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Freitag, 8. Dezember 1922.

Kasse!« Neueste Nachrichten '

12. Jahrgang. Nr. 287.

starken Erhöhungen des Auslandsgetreides eine untergeordnete Rolle. Das Reichskabinett hat dieser Entwicklung Rechnung getragen und in seiner Sitzung vom 9. November die Er­höhung der Umlagepreise auf 90 000 Mark pro Tonne beschlossen. Dadurch ist eine Erhöhung des Brotpreises bedingt. Wenn diese Erhöhung auch erheblich zurückblcibt hinter den Erhöhun­gen anderer Preise und wenn man auch an­erkennen muß, daß durch die Umlage cs noch möglich ist, den Preis im Verhältnis niedri­ger zu halten als die übrigen Preise, so ist nicht zu verkennen, daß die Erhöhung in den Familien schmerzlich enipfundcn wird. Sic ist eine unvermeidliche Folge der Markcntwertung.

Kurze Reichsragssitzung.

Die Beratung des Haushaltsplanes.

Berlin, 7. Dezember.

Im Reichstage wurde gestern zunächst be­kannt gegeben, daß zwölf Abgeordnete infolge der obcrschlcsischen Wahlen aus dem Reichsparlamente ausscheiden und zwei neue dafür eintreten. Die sozialdemokratische Inter­pellation über die Steigerung der Lebens- mittelpreife soll, wie ein Regicrungsver- treter mitteilte, in der nächsten Woche beantwor­te werden. Der Gcsetzenwurf, der die Kündi­gungsfristen für Schwerbeschädigte ver­längert, wurde dem Sozialpolitischen Ausschuß überwiesen, nachdcnr der Arbeitsminister darauf hingeiviesen hatte, daß in Deutschland 35000 Schwerbeschädigte vorhanden sind, von denen 9000 dauernd arbeitsunfähig sind. Der Reichs­tag setzte dann die Lesung des siebenten Nach­trages znnl Haushaltspläne fort und zwar beim Verkehrsministerium. Bei den Abteilungen für Wasserstraßen und für Luft- und Kraftfahrwesen führten die Kommunisten Beschwerde über die Entlassung von Arbeitern. Den Wafferschutz wollten sie überhaupt beseiti­gen. Sie fanden mit diesem Anträge aber keine Gegenliebe. Bei der Verwaltung der Deutschen Reichsbahnen wandte sich der Kommunist H ö l - lein gegen den Gedanken eines Verkaufes der Reichsbahnen an die Industrie und erging sich dann in heftigsten Beschimpfungen gegen die Eisenbahnverwaltung, der er Spitzclwesen und Versuch zur Durchlöcherung des Achtstundenta- ges vorwarf. Der Abgeordnete K n i e st forderte eine Revision der Tariferhöhungen. Der Haus­halt des Verkehrsministcriums wurde darauf gebilligt. Am heutigen Donnerstag sollen wei­tere Haushaltspläne beraten werden.

Deutsche Notgemetnschaft.

Ein Volkshilfswerk.

Zur Unterstützung des Volkshilfswerkes ..Deutsche Notgemeinschaft" werden besondere Wohlfahrtsmarken herausgcgcben, die zum Freimachen von Postsendungen im inneren deutschen Verkehr zugelaffen sind. Die Wohl­fahrtsmarken sind in der Zeit vom 11. Dezember 1922 bis einschließlich 15. Januar 1923 bei allen Vostänttern erhältlich. Es bandelt sich um zwei Marken zu 6 und 12 Mark. Zn diesen Nennwer­ten wird ein Zuschlag von 4 und 8 Mark erhoben, so daß die Marken zu 10 und 20 Mark verkauft wr.dew Aks Freigebühr gilt nur der Nennwert von 6 und 12 Mark. Der Ertrag der Aufschläge ist für die Zwecke der Deutschen Notgemeinfchast bestimmt.

