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Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
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Nummer 286.
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Donnerstag, 7. Dezember 1922.
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12. Jahrgang.
Mißerfolg öer Orientkonserenz.
Voimcut In Gefahr.
Ungeduld in Frankreich.
Die Stimmung in Paris richtet sich, wie immer deutlicher erkenntlich wird, mehr und mehr gegen Poincars. Dieser gilt als der Träger der rücksichtslosen Reparationspolitik. Er hat zuletzt vor dem Senat d:e Versicherung gegeben, daß er nicht mehr länger warte, sondern darauf halten werde, daß eine Klärung in der Reparationsangelegenheit eintritt. Er hat die Verpflichtung übernommen, Deutschland kein Moratorium ohne Garantie mehr zu geben, sondern dafür zu sorgen, daß Frankreich endlich zu Gelde kommt. Frankreich braucht die deutschen Zahlungen, sei es durch die Aufnahme einer Ausländsanleihe auf Kosten Deutschlands, oder fei es durch direkte Zahlungen, die Deutschland leisten muß. Und Poincarö hat das Vertrauen von Senat und Kammer erhalten, angesichts dieser Versprechungen. Aber er muß leider einsehen, daß sich die Dinge doch anders entwickeln, als er es gerne sehen möchte. Die Konferenz in London, auf deren Zustandekommen er hindrängt, droht mit einem Mißerfolg zu endigen, denn Bona Law soll wieder mit einem Vorschlag kommen, der die Pläne Poin- cares durchkreuzt. Und zwar will er Deutschland ein neues, kurzes Moratorium gewähren, um Zeit zur Reinigung der Revarationssrage zu gewinnen. Aber dieses Moratorium wäre für Deutschland doch wieder ein Geschenk wie es Poincarö zu geben abgelebnt hat, ein Geschenk, weil keine Garantien verlangt werden sollen. Hinzu kommt, daß die englischen Absichten von Belgien unterstützt Werden und die italienische Unentschlossenheit nichts ändern kann in bet Auffassung, daß Poincarö wieder einmal nachgeben müßte. Aber hierzu ist noch die Stimmung in Amerika zu berücksichtigen, die Poincarö bereits verhindert und veranlaßt hat, seine Kraftpolitik zu dementieren. Er ist nicht mehr in der Lage, die Pläne zur Isolierung und Franzöfisiernng der Rheinlande, zur Besetzung des Ruhrgebiets zu befolgen.
Das aber gibt in Frankreich Unfrieden. Man wirft Poincars vor. er hätte Versprechun- aen gemacht, die sich nicht halten lassen. Poincarö ist. weil die Angriffe auf ihn einstürmen, mißgestimmt, umso mehr, als er weiß, daß er nichts ändern kann und tatsächlich den Verhältnissen Rechnung tragen mutz. Deshalb hat er mit seinem Rücktritt gedroht. Aber man bat ihm diesen auch bereits nabe gelegt, weil sich die Ansicht verdichtet, es müsse etwas nickt in Ordnung sein, auf dem bisherigen Wege könne man nicht zum Ziele krmmen. Freilich zeigt sich diese Einsicht nicht soweit, wie man es wünschen müßte, etwa so, daß man anerkennt, die Forderungen Frankreichs wären überspannt Vielmehr wird lediglich einer Verständigung mit den Alliierten auf anderer Basis das Wort geredet. Und als Träger dieser Verständigung treten jetzt auch bereits Louckeur und Barthou auf. die sogar mit dem Präsidenten Millerand übereingekommen sein sollen, die französische Politik mnznwerfen. wenn Poincarö abtreten sollte, um bald zu einem greifbaren Ergebnis zu kommen. Freilich ist unverkennbar, daß bei einer Verständigung mit den Alliierten ein Nachgeben Frankreichs nach verschiedener Richtung erforderlich wäre und daß direkte Verhandlungen mit Deutschland sich nickt umgehen ließen. Immerhin hätte dieser Umschwung also etwas Gutes für sich. Aber man darf doch auf diese Gerüchte und Stimmung vorläufig nicht alles aufbauen und etwa Hoffnungen setzen. Noch ist Poincaröam Ruder, so bald wird er vom Schauplatz nicht abtreten, denn noch ist er in der Lage, seine Stellung zu verteidigen, noch sind die Gegenwirkungen bei den Alliierten nicht so stark, daß er seine Pläne tatsächlich aufgeben müßte. Man muß vielmehr die Londoner Besprechungen abwarten. Laufen sie zu Ungunsten Poincarös aus, muß er sich wieder einer Mehrheit fügen und kann er feine Versprechungen, die nun in Paris bereits sprichwörtlich geworden sind, nicht durchsetzen und halten, so wird er wohl oder übel die Folgen tragen müssen.
