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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung -<y^> Hessische Abendzeitung

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Nummer 260. Fernsprecher 951 und 952 Sonntag, 5. November 1922. Fernsprecher 951 und 952 12. Jahrgang.

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Vorschläge zur Mark-Stabilisierung.

Der Markfchwund.

Trotz Sruanzeonfereuzr

An den deutschen Börsen spielt sich jetzt eine Mutige Satire ab. Während in Berlin die Fi- nanztvnferenz ragt, an der sich deutsche und aus­ländische Finanzsachverständige beteiligen, um ein Mittel zurStabilisierung" der Mark zu sinden. fällt die Mark ins Bodenlose! Im Lause der Woche mutzten z. B. für den D o l l a r erst viertausend, dann fünftausend und gestern schon mehr als sechstausend Mark gezahlt wer­den. Ja gleichen Sprüngen gingen die ande­ren Devisen aufwärts. Und mit den Dein­sen stiegen die Effekten, die in der Mehrzahl allerdings im Vergleich zu den Devisen noch zu­rückgeblieben sind, aber in einzelnen Werten, namentlich in gewissen Montan - Papieren, Kali-, Maschinen-, Kohlen- und Chemischen Pa­pieren war die Steigerung fabelhaft stark. Bei solchem Kaitsandrang ist das kein Wunder. Wie uns unser Berliner Börsenberichterstatter schreibt, stand nian an den Maklerständen in Schlangen­linien, wenn überhaupt die Ordnung aufrecht erhalten wurde. Vorübergehend war das Ge­dränge der Börsenbesucher so groß, daß Jeder nach vorne zu gelangen suchte und wenn Papie­re angeboten wurden, die Käufer sich darum stritten. Dieser Umstand ist das betrüblichste Zeichen unserer Zeit. Man hat kein rechtes Zu­trauen zur Mark und glaubt, daß sie noch weiter sinken könnte, deshalb greift man nach Sach­werten. Es liegt darin aber auch das Merkmal der Kopflosigkeit, denn je größer die Nachfrage, desto teurer die Ware. Gewiß sind die Sach werte der reale Wert und das Papiergeld ist nur Surrogat. Trotzdem ist das Papiergeld auf das staatliche Sachvermögen begründet und es liegt keine Ursache zu solchem rapiden Niedergang der Mark vor. An dem jetzigen Marksturz wir­ken aller Wahrscheinlichkeit nach internationale Kräfte, und es ist ebensogut möglich, daß wieder einmal plötzlich ein Rückschlag kommt.

Angesichts der attgenblicklichen Geldentwer­tung erscheint es geradezu wie Hohn, wenn die Herren Sachverständigen in Berlin mit schönen Worten von der Stabilisierung der Mark reden. Der Reichskanzler hat den Ausländern gegenüber mit bemerkenswertem Ernst darauf hingewiesen, daß Deutschland vor dem Zusammen­bruch steht. Die Finanzlage sei von der-Re­gierung umso mehr geprüft worden, je mehr die Entwertung der Währung fortgeschritten ist und je verhängnisvoller die Folg'en dieser Entwertung für die deutsche Wirtschaft wie für die Wirtschaft der anderen Länder geworden ist, mit denen Deutschland Handel treiben muß. Es ist gewiß, daß eine Stabilisierung nicht möglich ist, wenn nicht zwei Voraussetzungen erfüllt wer­den : die Regelung des Reichshaus­halts und der,Ausgleich des Außen­handels. Solange die Wareneinfuhr so viel höher ist als die Ausfuhr, bleibt die Unterbilanz bestehen. Der innere Zusammenhang ist klar. Je mehr Waren wir einführen müssen, desto größer ist der Devisenbedarf und desto mehr sinkt der Markkurs. Je tiefer die Mark sinkt, desto weniger können wir an Reparationen zahlen. Und ferner: je mehr wir zur Erfüllung der uns aufgezwungenen Reparationsvflichten gepreßt werden, desto weniger können wir den Reichs­haushalt in Ordnung bringen. Dr. Wirib er­innerte mit Recht an das Gutachten des Dach- Verständigen-Komitees auf der Genua-Konfe­renz, worin gesagt wurde:Wenn die äußere Schuldenlast eine Staats seine 'Zahlungsfähig­keit übersteigt, und wenn dieser Staat nicht durch eine äußere Anleihe Hilfe erhält, dann ist die Folge davon, daß einmal die ausländischen Märkte gestört werden und daß andererseits eine fortgesetzte Entwertung der Geldparität dieses Staates einiritt." In der deutschen Finanzlage haben wir den deutlichsten Beweis für die Rich­tigkeit dieses Satzes. Aber obwohl ein halbes Jahr seit Genua vergangen ist, bat sich keiner der Gläubigerstaaten darnm gekümmert. Wie dieses, so wurden auch alle anderen Gutachten, die etwa eine Erleichterung für Deutschland befürworte­ten, außer Acht gelassen. Alle Konferenzen waren nur kostspielige Vorführungen für das Welt- Publikum.

