Einzelbild herunterladen
 

VN-.' -

Rrrmmer 292

Fernsprecher 951 und 952

Donnerstag, 14. Dezember 1922,

12. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952

Weitere Aussprache in der Entente

I

r

dann endlich tagt es?

K. F. D.

M

I

1'

ti

i | ä

1 1

den noch

i i i 8 I i I 1

V

und ihre Wirkungen auf die Reparationen kein ganz klares Bild machen.

träumen? Man wird sie mit der Laterne suchen können. Jedenfalls scheuen sie mit ihren hatt- losenAdeen dasTageslicht. Menschlich verständlich sind aber die Erklärungen, die am Montag der bayrische Ministerpräsident v. Knilling gab, als er die französische Sühneforderungen zu­rückwies. Zwar muffe alles vermieden werden, was Zwischenfälle Hervorrufe, aber man muffe auch die Erbitterung unseres gequälten Volkes verstehen, wenn es sich einmal gegen die fremde Knute aufbäumt? Wie sehr wir von den Al­liierten betrogen worden sind, darauf weift setzt

und deutschen Regierung über die Frage der äußeren Anleihe fiattgefunden habe. Die Anregung hierzu soll von der englischen Regie­rung ausgegangen sein, die den Wunsch ausge- drüikt habe, von der Relchsregierung darüber unterrichtet zu werden, ob die deutsche Industrie unter Umständen geneigt sei, eine Anleihe z» garantieren und, wenn das der Fall ist, «niet welchen Bedingungen dies geschehen könne.

reich der Krieg gegen das deutsche Volk fortgesetzt das sich in blinder Ver­trauensseligkeit selbst entwaffnet hatte! Mitt­lerweile mußte das deutsche Volk einsehen, daß es mit der Selb steniwafsnung einem plumpen Trick der Gegner zum Opfer gefallen ist. Wenn diese Erkenntnis jedem Einzelnen klar wird,

Die Staffelet Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar ad end s. Der LdonrrementSpreis beträgt monatlich E- Marl bei tretet Zuftellunz ins Haus, in der Geschäftsstelle abgeholt 390. Marl monatlich. Auswärts durch die Post bezogen 400. Mark monatlich einfchl. Zustellung. Bestellungen werde» jederzeit entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaktion.. Schlachthofstrabe 28/30, Für unverlangt eingesandte Beiträge kann die Redaktion eine Verantwortung oder Gewähr in keinem Falle übernehmen. Rürkzahltmg des BezugSgeldeS oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnüngSmätziger Lieferung »uSgefAlosten.

auch ein Neutraler, der berühmte dänische Li« terarhistoriker Georg Brandes, hin mit den Worten: »Die Alliierten hatten wiederholt er­klärt, daß sie mit dem deutschen Volke keinen Streit hätten, sondern nur zu dem Zweck Krieg siihrten. um die kaiserliche Autokratie zu Zer­stören. Und das Politisch naive deutsche Volk war nicht argwöhnisch genug, um zu erkennen, daß die politische Heuchelei ihre Wiedergeburt er­fahren hattet Seit 1918. seit Beendigui

3nfettton8pretfe: a) «einheimische Aufträge: Die einspaltige Auzetgenzelle M. 28., dte einspaltige Reklamezetle M. 75.. b) Auswärtige Aufträge: Dte etnspaWge Anzeigenzetle M. 25., dte einspaltige RetlamezeUe M. 75, aller einschließlich TeueruugSzuschlag und Anzeigeusteuer. Für Anzeigen mit besonders schwierigem Satz hundert Prozent Ausschlag. Für die Richtigkeit aller durch Fernsprecher abgegebenen Anzeigen, sowie für Aufnahme­daten und Plätze kann eine Gewähr nicht übernommen werden. Druckerei: Schlacht- hofstratz« 28/30. Geschäftsstelle: Kölnische Strafte ö, Telephon Nummer 951 und 952.

6!emenceau agitiert weiter.

Seine Bemühungen in Amerika.

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 13. Dezember..

