Meier Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
12. Jahrgang
Dienstag, 24. Oktober 1922,
Nummer 249
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Regierung und Parteien zur Wührvngsnot.
Aus dem AMag.
Kein Ende der deutschen Geldentwertung?
Das dauernde Sinken des iviarkkurses läßt unsere Zukunft immer dunkler erscheinen, weil kein Ende der Teuerung abzusehen ist. Wohin das noch führen soll, weiß kein Mensch. Es geht uns ebenso wie den Oesterrcichern, die ausgesogen und verarmt sind. Auch bei uns wird bald die Zeit kommen, datz den meisten Verbrauchern die Kauflraft schwindet. Als vor drei Zähren zur Sommerszeit die Erregung durch Deutschland zitterte, als sich die bange Frage von Mund zu Mund schlich: wird die Reichsregierung das Dokument unterzeichnen, das sich dann zum Frie- denSoertrag von Versailles auswuchs, da gab es Viele, die in der Annahme die Erfüllung ihrer letzten Hoffnung sahen. Sie glaubten, den Schrecknissen des Krieges entronnen zu sein, glaubten, daß nun Zeiten, wenn auch nicht des Glucks, aber der ruhigen, segensreichen Arbeit kommen würden. Jene aber, die offen aus- sprachen, daß wir nun erst die Härten, die Unbill des verlorenen Kampfes zu spüren hatten, wurden als Schwarzseher in die Ecke verwiesen. Beinahe schien es auch, als ob sie Unrecht behalten sollten. Aber das öffentliche Leben zeigte ein falsches Bild. Was wie Wohlhabenheit aussah, war meist nur eine Scheinblüte, und es wäre vor allem zu wünschen, daß die Jugend dies einsähe. Die schnelle Entwicklung der Lohnskala machte viele junge Menschen, die noch keine Sorgen des Alltags kannten, zu Verschwendern, machte es Bielen von ihnen schließlich unmöglich, den Ernst der Stunde zu erfassen und in die Zukunft zu schauen, und diese Zukunft siÄ selbst zu zimmern. Die große Mehr heit des Volkes leidet unter dem Druck des Alltags. Je größer die Not der deutschen Mark und des deutschen Marktes, umso stärker entwickelt sich das Elend. Heute ist es bei uns heimatbe- recksttgt die wir von ehemaligen Kapitalstverten leben sollen, oder die wir im festen Gehalte stehen. Sprunghaft gehen zwar die Löhne und Gehälter in die Höhe, aber immer laufen sie hinter den steigenden Preisen der lebensnotwendigen Gegenstände her, und nie können sie sie einholen.
Heute sind wir an dem Punkte angelangt, ben alle voraussaqien. die den Frieden richtig ein- schätzten, die ibn richtig zu beurteilen verstanden. Heute schlägt die Welle über uns zusammen. Steuern ohne ZaU, Lasten in sich immer vermehrender Größe, Abgaben, die keinen Artikel freilaffen und eine ungesunde Spekulation obendrein. Jahre des Duldens und Leidens können große Naturen schaffen, und ihren Charakter stählen und veredeln. Sie können aber auch den Leichtsinn fördern und den Taumel des Sehnens nach Vergessenheit schaffen. Wollen wir wirklich diesen letzteren Weg gehen? Wir haben zwar immer Drohnen unter uns gehabt; mögen sie sich heute aus diesen, morgen aus jenen Kreisen rekrutieren. Der gesunde Sinn hat aber immer zu siegen gewußt. Drum muß es eine Hauptaufgabe der neuen, der heuflqen Zeit sein, ihn wieder zu erwecken und ihm Stärke zu verleihen Die große Frage aber ist das „Wie". Der Ruf nach Regierungsaktionen genügt nicht. Sie kann kein Kornfeld aus der flachen Hand erstehen lasten, sie kann aus Papier kein Gold machen. Das Gold, das wir brauchen, ist nur aus gemeinsamem Wollen zum Guten zu prägen, nur aus dem Willen aller zur frohgemut- friedlichen Art.
