus dem Schwalmgrund, eine alte wächserne Hessen­puppe, Zinnteller oder große Ofenplatten mit plastischen ländlichen Szenen, Zinn- und Stein­krüge, glasierte und gemalte Tonfließen, alles kleine Ausschnitte aus Hessens Vergangenheit und der Entwicklung unseres Rachbarländchens.

Die bekannte Universität Gießen ist mit originellen Darstellungen ans verflossenen Zei­ten vertreten, so zeigt sie einen Maskenball von 1838 oder den Auszug der Gießener Studenten im August 1829 nach Gleiberg, ihre fröhliche Zu­sammenkunft dort oben und vieles, was inter­essant und sehenswert ist. Einen noch größeren Platz beansprucht Darmstadt; das achtzehnte und neunzehnte Jahrhundert lebt in zahlreichen Abbildungen wieder auf. darunter der glanz­volle Einzug des Kaisers Mexmrder von Ruß­land durch das Rheintor. Das Städtische Mu­seum in Darmstadt überließ leihweise zahlreiche Aquarelle, das Denkmalarchiv stellt aus den rei­chen Beständen Schätze kirchlicher und des Mit­telalters Mr Verfügung, aus der Sammlung des Gewerbemuseums erfreuen eine alte gemalte Mcister-Schützenscheibe von 1848, kunstvolle Zier- kämme von erstaunlicher Größe, gestickte Hoscn- träoer, handgearbeitete Perlbeutel, handliche be­malte Eisentruhen. Prachtvolle Orginalzeichnun- gen des berühmten Hoflupferstechers Iah. Georg Wille sprechen von der Kunst vergangener Zei­ten. Auch die Darmstädter Künstlerkolonie mit ihren Arbetten fehlt nicht.

Außerordentlich sehenswert ist die Ausstel­lung des Offenbacher Ledermuseums. Daß diese .Lederstadt" eine Tradition besitzt, beweisen die derben Lederrundschilde, die schweren, gold- gepreßten Ledertruhen, di« hübschen Leder- ichmuckkästen, die Zierdosen, Einbände, Gebet­bücher. Am Mittelrhein die alte kurfürstliche -Residenz Mainz, Bingen, die Kaiserpfalz zu Ingelheim, das weinaescgnete Hochheim. Dann der Odenwald! Die gräflich Erbachschen Sammlungen Men den Knrfürstensaal. Waffen aller Art, Rüstungen, köstliche Miniaturen aus dem gräflichen Hause Erbach, feine Erbachsche Elfenbeinschnitzereien, daneben die Arbeiten der lekannten Staatlichen Elfcnbcinschnitzschule E r - b a ch i. O. Handgemalt auf Pergament, gebun­den in Schweinsleder prachtvolle Meßbücher aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert. Als Kuriosität und Beweis der Kunstfertigkeit unserer Tage sei der Frankfurter Römertaler er­wähnt, der auf der Vorderseite eine richtiggehende Uhr besitzt, die so klein ist, daß man sie nur mit Hilfe eines Vergrößerungsglases erkennt. In den Römcrhallen breitet, wie zu feder Messe, der Kunsthandel seine Kostbarkeiten aus: Teppiche, die Kunst des graziösen Rokoko, wertvolle Anti­quitäten, seltene Schränke und Radierungen, köstliche Fayencen, Minirturen, die kaum einen besseren Rahmen finden könnten, als die impo­santen Römerhallen. L. D.

Aus aller Welt.

Schwere Vuwmvdttunfallr.

