Nr. 56.
Dreizehnter Jahrgang.
Raffelet Neueste Nachrichten
Beilage.
Donnerstag, 8. März 1923.
Seine Mutter zuckte die Achseln.
„Ich habe es euch ja gleich gesagt. Unangenehmere Gäste hätten uns Vie Bornheims nicht schicken können."
„Wir werden ja nicht viel von ihnen zu sehen bekommen. Mama; sie werden mehr in Bornheim sein als bei uns," tröstete Lia mtt einem etwas schulbewuhten Gefühl.
Kurz vor Tisch wurde Onkel Theo mit seiner Familie nach Bornheim geholt, und am Nachmittag, gerade alz Hanno und Lia ihre Pferde besteigen wollten, fuhr Onkel Joachim Vor, um Frau Alice abzuholen.
Er stieg langsam und schwerfällig auS dem Wagen, und Lia siel es auf, daß er gar nicht so frisch und wohl ausfaü wie sonst.
„Onkel Joachim, fühlst du dich auch wohl?" fragte sie besorgt.
„Gewiß mein Kind, nur — weißt du, man merkt doch, daß man nicht mehr zu den Jüngsten gehört. Ich fiihle mich ein bißchen matt. Aber das kommt vom Frühling."
Lia sah ihn unruhig forschend an.
„Onkelchen, du bist doch nicht leichtsinnig? Ruhst du auch jeden Tag nach Tisch deine vollen zwei Stunden, wie eS dir der Arzt verordnet bat?"
Der alte Herr lachte unsicher.
„Na, das ist so 'ne Sache, Kind, manchmal vergesse ichs."
„Das sollst du aber nicht, Onkel!"
Der alte Herr sah Hanno lächelnd an.
„Siehst du wohl, mein Junge, jetzt bin ich der Leichtfuß in der Familie. Mer nun laßt euch nickt länger aufhalten, sonst kommt ihr zu spät nach Bornheim. Und ihr habt euch ein bißchen Vergnügen redlich verdient. Ich habe meine Freude an deinen Feldern, Hanno!"
Humor in ernster Zeit.
*♦ Mittags im Restaurant. Gast: „Sie,' sind Sie der Kellner, bei dem ich mein Esten bestellt habe?“ — Kellner: „Ja." — Gast:, „Donnerwetter, sind Sie aber in der Zwischenzeit gewachsen."
| Alle unsere Leserinnen g f 9 b :
Vs die mit Interesse dem Lebensschicksal der Heldin und des Helden unseres jetzigen ß./ y*s fesselnden Romans „Nur Dich allein" folgen, werden mit Freuden den handelnden - Personen der Erzählung auf der Bühne begegnen. Der von Theaterdirektor Taeger % j kq dramatisierte Roman wird am 12. März zum ersten Male zur Aufführung gelangen. •'<
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Verbrechen aus Liebe.
Die Fra« als Verbrecher-Mitschuldige.
«ine» »etllnee SeUung entnehmen tote Die folgend,« aufsihlnhrriche« Dokn-n-ate «nd rwtorfttthnogen ttbere»fee der Leldensctzafi Me bet Sdmon auf di.D-rbrectzerbahn treibt.
.Ein zwanzigjähriger Handlungsgehilfe, der in Hannover in Stellung war, trat zu ttnem Mädchen in Beziehungen, dessen Eltern das Verhältnis mißbilligten und ihre Tochter aus dem Hause jagten, weil sie von dem Mann« nicht lasten wollte. Um der Geliebten Mttel zum Leben zu verschaffen, nahm der bisher unbescholtene junge Mann Urlaub. fuhr nach Berlin und beging hier einen Raubüberfall. Der „Räuber aus Lieb?" wurde auf frischer Tat ergriffen und zu einer längeren Gefängnisstrafe verur- tellt". So bettcbtete kürzlich die Gerichtschronik.