Man hat uns oft zur Arbeit gerufen. Und immer ward der Ruf befolgt. Im Kriege wie nachher. Mer eine Arbeit, die nicht von Sorgen befreit, ist nicht die erhoffte Erlösung. Diese kann nur kommen, wenn wir frei werden von des Alltags großen Sorgen, wenn wir wieder in geregelte Bahnen gelangen, wenn wir nicht alle vier Wochen am Tarifverhandlungstisch sitzen, um Erhöhung streiten, die zwar nötig sind, die uns aber nicht zu helfen vermögen. Stabilität brauchen wir, Stabilität in der Politik, und die Gewißheit, datz Deutschtum höher steht als Parteidogma und Parteienwert. Stabilität in der Währung, Stabilität in der Ehrenhaftigkeit. Wenn wir einmal wieder soweit gelangen können, daß die Selbstsucht fällt, daß der Gedanke an die Nebenmenschen höher im Kurse steht, als der Eigennutz, wenn nicht mehr aus dem goldenen Kalb der Bibel der Dollar geworden ist, dann kann uns di» Stunde der geistigen Befreiung schlagen. Dann werden die Sorgen des Alltags zusamnenschrum-sen, wie ehedem, auch wenn man sic stets höher bewertete, als es nötig war, dann kann berate Gedanke des Deutschtums den ^ops, wieder erheben, ohne geschmäht zu werden, auch ohne von den ehemaligen Gegnern verkannt zu werden.
Nicht allein in unserer Hand steht dies. Auch hier haben jene müzureden. die den Vertrag von Versailles schufen. Wer diese Stunde kommt nahe und näher. Nur hüten wir uns auch hier vor übertriebenen Hoffnungen. Das Morato
rium wird kommen, die Anleihe wird eines Tages erscheinen, aber auch diese beiden werden uns nicht von Sorgen befreien. Sorgen sind eine Mitgabe für die ganze Menschenwelt, und nie werden sie verschwinden. Sie können aber zum. Guten wirken, denn sie brauchen nicht niederzu- schmettern, sie können erziehen und erheben. Und das sollen sie bei uns. Möge ein Jeder von uns in stiller Stunde daran denken und an seine Pflichten gegenüber der Mitwelt, möge er dann die gleichen Gedanken hinaustragen, dann wird die Stimme des Glücks mit Sturmgewalt den Nebelschleier der Alltagssorgen zerreißen.
Die Geldnot und Teuerung.
Besprechungen mit der Regierung.
(Privat-Telegramm)
Berlin, 23. Oktober.
Der Reichskanzler hat für heute nachmittag die Führer der Parteien zu sich gebeten, um mit ihnen über den Währungszusammenbruch und die damit zusammenhängende ungeheuerliche Teuerungswelle zu beraten. Vorher halten die Fraktionen im Reichstage Besprechungen ab. Wie von politisch unterrichteter Seite bekannt wird, finden in den nächsten Tagen weitere Besprechungen der Negierung mit den Parteiführern über die Lage auf dem Geldmärkte statt. Es handelt sich nicht nur um eine Verschärfung der Devisenordnung, sondern um eine grundsätzliche Neuregelung, nötigenfalls soll bis zur Erfaflung und Beschlagnahme der Devisen gegangen werden
Einstellung des Kanalbaues.
Berlin, 23. Oktober. (Privattelegramm.) Infolge des katastrophalen Sturzes der Mark und des Fehlens aller Staatsmittel hat die preußische Regierung angeordnet, daß der Bau des Mittellandkanals eingestellt wird. Nach der Verfügung der preußischen Regierung wird der Mittellandkanal einstweilen wegen fehlender Gelder nur bis Peine gebaut
Englands neue Negierung.
Das politische und wirtschaftliche Programm (Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 23. Oktober.
Aus Landon wird berichtet: Rach dem „Eve- ning Standard" läßt sich das Programm der neuen Regierung in folgende Punkte zusammen- faffen: Geringe Teilnahme an den festländischen Angelegenheiten, Freundschaftsbündnis mit Frankreich als Grundlage der Kontinentalpolitik, weniger Unternehmungen in fernen Ländern, namentlich im Osten, Entwicklung der überseeischen Märfte, vor allem in den Dominien und in pen Kolonien. Rückkehr zur Ueberlieferung der Regierungsbildung und der Barteipolitik, Ersparnisse und Unterstützung gewisser Ministerien, Wiederherstellung, der Parlamentskontrolle über die Ausgabe und Herabsetzung der Steuern, besonders der Biersteuer.
