Meler Nemste Nachrich
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Hessische Abendzeitung
Kaffeler Abendzeitung
12. Jahrgang
Freitag, 24. November 1922.
Nummer 275
Fernsprecher 951 und 953
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Las neue Kabinett und der Reichstag
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Mittagssitzung wird sich mit der Haltung der Par. teien gegenüber dem Kabinett Cuno beschäftigen.
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Aussicht aus Entspannung r
Paris, 23. November. (Eigene Drabtmel- dung.) Nach den aus Lausanne hier eingctrof- fcnen Meldungen glaubt man, mit einer allge- meinen Entspannung jn den Verhandlungen mtt der Türkei rechnen zu dürfen. Mau erblickt ein besonderes Anzeichen dafür in einer persönlichen Aussprache, die Jsmed Pascha jm Verlaufe der lebten beiden Tage mit Lord Curzon und Mussolini gehabt hat.
Schwierigkeiten von außen.
Wieder eine französische Drohung.
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 23. November.
Der Pariser „TempS" hat gestern seine erste D r o h u n a an die Adreffe der Regierung Cuno gerichtet. DaS Blatt nimmt dagegen Stellung, daß die Alliierten Deutschland einen F i n a n - zierungsvlan vorlegcn sollen und schreibt, saß cs Sache Deutschlands sei, einen solchen Plan auszuarbeiten und von der Entente prüfen zu lassen. Wenn die neue deutsche Regierung ein Programm für die Finanzforderungen und Zahlungen habe, dann möge sie es vorlegen, im anderen Falle würden die Alliierten jeder einzeln sich bezahlt machen (!) und zwar werde Frankreich sich zu diesem Zwecke an die Rcichtüm er halten, die cs in der Hand habe.
Die unzufriedenen Türken.
Lairsanne, 23. November. (Eigene Drabt- meldung.) Aus den Kreisen der türkischen Delegation verlautet, daß JSmed Pascha mit dem bisherigen Verlauf der Konferenz mit Recht sehr unzufrie den ist, da es den Anschein hat. als solle der siegreichen Türkei hier ein Frieden diktiert werden, der von den übrigen Frie- densverträge« der letzten Jahre nicht abweicht und der niemals die Gesundung der heimgesuchten Länder bringen rann, sondern nur dazu angetan ist, die beteiligten Völker aufs Nene zu beunruhigen.
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Die erste Kovlnettsitzung.
SetHn, 23. November. (Privattclegramm.) Das neue Reichskabinett wird wahrscheinlich im Laufe des heutigen Nachmittags zur ersten Kabinettösitzuu g zusammentreten, um über die Regierungserklärung zu beraten. Die Erklärung wird sich im allgemeinen auf der letzten Rote an die Reparationskommisfion aufbauen. Die Abgabe der Regierungserklärung im Reichstag erfolgt Freitag nachmittag 2 Uhr. Der Präsident des Reichstages hat den Abgeordneten telegraphisch von dieser Absicht der neuen Reichsregierung Mitteilung gemacht.
Stellungnahme de« Xrt<8«tofl«.
Berlin, 23. November. (Privattelegramm.) Jn der heute nachmittag 5 Uhr beginnenden Plenarsitzung des Reichstages wird zunächst die Beratung über die Geschäftsordnung wei- tcrgeführt. Die morgige Sitzung soll nach der Rede des Reichskanzlers abgebrochen werden, um den Parteien Gelegenheit $i geben, In FraftionS- beratungen Stellung zur Regierungserklärung zu nehmen. Die Plenarsitzung soll entweder nach einer mehrstündigen Pause noch morgen Wer, was wahrscheinlicher ist. am Sonnabend fortgesetzt werden. Der Aeltestenrctt des Reichstages wird vorher zur endgültigen Be- schlutzfassung zusammentreten. Die heuttge Vor-
Llm den Nahen Osten. Forderungen auf der Konferenz.
(Eigener Drahtbericht.)
Lausanne, 23. Noveurber.
