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Kasseler Neueste Nachrichten

_______________Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

Nummer 251

Donnerstag, 26. Oktober 1922

Fernsprecher 951 und 952

12. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952

Ti- Sander SeueftenNachrichten erscheinenwöchenUtch sechrmal und Murr ab -»dL Der LdonnemenUpreiS betrügt monatlich 120. Mark bet freier Zustellung ins Hans, in der Geschäftsstelle abgehokt 116. Mark monatlich. Auswärts durch die Post bezogen 120. Mark mouatttch einschl Zustellung. Bestellungen werden jederzeit entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redattion : Echlachthosstrade 28/3V, Für unverlangt eingesandte Beiträge tonn' die Redaktton eine Berantwortung ober Bewähr in keinem Falle übernehmen. Rückzahlung deS BezugSxeldeS oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnungsmäßiger Lieferung ausgeschlossen.

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Reichspräsident Ebert bleibt im Amt.

Wohin des Wegs?

Aufgabe» der nächste» Zukunst.

Von einer Regierungskrise ist in die­sen Tagen wieder diel die Rede gewesen. Sie sollte hervorgerufen worden sein durch die Zu­spitzung unserer Wirtschaftslage und durch die Stellung der bürgerlichen Parteien und der So- zi allsten zu diesen Dingen und ihrer Meisterung. In dem Kreis der bürgerlichen Parteien hatte mehr und mehr die Auffassung Raum gefunden, daß die neue Devisenverordnung den katastrophalen Stur, der Mark nicht aufhalten könne. Freilich gingen die Ansichten in der Be­wertung der Motive weit auseinander. Die eine Richtung hielt dafür, daß die Devisenver- ordnung nur einen Anfang bilden und rasche- stens durch eine finanzpolitische Maßnahme er­gänzt werden müsse. Eine andere Richtung aber plädierte für die unverzügliche restlose Aufhe­bung dieser Verordnung und die Unterlassung aller ähnlichen Schritte. Beide Tendenzen setzen sich entschiedn zur Gegenwehr und eine Aeuße- rung im Ausschuß wurde dahin aufgefatzt, als ob die Sozialisten, zumal in Verbindung mit der Stellungnahme zur Erhöhung der Getreide­umlagepreise. aus der Regierung auszuscheiden beabsichtigen. Die tieferen Differenzen sind in den gegensätzlichen Auffassungen über die währungspolitischen Vorkehrungen zwi­schen Reichswirtschafts- und -Finanz­ministerium zu suchen. Das Reichskabinett nahm Veranlassung, die Angelegenheit zum Ge­genstand einer längeren Beratung und Beschluß- sasfung zu machen, über die dann die Parteien unterrichtet worden sind. Trotz aller Schwierig­keit. in der sich die Regierung durch die Zuspit- zirng der wirtschaftlichen Verhältnisse befindet, ist die Krise jetzt durch die Stellungnahme der Parteien beseitigt.

In wirtschaftlicher Hinsicht aber gehen wir ei­ner ungünstigen Entwicklung entgegen. Wohin des Wegs, das ist die Schicksalsfrage, die sich uns auf die Lippen drängt, eine Frage aber, über die wir nicht theoretisieren dürfen, die wir bandelnd beantworten müssen. Nur die Tai Kinn uns retten! Tausendmal ist das. gesagt. Arbeit, vermehrte Arbeit, Produktion, vermehrte Produktion, Stärkung unserer Produktivkraft und vor allem Einigkeit nach innen, Einigkeit nach außen. Tas sind die Faktoren, die sich zu einem einheitlichen, lücken­losen Glied zusamenschließen können, wenn wir uns selber noch finden sollen und wenn wir uns au sgemeinsamer Not gemeinsam erretten wollen! Aber mit Klagen dürfen wir uns nicht begnügen. Was kann geschehen und was muß geschehen? Das Bedürfnis unserer Wirtschaft nach einem wertbeständigen Zahlungs- und Umlaufmittel ist vorhanden. Dieses Be­dürfnis muß unbedingt bejaht und somit befrie­digt werden. Es ist unverständlich, daß die Ausgabe des Goldpapiers solange auf sich war­ten läßt. Wenn es richtig ist. daß allein Dif­ferenzen zwischen zwei Reichsbehörden, dem Wirtschafts- und dem Finanzministerium die Ursache für die Verzögerung sind, in einer Zeit, in der alles rings um uns herum zusammenbricht und stürzt, und in der die Wel­len der Teuerung uns über dem Kopf zusam­menschlagen, dann ist es die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der zur Führung der Geschäfte des deutschen Volkes berufenen Faktoren, hier gebieterisch einzugreifen. Wir brauchen nicht nur eine innere Goldanleihe, sondern wir müssen auch ein in kleinere Beträge zerfallendes Gold- Umlaussgeld haben. Die Goldanleihe soll ja in Mindeststücken von 25 Dollar, also etwa hundert Goldmark, ausaegcben werden. Das sind bei dem Heufigen Kursstand über hunderttausend Papiermark Kleine Leute können sich das nicht leisten. Wir müssen ein Goldunüaufsgeld von einer, zwei, drei, fünf, zehn Goldmark haben, die auch den Minderbemittelten, den Festbesol­deten und Angestellten die Möglichkeit geben, ein Anlagepapier mit Substanzwert sich zu schaffen.