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Zwang gegen Deutschland.
London, W. Oftober. (Eigene Drahttnel- düng.) Barthous Finanzkontrollvor- schlag gegen Deutschland hat, wie die „Mot- ningpost" meldet, das neue Kabinett Bonar Law noch nicht beschäftigt. Aus Aeußerungen drS neuen Ministerpräsidenten gegenüber Pressevertretern ist zu entnehmen, daß Bonar Law die franzSfischen Pläne in vollem Umfange billigt (?), weil auch er der Ueberzeugung ist, daß der deutsche Marksturz nur durch den fortgesetzten dcutfchcn Banknotendruck verursacht worden sei. (!) Deutschland müsse zur sofortigen Einstellung des Notendrucks, gegebenenfalls im Wege des Zwanges, angehalten werden. (!)
tim dm Nahen Osten.
Bor der Orient-Friedenskonferenz.
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 23. Oftober.
Der „Matin" teilt mit, daß die Verhandlungen zwischen Paris, Rom und London über die Eröffnung der Orient-Friedenskonferenz zu einem vollständigen Einvernehmen geführt haben. Tie Konferenz soll am 13. No- vemder in Lausanne stattfinden. Nach dem „Echo de Paris" werden die Vertreter der drei Mächte abwechselnd den Vorsitz führen. Zwischen Bukarest, Prag und Belgrad ist ein lebhafter Meinungsaustausch über eine gemeinsame Hal- tung der Kleinen Entente aus der Friedenskonferenz im Gange. Wie „Havas" meldet, ist die Frage der Meerengen getrennt zu behandeln, da Rußland. (!) Serbien, die Ukraine und Bulgarien für diesen Teil her Konferenz nächst Großbritannien, Frankreich, Italien, Ja
pan, Rumänien, Jugoslawien, Griechenland und der Türkei mit eingeladen werden. Die Einladungen zu den beiden Konferenzen sollen von Paris ausgehen. Poincats wird diese Eniladun- grn versenden. Die Zustimmung der Angora- Regierung zur Wahl des Ortes und des Zeit- punftes steht bis jetzt noch aus, doch rechnet man mit einer zustimmenden Antwort.
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«Serbische Truppenbewegung.
Paris, 23. Oftober. (Eigene Drahtmeldung.) Nach einem Bericht der Radio-Agentur sollen serbische Truppenansammlungen an den Ausgangspunften der griechisch-bulgarischen Grenze im Gange sein. Die Serben haben, wie verlautet, die Absicht, sich Salonikis zu bemäch- ttgen, für den Fall, daß die kemalistischen Truppen Ostthrazien überschwemmen sollten.
Berliner Attentats-Fieber.
Verhaftungen von Briefschreibern.
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 23. Oktober.
Gestern abend sind in Berlin vier Verhaftungen wegen der Drohbriefe an den Reichskanzler durch die politische Polizei vorgenommen worden. Ein richterlicher Haftbefehl ist bisher gegen sie nicht erlassen. Ihre Festnahme ist auf Grund anonymer Beschuldigungen persönlich durch den Oberreichsanwalt Ech- termeyer angeordnet worden. Dagegen find zwei am Freitag auf dem Berliner Postamt W 56 verhaftete jugendliche Personen, die Einschreibebriefe an den Reichskanzler aufgegeben hatten, wieder auf freien Fuß gesetzt worden, nachdem die Prüfung des Inhalts der Briese ihre Harmlosigkeit ergeben hatte. Man spricht von über vierhundert Drohbriefen, die der Kanzler feit zwei Monaten erhalten hat. Ob die Drohbriefe ernst zu nehmen sind, muß erst der Fortgang der Untersuchung ergeben, die vom Berliner Polizeipräsidium in großem Umfang gemacht wird.
Jugendliche Wirrkvpse?
