Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung Q Hessische Abendzeitung
Ste Scffeler Reuest«» Nachrichten erscheinen wochemSch sechsmal und paar a b end S. Der LbonaementSprels beträgt monatlich 75.— Mark bet freier Zusiellnng i»S HauS tu der Geschäftsstelle abgeholl 70.—Mark monatlich. Auswärts durch die Post bezogen 75.—Mark monatlich einschl- Zustellung. Bestellungen werden jederzeit entgegengenommen. Druckerei, Berlag und Redaktion-. Schlachthofstrabe L8/M, Für unverlangt eiugesandte Beiträge kann die Redaktion eine Verantwortung oder Gewähr in keinem Falle übernehmen. Rückzahlung bei Bezugsgeldes oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnüngSmStztger Lieferung ausgeschlossen.
S-serttonSpreise. a) Einheimische Aufträge: Die einspaltige Aazetgenzeile M. 8.—, die einspaltige Stellamezeile M. 24.-. b) Auswärtige Aufträge: Di- etufpaMge Anzeig-nzetl- M. 8.-, die einspaltige Reklame,eile M. 24— alles einschließlich DeuerungSzuschlag und Aazeig-nfteuer. Für Anzeigen mit besonders schwierigem Sog hundert Prozent Aufschlag. Für die Richtigkeit aller durch Fernsprecher aufgegebenen Anzeige», sowie für Aufnahme- boten und Plätze kann eine Gewähr nicht übernommen werde». — Druckerei: Schlacht, hofstratze 28/30. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5, Telephon Nummer 951 und 952.
Nummer 228
Freitag, 29. September 1922.
Fernsprecher 951 und 952
an
Fernsprecher 951 und 952
12. Jahrgang.
Wachsende Verwirrung im Orient.
Die Kriegsgefahren.
Verschärfung »er Srieutkrise.
Vor einigen Tagen schien die neue Kriegsgefahr gewichen zu sein. In Paris war eine Lösung der Orientirise gesunden worden, auf die die beteiligten Staatsmänner nicht wenig stolz waren. Trotzdem ist das noch ungelöste Problem wieder in die Gefahrzone eingedrungen. Die Schuld liegt bei England. Trotzdem cs sich einverstanden erklärt hat. mit Kemal Pascha am grünen Tisch zu verhandeln, verstärkt es ununterbrochen die T r u pp e n in und um Konstantinopel. Immer neue Einheiten werden von London aus auf die Reise geschickt. Dauert das noch einige Zeit an, so find auf Gallipoli und in der neutralen Zone Kleinasiens soviel englische Divisionen versammelt, daß sie, von der Mittelmeerflotte unterstützt, den Kampf um die Freiheit der Meerengen wagen können. Kemal Pascha müßte mit Blindheit geschlagen sein, wenn er diesen Auftakt zu den Friedensvcr- handlungen rrchig anfähe. Daß unter diesen Umständen Teile seiner Trirppcn in die neutrale Zone eindringen würden war zu erwarten. Sie waren zwar zurückgezogen worden, aber Türken und Engländer stehen sich wieder mit schußbereitem Gewehr gegenüber. Ein Zufall kann zu jeder Stunde einen örtlichen Kampf entfesseln, dessen Entwicklung, dann nicht mehr zu hemmen und zu übersehen ist. England will offenbar die Freiheit der Meerengen nicht Preisgeben. Da die Griechen sich nicht halten konnten, sucht cs nach anderen Torwächtern, die zunächst für England diese Rolle übernehmen müssen.
Weiter kommt hinzu, daß Moskau nunmehr tätig in den diplomatischen Feldzug einae- griffen Hai. Die Einladung der Pariser Mächte war nur an Kemal Pascha, nicht aber auch an Moskau gerichtet. Nun besteht zwischen Moskau und Angora ein Vertrag, der beide Regierungen zu gemeinsamem Handeln in der Meerengensrage verpflichtet. Kemal Pascha hat denn auch die Einladung nicht sofort angenommen, da er zunächst wohl die Aeußerungen Moskaus hören will. Der kemalistische Vertreter in Konstantinopel hat keinen Zweifel bar« über gelassen, daß ein Statut über die Meerengen nur unter Mitwirkung aller Schwarzmeeruser- staaten erfolgen kann. Die Krffe ist wieder da. Ihre Lösung ungewiß und voll Gefahren. Selbst in Paris wechselt die Stimmung von Stunde zu Stunde. Von besonderer Wichtigkeit ist die Frage der freien Durchfahrt für die am Schwarzen Meer liegenden Staaten, also vor allem Rußland. Dieses ist gerade auf das Schwarze Meer angewiesen, weil es im Norden keinen eisfreien Hafen besitzt. Früher war die Frage der Meerengen bedingt durch die Frage einer türkischen Vorherrschaft wie auch der gesamten Machtstellung der Türkei überhaupt. Da- bei spielte noch weniger der russisch-türkische Gegensatz, als vielmehr der britisch-russische bte Hauptrolle. Nach dem Weltkriege konnte die Meerengenfrage im Sinne Englands und der Entente als gelöst bewachtet werden.