Kurz vor der Wupperbrücke bei B u r g (Rhein­land) versagte bei einem Lastkraftwagen, als er auf abschüssiger Bergstreckc einem Mann mit ei­nem Kinde ausweichen wollte, anscheinend die Bremst, sodaß es in rasender Fahrt gegen die Steintreppe eines zweistöckigen Balkons aus Ei­senbeton rannte, der zusammenstürzte. Die yie- derstürzend.m Betonmassen verletzten die Autoin­sassen schwer. Hierauf sauste der Kraftwagen die Böschung hinunter in die Wupper. Drei Perso­nen waren sofort tot, während die vierte an der schweren Verletzung bald starb/ Auf der Chaussee Wannsee Potsdam fuhr ein Privatauto, das ein Fuhrwerk überholen wollte, in rasendem Tempo in dasselbe hinein, sodaß beide Fahrzeuge vollständig in Trümmer gingen. Die Insassen des Fuhrwerks, ein Ehepaar, ein Kind und ein Herr wurden in weitem Bogen h.-rausaeschleudert und schwer verletzt. Bei der Rückkehr von einem Radrennen fuhr in V l a u e n i. V. ein Auto so unglücklich gegen ei­nen Baum, daß die Insassen, drei Frauen, ein Mann und zwei Kinder, herausgeschleudert und bedenklich verletzt wurden.

eine Köpcnickiabe an der Ruhr.

An der Kasse des Barmer Bankvereins in Essen erschien kürzlich ein Zivilist in Beglei­tung eines französischen Soldaten. Der Zivilist erklärte, fr-an fisch er Kriminalbe­amter zu sein, der den Auftrag habe, fünfzig Millionen Mark in der Kasse zu beschlagnahmen und mitzunehmen. Er legte einen Requisitions­schein vor, welcher den Bcmnten der Bank sehr verdächtig vorkam, da er nur die Unterschrift eines Leutnants trug. Als man ihm nach län­geren Verhandlungen erklärte, daß nicht genü­gend Geld in der Kasse sei, steckte er den Re­quisitionszettel wieder ein und verließ mit dem Soldaten das Lokal, indem er erklärte, daß er in größerer Begleitung wiederkemmen werde, um sich das Geld zu holen. Nachforschungen ergaben, daß von einer Requisfion an den zuständigen Stellen nichts bekannt war Wahrscheinlich war es ein SMvindler, der einen Soldaten zu sei­nem nicht geglückten Betrug mißbrauchte.

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3m Ruffen-Safihau«.

Einer der bekanntesten und angesehensten No­tare seiner Heimat, der aus Odessa vertrieben.' ukrainische Rechtsanwalt Dr. Persitzky, stand dieser Tage wegen versuchter Bestechung m B e r» l in'vor Gericht. Der Angeklagte war Stamm­gast eines russischen Restaurants, dem Sammel­platz zahlreicher russischer Flüchtlinge. Die Lei­tung des Restaurants lag ausschließlich in den

Händen russischer Intellektueller; Geschäftsführer waren Advokat.-n aus Odessa, der Oberkellner war ein Adliger aus den baltischen Provin­zen. Der Küchenchef war ein Mitglied der russischen Aristokratie. Selbst der Portier und der Garderobier waren russische Akademiker. Das Restaurant geriet bald in den Verdacht, un- band.'rolierte Zigaretten zu führen, daß es Wei­ne nicht ordnungsgemäß versteuere und seinen Gästen auch sonstige verbotene leibliche Genüsse biete. Eine Untersuchungskommiffion beschlag­nahmte zahlreiche Schlagsahneporttoncn, obwohl die Geschästsleitung die Speise als harmlose Creme bezeichnete. Unter den Gästen verursachte das Erscheinen der Beamten eine furchtbare Aufregung, da man an eine polizeiliche Patz- Kontrolle glaubte. Man umdrängte die Beamten, lief hin und her und versuchte, den Ausgang zu erreichen. In dieser Aufregung wurde einem Zollsekretär von hinten ein Tausend­markschein in die Hand gedrückt, und der hinter ihm steh.-nde Dr. Persitzky als Täter verhaftet. Das Gericht sprach den Beschuldigten frei, weil die Möglichkeit bestand, daß der Geld­schein dem Beamten von einer fremden Person in die Hand geschoben fein konnte.

* Millionengeschäfte eines Betrügers. Für dreihundertfünfzig Millionen Marr Waren er­beutete der siebenundzwan.zig Jahre alte Karl Schindler in B e r l i n, wo er den Vertreter einer großen Breslauer Firma spielte, die in Berlin eine Filiale errichten wollte. In einem geliehenen Privatauto fuhr er bei großen Fir­men vor und machte bedeutende Abschlüsse, zahlte mit falschen Schecks und verschleuderte die Ware.