Daß Liebe häufig Verbrechen veranlaßt, ist jedem Kriminalisten wohlb.ckannt, ebenso, daß die Mehrzahl derartiger Verbrechen von weiblicher Hand verübt wird. Wenn junge Leute Unterschlagungen oder Diebstähle begehen, um die Wunsche und Launen ihrer Auserwählten befriedigen zu können, ist streng genommen, weil igerLiebeals Eitelkeit ihr eigentlicher Beweggrund. ES stchneich.-lt ihnen, von der Arss gebeteten für vermögend, ja wohlhabend gehalten zu werden, ihr wertvolle Geschenke zu machen,! vielleicht um mit deren Hilfe einen ärmern Mitbewerber aus dem Felde zu schlagen Umgekehrt empfiehlt eS sich, in Fällen, in denen Frau- en sich Eigentumsdelikte zuschulden kommen lassen, uachzuforfchen, ob nicht ein Mann mittelbar oder unmittelbar die Veranlassung dazu gegeben hat. Lassen sich doch Frauen von dem Mann ihrer Wahl leichter beeinflussen und fühlen sich wenn er selbst seinen Einfluß in verbrecherischem Sinn- geltend macht, nur als seine treue Helferin. nicht alz Mitschuldige einer Missetat. Es sei nur darn erinnert, wie häufig eine Tanzbe- kanntschäft bisher brave und ehrliche Dienfknäd- chen auf die Bahn des Verbrechens gebracht bat Die neuerdings geradezu epidemisch austretenden Wohnungsdiebstähle wären viel seltener, wenn die Hausangestellten mit ihrem Vertrauen männ- lrchen Individuen gegenüber sparsamer umgingen. Vor einigen Jahren erregte in Berkin ein ungewöhnlicher Fall großes Aussehen. Ein Mädchen aus guter Familie, das seit Jahren als Buchhalterin in einem der ersten Juwelenge- schäfte tätig war und das vollste Vertrauen ihres Chefs genoß, erkrankte plötzlich. Die S8ücbe* wurden zufällig revidiert, und dabei ergab sich, daß die Buchhalterin das Geschäft feit langer Zeit svsternatisch bestohlen und die Diebstähle durch falsche Buchungen vertuscht batte. Auf einem Ausflug hatte sie einen heruntergekommenen Studenten kennen gelernt, in den sie sich verliebte. Der arbeitsscheue Mensch verstand es, sie so unter seinen Einfluß zu bringen, daß sie auf sein Geheiß zur Diebin und Fälscherin wurde. Die Kassiererin eines Warenhauses in Hannover hat länger: Zeit hindurch größere Summen unterschlagen, um ihren stellenlos gewordenen Bräutigam zu unterstützen. Sie redete ihm vor, daß sie erhebliche Ersparnisse gemacht hätte und ihm das Geld vorstrecke. Der Mann hatte keine Ahnung, aus welch' unlauterer Quelle die Darlehen stammten, die ihm seine Braut gab, und wandte sich mit Abscheu von der „Verbrecherin aus Liebe", als er die Wahrheit erfuhr.
Vor zwei Jahrzehnten wurde in Wien ein junger angesehener Juwelier verhaftet, der in zahlreichen Fällen Kunden, die bei ihm Schmucksachen reparieren ließen, dadurch schädigte, daß er echte Edelsteine daraus entfernte und durch täuschend gelungene Fälschungen ersetzte. Me echten Steine verkaufte er in Budapest, wo er ein Verhältnis mit einer damals sehr bekannten Tanz- foubrette unterhielt, die er mit den kostspi.'ligfkn Geschenken geradezu überschüttete. Die Gattin eines Grvßkaufmanns in Amsterdam, eine nicht mehr ganz hinge Frau und Mutter von vier Kindern, verliebte sich in den Hauslehrer ihres zwölfjährigen Jungen. Ihr flandalöses Verhalten veranlaßte den Gatten, die Scheidungsklage einzurcichen. Unmittelbar bevor die Scheidung ausgesprochen wurde, brach die Verblendete in
der Nacht eine eiferne Kassette auf, in der ihr Mann Goldsachen und Wertpapiere aufzubcwah- ren pflegte und stahl ihm den größten Teil feines Vermögens. Sie wurde erst ergriffen, als sie in Begleitung ihres Liebsten in Amerika an Land gehen wollte.
