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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

^:e jkasjcler Neuesten Aachrtchlen erscheinen wöchrntüch techSmai und zwar ab end«. Der Blbonnementiprd« beträgt monatlich 1300Marl bet freier Zustellung in« Hau« in der Geschäftsstelle abgeholt 1270.— Mark monatlich. Auswärts durch die Post bezogen IS-'O.-Mark monatlich einfchl Zuftellmig. Bestellungen werden jederzeit entgegengenomme». Druckerei, «erlag und Siebc-ttion-, Schlachthofstraße 28/30, Für unverlangt eingesandte Beiträge kann die RedaMon eine Verantwortung oder Gewähr in keinem Falle übernehmen. Rückzahlung de« VezugSgeldeS oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnungsmäßiger Lieferung auSgefchlofsen.

Nuyrurer 34. Fernsprecher 951 und 952 Sonnabend, 10. Februar 1923. Fernsprecher 951 und 953 13. Jahrgang.

JnferttonSp reise:») Einheimische Aufträge: Tie einspaltige Anzeigeuzeile Ai 80.—, Fami- liennachrtchten, die Zelle M. , die einspaltige Reklamezeile M. 300,—. b) Auswärtig» Auf­träge: Die einspaMge Anzetgenzeile M, 80,—, die einspaltige Reklamezeile M. 300.—, alles ein. schließlich Teuerungszuschlag und Anzeigensteuer. Für Anzeigen mit besonders schwierigem Satz hundert Prozent Aufschlag. Für die Richtigkeit aller durch Fernsprecher auf gegeben en An • zeigen, sowie für Aufnahmedaten und Plätze kau/t eine Gewähr nicht übernommen werden . Druckerei: Schlachth ofstratze 28/30. Geschäftsstelle: Kölnische Straße s, Telephon Rr. 951 und 952

Erfolgreicher Widerstand und Protest

G

ylumpe Hetzversuche.

Franzöflsche Flugblätter.

Im Ruhrgebiet versuchen die Franzosen seit einigen Tagen in allen größeren Städten systematisch die Ruhrbergarbeiterschaft zu ver­hetzen und sie aus der geschlossenen deutschen Froi-.t abzusprengen. Gedruckte und mit der Schreibmaschine hergestellte Flugblätter werden von den französischen Soldaten und den Zivilpersonen morgens früh in die Häuser und in die Hausbriefkästen geworfen. Die französi­schen Agenten versuchen ihre »Aufklärung" auf der Straße in der Anknüpfung in Gesprächen. General Degontte und die übrigen großen und kleinen Befehlshaber versichern unausgesetzt, daß Frankreich gegen die deutsche Arbeiterschaft nichts unternehme, im Gegenteil, für ihr Wohl besser sorgen werde als die deutschen Kapitali­sten und die deutsche Regierung. Im wesentli­chen. baut sich die ganze französische Propaganda auf sechs Punkten auf: 1. Deutschland habe sich verpflichtet, die Verwüstungen in Nordsrankreich wiederMtzumachen, sei diesen Verpflichtungen bis fetzt aber nicht nachgekommen. Die Franzo­sen haben gerade mit dieser Behauptung bei den Arbeitern wenig Glück. Denn die deutschen Gewerkschaften haben mehr als einmal ihre Mithilfe, die Entsendung von Tausenden von deutschen Arbeitern in das zerstörte Ge­biet angeboten. Sie haben Abmachungen mit den französischen Gewerkschaften getroffen. Aber die französische Regierung hat die Ausführung vereitelt. Im Rheinland hat man auch nicht vergessen, daß die französische Regierung das amerikanische Angebot gleich nach Beendigung , es Krieges, die zerstörten Gebiete wiederauizu- ,«wen. glatt abgekelnt har. Hätte man Ms.. Anerbietung rechtzeitig angenonunen, ans den Ruinen in Nordfrankreick wären längst Wieder blühende Sädtchen und Dörfer erstanden. Und dann noch eins: glauben die Franzosen, durch Verwüstung der deutschen Wrtschaffsgebiete könnten die zerstörten Gebiete in Frankr-ich schneller anfgebaut werden?