* Echtes Münchener in Flammen. Im Bahn­hof Wanne zündeten Diebe in einem Waggon mit Bier, von dem sic ein großes Faß Münchener gestohlen hatten, das Stroh an, um ihre Spuren zu verwischen. Der Waggon mit zehn Faß Mün­chener brannte total aus. Der Schaden übersteigt -iveihundert Millionen Mark.

* Der Roman eines Filmstars. Der Film- schauspieler Max Lindner hatte vor einigen Tagen mit einem jungen Mädchen der besten Pa­riser Gesellschaft, das er entführt hatte, die Fliyhl ergriffen. Er ist jedoch bald darauf aus Veranlas­sung der Eltern in Nizza festgenommen worden.

* Wenn das Wuchergericht zugreist. Wegen Preiswucher mit Butter und Eiern verurteilte das Wuchergericht in Osnabrück den Molkereibe­sitzer Gössing zu sechs Monaten Gefängnis und 750000 Mark Geldstrafe.

* Ein grausiges Piratcnstück. Wir berichteten kürzlich von einem Doppelmord in der Kajüte eines E l b k a h n s. Die Kriminalpolizei hat jetzt die Täter ermittelt und entdeckt, daß einer der Toten ein Komplize der Mörder ist. Er ist bei dem Ueberfall von dem Bootsmann des Schiffes, der sich verzweifelt wehrte, so schwer verletzt worden, daß er nicht mehr transportfähig war. Darauf haben ihn seine Komplizen, als sie den Bootsmann niederschossen, gleichfalls durch Revolverschüsse getötet, damit er nicht zum Verräter werden konnte!

* Der Prinz als Selbstmörder. In einem Münchener Hottl erschoß sich Prinz Damarkow v. Chcewdatzky, angeblich ein Verwandter des er­mordeten russischen Zaren.

* Raubüherfall auf eine Siebzigjährige. In dem Flur ihres Hauses in Berlin wurde abends bei der Heimkehr die siebzigjährige In­haberin eines Putzgeschästes überfallen, nie- dergeschlagm und ihrer Barschaft u. Schmucksa­chen beraubt. Hausgenossen leisteten der Hochbe- tagten die erste Hilfe.

* Telefunken nach Grönland. Die dänische Regierung hat beschlossen, eine Rabiover- bindung mit Grönland bauen zu lassen. Die Radiostation auf Grönland wird mit Reyk­javik auf Island arbeiten.

* Wie Verbrecher sterben. In Liegnitz über- rafdrte der Stoffwarenhändler Becker in seiner Wohnung zwei Einbrecher. Der eine von ihnen schoß Becker sofort nieder und tötete mit einem zweiten Schuß den zu Hilfe eilenden Gastwirt Starklosf. Auf der Flucht jagte er sich, als cs kein Entrinnen mehr gäb, eine Kugel in die Schläfe. Der zweite Einbrecher entkam. In Maiselbach bei Leipzig verübte ein Schuh-

| An unsere Leser! I

Die Zeitungs-Verlage sind, wie heute alle Unternehmungen, ge­zwungen, alle benötigten Rohstoffe bei Empfang oder qar im voraus zu bezahlen. Infolgedes­sen sind sie ebenfalls nicht in der Lage, ihre Ausienstände zu stunden. - i ' Daher müssen die Verlage auch ihre - . Bezieher darausausmerksam machen, - daß das Bezugsgeld der Zeitung i jedesmal in den ersten Tagen eines j Monats zu entrichten ist. Um er­neute Gänge unserer Boten und uns Unkosten zu ersparen, bitten wir j unsere Bezieher höflichst, vom 1. eines jeden Monats ab das Bezugs­geld zur Abholung bereit zu halten.

Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Voft

Kasseler Tageblatt

Kasseler Doiksblatt. |

: $ : $ machermeister, der an schweren Einbrüchen und Treibriemendicbstählen beteiligt war, bei seiner Vernehmung im Gerichtssaal Selbstmord, indem er sich eine Sprengkapsel in den Mund steckte und sie zur Entzündung brachte.

Echieberkönlg Wojak.

Ans dem Volksvermögen erschlichene Millionen.

In Berlin begann dieser Tage der von uns angekündigte große Schieberpr»zetz gegen Wojak und zwölf Genossen, der mehrere Wochen die Öffentlichkeit beschäftigen wird. Wenn die Anklage recht behalten sollte, dann , hat man cs in dem Hauptangeflagten Wojak mit dem .Köniader Schieber" zu tun. Jeden' falls hat- Wojack bereits nicht weniger als 450 Millionen an den Reichsfiskus herausgezahlt. Die Anklage lautete auf Betrug, Urkundenfäl­schung, aktive und passive Bestechung.

Die Mitangeklagten waren teils in Privatbe­trieben beschäftigt, teils bei Reichsbehörden und Reichswerken angestellt. Der 46 Jahre alte Haupt» qngeklagte Wojack hat ein wechselreiches Leben hinter sich. Er war erst Arbeiter, dann Opern­schüler, Opernsänger und schließlich Kaufmann. Bis 1918 hat er sich kümmerlich durchs Leben ge­schlagen. Noch im Dezember 1918 bewohnte er mit seiner Frau ein möbliertes Zimmer in einer bescheidenen Pension. In einem Hofgebäude hatte er ein Geschästslokal, wo er aus alter Mas. kcndarderobe und Röcken Pantoffeln und Gama­schen herstellte. Dan gelang es ihm. Beziehungen zu der Reichsbekleidungsstelle anzuknüpfen 9hm begann fein Aufstieg mit so rapider Schnelligkeit, daß Wojack heute eine fürstlich eingerichtete Woh­nung innebat, Autos, Rennpferde, umfangreichen Grundbesitz, zahlreiche mit unglaublichem Wert ungefüllte Lagerplätze und Lagerhäuser besitzt. Schnell hintereinander wurden von ihm verschie­dene Finnen gegründet, die Ankäufe von Heeres- flut in allergrößtem Umfange tätigten.

Der Hauptangeklagte Wojak batte sich eine lük. kcnlose Kette von Mtschnldigen gesichert. Di« Nachforschungen wurden auch dadurch erschwert, daß er feine Hunderte von Millionen zählenden Lagereinkäufe fast ohne Buchführung, vorwiegen, denteils mit Notizen auf losen Blättern, gefübn haben soll. Rach der Anklage ist eine Bestechungs. netz enthüllt worden, das sich auf alle Betriebe er" streckt, mit denen Wojack in Geschäftsverbindung trat. Hohe und niedrige Beamte waren feine Mitschuldigen. Wagen mit Materialien auz allen möglichen Staats- und Privatbetrieben sol' len ihm .zugerollt fein. Bestochene Beamte sollen das Zählen und Verwiegen untersagt, die Wiege- und Lieserfch.ine vernichtet und jede Kon­trolle verhindert haben, sodaß das Reich um viele Hunderte Millionen Mark geschädigt wurde.

Gräfin Vilma.

33) Roma« von v. Elster.