In den Kreisen der deutschen Börsen imd der Schwerindustrie hat man sich mit den Pariser Vorgängen bereits beschäftigt, und es ist zu bemerken, daß man einen Rücktritt Poincarös günstig beurteilen würde. Man wäre gern bereit zu einer Verständigung mit Frankreich und würde sogar einer Beteiligung französischen Kapitals an der deutschen Industrie keine Schwierigkeiten bereiten, da sich in diesem Falle wohl als Folge eine freiwillige Räu.nung des Rheinlandes durch Frankreich ergeben Würde. Aber bevor es soweit ist, kann sich noch Mancherlei entwickeln, das eine andere Richtung einschlägt. Besonders ist zu beachten, daß die französische und die englische Regierung in einen neuen Meinungsaustausch eingetreten sind Man weist besonders darauf bin, daß die in Frankreich schon seit Wochen umlaufenden Gerüchte jetzt auch von den englischen Blättern bestätigt werden, nämlich, daß man
hofft, die Orient-Frage endgiltig in einem für England günstigen Sinne lösen zu können, während England Frankreich in dessen* Rheinlandpolitik entgegenkommen will. Da gerade die am besten unterrichteten englischen Blätter sich mit dieser Frage beschäftigen, mutz man den hier vorliegenden Meldungen doch immerhin einige Bedeutung beimessen.
Fehlschlag in Lausanne.
Ein taktischer Rückzug der Türken.
Versicherung zu erhalten, daß das Unterhaus auf dem Laufenden gehalten würde. Sonar Law erwiderte: Wir werden alle Mitteilungen machen, die dem Unterhaus zu geben möglich fein wird. Der Ab geordnete Bonn fragte daraus, ob die gegenwärtige Regierung durch die Erklärung der früheren Regierung gebunden fei. wonach England an einer eventuellen militärischen Besetzung des Ruhrgebietes nicht teilnehmen werde. Donar Law erwiderte: „Ich weiß davon nichts, daß die frühere Regierung eine derartige Erklärung den Alliierten gegenüber abgegeben hätte."
(Eigener Drahtbericht.)
Lausanne, 6. Dezember.
Der englische Delegierte Lord Curzon hatte den Türken den Vorwurf gemacht, daß sie bei der Besprechung der Meerengenfrage passiven Widerstand geleistet hätten. Nach biefem Zwischenfall haben die Türken einen Bericht veröffentlicht, in dem sie sich gegen den Vorwurf verteidigen, daß sie die Konferenz durch ihr Stillschweigen in der Meerengenfrage verhöhnt hätten. Es handelte sich, so erklären sie, nm einen Ausbruch des Zornes über die Geschäftsordnung. Die türkischen Vertreter hätten sich nicht geweigert, sich zu äußern, sondern sie stehen auf dem Standpunkt, daß sie in der Meerengen- frage keine Anträge zu stellen hätten. Sie seien Besitzer der Meerengen und die anderen Mächte müssten die Forderungen stellen, die fick, auf mehr oder weniger anerkannte Durchfahrtsrechte beziehen. Diese Forderungen müss en formuliert werden, dann könnten die türkischen Vertreter darauf antworten. Die Wünsche der alliierten Mächte seien aber bi Sh« noch nickst offiziell ausgesprochen worden. Wenn dies geschehen werde, dann werde die Türkei sie im vollen Geiste der Versöhnlichkeit und mir Rücksicht auf alle in Betracht kommenden Interessen von neuem prüfen.
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Sin Ot!6 im TllltterienSlvF.