Clemcnceau begab sich nach Chicago, wo er an der Eröffnungssitzung der Tagung des Ver­bandes der amerikanischen Land wirte teilnahm Dabei hielt er eine Rede, in der er unter ande­rem sagte: Der Krieg, den wir geführt haben, endete mit einem vertrage. Die Amerikaner haben geglaubt, sich für die Ausführung dieses Ncrtragrs nicht ini'ressieren zu müffen. Daraus ift die jetzige Krise entstanden. Amerika hat zwischen dem endgültigen Frieden und einem zukvuftigen Kriege zu wählen Der endgültige Friede kann in Europa sofort verwirklicht werden unter der einzigen Bedin gung. daß Amerika erklärt, an der Erfüllung des Vertrages interessiert zu sein. Weiterhin sprach Clemenceau über die materiellen Inter­essen Amerikas an den europäischen Märkten, die vor dem Kriege ein Drittel der amerikani­schen Ernte auftunehmen pflegten. Amerika müsse sich auch aus diesem Grunde den euro­päischen fragen wieder zuwenden. Am Abend kehrte Clemenceau wieder nach Rewyork zurück.

fahren batte." Seit 1918. seit Beendigung des - Krieges gegen die Monarchie" wird von Frank'

Um eine Anleihe.

Fühlungnahme Englands und »errtschlands.

, (Eigene Draht Meldung.)

Berlin, 13. Dezember.

Sn der Derhondlungsvause.

Paris, 13. Dezember. (Eigene Drahtmel­dung.) Poinrars und die übrigen Vertreter auf der Londoner Ministerpräsidenten-Konfrrenz sind gestern nachmittag in Paris angekoutmen. Ob Poinrars an diesem Freitag in der Kammer, in der die Jnterpellationsdebatte wieder ausge­nommen werden soll, das Wort ergreifen wird, ist zweifelhaft. Was Poinrars über die Lon­doner Verhandlungen zu berichten hat, wird er zunächst in dem heute vormittag angesetzten Ministerrat, also unter Ausschluß der Oef- fentlichkeit, sagen. Man betrachtet die Londoner Verhandlungen nicht als abgebrochen, sondern als v e r t a g t, und in der eingetretenen Pause soll »wischen den verbündeten Regierungen, vor allem »wischen Paris und London, ein weiterer Meinungsaustausch in der sogenannten Psändersrage stattftnden.

warfen wurde, darauf drängte, mit den Truppen nach Deutschlarch vorzurücken und den Rhein alz Grenze zu betrachten.Die tückischste Fornt war Clentenceaus Vorschlag, daß die deut- scheu Provinzen auf dem linken Rheinufer bis zur Erftillim« des Vertrages besetzt bleiben sollten. Das würde bedeuten: Für immer!" »Die Tatsache, daß dies dje Un- terwerfung von Millionen Männern deutschen Blutes, deutscher Abstammung und Sympathien unter fremdes Joch bedeutet machte auf die rheinische Richtung" der französischen Politik keinen Eindruck." Lloyd George sagt, er habe sich bemüht, Frankreich zum Rückzug ans Deutschland zu veranlassen, er habe deshalb ein englisch-französisches Mlitärabkommen vorge­schlagen, wonach England auf Frankreichs Seite treten würde, falls später ein deutscher Angriff erfolgen sollte, aber zuerst Clemenceau, dann Briand und danach Poincare haben eine solche englische Garantie abgelehnt, weil Frankreich den Vorwand behalten will, feine Truppen dauernd am Rhein zu lassen, sie vielleicht gar weiter twrzuichicken. Was wir in Deutsch­land schon immer wußten, hier issts von einem einwandfreien Zeugen bestätigt!

Kann es jetzt noch Deutsche geben, denen di?

Kann es jetzt noch Deutsche geben, denen di? In hiesigen unterrichteten Kreisen verlautet Augen nicht aufgehen? Gibt eS bei uns noch ucuerdingS, wie der Lokalanzeiger berichtet, daß Phantasten, die von einer Welwcvbrüderung eine Fühlungnahme zwischen der englischen

Bonar Law an Enno.

Paris, 13. Dezember. (Eigene Drahtmeldung.) Reuter berichtet, daß die Entscheidung der Pre­mierminister über die deutsche Rote vorgestern abend in Form einer kurzen und höflichen Ant- wortnote Bonar Laws an Cuno nach Berlin ge­schickt wurde. Bonar Law erklärte, dass sie von den verbü rdeten Ministerpräsidenten geprüft worden sei. Er fjhft den Ausdruck feines auf­richtigen B^muerns hinzu, daß die Ministerprä­sidenten der Ansicht seien, daß die deutschen Vor­schläge unter den gegenwärtigen Umständen keine Lösung für dir Schwierigkeiten bieten.

Endlich tagt es!

Anklagen gegen Frankreich.