Es soll nach den Plänen der Regierung noch etwas Weiteres geschehen. Sie hält es für rich tig, einen Teil des Goldes der Reichsbank zur Schafftmg einer Tevisenreferve zu verwen­den. Schon die Verwirklichung eines derarfigen Planes würden die Devisenhamsterei aus ihrem Bau locken Es würde vielleicht ein Devisenan­gebot auf dem Markte erscheinen, das sehr heil­sam auf die Regelung des Kurfes einwirken würde. Freilich wäre die Voraussetzung, daß mit der Durchführung einer derarfigen Akfion auch der Druck neuer Noten eingestellt würde, fonMoürden wir ja mit der einen Hastd wieder verschleudern, was wir mit der anderen Hand einnehmen. Unser Reichsbankgold beläuft sich heute auf ettoa eine Milliarde Gold- mark. Bei der jetzigen Entwertung sind das tausend Milliarden Papiermmck. Etwa 389 Mil­liarden Papicrmark sind gegenwärtig im Bank- notenumlau' Diese Notensumme ist also gedeckt, imh Sns '* ntrfi bar -nriae Grund dafür, daß

es uns bis jetzt noch nicht zu schlimm gegangen ist, und daß wir vielleicht vor dem Schlimmsten noch bewahrt werden können. Würde also auch nur ein Viertel des Reichsbankgoldes, also etwa 250 Millionen, für eine Devisenreserve geschas fen, dann bliebe immer noch ein großer Betrag übrig, der zur Deckung der inneren Goldanleihe und des Goldumlaufgeldes verwandt werden könnte. In Verbindung mit den strengsten Sparmaßnahmen im Inneren und ent­schlossenen Eingriffen gerade auch in den Ver­waltungsapparat zum Zwecke seiner Verringe­rung und Einschränkung müßte man in kurzer Frist dahin kommen, unsere Währung einer Ge­sundung zuzuführen. Freilich muß dazu eine vernünftige Lösung der Reparations­frage kommen, aber, wie die Dinge nun ein­mal stehen, ist dafür solange keine Aussicht, als nicht Deufi'chlaud durch eigene Maßnahmen zeigt, daß es die Dinge ju meistern vermag J. B.

Reichspräsident Ebert.

Amtsdauer bis Juni 1925. (Eigener Drah'berichi.

Berlin, 25. Oktober.

Nachdem der Reichstag das Gesetz über die Verlängerung der Amts da »er des Reichs­präsidenten Ebert bis zum Juni 1925 ange­nommen hatte, begab sich das Reichstagspräsi­dium zum Reichspräsidenten unb richtete an die­sen eine kurze Ansprache. In seiner Erwiderung erklärte Ebert unter anderem: Getreu meinem vor der Nattonalversammlung in Weimar abge­legte» Gelöbnis, meine Kraft dem deutsche« Volke zu widmen, Bersaffung und Gesetze des Reiches zu wahren, wird es mein alleiniges Be­streben sein, in Drang nnb Not dieser Zeit der Republik zu dienen und nach bestem Können mitzuarbeiten an der

Gesundung und Erneuerung Deuffchlands.

