Kasseler Neueste Nachrichten
Kaffeler Abendzeitung Hessische Abendzeitung
Li- Kasseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend». Der AbonnementSprel« betrögt monatlich 130.— Mark bei freier Zustellung ins Hous, in der Sefchäftsstelle abgeholt U5.— Mark monatlich. Auswärts durch die Post bezogen 120.— Mark monatlich etnschl Zustellung. Bestellungen werden jederzeit entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaktion-, Schlachchofstraßs 28/30. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann die Redaktion eine Verantwortung oder Bewähr in keinem Falle übernehmen. Rückzahlung de» BezugSgeldeS oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnüngSmätziger Lieferung anSgefchlosten.
Jnsertionspretse-. a) Einheimische Aufträge: Die einspaltige Anzeigenzette M. 10.—, die einspaltige Reklamezeile M, 30,—. b) Auswärtige Aufträge: Die einspaltige Anzeigen,eile M, 10.—, die einspaltige Reklamezelle M. 30.—, alle? einschließlich Teuerungszuschlag und Anzeigensteuer. Für Anzeigen mit besonders schwierigem Satz hundert Prozent Aufschlag. Für die Richtigkeit aller durch Fernsprecher aufgegebenen Anzeigen, sowie für Aufnahme, baten und Plätze kann eine Gewähr nicht übernommen werden. — Druckerei: Schlacht, hosstratze 28/30. Geschäftsstelle: kölnische Straße 5. Telephon Rümmer 951 und 952.
Nummer 23S.
Fernsprecher 951 und 952
Donnerstag, 12. Oktober 1922.
Fernsprecher 951 und 952
12. Jahrgang.
Finanzproblem und Teuerung.
Die schiefe Ebene.
Das Geldproblem.
Der Dollar steigt, die Mark fällt ins Bodenlose. Aber die Alliierten unterhalten sich nur theoretisch über das Goldproblem. Auf dem Kongretz der amerikanischen Bankiers in Gegenwart von vielen tausend von Finanzleuten, hat der frühere englische Schatzkanzler M c K e n n a über die Reparationsfrage und das internationale Schuldenprodlem sich ausgesprochen. Schon viele vernichtende Urteile über den wirtschaftlichen Teil des Versailler Friedensvertrages sind seit seinem Bestehen gefällt worden, aber der schärfften eines, ja das tödlichste Urteil bis jetzt hat doch McKenna, der selber jetzt Vorsitzender einer gewaltigen Londoner Bankengruppe ist, über diese Frage und ihre Behandlung gefällt. Kenna sagte unverblümt die rückhaltlose und rücksichtslose Wahrheit über die Fehlerhaftigkeit des gegenwärtigen Systems. Wir begegnen da Ausführungen und Gedankengängcn, die uns absolut nicht neu sind, die vielmehr von unseren Wirtschaftlern, Politikern und Parlamentariern, zum Teil in ausgezeichneten amtlichen Denkschriften, zuerst ausgesprochen und immer und immer wieder verfochten worden sind. Das Schicksal dieser Darlegungen war aber jedes Mal nur Spott und Hohn, ost genug schroffe Ab- tvelsung und Drohungen mit Gewalt.
Das Wort, das immer wieder über alle Erörterungen über das Reparationsproblcm geschrieben stehen sollte, das Wort nämlich, wenn sich politische Erwägungen den wirtschaftlichen Tat- sachen.unterordnen, dieses Wort war das Motto der McKenna'schen Rede. Diese Fragen müssen den politischen Tendenzen und Bestrebungen entzogen werden, ehe an ihre vcrnunstmäßige und zweckmäßige Behandlung und Lösung überhaupt hcrangetreten werden kann. So fordert MeKcnua denn auch eine Untersuchung dieses Problems. auf einer vollkommen freimütigen Kon. ferenz zwischen Gläubigern und Schuldnern". Das ist genau die gleiche Forderung, die von Deutschland von Anfang an vertreten worden sind. Ansätze zu ihrer Verwirklichung sind ost genug gemacht worden, aber immer wieder haben die leidigen politischen Momente den Erfolg verhindert. Man darf nur daran er- innern, daß die wirtschaftlichen Sachverständigen in Genua der dortigen Konferenz sogleich den Rücken kehrten, als sie beobachten mußten, daß auch bei diesem Anlaß, der wirklich bei anderer Regie für die Wirtschaft der Völker zum Segen hätte gereichen können, es ein aussichtsloses Beginnen war, gegenüber der politischen Einstellung mit wirtschaftlichen Vernunftsgrüu- dcn sich durchzusetzen.