Auch dieses Vorkommnis wir viele ähnlicher Art beweist, daß die Frau in der Liebe keine Ueberlegung, kein ruhiges Abwögen kennt. Die Liebe beherrscht ihr ganzes Empfinden und verleitet sie, alle Hindernisse, die sich ihren Wünschen .'ntgegenstellen, aus dem Wege zu räumen und sei es auch zuweilen um den Preis eines Verbrechens. Anders der Mann, der in der Regel selbst in Liebessachen seinen klaren Verstand behält und sich nur zeitweise von seiner Leidenschaft ganz beherrschen läßt. Daß Verbrecherinnen aus Liebe mitunter vor gar nichts zurück- strecken, zeigt ein grauenhafter Doppelmord, der in den neunziger Jahren in Thüringen verübt wurde. Ein junger Techniker hatte sich mit der einzigen Tochter wohlhabender Ettern verlobt. Da starb plötzlich die Mutter der Braut und bald darauf auch der Vater. Der bereits festgesetzte Hcchzeitstermin wurde der Trauerfälle wegen aufgeschoben. Kurz vor der Trauung gestand nun die Braut ihrem Verlobten, daß sie ihre Eltern vergiftet hätte, um ihn, der vermögenslos war unabhängig zu machen und ihm ein sorgenfreies L.'bcn zu sichern. Entsetzt erstattete der Bräutigam Anzeige. Die Mörderin war geständig und gab als alleinige ' Ursache ihrer Schreckenstat die Liebe zu ihrem Verlobten an.
Aus aller Welt.
Dir lose Kr-gel des Be'.sierc.
Ein Mutiger Zusammenstoß, dem augenscheinlich pokittsche Umstände zugrunde liegen, hat sich auf der L e i p z i g e r Messe ereignet. Ein E n g l ä n d e r, der zur Messe in Leipzig weilt, und der mit einigen deutschen Herren zusammen auf dem Heimweg sich befand, begegnete in der Weststtäße zwei Französisch sprechenden Herren. Ms der Engländer feiner Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß sich trotz der Ruhraktton Franzosen und Belgier bei der Leivzioer Messe eingeschlichen hätten, gab einer der Französisch sprechenden Männer, ein Belgier, hinter dem Rücken des Engländers einen Schuß auf diesen ab und verwundete ihn am Fuße, Dieser Vorfall hat auf der Leipziger Messe ungeheueres Aussehen erregt.
Die fleissigen Wucherer und Schieber.
Die B r a u'n s ch w e i g e r Polizei hat gegen eine Reihe von Personen darunter den Inhaber der Konservenfabrik Lahndorf, den Geschäftsführer der Lehrmolkerei und die Inhaber einiger Lebensmittelgroßhandlungen, das Verfahren wegen Wuchers und Preistreiberei anhängig machen lassen. Vierzehntausend DosenkondensierteMilchim Werte von vierzehn Millionen Mark wurden beschlagnahmt. Die Milch war zu Wucherpreisen der Konservenfabrik geliefert worden, die sie ihrerseits zu Wucher preisen den Lebensmittelaroßhandlungen weitewercaufte. — Die Polizei in Sonnenburg (Brandenburg) hat eine große Zucker- schiebung aufgedeckt. Es handelt sich um zweihundert Zentner Kommunalzucker, die vom November 1922 herrÄhren. Der Zucker sollte an Sonnenburger Gewerbetreibende verteilt werden, ist aber von dem dazu beauftragten Kommissar
an Großhändler verkauft worden, der den Zuk- ler in Auslands sacke umgefüllt und in das besetzte Gebiet verschoben hat.
*
Wenn der Tote wieöerkedrt.
Vor etwa vier Wochen wurde bei Zörbig in Sachsen die Leiche eines Er'-ängien gefunden. Ein Bekannter erkannte in dem Toten den Fleischer Vorab e aus Zörbig. Das Gericht erteilte, da Selbstmord zweifellos vorlag, den Be- erdigunysschein. Die Ettern mußten die Leiche in Zörbig beisetzen lassen. Die Geschwister glaubten jedoch nicht an einen Selbstmord. Vor einigen Tagen kehrte nun, zum größten Erstaunen seiner Angehöttgen, der noch lebende Fleischer von der Wanderschaft zurück und war natürlich sehr überrascht zu Horen, daß er vor Wochen bereits gestorben und 'beerbtet lei.
* Der Freund im Norden. Mit dankenswertem Eifer arbeitet das schwedische Hilfswerk ftir die Notleidenden in Deutschland. Nach einer Meldung ans Stockholm sind im Januar und Februar dem schwedischen Roten Kreuz von verschiedenen Körperschaftm, Zeitungen und Privatpersonen über 85000 Kronen (rund fünfhundert Millionen Marks und fünfeinhalb Millionen Mark für die Notleidenden in Deutschland überreicht word.m. Der Hauptteil der Bei' träge ist für die Ruhrbevölkerung gestiftet toorben.