Berlin, 23. Oftober. (Privattelegramm.) Der im Eisenbahnzug von Halle nach LeiMg verhaftete Brieftcksreiber S ch u l tz ist gestern nach Berlin überführt worden. Bei seiner ersten Vernehmung hat er bestritten, daß sein Brief ernst aufzufaffen wäre. Er habe niemals an einen Angriff auf den Kanzler gedacht und sich nur gegenüber feinen Freunden groß tun wollen. WaffeH wurden bei ihm nicht geftmden. — Die München-Augsburger Abendzeitung" meldet aus Karlsruhe: In Mannheim ist gestern die Verhaftung eines weiteren Briefschrei- bers erfolgt. Die Festnahme fand auf eine Anzeige hin statt. Der Verhaftete bestreitet mit Entschiedenheit die Tat. Er soll nach Ber- lin überführt werden.
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Dee «Schutz des Reichskanzlers.
Berlin, 23. Oktober. (Privattelrgramm.) Die politische Polizei hat einen Beamtenstab von vier Kommissaren und fünfzehn Kriminalbeamten zur ständigen Verfügung des Reichskanzlers gestellt, von denen je zwei Kommissare und vier Kriminalbeamte die Begleitung deS Reichskanzlers zu übernehmen haben.
Handel mit Rußland.
et» neuer bedeutsamer Privat-Dertrag.
(Eigener Trahtbericht.)
Mosfim, 23. Oftober.
Aus dem Handelsvertrag des Sttauß-Wolff- Konzerns mit der Sowjetregierung werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Das Konsortium erhält nickst nur die Erlaubnis, Waren jeder Art nach Rußland einzusühren und aus Rußland auszuführen, sondern auch in Rußland Innenhandel zu treiben. Diese Konzession erstreckt sich über das ganze Territorium Sowjetrußlands. Bei der Zusammenstellung des Buffichtsrates verzichten beide Parteien auf Mehrheit. Dreißig Prozent des Aktienkapitals sollen in deutschen, fünfzig Prozent in russischen Händen sein. Der Gewinn wird derart Verteilt, daß bis zehn Prozent des Aktienkapital; als Dividende und weitere vierzig Prozent zu gleichen Teilen verteilt werden. Der Ratifizierung des BertragZabschlusses wird in Moskauer Handelskreisen eine besondere Bedeutung für die weitere Ausgestaltung der deutsch-russischen Wirtschafts-Beziehungen.beigemeffen.
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Deutsche Lokomotiven.
Berlin, 23. Oftober. (Eigener Drahtbericht.) Eine Meldung aus Moskau besagt, daß von siebenhundert in Deutschland hergestellten Lokomotiven sechshundertachtzig abgeliefert find. Weitere Bestellungen dieser Art gehen nickst nach dem AuSlande, weil die Lokomotivsabri- kutisn is Rußland ausgenommen worden ist.
Der Walliser.
Ein Lebensbild von Lloyd George.
Da» Abtreten d«S britischen Minister.Prcig. denten von» politischen Schauplatz gibt Der- aulassung. einige cvarakteristiscbe Bilder aus seine« Entwicklungsgang ju zeichnen
Als ber bisherige englische Premierminister noch in Wales, der Heimat seiner Jugend, b a r- süßig umher st reifte, bemerkte., er eines Tages in einer Hecke, bie ihm das verbotene Paradies eines Obstgartens versperrte, eine Lücke und zögerte nicht lange, diesen illegitimen Zugang zu benutzen. Als er glücklich durchgekrochen war, sah er sich jedoch Auge in Auge mit dem Eigentümer des Gartens, der ruhig das Erscheinen des Eindringlings abgewartet hatte. ,Wo willst du hin?" rief er ihn grimmig an. »Ich oehe beim," antwortete der kleine Lloyd George und zog sich nach diesen Worten schleunigst durch die HAke zurück. Die Plötzlichkeit, mit der Lloyd George diesmal das lange erwartete und doch überraschende Abtreten vom Schauplatz seiner Tättgkeit vollzogen hat, ist kaum freiwilliger gewesen, als der Rückzug, den der Knabe, von dem die kleine Geschichte erzählt, angetreten hat. Aber wenn ber englische Staatsmann des öffentlichen Kampfes noch