Wie bisher, will ich mich auch fernerhin be­mühen, mein Amt unparteiisch zu führen, Ge­rechtigkeit gegen jedermann zu üben und meine Pflichten zu erfüllen. Ich bin mir besonders bewußt, daß meine eigenen Kräfte und die Kräfte der vom Verttauen getragenen Regierun­gen des Reiches und der deutschen Länder allein nicht ausreichen, um die schweren Aufgaben der Gegenwart und der Zukunft zu lösen. Sie wer­den sich nur dann durchsetzen, Wenn sie sich ver­einen mit den lebendig schaffenden u. wirkenden

Kräften des ganzen Volkes, wenn sie gestützt werden ans das staatliche, wirtschaftliche und geistige Leben unserer Ration. Darum wird es mein stetes Bemühen fein. Über allen Verschiedenheiten der Interessen und Wellanschauungen die großen und wertvollen Kräfte unseres Volkstums zu- sarnmenzusaffen und zusammenzuschlietzen in dem, was uns allen gemeinsam ist: In der Liebe und Pflichttreue zu Volk unb Vaterlanb. Im Laufe bes Nachmittags machte bet Reichspräsident dem Präsidenten des Reichstags einen Gegenbesuch.

Llm die Attentatspläne.

Ein uuzuverläffiger Zeuge.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 25. Oktober.

Beamte der politischen Polizei haben sich gestern nach Sachsen begeben, wo einige B er- haftungen wegen der Mordpläne gegen den Reichskanzler erfolgt fein fallen. Nachdem, was bekannt wird, scheint die Untersuchung nicht die erwarteten sensationellen Enthüllungen zu bringen. Während bis Sonntag früh 85 Be­amte der Abteilung Ja. des Berliner Polizei­präsidiums die Ermittlungen vorgenommen haben, ist nach einem Befchluß des Oberreichs­anwalts in Berlin die Zahl der zur Verfügung der Hnterfuchungskommiffion stehenden Krimi­nalbeamten auf 18 herabgefetzt worden. Ob­wohl strengstes Schweigeverböt ergangen ist, kann versichert werden, daß mzwifchen eine zweimalige Vorbestmfung des jetzigen Hanptzeugen wegen Betrugs festgefttllt ist find daß er einen Teil feiner schweren Anschul­digungen selbst als falsch zurückgenommen hat.

eine 3tflge und zwei Strafversetzungen

Berlin, 25. Oktober. < Privattelegramms Dem Berliner Polizeipräsidenten Richter ist wegen der bekannten Vorgänge vor dem ZirkuS Busch und wegen des Versagens der polizei­lichen Machtmittel zum Schutze einer genehmig­ten Bersannulmig eine ernste Rüge durch den Minister des Innern erteilt worden. Zwei

höhere Beamte des Berliner Polizeipräsi­diums wurden strafversetzt.

Stabilisierungs-Versuche.

Die Reparationskommisfion i» Berlin.

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 25. Oktober.

Heber die Berliner Reise der Repara­tionskommission wird folgender amtli­cher Bericht ausgegeben. Die Reparationskom­mission hat, nachdem in drei Sitzungen Vor­schläge der englischen und französischen Delega­tion und andere Vorschläge gemacht worden sind, diese einer offiziellen Prüfung unterzogen. Die Kommission begab sich dann nach Berlin, um mit der deutschen Regierung die Maßnah. men zu erörtern, die für notwendig erachtet werden, um das Gleichgewicht in Deuffch- and zu fidiem und die Stabilität der Mark zu erzielen. Die Kommifston wird am Sonnabend abreifen. Im Verlaus der Sitzung der Reparationskommission wurde die Beratung über die stanzösische Denkschrift und die neuen englischen Gegenvorschläge fortgesetzt. Heber die Sitzung wird strengstens Stillschweigen be­wahrt. An amtlicher französischer Stelle wurde nachmittags nur erklärt, es bestätige sich, daß in »er Kontrollfrage zwischen dem englischen und vem französischen Standpunkt eine Annäherung herbeigeführt worden sei.

Die Devifeuverordnung.