* Ein blutiges Drama. Ein blutiges Drama spielte sich in Frankfurt a. M. in einer Wirtschaft in der Gelnhäuser Gasse ab. Der einund- dreißigjähttge Ernst Hahn aus Mainzdorf hat' te sich mit der Kellnerin Helene M ü l l e r in ein Nebenzimmer zurückgezogen. Nach kurzer Zeit hörte man einen Schuß fallen. Ms man das Nebenzimmer betrat, sand man die Miller mit einem Schuß im Kopfe bewußtlos vor. Hahn richtete dann die Waffe gegen sich selbst und tötete sich durch einen Schuß in die Schläfe. Die schlververletzte Kellnerin verstarb kurz darauf im Kranlenhause.
* Ein ungeratener Sohn. In G o s I a r steh! der Sohn einer achtbaren Familie, der feine Angehörigen durch Diebstähle bereits um Millionenwerte schädigte, jüngst seinen Ettern die letzten Ersparnisse und sämtliche Edelmetalle im Gesamtwert- von zhn Millionn Mark. Er ist bamit entflohen.
* Im Bsrbrecherkampf gefallen. iFn Ber- l i n wurde ein Wächter, der im Keller eines Hauses Einbrecher überraschte, von diesen mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen. — In K att ow i tz wurde ein Polizeibeamter, als er zwei Verbrecher im Zu schauer raumrines Theaters verhaften wollte, durch einen Re- volverschuß schwer verletzt. Die Verbrecher sind entkommen. Die Vorstellung wurde abgebrochen.
* In giftigen Gasen erstickt. IN der Hans Heinrich-Grube bei Waldenburg (in Schlesiens erlitten zehn Beugleute durch Benzol» gaise schwere Vergiftungen, denen vier von ihnen erlegen sind.- r>
$ Ein Raubmörder-Kleeblatt. In Köln wurde die fünfundsiebzig Jahre alte Witwe Er- Pelt nachts von zwei Räubern Überfällen. Der Tochter gelang es, sich scheintot zu stellen und dem Schicksal der Mutter, die durch Knebeln erstickt wurde, zu entgehen. Dem Räuber siel für etwa zwanzig Millionen Mark Gold in die Hände. Der Verdacht lenfte sich von Anfang an auf -das D i e n st m ä d ch e n der Ermordeten, das mit zwei zwanzigjährigen Burschen ein Verhält
Rur Ach allein!
40) Roman von tz. Courths-Mahler.
„Dars ich mich ein Weilchen zu euch setzen"? fragte Hanno.
Lia neigte nur zustimmend den Kopf, während seine Mittler zur Seite rückte, um ihm neben Lia Platz zu machen.
Er zog sich einen Sessel herbei und blickte lächelnd auf seine fleißig stichelnde Mutter.
„Wie eifrig Mama bei der Arbeit ist, Lia! Bist du nicht stolz auf deine Erziehungsresultate? Gelt, Mama, Lia hat uns zur Arbeit erzogen?"
„Ja. sie hat es getan, und sie darf gewiß stolz fein auf den Erfolg."
Mit einem matten Lächeln sah Lia auf.
„Stolz bin ich nicht, aber sehr ftoh, daß es mir gelungen ist, euch den Segen der Arbeit zu erschließen. Ich meine, wenn man seinen guten Teil befriedigender Arbeit hat, kann man nie ganz unglücklich werden. Arbeit ist eine wunderbare Trösterin."
Hanno beugte sich vor u. sab Lia forschend an.
„Das klingt fast, als hättest du es schon erprobt, Lia"
Es sollte scherzend klingen, kam aber ernst und schwer über seine Lippen. Einen Moment sah Lia auf. in seine Augen hinein. Und er erschrak vor dem weben, schmerzlichen Ausdruck, der in ihrem Blick lag.
„Ich kann es mir wohl denken," sagte sie hastig und nähte weiter.
Er ließ seine Augen nicht von ihrem Antlitz. Der heiße, drängende Wunsch war in ihm, sie vor jedem Schmerz zu behüten, selbst auf Kosten seines eigenen Glückes. Fast schien es ihm wichtiger, daß sie glücklich fein möge, daß er selb glücklich war.
Hannos Mutter ließ ihre Arbeit finken und sah nachdenklich auf das junge Paar. Und bann sagte sie plötzlich:
.Es ist doch ganz seltsam, Kinder, daß ich
euch noch niemals znsranmen zärtlich gesehen halle. Ich mag es zwar nicht leiden, wenn junge• Ehepaare vor andern Menschen sich ohne Zwang gehen lassen. Aber vor mir brauchst ihr euch doch nicht zu geniern.“
Lia wurde dunkelrot und sentte den Kopf tief herab aus ihre Näherei. So sah sie nicht den sehnsüchtig schmerzlichen Blick in Hannos Augen- Aber auch er gab der Mutter keine Antwort.
