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Hessische Abendzeitung

Nummer 266

Fernsprecher 951 unL 952

Sonntag, 12. November 1922

12. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952

rregiemugs-llniMullg und Wiederaufbau.

<8inFinanzscherr"!

Paris, 11. November. (Eigene Trahtmel- dung.) Die Regierung und die französische Presse lehnen die deutschen Vorschläge mit ungemei­ner Erbitterung a b. Die große Rede PoincarLs im Senat, die der deuischftindlichen Hetzrede Loucheurs gefolgt ist, stellt bereits die offizielle Antwort Frankreichs aus die immer wieder opti­mistischen Darlegungen des deutschen Reichskanz­lers dar.Journal des Debats" nennt die Gut­achten der Berliner Währungskonferenz, die deutsche Mark aus einen Dollarstand von 3000 Mark zu stabilisieren, einen nicht ernst zu nehmenden Finanzscherz. (!)

gab über die Reparationsfrage unter an­derem folgende Erklärungen ab:Auf diesem Gebiet haben wir dieselben Interessen wie Frank­reich weil wir das deutsche Geld brau, ch e n. Wir sind also eines Sinnes mit Frank- reich, aber wir müssen fragen, ob das Geld, das wir brauchen, Deutschland auch bezahlen kann. Kann man Deutschland zum Zahlen brin­gen und wie kann dies geschehen? Sollen wir Gewalt oder Ueberredung anwenden? Das sind lauter angstvolle Fragen, die einer Ant­wort harren.« Er schloß mit den Worten, der Versailler Vertrag sei auch für Italien heilig. (!)

ein weiterer Sturz der Mark?

London, 11. November. (Eigene Drahtmel­dung.) Bradbury wird am Sonntag in Lon­don eintreffen und erst am Montag früh nach Paris Weiterreisen. In der Zwischenzeit nimmt der englische Ministerrat Stellung zu den deutschen Vorschlägen an die Reparations- konnnission. In maßgebenden Londoner Kreisen glaubt man, daß der Sturz der Mark in wenigen Tagen ungeahnte Dimensionen anneh­men wird. DieTimes« erklärt in ihrem Bör- cnbericht vom Donnerstag, die leichte Besse- mng in der Notierung der deutschen Mark ei nur ein Zwischenspiel ohne Wirkung.

Die Reparationskommisflon.

Paris, 11. November. (Eigene Drahtmel­dung.) Am Montag findet nur eine Vorbespre­chung der Reparationskonferenz statt. Die offi­zielle Sitzung ist auf Dienstag mittag ein Uhr anberaumt worden. Die Pariser Regie­rungsblätter kündiMN für die Dienstags-Sitzung einen Antrag Frankreichs an, die Ent­schließung bis zum Zusammentritt der Brüsseler Konferenz auszusetzen, um bis dahin die nach dem 1. Januar fällig werdenden deutschen Zah­lungen allmonatlich festzusetzen.

Regierungs-Llmbilöung.

Wirtschastsprograrnm de» Reichskanzlers.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 11. November.

Gestern nachmittag empfing der Reichs­kanzler die Führer der Koalitionspar­teien, sowie die der Deutschen Volks- Partei und der Bayrischen Volkspar- tei, um sich mit ihnen, wie es offiziell heißt, über die Arbeit des zweiten Ausschusses zur Aufstellung eines Wirtschafts - Pro­gramms zu unterhalten. Hauptgegenstand der Aussprache bildete jedoch die Frage der Re­gierungsumbildung. Der Reichskanzler eröffnete die Sitzung mit längeren Ausführun­gen. Dabei erklärte er, daß der Reichspräsident ihn mit der Umbildung der Reichsregierung be­auftragt habe. Es sei seine und des Kanzlers Absicht, deshalb sofort dieses Programm in An­griff zu nehmen und z» diesem Zwecke mit den ihm geeignet erscheinenden Männern in Ver­handlungen einzutreten. Der Reichskanzler hat also nicht die Absicht, die Deuffche Volkspartci in die Regierung offiziell einzubeziehen, sondern statt eines Koalitions-Kabinetts gemeinsam ein Kabinett des Wirtschafts-Wiederaufbaus zu bll- den. Der Reichskanzler wird bereits heute vor­mittag mit den einzelnen Parteien und mit den in Betracht kommenden Persönlichkeiten Füh­lung nehmen. Es ist seine Absicht, die Frage der Regierungsumbildung, wenn irgend möglich, noch im Laufe der nächsten Woche zu klären.

Ausfuhr-Rückgang.

Erschwerung der Wirtschaftslage.

St ist nelen der Markentwcrtung ein 6t. benutze« Zeichen, datz die Avefuhr deut­scher Er»««g»iste nachlStzt und damit die «tnsnhr »«rhSitntemilßig vermehrt. Sa. rüber wird un« Nachfolgende« geschrieben.

Die künstlich durch den Marksturz hervorge­rufene Periode der Hochkonjunktur in der deutschen Wirtschaft ist in anscheinend raschem Schwinden begriffen. Ter beginnende Um« schwung der Dinge zeigt sich am deutlichsten an dem von Dag zu Tag merklicher werdenden Nachlassen der deuffchen Wettbewerbs­fäh i g k e i 1 im Ausland Immer mehr Jndn- sttiezwcige kl>rgen über den empfindlichen Rück­gang der Auslandsaufträge, die beginnende Flaute im Exportgeschäft. Aus der Stcftistik der deutschen Warenausfuhr geht denn auch die Bc- rechttgung dieser Klagen hervor: die Menge der ausgeführten Waren ist von 2,2 Millionen Tonnen im April auf 1,4 Millionen Tonnen im August zurückgegangen. Dagegen zeigt be­dauerlicherweise die Einfuhr eine Zunah­me von 2,9 auf 4,7 Millionen Tonnen, sodaß der Ueberschnß der Einfuhr über die Ausfuhr die sog. Passivität der Handelsbilanz von 700000 Tonnen auf 3,3 Millionen Ton­nen angewachsen ist! Entsprechend der Abnah­me der Ausfuhr haben auch die Beschwerden des Auslandes über dieNeberschwemmnng" des Weltmarktes mit deutschen Waren wesentlich nachgelassen. So hat man z. B. in Holland rmd Skandinavien bereits mit Befriedi­gung auf ein erhebliches Nachlassen des deut­schen Wettbewerbs hingewiesen. Von uns muß diese rückläufige Bewegung unseres Ausfuhr­handels mit ernster Aufmerksamkeit verfolgt werden, denn die Existenz unserer Bevölft-

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Paris. 11. November.

Aus Rom wird berichtet: Der faszistische Ministerpräsident Mussolini empfing gestern die Berichterstatter der Pariser Presse in Rom und

Die Versonen-Frage.

Berlin. 11. November. (Privattelegramm.) Bei der Regierungs-Umbildung kommen nicht nur die f r e i e n P o st e n im Auswärtigen Ami, im Wiederausbauministerium und ein Minister- Posten ohne Portefeuille in Frage, sondern auch eine Neubesetzung des Wirtschafts- und Ber- kehrsministeriums. Es dürste dabei in erster Linie das Reichspostministerium und das Reichs­wirtschaftsministerium in Frage kommen. Ueber die Personenfrage läßt sich im allgemeinen noch nichts Bestimmtes sagen, nur soviel sei an­gedeutet, daß für das Auswärtige Amt Geheim­rat Cuno, bet Generaldirektor der Hamburg- Amerika-Linie. in Aussicht genommen ist. Rach den bisherigen Verhandlungen, die der Reichs­kanzler mit ihm hatte, ist man zu der Annahme berechtigt, daß Cuno, wenn ihm der Posten offi­ziell angeboten werden sollte, sich diesmal nicht wieder ablehnend verhalten wird.

Neues aus Bayern.

Sin neuer Propst in München.

tPrivat-Telegrannn.)

München, 11. November.

Bei der aus Anordnung der Münchener Staaisanwalffchast vorgenommenen Haus­suchung in der Schristlejtung der sozialdemo­kratischenMünchener Post« wurde umfang­reiches Material beschlagnahmt und den zuständigen Berfolgungsbehörden übergeben. Gegen den verantwortlichen Schriftleiter Julius Zorfatz ist ein Strafverfahren wegen Landes­verrats eingeleitet worden, begangen durch den Nachdruck einer Denunziation der sozial­demokratischenFränkischen Tagespost in Nürn­berg über angebliche Waffenfunde in Franken. Dasselbe Strafverfahren ist gegen den verant­wortlichen Redastenr derFränkischen Tages- post" eingeleitrt worden.

Ställen und Frankreich

Sie brauche« das deutsche Geld!

(Eigene Drahtmeldung.)

Am Scheideweg.