Zur Sache selbst sagte Englands früherer Schatzkanzler, daß die einzige Methode, die Deutschland in den Stand fetzen würde, seine Zahlungsfähigkeit zn heben, in der Vermehrung der Ausfuhr liege. Alle Faktoren, die aber Deutschlands ausfuhrsächige Abschlüsse hätte erzielen lassen, seien geschädigt und sogar zerstört worden. McKenna verwies in diesem Zu- samrnenhang beispielsweise auf den V e r l u st der deutschen Schiffe, die Zerstörung auslandi- scher Kapitalsanlagen, die territorialen Verluste in Elsaß-Lothringen, im Saargebiet und in den polnischen Provinzen und dergleichen mehr. Er stellt ausdrücklich fest, daß Deutschland in den letzten Jahren jede Anstrengung unternommen habe, um seine Ausfuhr zu heben. Das System der Zahlungen aber, wie es im Londoner Plan festgesetzt ist, hält McKenna für vollständia undurchführbar. Er ging dann zu einem eigenartigen Vorschlag über. Er meinte, daß die deutsche Regierung die im deutschen Prtvatbesitz befindlichen ausländischen Werte und Guthaben bet den ausländischen Banken aufkaufe, um sie dann der Reparattonskommission auSzuhündigen. Bei der Heufigen Lage Deutschlands aber könne keine Regierung einen Verkauf zwangsweise durchsetzen. Zuerst müßte die Befürchtung ans der Welt geschafft werden, daß der Druck der R e- Parationszahlungen den Wert bet Mark noch weiter vermindere. Diesen Truck soll man beseifiqen und die Mark werde sich sofort bessern. Den Gesamtbetrag der deutschen Auslandsguthaben schätzt der Sprecher auf nickt weniger als eine Milliarde Dollar. Es ist natürlich unmöglich, diese Zahlenangabe näher auf ihre Richtigkeit zu prüfen.
Im engsten Zusammenhang mit der Repa- rafionsfrage und ihrer Lösung steht die Lösung der interalliierten Scknldensrage. Das ganze in- ternafionale Schuldenproblem ist aus dieser Frage wiederum aufgebaut. Man kenne die amerikanische Weigerung, weder in eine Herabsetzung noch gar in eine Streichung der Schulden der Alliierten bei Amerika einzu- willigen. Diese Auftastung ist nun erneut durch eine Erklärung des Schatzamtes in Washington bestätigt worden. An dieser Erklärung ist sehr bemerkenswert die geflissentlichen Hinweise daraus, daß doch wohl keiner der alliierten Staaten etwa eine Zahlungsverweigerung riskieren
würde! Denn das würde dem Kredit dieses Landes einen nicht wieder gutzumachenden aaden zufügen. Ja, die Annulierung der
ulden seitens gewisser Länder würde den Mangel an Vertrauen in ihre Staatspapiere nnr verschärfen! Es mitß ein sehr schlauer Fuchs gewesen sein, der diese Erklärung abfaßte. Denn mit ihr werden dem Bittsteller bei Amerika um Herabsetzung ober Streichung der Schulden so ziemlich alle Waffen aus der Hand geschlagen. Die unlösliche Verbindung zwischen Reparationsfrage und internationalem Schüldenpro- lllem wird die ganze Wett- und Weltwirtschafts- pMfik so lange in Atem halten und nicht zur Ruhe kommen lassen, als nicht das Fundament all dieser Fragen, und das bildet nun einmal die Reparationsfraae, von Grund auf umgellaut und gefestigt worden ist.
InnerpolWcher Sturm?
Besprechung über das Teuerungsproblem.
(Privai-Telegramm.)
Berlin, 11. Oktober.
Der nach Berlin zurückgekchrte Reichskanzler hat für heute nachmittag die Führer der Parteien zu sich geladen. Die politische Lage steht ganz unter dem Eindruck der gewaltigen Lebensmittelteuernng. Alle Beamten- und Arbeiterkategorien treten mit neuen großen Forderungen an die Regierung heran. In einer Sitzung der Betriebsräte der Berliner Ma- schinenindnstrie erklärte der Vorstand, daß einem Dollarkurs von nur 2000 ein Stundenmindcst- lohn von 650 Mark entsprechen müsse. Die G e • werkschaften traten gestern tu eine Aussprache über die Lage ein. Dabei zeigte sich große Unzufriedenheit mit der Regienmg Wirth, die trotz ihre feierlichen Zusage vor sechs Wochen reine Handlungen zur Eindämmung der. Teuerung unternommen habe. Diese Unzufriedenheit kam in sehr temperamenwollen Ausführungen der Gewerkschaftsvertreter zum Ausdruck, die iunerpolttischen Sturm ankündigtea.