In der gestrigen Sitzung der Orientksnfcrenz haben die Türken zum ersten Male die Gebiets-Forderungen vorgebracht, die auf der Basis der Grenzen von 1913 beruhen. So- fort nach Beginn der ersten Sitzung der Kommission für die territorialen und politischen Fragen, in der Lord Curzon den Vorsitz führte, brachten die türttschen Vertreter diese Forderung ein. Die Forderung selbst, so erklärte Jsmed Pascha werde erst später durch die notwendigen Einzelheiten über die Grenze von Westthrazien in den Einzelheiten genauer festgelegt. B e - nizelo s erwiderte namens der griechischen Delegation, daß Griechenland nur die Grenzen von 1915 anerkennen könne. Die Frage Westthraziens dürfe auf dieser Konferenz überhaupt nicht aufgeworfen werden. Jsmed Pascha behielt sich seine Entscheidung vor und erklärte, er müsse gegebenenfalls neue Instruktionen zu dieser Frage aus Angora einholen. In der Nachmittagssitzung brachte die bulgarische Dele- gatton ihre Forderungen vor, in denen ein wirtschaftlicher Ausgang zum ägäischen Meer verlangt wird. Lord Curzon fordette die Türken auf, ihren Standpuntt zu der Forderung Bulgariens bekannt zn geben. Darauf erwiderten die Türken, daß sie angesichts der ihnen anscheinend gegenüberstehenden Einheitsfront vorzögen, daß erst alle anderen Mächte ihren Standpuntt festlegen und daß die türttfche Delegation als letzte Stellung dazu nehme. .Hier- auf entwickelten Lord Curzon, Margnis Gar- roni und Barriere die Stellung ihrer Regierungen zu allen am Vormittag und am Nachmittag behandelten Fragen. Die türkische Delegation wird heute Vormittag zu Wotte kommen.
Wert darauf gelegt, die drei wichtigsten Mini- sterien in die Hände der Großindustrie zu spielen. Das heißt mit anderen Worten: Deutschland hat jetzt in den für das Ausland ausschlaggebenden Ministerien die Männer, die dort Vertrauen wecken müssen, die als Kenner, sogar als frühere Vertreter der deutschen Industrie die Arbeit nach einer jetzt erforderlichen, auch vom Auslande verlangten Richtung umstellen wollen. Schon deshalb werben die Reichstagsparteien nicht mit der Frage spielen, ob sie die neue Regierung zu Fall bringen sollen, weil sie tatsächlich nicht wissen, wen, welche Regierung sie an die Stelle dieses mühsam geschaffenen GeschLstsministeriumS setzen sollen. Wir haben zur Genüge erfahren, wie die Patteigegensätze gegeneinander spielen und wie unendlich schwer es ist, eine Mehrheit von Parteien unter einen Hnt zu bringen. Und so ist es begreiflich, wenn man in demokratischen und Zentrumskreisen, ebenso in der Deutschen Volkspartei laut werden läßt, daß sie unter allen Umständen die Neuwahl des Reichstages dann fordern müßten, wenn sich das Ge- schästsministerimn nicht hatten sollte.
Die ReparaNonskvmmifflon.
Paris, 23. November. (Eigene Drahtmeldung.) Nach dem „Temps" wird die Reparationskommission nunmehr nach der Bildung des Ministeriums Cuno die Frage erörtern, ob der neue deutsche Reichskanzler t>ie Vorschläge seines Amtsvorgängers aufrecht erhalten werde. Geschehe dies nicht, so werde die Reparations- komisston unverzüglich die begonnenen Verhandlungen über die der deuttcheu Regierung zu erteilende Antwort auf ihre beiden Roten wieder aufnehmen.
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Die neue Regierung.
Beendete Kabinettbildung.
Die Regierung Cuno ist gebildet worden. Cuno selbst nennt sie Geschäftsministerium oder Arbeitsmiuifterium. Und dennoch laßt die Ministerliste deutlich erkennen, daß Cuno nicht lediglich Männer zur Mitarbeit gewählt hat, die den Parteien fern stehen. Im Gegenteil sind die meisten Mitglieder feiner Regierung bekannte Politiker, und im Verhältnis überragen die Mitglieder der Deutschen VoWpartei. Das hat jetzt schon in parlamentarischen Kreisen der Linken Bedenken ergeben. Manche Demokraten glauben, die Regierung, die sich von vornherein nach rechts entwickele, auf die Dauer nicht unterstützen zu können. Sie lehnen die Mitarbeit der Deutsch- nationalen ab, die jedoch bei einem Ministerium, das das Gesicht dieser Regierung Cuno zeigt, sich vielleicht ergeben würde. Auch das Zenttum ist nicht ganz befriedigt von dem Ausgang der Wahl, die Cuno getroffen hat. Am wenigsten aber sind die Sozialdemokraten erfreut, die aber nicht ihre Oppvsitionsstellung betonen.
