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Nummer 259. Fernsprecher 951 und 952 Sonnabend, 4. November 1922. Fernsprecher 951 und 952 12. Jahrgang.
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Die neuen Römer.
Lösung vom Versailler Vertrag.
Die Ereignisse in Italien bedeuten eine Revo- dolutton, mag man die Dinge noch so milde ansehen und beurteilen. Ja, wenn man zu den römischen Geschehnissen die richtige Einstellung gewinnen will, wird man gut tun, ihnen eine ernste Bedeutung beizumefsen. Von diesem Winkel Europas aus hebt eine Epoche an, d:e das europäische Staatenbild, wie es in Versailles zusammengezimmert wurde, von Grund auf umzugestalten geeignet ist. Aber noch ein anderes kommt den italienischen revo- lntronären Vorgängen gleich: Italien selbst hebt sich aus dem Kreise der Urheber des Versailler Vertrages heraus, es streift die Fesseln ab. die ihm in schlecht gelohnter Dankbarkeit gerade durch diesen Vertrag selbst angelegt worden sind, und — was das Bedeutsamste ist — das neue Italien wandelt die Spuren des alten römischen Weltreiches. Die Faszisten sind die Träger dieser Bewegung. Woher der Name? Die Anhänger dieser Gruppe leiten ihren Namen von den Stabbündeln ab. die fest umschlungen, in den Zeiten des alten Renn das Sinnbild der amtlichen Macht, aber auch das Sinnbild der Einheit, Geschlossenheit und Unüberwindlich- keit waren.
Die Faszisten haben unter den Augen der römifchen Regierung eine Heeresmacht geschaffen, die es ihnen schon bisher gestattete, nicht nur ganze Städte sondern ganze Landstriche in Schach zu halten und der Regierung mehr als einmal mit der Drohuna des Marsches nach Rom die wichtigsten Zugeständnisse abzutrotzen. Sie haben, sich das ganze römische Kriegswesen zum Vorbild ihrer militärischen Gruppierung genommen, indem sie sich Legionen mit den alt- römischen Adlern als Zeichen bildeten, die wieder in Kohorten sich mit dem Signa, den Stzmdarten, gliederten. Ihnen reihten sich die altrömischen Manipeln an, die Untergruppen, die in jeder Stadt, in jedem Dorfe geschickt verteilt waren und die, als der Führer rief, wie aus der Erde gestampft, erschienen, bereit, die Herrschaft anzutreten. Und so geschah es: Die italienische Regierung kapitulierte, der Vorschlag dez gestürzten Ministerpräsidenten Facta, zur Nachfolge Salandra zu erwählen, konnte vom König nicht verwirklicht werden, da der fasff stische Führer Mussolini ihm die Gefolgschaft verweigerte und alle Macht für sich und feine Anhänger verlangte. Diese ist ihm nun, fast ohne Kampf, zugefallen.
Die Faszistenbeweguna gilt fast allgemein, wenigstens außerhalb Italiens, als eine rechtsradikale Bewegung. So schlechthin als solche sie zu charakterisieren würde doch ihrer Be- deutnnd kaum gerecht. Die Anhänger des Fas- zismus sind in Italien bis weit in die Schichten des Bürgertums und der Arbeiter verteilt. Ist es nicht ein besonders charakteristisches Zeichen, daß beispielsweise sämtliche Chauffeure, Droschkenkutscher und sonstige Beamte und Arbeiter der faszistifchen Bewegung angehören und auf Kommando des Führers sich in den Dienst der Sache stellen. Der Faszismus ist in Italien vielmehr zum Schlagwort und zur Parole für alle diejenigen Schichten des Volkes geworden, die sich, um es rund beraus zu sagen, von dem Ausgange des Weltkrieges, soweit ihr Heimatland in Betracht kommt, enttäuscht fühlen, die sich übervorteilt, ja hinterganaen sehen und die nun von innen heraus die Situation von Grund auf umqestaltcn wollen. Und es ist Wiederum außerordentlich bezeichnend, daß der einstige Sozialist Mussolini, heute Führer des Faszismus, der umstrittene Herrscher, ja Diktator von Rom und Italien ist, dem sich der italienische König und dem ft* der größere Teil der Parteien ohne weiteres fügen.
Welches die Ziele des Faszismus sind, ergibt sich mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit aus seinem Programm. Zunächst Ablehnung aller Verträge mit Iugoslavien. Das bedeutet di« Ausgabe der Regelung der dalmatinischen und der Fiume-Frage. Wenn man sich erinnert an die vielen, vor allem auch inter- nationalM Verhandlungen, die um diese Dinge gepflogen wurden, dann kain man sich ungefähr eine Vorstellung davon machen, was die Verwirklichung dieser Forderungen bedeuten würde. Weiter verlangen die Faszisten die Abänderung der Abmachungen von Washington, in denen die Kriegsflotten der Länder ein« geschränkt worden sind. Italien fühlt sieb wett über die faszistifchen Kreise hinaus, durch diese Regelung ganz besonders getroffen, und es hat, wie man zugeben mutz, ein Recht zur Unzufriedenheit. Wenn Frankreich ein ungeheures Laud- beer ungehindert aufstellen und immerfort vergrößern kann, dann kann das von allen Seiten su Wasser ungeschützte Italien, dessen Küsten- städte bei einem feindlichen Ueberfall in wenigen Stunden zu Trümmern geschossen werden würden, auf einen entsprechenden Schutz nicht verachten. Aber auch die deutsche Frage, im besonderen die deutsche Reparationsfrage spielt
in das Programm der Faszisten hinein. Sie verlangen die Zuweisung eines gröberen Teiles der deutschen Reparaftonen an Italien: also nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich wird der Vertrag von Versailles angebohrt. Ueber- ragend sind aber doch die rein nationalistischen Forderungen der Faszisten, hinter denen eine große Mehrheit im Volke stehen dürste, und die auf nichts geringeres hinauslaufen, als auf die Verwirklichung des größeren Italiens". Die Vorbilder der römischen Weltherrschaft haben den Italienern schon vor Augen geschwebt, als sie in den Krieg eintraten. Wie groß mußte ihre Enttäuschung sein über den Ausgang dieses Krieges. Was heute in Rom und in Italien vorgeht, ist nichts anderes, als der impulsive, freilich auch durch eine gewaltige Macht gestützte Versuch, die römische Macht von ehedem nach dem Muster und mit dem Ziele des römischen Weltreiches zu errichten. Die Weltpolitik sicht vor einer neuen Tatsache, mit der sie eben so stark rechnen muß, als mit den Dingen, die in den letzten Wochen in Kleinasien sich vollzogen und die hier wie dort auf nichts anderes hinanslaufen, als Verträge aus den Angeln zu hoben, die sich vermaßen, das Schicksal der Welt in Paragraphen einzuschnüren. J. B.
Der Sturz der Mark.
Beunruhigung in der Reparationskommisfion (Privat-Telegramm.)
Berlin, 3. November.
Der neue Sturz der Mark hat in den Kreisen der Reparationskommission erhebliche Beunruhigung hcrvorgerufen. Wie aus diesen Kreisen versichert wird, war man sich unter dem Eindruck dieses Ereignisses darüber klar, daß sofort die in Aussicht genommenen Maßnahmen getroffen werden müssen. Es ist auch bereits Fühlung mit der deutschen Regierung genommen worden und der Anschein tritt hervor, daß man eine Verständigung wird erzielen können, sodaß die Reparationskommission wenigstens in dieser Angelegenheit noch vor ihrer Rückkehr nach Paris und ohne vorherige Verständigung der alliierten Regierungen endgültige Beschlüsse fassen wird. Es wird ferner bestätigt, daß der Finanzkonttollplan, der bestimmte Forderungen an die deutsche Regierung bezüglich der Erhöhung der Produktionsleistung vorsiehr, zunächst zurüügestellt worden ist.
Die Wühnrngsfonferenz.
Berlin, 3. November. (Privattelegramm.) Gestern vormittag hat der Reichskanzler Dr. Wirth die von ihm einberufenc Konferenz der an ständischen Finanz-Sachverstän- d i g e n mit einer Begrüßungsansprache eröffnet. Die Sachverständigen sind vollzählig in Berlin anwesend und waren bereits Gäste beim früheren Schatzminister Raumer, wo sie mit deutschen Finanz- und Jndustriegrötzen zusammenkamen. — Der Reichskanzler bat die ausländischen Sachverständigen. die Erleichterung der deutschen Re- parationslaften zu prüfen und uns ein Gutachten t-arübcr abzugeben: 1. Ist unter den gegenwär tigen Umständen eine Stabilisierung der Mark möglich. 2. Wenn Nein, welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, um eine Stabilisierung KU ermöglichen. 3. Welche Maßnahmen können zur Stabilisierung getroffen werden, sobald die Voraussetzungen »orliegen. Das sind die Fragen, die die Rcichsregieruug beantwortet haben möchte. Die Sachverständigen haben völlige Freiheit ihrer Arbeiten und Beratungen gan- nach ihrem eigenen Ermesse« einzuleiten und durchzuführen. Sie können dabei ganz unter sich bleiben, sie können aber auch, wenn sie über eine Reihe von Gegenständen, über das deutsche Budget, über die deutsche Handels- und Zahlungs- Bilanz und anderes besonders unterrichtet werden wollen, um eine sichere Basis für ihr Urteil Ku gewinnen, Fragen an die deutschen Mini terien oder an deutsche Sachverständige richten. Die Antwort der ausländischen Sachverständigen auf die von der Reichsregierung gestellten Fragen wird sicher im In- und Auslande mit Spannung erwartet und tiefe Beachtung finden.
Stabilisierungs-Versuche.
Vorschläge der Reichsregierung.
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 3- November.
Zn der Mitteilung, daß Reichsfinanzminister Dr. Hermes heute die deutsche Denkschrift vor- legcn wird, erklärt der „Lokalanzeiger": Die B o r s ch l ä g e beziehen sich auf ein l a n g f r i - tiges Moratorium und auf eine innere und äußere A n l e i he. In diplomatischen Krei- en erwartet man, daß die Reichsregierung diesen Vorschlägen eine seft umschriebene Form geben wird. Alle Kreise in Deutschland find fich
darüber einig, daß uns ein kurzfristiges Moratorium nicht helfen kann. Wenn die Reichsregierung ein Moratorium von fünf Jahren verlangen würde, würde sie damit die Ansicht der deutschen Wirtschaft und Finanzkreise zum Ausdruck bringen, die über diesen Fall besteht. Eine Stabilisierung der deutschen Mark dürste kaum denkbar fein, wenn wir nicht vom Auslande einen Ausgleich erhalten. Die Reichsregierung wird vermutlich den Standpunkt vertreten, daß eine Anleihe von ungefähr fünfhundert Millionen Dollar uns befähigen wird, zu einer Geld- stabilisieruna Zu kommen. Als Geldgeber käme wohl nur Amerika in Frage.
Schilderung unserer Loge.
Berlin, 3. November. (Privattelegramm.) Die deutsche Denkschrift, die neben Vorschlägen zur Frage der Mark-Stabilisierung auch eine ausführliche Darstellung der Entwicklung der finanziellen und wirtschaftlichen Lage Deutschlands enthält, wird voraussichtlich von der Kommission ohne weitere Aussprache entgegengcnomen werden. Die Reparations- kommisfion wird sich erst morgen vormittag in einer besonderen Sitzung damit beschäftigen. Morgen nachmittag wird dann die eigentliche Aussprache über die deutschen Vorschläge sein.
Fühlungnahme mit Amerika und England.
Berlin, 3. November. (Privattelegramm.) Der in Berlin weilende Amerikaner Denks hat einen Plan ausgearbeitet, durch den die Mark stabilisiert werden könne. Danach sollen..englische und amerikanische Finanzkreise für Denffchland eine Goldanleihe aufbringe», die dem Betrag des Goldbestandes der Reichsbank, also einer Milliarde Goldmark, gleichkommen würde. Yenks hat bereits mit Kreisen der amerikanischen und englischen Regierung darüber Fühlung genommen.
Italiens neue Negierung.
Mussolinis Stellung ist nach wie vor fest, (Eigene Drahtmeldung.)
Genf, 3. November.