Berlin, 25. Oktober. (Prtvattelegramm.) Die Restart - Konferenz im Riüchsfinanzmini- fterium, die am Montag und am Dienstag unter Hinzuziehung des Reichsbankprästdenten und des Staatskonnniffars der Berliner Börse stattgefun­den hat, sprach sich für die Aufrechterhal- tung der Devisenordnung aus. Eine weitere Sitzung, die für Freitag im Finanzmini- sterium anberaumt ist, wird sich mit dem weite­ren Ausbau der Verordnung beschäftigen.

*

Beratung der Maßnahmen.

Berlin, 25. Oktober. (Privattelegramm.) Im Verlaufe der nächsten Tage finden weitere Besprechungen der Reichsregierung mit Verttetern der Großbanken unb anderen Sachverständigen über die infolge des Mark- sturzes zu ergreifenden Maßnahmen statt.

Frankreichs Wieberaufbau.

Die deutsche» Materiallieferungen.

(Eigener Trahtbeticht.)

Berlin, 25. Oktober.

Der Reichskanzler empfing gestern Vertre­ter des Aktions-Komitees der zerstörten Ge- biete Nordfrankreichs. Anlaß des Besuches war der Abschluß eines Abkommens zwischen dem Attionskomitee und dem Vorstand der sozialen Baubetriebe Deutschlands über Material- lieferungen für den Aufbau der zerstörte» französifchen Gebiete. Dr. Wirth wies in seiner Ansprackp: an die französischen Vertreter darauf­hin, daß er wie von jeher auch heute aus oem Standpuntt stehe, daß Deutschland alles tun müsse, nm die nordfranzösischen Wunden zu heilen, betonte aber gleichzeitig, daß, wenn dem Sturz der Mark kein Einhalt geboten werden könne, auch die Lösung der Wieder- aufbauftaqe durch Materiallieferungen zur Unmöglichkeit gemacht werde. Weiterhin, so bemertte Dr. Wirth, müsse in der Kohlen­frage eine Einigung erzielt werden, nachdem neue Schwierigkeiten entladen sind durch die geforderte Steigerung der monatlichen Kohlen­förderung durch die Reparationskommifsion.

Wie Roincare hetzt.

Gewissenlose Verdrehung der Tatsache».

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 25. Oktober.

Ministerpräsident Poincars hiell, wie die Pariser Blätter melden, seine übliche Sonntags­rede, diesmal in St. Denis, aus Anlaß der Einweihung eines dort err chteten Kriegerdenk­mals. Im Verlaufe seiner Rede nannte er Deutschland eine Ration, die reicher, stärker unb kräftiger baße he wie vor dem Kriege. (??) Deshalb habe Frankreich auch Zwangsmaßnahmen beschlossen, um die reichen Erträgnisse Deutschlands (!) den Repa­rationen zuzusühren. Pomcars bezeichnete dann den neuen englischen Premierminister Bo- nor Low als den größten Freund Frankreichs.

Lieble Auswüchse.

Deutsche Einkäufer für Ansländer.

Die deutsche G-schüfteweit wehrt sich be. rechtigterweise durch PreiSaufswliige ge- gen de« Ausverkauf an valutaftarke An«. ISuder.die dem deutsche« Volte die knappen Ware»sortuehmen. Leide»gidt««Deutsche die den AnSMnder» Hilfsdienste leisten, wie aus folgendem Bericht hervorgeht r Am Dollar hängt, nach Dollar drängt doch alles. Unfer deutsches Fieberthermometer steht 42, also, die gefährliche Grenze im medizinischen Sinne ist erreicht. In der Mnischen Statistik kommen nur vereinzelte Fälle vor, daß ein Pa­tient die Temperatur von über 42 Grad überlebt hätte. Ter wirtschaftliche Organismus scheint allerdings eine weitaus stärkere Fieberbelastung zu vertragen, als der physische. Und so können wir auf noch langes Leben und leider noch be- trächtliche Temperatur-Steigungen hoffen. In Berlin hat das katastrophale Dollarfieber aller­hand Spezialitäten gezeitigt. Traurige und ko­mische, böse und harmlose; solche, die sich phleg­matischer Weltweisheit ergeben unb solche, die aus Verzweiflung Schädlinge der Allgemeinheit wurden. Der schlimmste dieser Berliner Dol­lars' eber-Typen ist wohl die des Ein­käufers auf Rechnung ftemder Valuten. Es ist ein Typus mit den verschiedensten Spielarten, jeder dieser Spielarten gemeinsam ist das Be­streben, für Fremde unter Umgehung der Ausländerpreise Waren einzukaufen. Bekannt­lich sind in fast allen Geschäften, soweit sie nicht mit Lebensmitteln handeln, die Waren mit dop­pelten Preisen ausgezeichnet. Der Grundpreis versteht sich für Deutsche und Deutschösterreicher, der Sonderpreis für die, auf jeden Fall mag das Heimatland welches a'.'ch immer sein va- lutaftärkerew »Ausländer. ,'De: Einkäufer jur fremde Rechnung unternimmt es, im Auftrag und unter Verschweigung des Mandanten, also unter der Vorspiegelung, er selbst sei der wirk­liche Käufer, fiir Ausländer Waren zu Jn- länderpreisen zu erstehen. Natürlich tut er das nicht aus bloßer Schwärmerei für die schönen Augen des Fremden, sondern