Es kommt jedenfalls jetzt auf das Programm dieser neuen Regierung an, das am Freitag Nachmittag dem Reichstage vorgelegt werden soll. Wenn man der parlamentarischen Stimmung folgt, so könnte es wohl harte Krittk geben, nicht aber zu einer Abstimmung kommen, die die Regierung Cuno Mrzen könnte. Dafür möchte heute keine Partei die Verantwortung übernehmen. Mau rechnet damit, daß die Sozialdemokraten sich der Sttmme enthalten werden und daß die bürgerlichen Mittelpatteien für die Regierung stimmen. Eine Mehrheit aber erreicht wird durch die Deutschnationalen, die fürs erste die Regierung Mtzen werden. Selbst wenn die Sozialdemokraten also sich gegen die Regierung wenden würden, könnte sie mit einer Stimmenmehrheit rechnen.
Es ist auch falsch, wenn man dieser Regierung ein kurzes Leben verkündet. Das können nur die Krisenmacher tun, die sich durch den Reichskanzler übergangen sehen. Tatsächlich hat er die Möglichkeit, sich stets Mehrheiten zu suchen. Und da er, nach der Art der Zuscumnensetzung der Regierung, das Wirtschaftsmoment voran st eklen will, also Parteipolitik möglichst auszuschalten versuchen wird, ist wahrscheinlich, daß es ihm gelingt, den verfahrenen Starren wieder in Gang zu bringen. Das würde mnfo leichter fein, wenn er in der Außenpolitik Erfolge hätte. Leider werden sich aber gerade in der Außenpolitik in der nächsten Zeit schon Schwierigkeiten ergeben, die für die Regierung eine harte Probe bringen. So bört man von wenig freundlichen Absichten der Re- parationskommisfion. Indessen hat man Cuno als einen umsichtigen und geschäftstüchtigen Mann kennen gelernt; möglich, daß es ibrn gelingt, die erste Klippe zu überwinden. Kommt er beim ersten Vorstoß der Reparationskornmis- ston über den Berg, so hat er gewonnenes Spiel.
In der Innenpolitik ist schon bei der Bildung der neuen Regierung ein Fortschritt zu verzeichnen. Zunächst hat die Zn - sammenlegungder beiden Wittschaftsmini- sterien, der Post und Eisenbahn, welches Ministerium von Oeser verwaltet werden soll, bereits den Weg gewiesen, daß der Reichskanzler an der Gesundung der staatlichen Betriebe zu arbeiten gedenkt. Wohl ist diese Zusammenarbeit, Zusammenlegung auf Wünsche der Reparations- kommission hin, bereits von der Regierung Wirth ins Auge gefaßt worden, indessen: daß Cimo von vornherein das Einheitsministerium für Post und Eisenbahn schuf, läßt erkennen, daß er fofort mit inneren Reformen beginnen will. Wichtig ist auch das Reichsernährungs-Mini- sterium, das einem bekannten Fachmanne Wettragen ist. Man wird bedenken müssen, daß gerade in diesem Winter die ErnährungSnot in Deutschland groß sein wird. In diesem Ministerium werden sich deshalb weittragende Beschlüsse und Handlungen ergeben müssen. Es soll jedenfalls, nach dem Willen des neuen Reichskanzlers, nichts geschehen, was der Wohlfahtt des Volkes schaden kann, es soll alles unternommen werden, um die Ernährung sicher zu stellen und damtt jede Möglichkeit innerer Unzufriedenheit zu beheben.