Nun hat durch die neuen Siege der Türkei diese plötzlich auch auf daS europäische Festland ihren Einfluß wieder ausdehnen können. Dadurch ist auch das^alte Meerenaenpro- blem wieder aufgerollt. Was die Meerengen für einen enormen Wert haben, hat sich am besten im Weltkrieg gezeigt. Bosporus und Dardanellen waren die einzigen Lücken in dem großen Kreis, der um die Mittelmächte und die mit ihm verbündeten Balkanstaaten. Bulgarien und der Türkei, geschloffen war. Wäre es damals den Ententemächten gelungen, sich der Dardanellen zu bemächtigen, so wäre der Krieg bedeutend ' schneller zu Ungunsten der Mittelmächte entschie. den gewesen. Denn dann wäre die Türkei zunächst einmal abgesckmittcn worden, alle Deutschland noch zukommenden Hilfsmittel an Rohstoffen aus Kleinasien unterbunden gewesen, Bulgarien wäre schnell erledigt worden und bald wäre Deutschland, auf sich selbst &i/eroiefen, auch in diesem ungleichen Kampf zu keinem größeren Widerstand mehr fähig gewesen. Durch die zähe Haltung der Dardanellen durch die Türken wurde auf der anderen Sette der russische Zusammenbruch zum mindesten wesentlich beschleunigt und mit verursacht. Das mag vor allem in England abermals die Absicht bestärkt haben, die Dardanellen zu neutralisieren, zumal damit eine drohende Gefahr für I n d i e n, das sich unter Uinftänben eines ständigen Schutzes von Konstantinopel erfreuen könnte und auch erfreuen wird, verringert würde.
Frankreich schürt indessen das Feuer gegen E n g l a n d, um dieses außerhalb Europas seftzulegen und für sich selbst auf dem euroväi- schen Konttnent freie Hand zu bekommen. Das ist ihm ja auch bisher im gewissen Sinne gelungen. Mau erinnert sich, daß in Momenten, wo England in der Rcparationsfrage zu Gunsten Deutschlands eintrat, in Augenblicken, wo englischerseits die Wiederaufrollung des Sertra- ges von Versailles fast schon angekündigt war. Frankreich mit der Orientfrage spielte und auf
diese Weise England zu einem Umfall zu Frank- reichs Gunsten zu bestimmen wußte. Immerhin bat aber auch Frankreich koloniale Interessen im Orient, die noch nicht einmal so sehr den englischen Interessen entgeaenstreben, namentlich von der Seite aus bewachtet, daß sich letzten Endes der gesamte Mohammedanismus eines Tages gegen die christlichen Kolonisten wenden wird. Ob Frankreich diese Gefahr erkannt hat, ist eine Frage, die noch nicht geklärt ist. Die Aufrolluna der Meerengenftage dürste auch für Frankreich selbst nicht io erfreulich sein. Denn hinter der Türkei macht sich Sowjetrußland stark be- merkbar, daß ein Feind der französischen Bal- kanschützlinge ist. J. B.
VoMarM der Türken.
Neuer Einbruch in die neutralen Zone. (Eigener Drahchericht.
Loudon, 28 September.
Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, find die türkischen Truppen wieder in die neutrale Zone an der südlichen Dardauellen- küste eingedrungen und zwar in der Gegend von Bigha. Kemal Pascha hat eine Kundgebung veröffentlicht, die ungefähr folgendermaßen lautet: „Der Sieg der türkischen Truppen hat die Meerengen bereits in unsere Hand, zum mindesten aber unter unseren Einfluß gebracht. Es ist daher nur recht und bitttg, wenn wir aus der lleberschreitung der Dardanellen bestehen, um die Verfolgung des in Kleinasien geschla- genen Feindes fortzusetzen, besonders da dieser sich in Thrazien neu organisiert. Eine militärische Kontrolle der türkischen Hauptstadt ist für uns unerträglich. Die sogenannte neutrale Zone ist gar nicht neutral, sondern dient nur dem Schutze der britischen Armee. Die gegenwärtige englische Regierung treibt ein I n t r i g u e n s P i e l, um die anderen Mächte zu täuschen. Wenn die britische Nation ihre Politik noch länger in den Händen von Staatsmännern vom Schlage Lloyd Georges läßt, so wird ste tzps britische Reich erschüttern."