Dle Finanz-Schwierigkeiten.
Amerikas Beteiligung ist möglich.
(Eigener Drahtbericht.)
Haag, 11. Oktober.
„Newyork World" erfährt von wohlinsor- mierter Seite aus Washington, daß die amerikanische Regierung sehr ernsthaft erwäge, die Einladung zur Teilnahme an der nächsten Finanzkonferenz, die wahrscheinlich in London tagen wird, anzunehme». Die Regierung halte jedenfalls die Zeit für gekommen, um einen Versuch zur Ordnung der Weltsinanzen zu unternehmen. Weiter erfährt das Blatt, daß die amerikanische Schnldenkommission beabsichtige, den Kongreß, wenn nötig, zu bitten, eine Anzahl von Be- schränkungen, die ihr durch das Gesetz bezüglich der Konsolidierung der Schulde» mifeilegt morde« seien, aufzugeben, um zu einer Einigung mit Sir Robert Horne über die englische« Schulden zu komme«. „Daily Chroniele" hält eine Auftchiebung der Reise Hornes infolge der innere« Krise für wahrscheinltz^
Deuifchlanvs schwebende Schuld.
Paris, 11. Oktober (Eigener Drahtbericht.) Die Reparationskommission beschäftigte sich gestern nach der offiziellen Wahl Barthous zum Vorsitzenden der Kommission mit dem außerordentlichen Anwachsen der deutschen schwebenden Schuld. Rach der Entscheidung der Reparationskonnuisfion vom 31. Mai sei Deutschland für die Zahlungen des Jahres 1922 ein Teil-Moratorium unter gewissen Bedingungen bewilligt worden. Eine dieser Bedingungen fei, daß die schwebende Schuld Deutschlands nicht den Betrag von 281 Milliarden Papiermark, also den Betrag vom 31. März 1922 überschreiten dürfe. Im Falle diese Summe überschritten würde, müsse der Mehrbetrag durch Steuern oder innere Anleihen gedeckt werden.
*
Die Monotszahiungen.
Berlin, 11. Oktober. (Privattelegramm.) Die Verhandlungen der Reichsregierung mit den alliierten Bcttretern über die von Präsident Alphand überreichten Vorschläge, wonach Deutschland monatlich fünfzig Millionen Goldmark an das alliiettc Auslandsamt zahlen soll, wurden gestern abend fortgesetzt.
Alle in Berlin anwesenden Reichsminister nahmen daran teil. Die Verhandlung« sind noch nicht zum Abschlüsse gediehen.
Dle Lage im Nahen Osten.
Wieder Meuterei in Athen.
(Eigener Drahtbericht.)
Wien, 11. Oktober.
Der „Secolo" meldet aus Athen: Der Beschluß der Regierung, die Truppen von der Tschüdalscha-Linie zurückzuziehen und Ost- thrazien z« raumen, ist durch eine Meuterei in der Athener Garnison veranlaßt worden. Fünf Regimenter, die aus Kleinasien heimbeordert waren, verweigerten ihren Abtranspott nach Thrazien, setzten ihre Offiziere gefangen und zogen mit roten Fahnen nach dem Kriegsministerium. Ein dem Kriegsminister gestelltes dreistündiges Ultimatum wurde vvu der provisorischen Regierung angenommen, die den Meuterern Straffreiheit zu- sichette. General Duponov wurde bei dieser Gelegenheit durch einen Schutz schwer verletzt.
• » •
Englands mMtSnschs Weisungen.
Paris, 11. Oktober. (Eigene Drahtmeldung.) Lord Curzon teilte dem französischen Botschafter mit, daß die dem General Harrington gegebene Anweisung ihm allen Spielraum lasse, den er gebraucht, um mit seinen französischen und italienischen Kollegen in der Frage der Gendarmerie in Thrazien und der neutralen Zone zu einer Einigung zu kommen. Das britische Kabinett beglückwünschte Curzon zu dem glücklickien Ergebnis seiner Verhandlungen in Paris.