2. Seit zwei Jahren warte Frankreich mtt größer Langmut auf die Zahlungen. Sollten die Franzosen etwa glauben, die deutschen Arbeiter hätten vergessen, daß Deutschland in Versail­les hundert GoldmiMarden angeboten hat. wenn man ihm seine wirtschaftlichen Hilfsquel­len lasse, daß es durch eigene Arbeit die zer-tör- ten Gebiete wiederherstellen wollte? Daß Deutschland <$bermcr§ 1921 aus der Londoner Konferenz über fünfzig Goldmilliarden zu zah­len sich bereit erklärte, die es im Bereich seiner Leistungsfähigkeit alrmbte? Die deutschen Zahlt, »gen, Lieferungen, samt den Werten in den geraubten Gebieten er­reichen eine Summe von über fünfzig Milliar­den Goldmark! Wir haben geleistet bis zum Hungern des ganzen Volkes. Das hat mit am stärksten gerade die deutsche ArbeiterschHt spüren müssen. Aber die Schmarotzerarmee am Rhein, die unzähligen ..Kommissionen* haben die GoldmiMarden verschlungen.

Deutschland sollte eine Finanzwirtschait der Vergeudung treiben. Daß Gott erbarm! Deutsch­land und Vergeudung, wie soll sich das zusam­men reimen? Um Bezahlung zu erhalten, wolle Frankreich ietzt von den Kapitalisten, nickt aber vor, den Arbeitern. Pfänder nehmen. Dcr fran­zösische Imperialismus, der getrieben wird von dem französischen Kapitalismus, dem Eisen- und Koblenkomitee aebärdet sich kommunistisch. Frankreich -Will Pfänder nehmen, d. b. den Arbeitsertrag der Rubrindustrie an sich bringen Das besagt genug. In den Flugblättern wird behauptet. Frankreich würde den Arbeitern hel­fen, würde die SozialaeseNe erhalten wolle eine ausreichende Löhnung sichern imb die ..skan­dalösen Gewinne" der Großkapitalisten erfassen. Ehen sind 75 000 Saarberaleute in den Streik getreten, weil die Löhne zum Leben nickt mehr reichen, weil der Hunger drobt. D:r Arbeitoeber ist — der französische Staat, in besten V-sitz durch den Friedensvertrao die ebnuals preußischen fiskalischen Gruben über- oegangen sind. Warum gibt der französische Staat den Saarbergarbeitern nicht eine „ausrei­chende Löhnung"?

Die Franzosen behaupten, sie wollten den Ar­beitern die Sozialgesetze erhalten. Im Saarge- biet müben sick die deutschen Bergarbeiter seit zwei Fahren umsonst um Einführung des Br- triebsräteaesetzes! Die Abgaben der Saarberg­leute kür ihre Sozialversicherungen sind wesent­lich höher al? die der deutschen Arbeiter. Für Sozialversicherung müssen sie im aanzen zwölf ProzentAbgaben zahlen, für die Gruhen- wohnungen monatliche Miete von 35—50 Frank! Frankreich will den Arbeitern belken. — in den Fahren 1921—22 ist den Saarberalenten von der französischen Bergverwaltung ein Drittel ihres Lohnes abgezogen worden! Und das trotz der dauernd steigenden Lebensverhältnisse. Die Franzosen schätzen das Urteilsvermögen

der Ruhrbergarbeiterschaft sehr gering ein. Die deutschen Arbeiter wissen, was sie von Frank­reich zu erwarten haben. Nicht Hilfe, keine bes­seren Zeiten, sondern schlimmere. Darum wehren sie sich in Gemeinschaft mit allen Stän­den gegen die französische Ruhrpolitik. D. S.