Da kam ihr mit rnem Male das bestimmte Gefühl, daß zwischen den beiden jungen Seiden etwas nicht stimmte und daß sie mit ihren Worten an einen wunden Punkt gerührt haben mutzte. Und mit einem Male fielen ihr mancherlei Kleinigkeiten ein. die sie beobachtet hatte, und die ihr nun zu denken gaben.
Lia stichelte so eifrig weiter an ihrer Arbeit, als hänge das Wohl und Wehe der ganzen Welt davon ab. Dann legte sie eilig das letzte Tuch zusammen und erhob sich schnell.
„So, jetzt sind wir fertig. Ich muß schnell noch einmal nach der Küche sehen "
Das stieß sie hastig hervor und eilte aus dem Zimmer. Sie ssirchtete, die Fassung zu verlieren.
Die Mutter sah ihren Sobn forschend an. „Hanno, was ist mit Lia?" fragte sie unruhig. Er sprang auf und atmete tief und schwer.
„Frage nickst. Mama, und rühre nicht mehr daran! Verzeihe, ich hab« noch etwas zu erledigen, bei Tisch sehen wir uns wieder."
Damit eilte auch er hinaus.
*
Am nächsten Vormittag traf Onkel Theo mit Familie ein Der Kriegsgerichtsrat war ein wenig angenehmer Herr, von seiner vermeinttichen Würde tief durchdrungen. Alles, was er sagte und tat, schien von der größten Wichtigkeit zu f >in und man durfte nichts übersehen und überhören, wenn man nicht seinen höchsten Unwillen erregen wollte. Seine Frau war eine ziemlich unscheinbar aussehnde Dame, und die drei Töchter verbargen ihre Reijssosi issest hinter einem ungemein hochmütigen und gezierten Wesen. Angenehme Hausgenossen waren also diese fünf Personen keinesfalls, und Herr von Bornheim,
der sie vom Bahnhof abgeholt und nach Ober» lankwitz begleitet hatte, machte ein Gesicht, als bitte er tausendmal um Entschuldigung, daß er seinen Nachbarn solche Unbeguemlichkeiten machen mutzte.
Ehe er sich verabschiedete, bat er Hanno und seine Datnen nochmals, am Nachmittag zum Tee hinüberznkommen.
Hanno sagte ungern zu, denn nun lietz sich das Wiedersehen mit Gräfin Susanna nicht länger hinansschicben. Aber einmal mußte es ja doch sein
„Meine Frau und ich wir kommen aber zu Pferde, Herr von Bornheim, also nicht im Besuchsdreß, weil wir vorher einen JnspizierungS- ritt durch unsere neuen Schonungen machen wollen und auch in der Meierei nach dem rechten sehen müssen", sagte er, nm gleich anzudeuten, daß es sich nur um einen kurzen Besuch handeln sollte.
Herr von Bornheim klopfte ihm lächelnd auf die Schulter.
„Selbstverständlich sind Me uns willkommen, so, wie Sie sich einfinden. Wir sind ja auf dem Lande und machen keine Umstände. Also auf Wiedersehen!"
Damit verabschiedete sich Herr von Bornheim und überließ seine Verwandten ihren freundlichen Wirten.
Hanno und seine Damen widmeten sich nun nach Kräften ihren Gästen.
Der Kriegsgerichtsrat ließ eine seiner langen, nichtsfaaenden Auseinandersetzungen vom Stadel. während seine Damen wie auf Kohlen faßen, weil sii- in Sorge waren, wie die neuen Hochzeitstoiletten die Reise überstanden hatten. Sie waren von dem brennenden Wunsche beseelt, sie auSpacken zu dürfen, wagten aber nicht, den gestrengen Hausberin zu unterbrechen, biz dieser endlich selbst den Wunsch aussprach, sich zuttick- zieben zu dürfen, um etwas zu nt6en.
Hanno lachte auf, als sie verschwunden waren samt ihrem Gatten und Vater.
„Es gibt doch seltsame Musterexemplare von Menschen!"
nis unterhalten hat. Bei dem einen der beiden ist ein Fünfzigtausend-Mark^Schein, der durch ein Zeichen wiederzuerkennen war, gefunden worden. Die Verhafteten leugnen die Tat.
