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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 303»

Fernsprecher 951 und 952

Freitag, 29. Dezember 1922.

Fernsprecher 951 und 952

12» Jahrgang.

Sie Gefährdung des Rhein- und Ruhrgebiets.

Was ist zu tun?

Dar IahresfchUrß.

Die letzten Tage des alten Jahres werden die deutsche Regierung vor schwierige Entschlüsse stellen. Es handelt sich um nichts Geringeres, als um das politische und wirtschaftliche Schich fal unseres Landes und Bolles. Di? endgültige Lösung des Reparationsproblems ist das erste und letzte Ziel der Reichsregierung. Die vis- henge Arbeit von Regierung und Parlament war im Hinblick auf die ungeheuren wirtschaft­lichen und mehr noch politischen Schwierigkeiten, die sich allen Bemühungen in den Weg stellten, auf eine Vorlösung, auf eine Zwischenlösung ab- gestmmlt. Di« allgemeine Weltlage der Gegen- rzart hat bisher auch noch nicht als tunlich er- schernen lassen, mit vollen Segeln auf die End­losung zuzusteuern. Dazu war der Boden auf der Gegenseite noch nicht genügend vorbereitet. Doch sehen sich die Dinge heute wesentlich an­ders als noch vor wenigen Wochen an. Es sind inzwischen Aenderungen in der Weltpolitik vor­gegangen, die und das ist, was wir heute rm Weiteren darlegen möchten die N e i g u n g zur endgültigen Inangriffnahme des foge- l^^vten Reparationsproblems begünstigen und fordern müssen.

,, Nicht Deutschland zu Liebe, nicht um der deut- schen Nation sich als Wohltäter zu zeigen, nicht um der deutschen Wirffchast ihr Ringen um die Ex-sienz zu erleichtern, ist der Wandel bemerk­bar geworden, sondern aus dem sehr realen darum aber auch sehr verständlichen und ein­leuchtenden Grunde, daß das Herauskom- men mis der jetzigen wirtschaftlichen Un­sicherheit für die ganze Welt billiger ist! Ja, man kann sagen, daß die Wirtschaftskrise, die gerade die sogenannten Sieger-Länder durch, machen müssen und die Kosten, die diese Arbeits- Wirtschafts- und Produktionskrise in Frankreich, ebenso wre in Amerika und England verursachen Vie! viel teurer zu stehen kommen, als die so sorgfältig ausgetüftelten, Deutschland zndittier- ten Reparations-Schuldsummen überhaupt aus­machen. Hier liegt der ebenso entscheidende wie überzeugende Grund dafür, daß in Verbindung sich zuerst in wirr- fchaftspolitifcher Hinsicht ein Wandel und eine Ilmrehr bei oen beteiligten Mächten zu vollzichen scheint.

Aber auch die politischen Zusammenhänge darf man nicht vergessen. Wenn Amerika sich ycute mehr als zuvor um die Lösung der Repa- raiionsE-uldfragen kümmert, so bat das seine hochpolitische wie auch wirtschaftliche Seite Lausanne bezeichnet hier die Wende. Nach­dem Amerika tn Lausanne tätigen Anteil an der Beratung und Regelung der Orientfraqen r.:mmt, kann es bei der Regelung der mitteleuro- valichen Fragen gar nicht mebr beiseite stehen Niemals und nirgends zeigt sich der unlösliche Zusammenhang der Dinge deutlicher als hier.

sich mr den Bosporus und Gallipoli inter- essieist und einsetzt. dem kann das Los Deutsch- Schicksal der Rheinlande und das

Ä? wirtschaftliche Geschick des Richr- gebiets nicht gleichgültig sein. Wenn aber auch die Ueberlegnngen noch nicht die einzigen dafiir sind, daß endlich Umkehr gehalten werden muß «E ist es just in der Frage, der Beteiligung cn Regelung dieser Probleme die gewichtige materielle Stellung, die die Ver­einigten Staaten einnehmen. Ohne den Schul- dennachlaß, den Amerika gewähren würde und b?r serner glanzenden Finanzposition auch ohne weiteres gewahren könnte, ist nicht daran zu baß, England seinerseits auf gewisse Schitchenwrderungen Frankreichs verzichtet. Und bei der Finanzlage Frankreichs, das sich heute einet inneren schuld von hundert Milliarden ^ranken und einer äußeren Schuld von über E'ßig GoldMilliarden gegenübersieht, ist es ver- siandlich, daß -zrankreich gewisse wirtschaftliche Vorbedingungen erfüllt seben möchte, wenn es sich zu einer Regelung des Reparationsvroblems out neuer Grundlage berbeilaisen würde