Der deutsche Widerstand.

Was Ls Trocquer zu berichte« weiß.

lEigene Drahtmeldung.)

Paris, 9. Februar.

Am gestrigen französischen Ministerrat nahm der aus dem Ruhrgebiet zurückgekehrte franzö­sische Arbeitsminister Le Trocquer teil. Am Schluß ver Sitzung wurde folgender Bericht aus- gegeben: Im Ruhrgebiet ist die Lage unverän­dert. Man stößt weiterhin ans einen ernsthaften Widerstand der Beamten. In den Gru­ben wird die Arbeit fortgesetzt, das Ergeb­nis ist aber sehr gering. Der Arbcitsminister gab Mm Schluß der Sitzung der Presse folgende Erklärung ab: „Die deutsche Regierung hat die Desorganisation der Transportmittel im besetz­ten Gebiet in die Wege geleitet und ste hat sogar eine verbrecherische Sabotage organisiert. (?) So sind die Signale umgekehrt, die Weichen so ge­stellt worden, daß die Züge auf Rangiergleise oder Nebengleise gebracht werden. Die Signale sind derart verstellt worden, daß französische Wei­chensteller, die die Strecke zu sperren glaubten, sie öffneten und umgekehrt. Nur dank der Kalt h.ütigkeit der sranzösischen Eisenbahner konnten Katastrophen bisher verhindert werden." (Troc­quer hat aber vergessen hinzuMfügen, daß die französischen Eisenbahner nicht mit deutschen Sig- nalen und Weichen umzugehen wissen. Während in Deutschland die Eisenbahnzüge rechts aus- weichen, weichen sie in Frankreich links aus.)

Französische Tollwut.

Erregung in Essen und Recklinghausen.

(PMat-Telegramm.)

Dortmund, 9. Februar.

Schwere Ausschreitungen der s r an z ü s i - sch en Sol datenin Recklinghausen ha­ben schlimme Störungen hervorgerufen. Da der Telephonvcrkehr zwischen Recklinghausen und Essen unterbunden ist, liegen nur die von französischen Stellen ausgegebcnen Meldungen vor. Als die Schließung der Geschäfte angeordnet wurde, ist das Publikum in große Erregung geraten, weil es unmöglich war, Le> bensmittel einzukaufen. Die Franzosen find schließlich mit gefälltem Bajonett vorgegangen, um Ansammlungen zu zerstreuen. Es wurden Massen - Bc r Haftungen vorgenom­men. — Auch in Essen ist cs gestern mittag zu Zwischenfällen gekommen. Die Stimmung des Publikums wird immer erregter und na mentlich der weibliche Teil der Bevölkerung ge­rät durch die stündlich erhöhten Lebensmittel- Preiserhöhungen in begreifliche Erreg­ung. Die Franzofen haben in der Nacht Pro- pagandaplakatc ankleben lassen, die von der Be­völkerung heute früh abgerissen wurden. Ein Kommando, das von zwei Ofizieren geführt wurde und etwa zwanzig Mann stark war, und das durch die Straßen gesandt wurde, um dje Attentäter festzunehmen, die sick an den Plaka- ten vergreifen, nahm unter anderem auch sechs M ä d ch e n fest, die auf der Wache aufs schwerste mißhandelt worden find.

deutsche Luftschifsahrt zu verbie­ten, teilt mit, daß diese Petitton bis heute 1310 000 Unterschriften erhalten hat. Außerdem hat, wie das Blatt mitteilt, der von ihm airfge- worfene Gedanke die Aufmerksamkeit der Regie, rungskreife geweckt. Der Gedanke werde von der Regierung geprüft und es sei sehr wahrschein­lich, daß in den neuen, Deutschland infolge der Ruhrbesetzung aufMerlegenden Bedingun­gen, die nicht nur die Reparationen, sondern auch die Frage der nationalen Sicherheit (!) be­treffen würden, die Forderungen des „Echo de Paris" Berücksichtigung finden würden.