Finanzen. Regierung. Kein Feiertag.

kicher Art, die eine wahnsinnige Teuerung zur Folge hat, wird nachgerade unerträglich. Die Theorie, daß man weniger Ware erzeugen müsse, um höhere Preise zu erzielen, oder daß man we­niger arbeiten müsse, um mehr Menschen beschäf­tigen zu können, läßt sich nicht mehr austecht er­halten. Der höhere Verdienst nützt nichts, wenn damit die Waren verteuert werden. Man be­ginnt bereits in weiteren Kreisen einzusehen, daß der Arbeit doch größerer Wert beizumessen ist als es bisher geschah. Aus solchen Gedanken heraus war auch der erfreuliche Beschluß der Gewerkschaften entstanden, daß am 9. November, dem Revolutions-Erinnerungstage, die Arbeit nichtruhen sollte. Ein etwaiger Produktions­ausfall, der im ganzen Reiche eine ungeheure Menge bedeutet, wäre nur zum Schaden der Volksgesamtheit gewesen. Die eingeschlagene Richtung an diesem Scheidewege ist als ein Fortschritt zu buchen! K. F. D.

Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

rung hängt vorwiegend von der Aufrechterhal­tung eines möglichst umfangreichen Exports ab. Wird er «ns beschnitten, so bedeutet das gleichzeitig eine Schmälerung un­serer Lebenshaltung. Die Gründe einer

Abnahme unserer Wettbewerb.fähigkeit liegen klar zutage. Aks wirtschaftlich verarmtes Volk können wir heute im Gegensatz zu früher und zu den kapitalkrästigen Industrieländern, namentlich England und den Vereinigten Staa­ten, wenn überhaupt, so nur in geringem Umfange den Abnehmern unserer Jndustrieer- zeugnisse langfristige Kredite einräumen. Darin bestand vor dem Kriege eines der wirk­samsten Mittel zur Förderung des deutschen Außenhandels. Heute müssen wir möglichst bald bares Geld in die Hand bekommen. Tenn mit der Markentwertung geht Hand in Hand ein katastrophaler Verlust an Betriebs- kapital. Auch die Industrie lebt heute, wir neun Zehntel des deutschen Volkes, buchstäblich von der Hand in den Mund: erst Geld, dann Ware. Der zweite Grund liegt in der außer­ordentlich raschen Erhöhung der Produk« tionsunkosten. Ausschlaggebend sind vor­nehmlich die unheimlich gestiegenen Preise der Brenn- nnb Rohstoffmaterialien in- und auslän­discher Herkunft, welche die deutsche Wirtschaft in immer wachsendem Maße teils mindestens ebenso teuer, teils sogar teurer als das Aus­land produzieren lassen. Dazu kommen son- sfige Unkosten, wir hohe Steuern, dauernd sich erhöhende Eisenbahnfrachten, Löhne u. a. m. Die Entwicklung der Ausfuhr zeigt übrigens, wie wenig stichhalfiq die Ansicht ist, ein niedriger Markkurs sei unerläßliche Vorbedingung für die Wettbewerbsfähigkeit, denn nicht nur trotz des unerhört niedrigen Standes der Mark geht die Ausfuhr zurück, sondern gerade auch

Am unsere Vorschläge.

Die unersättlichen Franzosen«- (Eigener Drahwericht.

Paris, 11. November.

Der französische Vorsitzende der Reparations- Kommission, B a r t h o u, hat vor feiner Abreise aus Berlin dem Vertreter der Havas-Agentur folgende Erstärung abgegeben: Tie Reise der Reparationskommisston nach Berlin war eine

~UfttiRe: $ie einspaltig. Anj.ig-nz.ll- M. 12.-, die «tafpalttg. SJteHoBttjeü. M. 36,. b) Auswattige Kufträgc Di. einspaltig. Anzeia.nz.ll- M. 13.-, irt. dnfpaUige Reklame-al. M. 36, all.» einschließlich Teuerungszuschl^q lmd Allzrrgmsten«. Sur Anzeigen mit besonders schwierigem Satz hunoert Prozenr Aufschlag. Für di- Richttzl-it aller durch »erusprscher aufgegebenen Anzeigen, sowie für Aufnahme, baten und Platze kann eine Semähr nicht übernommen werden. $ tut! tret' Schlacht. Hofstraß- 28/30. S-schäftSstelle: Kölnische Straße 5, Telephon Nummer 951 und 953.

wegen des Zerfalles der Währung.