Und nun gilt es für »ns, für die deutsche Regierung, die Konsegnenzen zu ziehen. Noch b'^wal- d-.e endgültige Lösung muß unser allererstes Ziel sein. Wenn eine Zwischen- 1 ® sich unter erträglichen SJerWtnWen er­möglichen läßt, so würde sie freilich auch nicht von der Hand gewiesen werden dürren. Aber man muß sagen, daß in den letzten Wochen, ja vielleicht, um noch deutlicher zu fein, in den letz­en Tagen, die Dinge sich derart entwickelt bä­hen, daß man heute auf eine endgültige Lösung t>er Reparationsfrage entscheidendes Gewicht legen muss. Und hier beginnt die Frage: Was t Innerhalb der Reichsregierung

bat sich die Neigung, der veränderten Situ­ation entsprechend, die endgültige Lösung zu betreiben, verstärkt Das bedingt, daß deutscker- seit? Vorschläge und Anregirngen unterbreitet werden müssen, die der Größe des Augenblicks und der Schwere der Entscheidung entsprechen. Es muß aber eine in gleicher Weise der Gegen­seite annehmbar erscheinende, wie für die deutsche

Mrffchast tragbare Summe als Reparations­schuld angeboten werden. Es müssen auch die erforderlichen Sicherungen und die Gewähr für ihre Durchführung gegeben werden. Diese Sicherungen können naturgemäß nicht allein von der deutschen Regierung gegeben werden, auf die Weise, daß etwa bestimmte Reichseinnahmen, wie die Zölle, zur Verfügung gestellt werden. Es muß vielmehr auch auf den privatwirtschaftlichen und den industriellen und sonstigen Sachwert- Besitz zurückzegriffen werden. Derjenige Teil der Industrie, der sich bis jetzt gegen jede vorläufige Lösung gewandt hat und nur eine endgültige Lösung der Reparationsfrage hinnehmen zu kön­nen erklärte, hat nun Gelegenheit, seine Mit- arbett in ausgiebiger Weise zu vollziehen. Jetzt wird das Wort von der Schicksals- und Opfergemeinschaft des deutschen Volkes auf seinen, jeden Einzelnen in unserem Lande berührenden Inhalt praktisch erprobt.

Km Rhein und Ruhr.

Die französische» LoStrerrnrrngspläne. (Eigene Drabttnelduna.)

Paris, 28. Dezember.

Ueber die Absicht Frankreichs, eine Zoll grenze zwischen dem Ruhrgebiet «nd dem übrigen Deutschland «t schaffen, wird noch be kaunt, daß man dadurch eine jährliche Ein­nahme von einer Milliarde Goldmark zu er­zielen hofft. Diefe Summe soll in Uebcrein- stimmung sein mit den von den französischen Sachverständigen auf Grund der Produktionszif. fern Deutschlands für die letzten drri Ti'.'v" ab­gegebenen Erklärungen. Man nimmt an, wie es Marschall Fach auch kürzlich in einem Bericht erklärt hat, daß nur die Hälfte der im Umkreis des Ruhrgebiets befindlichen Truppen zum Schutz der französischen Zollbeamten herangezo- gen zu werden braucht. Die französischen Sach­verständigen erwarten außerdem noch vor Ende dieser Woche eilte Note aus Berlin und wollen auf diese Weise die deutschen Absichten hinsichtlich der Reparationszahlungen für Ja- uitttr kennen lernen. Falls diese Mitteilungen auSblciben, würde die Reparations-Kommission auf den Londoner Zahlungsplan zurückgreifen und eine ViertelmMardc Goldman in Bar fordern. Die französischen offiziellen Kreise weigern sich, die Berichte aus Berlin, die sich auf die Forderung eineß längeren Zahlungsauf­schubs beziehen, zu besprechen. Es wird neuer« dingS eine Erklärung Poincarös bestätigt, daß kein Zahlungsaufschub gewähtt wer­den könne, wenn man nicht Frankreich substan­zielle Garantten gewähren wurde.