Von jeder Marke werden fünf Millionen Stück bergcstellt. Das Markenbild entspricht einem Entwurf von Zissarz:Ein zum Stern der Hoffnung auffchauendes Mädchen pflanzt ein junges Bäumchen". Dieses Marienbild wirdrtitf anderen Postwertzeichen nicht erscheinen. Die Marken haben die dovvclte Größe der gewöhn­lichen Freimarken. Die Marke zu 6 Mark ist blau, die zu 12 Mark rot. Im unteren Teile der Mar­ken befindet sich der Aufdruck4 Mark bezw. 8 Mark, Alters- und Kinderhilfc" in brauner beziehungsweise blauer Farbe.

Französische MenfchenröuHrr.

Werber der Fremdenlegion.

Aus Göttingen wird geschrieben: Die Werber für die Fremdenlegion scheinen auch in Göttingen an der Arbeit zu sein. Als der sech­zehn Jahre alte Arbeiter Gustav Thiede am Dienstag morgen zu seiner Arbeitsstätte ging, wurde er in der Nähe der Oberrealschule von

Sei Männern mit einer Reisetasche nach dem !ge gefragt. Während er Auskunft gab, fuhr ein Auto heran; die beiden Männer fesselten mit einem Rienten den jungen Mann und war­fen ihn ins Auto. Währenddessen hielt ihm ein anderer ein Betäubungsmittel unter die Nase. Auf dem Bauche liegend, die Füße rück­wärts gebunden, mußte der Bedauernswerte die Fahrt bis nach Mainz machen. Erst hier ist es der Achtsamkeit eines Effertbahnschaffners zu dan­ken, daß Thiede nicht für immer verschwunden ist. In Mainz wurden die Fesseln gelöst und in Begleitung der zwei Männer sollte er die Fahrt im Zuge nach Saarbrücken machen. Ein Schaffner fragte den Fungen nach seiner Her­kunft und entriß ihn dann den beiden Händ­lern, die das Weite suchten. Der Junge tonnte nunmehr seine Heimreise'antreten.

Abgabe der Feldpostbriefe.

Sammlung im Reichsarchiv

Oberarchivrat im Reichsarchiv, E. Otto, Pots­dam, bittet uns um Aufnahme folgender Mtt- teflung: Als wertvolle Ergänzung des vorhan­denen amtlichen Aktenmaterials sammelt das Reichsarchiv zu Potsdam Feldbriefe, pri­vate Kriegstagebücher und sonstige Kriegsteil­nehmer-Berichte. Nur aus ihnen gewinnt der Geschichtsforscher einen Einblick in das seelische Empfinden der Kämpfenden, den Eindruck, den der Vormarsch in Feindes-

Das Leipziger Urteil

Begründung des Urteils gegen die Scheidemann-Attentater.

Wie im größten Teil der gestrigen Auflage bereits mitgeteilt wurde, hat der Staatsgerichts- bof zum Schutze der Republik gestern mittag die Scheidemann-Attentater H u st e r t und Ochl- scklägcr wegen Mordversuchs verurteilt, und zwar Hustcrt zu zehn Jahren Zuchthaus und Oehlschläger zu zehn Jahren einem Monat Zuchthaus, unter gleichzeitiger Bcrücksichttgung des unbefugten Waffenbesitzes. Bei beiden Ange- flagten wurde auf Aberkennung der bür­gerlichen Ehrenrechte für die Dauer von zehn Jahren erkannt. Die Verkündung des Ur­teils ging in feierlicher Weise vor sich. Zur Be­gründung führte der Vorsitzende folgendes aus: Der Gerichtshof ist im wesentlichen den Ausfüh­rungen beigetreten, die der Oberreichsanwalt in seinen Darlegungen gegeben hat. Das eigene Geständnis der Angeklagten läßt er­kennen, daß diese den Enffchluß gefaßt hatten, den Oberbürgermeister Scheidemann zu strafen, und daß sie beschlossen hatten, ihn zu töten, um, wie sie ongaben, ihn von seiner weiteren politi­schen Tätigkeit abzuhalten. Dieser feste Entschluß ist von den Angeklagten von Anfang an bis zum Ende ihrer Täterschaft festgehalten worden. Es -st als feststehend anzusehen, daß sich beide An- aeflagien in vollständiger U e b e r e i n st i m - mung zu der Tat verstanden haben. Es ist wiederholt von ihnen die Möglichkeit erörtert worden, daß sie sich erst Waffen verschaffen woll­ten. Möglich ist auch, daß sie die Tat hinzöger­ten, um weitere Anweisungen von anderer Seite zu erwarten. Denkbar ist auch, daß sie noch an­dere Mittel, besonders geldlicher Art, erwarteten. Alle diese Möglichkeiten sind icdoch gleichmäßig für die Tat verantwortlich. Verwendet worden ist Gift, ein Gift, das Zweifellos tödlich wir­ken konnte, und das auch zurzeit der Tat voll­ständig dazu geeignet war. Kein Zweifel besteht auch darüber daß die Angeklagten das Kist voll­ständig für wirksam gehalten haben. Oehlschläger war vielleicht vorübergehend wankelmütig. Durch seine Aussagen steht aber fest, daß trotz teil­weisen Leugnens der Angeklagten die beiden noch am Tage der Tat entschlossen waren, die Tat auszuführen. In der Verhandlung ist klargelegt worden, daß der Angeflagte