aus berechnender Gewinnsucht.

Der Gewinn besteht entweder nur darin, daß der Einkäufer eine Belohnung für den Weg, eine Provision von der erzielten Preisdifferenz er­hält, oder darin, daß der Einkäufer aus eigner Machtvollkommenheit einen Mittelpreis zwi­schen den beiden Preisnotierungen aufftellt. Aus jeden fall betrügt er den Geschäftsmann durch die listige und gewinnsüchfige Vorspiegelung, er sei der Käufer. Eine ganz beträchtliche Menge von Berlinern lebt von biefent neuen Beruf des Einkäufers, und lebt habet in Freuden ohne Müh und Not. Der Einkäufer ist. je nach der Ware, die er erstehen soll, elegant gekleidet. Wenn jemand einen Gehpelz einkauft, kann er, ohne Mißtrauen zu erwecken, säuerlich im abgerisse­nen Mantel das einschlägige Geschäft betreten; er muß aus eine gewisse äußerliche Vertrauens­würdigkeit halten, muß einigermaßen woblsitn- iert auftreten. Daraus erwachsen ihm Regie- spesen, die der Fremde in einem Aufgeld auf die Provision zu tragen fiat. Der Fremde fährt noch immer gut. denn Provision, willkürlicher Aufschlag und Regiespesen zusammen sind noch intmerfim wesentlich

geringer als die Preisdifferenz zwischen den Preisen für Inländer unb Auslän. der. Nehmen wir an, ein Gegenstand, der für Inländer 20000 Mark kostet, ist für Ausländer mit 30000 Mark ausgezeichnet. Der Einkäufer bekommt für den Weg eine Provision von nur fünf Prozent. Kostet her Gegenstand für Aus­länder 30000 Mark, so schlägt der Einkäufer zu- nächst mal besonders, wenn er keine Kon­trolle zu befürchten hat noch 1000 Mark zu. Das heißt, er gibt vor, die Ware kostet 21000 Mark. Fünf Prozent von 21000 Mark sind 1050 Mark. Dazu 1000 Mark willkürlicher Preisaus- fckckag macht 2050 Mark. Heberdies noch, fugen wir, noch etwa 300 Mark Spesen, so ergibt das eilten Gewinn von 2350 Mark. Der Ausländer hätte, kaufte er selbst, 30 000 Mark zu bezahlen. Der Einkäufer besorgte ihm die Ware für 22 350 Mark. Der Fremde hat also, obwohl er hin ein­gelegt wurde, noch an dem Stück 7650 Mark profitiert. Ter Einkäufer aber hat ohne Arbeit über 2000 Mark in einer halben Stunde ver­dient. Zahlt er dem Portier ober sonstigem Zu­bringer eine anftänbige Provision, so kann er auf häufige, faufenbe Aufträge rechnen. Die gekaufte Ware wirb entweder gleich mitgenommen oder an eine Deckadresse, an eine Wohnung, die in vornehmer Gegend liegt, geleitet. Niemals an ein Hotel. Man könnte Verdacht fckövfen. Zu Einkäufen eignet sich am besten der Ur berliner. Einer, der den Spreediale'tt unverfälscht be­herrscht. Neber ein gewisses Kapital muß her Einkäufer verfügen. Denn es wirktvettrauen- erweckend". wenn er den Preis für den Fremden vorläufig auslegen kann. Risiko hat er keines, er hat ja die Ware, die er immer noch mit Ge-