* Vom Leben zum Tode gebracht. Der Schlosser Hoor aus Wülfrath, der den Polizeibeamten Stadelbacher in Wiesdorf ermordet hatte itno deshalb vom Düsseldorfer Schwurgericht am 23. Juni 1922 zum Tode verurteilt worden war, wurde im Deerendorfer Zellengefängnis enthauptet.
* Eine Feuersbrunst. Eine Feuersbrunst hat in einer der letzten Rächte W schwedischen Stationsart Vret stark auf der Linie Halls- berg-Lara heimgesucht. Das Vretstorper Hotel und zwei Nachbargebäude brannten nieder. Als das Feuer in der Nacht von einigen Reisenden entdeckt wurde, hatte es bereits so rasch ran sich gegriffen, daß es für die Hotelgäste unmöglich war, über die Treppe ins Erdgeschoß zu gelangen, das lichterloh brannte. Die Reisenden muß" ten daher aus den Fenstern springen. Ein Viehhändler stürzte sich aus dem dritten Stockwerk herab und erlit dabei so schwere Verletzungen, daß er kurz darauf starb.
* Moderne Banditen. Einen ganz gemeinen Betrug führten in Schwerin zwei Gauner aus, die einer fünfundsiebzig Jahre alten Witwe das gesamte Silberzeug im Werte von einer Million Mark gegen einen Zehnmarkschein abschwindelten.
* Dem schwarzen Tod verfallen. Reuter meldet aus Gibraltar, nach einer Mitteilung ans Malaga hätten sich dort mehrere Fällen von Beulenpest ereignet, von denen einer, einen tödlichen Ausgang hatte.
Zwischen zwei Frauen.
Ein Pantoffelheld vor Gericht.
Unter der Auflage des versuchten Totschläge?, begangen an seiner Ehefrau, stand der Flugzeug- fiihrer G e o r g H a n s vor den B e r l i n e r Ge- stbworenen. Der Angeklagte lebte jahrelang in glücklicher Ehe, bis er eines Tages in einem Breslauer Kabarett eine Frau kennen lernte, in deren Bann er vollständig geraten sein will. Rach längerem Zusammenleben mit seiner Geliebten ließ er sich von seiner ersten Frau scheiden und heiratete zum zweiten Male.
Diese Ehe gestaltete sich jedoch bald sehr un- glücklich, es kam zu schweren Zerwürfnissen, und der Angeklagte mußte die Wohnung räumen, die von seiner Frau mm an einen Ausländer vermietet wurde. Eines Tages erschien Hans r« der Wobnung, um ein Klavier, das ihm ,angeblich gehörte, abzuholen. Seine Frau ließ sich zuerst verleuenen, als sie dann aber plötzlich doch auf der B-ldfläche erschien, zog Hans einen Re- volver und gab zwei Schüsse ab. die die Frau sehr schwer verletzten. Sie trägt noch heute eine Kugel in der Lunge. Dieses Revolver-Attentat beschäftigte zunächst die Strafkammer, da nur Körperverletzung als vorliegend an» genommen wurde. In der damaligen Verhandlung beknndete aber die als Zeno in vernommene Ehefrau, daß ihr Mann bei ihrem Erfcheinen den Revolver auf sie gerichtet und sorgfältig gezielt habe. Schon einige Tage vorher hätte er ihr geschrieben: „Wenn du dich scheiden läßt, knalle ich dich nieder. Di? Kugeln sind schon gegossen, eine für dich und eine für mich."
Aus dem Verhör geht hervor, welch schwaches Rohr im Winde der Angeklagte war. Immer wieder kehrte er währeich der zweiten Ehe zur ersten Frau zurück und weint« sich an ihrem so treulos verlassenen Bissen ans. Dann bekam er wilde Anfälle, drohte seiner Neuen mit Rachearien. die sämtlich das Mottv „Die Kugel ist schon für dich gegossen" variierten und lebte so bieder und brav als ein neuer Graf von Gleichen, wenigstens seelisch, dahin zwischen den beiden Fraiien. Er und fein angeschossenes Reb geben sich nichts nach. Ein Schuß aber bleibt ein Schuß. Und wenn es erst einreißt, Willensschwächen Menschen aus sentimentalen Gründen freie Bahn zu lassen, so ist die Tür ins ewig Willkürliche anfaestotzen. Schwach« Charaktere sind durchaus nicht immer tragische. Die Straf« kammer hielt einen Tosschlagsverfiich als vorliegend u. verwies den Fall ans Schwurgericht.