Ob nun über alles weitblickend gedacht worden ist, läßt sich noch nicht übersehen. Die Kabinettsbildung ist schnell erfolgt. Die Ausfprache mit den einzelnen Mitarbeitern kann unmöglich tiefgehend genug gewesen fein. Vielleicht sind sie aber dem Reichskanzler soweit bekannt, vielleicht warm empfohlen worden. Man wird auf das Regierungsprogramm Watten müssen. Heute läßt sich nur in großen Zügen sagen, daß das neue Ministerium das Gesicht zeigst, das Vertrauen erweckt. Und daS heißt viel, wenn man an unsere gewesenen Kabinette und einzelne Minister den«. Sie mögen ibr Bestes gewollt haben, vielfach aber waren sie trotzdem nur Säten, die mit Ausgaben betraut wurden, die sie unmöglich erfüllen konnten, weil sie ihnen nicht gewachsen waren. Jedenfalls hat Cuno großen
Cuno, Reichskanzler;
Dr. Heinze, Vizekanzler und Justizminister (Volkspattei);
v. Rosenberg. Auswärtiges Amt;
Dr. Oeser, Inneres (Demokrat);
Dr. Hermes, Finanzen (Zentrum);
Dr. Becker- Hessen, Wirtschaft (VolKp.);
Dr. Brauns, Arbeit (Zentrum); Müller-Bonn. Ernährung (Zentrum); Groener, Verkehr;
Stic gl, Post (Bayrische Bolkspartei);
Dr. Albert, Schatzministerium;
Dr. Getzler, Reichswehr (Demokrat);
Hamm, Staatssekretär der Reichskanzlei Demokrat);
Dr. Br a n d, Staatssekretär des Wirtschafts- Ministeriums (Demokrat).
Die Vorstellung des neuen Kabinetts und die ErNärung des Regierungsprogramms durch den Reichskanzler vor dem Reichstage wird am Freitag erfolgen. — Der Chef der Reichskanzlei Staatssekretär Dr. Bremmer und der Chef der Preffeabteilnng des Reichsministerinms Dr. Oskar Müller haben dem Reichskanzler Dr. Cuno ihre Aemter zur Verfügung gestellt. Der Reichskanzler hat unter Anerkennung der Gründe die nachgesuchte Enthebung von den Acmtern angenommen. Zum Chef der Reichskanzlei ist der frühere bayrische Handelsminister Reichstagsabgeordneter Dr. H a m m in Aussicht genommen. Ueber die Besetzung des Postens des Chefs der Presse-Abteilung ist eine Entscheidung bis jetzt noch nicht getroffen.
Elsaß-Lothringen.
Vier Jahre französische Herrschaft.
®afl di« französische Herrschaft in Msatz. Lothringen sehr tntteUeM ist, geht ans den Ausführungen einer Strahdnrger Zeitnng hervor. ManfchreidtnnS darüber.
Wenn nicht endlich iu unserem eigenen Bolt, vor allem aber im neutralen Ausland. der un- . geheure Kontrast zwischen der französischen Be- [ richterstattung über die Lage in Elsaß-Lothrin- gen und den wirklich dort herrschenden Derhäilt- ' nissen den schärfftcx Protest und eine ernsthafte ‘ Beschäftigung mit der elsaß-lothringischen Fra- ’ ge hervorruft, dann muß man daran zweifeln, daß Recht und Wahrheit für unsere heutige Zeit i mehr sind als ein leerer Schall, und man wird I festzustellen haben, daß lediglich die 800000 । schwarzen und weißen Soldaten Poincares den . Ausschlag geben. Am 22. November wurde in ' Elsaß-Lothringen die „Befreiung vom preußischen Joch- festlich begangen. Durch Bankette ' und Paraden bemühten sich die Franzosen, der 1 Welt den Eindruck vorzuspiegeln, als fei in der Tat am 22. November 1918 das Unrecht von 1871 wieder gutgemacht worden, ein Unrecht, das darin bestanden haben soll, daß Bismarck die deutschen Stämme am Rhein, die Ludwig der Vierzehnte einst in Seiten deutscher Ohnmacht ge- , raubt hatte, in das Reich hineingenommen hatte. ; 2Sir brauchen uns heute nicht mehr darüber . zu streiten, ob im Hinblick auf dieses Vorgehen Bismarcks überhaupt von einem Unrecht gcspro- ' eben werden kann. Das eine steht fest: Frankreich durfte niemals ein Unrecht, dessen es das deutsche Volk zeiht, mit einem Verbrechen „wieder gut machen-s Und dieses Verbrechen hat das gerechtigkeitslüfierne Frankreich 1918 begangen, als es entgegen dem mit so vielen Phrasen verherrlichten Selbstbestimmungsrecht der Völker Elsaß und Lothringen, dieses alte deutsche Kulturland mit deutschsprachiger Bevölkerung, ohne diese Bevölkerung zu befragen, an sich gerissen hat. Dor wenigen Monaten hat ein Führer der Gruppe der französisch gesinnten Elsässer, der Cheftedatteur der Straß- 1 bürget Zeitung „La Mpubligue- endlich den . Mut gefunden, der französischen Regierung
die Wahrheit zu sagen.