nicht müde ist, — und das scheint er durchaus nicht zu sein — so dürfte der Pielgewandke auch für diese neue, etwas Pein- liebe Station seiner Laufbahn bald eine Darstellung gefunden haben, die bie Lacher wieder auf seine Seite bringt. Ueber das größere oder geringere Maß innerer Ueberzeugung, das Lloyd Georges politischen Handlungen zugrunde flogt, oder wenigstens in den ersten Epochen seiner Karriere zugrunde gelegen hat, sind bie Anschauungen geteilt. Einig ist man sich aber darüber, daß das Geheimnis Vieler seiner Erfolge vor allem in der Gabe liegt, im Augenblick $u packen, durch seine Persönlichkeit zu faszinieren, mit einem schlagkräftig geprägten Bild oder Vergleich den Hörer zu überzeugen und mitzu- rcisten. Das Bedenkliche dieser Methode liegt natürlich darin, daß ein solcher, lasch gewonnener
Sieg oft nicht von Dauer ist
und die zur Besinnung Gekommenen MUhihet mit kühler Ueberlegung bie Stellungnahme Lloyd Georges zu verschiedenen Zeitpunkten vergleichen und so zu dem Ergebnis kommen, baß es badei nicht ohne Unstimmigkeiten abgeht. So kommt es, daß ber Volksmund, der Chur- ch i l l, weil er von jeher Hans in allen Gaffen, bald einem Unterseeboot, bald auf einem Flugzeug zu finden war, „the flying ministert (den sliegenden Minister) nannte, für Lloyd George ben darauf reimenden Spitznamen „the kying miniftcr“ (der Lügenminister) erfand. Um solcher Kritik entgegenzuwirken, hat es Lloyd George Äug verstanden, fein Bild als das des ursprünglichen, vom Augenblick hingerissenen Temperaments mit noch kräftigeren Zügen ins Bewußtsein der Oeffentlichkeit zu zeichnen, als es der Wirklichkeit entspricht. Das Bodenwüchsige, die Derbheit des in der Schusterwerkstatt von Wales ausgewachsenen Schullehrer- sohns, deren starker Betonung er einen Teil seiner Popularität verdanft, mußte herhalten, manche seiner Schwächen zu beschönigen, Ueber- eilungen verstehen zu lehren und Taftlosigkeiten, wie er sie sich oft zuschulden kommen ließ, und wie er Jüngft erst wieder eine gegen ben Sohn des großen Gladstone begangen hat, von dem er sagte, er sei ein Beispiel für ben liberalen Grundsatz, daß Befähigung sich nicht vererbe, zu entschuldigen. Kleine,
dem Zweck dienende Anekdoten übet ihn sind dem Mann aus dem Volke ebenso oeläufig wie die Umstände von Lloyd Georges Kindheit; jedermann weiß, daß er bei Beginn seiner juristischen Laufbahn nur als „Sollicitor", als eine Art Mittelsperson zwischen dem Advokaten und der Partei fungieren konnte, weil ihm angeblich die drei Pfund für die Robe des Rechtsanwalts fehlten, und daß er, als er nach London gekommen war und mit einem Landsmann iene armselige Giebelstube teilte, auf dem Bettrand sitzend oder mit großen Schritten das Kämmerchen durchmessend, gegen die sozialen Mißstände donnernde Reben hielt, die seine späteren orato-rischen Leistungen noch in ben Schatten gestellt haben sollen. Jedermann weiß auch, baß er von dem Knüpvel eines Fanatikers nie- bergefchlagen wurde, als er gegen den Buten- flieg auftrat, und das Bild Lloyd Georges, wie er ein andermal, aber aus dem gleichen Anlaß, in Schutzmann skleidung sich ben Drohungen des "faereaten Pöbels entziehen mußte, gehört gleichfalls zu ben populärsten Vorstellungen. Die Lebenskraft und WiberstandssShigkeit. bie ben Sprössling aus Banernstamm auszeichnet, und sie ihm auch jene von seinen Kollegen ost bewunderte und beneidete Fähigkeit versieh, an jedem Ort, im Automobil und in der Eisenbahn und unter den ungünstigsten äusseren Verhältnissen, von allen Strapazen sich in einem gesunden Schlaf wieder zu erholen, lassen erraten, daß Lloyd George noch lange nicht am Ende