Sollte die jetzige Berline'r Konferenz nicht anders aufzufafsen sein? Wir wollen das große Unternehmen, das mit ungeheuer viel Vorbereitung, mit Aufwand an Zeit und Geld in <^ene gesetzt worden ist. heute nicht kritisieren, fctange der Verlaus noch nickst erkennbar ist. Aber die anmaßenden Absichten Bartbous, des Vorsitzenden der Reparationskommission, und der rasende Niedergang der Mar? sind keines­wegs geeignet, Hoffnung zu erwecken. Die Zu­sicherung des Kanzlers, daß den Sachverstän­digen sozusagen alle Bäcker des Finanzmini­steriums vorliegen und alle Kaffenschränke imn Einblick offenstehen sollen, bat die Entente-Ver­treter nicht veranlaßt, uns mehr Vertrauen ent­gegen zu bringen. Es fehlt auf der Gläu - bigerfcite offenbar immer noch art auf en

Willen. Bezeichnenderweise ist die Repa- iationskommisswn ja auch nicht nach Berlin ge­kommen, um zu beraten, wie man Deutschland helfen könne, sondernum die Finanz- und Wirtschaftslage zu studieren". Das ist ein dehn­barer Begriff, der bedeuffam klingt und doch nichts besagt. Sollte auch diese Konferenz ergeb­nislos verlaufen, dann ist der völlige Zusam­menbruch sicher, dann werden wir Oesterreichs Tiefftand im Laufe dieses Winters noch errei­chen. Was dann folgt, wird ein düsteres Ka­pitel im geheimnisvollen Buche des Schick­sals sein! K. F. D.

SLabMsieruiWs-Versuche.

Vorschläge der deutschen Regierung.

(Privat-Telegramrn.)

Berlin, 4. November.

In dem gestern überreichten deutschen Finanzplan wird einleitend darauf hinge­wiesen, daß eine Stabilisierung der Mark gleichzeitig mit dem Ausgleich unseres Etats erfolgen müsse und daß ohnd Stabili- ieruilgs-Maßnahmen eine Balanzierung auf die Dauer unmöglich sei. Unter Hinweis auf die deutsche Steuergesetzgebung und die Veraus­gabung eines Teiles des Reichsbankgoldcs zu Stabilisierungszwecken wird gesagt, daß Stabili- icrungsmaßnahmen im Inneren ohne äußere Hilfe zwecklos seien. Eine äußere Anleihe wird deshalb als Voraussetzung für unbedingt notwendig erachtet. Wenn eine äußere Anleihe zustande kommt, ist die Reichsrcgieruug nicht ab­geneigt, auch den Goldbestand der Reichs­bank teilweise zu Stützzwecken für die Mark zu verwenden. Weiter verweist der Vorschlag dar­auf, daß eine äußere Anleihe nur dann möglich , wenn eine langfristige Stundung eintritt

«Segen eine Finanzkontrolle.

Berlin, 4. November. (Privattelegramm.) Die Reichsregierung erinnert die Reparations- kemmission an den Beschluß der Pariser Bankicr- konserenz. Eine Stundung der Sachlei- stunge'n wünscht die Regierung nur für Ma­terialien, die nicht für den Wiederaufbau Rord- fr.inkreichs Verwendung finden. Die Kosten für die Wiederaufbaulieferungen wird sie nach Mög­lichkeit durch eine innere Anleihe au (bringen. 3um Schluß wird dann noch eingehend der Be­weis geführt, daß eine Finanzkontrolle über Deutschland nur eine Schädigung un­serer Interessen und damit zugleich der Inter­essen der Ententeländer herbeisührcn müsse.