Lausanne, 6. Dezember. (Eigene Drahtmeldung.) Der erste Riß im Block der Verbündeten auf der Orientkonferenz ist offenbar geworden. Die Vertreter der verbündeten Westmächte harten in einer Besprechung eine Note über die Meerengenfrage revidiert, die der russische n Delegation als Antwort auf die Rede Tschitscherins vorgelegt werden sollte. Als die Note fast fertig vorlag, erklärte der italienische Delegierte Garroni, daß er die Rote entsprechend fetten Vollmachten nicht unterzeichnen könne. Er werde aber sofort ein Mitglied der Delegation nach Rom senden, nm den Ministerpräsidenten zum Anschluß an die Entente zu bewegen. Tatsächlich ist Baron Lago, von Marquis Garroni versönlich zum Bahnhof begleitet, nachts abgereist.
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Italien, Rußland und dir Türkei.
Motte ohne Taten?
Versicherungen des fvanzSftscken Botschafters (Privat-Telegramm.)
Berlin. 6. Dezember.
Halbamtlich wird mitgeteilt: Der Reichspräsident hat gestern den ne« ernannten französischen außerordentlichen und bevollmächtigten Minister und Botschafter be M arger i e zur Entgegennahme seines VeglaubigungZfthrei- bcns empfangen, wobei die üblichen Begrüßungsansprachen gewechselt wurden. Der Bot schafter sagte unter anderem: Alle meine Bemühungen werden darauf gerichtet sein, inmitten des deutschen Volkes den Beweis für den aufrichtigen Wunsch meiner Regierung zu liefern, daß zwischen Frankreich und Deutschland im Rahmen des Friedensvertrages, der die Voraussetzung ihres Verhaltens zu einander geregelt bat. die Beziehungen wieder hergestellt und entwickelt werden, die für dis Einvernehmen und den Fortschritt dieser neuen Welt unentbehrlich find. Für die Erfüllung dieser hohen Aufgabe bringe ich jenen leidenschaftlichen Wahrheitskult und jenes entschlossene Streben nach Einhaltung des richtigen Maßes mit, wie sie die französische Nation aufweist, (?) sowie die unerschütterliche Absicht, die Rechte meines Landes zu wahren und die Deutschlands zu achten. (?)
Bniwori des ReiKsyrSsidenien.
Reichspräsident Ebert erwiderte unter anderem: Mit Genugtuung nehme ick die Wimtche entgegen, die Sie Deutschland und mir ausgesprochen haben. Seien Sie versichert daß die Reichsregierung alles tun wird, was in ihren Kräften steht, um Ihre hohe Aufgabe zu erleichtern. Jener Sinn für Maß und Wahrheit, den Sie erwähnten, wird dabei entscheidend mitzuwirken haben und Ihre Worte verbürgen mir, daß Sie aufrichtig bemüht fein werden, an der Beruhigung der Geister mitzuarbeiten, die unferen beiden Ländern so dringend not tut. Indem Sie die neuen Verhältnisse und die sich schwerer und schwerer gestaltende Lage des deutschen Volkes unmittelbar auf sich wirken lassen, werden Sie Gelegenheit finden, mit Ihrer rei-
London, 6. Dezember. (Eigene Drahtmeldung.) Wie aus Lausanne verlautet, ruft die Haltung der italienischen Abordnung großes Erstaunen hervor, denn sie scheine die von Tschitscherin gepredigten Grundsätze anzuerkennen. Auch Italien wünsche die völlige Fresgabe der Meerenge für Handelsschiffe aller Nationen. Als Erbe des österreichischen Lloyds besitze Italien gegenwärtig wichtige Sckiffahrts- linicn im Schwarzen Meere, unb es wolle in- folgedeffen seine bevorzugte wirtschaftliche Stel. lung ausnutzen. Die Frage der Kriegsschiffe erscheine ihm dabei al? ein große.'. Hindernis, deshalb wolle es gleich Rußland der Türkei Souveränitätsrechte gewähren.
Abbruch der Konferenz?
Paris, e. Dezember. (Eigene Drahtmeldung.) Man rechnet in politischen Kreisen in Paris mit dem baldigen Abbruch der Konferenz von Lausanne, da sich bei den Debatten mit den Russen und Türken über die Meerengenfrage ergeben habe, daß eine Einigung über diese Frage nicht möglich fei und daher die ganze Konferenz vorläufig zwecklos wäre.