Bermehrie Proteste.

Der Bahnhof Wanne ist wieder geräumt.

(Privat-Telegramm.)

Wanne, 9. Februar.

Nachdem die Franzosen den Bahnhof Wanne besetzt hatten, richtete Amtmann Wciberg hiergegen einen P r o t e st an den fran­zösischen Kommandanten. Er wies darauf hin, daß Wanne ein bedeutsamer Knotenpunkt sei, daß die Lebensmittelzustthr gefährdet werde und daß die auf dem Bahnhof stehenden großen Lebens- mittclsendungen dem Verdecken preisgegeben seien. Amtmann Weiberg ersuchte um sofortige Räumung des Bahnhofes. Gegen sechs Uhr abends wurde gestern der Bahnhof von den Franzosen wieder geräumt. — Aus London wird nach Essen gemeldet: Die Sitzung des bri­tischen Ministerrates, in der die Eisenbahnfrage im Ruhrgebiet behandelt werden follte, ist auf den heutigen Tag verschoben worden.

Kundgebung der lL'rdeiter.

K -i l n, 9. Februar. (Privat-Telegramm.) x’te „kölnische Zeitung" meldet aus Paris: Ter französische allgemeine Arbeiterverband tritt in den nächsten Tagen mit den Führern der belgischen Gewerkschaften in eine Beratung ein, um eine gemeinsame großzügige Kundge­bung in Belgien und Frankreich $u organisieren und gegen die Besetzung des Ruhrge­biets schärfsten Einspruch einzulegen. In Pa­ris wird geplant, eine Protestwoche zu veran­stalten und in Belgien und Frankreich werden Redner aus den beiden Ländern in allen Jndu- striczentren eine Oppofitionsstimmung gegen das Borgehen im Ruhrgebiet zu schaffen suchen.

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Einspruch der Schweiz.

Berlin, 9. Februar. (Privattelegramm.) Die schweizerische Gesandtschaft in Berlin teilt mit: Die schweizerische Regierung hat die französische Regierung darauf aufmerksam gemacht, daß durch die Besetzung Offenburgs itnb des Ruhrqebietes einige für die Schweiz be­stimmte Kohlenzügefestliegen. Sie Hai deshalb die französische Regierung ersucht, diese Züge freizugeben. Dies ist ihr auch von den Franzosen zugefichert worden. Gleich­zeitig wurde erflärt, daß auch die weiteren Koh­lenzüge. die fiir die Schweiz bestimmt sind, von der Besatzungsbehörde durchgelassen werden.

GLyorsamtzverweigemng.

Essen, 9. Februar (Privat-Telegramm.) In Datteln haben sich französische Besat- zunqstruppen geweigert, gegen deutsche Zi­vilisten vorzugehen. Es blieb der Besatzungs- behördc nichts anderes übrig, als die betreffende Schwadron zurückzuziehen.

ÄM neubesetzten Baben.

LebenSmittelnot und Verkehrsstörung.

(Privat-Telegramm.)

Karlsruhe, 9. Februar.

England und die Kohirnzügk.

London, 9. Februar. (Eigene Drcchtmeidung f In offiziellen Kreisen erflärt Man, daß sich die englische Regierung der Leitung der Kohlenzüge aus dem Ruhrgebiet mit fran- zösisckem Personal durch die englische Zone widersetzen werde. Sie werde Frankreich die Benutzung von zwei Linien Vorschlägen, die die englische Zone umfahren. Da ber-eme dieser Linien einen Zipfel der englischen Zone abschuei- bet, werde England Frankreich Vorschlägen, die Kontrolle über dieses Gebiet zu übernehmen. Die englischen Soldaten in diesem Gebiet würden so­mit zurückgezogen und durch französische ersetzt werden. Das Kabinett hat sich bereits versam­melt, um über diese Frage Beschluß zu fassen.