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Protest brr frauzösifrfien Kommunisten.

Paris, 28. Dezember. (Eigene Drahtmel­dung.) DieHumanitö" veröffentlicht einen Auf­ruf der französifchen kommunistischen Partei g e - gen den Plan der Besetzung des Ruhrge- bietes. der mit einer Aufforderung an die französischen Arbeiter schließt, sich diesem zu einem neuen Kriege führenden Plane der ftan- zoflschen Regierung zu widersetzen und dafür zu sorgen, daß die interalliierte Konferenz in Varis gegenüber der Gefahr eines deutsch-französischen gemeinschaftlichen Generalstreiks verhan­deln müsse. Diese Drohung müsse dauernd ge­gen den gemeinsamen Feind, den internattonalen Kapitalismus, gerichtet sein. Nieder mit der Ruhrbesetzung; Gleichzeittg kündigt die kom­munistische Partei Frankreichs die Abhaltung einer großen öffentlichen Versammlung in Paris am 3. Januar an, tn der verschiedene bekannte Vettreter der Pattei, darunter Cachin, gegen den Plan einer Ruhrbesetzung protestieren werden.

®ie Soardewodkkk gegen Frankreich.

Saarbrücken, 28. Dezember. (Prwattele- gramm.) Der Gesamtvorstand der Deutschen Demokratischen Partei deS Saargebiets nahm einstimmig eine Entschließung an, in der schärfster Protest gegen die franzöpfchen Pläne einer Abschnürung des Rheinlandes vom Deutschen Reich erhoben wird. DaS Gewissen der ganzen Kulturwelt müsse zur Bekundung der Fittrüstung wachgerufen werden. Tas Saargebiet fühle sich mit dem Rheinlande eins und mit ihm zusammen als ein unzettrennbarer Bestandteil deS gesamten Deutschen Reiches.

Anfragen an die Negierung.

Gewerkschafts-Desprechuns beim Kanzler.

«Bioene Drahtmeldung.)

Berlin. 28. DezMber.

Tie Gew Ortschaften haben eine Be­sprechung mit dem Reichskanzler verlangt, die am Freitag vattfinLen soll. Dem Briefe, der

dieses Verlangen zum Ausdruck brachte, fügten die Gewerkschaften einen Fragebogen bei, der von der Regierung beantwortet werden soll. Die fünf gestellten Fragen besagen unter ander«:

1. Inwieweit hat die Regierung Vorsorge ge- trofftn, daß für die kommende Brotpreise r- Höhung ein Ausgleich in den Löhnen und Gehältern auch der Prkvatindusttie grschas- fen wird?

2. Inwieweit hat die Regierung dafür Sorge getragen, daß die der Entente angrbotenen Maßnahmen innerwirtschaftlicher A r t in den Kreisen der Wittschaft keinen Wi­derstand zu erwarten haben und inwieweit ist die Regierung bereit, bei der Vorbereitung dieser innerwirtschaftlichen Maßnahmen auch Sachoer­ständige aus den Reihen der Gewerkschaften zu hören?

3. Ist die Regierung bereit, die Ungerechtig­keiten des Reichseinkommen st euer- Gesetzes, insbesondere die Lohnsteuerpflicht, bei ihrem in Arbeit befindlichen Ergänzungsentwurf zum Einkommensteuergesetz auszugleichen?

4. Welche Absichten hat die Regierung zur Bekämpfung der Wohnungsnot, in­wieweit will sie aus eine Kontrolle der Baustoff, preise hinwirken?

5. Was gedenk sie zur Bekämpfung deS Wuchers zu tun und will sie dafür sorgen, daß die rechtliche Grundlage der Wncherbekämp fuitfl, insbesondere die Ftrage des Wiederbeschas« sungspreiscs, bald eine Klärung erfährt?

AncEche BsrMlnngm.

Das deutsche Holz für die Entente. (Eigener Drabtbericht.)

Paris, 28. Dezember.