Man atmet erleichtert auf darüber, daß sich die Erkenntnis immer mehr Bahn bricht, wer eigentlich der Friedensstörer in Europa ist. Da Poincar« die Londoner Konserenz zmn Scheitern gebracht hat. besteht kein Zweifel, daß die ftanzöstsche Regierung nicht gewillt ist, Deutschland einen langen Zahlungsaufschub zu gewähren. Die Forderung nach Pfändern zeigt deutlich an. wonach Frankrei ch strebt. Die Herrschaft über Rhein- und Ruhrgebiet und da- »tit die völlige Ausraubung Deutschlands ist das Ziel der über alle Matzen habsüchtigen Franzosen. Letzthin war ja auch die Sühne- sorderung, wonach die bayerischen Städte Ingolstadt und Paffau je eine halbe Mllion Goldmark an die Entente-Militärkontroll-Kom- mission zahlen sollten, ein Beweis für die unter­schiedliche Bewertung deutscher und französischer Vergehen. Während in den genannten bayerischen Städten die Kontroll-Kom­mission. die vom Volke als unwürdige Einrich­tung empfttnden wird, nur durch Worte belästigt worden war, kommt es im besetzten Gebiet hundertfach vor, daß friedliche deutsch: Staats­bürger von den weiße n und schwarzen Fran­zosen gepeinigt, Frauen und Mädchen geschän­det werden. Mehrfach sind Deutsche sogar ohne Grund von ftanzösifchen tobsüchtigen Soldaten erschossen worden. Meistens schützt die Besat- zungsbehörde die Verbrecher. Kann sie aber ei­nen Fall nicht beschönigen, dann erfolgt ein mildes Urteil. Deutsche Parteien und Verbände baben gegen das französische Gebühren voll Entrüstung Einspruch erhoben. Selbst die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften haben sich den Protesten angeMoffen. Das ver­dient besonders vermerkt zu werden, weil gerade Linksparteien es bisher vermieden haben, etwas gegen Frankreich zu sagen. Sie suhlten sich durch ihre Theorie gebunden, glaubten, man müsse Frankreich zu Willen sein, um vielleicht dadurch die ftemden Peiniger milder zu stim­men. Aber sie erlebten Enttäuschung über Ent­täuschung, vom Versailler Diftat angefangen, de langen Leidensweg der schrankenlosen Erfül- lutgspolitik hindurch bis zu den Ablehnungen der neueften Zeit. Die Erkenntnis war wohl schon lange vorhanden. Endlich nach vier Jahren wird auch ihre Entrüstung laut, zwar et- was spät, doch besser als nie.

Es hieße auch, sich Augen und Ohren zu- hinden. wenn man die ftanzösischen Rechtsbrüche nicht bemerken wollte. Endlich ist uns auch ein werttwller Zeuge in Lloyd George er- standen. Dieser muß ja die französischen Schlichs und Uebergriffe besonders gut kennen, denn in seiner Eigenschaft als britischer Ministerpräsi­dent hat er mit den verschiedenen ftanzösischen Ministerpräsidenten Anteil an den für Deutsch­land seit 1918 unglücklichen Ereignissen. Sol an gi­er tm Amte war, glaubte er die gemeinsame Al­liiertenpolitik durch Nachgeben und Schweigen unterstützen zu müssen. Fetzt aber, da er frei ist, kann er ein offenes Wort reden. Durch feine Haltung im und nach dem Kriege kann er un­möglich im Verdacht stehen, ein Freund Deutsch, lands angriff. Llodd George erinnert ihn dar- so bedeutsamer, weil unparteiisch. Es ist eigent­lich überraschend, mit welcher Gelassenheit er di« Alliiertenpolittk unter das Seziermesser nimmt und die französischen Giftgewächse bloßlegt. Clemenceau,der alte Tiger", gab ihm da­zu geeignete Veranlassung, ÄS dieser bej seinen Agitattonsreden in Amerika die Haltung Eng- landS tngriff. Notzd George erinnern ihn dar- pn, daß Frankreich, als das Friedensdiktat ent«

Gegen den fremden DmS.

Kundgebung der Gewerkschaften.

(Eigener Drahtbericht.)

Berlin, 13. Dezember.