Oehlschläger ursprünglich bestimmt war, die Tat auszuführen. und daß er die Aus­führung dann Hustcrt überlassen hat. Dieser, Huftert, ist zwar sofort in Tätigkeit getreten, in­dem er die gemeinschaftliche Verantwortlichkeit beider für sich übernommen hat. Durch die Ver- handlnng ist aber erwiesen, daß der Angeflagte Huftert durch den Enffchluß des Oehlschläger nicht überrascht worden ist. Er hat gleich nach dem Ansinnen des Oehlschläger einen Ueberblick

der gefährlichen Umstände gewonnen und sich in die Rolle des Aussührers hineingefunden. Daß er ohne jede Auflegung handelte, geht daraus hervor, daß er vollständig überlegt und richtig erft die Hülle von der Spritze gezogen, dann mit der Waffe zielbewußt dem Oberbürgermeister eine ganze Strecke folgte, und dann an einer ge­eigneten Stelle hcrvortrat und die Spritze so an­wandte, daß er vermuten konnte, daß der gefähr­liche Erfolg eintreten würde. Es kann deshalb nicht zweifelhaft fein, daß der Entschluß des Hu- ftert dieser innere Kampf ohne Erregung stattgefunden hat. Unter diesen Umständen sind beide Angeflagte überführt, daß sic in gemein­schaftlicher Ausführung der Tat den Enffchluß getätigt haben, den Oberbürgermeister Scheide­mann zu töten, und daß sie diefen versuchten Mord mit Ucberlcgung ausgeführt haben. Des­halb sind die beiden Angeklagten

dcS gemeinschaftlichen versuchte» Mordes schuldig. Was das Strafmaß curbelangt, so fällt es erschwerend ins Gewicht, daß die Täter keine Spur von Reue gezeigt haben. Hier handelt es sich nicht darum, die politische Tätig­keit in Schutz zu nehmen, sondern den Mord psy­chologisch aufzuflärcn. Daß die beiden Angeklag­ten von dritten Personen angestiftet oder von dritter Seite angeregt worden sind, kann dahin­gestellt bleiben. Es ist weder erwiesen, noch von der Angcflagc behauptet, wohl aber ist anzuneh­men, daß sie ganz im Banne fremder Menschen gehandelt hoben. Die gleichen Umstände sind maßgebend für die Frage der Ab­erkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. Daß ein politischer Mord nach der Lage des Einzelfalles auch so sein kann, daß er zwar nicht wirflich ehr­los ift, ist der Verteidigung zuzugeben, nämlich dann, wenn die Tat aus politischen Motiven hcrvorgegangen ist. Wer aber aus dem Hin­terhalt einen stiedlich gesinnten Bürger über­fällt und zumal noch in Gegenwart von Toch­ter und Enkel, der kämpft nicht politisch, sondern in allen Fällen ehrlos und ist ehrlos. Aus diesem Grunde muß zweifellos auf Aberkennung der Ehrenrechte enffchieden werden. Die Angeflagte» nahmen dos Urteil ruhig auf.