Die Mudania-Konferenz.
Konstantinopel erwartet türkische Trnppen.
(Eigener Drahtbericht.)
Wien, 11. Oktober.
Der „Secolo" meldet aus Konstantinopel: Die Wiederaufnahme der Konferenz in M u d a n i a wird in Konstantinopel gleichgültig aufgenommen. Die Bevölkerung rechnet mit der baldigen Besetzung durch die Türken. Die Ausschreitungen gegen die alliierten Truppen haben zur Absperrung der Fremdenstadt Pera geführt. — Die alliierten Generale in Mudania haben mit Jsmid Pascha ein Aukommen getroffen, um von de« Griechen nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes die sofottige Freilas- sun g der türilschen Gefangenen zu fordern. Falls die Griechen daraus iengehen sollten, würden die Türken auch die griechischen Kriegsgefangenen sofott nach Unterzeichnung freilassen.
• * *
London wartet ab.
Paris, 11. Oktober. (Eigene Drahtmeldung.) Der Ministerrat hat keinen endgültigen Beschluß gefaßt, da er die Enficheidung in Mudania ab- matten will. Der Eindruck in London ist der, daß selbst bei einem glücklichen Ausgang der militärischen Verhandlungen die Alliierten noch nichtamEndeder türkischen Forderungen an- gelangt sein werden und daß noch viele Schwierigkeiten im Hinblich auf die Kapitulationen und den Schutz der Minderheiten zu erwarten sind.
Die alliierten RtHtNnien.
London, 11. Oktober. (Eigene Drahtmeldung.) Die Abweichungen im Tert der van den alliierten Regierungen nach den Pariser Beratungen den Generälen auf der Mudania-Konferenz zu- gestellten Richtlinien worden jetzt in hiesigen politischen Kreisen als bedeutungslos hingestcllt. We außerdem bierher gemeldet wird, sollen die letzten Mißverständnisse bereits behoben sein.
Auslands-Bergbaukfise.
Keiue Einigung in England- (Eigene Drahtmeldung.)
________ London, 11. Oktober.
Die Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern im englischen Bergbau, haben zu keiner Einigung geführt. Die Unternehmer erklärten, daß es Ihnen angesichts der Unrentabilität des Bergbaues u n m ö g l i ch sei, die Arbeitslöhne zu erhöhen. Die Vertreter der Arbeitnehmer werden nunmehr die Regierung um Vermittlung ersuchen mid haben zu diesem Zweck bereits um eine Unterredung mit Lloyd George nachgesuckt. Sollte auch dieser Weg zu keinem Ergebnis führen, so würde eine Versammlung von Arbeitervertretern über die Frage eines Streiks zn beraten haben. Rach Meinung der Presse steht der englisrl« Kohlenbergbau,vor einer neuen schweren Krise.
Gtuöentenlebrn.
Die Not des geistige« Nachwuchses.
es ist bekannt, datz Tanssndr Geistesarbeiter yent- zntage ein trauriges Los Haven. Unter welctzc-i Entbehrungen viele Studenten leben suüffen geht ans nachfolgender Berliner Schilderung hervor r In einem Zimmer im Erdgeschoß der Berliner Universität befindet sich jetzt das „Wirtschaftsamt". Es werden zwei amerikanische Damen gemeldet. Sie treten vor den Geschäftsführer bin. Eine ältere und eine jüngere Dame, in schwere Astrackanpelze gehüllt. Der Geschäftsführer: „Sie wünschen?" „Please, Sie uns können besorgen einen Studenten, der gibt Unterricht uns in deutscher Sprache?" „Jawohl, ich könnte Ihnen eine ganze Anzahl von Herren nennen!" „Ach please, wie hoch ift die Preis?" „Ja, wir haben einen Tarif ansgearbeitet, der für die SPrachstunde 150—200 Mark Vorsicht. Das ist der Mindestsatz." Die beiden Damen fahren entsetzt zurück. Die jüngere erregt an den Wildlederhandfchnhen ziehend: „Diese Preis ist viel zu hoch, ich mich dachte höchstens hundert Mark. Und dann, wir wohnen im Bristol, er muß kommen zu uns, zu die Zett, die wir ihm fagen." Der Geschäftsführer zieht die Augenbrauen hoch: „Meine Damen, das wird nicht gehen, die Auslagen für die Fahrt müßten. Sie bt't der jetzigen Teuerung auch tragen und die Zeit für den Studenten muß auch einigermaßen fest gelegt werden, denn er hat ja auch noch Vor- lesungen zu hören." — Jetzt Hot auch die ältere Dame die Sprache wiedergefunden, heftig nach Luft ringend, prnstet sie zörnllebend: „Jncredible ach, ach, luir nicht zahlen diese Preis für Studenten, diese Vorschriften wir uns nicht lassen machen. Wir uns werden beklagen." Und beide Damen rauschen hinaus, nachdem sie den Geschäftsführer mit einem abgrundtiefen Blick lle- nzorfcn hallen, die Schultern hock-gezogen und die Pelze zuknöpfend. Draußen wartet das blaue Auto, das sie ins Bristol zurückttägt.