Kemors neue Bedingungen.
London, 28. September. (Eigene Trahl- melbung.) Entgegen den in Paris eiugetroffe- neu Nachrichten, daß Mustapha Kemal Pascha die alliierten Bedingungen für die Konferenz an- nehme, erfährt der Sonderkorrespondent der „Daily Chronicle" von einer plötzlichen Sinnesänderung Kemals. Kemal weigere sich jetzt, die Eierten Bedingungen als Verhandlungsgrundlage anzuerkennen und werde im Gegenteil den Alliierten Gegenforderungen übermitteln und zwar L Teilnahme Sowjetrutz- lands und Bulgariens an der Friedenskonferenz, 2. Ablehnung, sich von vorn herein zu einer Ent» Militarisierung der Dardanellen zu verpslicksten, 3, das Recht der Türkei, die Küstengebiete der Meerengen und gewisser strategischer Punkte Thraziens zu befestigen, 4. damit die Türkei die Feindseligkeiten sofort einstelle, müßten zunächst die englischen Truppenverstärkungen anfhöreu.
Am Konstantinopel.
Alliierte «ud amerikanische Truppen.
(Eigener Trahtbericht.)
London, W. September.
Die Nachrichten aus Konstantinopel find sehr ernst. Nach Schätzung der Sachverständigen beträgt die Zahl der gegenwärtig an den Meerengen besindlichen europäischen Truppen etwa 25000 Manu, und zwar 8000 Franzosen, 2000 Italiener und 15 000 Engländer. — Wie die „Morningpost" meldet hat die Regierung von Kanada in Abänderung ihres ersten Entschluffes die Bereitstellung eines kanadischen Expeditionskorps sür Konstantt- nopel angeordnet. — Rach einem offiziellen Telegramm aus Washington wird offiziell bestätigst, daß von der amerikanischen Regte- rung Torpedoboote nach Konstantinopel entsandt worden find und zwar aus ausdrücklichen Wunsch des amerikanischen Generals Ehrt- stoll. — Der Zustand in Konstantinopel scheint gefährlich. Man befürchtet, daß die bolschewistischen Organisationen die dort sehr umfangreich find, Unruhen anftiften könnten. Die türkischen Angehörigen, die bis jetzt für Rentol Pascha mttgewjrkt haben, sollen jetzt in bolschewistische Dienste getreten sein. Es werden Flugschriften verbreitet, die die Türfim zu Gewalttätigkeiten gegen die Engländer auf- rufen. Eebenso regen sich die zaristischen Russen, die in Konstantinopel in großer Zahl vorhanden sind. Charakteristisch ist, daß durch einen kleinen Brand in einem Kino in der Tcra-
straße sofort eine Panik in der ganzen Stadt ausbrach und die Garnison alarmiert wurde.
*
Kemal veschlagnahmt Schiffe.
London, 28. September. (Eigene Drcchtmel- dung.s Die „Times" meldet aus Konstantinopel: Kemal Pascha hat einen Teil der im Hafen von Smyrna liegenden Privathandels- schiffe für Truppentransporte seines Heeres beschlagnahmt.
Das Orient-Problem.
Deutschland und die Orientkoufereuz.
(Eigener Drahtbericht.)
London, 28. September.
Das Problem der Regelung der Dardanellenfrage greift immer weiter um sich. Das Sott« doner Büro der zweiten Internationale hat jetzt eine von Henderson, Shaw, Coswig und Mac- donald unterzeichnete Erklärung über die Lage im nahen Osten verSsfentlichh in der e« heißt: Es würde ein tmgeheures Verbrechen an der Menschheit sein, it>emt'neue Feindseligkeiten beginnen. Die britische Regierung trägt zum weitaus größten Teil die Verantwortlichkeit. Es wird die Einsetzung eines Schiedsgerichts durch den Völkerbund gefordert, in dem die Türkei, Rußland und Deutschland gleichen Einfluß mit den anderen Nationen haben sollen. Deutschlands wirtschaftliche Interessen im Orient werden ihm einen Platz am Tisch der Unterhändler gewähren.