In der gemeinsamen großen Kundgebung dec deutschen Spitzengewerkfchaften führte Reichs- Minister a. D. Wissel ben Vorsitz. Er wieS auf Deutschlands mtgeheure Notlage hin. Der Hunger gehe in Deutschland um. Die Ur­sache dieseS Zustandes fei das Versailler Friede ns diktat. Als erster Redner des Abends führte sodann Knoll, Vertreter des Allgemeinen Deutschen Gewerkschafts-Bundes, aus: Wir leben heute unter der Umkehrung des bekannten WortesDer Krieg ist die Fortfüh­rung der Politik mit anderen Mitteln", denn es müßte heute heißen: Der F r i e d e ist die F o r t - führung des Krieges mit anderen Mit­teln. Das Wort des früheren Reichskanzlers Dr. WirthErst 3?rot. dann Reparationen" hat auch heute noch seine Bereinigung. Wir fordern im Ramen der Menschlichkeit die Revision des Friedensvertrages von Versailles. Gustav L n p i d - 5 sprou/ hierauf als Ve-ttLe- des Gemerkschastsringes deutscher Arbeiter-, Ange­stellten- und Beamtenverbände über das Thema Der Zusankmenbruch der deutschen Sozial­politik. Verkündet hat der Völkerbund allerdings soziale Gerechtigkeit, aber noch nie sei die Arbeiterschaft so enttäuscht worden. Am meisten litten aber die deutschen Arbeitnehmer, die vor dem Zusammenbruch ihrer in jahrzehnte­langer Arbeit geschaffenen sozialen Einrichtungen standen. Das deutsche Volk will arbeiten, aber eS muß auch die Hoffnung haben, daß es da­durch zu neuem Menschentum aufsteigen kann.

*

Das deutsche Doft hat keine Schuld.

Berlin, 18. Dezember. (Privattelegramm.) Die Wirkungen des Versailler Diktates auf die wissenschaftlichen und kulturellen Wohlfahrtsein­richtungen behandelte in der Gewerkschafts-Kund­gebung Balkrusch (Deutscher Gewerkschafts- 6unb). Er sagte unter anderem: Wir wünschen eine Verständigung mit der Entente auf vernünf­tiger Wirtschaftsbasis und wenden uns gegen die imperialistischen Gelüste Frankreichs, gegen einen Raub des deutschen RheineS und des Rnhrgebie- teS. Als letzter Redner der ernsten Kundgebung, der unter anderem auch der Reichstagspräsident Loebe beiwohnte, sprach Süß vom Bfabund über Weltwirffchaft und Versailles". Auch dieser Redner schloß mtt der Aufforderung, mitznarbei- ten an dem Ziel, den wahren Völkerfrieden her- beizuführen. Minister a. D. W i s s e I faßte zum Schluß zusammen: Wir als Volk haben nie­mals den Willen zum Kriege gehabt. Ter Entente gegenüber hat das deutsche Volk keine Schuld. Alle Röte und Entbehrungen deS deutschen Volkes nützen der Welt nichts. Es muß endlich einmal von den Drohungen gegen da« Deutsche Reich abgelassen und die Reparativ ns last auf eilt erträgliches Matz herabgesetzt werden.

Schicksal der Bücher.

Die Not der Wissenschaft.

Professor Adolf v. Harnack richtet in eine« englischen Zeitschrift einen Aufruf an die Seit, «m die deutsche Wissens«.: cnt zu retten

Adolf v. Harnack berichtet über die Versuche Deutschlands, sich selbst zu helfen und schildett die Gründung derNotgemeinschaft der deutschen Wissenschaft" und ihre Leistungen. .Aber die KarÄstrophe, die das wirtschaftliche geben Deutschlands in den letzten vier Monaten über­wältigt hat, hat auch die schlimmsten Wirkungen auf die deutsche Wissenschaft gehabt," fährt er fort.Die Entwertung des deutschen Geldes hat eine entsprechende Entwertung aller anderen Werte zur Folge gehabt. Schon vor zwei Jah­ren glaubten wir, wir wären in großer Not; aber jetzt erst begreifen wir ganz, was die Worte große Not" undZusammenbruch" wirklich be­deuten. Gegenwärtig handelt es sich nicht län­ger darum, der deutschen Wissensckast zu hel­fen, sondern sie zu retten. Dieser Ruf nach Hilfe wendet sich nicht nur an die Deutschen selbst, denn sie können in ihrer Verarmung nicht mehr viel leisten; er richtet sich

en alle zivilisierten Menschen. , .

Ich will hier nicht die Frage der Verantwort­lichkeit erörtern; ich begnüge mich damit, zu er­klären, daß wir hier vor einer Gesamtverant- wortlichkeit stehen, die alle Völker tragen und daß die bereits erfolgten Verluste nur durch eine Gesamthandlung gut gemacht werden können." Harnack erörtert dann des Näheren die Kata­strophe, die über unsere Wiffenfchast hereinge- tbrochen ist. Er.wicderholt vor. dem Ausland die uns leider nur zu wohlbekannten Tatsachen, daß Deutschland keine fremden wissenschaftlichen Bücher und Zeitschriften mehr kaufen kann und daß es dadurch von derSphäre international?? wissenschaftlicher Tätigkeit" ausgeschlossen wird. Wissenschaftliche Werke und Zeitschriften können in Deutschland nicht mehr gedruckt werden, die Resultate gelehrter Arbeiten muffen in kurzen Auszügen vorgelegt werden, die für den Fort­schritt der wissenschaftlichen Forschung nur we­nig Wett haben. Gelehrte von hohem Ruf befinden sich heute in den denikbar größten