Frankreichs Drohungen.
Die Anfragen im britischen Parlament.
(Eigene Drahtmeldung.)
London, 6. Dezember.
Im englischen Parlament richtete der liberale Abgeordnete Fregattenkapitän Kennworthy an den Ministerpräsidenten die Frage, ob er Mitteilung über die französischen Absichten zur teilweisen Besetzung des Ruhrgebietes und Errichtung einer französischen Verwaltung in bi fern Gebiet, sowie in dem schon besetzten rheinischen Gebiet erhalten habe, und ob die englische Regierung darüber um Rat gefragt wurde. Bonar Law erwiderte auf beide Fragen verneinend. Der Abgeordnete wünscht daraus die
chen diplomatischen Erfahrung dem Frieden zu dienen. — An die Ansprachen schloß sich eine Unterhaltung, an der auch der Staatssekretär im Ministerium des Aeußercn. von Hantel, teilnahm und in deren Verlause de Margerie die Mitglieder feiner Botschaft vor stellte.
Deutsche Werke in Bauern.
Erklärungen der Generaldirektion.
(Privat-Telegramm.)
München, 6. Dezember.
Zahlreiche NMitglieder des Landtages und die meiften Mitglieder des Ministeriums waren einer Einladung der Deutschen Werke A.-G. gefolgt, wobei Generaldirektor Weinlig und Direktor Funke-Berlin einen Ueberblick über die Entwicklung der früheren Heeresbetriebe gab, die jetzt als Aktien-Gesellschaft im Besitze des Deutschen Reiches auf Friedens erzen gung umgestellt find. Der Generaldirektor teilte mit, daß die Entente auch jetzt noch überaus rigorose Forderungen gegenüber den Deutschen Weissen stelle und daß jetzt noch so kleinliche bau liche Aenderungen, jede Maschinenanschaffung, ia sogar jede Auswechselung einer Maschine von einem Gebäude in ein anderes angezeigt werben müsse. Die Vortragenden schilderten die be sondere Bedeutung der Bayrischen Werke in München-Dachau, Ingolstadt und A m- berg, namentlich für die Erzeugung landwrrt schaftlicher Maschinen. Armaturen und Vrcßluft- werkzeuge und erklärten es als eine Verleunr düng, daß beabsichtigt werde, die bayrischen Betriebe abzuftotzen. Der Generaldirektor gab auch bekannt daß die Deutschen Werke in diesen Jahre Tank dem ansehnlichen Willen zum erftenmri eine Dividende zugunsten des Reiches ansschiii ten konnten. Der bayrische Handelsminister sprach bei dieser Gelegenheit die Hoffnung aus, daß die bayrischen Interessen auch künftighin in ausreichendem Matze berücksichtigt werden.
DieAniemchmerschafi
Aufgaben in Wirtschaft und Staat.
Leber die Frage, ob fich die Unternehmer, schäft mehr als bisher an» staatlichen Leben aktiv beteiligen soll, antzerte sich in bejahen- dein Sinne Ministerialdirektor Wicdenseld ia einem Dortrag, worüber berichtet wird»
Der Hansa - Bund hatte zu Sonntag vormittag einen ausgesuchten Kreis führender Wirtschaftler, Vertreter der Reichs- und Staatsbehörden und der Presse, sowie Abgeordnete zu einem Vortrag über die anläßlich der Kabinettsbildung Cuno ausgeworfene Frage der aktiven Mitwirkung der deutschen Unternehmer- schaft im Staatsleben eingeladen, dessen guter Besuch zeigte, daß weite Kreise der deutsche Oeffentlichkeft an einer Beantwortung dieses Themas das größte Interesse haben. Referent war der frühere deutsche Vertreter in Rußland, Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt, Professor Dr. Wiede nfeld, dessen Vortrag das Problem mit dem umfassenden Titel „(Segen* wartsaufgaben deutscher Unternehmerschtst in Wirtschaft und Staat" zu lösen trachtete. Er warf eingangs seines Vortrages folgende Fragen auf:'Welche Stellung ist dem Unternehmer einzuräumen und, wie hat er selbst sich zu Wirtschaft und Staat zu stellen? und führte dain u. a. aus: „Für die Wirtschtft ist in den Vordergrund zu rücken der Satz, daß gerade die allgemeinen Aufgaben der Gegenwart die Unternehmer-Persönlichkeit mit besonderer Bedeutung umkleiden. Wir können nickt unsere internationalen Verpflichtungen erfüllen, wenn wir nicht in der Jn- nenorganisation unserer Wirtschaft jede