Aber noch eine weitere Ursache hat die Vermin­derung unseres Auslandsabsatzes: ein oftmals üb ertri ebenes Gewinnstreben sei- tens der deuffchen Erzeuger. Man hat hier in leider recht weiten Kreisen nicht allein eine normale kaufmännische Kalkulation verlernt, sondern namenffich auch durch die Möglichkeit des »Dickverdienens" in erstaunlichem Maße den Blick für das Mögliche verloren. Hier wird der Umschwung der Lage zu einem Umlernen zwin­gen, das nicht ohne bittere Erfahrungen vor sich gehen wird. Alles in allem: wir stehen vor einer neuen einschneidenden Erschwerung unserer wirtschaftlichen Existenz. die nur überwunden und nach Möglichkeit abgeschwächt werden kann, wenn sowohl .Kapital" wieArbeit« die Dinge offen und nüchtern anfehen, von vornherein aus­sichtslose .Kraftproben" unterlassen, beiderseits die unumgänglichen Opfer bringen und m i t ein­ander, nicht gegeneinander arbeiten.

Die Mißwirtschaft in Rußland.

Ein Schrei nach Ordnung.

Die Moskauer Zeitung .Prawda" bringt an leitender Stelle unter der Ueberschrift: .So kann es nicht weitergehen« einen aufsehenerregenden Artikel über die katastrophale Lage deS russische!

, Die unentschiedene Haftung der Reparations- kommiftiou Hot möglicherweise auch eine innen­politische Nachwirkung in Deutschland. Mit dem ungewissen Ergebnis ist vielleicht Dr. Wirths Sch'cksal veffnüpft, dessen Kanzleffchast jetzt stark bekämpft wird. Dr. Wirth hat einen schwe- 55" Simch- denn auch die Sonne der französi­schen Gunst ist untergegangen, weil er nicht mehr bedingungslos erfüllen wilft Von deutscher Seite macht man ihm zum Vorwurf, daß es ihm nicht gelinge, das deutsche Staats- und Wirffchafts- ZU bringen. Der zur Deut- schen VoWpartei ubergetretene ehemalige demo- lrattsche Abgeordnete Heckscher greift den Reichs- kanzler neuerdings scharf an: Dr. Wirch habe 2^55 raä rednerische Begabung und vaterläu- dlsche^ Gesinnung, aber er habe durch seine Erfül- lungspolitik versagt. Gerade jetzt, da er dieser Erfüllung eine Grenze setzt, will man ihn aus­booten und einen Andern an seine Stelle setzen, dem man größere Energie nachsagt, nämlich Dr. Hermes, den letzigen Finanzminister. Vor- mancherlei Unklarheiten. y1" rranzofffcher Delegierter soll angeblich ge­sagt Wn. mit Dr. Hermes wäre die Repa- rwloichkommi,,lon besser vorwärts gekommen, weil ei zu vermehrten Zugeständnissen bereit ge- itin^ ~a§ ja gerade den Wünsl^n LUwwerlaufen. Diese Zugeständ- nisse können sich also nur darauf beziehen daß er bereit wäre, den deutschen Reichshaushalt auszu^eichen und die deuffche Arbeitsleistung zu vermehren. Dieses Bestreben ist unbestreitbar gut, aber ist Dr. Hermes der Mann, der das voll- brmgen kamt und dabei die ftanzösische Begehr- lick^it m Grenzen zu hatten vermag?

Es scheint sich neuerdings der Gedanke durch- zuietzen, dag die Produktion vermehrt 1)16 Arbeitsleistung gesteigert werden mux, wenn ton aus dem Elend heraus- kommen wollen. Die Knappheft en Waren jeg-

Nottoendigkett. Die Kommission hat den größ­ten Teil ihres Programms erledigt. Dieses Pro­gramm bestand nicht darin, ein Problem an Ort und Stelle zu lösen, sondern, um Material da­für zu sammeln und die Lösung vorzube­reiten. Die Flucht der Verantwortlich­keit scheint in Deutschland nicht weniger groß zu sein, als die Flucht des Kapitals. Die Rote der deutschen Regierung über die Stabilisierung der Mark gleicht nur sehr fern dem genauen Plan, den man uns versprochen hatte. Es sind nur Anregungen und keine Lösungen gegeben worden. Als Vertreter Frankreichs werde ic die Rechte meines Landes verfechten. Ich weiß wohl, daß ein Gläubiger den Schuldner nickst ruinieren soll, zugleich aber weiß ich auch, daß ein Gläubiger sich nicht zugunsten seines Schuld­ners vollkommen zu ruinieren braucht.