Und Ruths Ahnung hafte nicht gewogen. Meh. rere Tage kämpfte die Gräfin mit dem Ent­schluß. Stolz und kalt ging sie in diesen Tagen umber: aber in ihrem Herzen tobte der Sturm der Leidenschaft, der sie, wenn sie in ihrem Zim­mer allein war, barniebertoarf. und in krampst Haftes Schluchzen ausbrechen ließ. Dann fiel all ihr Stolz, all ihre Ruhe, all ihre Kälte von ihr ab. dann war sie das leidenschaftliche Weib, das einsah, daß sie sich selbst um ihr Glück betrogen, daß sie einem eitlen Phantom nachgejagt war, das ihr das Glück, die Siebe nimmermehr ersetzen konnte. Dann haßte sie den Reichtum, den Glanz der sie umgab, bann haßte sie fast ihren Gattens bann schob sie ihm die Schuld zu um ihr verfehl­tes Leben, bann erfaßte sie brennende Sehnsucht, frei zu fein von allen Fesseln, um sich dem Mann zu eigen geben tu können, den sie heißer, lei- densckvftlicher liebte und doch die Seine nicht werden konnte. Der Gedanke, daß seine Liebe erloschen sein konnte, kam ihrr in ihrer leiden­schaftlichen Erregung nicht; er hafte um Ruth angehalten, ja; aber war es Liebe gsvesen, die ihn zu diesem Schritt bewogen? Waren nicht andere Gründe vorhanden? Hatte sie selbst nicht ihn gleichsam dazu gezwungen, um ihm dann eine Niederlage zu bereiten? Und war er nicht für ihre Ehre mit seinem Leben eingetreten? Er mußte sie noch lieben, so jauchzte es in ihrem Herzen. Er Wart.e nur auf ein Lebenszeichen von ihr, um sie wieder in seine Arme zu nehmen, um sie wieder zu küssen, wie er sie früher geküßt batte.

Sie erschauerte in der Erinerung an die Won­ne jener Tage und sie schreckte zurück vor jeder, noch so formlosen freundlichen Liebkosung ihres ©alten Grenzenlos unglücklich fühlte sie sich, mochte auch ihr Satte unglücklich sein, der sie ihrer Freiheit beraubt hat.

Mochte daraus werden, was wollte! Mochten die Leute reden, was sie wollten! Mochte die Welt mit Fingern auf sie zeigen! Mochte der Glanz, der Reichtum von ihr abfallen, machte sie ihre Stellung in der Welt, in der Gesellschaft ver­lieren sie mußte ihn sehen, sie mußte bei ihm sein.

In dieser Stimmung befahl sie. ihr Pferd zu satteln, und ritt davon, indem sie die Begleitung des Reitknechtes zurückwies.

Als sie durch das Schloßtor ritt, flog ihr der Gedanke durch die Seele, daß es vielleicht das letztemal sein werde, daß sie Schloß Landsberg sah. Sie wandte noch einmal den Blick die Herbftsonne lag mit goldenem Glanze auf den Zinnen des Schlosses und blinkte in den hohen Spiegelscheiben der Fenster. Wie mit einem gol­denen Kranz umgaben die herbstlich gefärbten Kronen der Bäume im Park das hohe Dach des stattlichen Gebäudes, auf dessen höchster Zinne die Fahne in den gräflichen Wappenfarben im Herbstwind knatternd flatterte.

Aber das stattlich. Schloß mit seinen Zinnen und Türmen, mit seinen blinkenden Fenstern und seiner flatternden Fabne, es erschien der lei­denschaftlichen Frau nur wie ein großes Gefäng­nis, dem sie entfloh, in das Glück der Freiheit. Ein Gettenhieb traf das edle Vollblut, daß es sich, ungewohnt einer solchen Behandlung, er­schreckt hoch aufbäumte und davonstürmte.

Die Gräfin ließ dem Pferde die Zügel. Dieses Dahinftürmen sagte ihrer leidenschaftlichen Erre­gung zu; es war ja bi» Freiheit, das Glück, dem sie entgegenstürmte. Doch bann kam ihr die Be­sinnung. Mehrere Ackerwagen, die nach Lands­berg zurückkchrten, begegneten ihr. Der Inspek­tor begleitete sie zu Pferde, der wohl der Mei­nung war. daß das Pferd der Gräfin im Durch­gehen begriffen fei, denn er stellte sich ihr in den Weg; da zügelte sie ihr Pstrd, winkte dem Inspektor zu, daß sie feine Hilfe nicht bedürfe, und ritt im ruhigen Trab weiter.

Der Jnfpektor sah ihr kopfschüttelnd nach.

.Eine vortreffliche Reiterin, unsere Gräfin," sagte er zum Hofverwalter, der neben ihm ging.

^Ja, sie reitet wie der Teufel!" entgegnete dieser. .Wenn da nur nicht einmal ein Unglück passiert!"

.Na, die BoWIutstute ist höher aus den Bei­nen." meinte der Inspektor, und beide Männer verfolgten ihren Weg weiter.

In stiller Ruhe lagen Park und Herrenhaus von Neudorf da. Selbst auf dem Wirtschaftshose bemühten sich die Knechte und Arbeiter, ihre Ar­beit möglichst geräuschlos zu verrichten, und wenn Inspektor Groterjahn Befehl erteilte, oder schalt, so dämpfte er seine laute, polternde Stimme zu einem rauhen Flüstern. Ter Arzt hatte die mög­lichste Ruhe und Schonung für den Verwundeten anbefohlen: kein Laut sollte ihn erschrecken, daß sein Herz heftiger klopfte und das Blut ihm stärker durch die Adern floß. Die ersten Tage ging es um Tod und Leben; dicht am Herzen vorbei war das Geschoß gegangern, einige Zen­timeter weiter und das Her, wäre getroffen wor­den. Nachdem das Geschoß entfernt und einige Tage der absoluten Ruhe verflossen waren, konn­te man wieder Hoffnung schöpfen. Die gesunde, kräftige Natur Rollers siegte über den Tod. der schon feine Knochenhand nach ihm ausgestreckt hatte.

Jetzt tag er da in dem stillen, dämmrigen Ge­mach und verfolgte mit träumenden Augen das Spiel der Sonnenstrahirn, die sich durch die Spalten der Jalousien gestohlen hatten. Laut- lrs ging die Pflegerin, eine Schwester vom Ro­ten Kreuz, aus und ein Im Vorzimmer wachte der alte Adam, daß fein Geräusch feinen kran­ken Herrn störte, und Fräulein Ritterbusch fchaute zuweilen mit ängstlichem Gesicht in die Tür, um sich mit flüsternder Stimme nach dem Befinden des Verwundeten zu erkundigen.

Plötzlich horchte der Diener auf.

Erklangen da nicht Huffchläge eines Pferdes auf dem Pflaster bc8 HofeS?

Doch da sprang die Gräfin aus dem Sattel und warf Groterjahn die Zügel zu.

Was wollte die Gräfin? Sich nach dem Be­finden des Verwundeten erkundigen? Das war gewiß sehr aufmerffam von ihr.

Der arte Diener wollte ihr Antwort bringen und verließ das Zimmer. Aber schon im Flur begegnete ihm die Gräfin.

Ihr Gesicht war marmorblaß. Ihre Augen flammten. Ein Schüttelfrost schien ihre Gefüllt zu durchschauern.

Erstaunt sah sie Adam an.

»Wie geht es Ihrem Herrn?" fragte sie, unS ihre Stimme bebte vor Aufregung.

.Ich danke gehorsamst, Frau Gräfin," entgeg­nete Adam, .Es geht ja glücklicherweise besser."

.So faiur ich ihn sehe»?"

.Das ist wohl nicht möglich, Frau Gräfin.*

»Ich will ihn aber sehen, muß ihn sprechen!"

.Unmöglich, Frau Gräfin."

Sie sckob den alten Mann mit einer energi­schen Bewegung beiseite und trat in das Sorgt* mach des Krankenzimmers.

.Ich Lite dringend. Fran Gräfin!" flehte der Alte.

sie horte nicht auf ihn, sondern schritt auf die halbgeöffnete Tür des Krankenzinn mers zu. sFortsetzung folgt.)

Die seligen Maientage.

Von Gottfried Keller.

Erscheine nun. du Tlchterzeit, erfüll mein gläu­big Hoffen!

O Blumenduft, e Herrlichkeit, dir steht die Seele offen!

Und meines Herzens Pforten sind vor dir aus» getan!

Es klingt in hellen Worten manch neues Sieb schon an!

O ziehe ein, du Maienglanz! Zieht ein, ihr Frühlingskläuge!

Zieh ein, zieh ein im leichten Tanz, bu zart» Blütenmenge

O walle mir zu Herzen, bu blque Arche i flut! Unb meines Lebens Kerzen entzünde, Roserialu '