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Die Schloßmöbel.

Gestern wurde kurz berichtet, daß Oberbürger­meister Scheidemann aus eine Redewendung von denMöbeln des kaiserlichen Herrn" erwiderte. Wie noch gemeldet wird, sagte Scheidemann iro­nisch, daß er. 1865 in Kassel geboren, viel eher von denMöbeln seines kurhessischen Landes- Herrn" sprechen könne, die 1866 etwas gewalt­sam den Besitzer gewechselt haben.

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mieden werden, was das Publikum unnö­tig reizt und erbittert; alle Schroffhei­ten sind unbedingt zu vermeiden. Der Aus­kunfterteilung. die zliweilen mangelhaft und den üblichen Höflichkeitsformcn nicht ent­sprechend ausgeübt wird, ist die gebührende Be­deutung beizumcsscn. Besonders haben die A u f- sichtsbeamtcn int Verkehr mit dem Pu­blikum höflich und zuvorkommend zu sein und bei Auseinandersetzungen ihre Ruhe zu bewah­ren. Wenn das Publikum sieht, daß die Eisen­bahnbediensteten crnsüich um die glatte Abwick­lung des Verkehrs wie um das Wohl der Fahr­gäste bemüht und jederzeit hilfreich und zuvor­kommend sind, so wird auch die Widersetzlichkeit einzelner Reisenden, die sich den Besttmmungen und der Ordnung nicht fügen wollen, besser be­kämpft werden können. Bedteustete, denen der Umgang mit dem Publikum in den unerläßli­chen höflichen Formen schwer fällt, sind in an­deren geeigneten Stellen zu verweitden. Dem Personal ist immer wieder zum Bewußtsein zu bringen, daß die Eisenbahner des Verkehrs und dcr Reisenden wegen da sind und nicht umgekehrt." Dieser Appell der Reichsbahn an ihre Beamten wird sicherlich allgemein be­grüßt werden, und es wäre zu wünschen, daß auch mancher Reisende ihn beherzigte: denn Höflichkctt ist eine Angelegenheit beider Parteien

Dke Berufschule, Stcllungnnhnte der weiblichen Angestellten. e Dem preußischen Landtage liegt ein Gffetz- cnfhntrf zur Regelung der Berufs- (Fortbil- dungsschnl-spflicht vor. der an Stelle der seiner­zeit erlassenen Demobilmachungsverordmtng zu dieser Frage treten soll Der Verband der weib­lichen Handels- und Büreauangestellten hat, wie uns geschrieben wird, an den Landtag eine län­gere Eingabe gerichtet, worin er den Wunsch ausspricht, daß den Gemeinden nicht nur das Recht gegeben, sondern die Verpflichtung aufer­legt werden soll, für Jugendliche beiderlei Ge­schlechts den Fortbildungsschulzwang auszuspre- cken. Begründet wird dieses aus inneren Grün­den, aus der durch die Verhältnisse erwachsenen Notwendigkeit heraus, aber auch mit Rücksicht ans den Inhalt der Reichsverfassung und die Tatsache, daß ein Reichsschulgesetz sich in Vor­bereitung befindet, das diese Verpflichtung aus­sprechen wird. Gleichzeitig verlangt der Ver­band. der die größte Frauenberufsorganisation Deutschlands darstellt, daß das Gesetz ausdrück­lich betone. der Fortbildungsschulunterricht müsse zur Grundlage und zum Mittelpunkt des Unterrichts den Erwerbsberuf nehmen, und das; in keiner Beziehu.ng ein Unterschied nach dem Geschlecht gemacht werden dürfte.

Neues aus Kassel.

land, der Grabenkrieg, das Auftreten der Flie­ger, Danks, der Gaskampf und Minenkrieg auf sie gemacht, das Gefühl der moralischen lieber« legenbeit über den Feind, die Gedanken, die sich ein Jeder über die allgemeine Lage, die Heerführer, Vorgesetzten und Kameraden machte.

Damit diese wicWgen Aufzeichnungen nicht wieder, wie es nach dem Kriege 1870/71 geschah, verloren gehen, wird gebeten, sie dem Reichs- archiv baldigst einzusenden. Will man sie nicht schenken, so kann man sie als Depositum übergeben und dann später jederzeit zurückver- lanaen. Persönliche Angelegenheiten, die darin enthaften sind, bleiben geheim, man kann aber auch die Bedingung stellen, daß die Veröffent­lichung au? diesen SchriftstüSen nur mit aus­drücklicher Genehmigung des Einsenders ge­schehen daff. Will man aber sich nicht von ihnen trennen, so sende man dem Reichsarchiv Ab­schriften der privaten Kffegstagebücher und in­teressantesten Feldbriefe. Das Reichsarchiv trägt auf Wunsch in jedem Falle die Poffo-Kosten. Auch Mitteilungen, wo sich derartige Sammlun­gen bereits befinden, sind sehr erwünscht.

Höflichkeit bei ber «Menbayn.

Bahnbeamtc und Rffsende.

Bei der gegenwärtig zu den Zeiten der Be­rufsverkehrs herffchenden Ueberfüllung der Zü­ge," so heißt cs in einem neuen Erlaß der Reichsbahndirektion Beffin,muß alles ver­

Das Weidnachwwiel.

Franz Treller:Die heilige Nacht".

Gestern abend trat die Mette Besetzung in Aktion. Sie gab tadellose Leistungen. Von Dilet­tantenarbeit war nichts zu spüren. DaS Ganze ein Guß. Vor allem fehlte das sonst bei derarti­gen Veranstaltungen so beliebte, doch störende Uebertreiben. Die Bühnenbilder, namentlich die Krippe, waren groß, besonders in der Farben­wirkung. Wenn einige der Darsteller hcraus- gegffffen werden sollen, so fällt das schwer. Es verdienen eben alle Lob und Anerkennung. Christel Knippschild imponiert als milder, gütiger, vertrauenerweckender Weihuachtsgeist, Rudolf Wucherer gibt den Geizhals vorzüg­lich und lebenswahr und Hermann Schulz (Hcrpax in der Erscheinung! dem Alten täuschend ähnlich und gleich gut. Arthur Borgmann als Hans ist der geborene Schauerspieler. Er spielt lieb. Sehr fein ist Elsbeth Mönchs Spiel. Reizend macht sich Friedel D e i ß. Her­vorragend in der Armut in seines Hans wirkt Karl Herzog. Eine klare und svmpathische Stimme besitzt Hanna K ä p p l e r. Hübsch natür­lich sind Friedel Büchner und Lore Kcding als des Armen Kinder.

Die NoteSehr gut" gebührt auch August Nickel, Hanni V o ck r o d t, Roman Nagel lmd Wilhelm Fröhlich in der blitzsauberen Germanenszene, Hans Nagel und Hermann Dockrodt in dem hübschen Bild von 1813.

3m Reiche der Kunst.

Gtaatsiheater.

' Erstausführung: Die Tote Stadt.

Text von Paul Schott. Musik von Effch Wolfgang Korngold.

Bruges la Morte das tote Brügge ist ein Noman des Vlamen Rodenbach, nach dem der Teffdichter Paul Schott die Handlung der Korn- gold'schen Oper, deren Erstaufführung wir am vergangenen Dienstag im hiesigen Theater er­lebten, gestaltete. Tort lebt Paul, ein junger Mann, dem der grausame Tod die über alles ge- liebteGottin geraubt hat. In tieferTrauer vergeht sein Leben. Da sendet ihm das Schicksal eine Frau über den Weg, die äußerlich ganz der ge­liebten Toten gleicht, Marietta, die Tänzerin, die nach Brügge gekommen ist, um dort inRo­bert der Teufel" dieHelene" zu tanzen. Er glaubt die Tote wiedergekehrt und läßt die Tänzerin in fein Haus kommen. Sie, die ein dämonisches Geschlecht siveib ist, beginnt ihre Netze um den fassungslosen, um sein Gleichge­wicht ringenden Paul zu weffcn. Paul verfällt infolge aller Erregungen der Begegnung in Schlaf und Traum. In diesem Träum steht er sich als Verehrer der Tänzerin seiner geliebten Toten untreu geworden. Er umschleicht ihr Haus, weil er die Untreue Mariettas fürchtet. Seine alte treue Dienerin Brigitte ist im Schmerz über feine Verfehlung in ein Klestcr gegangen. Sein Freund Frank betrügt ibn, und als Paul den Betrug entdeckt, verläßt ihn Frank. So von allen veffasscn, wird er Be­obachter einer spukhaften Szene, in der Marietta mit anderen Tänzerinnen und Verehrern in ge- spensttscher Wffse die Nonneiffzcne ausRobert ber Teufel" tanzt. Er stellt sic zur Rede. In die­sem Zwiegespräch umstrickt sie ihn ganz. Später packt ihn die Reue. Als Marietta frivol das An­denken der Toten verhöhnt, erwürgt der rasende Wfwn sie mit dem Haar. Jäh bffcht die Traum­