Er schrieb: „Es gab 1914 wohl Elsässer, die in ihrem ganzen Denken unb Handeln von dem unerschütterlichen und leidenschaftlichen Gedanken sn die Wiedervereinigung mit Frankreich beherrscht waren. Aber diese Kreise bildeten in der setzten Zeit nut eine — hauptsächlich bet städtischen Bourgeoisie angehörende — Minder- hei t.- Der Schreiber dieser Zeilen, der die Ehre hatte, zu dieser Minderheit zu gehören, hat biese Tatsachen oft genug bedauert und in gleichgesinnten Kreisen bedauern hören. Die Mehrheit her Bevölkerung unseres Landes empfand in keiner Werfe mehr das, was man französische Gefühle nennen könnte, sondern nur ein starkes elsässisches Heimatsgefühl. Werl Frankreich iie elsaß-lothringische Frage von jeher lediglich unter dem Gesichtspunkt der
Erweiterung seiner Macht bewachtet hat. so herrscht heute in diesem Lande am Rhein mtt seiner Schönheit und Fruchtbarkeit nur Haß und Mißtrauen. Zerstörungswut und tiefste 'Niedergeschlagenheit. Deutsch- gesinnte stehen gegen französische Patttoten, Franzosen gegen Elsässer und Lothttnger! Väter, die im feldgrauen Rock überzeugungstreu für die deutsche Sache kämpften, müssen ihre Kinder von französischen Lehrern erziehen lassen, müssen mit ansehen wie ihre Kinder in einer fremden, in der französischen Sprache nnterttchtet werden, und wie dieser Sprachendressur wahrhafte Bildung geopfert wirb Mütter, deren Söhne in vaterländischer Begeisterung dem deutschen Volk ihr Leben opferten, stehen an den Gräbern ihrer Toten, die von Vertretern des französischen Volkes, von Präfetten und Ministern, anläßlich von Totenfeiern als die Vorbilder französischer Vaterlandsliebe gefeiert werben. Jeber Elsässer unb Lochringer, auf welcher Seite er auch stehen mag, in gleicher Weise auch jeder Deutsche und Franzose, mußte sich am 22. November fragen, ob er es vor seinem Gewissen verantworten kann, baß solche Heuchelei noch länger dieses Volk vergifte. Die französische Politik arbeitet fieberhaft daran, die Rheinlande
front deutschen Staatskörper loszutrennen, angeblich, um eine neutrale Zone zur Sicherung des Fttedens zwischen Deutschland unb Frankreich zu errichten. Die Rheinländer sind deutsch in ihrer Stultur und ihrer nationalen Gesinnung. Eine Neutralisierung der Rhein- lande bedeutet neuen Krieg Jn Elsatz-Lothrin- gen sind die Bedingungen zur Neutralisierung gegeben. Die dortige Bevölkerung ist kulturell deutsch, in ihrer nationalen Gesinnung :n drei Lager geteilt, in dcutt'chgesimtte, frcmzösisckoe- sinnte unb rein elsässisch und lothringisch fühlende Elemente. Wenn Frankreich nicht impe-
Das Kabinett Luno.
Die neue Ministerliste.
(Pttfrat-Telegrarnm.)
Berlin, 23. November.
Wenn nicht noch heute ein oder zwei Namen geändert werden, fetzt sich das neue Reichskabi- ueit wie folgt zusammen: