$te Safider Neuesten Nachrichten ertchetnen wöchentlich iechSmal und zwar abends. Der Lbormementkprets betragt monatlich 75.— Mark bet freier Zustellung in« Haus, in der Geschäftsstelle abgeholt 70.— Mark monatlich. Auswärts durch die Poft bezogen 75.— Mark monatlich eins'st Zustellung. Bestellungen werden federzeit entgegengenommen. Druckerei, Berlag und Siedaltion-, Lchlachthosftraße 28/30. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann die Redaktion eine Verantwortung oder Gewähr in keinem stalle übernehmen. Rückzahlung de« Bezugsgeldes oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnungsmäßiger Lieferung auSgeschlosten.
JnserttonSpretse: a) Einheimische Aufträge: Die einspaltige Anzeigenzeile M. 8.—, die einspaltige Reklamezeile M. 24.—. b) Auswärtige Aufträge: Die einspaltige Anzeigenzeile M. 8.—, die einspaltige Reklame;eile St. 34 —, alles einschließlich Teuerungszuschlag und Anzeigensteuer, stür Anzeigen mit besonders schwierigem Satz hundert Prozent Aufschlag. Für die Richtigkeit aller durch Fernsprecher auf gegebenen Anzeigen, sowie für Aufnahmedaten und Plätze kann eine Gewähr nicht übernommen-werden. — Druckerei: Schlachthofstraße 28/30. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Telephon Nummer 951 und 952.
Meier Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung
Sonnabend, 23. September 1922.
Nummer 223.
12. Jahrgang
Fernsprecher 951 und 952
Fernsprecher 951 und 952
Höhen Kohlenpmje in Aussicht.
Einigung der Linken.
Der Parteitag in Nürnberg.
Am kommenden Sonntag wird in Nürnberg der große Parteitag stattfinden, der die mcbr- heits-sozialdemokratifche und die unabhängig, sozialistische Partei zu einer Partei der. sch m e l z e n soll. Die Einigung ist bereits von den Führern untereinander ab-gcmacht worden, ■isn Nürnberg soll nur noch die Bestätigung durch den Vertrerertag erfolgen. Politisch be- trachtet und namentlich int Hinblick aus die inneren Vorgänge seit der Revolution stehen wir damit am Schlußpuntt, vielleicht auch am An- fang einer großen innenpolitischen Entwicklung. Der Radikalisnms von ehemals marschiert heute nur mit gedämpften Trommelklang. Die Mehr- hcitssozialisten haben sich, immer mehr genötigt durch den Zwang der Verantwortung, der aus ihnen als Regierungspartei lag, zu einer bürgerlichen Linkspartei entwickelt. Bei den Un- abhängien und Kommunisten ist inzwischen Zweig auf Zweig abgedorrt. Schier ein Dutzend Parteien, Parteigruppen und Grüpp- chen sind erstanden un- wieder vergangen. Aut bemerkenswertesten Wohl war die Wandlung in. nerchalb der Kommunisten, die mit so großen Hoffnungen auf den Plan traten, die in ihrem Selbstöewußtsein ganz Deutschland zu erober,. glauoten. Gerade aus dem schärfsten k o m. munistischen Radikalismus heraus smd diejenigen Elemente wie Levy und Adon Hoffman "erwachsen, die heute sich nun als Sachwalter der sozialistischen Einigung auswerfen. Das ist ungemein bezeichnend. Der Anschauungsunterricht, den Sow- iet-.Rußland inzwischen geboten hat und die perfonliche, freilich wenig liebevolle „brüderliche" Behandlung, die den Vertretern der deut- fchen Kommunisten von ihren Moskauer Herren zuteil wurde, hat sie allmählich doch etwas kühler werden lassen.
Wenn nun eine Verschmelzung der unab- hangien _ Partei samt ihren kommunistischen Gliedmaßen von ehedem mit der sozialdemokratischen Partei stattfindet, so bedeutet das innen- parteipolitisch sehr viel. Noch vor einem Jahr haben die Unabhängigen die Diktatur des Proletariats als unumstößliche Programmsätze ihrer Parteibestrebungen proklamiert. Dieses Ziel haben sie nun heute aufgegeben. Wie immer man zu den Dingen stöht, so muß man doch diese Tatsache als politisch nicht unerheblich bezeichnen. Sie bedeutet immerhin eine B Wendung vom Radikalismus und ein Einlenken in maBöotiere Bahnen. Freilich darf man sich nicht darüber Hinwegtäuschen, daß das Endziel des Sozialismus, ob er sich nun in den Mehrheitssozialdemokraten oder in den Unabhängigen verkörpert, die .sozialistische Gesellschastsordnuug ist, die also ganz unter dem Machtgebot und unter dem Herrschastswil- len sozialistischer Auffassungen und Methoden steht. Die gegenwärtige Situation wird lediglich als Sprungbrett angesehen in kluger Nutz, varmachung der Vorteile, die die Loge bietet, um diesen Entwicklungsprozeß zu beschleunigen.
Die Mittel- und Rechts-Parteien sind umsomehr bestrebt, dem Zug dez Materialismus und der politischen und wirtschaftlichen Dittatur entgegen zu arbeiten. Sie verhehlen sich nicht, daß nun ein geistiger und materieller Kampf anhebt, der große Ideenkraft und Opfermut erfordert. Die Mittelparteien haben auch bereits wegen einer bürgerlichen Ar- beitsgemeinschaft Fühlung miteinander genommen. Die sozialistische Einigung schreckt diese Parteien nicht, wie einige Parteifübrer betonten. Sie weisen darauf hin, daß das Z u- sa mm eng eh en der Sozialisten nicht aus idealen Gründen erfolgt ist, sondern wesentlich bedingt und beschleunigt wurde aus materiellen Gründen berauS. Die wirtschaftliche Umwälzung insbesondere die Preis- revalution, hat die beiden Organisationen, insbesondere aber die Unabhängigen, in immer größere finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Es wäre für die letzteren ganz un-, möglich gewesen, einen Wahlkampf ans eigenen Mitteln zu betreiben. Dazu kam, daß die un- abhängicn Presseorgane, die feit der Revolution vielfach entstanden sind, infolge der allgemeinen Notlaae der Zeitunaen wirtschaftlich sich nicht mehr halten können. Für eine ganze Reibe dieser Zeitungen bedeutet die Einigung und damit ihr Aufgehen in ein gemeinsames sozialistisches Organ die Erreftung vor ihrem sicheren Bankerott.
Die Unabhängigen empfinden es sehr schmerzlich, daß sie gerade durch diese (Situation gegenüber dm Mebrheitssozialdemfftraten in das Hintertreffen kommen. Denn sie mögen sich klar darüber fein, daß fetzt ausgefchattrte und ausgelefte Zeitungen unter den gegentoärtigeif wlrftchastrichen Verhältnissen für unabsehbare Zeit überhaupt nicht mehr errichtet werden können. Die stärkeren Trümpfe sind afib nnzwei- felbaft auf mehrheitsfozialistischer Sorte und sie wiegen umso schwerer, als dort
immer noch die größeren Geldgeber stecken. Das sind gewichtige Gründe, denen sich auch die Gegner der sozialistischen Einigung m- nerhalb der Unabhängigen nicht verschließen können. Die Mehrheitssozialdemokraten aber kalkulieren so, daß sie sich den Zwist in den eigenen Reihen, der durch den Zutritt der Unab- hängigen wohl zu erwarten ist, sehr wohl etwas kosten lassen können, denn sie erreichen die Ausmerzung einer geschäftlichen wie politischen Konkurrenz, die ihnen unbequem geivorden war.
Wertere Kohlenverteuernng!
Erhöhte Preise ab 1. Oktober?
(Privat-Telegramm.)
München, 22. September.
In einer gut besuchten öffentlichen Bersamm- lung der Zentral-Arbeitesgcmeinschast der Kohlenhändler Deutschlands wurde erklärt, daß man vor neuen Lohnforderungen der Bergarbeiter siche und am 1. Oktober wieder mit neuen Kohlenpreiserhöhungen zu rcckmen habe. Weiter wurde bekannt, daß Grotz- nnd Platzhandel nicht miteinander in Wettbe werb treten, sondern das Arbeitsgebiet des andern achten sollten. Bei der Bekämpfung der Kreditnot füllten sich Groß- und Platzhandel uu- terftützen. Von bayerischer Seite wurde bekannt, daß die bevorstehende gewaltige Erhöhung der Gütertarife die Krediinot steigern müsse. Die Zwaugswirifchaft habe sich auch bei Stcin- und Braunkohlen überlebt. Der Vorsitzende betonte, daß die Fessel der Zwangswirtschaft in abfehbarer Zeit gelöst werden müsse. Die Versammlung beschloß durch den Zentralverband der Kohlenhändler an das Reichsministerium des Innern einen entscheidenden Protest gegen die Paragraphen 74 und 75 des Entwurfes der neuen preutzifchen Städteordnung zu richten, durch die nach Ansicht der Berfammlung die Möglichkeit der Kommunalisierung gewerblicher Betriebe geschaffen werden foll.
Ernste Wirtschaftslage im Winter.
München, 22. September. (Privattelearamm.) In der Tagung der Kohlenhändler führte der Borsibende, Senator Riefinger-Hamburg, Mitglied des RcichskohlenratS, auch daß wir noch nicht am Ende der Preiserhöhungen sind. Zum Schluß fprach Dr. Manne über neite Zwangswirtfchaftsbestimmungen und wies darauf hin, daß die Auslandskohle mit fünfzig Prozent auf die Inlandskonti,igcnte angercchnet wird. Die deutfche Wirtfchast werde im kommenden Winter fchr unter der Kohlennot leiden.
Holländischer Kredit.
Private Abmachungen im Exporthandel, (Eigene Drahtmeldung.)
Haag, 22. September.
Der Amsterdams! „Telegraf" teilt mit, daß in Deutfchland ausgiebiger Gebrauch von dem durch das dcutfch-holländifche Kreditabkommen gewährten Guldenkredit gemackst wird. ES handelt sich um einen zehn Jahre fortlaufenden Kredit von hundertvierzig Millionen Gulden, der zu einem festen Satz von sechs Prozent vergeben wird. Die Kredite sind hauptsächlich gegen Waren, Rohstoffe und Bankgarantie gewährt worden und hoben meist dem Erwerb van Rohstoffen gedient. Dem Wunfch der deutfchen Exporteure, in Zukunft auf Gul- dcnbasiS abzuschlietzen, kam der Guldenkredit fehr entgegen. Das Blatt rechnet aus, daß nach dem gegenwärtigen Stand der Mark der Kredit einen Wert von 8,4 Milliarden in Papiermark hat.
3m Völkerbund.
Anregung zu Deutschlands Aufnahme. (Eigener Drah-bericht.
Genf, 22. September.
Die Reparations- Aussprache in der dritten Kommission der Völkerbundversammlung hat gestern stattgefunden. Man hat nicht nur von Reparationen und den interalliierten Schulden gesprochen, sondern der schweizerische Bundesrat Motta hat wiederum die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund in klaren und entschiedenen Worten verlangt, indem er das Recht und freilich auch die Pflicht Deutsch- lauds yir Mitarbeit an dem gemeinsamen
Werke Europas betonte. Fisher (England) zugleich mit Jouvenal hofft, daß Amerika Europa helfen müsse, da sonst eine vollständige Regelung der Frage unmöglich sei. Es gebe aber noch ein anderes Land, das an der Regelung dieser Frage interessiert ist und das sei Deutschland. Frellich kämen wenig beruhigende Nachrichten über Deutschlands Stellung dazu, aber man müsse hoffen, daß die Führer der deutfchen Industrie und des deutfchen Handels begreifen werden, daß eö nicht in ihrem Interesse liege, daß dieses Problem in seiner heutigen Verworrenheit bleibt. Mit Recht müsse man die Verträge achten, so erklärte Fisher, aber da die Verträge die Bestätigung in der Reparationskommission vorsehen, so sei-es notwendig, sie abzuändern, wenn man sich an den Völkerbund wende. Die Kommission nahm schließlich den französischen Antrag an, mit der Maßgabe, daß Lord Eecil eine Denkschrift ausarbeite, die am Inhalt der Entschließung nichts ändern darf.
*
Keine Erörterung um NeutfHtand
Genf, 22. September. (Eigene Drahtmeldung.) Der Völkerbund wird dem Parifer „Journal" zufolge am 30. September feine Beratungen beenden. Die Delegierten haben allgemein ihre Wohnungen für den 30. September zur Verfügung gestellt. Das „Journal" betont nochmals auf Grund eingeholter Informationen, daß die Z u l a f f u n g D e u t f ch l a n d 8 zum Völkerbund auf der fetzigen Tagung nicht erörtert werd". — In der gestrigen VormitiimS- sttzung des VL.kerbnndes teilte der engk-sch- Delegierte mit, daß Lloftd George nicht nach Genf zu den Beratungen kommen könne.
Der Krieg im Orient
Die Stellung der Engländer ist bedroht.
(Eigener Drahtbericht.)
London, 22. September.
Nach einer „Times"-Meldung dauert der türkifche Vormarfch auf die Dardauel- len-Meerengen in zwei Richtungen an. Die Engländer verschanzen sich auf asiatischer Seite vor Jsmid. Der „Morningpost" zufolge ist der Hauptbeftand der ägyptischen Armee aus dem Transport nach den Meerengen. Die Kcmalistcn haben mit dem Vormarsch von vier bis fünf Divisionen begonnen. Infolge der Unruhen der letzten Tage verlassen viele Griechen Konstantinopel. — Der englifche Generalmajor Mauriee drahtet aus Konstantinopel, die türkifche Kavallerie an der Grenze der neutralen Zone auf der asiatifchcn Seite der Dardanellen nehme an Stärke zu. Die türkifchen Streitkräfte fannnelten sich nach und nach und würden zu einer Bedrohung der Besatzung der asiatischen Küste. Der Oberbefehlshaber Sir Harrington habe eine Erflärung veröffentlicht, worin er die Entschlossenheit der Engländer kundgibt, die neutrale Zone bis zur Entscheidung der Alliierien-Konferenz zu halten, und fegt, er werde einen lemaliftifchen Vormarfch in dieser Zone als kriegerische Aktion ansehen.
Die Otuffen greifen ein.
Petersburg, 22. September. (Eigene Drahtmeldung.) Die russische Flotte im Schwar zen Meer ist in der Richtung auf Konstantinopel in See gegangen, um den Türken zu helfen. In sämtlichen Häfen des Schwarzen Meeres herrfcht fieberhafte Tätigkeit.
»
Eine ernste Mahnung.
London, 22. September. (Eigene Drahtmeldung.) Der englische General Townshend, der kürzlich in Angora und dann in Paris weilte, erklärte einem Vertreter der Associated Preß bei einer Verlängerung der Besetzung Konstantinopels werde ein heiliger Krieg ausbrechen. Es sei unmöglich, aus Konstantinopel ein neues Suez oder Gibraltar zu machen. Man müsse die Stadt räumen und den Türken Thrazien bis zur Ma- ritzegrenze wiedergeben. Rur in diesem Falle könne Großbritannien hoffen, in Indien, Mc- fopotamien u. Palästina den Frieden zu erhallen.
•
Wieder eine Feuersbrunst.
Paris, 22. September. (Eigene Drahtmeldung.) Rach Berichten, die nn Marineministe- riutn eingelaufen sind, steht die Stadt Pan- derma mit Ausnahme von vielleicht hundert Häusern vollkommen in Flammen. Der Wetzbahnbof ist zerstört, ebenso die Ottomnnjfche Bank. Man meldet viele Verletzte aus der Zivilbevölkerung.
2m Innern Rußlands
Ern Bild aus eigener Anschauung.