handlung damit ab. Paul sitzt wieder in sei­nem Sessel. Er erkennt, daß erein Leben nicht zu Puppe zwingen daff" und hat aus dem Traum gelernt:

Tie Toten schicken solche Träume, Wenn wir zu viel mit und in ihnen leben! Wie wett soll unsere Trauer geh'n,

Wie weit darf sie es, ohn' uns zu entwurzeln? Schmerzlicher Zwiespalt des Gefühls!

Er reftyniert und wird sich dem Leben wiederge­geben, dem er sich zu Unrecht f»lange entfernt hat. Dies ist die Handlung, die Sckott in aus­gezeichnetem Tertbuch packend und in guten Ver­sen zusammen gefaßt hat.

Was die Musick angeht, so bedeutet sie eine Offenbarung. Es ist dem Unvoreingenommenen eine Freude, fcststellen zu dürfen, daß hier ein echter phantasiebegabter Musiker wieder zur Me­lodie znrückkehff, ohne auf die Forffchfftte die­ses Iochrhundeffs in Charakterisierung und Or­chesterfarben, in musikalischer Linienführung zu verzichten. Ueberall kommt die Melodie wieder zum Voffchein. Nicht nur in Mariettas trauri­gem Lied aus dem 1. AktGlück, das mir ver­blieb". nicht nur in dem schmelzenden Tanzlied des Pierrot aus dem 2. Akt, sondern auch in den Stellen, die nicht die geschlossene Liedform haben. Ich denke da in erster Linie an Pauls wunderbare Erzählung aus dem 1. Akt an die wenigen rein melodisch geführten Stellen des Freundes Frank und der alten Haushüteri.: Bri­gitte. Daß ein moderner Mtrsiker vom Sange Korngolds bei Schilderung des Spukhaften, Ge­spenstischen nicht auf moderne Klangfarben und Harmonien verziifffiew Nrn». ja nicht darauf verzichten darf, ist felbstvefftändffch: denn er ist ja ein Kind unseres Iabrundeff, lebt und fühlt mit uns. Der Satz des Orchesters ist nie­mals auffallend dick, immer durchsichff-z. Der Wechsel der Themen und Mottve in den ffn- zffnen Instrumenten ist meisterhaft, die Thema- ttk ist Qar, fast leicht verständlich. Die Jnstru« mentatton ist von höchster Kunst. Ich wüßte

außer Richard Strauß kaum einen modernen Musiker, der so praÄwoll charafteffsicff, wie Korngold. Kurzum, ein Meisterwerk, für dessen Wiedergabe wir den beteiligten Stellen zu Dank verpflichtet sind. Unnötig, noch besonders zu be­tonen, daß das Werk keine besonderen Anleh­nungen enthält; es ist durchaus originell, von reichster, blühendster Erfindung.