Berlin fft gestern nachmittag um eine Sen« jatton armer geworden. Der ganze Zirkus der Reparationskommission ist abgereist, ohne Sang und Klang,, nach Paris. Das zehntägige Gast- sprel hat feinen nachhaltigen Eindruck hinterlas- sen Weder auf deutscher, noch auf alliierter Sette ist man mit dem Ausgang zufrieden. re-fS. 2.uch nicht beabsichtigt war, irgend eine Entscheidung zu treffen, sondern erst Material an Ort und Stelle zu sammeln, so ist trotzdem zu erkennen, daß den Alliierten, namentlich den Franzosen, die deutschen Vorschläge nicht Senugen. Der Reichskanzler Dr. Wirth hat sich alle Muhe gegeben, in einer Denkschrift darzu- legen, welche Wege zur Stabilisierung der Mark gegangen werden müßten. Er hat auch bekun­det, daß die deuffche Regierung in weitgehendem Maße bereit ist, dabei nach besten Krifften mit« m1T selbst das Gold der jetzt autonomen Retchsbank feff zur Verfügung gestellt werden , und hat schließlich darauf hingewiefen, daß ohne ausländische Hilfe das deuffche Wirtschafts­leben zugrunde gehen müsse. Dr. Wirths Mahn­ruf war eindringlich und gründete sich auf die Gutachten der ausländischen Finanz- s a chverständ i ge n. Voraussetzung für einen Erfolg fft allerdings neben einer internationalen Anleihe em mehrjähriger Aufschub der Geld- und Sachleistungen. Das aber ist es, das den Franzosen nicht gefällt. Zahlungs- und Liefe- rungs-Auffchiib? Niemals!

Die Reden Poincarss und Loucheurs in der französischen Kammer enthüllen wieder einmal das wahre Gesicht. Beide betonen, daß die Finanzlage Frankreichs auch schlecht sei, so daß auf die deutschen Zahlungen nicht für län- gere Zeit verzichtet werden könne. Wenn die Alliierten nicht den ftanzösischen Standpuntt ver­standen, müsse Frankreich sich allein helfet durch Ergreifung von Pfändern! Der ehe­malige Wiederaufbauminister Loucheur, der einst das vielumstrittene Lieferungs-Abkommen mit Rathenau abgeschlossen hatte, bestätigte in un­verschämter Offenheit die ftanzösischen Gelüste nach dem Rheinland. Zwar vermied er das Wort Annektion und gab sogar zu, daß daS Rheinland mit Deutschland wirtschaftlich ver­wachsen sei, aber das Beste (für Franfteich) sei, Deutschland bankerott zu erklären, um eine neue Valuta aufzubauen, und das Rhein- land selbständig zu machen! Wie er sich öte allmähliche Ueberleitung an Frankreich denkt, seigt . fetn Vorschlag, daß auch nach der .Selb- standtgmachung" die alliierte Besatzung unter französischer Führung dort auf­recht erhalten werden solle. Poincarö haut in dieselbe Kerbe und meint, wie dem auch sei, die Frfft für die jetzige Besetzunqsdauer dürfe noch nicht zu laufen beginnen. Das ist die Politik ®ei französischen Rationalisten, die feit vier Iah- ren über Deutschland herrschen und es noch »51= lia) vernichten. Haben daneben die freundlichen Gutachten der neutralen Finanzsachverständigen überhaupt einen Wert?

Aus Deutschlands Kosten.

Das Feilschen am den Orient.

(Eigene Drahtmeldung.)

London, 11. November.

Das britische Kabinett hat gestern die Lage im Rahen Osten beraten. Eine amtliche Mittei­lung wurde nicht herausgegeben. Wft verlautet, besagen die Berichte aus Konstantinopel, daß sich dort der Ernst der Lage nicht vermin- bert hat. In den letzten Tagen haben hoch­wichtige Verhandlungen zwischen London und Üarts stattgefunden, worin London versucht, Garantien dafür zu erhalten, daß Frank­reich den Türken gegenüber durchhalten wird, wofür man noch keine Sicherheit zu haben glaubt. Poincarö soll als Preis dafür, daß er England zustiinrnt, die Zustimmung Englands fordern, zu dem Plane einer wirtschaftlichen Ausbeutung des Rheinlandes durch Frankreich. (!) Die Beziehungen zwischen London und Rom find jetzt ausgezeichnet.