Segen deutsche Luftfahrt.

Immer neue franzöflsche Aetzardeit.

* (Eigene Drahtmeldung.l

Paris, 9. Februar.

Das „Echo de Paris", das vor einigen Wochen eine Petition in ganz Frankreich eröffnet hat, worin die Regierung aufgcfmdcrt wird, die

Der badische Staatspräsident hatte eine Be­sprechung mit den Ministern und in Bck-eru eine Besprechung mit den Bürgermeistern und Ver­tretern der Bevölkerung aus dem neubesetzten Gebiet. Eingehend wurde dann auch über die Lebensmittelversorgung und die Kre­ditgewährung für die Beschaffung von Lebens­mitteln verhandelt. Durch das Stillegen der Eisenbahn und durch die Einstellung des Betrie­bes der Banken ist der wirtschaftliche Ver­kehr außerordentlich gestört. Ter Personen- und der Postverkchr nach den nächfigelegenrn Bahn- und Poststationen soll gleichfalls durch einen zu schaffenden Notbetrieb über die schlimmsten SAvierigkeiten hinweghelfcn. Die im besetzten Gebiet massenhaft vorhandenen fran- zöstschen Soldaten kaufen die Lebensmittelge­schäfte völlig aus. Ein von der Bevölkerun • an die Besatzungsbehörde gestelltes Ersuchen, die Soldaten auf die militärische Versorgung zit ver­weisen, blieb unbeachtet. Infolgedessen find die Preise für Lebensmittel in hohem Maße gestie­gen." Die Brotverforgung ist in Frage gestellt.

Die Not der AnwÄte.

Tagung am 11. Februar in Weimar-

Der nachstehende Aufsatz wird une ouä wattSkrcisen geschrieben. Während diShe« ihre Notlage immer nur iurj angedentet tour- de, geben diese Ausführung«» ein« sachge- matz: Schildern-g, di« skhr be enitich ist.

Nicht immer sind diejenigen am schlimmsten dran, die am lautesten ihr Leid in die Oessent- lichkeit hinausschreien. — Nu» dann und wann lesen wir einen Hinweis auf die traurige Lage des N e ch t s a it w a l 1 s st a n d e s in der deut­schen Presse. Aber wie groß ist inzwischen die Not in diesem Stande geworden, der seit alters» her Ansehen und Achtung genossen hat und hel­fen Mitglieder sich in anstrengender, verantwor- iungsvoller und aufreibender Berufstätigkeit das Vertrauen der Bevölkerung ertoorben ha­ben! Das Nachrichtenblatt dcs Deutschen An- waftsvereins sagt mit Recht: „Von allen den Be­rufsständen, die mit dem Unglück Deut,chrands tn Rot und Elend gestürzt worden sind, hat die An­waltschaft wohl die schwersten Opfer zu bringen. Kein Anwalt will und kann sich der Notwendig» keit entziehen, die Röte und Sorgen der Allge­meinheit mitzutragen. Aber was jetzt auf dem Anwaltsstande lastet, überfte igt fei ne Kräfte und feine Leistungsfähig fei t. Gewiß sind die Gebühren erhöht worden. Mer es ist aus verfchiedenen Gründen unmöglich, sie der Geldentwertung anzupassen. Gewiß sind auch die Streitwerte hoher als früher. Da» schafft aber, wie ein Rechenexempel lehrt, niemals den erforderlichen Ausgleich in den Gebühren. Auf der anderen Seite steigen die Bureanunkosten ms Unermeßliche. Die Gehälter müssen von Monat zu Monat erhöht werden, um dem Angestellten­personal die zum Loben notwendigen Bezüge zu neben. Man möge sick nicht dadurch täuschen laf» sen, daß hier imd da einzelne Anwäste durch starke Inanspruchnahme bei Verteidigungen, bei Gründungen usw. gute Einnahmen erzielen. Das sind Ausnahmefälle. Sicher ist, daß selbst eine gute Prozetzpraxis allein bet den heutigen Geldverhältnissen einem Anwalt keine zum Le­ben ausreichende Einnahmen gewahrt, ^n dem Notariat, dessen Sporteln mehr, als dies bei den Rechtsanwaltsgebühren möglich war, der Geld- eniwertmig angepaßt sind, tritt allerdings eine Einnahmequelle hinzu. Sie darf aber auch nicht überschätzt werden, und es sind doch nur die we­nigsten Anwälte Notare! So führt die Rechts­anwaltschaft einen V erzw ei slun gskamp f um ihre Existenz, sie führt ihn tm allgemei­nen Interesse, denn noch niemals vorher War ein zuverlässiger Recktsberaterstaud eine so drin­gende staatliche Notwendiakeit. Mit großer Be­sorgnis sieht die Anwaltschaft einen nach dem anderen aus ihren Reihen scheiden und ,sich An­deren Berufen zuwenden. Hier in Kastel sind bereits in kurzer Zeit vier Kollegen in die Be- mntenlaufbahn abgswandert. Wer weiß, wieviel andere noch dem Anwaltstande den Riickeu keh­ren, weil sie in diesem Berufe ihr tägliches Brot nickt finden. . ,, „

