Hessische Abendzeitung
Nummer 227.
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Donnerstag, 28. September 1922.
12. Zahrgang
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Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
Die Mische Haltung bleibt fest.
Wiederaufbau.
Die deutschefranzöfischea Verträge.
Es Hal länger als drei Jahre gedauert biz die Franzosen endlich zur Einsicht gelangten, daß es besser sei, Deutschland zum Wiederaufbau der zerstörten Gebiete Nordfrankreichs heranzuziehen. Einen vernünftigen Frieden hätte man es nennen können, wenn Deutschland verpflichtet wor- den wäre, durch Lieferungen und Arbeit das, was durch den Krieg dort zerstört worden war, wieder herzustellen, den Schaden zu «reparieren-, das wäre, da Deutschland nun einmal unterlegen war, eine gerechte Reparation gewesen. Daneben hätte noch eine angemessene Entschädigung festgesetzt werden können, die dem erlittenen Schaden wirklich entsprochen hätte. So wäre bei Frieden Europas am besten gesichert worden und das heutige Elend in Deutschland und Oesterreich wäre nicht entstanden. Da aber die Franzosen befürchteten, daß wir durch die militärische Niederlage noch nicht genug entkräftet seien, setzten sie den Wirtschaftskrieg fort in dem Bemühen, Deutschland so zu zenmürben, daß es Frankreich nie mehr gefährlich werden könnte. Wären die Franzosen nicht gar zu ängstlich und vom käsen Gewissen gepeinigt, dann hätten sie sich damit begnügt, daß die deutsche Wehrmacht zu Land und Wasser aufgelöst bezw. ausgeliefert wurde. Um aber Deutschland für absehbare 3eit hinaus am Wiederaufstieg zu hindern, erfolgten die wahnsinnigen Sachleistungs- und Geldforderungen, die unsere Valuta entwerteten. Um für diese Erpressung ein scheinbares Recht zu schaffen, ließen die Franzosen das zerstörte Gebiet zum großen Teil in ihrem wüsten Zustande. Es sollte für das eigene Volk immer ein Antrieb zum Haß und für das Ausland eine Quelle des MiÜeids sein. Sehr bezeichnend ist es für den französischen Charakter, daß Propagandafahrten nach den zerstörten Stellen gemacht werden. Die Stadt- und Dorfruinen und die ausgerissenen Felder werden als historische Sehenswürdigkeit behandelt, woraus die neu angesiedelten Bewohner ein einträgliches Geschäft machen.
Der Schaden könnte schon beinahe wiedergutgemacht sein, wenn man die deutschen Angebote vor drei und zwei Jahren angenommen hätte. Deutschland hatte sich wiederholt bereit erklärt, das nordfranzöstsche Gebiet wieder aufzubauen. Erst im vorigen Jahre gelang es nach vielen Mühen, das von Rathenau und Loucheur ausgearbeitete Wiesbadener Abkommen das die Lieferung von Materialien bezweckte, abzuschließcn, das aber nicht in die Tat umgesetzt wurde. Anstatt das Gebiet wieder aufzubauen, vermehrte Frankreich seine Rüstung in Heer, Marine und Luftflotte und verschwendete damit die von Deutschland erpreßten Summen. Dieses Treiben erregte schließlich doch den Unwillen nicht nur des Auslandes, sondern wich gewisser Volkskreise in Frankreich Dadurch ent- stand vor ettichen Wochen der Umschwung in dem Verhalten gegenüber Deutschland. Einsichtige Kreise erkannten dort, daß eine gänzlich« Vernichtung Deutschlands auch Frankreich und Belgien gefährdet, da diese Länder ihre Staatshaushalte zum Teil auf die Wedergutmachungs- Zahlungen begründet Haden. Als Deutschland kürzlich mit Belgien über di« befristettn Schatzscheine und mit England über die verlängerte Garantte verhandelte, hielt sich Poincars, wie erinnerlich, in auffallender Weise zurück. Zur gleichen Zeü schlossen französische private Jiwustris- Unternehmungen mit deutschen Jndustriegruppen die Wiederaufbau-Verträge, die in dem Abkommen Stinnes-Lubersac ihren bedeutsamsten Ausdruck gefunden haben. Es ist damit zum erstenmal gelungen, wirtschaftliche Erfordernisse gegenüber politischen Leidenschaften durchzusetzen. Den fanattschen netto» nal istischeu Politikern, wie Poincarö und Genossen, sind die praktischen Wirtschaftler entgegengetreten und haben offenbar zur Zeit den größeren Einfluß.
Dem genannten Abkommen sind noch einige andere gefügt, an denen weitere Jndustriegruppen beteiligt find. Diese Entwicklung ist außerordentlich erfreulich, denn außer der damit beginnenden ftiedlichen Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich wird für einen großen Teil der deutschen Industrie neue Arbeit geschaffen. Auf französischer Seite gibt es ebenfalls neue Verdienfftnöglichkeiten und, was ü :cr. aus schätzenswert ist, Den Bewohnern der zerstör, ten Gebiete werden neue HeiMstätten geschaffen und damit wird ein Grund des Deutschenhasses
beseitigt. Von besonderer Bedeutung sind die Abmachungen noch dadurch, daß die Franzosen bereit sind, deutsche Arbeiter einzustellen, wozu das französische Wiederaufbauministerium seine Zustimmung erteilt hat, nachdem es sich vor einem Jahre noch ablehnend dagegen verhalten hatte. Da bis zur Hälfte der dort beschäfttgten Arbeiter deutsche oder internationale Arbeitskräfte eingestellt werden können, kommen etwa hundertundfünfzigtausend nicht- französische Arbeiter in Betracht. Inzwischen ist auch mit den deutschen Gewerkschaften verhandelt worden, wonach etwa vierzigtaufend deutsche Arbeiter sich beteiligen können. Diese neue Entwicklung hat auch die erfreuliche Wirkung, daß die durch die deutsche Wirtschaftsnot drohende Arbeitslosigkeit zunächst verhütet werden kann. ES entspringen daraus also Vorteile weitreichender Art. Es bleibt nur noch zu wünschen, daß die mühsam geknüpften wirtschaftlichen Fäden nicht wieder durch polittsche Plumpheiten zerrissen werden! K. F. D.
Türkische Einheitsfront. Rücktritt der Konstantinopeler Regierung.
(Eigener Drahtbericht.)
Wien. 27. September.
Wie aus Konstantinopel bestättgt wird, tritt die Konstantinopler Regierung zugunsten der Angora-Regiernngzurück. Auch der Sultan soll bereit sein abzudanken und den Kronprinzen als Nachfolger einzusetzen. ES verlautet darüber: Der Grotzvezier des Konstantinopler Kabinetts, der Minister des Auswärtigen tmd der Innenminister haben dem Sultan ihr EntlaffungSgesuch überreicht. Es wird mtt der Bildung eines nationaliUschen Kabinetts nach Art der Angoraregierung gerechnet. Der Entschluß ist »ach einer Rücksprache mit Vertretern der Kemalisten gesatzt worden. Man nimmt an, daß der Thronfolger dann Muftapha Kema! zum GroM»ezir ernennen wird. Kemal selbst betont zwar, daß er die Abdankung des Sultans nicht verlangt, aber die Rationalisten bestehen darauf, daß dieser ben Thron zu verlassen habe.
NNiittirifche Einberufung.
Berlin, 27. September. (Eigene Drahtmel- dung.) Aus Konstantinopel wird berichtet: Die türkischen Truppen, die gestern in die neutrale Zone eingedrungen sind, haben nunmehr auf Befehl des Oberkommandos die Zone wieder geräumt. — Der erste Transport der ein berufenen türkischen Staatsangehörigen hat heute friih Berlinverlassen. Mit dem Achtuhrzug verließen einundsechzig Türken Berlin. Sie begaben sich nach München und von dort nach Zürich, wo sie die weiteren Verfügungen des türttschen Konsulats entgegennehmen.
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Unruhen in Bulgarien.
Wien, 27. September. (Eigene Drahtmeldung.) Nachrichten, die aus Sofia hierher ge- langt sind, berichten entgegen allen offiziellen Dementis, daß in Sofia der Belagerungszustand erffärt worden ist. In den letzten Ta- gen ist es mehrfach zu erbitterten Dtraßenkämp- fen gekommen, bei denen etwa fünfzehn Personen getötet und über hundert verwundet worden sind. Die Führer der Bereinigten Opvositions- Parteien wurden verhaftet. Unter den Verletzten befinden sich Parteiführer und Abgeordnete.
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Die (Serben kriegsbereit.
Wien, 27. September. (Eigene Drabtmekdung.) Aus Belgrad wird gemeldet: Der südflavische Ministerrat beschäftige sich gestern eingehend mit der Orientfrage, wobei der KriegSmini fter fest- lellte, daß die südflavische Armee kriegsbereit sei.
Englischer Rationalismus.
Kundgebungen gegen Lloyd George.
(Eigener Drahcherickt.
London, 27. September.
Als Lloyd George gestern auf seinen Landsitz znrückkehren wollte, veranstalteten nattonakiftische Kreise Kundgebungen gegen Lloyd George wegen seiner Nachgiebigkeit in der Orienr- rage. Die Demonstranten bestanden, wie eL heißt, aus den besten Kreisen des Bürgertums. Der Premierminister wurde mit höhnenden Zurufen und Abzugsrufen empfangen. Lloyd George war zunächst völlig überrasi^. Dann unternahm er einen Versuch, zu der erregten Menge zu fytedjen. Es gelang ihm aber nicht, sich Ge- hör zu verschaffen. Als die Menge immer mehr anwuchs, schritt die Polizei ein und machte den Weg zum Bahnsteig mit Gewalt frei. Hierbei kam es zur Feftnahuic mehrerer Studenten cuS
Orford. Die Ermittelungen ergaben, daß die Demonstratton sorgfälttg vorbereitet worden ist. Sir spiegelt die Erregung in London wieder über das Nachgeben Lloyd Georges in der Orienffragc.
Vor der Friedenskonferenz, Feste türkische Bedingungen.
(Eigener Drahtbericht.)
Paris, 27. September.
Die Antwort aus Angora dürfte heute oder morgen eintreffen, obwohl nach französischer Auffassung vor der Rücksprache Bouillons mit Kemal Pascha eine bestimmte Erflärung kaum zu erwarten ist. Nach der Erflärung des Vertreters von Angora in Konstantinopel, Hamid Bey, wird Kemal verlangen, daß ein Teil seines Heeres Thrazien besetzen und zu diesem Zwecke die Dardanellen überschreiten kann. Als zweite Bedingung will er die Zulassung Rußlands und Bulgariens zur Friedenskonferenz durchsetzen. Endlich wird Kemal verlangen, daß die englische Flotte während der Verhandlungen keinerlei militärische Bewegungen unternimmt. Die englische Regierung hat, wie der „Temps" meldet, gegen die Zulassung Rußlands und Bulgariens zu den Friedensverhandlungen nichts einzuwenden.
Die Derdanvlungen.
London, 27. September. (Eigene Draht- mcldnng.) Der kemaliftifche Vertreter in Konstantinopel erklärte, daß die Rote der Alliierten als Grundlage der Verhandlungen von der Türkei angenommen werde. Bei der Behandlung der Meerengenfrage könnten alle Randstaaten deS Schwarzen Meeres beteiligt fein, also auch Rußland- die Ukraine, Georgien und Bulgarien. Die von dem Oberkommis- sar gemachten Versuche. Waffenftillstands-Ver- handlungen herbeizuführen, sollen unter Beteiligung Kemals in den nächsten Tachm beginnen.
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Bm 16. Oktober in Venedig.
Rom, 27. September. (Eigene Draht Meldung.) Wie der „Mstssagero" meldet, wird die Orient-Konferenz von Venedig voraussichtlich am 16. Oktober ihren Anfang nehmen.
Deutschland und Belgien.
Die Zahlungen find im Fluß.
(Eigene Drahtmeldung.)
Haag, 27. September.
Rach Meldungen aus Brüssel beabsichtigt die belgische Regierung die deutschen Schatzwechsel in den Vereinigten Staaten, in England und in der Schweiz unterzubringen. — Die Reparationskommission hat gestern unter dem Vorsitz von Dubois über das Ergebnis der deutsch-belgischen Angelegenheit beraten. Da dic am 31. August gestellten Bedingungen erfüllt sind und Belgien mit der Garantte der deutschen Reichsbank auch zufrieden ist, wird die Kommission voraussichtlich feststellen, daß ihrer Entscheidung entsprochen worden sei.
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Die (SaHieistungen.
Berlin, 27. September. (Privattelegramm.) Die am 2. Juni zwischen der deutschen Regierung und der Entschädigungs-Kommission getroffenen Vereinbarungen über die Ausführung der im Friedensvertrag übernommenen Sachleistungen, das sogenannte Kunze-Bemelman-Abkom- men, wird, nachdem die belgische Regierung ihren Beitritt erflärt hat, Belgien gegenüber mit Wirkung vom 15. September 1922 in Kraft treten.
Die geeinigte Linke.
©emeitifawe Sitzung der Fraktionsvorstände. (Privai-Telegramm.)
Berlin, 27. September.
Gestern tagten tut preußischen Landtag die Fr'aktionsvorständc der Mehrheitssozial, demokraten und der Unabhängigen zam ersten Male gemeinsam. Die gemeinsamen Fraktionssitzungen nehmen heute ihren Fortgang. Der Vorstand der Bereinigten Land- tagsfrMion wird aus den Abgeordneten Linder (Essen), Krüger. Heilmaun und Leid bestehen. Die Koalitionsparteien werden im vrcußischcn Landtag einen gemeinsamen Antrag einbrin- gen, wonach zur Fortsetzung.der Wohnungsbau t e n drei Milliarden aus preußischen Staatsmitteln und 1,83 Milliarden aus Reichsmitteln fofort den Gemeinden zur Berfiigung gestellt werden, um die Stillegung der Bauten und den Einttitt großer Schäden--zu verhüten. Die Re- giermtg wird mit dem Antrag einverstanden sein.
Teuerungs-Kampf.
Ursachen und Abwehr.
Da die allgemeine Notlage alle «edvlkernng«. »reise in Mitleidenschaft zieht uub man nicht weltz, wohin die Entwicklung noch fuhren wird, geben wir der nachstehenden Zuschrift Raum.
Wir befinden uns inmitten eines tollen Hexensabaths unaufhörlich steigender Preise, von Stunde zu Stunde wachsender Teuerung. Wie der Sturm unter HerbjMätter fegt, so jagen und wirbeln die Preise für alle Lebensnotwendigkeiten in atemibeklemmender Geschwindigkeit durcheinander, jede Existenzmöglichkeit in Frage stellend. Da ist es wohl verständlich, daß man nach den Ursachen dieser Sintflut sucht, die „Schuldigen" solch ungeheurer Lebenset. schwerung fassen möchte, um sie der geredeten Strafe zuzuführen. Wir stehen gewissermaßen auf einer mit rasender Geschwindigkeit dahinsausenden Maschine, die zu bändigen letzte Rer» venkrast, äußerste Kaltblütigkeit, ruhigste Ueber- legung erfordert, soll nicht ein falscher Hebel, griff sie endgültig ans unserer Gewalt bringen. Zwei Fattoren verursachen die gegenwärtige Preisrevolution: Warenmangel und Geldentwertung. Nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage bestimmt das Verhältnis zwischen der Menge der auf den Markt kommenden Ware und der Menge sie belebten» den Käufer die Preishöhe. Run ist aber heute das Warenangebot in Deutschland einmal infolge starken
Zurückbleibens der Produktion hinter dem Vorkriegsstände nicht ausreichend. Man schätzt dic Menge der im Nahmen unserer Volkswirtschaft hergestellten landwirtschaftlichen und gewerblichen Waren auf nur etwa sechzig Prozent der 1914 hergestellten Menge. Dann verhindert aber auch die nahezu völlige Wertlosigkeit des deutschen Geldes ttn Auslande die Ergänzung des heimischen Warenmangels durch ausländische Einsuhr, wodurch vor dem Kriege ganz automatisch die MarktverhAtnisse zugunsten des Verbrauchers reguliert wurden. Die zweite Quelle des Uebels ist aber die zunehmende Entwertung des Geldes, dessen Kaufkraft von Taz zu Tag wie Butter an der Sonne schmilzt. Es ist genau so, als wenn etwa daS Metermaß immer mehr zusammenschrmüpste. Niemand hat mehr festen Boden unter den Füßen. Der Produzent ist nicht mehr in der Lage, ausreichend Rohstoffe einzukaufen, der Händler kann seine Läger nicht mehr entsprechend auffüllen. Bei Beiden sind die Kosten nicht mehr zu kalkulieren. Nicht anders steht es bei den Arbeitnehmern. Auch diese versuchen, den „Wiederheschaffungspreis* für ihre aufge- toanbte Arbeitskraft zu erlangen. Wie ist der Ausweg aus dieser ungeheuren Rot zu finden? Es ist gewiß fast übermenschlich, angesichts die- fer Verhältnisse klaren Kopf und kühlen Verstand zu bewahren. Mer niemals war
Besonnenheit notwendiger denn jetzt!
In mancher Beziehung haben wir zwcisellos dis Möglichkeit einer gewissen Beeinflussung der Sachlage in der Hand; wir könnten z. B. durch Mehrarbeit das inländische Waren, angebot er höhen, wir vermögen durch eine gewisse Kontrolle die Zurückhaltung von Waren zwecks künstlicher Verknappung des Warenmarktes zu verhüten und ähnliches. Wer mit allen diesen Maßnahmen wird man nur ge- wisse Teilerfolge erzielen können, weil die Hauptfattoren der gegenwärtigen wirtschaftlichen Erkrankung außerhalb des Bereiches mt» feier Beeinflussungsmöglichkeit liegen. Nur eine grundlegende Veränderung der gesamtwiri- Ichaftlichen Lage Deutschlands durch den Uebergang der Entente von der Gewalt- zur Äufbaupolitik kann hier dauernde Besserung schaffen. »Ein Verbrechen ist es, das deutsche Volk glauben zu machen, daß ez in seiner eigenen Kraft liege, sich aus diesem Wirrsal befreien zu können. Tas rft unmöglich, und fein Kongreß, kein Generalstreik, selbst nicht die völlige Herbeiführung der PÄftischen und wirtschaftlichen Macht des Proletariats könnte dieses gewünschte Ergebnis haben." Dieses Bekenntnis dez zweiten Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Gewerffchastsbundes in einer der vor einigen Tagen in Berlin abgehalte neu Tcucruugsversanunlungen enthält die ganze bittere und nackte Wahrheit. Trotz alle- dem muß es für uns heißen: Zähne zusammen,, damit wir uns nicht zuguterletzt doch noch selbst unser Grab graben. Die Unvernunft der anderen darf uns nicht verleiten, sie durch noch größeren Unberftanb zu übertreffen, und damit die letzte leife Hoffnung auf Rettung mit eigener Hand auszulöfchen. Tas ist unendlich schwer, aber es muß fein!
Revision der Steuerabzüge.
Antrag des Gewerffchastsbundes.
Der Deutsche Gewerffchastsbund hat beim Reichsfinanzminister beantragt, es sollen die Freigrenzen im Einkommensteuergesetz neu fest-,