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Bradburv fordert Maßnahmen.

Sachverständigen, Prof. Yenks ausgearbeiteten Vorschlag einer auswärtigen deutschen Anleihe gegen die Sicherheit des deutschen Goldbe- st au des, aber mit Verzicht der Reparations­kommission auf die Priorität ihrer Forderungen ablehnen. Die letzte Meldung gibt der Vertre­ter unter Vorbehalt.

Deutschland ist nicht bankerott

Eine Erklärung des Reichskanzlers.

(Eigene Drahtmeldung.)

Berlin, 4. November.

Der Berliner Korrespondent derNeuen Freien Presse" berichtet, daß er GeleMnheit hatte, sich von der Stimmung innerhalb der Reichsregierung zu überzeugen. Die ReichSrc- gierung habe sich von der pessimistischen Stim­mung nicht fortreiften lassen. Der Reichskanzler äußerte sich in folgender Weise: Es herrscht Panik, eine Panik, die durch die wirffchaft- liche Lage in Deutschland in keiner Weise gerechtfertigt ist. DaS Resultat der ver­hängnisvollen Entwicklung der letzten Zeit ist, daß Deuffchland nicht bankerott ist; es ist purer Unsinn so etwas aufzutischen, sondern daß es zu Reparationen unfähig geworden ist. Deuffchland habe auch jetzt noch den ehrli­chen Willen sich zu verständigen, ob es aber spä­ter überhaupt noch etwas werde leisten können, hänge davon ab, daß es die Möglichkeit habe, das Heräbsinlen der deutschen Währung zu bremsen. Das kann nicht eindringlich genug gesagt wer­den. Reparationsleistungen und finkender Wohl­stand find nicht zu Vereinen.

Bayerns Kabinettkrßft.

Kandidaten für die MinifterpräfidenLschaft. tEigcner Bericht.)

München, 4. November.

Die drei Fraktionen der bayrischen Regie­rungskoalition, Mittelpartei, Bauernbund und Bayrische Bolkspartei. haben gestern getrennt zur Kabinettskrise Stellung genommen. Die Einigung in der Persoucnfrage erfolgte in der Weise, daß die beiden Spitzenkandidaten der Bayrisckjen Bolkspartei, der Fraktionsvorsitzende Geheimrat Held und der frühere Staatsmiui- fier von K'nillig von der gesamten Koalition als Kandidaten für die Ministerprästdentschaft gukgeheitzen wurden. Einem Wunsche auch der anderen Parteien gemäß wird die Bayrische Bolkspartei dem Abgeordneten Held nahelegen, die Ministerpräsidentschaft zu übernehmen. Wenn er fich nicht dazu entschließen kann, so wird das Amt v. Knillig angrtragen werden, der bereits beim Rücktritt von Kahrs bereit war, die Mini stcrpräfidcntschast in Bayern zu übernehmen.

Berlin, 4. November. (Privattelegramm.) Ans London wird gemeldet: Sir John Brad- bnry hat in einem Gespräch mit dem Berliner Vertreter derChicago Tribüne" erklärt: Wir haben in Berlin gefunden, baft der Reichskanzler und der Reichsfinanzminister bereit sind, alle An­strengungen zu machen, um dem Wiederherstel­lungs-Ausschuß einen Einblick in die wahre Lage Deutschlands zu geben. Wir brauchen die­sen Einblick sehr dringend, da es mir scheinen will, als könnte das deutsche Budget nur durch sofortige Iräftige Maßnahmen wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Diese Maß- nahmen wollen wir suchen, und in die Verant­wortlichkeit sollen fich die Reparationskommisston und die deutsche Reichsregierung teilen.

Aus den Verhandlungen.

Kohlenerzougung und MoratoriuMsfrage.

(Eigene Drahtmeldung.)

Berlin, 4. November.

Die bisherige Aussprache in den Reparations­verhandlungen war nur von geringer theoreti­scher Bedeutung. Die Reparationskommisfian dürste keine Entscheidung vor ihrer Rückkehr nach Paris treffen. Wie ein französischer Vertreter äußert, fei der einzige praktische Vorschlag in der Diskussion bisher der gewesen, die deuffche Industrie unter gewissen Bedingungen an der Kohlenerze uz ung in Oherschlesten und der Erzprodnttion in Lothringen zu beteiligen. Darüber würden direkte Verhandlungen zwischen stanzöfischen, panischen und deuffchen Indu­striellen eingeleitet werden und darin liege eines der wenigen Metel, die wirtschaftliche Krise Deutschlands im Keime zu ersticken. Derselben Quelle zufolge fei mau in deutschen politischen Kreisen der Ansicht, daß Reichsfinanzminister Tr. Hermes vor der Konferenz die Notwendig­keit eines fünfjährigen Morawriums und einer auswärtigen Anleihe vertreten müsse. Die Re­parationskommission würde aber auf die Mo­ratoriums frage nicht eingehen können und auch den angeblich von dem amerikanischei

Wirkung des FusZismus.

Die Nationalsozialen in Bayern.

(Privat-Telegramm.)

Vkünchen, 4. November.

Die Ereignisse in Italien wirken auf gewisse Kreise auch in Bayern zurück. In einer gestern abend abs^haltenen Versammlung der mttional- fizialen Parier bemerkte der Referent, Hermann (Effet, unter anderem: In Italien sei es einer Handvoll national gesinnter Männer gelungen, Ordnung zu schaffen. Auch Bayern werde seinen Mussolini haben, wenn anders keine Ordnung zu erreichen sei. Unter einer nationalen Diktatur werde es sich besser leben lassen als int freien Volksstaat. Diese Aeußerung wurde von der Versammlung mit demonstrati­vem Beifall ausgenommen. Der gleiche Redner teilte mit. daß heute vormittag der bayrischen Regierung eine Forderung auf Schaffung bay­rischer Sonderbestimmungen gegen den Wucher durch Einführung der Todesstrafe i'berretdjf werden soll. Sollte dieser Forde­rung nicht Rechnung getragen werden, dann müsse das Volk zur Selbsthilfe schreiten.

Zm besetzten Gebiet.

Ausnahmestellung der Alliierten.

(Eigene Drahtmeldung.)

Koblenz, 4. November.

Die interalliierte Rheinlandkommisfion hat fich mit der sofortigen Anwendung der Verord­nung deS Reichspräsidenten gegen die Speku­lation mit ausländischen Zahlungsmitteln vom 12.10. 22 und den dazu erlassenen Ausfüh­rungen vom 27. 10. 22 innerhalb des besetzten Gebiets mit dem Vorbehalt einverstanden er­klärt, daß diese Verordnung keine Anwen­dung finden soll auf Angehörige der Rhein- l a n d ko m m i s s i o n und der Besatzungs­armee, soweit diese auf eigene Rechnung und Sui Deckung des persönlichen Bedarfs Käufe tä­tigen bei bestimmten fremdländischen Banken im besetzten Gebiet, die im Sinne der genannten Verordnung den deuffchen Banken gleichstchcn.

Der Mittelstand.

Eine verarmende Volksgruppe.

Da« deutsche Volksleben hat febr groß« Umwandlungen durch machen muffen und nod» ist dieser Drozeh nicht beendet. Di« wirtschastlich« Umschichtung hat s«hr em­pfindlich den Mittelstand getroffen. Ein Berliner Mitarbeiter gibt einig« Bilder.

Morgens früh. Die Straßen sind noch leer, schnell geht an den Häusern entlang eine hohe Gestalt, die in der einen Hand ein kleines Töpf­chen trägt. Ich komme des Weges, habe das Wundern verlernt, wundre mich auch nicht über diese frühe Erscheinung, aber beim Näherkom- men fällt mir der Gang des Mannes auf und betroffen bleibe ich stehen:Sie, Herr Direktor?" Er muß wohl oder übel Rede und Antwort lehen, versucht dabei aber das kleine Töpfchen schamhaft zu verbergen. Einige Worte. Ich Hove die Situation überschaut und berühre sie nicht. Er aber faßt Mut:Verdrehte Welt!" Keck holt er vom Rücken sein Töpfchen hervor: Da staunen Sie! Ja, man ist heute sein eige­nes Milchmädchen. Angestellte kann man sich nicht halten, meine Fran hat genug zu tun. Es ist meine Aufgabe, die Milch zu besorgen, ein viertel Liter nur, und weil man doch seine Ta­gesarbeit hat, muß ich schon in dieser frühen Stunde mich zum Milchhändler pirschen!"