Die letzte» Bleldunge» aus Rom lassen erkennen, daß in Italien augenblicklich alles ruhig ist. Mussolini führt nach wie vor eine sehr feste Sprache. Er will vom Parlament noch das neue Wahlrechtsgesetz erledigen lassen und wird dann die K a m m c r a u f l ö f e n. Die Neuwahlen sollen wahrscheinlich im Laufe des Monats Marz 1923 stattfinden. Salandra erklärte einem Pressevertreter, er stimme dem Kabinett Mussolini zu. Mussolini habe alle Eigenschaften eines Regierungschefs, der entschlossen ist, energisch zu arbeiten. Auch Giolitti erklärte, er bereite sich vor, aktiv an den Parlamentsarbeiten teilzunehmen. Er sprach sein Vertrauen zu der neuen Regierung aus, die von energischen Männern gebildet sei. Neber die wirtschaftliche Lage Italiens erklärte Mussolini als beunruhigend.
Wirksame Slnttrflflfcunß.
Rom, 3. November. (Eigene Drahtmeldung.) Mussolini erklärte gegenüber ausländische» Journalisten, daß er die bestimmte Erwartung hege, den Wert des Lire in kurzer Zeit auf die Halste des VorkriegSwertcs zu bringen. (?) — Wie die Agentur Volta mitteilt, ist es der italienische Jndustrieverband gewesen, der bereits seit langem ein fasziftisches Kabinett unterstützt hat. Er war es auch, der dem Könige die Zustimmung der Jnduftrie- welt zu einem Kabinett Mussolini mitteilte, als der König mit Salandra verhandelte. — Mussolini hat einer Reihe von Staatsbeamten, die zurücktreten wollten, in diktatorischem Tone erklärt, daß er keineDemission von Beamten annehmen würde. Die Beamten setze er av, wenn er wolle. Faszistische Offiziere, die ihm eine Huldigung darbr-.ngen wollten, bat Mussolini, davon Abstand zu nehmen, indem er hinzu- fügte, das nationale Heer kann und darf weder der Regierung Beifall spenden, noch ihre Maß- , ahmen mißbilligen; bei ihm gilt es vielmehr, t ut immer frei zu gehorchen, darin besteht seine Kraft, seine Größe und fein Ruhm.
Frankreich stimmt zu.
Paris, 3. November. (Eigene Drahtmeldung.) Poincare hat auf eine Begrüßungs-Depesche Mussolinis ei» Telegramm gesandt, worin er fagt, daß die französische Regierung mehr als jemals der Erinnerung an die Waffenbrüderschaft treu bleiben werde und daß der Friede der Welt die Aufrechterhaltung einer engeren Gemeinfchaft zwischen den fiegrcichenVölkcrn verlangt. (!) Wie verlautet, soll Mussolini die Absicht haben, das Amt des Außenministers beizubehalten.
Zm Eisenbahn-Abteil.
Haudels-Gefpräche.
Ein Reisender, der zwischen Sstprentzen und Berlin fuhr, erzählt folgende Geschichte von seiner Fahrt.
Berlin, 2. November.
Herr Groener hat sich verkalkuliert. Er hat gerechnet: Am 1. November werde« die Fahrpreise teurer, folglich werden an den letzten drei Tagen des Oktober die Züge überfüllt fein. Auf einigen Strecken mag das der Fall gewesen fein, auf anderen nicht. Auf einer Fahrt in dritter Klasse von Ostpreußen nach Berlin konnte man Beobachtungen machen, die sich nicht nur auf die Eisenbahn bezogen, sondern auch auf die Mitreisenden. Mir gegenüber saß eine junge Frau. Sie zeigte sich so reisegow-andt, daß sie mir sofort auffiel. Vor allem überraschte ihr Gepäck. Offenherzig erzählte fte, daß sie allwöchentlich einmal von Berlin nach Ostpreußen und zurück führe, denn die Reise lohne sich. Sie handelt mit Lebensmittel und der Unterschied sei so groß, daß sie nur noch kurze Zeit zu fahren brauche, dann hatte sie es geschafft. Seit einem Fahre führe sie bereits den weiten Weg, hin mit leeren Körben, zurück mit Zentnergepäck. Inhalt: Butter, Eier. Hühner, Gänse. Vor kurzem zahlte man in Ostpreußen noch 400 Mark für das Pfund Butter, in Berlin wurde die Butter aber bereits mit 680 Mark bezahlt. Die Eier konnte man mit 18 Mark pro Stück eintaufen, derweil sie in Berlin bereits 38 Mark kosteten. Die Reise lohnte sich wirklich auch insofern, als die Aufkäuferin in Berlin nur noch zwei Tage zu warten brauchte, dann teuren die Preise wieder in die Höhe geklettert. Tausend Eier hat die Händlerin für 4.50 Mark vor nicht langer Zeit mitgenommen. In Berlin lagen sie bei ihr zwei Wochen in Kalk und brachten darauf schon 28 Mark pro Stück. Das ist ein Geschäft. Aber lange geht das nicht mehr, denn eines Tages wird alles zu teuer werden.
Ein Mann, eine dicke Brieftasche im Rock, gefüllt mit Bündeln von Zehntaufender, eine Brieftasche unter der Weste, die sich dick und voll abhob, war redselig. Das Vieh steigt während des Transports Heute gekauft, verdient man, während man es von Ostpreußen nach Berlin schafft, bereits. Aber der Verdienst fei doch nicht entsprechend der Teuerung, die allgemein um sich greife. Wenn er früher für 500000 Mk. noch zehn Ochsen kaufen konnte, sei er jetzt nur in der Lage, indem er seinen ganzen Verdienst zusetzt und mehr, nur noch zwei Ochsen nach Berlin zu schaffen. Und er orakelte: Das geht so nicht weiter. Er verdient viel, so viel, wohl noch mehr als die Butterhändlerin.
Und weiter sitzt ein wohlbeleibter Herr int Abteil. Man weiß nicht, in welche Kategorie man ihn stellen soll, er redet aber viel und behauptet: Malen Sie nicht so schwarz. Es wird alles anders. Warten Sie bis Februar. März nächsten Jahres. Denken Sie an mich. Sie werden sagen: Er hatte recht. Ich weiß Bescheid. Weshalb? Wie? fragte man. Er blieb in diesem Falle einsilbig dabei: Warten Sie ab, was ich gesagt habe. Es kommt zu keinen Ausschreitungen. zu keiner Plündcrei. Dex Arbeiter verdient genug, die Dreigroschenrentner aber, die wirkljH Mot leiden, werden nicht revoltteren. Aber dazu braucht es nicht zu kommen. Es wird alles besser. Ungläubige Gesichter rundum. Aber affe nahmen sich vor. an diese Prophezeiungen zu denken Wir sind heute ja soweit, daß wir jode» Trost begierig hinuehmen.
Auf einer ostpreußischen Station versuchte ich. meinen etwas schwer gewordenen Koffer als Passagiergut zu verladen. Ich gestehe ein, auch ich hatte die Situation erfaßt und gehamstert, wie es viele Berliner in Ostpreußen tun (mit leeren Kisten fahren alle hin, fagte ein ostpreußischer Bahn beamtet, die Rückfahrt ist mit schwerem Reisegepäck verbunden). Der Beamte meinte, der Koffer könne nicht als Passa- giergut gehen. Die Eisenbahn hat nämlich gefunden, daß es bisher billiger war, die weitete Reise amutreten und das Gepäck als Passagiergut mitzunehmen. Dann war es immer noch billiger als Pakete, als Ftackstgut. Und so schob ie der Umgehung des Güterbahnhofes einen Rieael vor. Als Evpreßgut wollte er meinen Koffer verladen. Ich bekam einen Schreck. Das ökltc. . . siebentausend Mark kosten, mehr als der ganze Inhalt. Und nun war guter Rat teuer. Unter Mühsal und vielen Ausgaben gelang es mir endlich, meinen Koffer als einfaches Frachtgut zu crpedieren und dafür mußte ich mehr bezahlen, als die Reffe von vier Personen hin und zurück kosttte, nämlich 2400 Mark Hierin schien mir der Beweis zu liegen, daß entweder die Personentarife zu niedrg, oder die Frachttarife zu hoch sind.
Und wieder in Berlin. Der Droschken- kutscher: Wie teuer ist die Butter in Ostpreußen? Wissen Sie, das hier ist unheimlich, so geht es nicht länger. Es wird nicht lange dauern, dann werden sie meine Liese ausspannen und sck'lach- tcn. Lichtblicke und Schattenseiten der Reise.