Amerikas Lnrereffe erwach
London, 28. September. (Eigener Drahtbericht.) Rach amerikanischen Meldungen hat Staatssekretär Hughes eine wichtige Unterredung mit dem englischen Botschafter Geddes in Washington wegen der Meerengenfrage gehabt, für die Amerika wegen ihrer Bedeutung für die HandelSschiffahrt neuerdings großes Interesse bezeugt. Der amerikanische Kreuzer „Pittsburg* hat Befehl erhalten, sich für den 2. Oktober zur Ausfahrt nach den Dardanellen bereit $u halten.
•
Bulgarien movMflert.
Wien, 28. September. (Eigene Drahtmel- bung.) Ein hier vorliegendes Telegramm anS Sofia besagt, daß die bulgarische Regierung die Mobilmachung der letzten Altersklasse angeordnet hat. Die Mobllmachung wird sehr rasch und geheim durchgeführt. An der südflawi- schen Grenze werden Truppen zusmmnengezogen. Es liegen Meldungen vor, wonach in bulgarischen politischen Kreisen offen erklärt wird, die Stunde sei gekommen, in der fick, das Schicksal der bulgarischen Ration entscheide.
Wirrnis in Griechenland.
Thronwechsel und Aufstand.
(Eigene Drahtmeldung.)
Wien, 28. September.
Aus Athe^t wird berichtet, daß König Konstantin abgedankt hat und der Kronprinz den Thron übernehmen wird. Eine amt- lickje Bestättgung dieser Meldung lag allerdings bis gestern abend noch nickst vor. Die leisten Telegramme aus Athen besagen, daß die Aufständischen einen OffizierSrat ernannt haben unter der Leitung deA Obersten Szipuras, der damit beauftragt worden ist, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Aufständischen haben sosortige Unterstützung aller Zivil- und Militärpersonen auf allen Posten erhallen. Tie Aufständischen verlangen eine neue Zentral- regtetung, die sofort nach dem Sturz der alten Regierung gebildet werden muß. Der gestern von der Regierung nach Saloniki ent- sandte Vertreter hat sich ebenfalls der aufständischen Bewegung angeschloffen. Der Offizrersrat hat der Regierung ein Ultimatum für die Erfüllung eines gestern aufgestellten Programms zuqestellt. Di- Frist dieses Ullima» tums läuft bereits heute nachmittag ab.
Zuwachs der Nevellen.
Wien, 28. September. (Eigene Drahtmel- dung.) Aus Achen wird berichtet, daß General Platssras mit seinen Truppen in Richtung aus Chios nmrschiert, ttw gegenwärtig noch alles ruhig ist. Eine weitere Meldung besagt, daß flch die Flotte gleichfalls zu den Rebellen ne» schlagen hat und zwar die beiden Schlachtschiffe „KiMs" und „Semsos", neun Zerstörer und mehrere Marineflugzeuge. Ein großer Rebel- lentruppenteil toll am Kap Surimn gelandet sein. General PoplaS ist mit den Führern der Bewegung in Berhandkungen eingetreten, um zu versuchen, der Rebellion Einfalt zu gebieten, ftn Athen ist daS Kriegsrecht verbindet worden. Unter der Bevölkerung herrscht große Aufregung. ES werden die unglaublichsten Rauchten verbreitet.
Seuchen in Rußland-
Die BerschleppuugSgefahr.