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Es ist abends spät. Die Straßen sind leer, das Dunkel des sparsamen Berlins hat sich aus­gebreitet. Da uild dort verhallen noch einige Schritte. Ich will eilends zum Briefkasten. An der Ecke kommt ein kleiner Wagen. Eine mir bekannte Persönlichkeit zieht vorn, eine Dame schstebt Hinten. Der Wagen ist beladen mit eini­gen Kartosfelsäcken. Ich erfenne sie bald und will angesichts dieser nächtlichen Fuhre unv- wegen der (Situation schnell vorüberhuschen. Aber wir sind alte Freunde. Deshalb hält der Wagen. Die Dame lächelt und kommt auf mich zu, der Herr peinlich berührt, folgt ihrem Bei­spiel. Sie erzählen, sie hätten sich selbst die Kar-. tofftln von der Bahn geholt, Ne sie von Ver­wandten gesandt erhielten. Die Transportkosten von der Bahn zur Wohnung wären so hoch, daß sie nicht aufgebracht werden könnten. Außerdem ohne «roße Vergütung übernehmen wollte.

Sie ist eine stattliche Erscheinung, lebte bis­her von ihrem Vermögen, das man früher an­sehnlich nannte. Ihre Kinder, verheiratet, haben genug mit sich zu tun. Sie können die alte Aristokratin nicht aufnehmen. Ihr Ver­mögen ist zusammengeschrumpft. Ich Habe ost daran gedacht, wie sich die alte Dame durchs Le­ben schlagen mag. Da treffe ich sie, es war keine angenehme Begegnung für uns beide, an einem Vormittag. Fast hätte ich sie nicht er­kannt. Sie aber schämte sich nicht, kam auf mich zu.Da staunen Sic?" Ich hatte allen Grund zu staunen, denn nur die Erscheinung war die alte. Mit abgetragenen Kleidern angetan, äußer­lich unkenntlich, ging sie ihren Weg, trug einen Marktkorb in der Hand.Sie werden fragen, was ich treibe?" Was ich treibe? Die Not ge­bot mir, meinen Unterhalt zu verdienen und deshalb babe ich eine Stellung als Aufwär­terin annehmen müssen!

Der Herr Geheimrat war früher ein Mann, der auf Formen hielt und einen Klaffenstolz be­saß. Jetzt hat er sich ändern müffen; er reift für eine Firma. Ich sprach dieser Tage mit einem Direktor einer Lebensversicherung und er­fuhr von ihm. was mich nicht sehr überraschen konnte, daß seine besten Agenten heute Penön- lichSetten sind, die früher auf jeden Ver- sichernnasagenten von oben, mißbilligend herab- scchen. Fetzt sind sie zufrieden, sich durch Ver­mittlung von Versicherungen Nsbeneinnahmen verschaffen zu können.

Drei gebildete Damen. Abends fitzen wir ost zusammen, im harmonischen Familienkreis, zur geistigen Pflege. Sie haben mir dieser Tage ihr Herz ausgeschüttet. Ihr früher ansehnliches Vermögen bedeutet heute nichts, ©ic arbeiten deshalb in Geschäften, stricken, sticken.

Wo gM das Notgeld?

Derivendimg an den Eisenbahnschaltern.

Der Reichsfinanzminister hat, ermächtigt durch das Gesetz vom 14. August dieses Jahres, einzeftien Ländern, StäNen, Gemeinden und JNdustrieunternehmungen die Ausgabe von Not­geld gestattet. Dieses Notgeld kann feinen Zweck nur erfüllen, wenn es auch von den öffentlichen Kaffen anerkannt und in Zahlung genom­men w i r d. So hat die Reichsbahn, wie dieReichszentrale für Deutsch- Vcrkehrswer- bnna" mitteilt, sämtliche Eisenbohnkaffen ange­wiesen. Siotgelv in den Gr-nzen des Gel­tungsbereichs anzunehm.-», und auch zu

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