unnötige Reibung vermeiden
und wenn wir nicht nach außen den Absatz h o ch- wertiger Ware auf die alte Höhe und darüber hinaus emporheben — was beides nur durch individuelle Arbeit, nicht aber durch soziale Organe bewirft werden kann. In" dem Individuellen liegt aber zugleich eine Fülle von Gegensätzen, die zu überwinden sind. Am wenigsten Schwierigkeiten macht dabei der Gegensatz zwischen Unternehmer und Kapital, weil es sich hier nur um einen rein wirtschaftlichen, nicht zugleich um einen sozialen Gegensatz handelt, und weil noch immer der bei weitem größere Teil der Unternehmer selber zugleich Kapitalist ist: immerhin verschärft die Entwertung des Kapitalhefitzes auch diesen Gegensatz. Sehr viel bedeutsamer ist auch setzt noch der Gegensatz zwi- schon Unternehmertum und Arbeiterschaft: seine Ueberwindung erfordert von der einen Seite dig Anerkennung der Notwendigkeit, daß den Unter ne hm ungsleitern wirkliche Führer- rechte zustehen müssen und von der anderen Seite die Auffassung des Produktiveigentums tls einer sozialen Pflicht, die auch den Arbeiter nicht npr als Lohnempfänger, sondern als wesentlichen Teil des Produktions-Orga- u Ismus empfindet und die deshalb von dem Gefühl aussschlietzlicher Verfügungsgewalt absieht. In der Idee der leider viel zu spät gekommenen Arbeitsgemeinschaften, die zunächst natürlich den Unternehmern die größere Entsagung auferlegt, ist ein entwicklungsfähiger Keim zu sehen: ihn gilt es zu hegen und zu pflegen. Endlich darf aber auch der Gegensatz zu den Allgemeininteressen nicht bestehen bleiben. Will unsere Unternehmerschaft von Zwangs- und Planwirtschaft im eigenen und im allgemeinen Interesse frei bleiben, so darf es in seinem wirtschaftlichen Verhalten auch nickt den Fidividua- lismus bis ins rnanckesterliche Extrem hinein betonen, sondern muß fick
als dienendes Glied des Ganzen
betrachten, seine Arbeit bewußt zur „Arbeit ant Gemeinwohl* gestalten. Umsomehr hat unser Unternehmertum Ursache, sich auch um den Staat und seine Allgemeinpolitik mehr und anders zu kümmern, als es dies bisher zumeist getan hat. Die Unternehmerschaft hat es oft gec mtfl erleben müssen, daß Gesetze und Verwaltungsmaßnahmen den Nottvendigkeiten wirtschaftlicher Nnternehmerarkbeft nickt recht gerecht wurden. Viel schlimmer aber ist. daß dem staatlichen Organismus das reiche Wissen und die große, die ganze Welt umfassende Erfahrung unserer Unternehmerschaft zu erheblichem Teil garnicht, zu anderm Teil nur unmittelbar und gebrochen zugute gekommen ist. Der deutsche Unternehmer muß fick, so unsympathisch es ihm erscheint, aktiv und nicht nur kritisch schimpfend an der Gestaltung des Staatslebens betätigen. So verständlich und im Augenblick auch richtig eg erscheint, dcch unsere Unternehmer aus ihrem VerantwortliOeitsgefühl heraus — hierin Hup' nickt in einer Betonung des Gewinn- oder auch Werks-Interesses sehe ich den entscheidenden Grund — die Uebernahme von Ministerposten noch meist ablehneu, so fordert doch der Wiederaufbau nuferes Staates, daß auch diese Kreise sich zu unmittelbar staatlicher Arbeit selbst befähigen." — Ter reiche Beifall, der den Ausführungen des Redners folgte, bewies, wie sehr das gewählte Thema und die Art des Vortrages be?