Sie Zustande in sr»tzta»d,die bnrfl, bolschewistische« Terror, Hunger und Unsauberkeit «ine attaemetne Verkommenheit verursacht haben, werden noch durch Seuche» verschlechtert. Man schveidt na« darüber nachfolgende warnende Schilderung r Die rusfifche Hungerkatastrophe, über die uns seit Jahresfrist die erschreckendsten Nachrichten zukommen und bereit Folge beglaubigte Fälle von Menschenftesserei sind, hat uns noch nicht voll zmn Bewußtsein kommen lassen, in welchem Maße Seuchen gefährlichster Art Begleit- etscheinungen des Hungers geworden sind. Der völlige Mangel an Bekleidung mit der sich daraus ergebenden Unsauberkeit haben dir Läuseplage derart anwachsen lassen, daß Krank- heilen und Fleckfieber und Rückfallfieber auftraten, die zahllose Todesopfer forderten. Weiterhin wütet Ne Cholera und fordert zahl- lc.fe Opfer. Hiergegen anzukämpfen, ist eine bei wichtigsten Aufgaben der auslänbischen Hilfs- Eton berat es ist Kar, daß Ne um sich greifenden Seuchen auf ihrem Vormarsch nach Westen sonst nicht aufgehalten werben können und eines Tages an den Pforten unserer Ost. mark pochen werben. Die gleichen Erscheinungen können auch unseren Haustieren gefährlich werden. In den Hungergebieten, aber auch schon wett bis in bte russischen Westgouvernements vorbringend, wüten Rinbrrpest, Beschäl- sevche unb ähnliche Krankheiten, bie bett Rindet- bestand dezimieren. Die Tatsache, daß selbst bie gegerbten Häute noch ansteckenbe Keime enthalten unb selbst nach langer Lagerzett und Zurück- legung weiter Wege eine ungeahnte Gefahrquelle bieten können, gibt eine Erklärung bafüt, daß bie Rinderpest in Schlesien und Baden und die Beschälseuche in Sachsen schon jetzt zahlreiche Opfer gefordert hat. Eine stärkere Belebung der Ausfuhr russischer Häitte, bereit wir zur Behebung unseres Ledermangels dringend benötigen, wird
die Gefahr der Einschleppung stark vermehren. Es ist daher unbedingt notwendig, daß bie Seuchenstationen auch zur Bekämpfung bes Niederganges des russischen Viehbestandes sich alle Errungenschaften der Forschungsarbeit zunutze machen. Die UmwälMN- gen in Rutzlanb haben sowieso seit dem Jahre 1917 eine gewaltige Tierabnahme zur Folge gehabt. Rach einer Zusammenstellung werden nach der Deutschen Allgemeinen Zeitung heute im Gouvernement Somara 624000 Pferde und Rin- der gezählt während im gleichen Bezirke 1916 noch 4836000 Stück vorhanden waren. In der südöstlichen Ukraine und der Krim sollen bie Bauern ungefähr achtzig Prozent ihres Viehes verloren haben. Wenn biefe Ziffern auch viel- leicht nur besonders krasse Beispiele herausgreifen, so fei auf den Bericht des polnischen Ober- kommissars für Riuderpeftbekämpfung über eine Studienreise in Rußland hingewiesen, in dem angegeben wird, daß der Pferdebestand heute auf dreißig bis sechsimdbreißig Prozent, der Rindviebbestanb auf kaum fünfundzwanzig bis dreißig Prozent des FriedenSbestandes z u - ruckgegangen und die Schaf- und Schweinezucht fast ganz verschwunden sei. Wenn auch ein großer Teil der Verluste allein auf Hunger und rücksichtsloses Abschlach- tm als Folge der Hungersnot zurückzuführen so lagt sich doch nicht bestreiten, daß der größte Teil der Abgänge den Tierseuchen znzu- schreiben ist. Es bedarf nicht vieler Worte, um die deutsche Landwirtschaft auf die Gefahren hinzuweisen, die ihr durch die russischen Tier- seuchen entstehen können, zmn anderen darf der deittschen Volkswirtschaft bie Einfuhr russischer Häute nicht verloren gehen. — Das deutsche Reich hat bie Notwendigkeit,
Schutzmaßnahmen zu treffen.
voll erkannt unb durch namhafte Geldmittel bie Bestrebungen bet Seuchenstation bes Roten Kreuzes, das seit geraumer Zeit in Moskau ein« bakteriologische Zentrale unterhält, unterstützt. Während diese Seuchenftatton in Moskau bisher lediglich im Dienste der menschlichen Seuchenbekämpfung ftanb, mutz sie nunmehr ihr Tätigkeitsfeld ganz besonders auch den Viehseuchen zuwenben. Es wäre daher notwendig, eine besondere tierärztliche Hilfsexpedition selbständig oder in Angliederung an die bestehenden Organisattonen des Roten Kreuzes, auszurüsten. Bei dem hohen Stande, den bie Seuchefeststel- lungsmethoben im beutschen Heere erlangt haben, bei der Tatsache, daß dem deutschen Feldheere bis tu bie vorderste Front B-lutuuter- uckmngssiellen folgten, unb bei bent Umstande.
daß bte deutschen Tierärzte bei der Seuchen- bekämpfung an der Ostfront unb ben südlichen Kriegsschauplätzen in der Bekämpfung der in Rußland herrschenden Seuchen praktische Erfahrungen gewrinnen hcchen, würbe es ein Leichtes «in, ein geeignetes Laboratorium mit geschultem Personal nach Russland zu schicken. Jedes zu diesem Zweck ausgegessene Gelb ist gut angewandtes Kapital. Der Landwirtschaft nützt eine solche Hilfsexpedition durch Vermin-