Die Reparattonskommission hat (gegen die Stimme des englischen Vertreters) beschlossen, die deutsche Holzlieferung als ungenügend z« bezeichnen und Ersatz in Bar zu fordern. Wie dazu aus London gemeldet wird, betrachtet man dort diesen Beschluß als ein Manöver der stanzösischen Regierung und deutet ihn als ein» schwere Verwicklung der Sage. Die eng fische Auffassung geht dahin, daß sich die Bestim­mungen des Versailler Vertrages über ein ab­sichtliches Verschulden Deutschlands nur auf die Batteistungen nicht aber auf die Sachlieferungen beziehen können, roaS fchsn daraus hervorgeht, daß für die Erfüllung der Tachlieferungen in den verschiedenen Abteilungen besondere Maß- nahmen ausgestellt sind. Das französische Manö­ver wirft umso unangenehmer, als cs offensicht­lich darauf gerichtet ist, auf die bevorstehenden Pattser Besprechungen einen Druck auszu > üben und in gewissem Sinne sogar die Verbün­deten vor vollendete Taffachen zu stellen.

«

8ran?rti<9 droht mir Stoßns.

Paris, 28. Dezember. (Eigene Trahimel- diing.) Eine Pattscr Blättermelduug besagt: Im Anschluß an die Entscheidung der Reparattons­kommission in der Frage der deutschen Holzliefe- rungen ist die französische Regierung entschlossen, die Alliierten zur gemeinsamen Ergreifung von Zwangsmaßnahmen aufzufordern Wenn die Alliierten nicht geneigt sein sollten, sich daran zu beteiligen, werden die Franzosen entschlossen sein, allein vorzugehen.

Das SMente-VMnöerfpier.

«in Kompromiß auf Deutschlands Kofie«.

(Eigene Drahtmeldung.)

Bafel, 28. Dezember.

Der Pariser MUarbcitcr der Baseler Nach­richten schreibt zu den kommenden Rcparattons- Verhandlungen, die ttotz Lansanne und anderen innerpolitischen Verhandlungen in Frankreich die Gedanken am meisten in Anspruch nehmen: Wer in PattS an einen Erfolg der kommenden Konferenz glaubt, und vorläufig ist das noch die Mehrheit, der sieht auch ei« englisch-franzö­sisches Kompromiß auf folgender Grundlage zu standc kommen: Die alliierten Regierungen er­greifen sofott gewisse Pfänder in der Zone, die sie gegenwärtig besetzt halten und erst, wenn Deutschland in einer gewissen Zeit die Verspre­chen, die von ihm verlangt werden, nicht er­füllt hat, erstreckt sich die interattiierte Be­setzung antomotisch auf das Ruhrgebiet. Sollte ein Entscheid der Verbündeten nicht zu­stande kommen, so werde nach Ansicht gewisser fraxzosischer Kreise die Besetzung des Ruhrge- bietes sehr bald nötig werden, da man mit ihr den wirksamsten Druck auf Deutschland ausüben könne. Deutsche SorfiMäge, mit denen die französische Regierung sich einverstanden er­klären könne, bezeichnet man in Paris als beste Lösung, aber daran glaube man nicht mehr.

Das Äahresgefchäft.

Handel und Industrie im Jahre 1922.

®.e die wirtschaftliche SntwiGlungDeiitschland« von den «»«ünstigen politischen Ereignissen in dem zu Ende gehenden Jahr» »eeinsluz« wnrve, geht <1116 folgendem Bericht hervor, In der Vollversammlung der Handelskammer zu Berlin gab der Präschent einen Ueberblick über den Geschäftsgang und die Wirtschaftslage im Jahre 1922, dem wir folgende Ausführungen entnehmen:

Der bereits im Dezember 1921 eingetretene Rückgang des Warenbegehrs im In- und Aus­lande setzte sich im Januar fort. Aufträge wur­den nur zaghaft erteilt, da man keine sichere Grundlage für die künftige Preisgestaltung hatte. Als aber in der Folge die Mark im Werte weiter sank, wurde die Nachfrage allseitig wieder angefacht. Es fetzte, in Befürchtung noch weiterer Vetteuerung der Ware, von etwa Mitte Februar bis April eine starke Beschäf­tigung ein, die von immer steigendenPrei- fen begleitet war. Die Anforderungen der Kundschaft entsprachen zum Teil wohl einem tat­sächlich bestehenden Bedarf, da unsere Erzeu­gung ja nach wie vor nicht die zur Befriedigung des inländischen Verbrauchs erforderlichen Men­gen herstellt, sondern auch im Berichtsjahre im Vergleich zur Vorkriegszeit nur ein Drittel bis zur Hälfte ausmachte. Im April verlangsamte sich die Nachfrage infolge der durch die Verhand­lungen in Genua geschaffenen Unsicherheit; nach dem ergebnislosen Verlauf dieser Konferenz und dem Scheitern der AnleihiwerhanLlungcn setzte ein weiterer Marksturz ein, der wiederum Wa- rennachstage auslöste. Es wurden der Industrie' reichliche und zum Teil langfristige Aufträge er­teilt. Als dann gegen Ende Juni durch den Meuchelmord an dem deutschen Außenminister Rathenau und die Attentatsversuche auf andere führende Persönlichkeiten die Gefahren und die U n b e'st'crn digkeit der innerdeutschen Ver­hältnisse grell beleuchtet wurden, setzte in rasen­dem Tempo der Niedergang der Mark ein, der im gesamten Volke eine wilde Flucht vor ihr auslöste und zu stürmischen Angst- und H a m st erkaufen von Waren aller Att führte.