materiellen Schwierigkeiten

und wissen oft tatsächlich nicht, wovon sie die nächste Woche leben sollen. Sie müssen daher irgend einen Nebenerwerb suchen und verbrau­chen ihre Kraft im furchtbaren Kampf ums Da­sein, schweigend, denn sie sind zu stolz, um zu klagen. Endlich fehlt der Nachwuchs an Gelehrten. Die Zahl der Mudenten ist zwar noch groß, aber nur eine begrenzte Zahl kann seine Studien beenden, sehr viele müssen vorher ins praktische Leben übertreten. Die wichtigste Quelle der deutschen Wissenschaft, die in der gro­ßen Zahl junger Gelehrter lag, ist fast völlig ausgctrocknet. Die Studenten können sich keine Bücher mebr kaufen, die Naturforscher keine kost­spieligen Versuche mehr aussühren. Harnack rveudet sich dann gegen den Einwand der Aus­länder, daß siedie deutsche Wissenschaft nichts angeht". Andere Völker würden eben in der wissenschaftlichen Forschung die Stellung der Deutschen einnehmen, und diese könnten toieber anfangen, wenn sie sich erholt hätten.Es gibt aber keine Pause in wissenschaftlicher Forschung, wie uns die Geschichte lehtt," sagt Harnack,je­der Wiffenszweig Sann nur leben, wenn er fort» schreitet; Anshören ist gleichbedeutend mit Tod. Es ist dasselbe wie bei einem Hochofen: wenn die Kohle fehlt, so geht er aus und kann dann erst wieder mit großen Mühen entzündet werden." Aber nicht nur für Deutschland ist der Untergang seiner Wissenschaft von unaeheurem Schaden, sondern für die ganze Welt:Die Solidari­tät der modernen Wissenschaft isi ebenso groß. Ivie die der modernen Wirtschaft. Alle zivili­sierten Völker der Welt sind eben

voneinander abhängig,

was die Aufrechterhaltung der Sultitr und Wis­senschaft anbe»ftifft. Wenn in einem großen. Lande alles geistige Leben vernichtet wird, bann leiden auch die anderen Länder darunter. Eine Zivilisatton, die sich im Zustande des Verfalles mit all den beunruhigenden Krankheitserschei­nungen der Unruhe und Verwüstung befindet, bedeutet eine Gefahr nicht nur für die nächsten Nachbarn, sondern für die ganze Welt. Wenn die Dinge so weit gekommen sind, dann wird es sich nicht mehr um die Verarmung oder den unge­nügenden Fortschritt der Wissenschaft infolge des Ausscheidens von Deutschland hanoeln, sondern diese Dinge werden dann längst vergessen fein. Die einzige Frage, die sich dann erhebt, wird die sein: ist es noch möglich, die europäische Zi- vilisatton von dem allgemeinen Zusammen­bruch zu retten? Harnack hält die Rettung der deutschen Wissenschaft noch für m' - aber die letzte Minute ist gekommen, und es ge­nügen nicht nur die großherzigen Unterstützun­gen einzelner Freunde, so dankbar wir dafür sein

Nach der Konferenz.

Berichterstattung über de« Abbruch.

(Eigene Drahtmeldung.)

-Berlin,' 13. Dezember. .

Staatssekretär a. D. Bergmann wird von der Reichsregierung im Laufe des heutigen Tages in Berlin aus London zurückerwartet. Er soll über die Londoner Konferenz und die Grün­de, die zu dem Abbruch der Besprechungen und zu der Ablehnung des deuffchen Vorschlags geführt haben, Bericht erstatten. Die Reichs­regierung wird erst auf Grund dieses persönli­chen Berichtes weitere Beschlüsse fassen. Sie sieht in dem Abbruch der Londoner Verhandlun­gen nur eine Berta gung der Besprechung, die dadurch notwendig wurde, daß sich infolge des deutschen Vorschlages das Gebiet der Aus­sprache erheblich verschob. Während PoinyarL die Absicht hatte, die Aussprache nur über seine Gewaltpolitik zu führen, wurde durch den deut­schen Schritt die Debatte mehr auf die wirt­schaftliche Seite der Reparationen gelenkt. Bonar Law konnte sich mit Rücksickst auf die in Washington gepflogenen Verhandlungen über das Problem der interalliierten Schul-

Meier Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung