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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Q Hessische Abendzeitung

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Nummer 228

Freitag, 29. September 1922.

Fernsprecher 951 und 952

an

Fernsprecher 951 und 952

12. Jahrgang.

Wachsende Verwirrung im Orient.

Die Kriegsgefahren.

Verschärfung »er Srieutkrise.

Vor einigen Tagen schien die neue Kriegsge­fahr gewichen zu sein. In Paris war eine Lö­sung der Orientirise gesunden worden, auf die die beteiligten Staatsmänner nicht wenig stolz waren. Trotzdem ist das noch ungelöste Problem wieder in die Gefahrzone eingedrungen. Die Schuld liegt bei England. Trotzdem cs sich einverstanden erklärt hat. mit Kemal Pascha am grünen Tisch zu verhandeln, verstärkt es un­unterbrochen die T r u pp e n in und um Kon­stantinopel. Immer neue Einheiten werden von London aus auf die Reise geschickt. Dauert das noch einige Zeit an, so find auf Gallipoli und in der neutralen Zone Kleinasiens soviel englische Divisionen versammelt, daß sie, von der Mittel­meerflotte unterstützt, den Kampf um die Frei­heit der Meerengen wagen können. Kemal Pascha müßte mit Blindheit geschlagen sein, wenn er diesen Auftakt zu den Friedensvcr- handlungen rrchig anfähe. Daß unter diesen Umständen Teile seiner Trirppcn in die neutrale Zone eindringen würden war zu erwarten. Sie waren zwar zurückgezogen worden, aber Türken und Engländer stehen sich wieder mit schußbe­reitem Gewehr gegenüber. Ein Zufall kann zu jeder Stunde einen örtlichen Kampf entfesseln, dessen Entwicklung, dann nicht mehr zu hemmen und zu übersehen ist. England will offenbar die Freiheit der Meerengen nicht Preisgeben. Da die Griechen sich nicht halten konnten, sucht cs nach anderen Torwächtern, die zunächst für Eng­land diese Rolle übernehmen müssen.

Weiter kommt hinzu, daß Moskau nun­mehr tätig in den diplomatischen Feldzug einae- griffen Hai. Die Einladung der Pariser Mächte war nur an Kemal Pascha, nicht aber auch an Moskau gerichtet. Nun besteht zwischen Mos­kau und Angora ein Vertrag, der beide Re­gierungen zu gemeinsamem Handeln in der Meerengensrage verpflichtet. Kemal Pascha hat denn auch die Einladung nicht sofort ange­nommen, da er zunächst wohl die Aeußerungen Moskaus hören will. Der kemalistische Vertre­ter in Konstantinopel hat keinen Zweifel bar« über gelassen, daß ein Statut über die Meerengen nur unter Mitwirkung aller Schwarzmeeruser- staaten erfolgen kann. Die Krffe ist wieder da. Ihre Lösung ungewiß und voll Gefahren. Selbst in Paris wechselt die Stimmung von Stunde zu Stunde. Von besonderer Wichtigkeit ist die Frage der freien Durchfahrt für die am Schwarzen Meer liegenden Staaten, also vor allem Rußland. Dieses ist gerade auf das Schwarze Meer angewiesen, weil es im Norden keinen eisfreien Hafen besitzt. Früher war die Frage der Meerengen bedingt durch die Frage einer türkischen Vorherrschaft wie auch der ge­samten Machtstellung der Türkei überhaupt. Da- bei spielte noch weniger der russisch-türkische Ge­gensatz, als vielmehr der britisch-russische bte Hauptrolle. Nach dem Weltkriege konnte die Meerengenfrage im Sinne Englands und der Entente als gelöst bewachtet werden.

Nun hat durch die neuen Siege der Türkei diese plötzlich auch auf daS europäische Festland ihren Einfluß wieder ausdehnen können. Da­durch ist auch das^alte Meerenaenpro- blem wieder aufgerollt. Was die Meerengen für einen enormen Wert haben, hat sich am besten im Weltkrieg gezeigt. Bosporus und Dardanel­len waren die einzigen Lücken in dem großen Kreis, der um die Mittelmächte und die mit ihm verbündeten Balkanstaaten. Bulgarien und der Türkei, geschloffen war. Wäre es damals den Ententemächten gelungen, sich der Dardanellen zu bemächtigen, so wäre der Krieg bedeutend ' schneller zu Ungunsten der Mittelmächte entschie. den gewesen. Denn dann wäre die Türkei zu­nächst einmal abgesckmittcn worden, alle Deutsch­land noch zukommenden Hilfsmittel an Rohstof­fen aus Kleinasien unterbunden gewesen, Bul­garien wäre schnell erledigt worden und bald wäre Deutschland, auf sich selbst &i/eroiefen, auch in diesem ungleichen Kampf zu keinem größeren Widerstand mehr fähig gewesen. Durch die zähe Haltung der Dardanellen durch die Türken wurde auf der anderen Sette der russische Zu­sammenbruch zum mindesten wesentlich beschleu­nigt und mit verursacht. Das mag vor allem in England abermals die Absicht bestärkt haben, die Dardanellen zu neutralisieren, zumal da­mit eine drohende Gefahr für I n d i e n, das sich unter Uinftänben eines ständigen Schutzes von Konstantinopel erfreuen könnte und auch er­freuen wird, verringert würde.

Frankreich schürt indessen das Feuer ge­gen E n g l a n d, um dieses außerhalb Europas seftzulegen und für sich selbst auf dem euroväi- schen Konttnent freie Hand zu bekommen. Das ist ihm ja auch bisher im gewissen Sinne ge­lungen. Mau erinnert sich, daß in Momenten, wo England in der Rcparationsfrage zu Gun­sten Deutschlands eintrat, in Augenblicken, wo englischerseits die Wiederaufrollung des Sertra- ges von Versailles fast schon angekündigt war. Frankreich mit der Orientfrage spielte und auf

diese Weise England zu einem Umfall zu Frank- reichs Gunsten zu bestimmen wußte. Immerhin bat aber auch Frankreich koloniale Interessen im Orient, die noch nicht einmal so sehr den engli­schen Interessen entgeaenstreben, namentlich von der Seite aus bewachtet, daß sich letzten Endes der gesamte Mohammedanismus eines Tages gegen die christlichen Kolonisten wenden wird. Ob Frankreich diese Gefahr erkannt hat, ist eine Frage, die noch nicht geklärt ist. Die Aufrolluna der Meerengenftage dürste auch für Frankreich selbst nicht io erfreulich sein. Denn hinter der Türkei macht sich Sowjetrußland stark be- merkbar, daß ein Feind der französischen Bal- kanschützlinge ist. J. B.

VoMarM der Türken.

Neuer Einbruch in die neutralen Zone. (Eigener Drahchericht.

Loudon, 28 September.

Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, find die türkischen Truppen wieder in die neu­trale Zone an der südlichen Dardauellen- küste eingedrungen und zwar in der Gegend von Bigha. Kemal Pascha hat eine Kund­gebung veröffentlicht, die ungefähr folgender­maßen lautet:Der Sieg der türkischen Truppen hat die Meerengen bereits in unsere Hand, zum mindesten aber unter unseren Einfluß gebracht. Es ist daher nur recht und bitttg, wenn wir aus der lleberschreitung der Dardanellen bestehen, um die Verfolgung des in Kleinasien geschla- genen Feindes fortzusetzen, besonders da dieser sich in Thrazien neu organisiert. Eine militä­rische Kontrolle der türkischen Hauptstadt ist für uns unerträglich. Die sogenannte neutrale Zone ist gar nicht neutral, sondern dient nur dem Schutze der britischen Armee. Die gegenwärtige englische Regierung treibt ein I n t r i g u e n s P i e l, um die anderen Mäch­te zu täuschen. Wenn die britische Nation ihre Politik noch länger in den Händen von Staats­männern vom Schlage Lloyd Georges läßt, so wird ste tzps britische Reich erschüttern."

Kemors neue Bedingungen.

London, 28. September. (Eigene Trahl- melbung.) Entgegen den in Paris eiugetroffe- neu Nachrichten, daß Mustapha Kemal Pascha die alliierten Bedingungen für die Konferenz an- nehme, erfährt der Sonderkorrespondent der Daily Chronicle" von einer plötzlichen Sinnes­änderung Kemals. Kemal weigere sich jetzt, die Eierten Bedingungen als Verhand­lungsgrundlage anzuerkennen und werde im Ge­genteil den Alliierten Gegenforderungen übermitteln und zwar L Teilnahme Sowjetrutz- lands und Bulgariens an der Friedenskonferenz, 2. Ablehnung, sich von vorn herein zu einer Ent» Militarisierung der Dardanellen zu verpslicksten, 3, das Recht der Türkei, die Küstengebiete der Meerengen und gewisser strategischer Punkte Thraziens zu befestigen, 4. damit die Türkei die Feindseligkeiten sofort einstelle, müßten zunächst die englischen Truppenverstärkungen anfhöreu.

Am Konstantinopel.

Alliierte «ud amerikanische Truppen.

(Eigener Trahtbericht.)

London, W. September.

Die Nachrichten aus Konstantinopel find sehr ernst. Nach Schätzung der Sachverständigen be­trägt die Zahl der gegenwärtig an den Meer­engen besindlichen europäischen Trup­pen etwa 25000 Manu, und zwar 8000 Fran­zosen, 2000 Italiener und 15 000 Engländer. Wie dieMorningpost" meldet hat die Regie­rung von Kanada in Abänderung ihres ersten Entschluffes die Bereitstellung eines kanadi­schen Expeditionskorps sür Konstantt- nopel angeordnet. Rach einem offiziellen Te­legramm aus Washington wird offiziell bestä­tigst, daß von der amerikanischen Regte- rung Torpedoboote nach Konstantinopel entsandt worden find und zwar aus ausdrückli­chen Wunsch des amerikanischen Generals Ehrt- stoll. Der Zustand in Konstantinopel scheint gefährlich. Man befürchtet, daß die bolsche­wistischen Organisationen die dort sehr um­fangreich find, Unruhen anftiften könnten. Die türkischen Angehörigen, die bis jetzt für Rentol Pascha mttgewjrkt haben, sollen jetzt in bolsche­wistische Dienste getreten sein. Es werden Flugschriften verbreitet, die die Türfim zu Ge­walttätigkeiten gegen die Engländer auf- rufen. Eebenso regen sich die zaristischen Russen, die in Konstantinopel in großer Zahl vorhanden sind. Charakteristisch ist, daß durch einen kleinen Brand in einem Kino in der Tcra-

straße sofort eine Panik in der ganzen Stadt ausbrach und die Garnison alarmiert wurde.

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Kemal veschlagnahmt Schiffe.

London, 28. September. (Eigene Drcchtmel- dung.s DieTimes" meldet aus Konstantino­pel: Kemal Pascha hat einen Teil der im Hafen von Smyrna liegenden Privathandels- schiffe für Truppentransporte seines Heeres beschlagnahmt.

Das Orient-Problem.

Deutschland und die Orientkoufereuz.

(Eigener Drahtbericht.)

London, 28. September.

Das Problem der Regelung der Dardanellen­frage greift immer weiter um sich. Das Sott« doner Büro der zweiten Internationale hat jetzt eine von Henderson, Shaw, Coswig und Mac- donald unterzeichnete Erklärung über die Lage im nahen Osten verSsfentlichh in der e« heißt: Es würde ein tmgeheures Verbrechen an der Menschheit sein, it>emt'neue Feindseligkeiten be­ginnen. Die britische Regierung trägt zum weit­aus größten Teil die Verantwortlichkeit. Es wird die Einsetzung eines Schiedsgerichts durch den Völkerbund gefordert, in dem die Türkei, Rußland und Deutschland gleichen Einfluß mit den anderen Nationen ha­ben sollen. Deutschlands wirtschaftliche In­teressen im Orient werden ihm einen Platz am Tisch der Unterhändler gewähren.

Amerikas Lnrereffe erwach

London, 28. September. (Eigener Draht­bericht.) Rach amerikanischen Meldungen hat Staatssekretär Hughes eine wichtige Unterredung mit dem englischen Botschafter Geddes in Washington wegen der Meerengenfrage gehabt, für die Amerika wegen ihrer Bedeutung für die HandelSschiffahrt neuerdings gro­ßes Interesse bezeugt. Der amerikanische KreuzerPittsburg* hat Befehl erhalten, sich für den 2. Oktober zur Ausfahrt nach den Dardanellen bereit $u halten.

Bulgarien movMflert.

Wien, 28. September. (Eigene Drahtmel- bung.) Ein hier vorliegendes Telegramm anS Sofia besagt, daß die bulgarische Regierung die Mobilmachung der letzten Altersklasse angeordnet hat. Die Mobllmachung wird sehr rasch und geheim durchgeführt. An der südflawi- schen Grenze werden Truppen zusmmnengezogen. Es liegen Meldungen vor, wonach in bulgari­schen politischen Kreisen offen erklärt wird, die Stunde sei gekommen, in der fick, das Schicksal der bulgarischen Ration entscheide.

Wirrnis in Griechenland.

Thronwechsel und Aufstand.

(Eigene Drahtmeldung.)

Wien, 28. September.

Aus Athe^t wird berichtet, daß König Konstantin abgedankt hat und der Kron­prinz den Thron übernehmen wird. Eine amt- lickje Bestättgung dieser Meldung lag allerdings bis gestern abend noch nickst vor. Die leisten Telegramme aus Athen besagen, daß die Auf­ständischen einen OffizierSrat ernannt haben unter der Leitung deA Obersten Szipuras, der damit beauftragt worden ist, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Aufständischen haben sosortige Unterstützung aller Zivil- und Militär­personen auf allen Posten erhallen. Tie Auf­ständischen verlangen eine neue Zentral- regtetung, die sofort nach dem Sturz der alten Regierung gebildet werden muß. Der gestern von der Regierung nach Saloniki ent- sandte Vertreter hat sich ebenfalls der aufständi­schen Bewegung angeschloffen. Der Offizrersrat hat der Regierung ein Ultimatum für die Erfüllung eines gestern aufgestellten Pro­gramms zuqestellt. Di- Frist dieses Ullima» tums läuft bereits heute nachmittag ab.

Zuwachs der Nevellen.

Wien, 28. September. (Eigene Drahtmel- dung.) Aus Achen wird berichtet, daß General Platssras mit seinen Truppen in Richtung aus Chios nmrschiert, ttw gegenwärtig noch alles ruhig ist. Eine weitere Meldung besagt, daß flch die Flotte gleichfalls zu den Rebellen ne» schlagen hat und zwar die beiden Schlachtschiffe KiMs" undSemsos", neun Zerstörer und mehrere Marineflugzeuge. Ein großer Rebel- lentruppenteil toll am Kap Surimn gelandet sein. General PoplaS ist mit den Führern der Be­wegung in Berhandkungen eingetreten, um zu versuchen, der Rebellion Einfalt zu gebieten, ftn Athen ist daS Kriegsrecht verbindet worden. Unter der Bevölkerung herrscht große Aufregung. ES werden die unglaublichsten Rauchten verbreitet.

Seuchen in Rußland-

Die BerschleppuugSgefahr.

Sie Zustande in sr»tzta»d,die bnrfl, bolschewistische« Terror, Hunger und Unsauberkeit «ine attaemetne Verkommenheit verursacht haben, werden noch durch Seuche» verschlechtert. Man schveidt na« darüber nachfolgende warnende Schilderung r Die rusfifche Hungerkatastrophe, über die uns seit Jahresfrist die erschreckendsten Nachrichten zukommen und bereit Folge beglaubigte Fälle von Menschenftesserei sind, hat uns noch nicht voll zmn Bewußtsein kommen lassen, in welchem Maße Seuchen gefährlichster Art Begleit- etscheinungen des Hungers geworden sind. Der völlige Mangel an Bekleidung mit der sich daraus ergebenden Unsauberkeit haben dir Läuseplage derart anwachsen lassen, daß Krank- heilen und Fleckfieber und Rückfallfieber auftraten, die zahllose Todesopfer forderten. Weiterhin wütet Ne Cholera und fordert zahl- lc.fe Opfer. Hiergegen anzukämpfen, ist eine bei wichtigsten Aufgaben der auslänbischen Hilfs- Eton berat es ist Kar, daß Ne um sich greifen­den Seuchen auf ihrem Vormarsch nach Westen sonst nicht aufgehalten werben können und eines Tages an den Pforten unserer Ost. mark pochen werben. Die gleichen Erscheinungen können auch unseren Haustieren gefährlich werden. In den Hungergebieten, aber auch schon wett bis in bte russischen Westgouvernements vorbringend, wüten Rinbrrpest, Beschäl- sevche unb ähnliche Krankheiten, bie bett Rindet- bestand dezimieren. Die Tatsache, daß selbst bie gegerbten Häute noch ansteckenbe Keime enthalten unb selbst nach langer Lagerzett und Zurück- legung weiter Wege eine ungeahnte Gefahrquelle bieten können, gibt eine Erklärung bafüt, daß bie Rinderpest in Schlesien und Baden und die Be­schälseuche in Sachsen schon jetzt zahlreiche Opfer gefordert hat. Eine stärkere Belebung der Aus­fuhr russischer Häitte, bereit wir zur Behebung unseres Ledermangels dringend benötigen, wird

die Gefahr der Einschleppung stark vermehren. Es ist daher unbedingt not­wendig, daß bie Seuchenstationen auch zur Be­kämpfung bes Niederganges des russischen Vieh­bestandes sich alle Errungenschaften der For­schungsarbeit zunutze machen. Die UmwälMN- gen in Rutzlanb haben sowieso seit dem Jahre 1917 eine gewaltige Tierabnahme zur Folge ge­habt. Rach einer Zusammenstellung werden nach der Deutschen Allgemeinen Zeitung heute im Gouvernement Somara 624000 Pferde und Rin- der gezählt während im gleichen Bezirke 1916 noch 4836000 Stück vorhanden waren. In der südöstlichen Ukraine und der Krim sollen bie Bauern ungefähr achtzig Prozent ihres Viehes verloren haben. Wenn biefe Ziffern auch viel- leicht nur besonders krasse Beispiele herausgrei­fen, so fei auf den Bericht des polnischen Ober- kommissars für Riuderpeftbekämpfung über eine Studienreise in Rußland hingewiesen, in dem angegeben wird, daß der Pferdebestand heute auf dreißig bis sechsimdbreißig Prozent, der Rindviebbestanb auf kaum fünfundzwanzig bis dreißig Prozent des FriedenSbestandes z u - ruckgegangen und die Schaf- und Schweinezucht fast ganz verschwunden sei. Wenn auch ein großer Teil der Verluste allein auf Hunger und rücksichtsloses Abschlach- tm als Folge der Hungersnot zurückzuführen so lagt sich doch nicht bestreiten, daß der größte Teil der Abgänge den Tierseuchen znzu- schreiben ist. Es bedarf nicht vieler Worte, um die deutsche Landwirtschaft auf die Gefahren hinzuweisen, die ihr durch die russischen Tier- seuchen entstehen können, zmn anderen darf der deittschen Volkswirtschaft bie Einfuhr russischer Häute nicht verloren gehen. Das deutsche Reich hat bie Notwendigkeit,

Schutzmaßnahmen zu treffen.

voll erkannt unb durch namhafte Geldmittel bie Bestrebungen bet Seuchenstation bes Ro­ten Kreuzes, das seit geraumer Zeit in Moskau ein« bakteriologische Zentrale unterhält, unter­stützt. Während diese Seuchenftatton in Moskau bisher lediglich im Dienste der menschlichen Seuchenbekämpfung ftanb, mutz sie nunmehr ihr Tätigkeitsfeld ganz besonders auch den Vieh­seuchen zuwenben. Es wäre daher notwendig, eine besondere tierärztliche Hilfsexpedition selb­ständig oder in Angliederung an die bestehenden Organisattonen des Roten Kreuzes, auszurüsten. Bei dem hohen Stande, den bie Seuchefeststel- lungsmethoben im beutschen Heere erlangt ha­ben, bei der Tatsache, daß dem deutschen Feld­heere bis tu bie vorderste Front B-lutuuter- uckmngssiellen folgten, unb bei bent Umstande.

daß bte deutschen Tierärzte bei der Seuchen- bekämpfung an der Ostfront unb ben südlichen Kriegsschauplätzen in der Bekämpfung der in Rußland herrschenden Seuchen praktische Erfah­rungen gewrinnen hcchen, würbe es ein Leichtes «in, ein geeignetes Laboratorium mit ge­schultem Personal nach Russland zu schicken. Jedes zu diesem Zweck ausgegessene Gelb ist gut angewandtes Kapital. Der Landwirtschaft nützt eine solche Hilfsexpedition durch Vermin-