Ein wesentlicher Teil der gesteigerten Umsätze war auf die über Bedarf vollzogenen Käufe der besonders zahlungsfähigen fireife zurückzufüh­ren, für welche die Höhe der Preise keine Rolle spielte. Dazu traten die Massenaufläufe der Deutschland besuchenden Fremden aus valu­tastarken Ländern, für welche die deutschen Preise, an ihrem voWwertigen Gelde gemessen, einen Anreiz 3um Warenerwerb boten, was eine Fortsetzung des seit Jähren beobachteten Aus­verkaufs au Ausländer zur Folge hatte. Die­ser stürmische Warenbegehr hielt bis ungefähr Mitte Oktober an. Von diesem Zeitpunkt an trat eine Abschwächung ein, weil nach und nach, ttotz Lohn- und Gehaltssteigerung, die breite Masse des Volkes dem Preisstande, wie er sich in schnellerer Folge von Juni bis Ottober herausgebildet hatte, nicht mehr gewachsen war.

Der Einzelhandel nahm an diesem Ge- schästsverlauf in entsprechendem Maße teil. Auch er hatte bis etwa November glänzende Umsätze bei steigenden Preisen zu verzeichnen. Wie in den vorcmaeaangenen Jahren, war es lediglich eine Sch einkonjunktur, die in großen Zahlen­reihen der erzielten Umsätze ihren Ausdruck -and, in WirkliSfleit aber keine tatsächliche Erstarkung der Wirtschaft darstellte, denn auch der äußerliche Aufstieg brachte keine Mehrerzeugung an Gütern, sondern lediglich eine an der Mark gemessene Steigerung der Umsatzzisfern. Hochbezahlte Be­schäftigung und zu hohen Preisen erzielte Um­sätze vollzogen sich ohne Vermehrung der Pro­duktionsmittel und der Wirtschastssubstanz.

Vom letzten Jahresviertel beginnend, trat bis zum Jahresschluß ein Rückgang des Warenbegehrs ein Die Jndusttte verfügte zwar noch über reichliche frühere Aufträge, neue Bestellungen gingen jedoch wegen der Unsicher­heit der künftigen Gestaltung bereits spärlicher ein. Die Erzeugung geriet in eine umso schw i e» tigere Sage, je mebr durch die um das Viel­fache gesteigerten Produktionskosten der Kapitalbedarf immer größer wurde und die Anschaffungen ausländischer Rohstoffe wegen der zunehmenden Markentwertung immer mebr ein« geschränkt werden mußten. Ans vielen Gebieten, so in der Textilindustrie, der Lederindustrie, der Metallindustrie und in manchen anderen, die auf den Bezug ausländischer Rohstoffe angewiesen sind, kam es am Jahresschluß hu Arbeits- einschränkungen in Form von Kurzarbeit oder Arbeiterentlassungen. Der Absatz nach dem Auslände vermochte keinen Ausgleich für den Ausfall nt fdtaffen. Die Preif e der deutfchen Erzeugnisse hatten eine dem Auslandsverkehr hinderliche Höhe erreicht. Bei vielen Artikeln, wie Terfifien, Schuhwaren. Eifen- und Holz- Waren näherten sie sich nicht nur den Weltmarkt- greifen, sondern überschritten diese. Dazu *am, daß die hanptsö.chfichen ausländischen Märkte rar deutsche Waren sich durch Prohi^ZNSÜ- und