Im September 1922 war die deutsche An­waltschaft nach Hamburg Berufen, nm auf einer gemeinsamen Tagung Erörterungen über ton» senfchastlicke und staudesrechtliche Fragen zu pflegen. Die Tagung mußte abgesagt toerden, weil es sick heraussteMe, daß die schwere Lage der Anwaltschaft die Aufbringung der Kosten einer folchen Tagung nicht ermöglichte. Jetzt soll nunmehr, frei von allem gesellschaftlichen Bet­werk. am 11. Februar ein außerordentlicher An- toaftstag in Weimar stattfinden, der sich in erster Linie und fast ausfckließlick mit der Not der Anwaltschaft befassen so«. Die zentrale Lage des Ortes, eine zu erhoffend« Preisermäßigung für die Eilenbahnfahrt und nicht zuletzt die katastro­phale Lage, in der sick die Mehrheit der Anwälte befindet, läßt einen regen Besuch erwarten.

Soll aber nun das ncktsncheude Publikum diesem Verf.allprozeß ruhig znseben, olles Heil für die Anwälte in Maßnostmen der Regierung und in der Selbsthilfe erblicken und feine An­teilnahme vielleicht in platonischem Wohlwollen erschöpfen? Die RechtsauwMe waren bisher die berufenen Rechtsberater des Volkes und sie ha­ben sich dieser Koben Ausgabe mit Stolz, Arbeits­frei,diakeit und Gewissenhaftigkcit unterzogen. Das Publikum möge nun dafür sorgen, bag es so bleibe und den Anwälten eine Entloonung urteil werde, die ihrer Arbeitsleistung und ihres Standes würdig ist, der Geldentwertung nch am paßt und sie vor Rot schützt. Man vergesse doch nicht den aewaltigen Vorzug, den der Beamte mit seiner Pension und Hinterbliebeneubezuqen vor den Anwälten voraus bat, und ertoaee, welche Summe eigentlick ein Anwalt jährlich w» rücklegen müßte, um Zinsen zu erzielen, die einem Rubegehalt gleichkommen, oder auch nur, um einen Stamm zum Ausbrauchen für stck oder seine Hinterbliebenen bereitzustellen. Aber kein Anwalt kann beute en Erfvarniffe denken: er ist froh, wenn et mit seinen Einnahmen seinen Un­terhalt findet. Man sorge an den maßgebenden Stellen dafür, daß sich die Arbeitsgebiete dcr Anwälte immer mehr erweitern können, daß sich