Dieser Tag- ist der cnglisDe VolkSwirtstbastle^ Sunttet) Carter von einer jieeimonatigen Stu' dienreise ans Rntzland znrNckgeleh-t. Cartcr ist bekannt als »in Wiffensck-astler.der de« Mut hat, die Wahrheit zu läge». Du« einer Unterredung, die er mit den, Vertreter der Leipziger Sieueften Rachrtthten hatte, ist Folgende« «it,«teilen r Der erste und tiefste Eindruck, den Carter in Rußland gewann, war der, daß das heutige Rußland ein Land ist, dessen Städte völlig in der Hand der Arbeiter und dessen Dörfer und Land ebenso völlig in der der Bauern ist, über welchen zwei Klassen, als eine dritte Klaffe, eine gewaltige und weit umfangreichere und kompliziertere Bureaukratie als vor dem Krieg steht, die in per Hauptsache die fechs- hunderttaufend Kommunisten bilden. Diese Bueraukratie lebt in einer Welt für sich; sie ist ungleich besser genährt, gekleidet und untergebrächt als die große Masse der Bevölkerung, und was es noch an Luxus gebt, gehört ihr. Die große Masse der russischen Arbeiter und Bauern ist polittfch indifferent, träge und jeder Initiative unfähig. Es geht ihnen nicht schlech- tcr und nicht besser als früher und sie flehen daher der Bureaukratie nicht fernblich gegenüber. Eine vierte Klasse bilden die liebet« reste der russischen Bourgeoisie und Intelligenz, die etwa drei Millionen stark im Ausland herumirren. Die Interessen aller dieser vier Klassen laufen auseinander es gibt kein wirkliches Zusammenarbeiten zwischen ihnen, und Huntlh Carter sieht in ihm die einzige Möglichkeit einer wirklichen Besserung der russischen Zustände. Ihre heutige Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit war sein zweiter alles beherrschender Eindruck. Es lasse sich garnicht übertreiben, wie entsetzlich eg in Rußland aussehe. Es sei ein Land, in dem seft ächt Jahre«
nur zerstört und nicht wieder ausgebaut
worden sei. In den Städten und Dörfern seien die Häuser so zerfallen, daß sie nicht mehr zu reparieren feien, fondern eigentlich etile neu auf« gebaut werden müßten. Ueberall herrfchten die gcsunpheiteswidrigften Zustände. Die Nahrnng fei für den Fremden kaum genießbar. Die Straßen verdienten mit allen ihren tiefen Löchern diefen Namen nicht mehr. Die Regierung habe grandiose Pläne für den Wiederaufbau aber zu ihrer Ausführung fehle alles: Geld, Kredit, Materialien und vor aßem die Leiter und Techniker. Die Massen arbeiteten, um nicht zu verhungern, darüber hinaus legten sie aber an nichts selbst Hand an, sondern ließen alles werter verfallen und fchlügen ihre freie Zeit damit tert, daß sie ziellos in großen Mengen in den entsetzlichen Straßen aus- und abwanderten. Alles, die Regierung eingeschlossen, stehstill und wartete. Huntly Carter ist überzeugt, daß Rußland heute am Scheideweg und am kritischsten Punkt feiner Geschichte angelangt ist. Die Frage sei, ob es zu den Verhältnissen vor dem Krieg zurückkehren oder aber mit fremder Hilfe ohne eine solche Rückkehr aus dem Sumpf herauskommen werde, in dem es heute stecke. Er bat von den Fähigkeiten und dem ehrlichen Willen der leitenden Männer eine hohe Meinung und er glaubt, daß ihre Absichten den fremden Kapitalisten gegenüber, die das in« bftftrieCe Leben Rußlands wieder in Gang bringen fallen, durchaus ehrlich sind. Andererseits verkennte er nicht, daß die tiefe Korruption in den unteren Streifen der Bürokr'tic und die Trägheit und Glcichgülttgkeit ter Massen ein schweres Hindernis für die Wied-r- Herstellung bilden. Don dem Kommunismus, den er letztes Jahr nocb vorherrschend fand, konnte er wenig mehr entdecken die
Einführung des freien Handels
bewirkt den größten Unterschied und schafft be- reiis wieder nette Klassen, fo daß e§ z. B. in den Staatstheatern wieder drei verschiedene Plätze gibt. Dagegen sei die Unterdräk- kung der Rede«, Preß - und Denkfreiheit io scharf und unbarmherzig als je und die Abfchließung Rußlands gegen ftemde Einflüsse habe auch in Kunst, Literatur und Wissenschaft torm nachgelassen. Der Internationalismus der Rätereaiernna ist Hunttv Carter eine bloße Mask e, berechnet auf den Gimpelfang im Westen, tatsächlich empfinde sie fo na« tionalistisch als nur möglich und darin stimme sie mit dem Volksemvsinden über-tn, das außerordentlich national säble, wie jede ftemde Macht bald erfahren würde, die ans Rußland eine Kolonie machen wollte. Carter ist überzeugt, daß Deutschland am ehesten imstande ist, her russischen Psyche gerecht zu werden und mit Rußland zu ersprießlichem Zusam- menarbetten zu kommen. Er würde sich gar nicht wundern, toenn ein solches zukünftiges Zusammenarbeiten noch die europäische Zivilisation retten würde. Er sagte in diesem Zufam- menhang, es sei ihm ausgefallen, wie sehr sich Deutschlands Ansehen im Lause der letzten zwölf Monate in Rußland wie den an-