In der „Studentenspeiseanstalt."
Ein schmaler Saal. Muffig, dmnipf, von einet auf die Lungen sich legenden grauen Staubigeit. Ein Mittagessen kostet zwölf Mark: Selbstlos:-u- preis. Messer, Gabeln, Teller, Servietten, Tischtücher sind unerschwinglicher Luxus. Wer cs noch hat, kann es sich ja nfitllringen, sonst reicht es nur $u einem Napf und einem Löffel. Links stehen die drei Kübel, in denen das Essen schwimmt. Brühe mit Kartoffeln und kleinen Fleischstücken. — Da kommen sie herein, sie, die so gern noch menschenwürdig sein möchten und die sich zu Tode 1 dränen bei dem Gedanken, daß andere merken könnten, was ihnen die Backen aus höhlt. Und die sich doch g i er i g ü b er den Napf beugen müssen und ohne Pause den Lössel heben und senken. Man spricht nicht viel, mann kennt sich gar nicht an den langen Tischen, an denen acht, Zehn andere sitzen und ebenso krampfhaft löffeln. Schnell, schnell nur heraus aus dieser Müssigkeit, auf die Straße, unter andere Menschen, wo man untertauchen kann, wo niemand von dem anderen etwas weiß. Was soll man Sonntags machen? Sonntag ist die Anstalt geschlossen. Das ist dann ein böser Tag. — Plötzlich gibt cs einen dumpfen Aufschrei: Ein junger Mensch ist ohnmächtig von der Bank auf die Erde gefallen. Man bemüht sich um ihn. Was ist? Sein Begleiter erklärt uns: „Ich sagte ihm gleich, daß er das nicht lange anshalten werde." Die ganze Rocht Wächter vor dem Konfektionsgeschäft spielen und dann den Tag über ununterbrochen Vorlesungen. Im Sommer gings nock, da war der Nachtdienst kurz. Aber jetzt bei den langen Nächten geht es ihm über die Kräfte."
Bettelbriefe.
EinzclfWe, Ausnahmen? Nein, nein, nein, so geht es Tausenden. Ich war in dem Büro der Studentenhilfe. wo man mir die Vitt- b r i e f e zeigte. Ticke Bände voll. Und eine gransige Lektüre. Menschen, die gezwungen sind, wirklich: gezwungen sind, um Geld zu betteln. Nnr um Geld? Um Wüsche, um Strümpfe um Mäntel, nm Kccklen. um Unterhosen. — Dieser verkrampfte, sachlick-trockene. gewaltsame Stil, hinter dem sich Stunden der ticfften Scham und Demüfigunq verbergen: „Unterzeichneter erlaubt sich daraus aufmerksam zu machen, daß er deshalb in wirfichaftliche Notlage geraten ist, weil sein Vater gestorben ist. Die Pension des Vaters ist zu gering, die Mutter ist durch den Verlust so niedergeschlagen, daß sie vorläufig an Nebenerwerb nicht denken kann. Alle Reben-, arbeiten des Unterzeichneten als Hauslehrer, Nachtpo-rtier und Bürogehilfe reichen nicht aus. Es wär: ihm daher mit einer wirtschaftlichen Beihilfe von monatlich 600 Mark sehr gedient." — Ein anderer besitzt nur e i n Hemd. Er fteht nm zwei weitere Hemden, da er doch an dem Tage wo sein einziges Hemd gewaschen wird, nickt ansgehen kann. Das sind nicht Einzelfälle. Gebirge von Briefen, Ozeane von Bitten.
Tie Hilfe reicht nicht aus.
Der Burcouvorsteher erzählt mir, daß die Studentenhilfe alles täte, was in ihren