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Nr. 209.

Zwölfter Jahrgang.

Kasseler Reueste Nachrichten Donnerstag, 7. September 1922.

Zn den Sternen.

Der Astrologe in der Bodenkammer.

«Hn Mitarbeiter der Berliner «ati-nalseitung, der dieser Lag« eine« al» Meister' der «eheim- ioissenlebasrer, bekannt«« Wahrsager besuchte, schildert seine Lindriitke «nd Beobachtungen in der nachfolgenden anziehende» Weiser

Im Hinterhaus einer Mietskaserne im alten Westen unten ein Schild:Photographisches Atelier". Drunter der Name des mir genannten Sterndeuters. Also für die Oeffentlichkeit: Pho­tograph. Für Eingeweihte: Astrologe. Ich ging vier Treppen hoch. Tie Tür oben war red­seliger. Jedenfalls hing an der wüst beklebten Md benagelten Türfüllung, strotzend von Plaka­ten, eines mit einer offenen Handfläche. Auf einem Schild stand: Man bittet, keine Hunde mit­zubringen! Also geklingelt! Es dauerte ein Weilchen. Jemand kam die Treppe herunter, blieb am Bodenfenster stehen. Ich drehte mich um, sah hinauf: ein weißhaariger, vollbärtiger, bebrillter Mann stand da. Sah mich an. Ich stellte mich aus Entfernung vor, nannte meine Referenz.Sehr angenehm!" Dann schritt ich dem Greis nach über den Boden. Ich klinkte hinter Lattenwänden eine Tür auf zu einer ge­heizten Kammer. Im Dämmerlicht, das durch eine Bodenluke kam, inspizierte ich: auf eiser­nem Ofen eine braune Kaffeekanne. Wahrschein­lich hat die ihren Grund, dachte ich; nämlich den, aus dem sich alte Tanten weissagen lassen. Von der Decke hingen Lappen. Auf dem Ruhebett kauerten vier oder fünf Katzen, langhaarige Ker­le, im Schlaf zusammengerollt wie Kiffen. Dos mochte Liebhaberei sein, mochte auch zur Astro­logie gehören. Letzteres schien wahrscheinlicher.

Die Wände voll rätselhafter Meßinstrumente: Kreisrädcr, Pendel, Lote, Zirkel, Lineale. Das sah mehr nach Bildhauerei als nach Astrologie aus. Doch mag es seine Richftgkeit, seine Wich­tigkeit haben. Und es hatte sie. Wozu aber auf einem Brett mit Büchern mich unbedingt ein Totenschädel angrinsen mußte, weiß ich nickt. Es versöhnte mich indes, daß er eine Tabak­pfeife im Gebiß hielt. Sollten mit all dem Schwachnervige eingefangen werden, so trat ich hier gefaßt meinen Stärkebeweis an. Wir un­terhielten uns, der Asttologe und derLaie", sehr sachlich. Ich nickte ihm zu und machte auch Einwendungen. Ich erkannte: Ein ehrlicher gläubiger Mann gläubig sogar mit Einschrän­kungen.Es trifft nicht alles zu!" Allerdings manches: Er schlug Schriften auf. Bcisviels- weise war darin 1917, zur Zeit der Friedens­bemühungen, Erzbergers Tod auf Jahr und Monat vorausgesagt. Das Kronprinzenhoroskop sagte 1918 laut einem im gleichen Jahr gedruck­ten Buch: Er wird nie zur Regierung kommen. (Ten Hohenzollern war dies damals bekannt. Kaiser Wilhelm soll ein Gesicht gemacht haben) Weiter: Auf einem beschriebenem Blatt das Ho­roskop einer Katze, vierzehn Tage vor ihrem Tod, ausgenommen nach Diebstahl einer Karbonade. Sie starb auf die berechnete Stunde. Gewiß i ft. etwas dxän an der Sterndeuterei. Ueber die nichterfüllten Vorhersagen spricht man nicht.

Es wäre erne halbe Sache, nicht zu erfahren, was uns noch blüht. Infolgedessen nahm ich entgegen, daß wir bis 1930 herum unerquickliche Zeiten haben werden. Später wird Deutschland wieder stark (!) und Monarchie. (!) Ob Monar­chie infolge Starksein, oder Starkwerden durch Monarchie, gelang mir nicht zu erkunden. Reden wir darüber in zehn Jahren. Zum Schluß rückte ich ganz nhe an den weißen Mann, schrieb ihm meinen Geburtstag auf ein Blatt Papier und lauschte. Er steckte eine Petroleumlampe an. Holte sich Zirkel, Lineal und Tabellen, Tabellen, Tabellen. Die Katzen, singen zu miauen an. Be­gannen herumzuspringen. Der Totenkops biß auf seine Tabakpfeife. Der Asttologe rechnete. Ich schwieg.Sie sind im Zeichen der Jung­frau geboren!" Das ist nämlich keine Kleinig­keit. Solche Menschen sind nachdenklich, so philo­sophisch veranlagt: ergreifen.geistige Berufe, kommen viel herum aber nicht oft zu Geld. Der Alte zog sich vier ineinanderliegcnde Kreise. Malte mit schwarzer und blauer Tinte seine Sternzeichen hinein, rechnete und schnell Zah­len. dahinter. Die Kreise wurden voller Hiero-

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glvphcn. Mond und Sterne nahmen ihren Lauf zwischen den vier Tintenkreisen; wechselten ihren Stand zueinander.

Aus diese Weise erfuhr ich, daß Februar bis Mai meine Unglücksmonate sind, wo ich nichts unternehmen soll; weder Spekulation (was ich sowieso nicht tue), noch Stellungswechsel, Heirat oder sonst was. Der Tod eines lieben Angehö­rigen wurde mir auch freundlich in Aussicht ge­stellt.Hüten Sie sich vor Februar bis Mai!" waren die letzten Worte meines Schicksalsver­künders. Ich bin Fatalist, halte es für unmög­lich, anders als vorgcschrieben zu handeln. Wie soll ich mich da vorsehen? Unter zweifelhaften Vorbedeutungen nahm ich Abschied. Die Katzen brachten mich an die Tür. machten krumme Buk- kel. Der Totenkops schielte hinter mir her. Der Alte leuchtete mit seiner Petroleumlampe die Bodentreppe herab. Es ist was dran an der Astrologie. Manches trifft ein, manches nicht. Ist das Eingetroffene ein beschenk der Sterne? Die Astrologen sagen ja. Die Zweifler schüt­teln mit dem Kopf. Ich verbleibe einstweilen zwischen Jasagen und Kopfschütteln.

Aus aller Welt,

Der verschwundene Briflantnng.

Abgesehen von den Nachtlokalen, von den Theatern, Bars und bergt, sieht man kaum irgendwo besser, daß sich Wien zur internatio­nalen Fremdenstadt entwickelt, als in den Poli­zeibureaus. Täglich verkehren dort Fremde von Distinktion" undohne Distinktion", bald als Anzeiger, bald als Angezeigte. Dieser Tage kam nun ein Italiener zur Polizei und machte Anzeige von einem sensationellen Ringdiebstahl. Der Italiener war der akademische Maler Ar­mand Bellant' aus Rom. Der junge Künst­ler ist nach Wien gekommen, um hier Studien zu treiben. Armand Bellanti hielt sich nun vor etwa einer Woche im Speisesaal desGrand Hotel" auf und lernte dort einen fabelhaft ele­ganten Herrn kennen, der sich Albert Colbert nannte und für einen Schweizer ausgab. Man traf sich dann daraufhin wiederholt. Eines Abends, aus einem Spaziergang im Stadtpark, fiel der Blick M. Colberts plötzlich aus einen herrlich blitzenden Brillantring, den der Italie­ner am kleinen Finger trug. Es war ein aus­nehmend schöner Solitär, den der Maler auf mindestens zehntausend Lire schätzte, etwa vier­zig Millionen österreichischer Kronen. Colbett bewunderte den Stein und bat den Maler, ihm den Ring für einen Augenblick zu überlassen. Bellanti ftreiftc den Rina auch vom Finger und gab ihn Colbert, der ihn ansteckte, ihn beim Schein der elektrischen Bogenlampe begeistert blitzen ließ und sich scheinbar gar nicht trennen konnte. Plötzlich rief Colbett:Ich habe den Ring verloren!" Nun war das Entsetzen auf Seite des Malers. Er heqte nicht das mindeste Mißtrauen gegen seinen Begleiter und begann mit ihm stundenlang zu suchen. Vergebens. Als man sich trennte, hatte man keine ©but von dem Ring und auch der Schiveizer blieb von dem Augenblick an verschwunden.

Die Geier am Rhein.

Unter dem durch die Geldentwettung hervor- perufcncit Ausverkauf hat der Brückenkopf Kehl, sowie namentlich auch das Städtchen Kehl und seine Umgebung mit am meisten zu leiden. Leider ist es nicht möglich, trotz scharfer Ueberwachung den Schmuggel zu verhindern, denn vielfach werden gerade größere Warenmen­

gen französischen Militärautos mit­gegeben. Diese dürfen aber nur angehalten werden, wenn begründeter Verdacht besteht, daß sie verbotene Ein- und Ausfuhr begünstigen. Zu einer Landplage hat sich der französische Sonn­tagsverkehr in Kehl ausgewachsen. Am letzten Sonntag zählte man zehntausend solcher Gäste; ebenso viel wie dir Einwohnerzahl von Kehl.

* Kinderlähmung auch im Schwarzwald. Von Hohenzollern aus verbreitet sich langsam eine Epidemie von spin aler Kin­derlähmung im Schwarzwaldkreis, die meist in häßlichen influenzaattigen katarrhali­schen Erscheinungen der oberen Luftwege be­ginnt. Die Sterblichkeit beträgt bisher etwa bis zu dreizehn Prozent.

* Ein Luther-Denkmal zerstört. Das im 300. Jubiläumsjahr der Reformation, 1817, errichtete Lut her-Denkmal in Taucha (Sachsen) ist von unbekannten Tätern vollstän­dig zerstört worden.

* Im Elend umgekommen. In seiner Woh» nung in Thorn (ehern, deutsche Ostmark) er» bannte sich der frühere Besitzer desTivoli", Zwieg, im Alter von sechsundachtzig Jahren. Seine alte Wirtin machte den Familien, welche sich seiner angenommen hatten, da er sonst Hun­gers gestorben wäre, Mitteilung. Der bebau- ernswette Greis hatte von seinem ersparten Gelbe 135 Mark monatlich Zinsen bezogen, da- sür gibt ez ein Pfund Brot aus den Monat.

* Das kostbare Altpapier. Der Minister des Innern hat angeordnet, daß die dem Ministerium untcrfteöten Dienststellen alles Papier ein­schließlich des Papiers aus den Papierkörben dem Strafgefängnis in Tegel zur Verwertung zu überweisen haben.

* Unter fremder Kriegsflagge. Der deut­sche DampferVaterland" mußte trotz des noch bestehenden Verbotes auf der Reede von Konstantinopel anfern, da er eine Kesselhavarie erlitten hatte. Es wurde eine englische Wache an Bord gesetzt, um jede Ver­bindung zwischen Land und Schiff zu verhin­dern. Auf dem Schiffe wurde die englische Kriegsflagge gehißt.

* Frankreichs blasser Neid. Die beispiellosen Erfolge der deutschen Segelflieger beun­ruhigen die ftanzösisehe Oeffentlichkeit .immer Weiter. Täglich werden imMatin" neue Preise gestiftet, um auch die ftanzösische Jndusttte und die französischen Flieger anzuspornen, den ge- walttaen Vorsprung der Deutschen einzuholen. Die Preise haben bereits die Höhe von 110000 Frank erreicht. Bei den Wettbewerben sind Ausländer ausgeschlossen. Nur in zlvei Ausschreibunaen wird andeutungsweise an die Erfolge der Deutschen erinnert, sonst wer­den sie vollständig totgeschwiegen. In der ge­samten französischen Presse ist nur ein Artikel imFigaro" erschienen, der dem Drei-Stunden- Flug von Hentzen wenigstens einigermaßen- ge­recht zu werden versucht.

* Gin glücklicher Dollarerbe. Dieser Tage er­hielt ein Arbeiter der August-Dhpssen-chüttr in Hamborn von einer Bank die Nachricht, daß für ihn fünftaufenb Dollar aus Amerika zur Zahlung angewiesen seien. Man kann sich die Freude vorstellen, die den Mann erfaßte, da 5000 Dollar nach dem jetzigen Valutastande ungefähr sieben Millionen Mark ausmachen.

* Riesenexplosion in Frankreich. In Por­ti e r s in Frantteich ist ein Munitionsdepot, in dem eine Feuersbrunst ausgebrochen war,

mit dreitausend Granaten in die Luft geflogen. Es fielen auch Granaten in die Stadt. An den militärischen Gebäuden und den Häusern der Umgebung ist bebeutenber Schaden verur­sach: worden. Menschenverluste sind nicht zu be- flagen.

* Mit dem Auto in den Abgrund. An einem der letzten Tage unternahmen 180 Arbeiter au8 Prerau bei Prag einen Ausflug nach Bu­sans in drei Lastautomobilen. Bei der Rück­fahrt war das eine Automobil mit zweiundvier­zig Personen besetzt. Bei einer scharfen BteMng riß sich durch die große Belastung der Kasten des Wagens los und stürzte in einen Abgrund. Der schwere Unfall forberte zwei Tote, drei­zehn Schwerverletzte und achtzehn Leichwerletzte.

Auf Flanderns Ruinen.

Neue Städte blühen aus den Trümmern.

Während die Fr<mgosen mit denkriegsver- wüsteten Gebieten" eine eifrige Propaganda trei- ben, die ihnen wichtiger als die Wiederherstel­lung der Schäden zu sein scheint, lebt in Belgien ein starker Geist des Wiederaufbaues, der von einem Kult mit den verwüsteten Zonen nichts wissen will.Belgier sprechen nismals von einem zerstörten Gebiet," heißt es in der Schil­derung, die ein Brüsseler Berichterstatter :n einem ausländischen Watt veröffentlicht. bezeichnen das Kriegsgebiet als diewieder­aufgebaute Zone". Mit dieser Haltung stellen, sich die Belgier in strengen Gegensatz zu dem Tou­risten, der beim Besuch der Schlachtfelder das größte Interesse an zerschossenen Häusern und erhaltenen Schützengräben zeigt. Der Reisende, der an irgend einem Ort die Kttegszerstörun- gen besichtigen will, wird mit groben Worten ab­gewiesen.Gehen Sie weiter," heißt es,und bemitleiden Sie die nächste Stadt. Kommen Sie erst dann zu uns, wenn oer Wiederaufbau been­det ist." Wehe dem Fremden, der die Wir­kung des GranatfeuerS in den belgischen Dörfern des ehemaligen Kriegsgobletes studieren will. Er begegnet allgemeinem Unwillen, während die neuaufgebauten Häuser mit größter Bereitwillig­keit gezeigt werden. Bei so entschlossenem Wil­len sind denn auch die Wiedecherstellungsarbeiten bereits weit gediehen. Der Boden ist vollständig gesäubett, und baS war ein großes Stück Arbett, wenn man bedenkt, welche riesigen Anhäufungen von Trümmern und Kriegsmaterial sich hier be­fanden. Ziegel sind in Flandern reichlich vor­handen, aber Wasser ist spärlich. Es wurden da­her Wasserleitungen angelegt, Wege wurden rasch hrrgerichtet, leichte Eisenbahnen erbaut, und nachdem alles vorbereitet war, wurde nach großzügigen Planungen

eine ganz neue Stabt da errichtet, wo von der ursprünglichen Ansied-' lung nichts übrig gelassen war. So scheinen lange Häuserreihen und breite Straßen über Nacht entstanden zu fein. InMenin sieht tnair stattliche Häuser mit sieben Zimmern, die sehr feste Mauern haben, in nur drei Wochen errichtet und dann gleich bezogen. In der Nahe von N p e r n ist eine ganze Gartenstadt im Zeitraum von hundertundsechzig Tagen emporgewachsen. Bei der Anlage von ganz neuen Städten ist die Arbeit verhältnismäßig leichter, als in jenen Orten, wo halbzerstörte Häuser wiederhergestellt werden. lieber aK aber bringt der Wiederaufbau den Bewohnern Vorteile, indem moderne Was­serleitungen und Lichtanlagen geschaffen werden. Die Einzigen, die in Flandern unzufrieden sind, sind die etnft so viel beneideten Leute, deren Häuser nicht zerstött wurden. Sie sehen jetzt aus ihren vom Krieg mitgenommenen und dürftigen Wohnungen voll Neid auf die schmucken roten Ziegel und die schönen Dächer der Neubauten. An der französischen Grenze, in Cervick. Comines und Warneton, ist noch viel zu tun. In Vpern ist der Wiederaufbau in vollem Gange; das Land rings herum, das eine Wüste war, ist mit reichen Feldern bedeckt, und nur die rechteckigen, mit Drahtzäunen umgebenen Plätze mit ihren schwarzen Kreuzen zeigen, wo die Gefallenen schlummern. Dirmuiden. das so vollständig zerstött war, daß fein Stein auf dem anderen blieb, ist fast völlig wieder erstanden. Kirche und Tuchhalle wurden mH alten Steinen aufgebaut."

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41) Roman von B. von der Lancken,

Es war ein Labyrinth, in dem sich ihre Ge­danken verloren und verwirtten, wenn sie Klarheit schaffen wollte. So einfach und tlar hatte das Leben vor ihr gelegen, und wie war es heute? Ab grün de hatten sich vor ihr aufge­tan. Abgründe des menfchlichen Herzens und der Seele.---

Matte-Luise hatte das Zimmer nicht wieder bezogen, das sie einst mit Toffi geteilt, zu frisch unb schmerzlich waren die Erinnerungen an das Leihen und Sterben der Schwester in diesem Raum. Sie hatte einige kleine Aende- rungen vorgenommen in der Mutter Schlaf- und Wohnzimmer, und bewohnte nun diese schon um dem Vater in seiner Schwäch« und Kränklichkeit näher zu fein, hatte sie die ein­stige Jungmädchenstube oben aufgegeben.

Marie-Luise war sich klar darüber, daß sie ein stilles, arbeitslosesFräuleinleben" nicht ertragen könnte. Sie fand c8 auch ihrer, unwür­dig. Sie war entschlossen, nach den Zügeln der ^Regierung zu greifen. Herr von Sternenberg überließ sie ihr gern Von Tag zu Tag wurde er des Lebens überdrüssiger, wurde er müder. Ein Dasein, in dem er total Schiffbruch gelit­ten, hatte keinen Reiz, und seit dem Tode seiner Frau und seiner Lieblingstochter das war Toska im Innerste» seines Herzens gewesen keinen Wert mehr für ihn.

Als die äußerliche Ruhe wieder eingetreten war und das häusliche Leben im allen Geleise weiterging, trat Marie-Luise eines Vormittags in ihres Vaters Zimmer. Von Schmerzen ge­plagt saß er auf seinem alten Platz neben dem Ofen. Im Zimmer schwebten blaue Rauchwol­ken. aber die lange Pfeife, die er am Morgen v.t rauchen pflegte, war angegangen und stand ''bei: :hm. Die Arme lagen auf den Seiten« des Stuhles, das Haupi in die Kiffen ritt'- leichz zur Seite gewendet, die müden

blauen Augen sahen trübe durchs Fenster auf den stillen Hof hinaus.

Lieber Papa," sagte Matte-Luise, nähettre- teud, leise mit der Hand über seine blaffen Wangen streichend,lieber Papa, würdest du wohl erlauben, daß ich mich auch wieder, und vielleicht noch etwas mehr um die Außenwirt­schaft bekümmere? Bernkow ist alt, da ist es doch ganz gut, wenn er sich eine jünger« Kraft heranbildet."

Sternenberg sah seine Tochter an.

Du bist ja schon eine ganz gute Landwir­tin. Mimia Mir ift8 recht. Ich kann nichts mehr leisten, nichts mehr nützen in der Welt und des Herrn Auge, so heißt ja wohl der gute Spruch. muß über die Felder und das Vieh gehen. wenn'S rechtes Gedeihen haben soll. Also nur zu. Kind.

Danke, Papa."

Sie küßte feine Hand.

Es ist eben alleS verkehrt gegangen in mei­nem Leben, Mimia. und bei euch scheint die Fortsetzung zu kommen. Hoffentlich schlägt die Sacke mit Sir ein."

Ungeduldig zog er die Schultern.

Verdammtes Gefühl, so auf eigenem Grund und Boden eigentlich bloß noch daS Gnaden­brot Fremder zu essen." Er ballte die Fäuste. 'Aber Papa so barfft du doch die Sache nicht auffassen."

Ja, fo fasse ick sie auf, und f o ist sie. Erst der Lump, der Geldern, und jetzt die Brumms. Warum muß man das erleben? Warum wird man nicht abgerufen?

Lieber Papa, es ist doch alles, um Glücks- husen. um uns allen unsere alte, liebe Scholle zu erhalten!"

Es ist nicht mehr unsere Scholle, Mimia. Von dem Augenblicke an, wo mit fremden Geld, so wie hier, die Karre in Gang gehalten wird, von dem Augenblick an isis nicht mehr die eigene Scholle, bist du nicht mehr eigener Herr. Für mick nicht mehr wenigstens. Ich be­neide die, die schlafen gegangen ist. Aber las­sen witts Marie-Luise, laffen Witts."

Nackdenflich gestimmt schritt Mimia über den

Hof und ließ sich die treueFortuna satteln, die nun wieder zu Ehren gekommen war. Tossis Stute sollte verkauft werden, obgleich der Tod ihrer Herrin nicht ihr Verschulden war, aber sie erinnerte an den Verlust, doch Tosst hatte sich versprechen lassen; nur in gute Hände. Bis diese gute Hand gefunden war, blieb sie im Stall, und der Reitknecht mußte sie bewegen.

In dem Forst sollte gehackt und gepflanzt werden, sie ritt am Forsthaus vor.Ihr Manu fei vor einer Stunde fort", sagte die Frau, da ritt Marie-Luise über die Blöße, die. mitten im Walde gelegen nun auch wieder anfing, junges Leben zu tragen. Der Wald lag ganz still, am Himmel versuchte die Sonne graue Wolken­schleier zu zerreißen, unter der Schicht vorjähri­gen, faulenden Laubes kamen schon grüne Spitz- lein hervor Anemonen, Leberblümcken. Wie­viel Freude ihr das sonst gemacht hatte jetzt was das vorbei, sie sah es kaum. Es war im­mer so vielerlei, waz ihr durch den Kops ging und nichts Frohes, garnichts!

Run halte sie die Arbeitsstelle erreicht, der alte Förster kam ihr entgegen. Matte-Luise stieg ab, einem Holzarbeiter wurde Fortuna über­geben, ihr Reitkleid leicht gerafft, schritt sie mit dem Beamten ins Revier. Eifrig besprach sie mit ihm die vorzunehmenden Arbeiten, bann entließ sie ihn und ritt nach Hause, die Land­straße entlang. Hier der Weg durch den Wald zur Lichtung wäre näher gewesen, aber ihr wars unmöglich gewesen. Hier lauschte ja hin­ter jedem Strauch die Erinnerung, und die große Bucke mockte sie überhaupt noch nicht Wieder­sehen. Dieser Weg! Wie oft war sie ihn ent­lang gegangen, wie ost war er ihn geritten zum Stelldichein unter der Buche. Glückliche Zeiten, die nie wiederkehren würden. Sie ritt die ein­same Landstraße hinunter, kein Mensch weit und breit. Leer ringsum, so leer wie ihr Herz! Aussichts- und hoffnungslos lag das Leben vor ihr. Eine geschiedene Frau! Lag darin nicht schon der dunkle Schatten, war und blieb das nicht der fragwürdige Punft ihrer Zukunft? Sie selbst und ihre nächsten Freunde standen ja nicht auf dem modernen Standpunkt.

daß eine geschiedene Frau von besonderem Nim­bus umgeben sei. FÄr sie bedeutete eine Ehe­scheidung etwas Ernstes, Trauriges, die Tra­gödie zweier Menschen. (Forffetzung folgt.)

Goldene Septembettage.

Hoffnung und Erfüllung. .

.Uni- eine Blonde müßt' es fein. Mit älugen, sanft wie Mondenschein Denn schlecht bekommen mit am Ende Die wild-brüneNen Sonnenbrände.

Wer fo fühlt, liebt den September." Ob man durch Muten ermattet oder durch Stürme und Regengüsse verstimmt und abgekühlt ist, immer wird man mit Sehnsucht und Hoffnung biefept stillen und reichen Monat entgegensehen. Weich einer reifen Frau weiß er sänstigend zu er­frischen, spendend zu beglücken. Sein« Tage sind kurz, wie das geben uns scheint, wenn es den Scheitelpunkt überschritten hat, aber sie sind klar und bieten uns Ausblicke wie wir sie auf der Höhe des Jahres nur feiten genossen. Seine Nächte sind kühl aber sie erquicken uns. daß wir die reine Sonne des Morgens umso bereiter zu empfangen vermögen.

Freilich, wie in den Haaren der gereiften Frau die ersten grauen Strähne, so können uns zwischen feinem Blattgrün die gilbenden Töne nicht mehr entgehen. Slller passen sie nicht zu ihm, da doch die fengenbe Sonne über die Erde gegangen ist? Paffen sie nickst zm ihm, der uns dank diefer Sonne so üppig zu beschenken weiß? Pflaumen und Birnen, Aepfel und Weintrau­ben gehören zu ihm, und mit reifer Süßigkeit laben sie den, dem der flüchtige Duft nicht mehr genügt.

Aber oleick den Frauen, deren späte Liebe die erste ist. scheint der September am schönsten, wenn die Sommerzeit enttäuscht bat. Dann ist die Erde noch N'cht so müde, da? Laub noch nickt so welk, lind auch di- Wetterkundigeii, belehren uns. daß dann die Aussichten auf eine Zeit be­ständigen, schönen Wetters am besten seien. Auf einen solchen September warten wir in diesem Jabr. Mit aoldenen Tagen kündigt er sick an, und wir hoffen, er wird uns nicht enttäuschen