Aber diese Oper ist unendUch schwer. Die Singstimme hat im Orchester oft nicht nur keine Stütze, sondern arbeitet rhvthmisch und harmo­nisch häufig gegen das Orchester. Die Partttur ist denkbar kompliziert. Rur eine mit höchster Sorgfalt, mit Engelsgeduld und mit größter Liebe vorbereitete Ausfiihrung kann zum Erfolge führen, und eine solche Aufführung durften wir erleben. Das ist in erster Linie der ausgezeich- r eten, genialen musikalischen Leitung Robert Langs' zu verdanken. Die Aufführung x ehört zum Besten, was die R* ler Oper bisher hervorgebracht hat. Das Orchester spielte bcrmi- schend schön. Es war von dem wundervollen, süßen Schleier umhüllt, den nur Lauas über feine Tonkörper breiten kann. Trotz allen For- tissimostelle» keine Grellheit, nichts Schneidendes. Wunderbar Rangen die süßen, melancholischen Stellen des Liedes der Marietta. Mt Umsicht be- herffchte Langs das Ganze; gab den Glanz u. die Abrundung, die Vollkommenheit, tote nur das Genie es vermag Der große und ehrliche Bei­fall am Schluß und die Rufe nach dem Dirigen­ten mögen ihm verdienter Lohn für die unend­liche Mühe fein. Szenffcher Leiter war Herr D e r i ch s. Er verdient größte Anerkennung. Das Spiel der Künitftr war ausgezeichnet. Das Bühnenbild (Herr Waßmuth) war besonders schön Der -weite Mt in seiner Gespensttgkeit mit den prachtvollen Lichtcffekten verdient hervor- geboben zu werden. Von den solifttschen Leistun­gen muß an erster Stelle derPaul" des Herrn Windgassen genannt werden. Seine Lei­stung muß dem Besten des vortrefflichen Künst­lers -»gezählt werden. Schauspielerisch gehöff fein Paul zu dem Effchütterndsten, was mir die Bühne je gegeben hat. Der aufgeregte Schwär­

mer des ersten Aftes, die Traumcffcheinung des zweiten und der müde und doch dem Leben wie­dergegebene Mann des Schlusses war mit be­wundernswerter Schärfe, ohne jede Ueberttei- bung, mit packender Schlichtheit gezeichnet. Ge­tanglich war Herr Windgassen auf der Höbe. Er fang die Erzählung des ersten Aftes mit größtem stimmlichem Schmelz. Bff den zahlreichen Kraft- stcllen des Weffes drono die Stimme leuchtend sieahaft durch. Nächst ihm muß die Marietta des Fräulein K e v f e l l aenannt werden. Sie bot ebenfalls ein Vortreffliches, stand allerdings nicht auf der gewaltigen Höbe der Leistungen Wndgassens. Was die geistige Ausschöpfung an­geht. so war Fff. Kchsell zu viel Weid und zu wenig Dämon. Dadurch litt unbedingt der Ge- flmteindruck, der ja durchaus gespenstisch, un­wirklich traumhaft fein soll. Aber auch Fff. Kehsell hatte schauspielerisch packende Momente. Insbesondere der Tanz des efften und letzten Aktes, die Todesfzene wurden wirkungsvoll dar- gestellt. Gesanglich bot sie Erfreuliches. Aller­dings drang die Künstlerin nicht immer durch. Die Stimme bat aber, das trat an den zahlreichen lyrischen Stellen, insbesondere in dem oft er­wähnten trauriacn Lied denttich hervor, an Weichheit und Stetigkeit enffchieden gewonnen. So darf also der Oefamteinbrmf ihrer Leistun­gen als höchst cffreulich bezeichnet werden.

Die anderen Rollen traten an Bedeutung we­sentlich zurück. Sehr aut war Fff. Strauß als Haushälterin Brigitta. Sie sang mit fein­ster Zurückhaltung und edelster Tongebung. Tas- felbe muß von dem Freund Frank des Herrn M o s f i getagt werden. Das Lied des Pierrot fang Her P ingoud. der eine schöne, weiche Baritonstnmne und viel musikalischen Geschmack besitzt. Die Vertreter der fleinsten Pafficn, die Damen Brand st ätter und Herder, die Herren Sana und Si 8 n e r. mögen sich mit dem Gesamtlöb begnügen, daß sie ihre Sache recht gut gcmaAt haben. Ter Beifall des cms- veriausten Hauses war sehr stark, die Darsteller der Hcmptpartien, Dirigent und Regisseur wur­den lebhaft gerufen und gefeiert. Dr. P.